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der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Tess Gerritsen

Gefährliche Begierde

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Barbara Minden

GEFÄHRLICHE BEGIERDE

Als Richard Tremain, Chef der Tageszeitung „Island Herald“, ermordet wird, fällt der Verdacht sofort auf seine Geliebte Miranda. In ihrem Bett, mit ihrem Küchenmesser wurde die Bluttat begangen, und alles spricht für einen Mord aus Eifersucht. Miranda versucht, ihre Unschuld zu beweisen, doch gegen den mächtigen Clan der Tremains kommt sie nicht an. Auch Richards Halbbruder Chase hält sie anfangs für kaum mehr als ein berechnendes Flittchen. Allerdings weiß er auch um Richards Gier nach Macht und Geld, die ihm viele Feinde eingebracht hat. Je länger er Miranda beobachtet, desto unwahrscheinlicher erscheint ihm, dass sie eine Mörderin ist. Doch wenn nicht sie Richard erstochen hat – wer dann?

1. KAPITEL

Es war zehn Uhr, als er anrief. Wie immer. Noch bevor Miranda ans Telefon ging, wusste sie, dass er es war. Ebenso wie sie wusste, dass das Telefon, wenn sie es ignorierte, immer weiter läuten und sie wahnsinnig machen würde. Miranda lief nervös im Schlafzimmer auf und ab. Ich muss nicht drangehen, dachte sie. Ich muss nicht mit ihm reden. Ich schulde ihm nichts; verdammt noch mal, gar nichts.

Doch dann hörte das Klingeln plötzlich auf, und es war unerwartet still. Sie hielt den Atem an und hoffte, dass er dieses Mal nachgegeben, dieses Mal verstanden hatte, dass sie ernst meinte, was sie zu ihm gesagt hatte. Als das Telefon erneut zu läuten begann, schreckte sie zusammen. Mit jedem Klingelton kam es ihr so vor, als ob jemand ihre Nerven mit Sandpapier bearbeiten würde.

Miranda hielt es nicht länger aus. Doch schon, als sie den Hörer in die Hand nahm, wusste sie, dass es ein Fehler war. „Hallo?“

„Ich vermisse dich“, sagte er in dem vertrauten Flüsterton gemeinsam genossener Zweisamkeit.

„Ich will nicht, dass du mich noch einmal anrufst“, entgegnete sie.

„Ich kann nicht anders. Den ganzen Tag schon dachte ich an nichts anderes. Miranda, es war die Hölle ohne dich.“

Tränen schossen ihr in die Augen. Sie versuchte, sie zurückzuhalten, und holte einmal tief Luft.

„Können wir es nicht noch einmal probieren?“, bat er fast flehentlich.

„Nein, Richard.“

„Bitte. Diesmal wird alles anders.“

„Nichts wird sich ändern!“

„Doch, es wird.“

„Es war von Anfang an ein Fehler.“

„Du hebst mich immer noch. Ich weiß, dass du mich hebst. Mein Gott, Miranda, dir seit Wochen täglich zu begegnen, ohne dich berühren zu dürfen … Oder wenigstens einmal alleine mit dir sein zu können.“

„Das wirst du nicht mehr länger ertragen müssen, Richard. Du hast meine Kündigung. Ich meine es ernst.“

Als hatten ihre Worte die Wirkung nicht verfehlt, folgte eine lange Pause. Das gab Miranda eine gewisse Genugtuung. Gleichzeitig quälte sie das schlechte Gewissen, weil sie es gewagt hatte, sich zu befreien, endlich wieder sie selbst zu sein.

Da sagte er leise: „Ich habe es ihr gestanden.“

Miranda reagierte nicht.

„Hast du gehört?“, fragte er, „ich habe ihr alles über uns erzählt, und ich war schon bei meinem Anwalt. Ich habe die Bedingungen meines …“

„Richard“, unterbrach sie ihn leise, „es macht keinen Unterschied. Egal, ob verheiratet oder geschieden. Ich möchte dich nicht sehen.“

„Nur noch einmal.“

„Nein.“

„Ich komme vorbei. Jetzt gleich …“

„Nein!“

„Wir müssen uns sehen, Miranda!“

„Ich muss gar nichts“, schrie sie.

„Ich bin in fünfzehn Minuten da.“

Miranda starrte ungläubig auf das Telefon. Er hatte aufgelegt. Dieser verdammte Kerl hatte einfach aufgelegt, und in einer Viertelstunde würde er an ihre Tür klopfen. Dabei hatte sie in den vergangenen drei Wochen tapfer durchgehalten. Sie hatte es geschafft, Seite an Seite mit ihm zu arbeiten und dabei höflich zu lächeln und ihrer Stimme einen neutralen Tonfall zu verleihen. Und nun war er auf dem Weg zu ihr, würde ihre mühsam aufgebaute Fassade der Selbstbeherrschung einreißen und dann wären sie wieder am selben Punkt, trudelten in dieselbe gemeine Falle, aus der sie sich gerade befreit hatte. Sie rannte zum Schrank und zerrte einen Pullover heraