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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Tess Gerritsen

Angst in deinen Augen

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Emma Luxx

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Cora Verlag GmbH & Co. KG,

Valentinskamp 24, 20350 Hamburg

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

Keeper Of The Bride

Copyright © 1996 by Tess Gerritsen

erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V., Amsterdam

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Sarah Sporer

Titelabbildung: Getty Images, München

ISBN (eBook, PDF) 978-3-86278-169-0
ISBN (eBook, EPUB) 978-3-86278-168-3

www.mira-taschenbuch.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net

Liebe Leser,

vor Jahren, als ich noch Ärztin im Praktikum war, überreichte mir ein Patient eine Plastiktüte und sagte: „Die habe ich ausgelesen. Vielleicht haben Sie Spaß daran.” In der Tüte befand sich ein Dutzend Liebesromane – ein Genre, das mir bis dahin völlig fremd war. Ich las ausschließlich Krimis und Science Fiction. Meine Arbeitswoche hatte achtzig Stunden, und mir blieb kaum Zeit, um zu essen und zu schlafen. Trotzdem konnte ich nicht widerstehen: Ich warf einen kurzen Blick in eines der Bücher und war sofort gefesselt. Innerhalb einer Woche hatte ich sie alle verschlungen.

Seit diesem Moment bin ich ein großer Fan dieses Genres.

Kein Wunder also, dass meine ersten acht Krimis zugleich Liebesromane sind: Bedrohung begegnet Verlangen, und nicht nur Leben, sondern auch Herzen sind in Gefahr! Neben den romantischen Verwicklungen aber sorgen psychologisch aufgebaute Plots mit unerwarteten Wendungen genau für den eiskalten Nervenkitzel, der meine späteren Thriller bekannt gemacht hat.

Tess Gerritsen

1. KAPITEL

Die Hochzeit war geplatzt. Abgeblasen. Nina Cormier, die im Nebenraum der Kirche vor dem Ankleidespiegel saß, schaute sich an und fragte sich, warum sie nicht weinen konnte. Sie wusste, dass der Schmerz da war, aber sie fühlte ihn nicht. Noch nicht. Sie konnte nur mit trockenen Augen dasitzen und ihr Spiegelbild anstarren. Die perfekte Braut. Ein hauchzarter Schleier umrahmte ihr Gesicht. Das mit Staubperlen besetzte Oberteil ihres elfenbeinfarbenen Satinkleids gab bezaubernd die Schultern frei. Ihr langes schwarzes Haar war im Nacken zu einem weichen Knoten zusammengefasst. Jeder, der sie heute Morgen hier im Ankleideraum gesehen hatte – ihre Mutter, ihre Schwester Wendy, ihre Stiefmutter Daniella –, hatte seiner Begeisterung darüber, was für eine wunderschöne Braut sie war, Ausdruck verliehen.

Und sie wäre es gewesen. Wenn nur der Bräutigam aufgetaucht wäre.

Er hatte es nicht einmal für nötig gehalten, es ihr persönlich zu sagen. Nach sechs Monaten, in denen sie geplant und geträumt hatte, hatte sie seine Nachricht knapp zwanzig Minuten vor Beginn der Trauung erhalten. Von seinem Trauzeugen.

Nina,

ich brauche noch Zeit, um nachzudenken. Es tut mir sehr Leid. Wirklich. Ich fahre für ein paar Tage weg. Ich rufe dich bald an.

Robert.

Sie zwang sich, das Schreiben noch einmal zu lesen.

Ich brauche Zeit … ich brauche Zeit …

Wie viel Zeit braucht ein Mann?, fragte sie sich und starrte regungslos auf den Zettel in ihrer Hand.

Vor einem Jahr war sie mit Robert Bledsoe zusammengezogen. Der einzige Weg, um herauszufinden, ob sie zusammenpassten oder nicht, hatte er gesagt, und sie hatte ihm geglaubt. Die Ehe war so eine große Verantwortung, eine dauernde Verantwortung, und er wollte keinen Fehler machen. Mit seinen 41 Jahren hatte Robert schon einige Katastrophenbeziehungen hinter sich, und er war wild entschlossen, nicht noch mehr Fehler zu machen. Er hatte sich absolut sicher sein wollen, dass Nina auch wirklich die Frau war, mit der er sein ganzes restliches Leben verbringen wollte.

Sie war sich sicher gewesen, dass Robert der Mann war, auf den sie ihr ganzes Leben gewartet hatte. So sicher, dass sie an jenem Tag, an dem er ihr vorgeschlagen hatte, zu ihm zu ziehen, sofort nach Hause gefahren war und ihre Sachen gepackt …

„Nina? Nina, mach auf!“ Ihre Schwester Wendy rüttelte an der Türklinke. „Bitte, lass mich rein.“

Nina ließ den Kopf in die Hände fallen. „Ich will jetzt niemand sehen.“

„Du brauchst aber jemand.“

„Lass mich, ich will einfach nur allein sein.“

„Schau, die Gäste sind schon alle weg. Ich bin die Einzige, die noch da ist.“

„Ich will aber mit niemand sprechen. Fahr jetzt einfach, okay? Bitte, geh.“

Vor der Tür blieb es lange still. Dann sagte Wendy: „Und wie willst du dann nach Hause kommen?“

„Ich rufe mir ein Taxi. Oder Reverend Sullivan fährt mich.“

„Du bist dir wirklich sicher, dass du nicht reden willst?“

„Ja. Ich ruf dich später an, okay?“

„Wenn du es wirklich willst.“ Wendy machte eine Pause, dann fügte sie mit einer Spur von Gehässigkeit, die man sogar durch die Tür hören konnte, hinzu: „Robert ist wirklich ein Armleuchter, weißt du. Das hätte ich dir gleich sagen können. Ich habe es immer gedacht.“

Nina antwortete nicht. Sie saß mit dem Kopf in den Händen zusammengesunken da und wollte weinen, aber sie konnte es nicht. Sie hörte, wie Wendys Schritte sich entfernten, dann wurde es still. Die Tränen weigerten sich immer noch zu kommen. Sie konnte jetzt nicht über Robert nachdenken und darüber, wie ihr Leben ohne ihn nach der abgesagten Hochzeit weitergehen sollte. Stattdessen schien ihr Gehirn eigensinnig darauf zu beharren, über die praktischen Auswirkungen einer geplatzten Hochzeit nachzudenken. Die für die Feier angemieteten Räume und all das Essen. Die Geschenke, die sie zurückgeben musste. Die Flugtickets nach St. John Islands, die man nicht zurückgeben konnte. Vielleicht sollte sie allein auf Hochzeitsreise gehen und Dr. Robert Bledsoe vergessen. Jawohl, sie würde allein fliegen, nur sie und ihr Bikini. Sie würde diese ganze jämmerliche Geschichte einfach hinter sich lassen und zumindest schön braun gebrannt zurückkommen. Wäre das nicht eine Alternative?

Sie hob langsam den Kopf und schaute auf ihr Spiegelbild. So eine schöne Braut war sie auch wieder nicht. Ihr Lippenstift war verschmiert, und ihr Knoten ging auf. Sie befand sich in einem Stadium der Auflösung.

In plötzlicher Wut riss sie sich den Schleier herunter. Haarnadeln spritzten in alle Himmelsrichtungen auseinander und gaben eine wilde schwarze Mähne frei. Zum Teufel mit dem Schleier! Sie feuerte ihn in den Papierkorb. Dann schnappte sie sich ihren Brautstrauß aus weißen Lilien und rosa Rosen und stopfte ihn ebenfalls in den Müll. Es war eine Erleichterung. Ihr Zorn rauschte ihr wie ein Brennstoff durch die Adern, der sie von ihrem Stuhl aufspringen ließ.

Sie verließ, ihre Schleppe hinter sich herziehend, den Raum und betrat das Mittelschiff.

Die Bankreihen waren leer. Die Gänge und der Altar waren mit Blumen geschmückt. Die Bühne war für eine Hochzeit bereitet, die nicht stattfinden würde. Doch Nina bemerkte die Früchte, die die harte Arbeit der Floristin getragen hatte, kaum, als sie zielstrebig den Mittelgang hinunterging. Ihre gesamte Aufmerksamkeit war auf das Portal gerichtet. Auf ihr Entkommen. Selbst die besorgte Stimme von Reverend Sullivan konnte sie nicht veranlassen, ihre Schritte zu verlangsamen. Sie ging an den blumigen Erinnerungen an das Fiasko des heutigen Tages vorbei durch die schweren Doppeltüren.

In der Mitte der Treppe blieb sie stehen. Die Julisonne blendete sie, und sie war sich mit plötzlicher Schärfe bewusst, wie sehr eine Frau allein in einem Brautkleid auffallen musste, die versuchte, sich ein Taxi heranzuwinken. Erst in diesem Moment, in dem sie im grellen Licht des Nachmittags gefangen war, spürte sie die Tränen kommen.

Oh nein, Gott, nein. Gleich würde sie hier mitten auf der Treppe zusammenbrechen und weinen. Und jeder, der auf der Forest Avenue vorbeifuhr, würde es sehen.

„Nina? Nina, Liebe.“

Sie drehte sich um. Reverend Sullivan stand ein paar Stufen über ihr und schaute sie mit einem Ausdruck von Besorgnis auf dem freundlichen Gesicht an.

„Kann ich irgendetwas für Sie tun?“, fragte er. „Wenn Sie möchten, können wir hineingehen und reden. Ich würde Ihnen gern helfen.“

Sie schüttelte unglücklich den Kopf. „Ich möchte nur weg von hier. Bitte, ich will einfach nur weg.“

„Aber natürlich.“ Er nahm sanft ihren Arm. „Ich fahre Sie nach Hause.“

Reverend Sullivan führte sie die Treppe nach unten und um die Kirche herum auf den Parkplatz. Nina griff nach ihrer Schleppe, die ganz schmutzig war, und stieg in seinen Wagen. Dort saß sie dann mit einem riesigen Satinknäuel auf dem Schoß da und starrte schweigend vor sich hin.

„Sie beide sind zweifellos die Versager des Jahres.“

Sam Navarro, Polizeidetective aus Portland, der dem offensichtlich aufgebrachten Norm Liddell gegenübersaß, zuckte mit keiner Wimper. Sie saßen zu fünft in einem Besprechungsraum der Polizeistation, und Sam dachte gar nicht daran, dieser Primadonna von Bezirksstaatsanwalt die Genugtuung zu verschaffen, dass er zusammenzuckte. Genauso wenig aber hatte er die Absicht, sich zu verteidigen, denn sie hatten es vermasselt. Er und Gillis hatten die Sache vermasselt, und jetzt war ein Polizist tot. Ein Idiot zwar, aber dennoch ein Polizist. Einer von ihnen.

„Wir müssen allerdings zu unserer Verteidigung sagen“, ergriff Sams Partner Gordon Gillis das Wort, „dass wir Marty Pickett keine Erlaubnis gegeben haben, das Gelände zu betreten. Wir wussten nicht, dass er hinter die Absperrung …“

„Sie hatten die Verantwortung“, unterbrach ihn Liddell.

„Halt, Moment mal“, widersprach Gillis. „Officer Pickett trifft auch ein Teil der Schuld.“

„Pickett war ein Grünschnabel.“

„Er hätte sich an die Vorschriften halten müssen. Wenn er …“

„Klappe, Gillis“, sagte Sam.

Gillis schaute seinen Partner an. „Sam, ich versuche nur, etwas richtig zu stellen.“

„Da wir offensichtlich als Sündenböcke herhalten sollen, hilft uns das rein gar nichts.“ Sam lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schaute Liddell über den Konferenztisch hinweg an. „Was fordern Sie, Herr Staatsanwalt? Eine öffentliche Tracht Prügel? Unsere Entlassung?“

„Kein Mensch fordert Ihre Entlassung“, gab Liddell zurück. „Aber wir haben einen toten Polizisten …“

„Glauben Sie, das weiß ich nicht?“, brauste jetzt Chief Coopersmith auf. „Schließlich bin ich es, der sich den Fragen der Witwe stellen muss. Ganz zu schweigen von diesen blutsaugenden Reportern. Kommen Sie mir nicht mit diesem Wir- und Uns-Mist, Herr Staatsanwalt. Es war einer von uns, der hier umgekommen ist. Ein Polizist. Kein Anwalt.“

Sam schaute seinen Vorgesetzten überrascht an. Coopersmith auf seiner Seite zu haben war eine neue Erfahrung. Der Abe Coopersmith, den er kannte, war normalerweise sehr sparsam mit Worten, und nur wenige davon waren schmeichelhaft. Jetzt legte er sich für sie ins Zeug, weil ihnen allen das, was Liddell sagte, gegen den Strich ging. Unter Beschuss hielt die Polizei zusammen.

„Kommen wir wieder zur Sache“, sagte Coopersmith. „Wir haben einen Bombenleger in der Stadt. Und unseren ersten Toten. Was wissen wir bis jetzt?“ Er schaute auf Sam, den Einsatzleiter der kürzlich wieder zusammengestellten Bombeneinsatztruppe. „Navarro?“

„Bis jetzt noch nicht sehr viel“, räumte Sam ein. Er öffnete eine Unterlagenmappe und nahm einen Stapel Blätter heraus. Er verteilte die Kopien unter den anderen vier Männern, die um den Tisch saßen – Liddell, Chief Coopersmith, Gillis und Ernie Takeda, der Sprengstoffexperte aus dem Labor des Bundesstaates Maine. „Die erste Explosion ereignete sich um 2:15 morgens. Die zweite um 2:30. Bei der zweiten Explosion ging die R.S.-Hancock-Lagerhalle hoch. Sie hat auch bei zwei angrenzenden Gebäuden geringfügigen Schaden angerichtet. Ein Wachmann hatte die Bombe zufällig entdeckt und alarmierte um 1:30 die Polizei. Gillis war um 1:50 dort, ich um 2:00. Wir hatten das Gelände gerade weiträumig abgesperrt und wollten uns eben an die Arbeit machen, als die erste Bombe hochging. Dann, fünfzehn Minuten später, noch ehe wir dazu kamen, das Gebäude zu durchsuchen, explodierte die zweite. Und tötete Officer Pickett.“ Sam schaute Liddell an, aber dieses Mal hielt sich der Staatsanwalt mit einem Kommentar zurück. „Es handelte sich um Dynamit.“

Eine Weile herrschte Schweigen. Dann fragte Coopersmith: „Aber es stammt nicht aus derselben Serie wie die beiden Bomben vom letzten Jahr?“

„Sehr wahrscheinlich doch“, gab Sam zurück. „Weil es der einzige große Dynamitdiebstahl war, den wir in den vergangenen Jahren hier zu verzeichnen haben.“

„Aber diese Bombenanschläge wurden aufgeklärt“, mischte sich Liddell ein. „Und wir wissen, dass Victor Spectre tot ist. Wer also hat diese Bomben hier gebastelt?“

„Vielleicht haben wir es ja mit jemandem zu tun, der bei Spectre in die Lehre gegangen ist. Jemand, der nicht nur die Technik des Meisters übernommen hat, sondern auch Zugang zu dessen Dynamitvorräten hat. Die wir, wenn ich daran erinnern darf, nie entdeckt haben.“

„Bis jetzt steht nicht fest, dass das Dynamit aus derselben Quelle stammt“, sagte Liddell. „Vielleicht gibt es ja gar keinen Zusammenhang mit den Spectre-Bomben.“

„Ich fürchte, dass unsere Beweise eine andere Sprache sprechen“, erwiderte Sam. „Und das wird Ihnen gar nicht gefallen.“ Er schaute Ernie Takeda an. „Du bist dran, Ernie.“

Takeda, der sich immer unbehaglich fühlte, wenn er vor Publikum reden musste, hielt den Laborbericht vor sich und führte in schmucklosen Worten seine Untersuchungsergebnisse aus. „Basierend auf dem Material, das wir am Tatort zusammengetragen haben, können wir eine vorläufige Vermutung über die Bauart der Bombe anstellen. Wir glauben, dass es sich um denselben Zeitzünder handelt, den Victor Spectre letztes Jahr benutzt hat. Es scheint dasselbe Schaltsystem zu sein, durch das das Dynamit entzündet wurde. Die Stäbe waren mit zwei Zoll breitem grünen Isolierband zusammengebunden.“

Liddell schaute auf Sam. „Dasselbe Schaltsystem, dieselbe Serie? Was, zum Teufel, geht hier vor?“

„Offensichtlich hat Victor Spectre vor seinem Tod ein paar seiner Kenntnisse weitergegeben“, sagte Gillis. „Jetzt haben wir es mit einer zweiten Generation von Bombenlegern zu tun.“

„Was uns jetzt noch fehlt, ist das psychologische Profil dieses Neueinsteigers“, sagte Sam. „Spectre hat aus reiner Geldgier gehandelt. Er hat sich kaufen lassen und seine Jobs kaltblütig erledigt. Bei diesem neuen Bombenleger müssen wir erst noch ein Motivationsmuster herausfiltern.“

„Heißt das, Sie gehen davon aus, dass er wieder zuschlägt?“, fragte Liddell.

Sam nickte müde. „Leider ja.“

Es klopfte an der Tür. Eine Polizistin steckte den Kopf durch den Türspalt. „Entschuldigen Sie, aber hier ist ein Anruf für Navarro und Gillis.“

„Ich gehe“, sagte Gillis. Er stand schwerfällig auf und trabte zum Telefon.

Liddell konzentrierte sich immer noch auf Sam. „Dann ist das also alles, womit Portlands Eliteeinheit aufwarten kann? Wir warten auf den nächsten Bombenanschlag, damit wir ein Motivationsmuster herausfiltern können? Und erst dann werden wir vielleicht, aber nur ganz vielleicht eine Idee bekommen, was, zum Teufel, wir tun können?“

„Ein Bombenanschlag ist eine feige Tat, Mr. Liddell“, erklärte Sam ruhig. „Es handelt sich um Gewalt in Abwesenheit des Täters. Ich wiederhole das Wort – Abwesenheit. Wir haben keinerlei wie auch immer gearteten Hinweise, keine Fingerabdrücke, keine Zeugen, keine …“

„He, Chief“, mischte sich Gillis ein. „Eben wurde ein weiterer Bombenanschlag gemeldet.“

„Was?“, ächzte Coopersmith.

Sam war bereits auf den Beinen und ging mit großen Schritten zur Tür.

„Was war es denn diesmal?“, fragte Liddell. „Wieder eine Lagerhalle?“

„Nein“, sagte Gillis. „Eine Kirche.“

Die Polizei hatte die Gegend bereits weiträumig abgesperrt, als Sam und Gillis bei der Good Shepherd Church ankamen. Auf der Straße hatte sich eine Menschenmenge versammelt. Drei Streifenwagen, zwei Feuerwehrautos und ein Krankenwagen parkten auf der Forest Avenue. Der Truck des Bombenentschärfungsteams stand vor dem Kirchenportal – oder dem, was davon noch übrig war. Die schwere Doppeltür aus Holz war aus den Angeln gerissen worden und lag jetzt auf der Treppe. Der Wind trieb Gesangbuchseiten wie tote Blätter auf dem Bürgersteig vor sich her. Gillis fluchte. „Mein lieber Scholli.“

Als sie sich dem Polizeiwagen näherten, drehte sich der Einsatzleiter mit einem Ausdruck von Erleichterung zu ihnen um. „Navarro! Freut mich, dass Sie es noch zu der Party geschafft haben!“

„Irgendwelche Verletzte?“, fragte Sam.

„Soweit wir wissen, nicht. Die Kirche war zum Zeitpunkt der Explosion leer. Reines Glück. Um zwei hätte eigentlich eine Hochzeit stattfinden sollen, aber sie wurde in letzter Minute abgeblasen.“

„Wessen Hochzeit?“

„Irgendein Arzt. Die Braut sitzt dort drüben in dem Streifenwagen. Sie und der Pfarrer haben die Explosion vom Parkplatz aus gesehen.“

„Ich rede später mit ihr“, sagte Sam. „Passen Sie auf, dass sie nicht verschwindet. Und der Pfarrer auch nicht. Ich gehe jetzt in die Kirche und überzeuge mich davon, dass es nicht noch irgendwo eine zweite Bombe gibt.“

„Besser Sie als ich.“

Nachdem er nichts gefunden hatte, kehrte Sam an den Rand der Absperrung zurück, wo Gillis wartete. Dort zog er sich die Schutzkleidung aus und sagte: „Alles klar. Ist die Spurensicherung schon eingetroffen?“

Gillis deutete auf sechs Männer, die neben dem Truck des Bombenentschärfungsteams warteten. Jeder von ihnen hielt eine Beweistüte in der Hand. „Sie warten nur auf das Okay.“

„Lass erst einmal die Fotografen rein. Der Krater ist vorn in der Mitte.“

„Dynamit?“

Sam nickte. „Falls ich meiner Nase trauen kann.“ Er drehte sich um und ließ seinen Blick über die neugierige Menge schweifen. „Ich rede jetzt mit den Zeugen. Wo ist der Pfarrer?“

„Sie haben ihn gerade in die Notaufnahme gebracht. Starke Schmerzen in der Brust. Die ganze Aufregung.“

Sam stöhnte auf. „Hat irgendwer mit ihm gesprochen?“

„Ein Streifenpolizist. Die Aussage ist protokolliert.“

„Gut“, sagte Sam. „Dann bleibt mir wohl jetzt nur noch die Braut.“

„Sie wartet im Streifenwagen. Ihr Name ist Nina Cormier.“

„Cormier. Alles klar.“ Sam duckte sich unter dem gelben Absperrband durch und bahnte sich seinen Weg durch die gaffende Menge. Die Frau in dem Streifenwagen bewegte sich nicht, als er näher kam, sondern starrte wie eine Schaufensterpuppe in einem Brautausstattungsgeschäft geradeaus vor sich hin. Er beugte sich vor und klopfte an die Scheibe.

Jetzt wandte sie den Kopf. Große dunkle Augen schauten ihn durch das Glas an. Trotz der verschmierten Wimperntusche war das sanft gerundete Gesicht unbestreitbar hübsch. Sam forderte sie mit einer Handbewegung auf, das Fenster herunterzulassen. Sie gehorchte.

„Miss Cormier? Ich bin Detective Sam Navarro.“

„Ich will nach Hause“, sagte sie. „Ich habe doch schon mit so vielen Polizisten gesprochen. Bitte, kann ich nicht einfach nur nach Hause?“

„Vorher muss ich Ihnen noch ein paar Fragen stellen.“

„Nur ein paar?“

„Na ja, besser gesagt, eine ganze Menge.“

Sie seufzte. Erst jetzt sah er die Müdigkeit in ihrem Gesicht. „Und wenn ich alle Ihre Fragen beantwortet habe, darf ich dann nach Hause, Officer?“

„Versprochen.“

„Und halten Sie Ihre Versprechen auch?“

Er nickte ernst. „Immer.“

Sie schaute auf ihre Hände, die gefaltet in ihrem Schoß lagen. „Aber ganz bestimmt“, murmelte sie. „Männer und ihre Versprechungen.“

„Wie bitte?“

„Oh, nichts.“

Er ging um das Auto herum, öffnete die Tür und rutschte hinters Steuer. Die Frau neben ihm sagte nichts; sie saß einfach nur in sich zusammengesunken da. Sie schien fast in diesem wogenden Meer aus weißem Satin zu ertrinken. Nicht nur die Wimperntusche, sondern auch ihr Lippenstift war verschmiert, und das lange schwarze Haar fiel ihr zerzaust über die Schultern. Nicht gerade eine glückstrahlende Braut, dachte er. Sie wirkte wie betäubt und sehr einsam.

Wo, zum Teufel, war der Bräutigam?

Er unterdrückte sein Mitgefühl, griff nach seinem Notizbuch und schlug eine leere Seite auf. „Können Sie mir bitte Ihren vollen Namen und Ihre Adresse nennen?“

Die Antwort war nicht mehr als ein Flüstern. „Nina Margaret Cormier, 318 Ocean View Drive.“

Er schrieb es auf. Dann schaute er sie an. Sie hielt den Blick immer noch gesenkt. „Schön, Miss Cormier“, sagte er. „Warum erzählen Sie mir nicht einfach, was passiert ist?“

Sie wollte nach Hause. Sie saß nun schon seit anderthalb Stunden in diesem Streifenwagen und hatte mit drei verschiedenen Polizisten gesprochen, hatte alle ihre Fragen beantwortet. Ihre Hochzeit war ein Scherbenhaufen, sie war nur knapp mit dem Leben davongekommen, und diese Leute auf der Straße gafften sie an, als ob sie einem Monstrositätenkabinett entsprungen wäre.

Und dieser Mann, dieser Polizist mit der Wärme eines Stockfischs, erwartete von ihr, das alles noch einmal durchzumachen?

„Miss Cormier“, seufzte er. „Je schneller wir es hinter uns bringen, desto schneller können Sie nach Hause. Was genau ist also passiert?“

„Sie ist hochgegangen“, sagte sie. „Kann ich jetzt gehen?“

„Was meinen Sie mit hochgegangen?“

„Da war ein lauter Knall. Riesige Rauchschwaden und zerborstene Fensterscheiben. Ich würde sagen, es war eine typische Gebäudeexplosion.“

„Sie haben Rauch erwähnt. Welche Farbe hatte der Rauch?“

„Was?“

„War er schwarz? Weiß?“

„Spielt das eine Rolle?“

„Beantworten Sie bitte einfach nur die Frage.“

Sie stieß einen verzweifelten Seufzer aus. „Er war weiß, glaube ich wenigstens.“

„Glauben Sie?“

„Also gut, ich bin sicher.“ Sie drehte sich zu ihm um. Zum ersten Mal schaute sie ihn richtig an. Wenn er gelächelt hätte, wenn da auch nur eine Spur von Wärme gewesen wäre, hätte es ein Vergnügen bedeutet, in dieses Gesicht zu schauen. Sie schätzte ihn auf Ende dreißig. Sein Haar, das wieder einmal einen Friseur brauchen konnte, war dunkelbraun, sein Gesicht schmal, die Zähne waren perfekt, und seine tief liegenden grünen Augen hatten den eindringlichen Blick eines Polizisten aus einem Romantikthriller. Nur dass dieser hier kein Polizist aus dem Kino war. Er war ein Polizist aus dem wahren Leben und kein bisschen charmant. Er musterte sie mit unbewegtem Gesichtsausdruck, als ob er versuche, ihre Glaubwürdigkeit als Zeugin einzuschätzen.

Sie erwiderte seinen Blick und dachte: Hier bin ich, die verschmähte Braut. Er fragt sich wahrscheinlich, was mit mir nicht stimmt. Was für schreckliche Mängel ich habe, dass man mich einfach vor dem Traualtar stehen lässt.

Sie vergrub ihre Fäuste in dem Berg aus weißem Satin, der sich auf ihrem Schoß türmte. „Ich bin mir sicher, dass der Rauch weiß war“, sagte sie fest. „Worin auch immer der Unterschied bestehen mag.“

„Es gibt einen Unterschied. Weißer Rauch bedeutet eine relative Abwesenheit von Karbon.“

„Aha. Ich verstehe.“ Was immer das ihm auch sagen mochte.

„Haben Sie Flammen gesehen?“

„Nein. Keine Flammen.“

„Haben Sie etwas gerochen?“

„Sie meinen Gas?“

„Irgendetwas?“

Sie überlegte. „Nicht, dass ich wüsste. Aber ich war ja auch außerhalb des Gebäudes.“

„Wo genau?“

„Reverend Sullivan und ich saßen im Auto. Auf dem Parkplatz hinter der Kirche. Deshalb hätte ich das Gas wahrscheinlich ohnehin nicht gerochen. Aber davon abgesehen ist Erdgas doch sowieso geruchlos, oder?“

„Es kann schwierig sein, es zu identifizieren.“

„Dann heißt es nichts. Dass ich es nicht gerochen habe.“

„Haben Sie vor der Explosion irgendjemand in der Nähe der Kirche gesehen?“

„Nein, nur Reverend Sullivan.“

„Was ist mit Fremden? Irgendjemand, den Sie nicht kannten?“

„Als es passierte, war niemand drin.“

„Ich rede über die Zeit vor der Explosion, Miss Cormier.“

„Davor?“

Sie starrte ihn an. Er starrte zurück, seine grünen Augen waren absolut ruhig. „Sie meinen … Sie denken …“

Er sagte nichts.

„Es war keine undichte Gasleitung?“, fragte sie leise.

„Nein“, gab er zurück. „Es war eine Bombe.“

Sie sank mit einem entsetzten Keuchen zurück. Es war kein Zufall, dachte sie. Es war überhaupt kein Zufall …

„Miss Cormier?“

Wortlos schaute sie ihn an. Irgendetwas an der Art, wie er sie anschaute, dieser unbewegte Blick, jagte ihr Angst ein.

„Es tut mir leid, dass ich Ihnen die nächste Frage stellen muss“, sagte er. „Aber Sie müssen verstehen, dass es etwas ist, das ich verfolgen muss.“

Sie schluckte. „Was … was für eine Frage?“

„Wissen Sie von jemandem, der Ihren Tod will?“

2. KAPITEL

Das ist verrückt“, sagte Nina. „Das ist Wahnsinn.“ „Ich muss dieser Möglichkeit nachgehen.“ „Was für einer Möglichkeit? Dass diese Bombe für mich bestimmt war?“

„Ihre Trauung war für zwei Uhr angesetzt. Die Bombe explodierte um 2:40. Sie war in der Nähe des Altars deponiert. Der Wucht der Explosion nach zu urteilen besteht kein Zweifel, dass Sie und Ihre sämtlichen Gäste getötet worden wären. Oder zumindest ernsthaft verletzt. Wir sprechen von einer Bombe, Miss Cormier. Nicht von einer undichten Gasleitung. Und auch nicht von einem Unfall. Eine Bombe. Sie war dafür bestimmt, jemanden zu töten. Was ich herausfinden muss, ist, wer das Ziel war.“

Sie sagte nichts. Dies alles war zu entsetzlich, um es sich auch nur auszumalen.

„Fangen wir mit Ihnen an“, sagte Sam.

Benommen schüttelte sie den Kopf. „Ich … ich war es nicht. Ich kann es nicht sein.“

„Warum nicht?“

„Es ist unmöglich.“

„Warum sind Sie sich so sicher?“

„Weil es niemand gibt, der mir den Tod wünscht!“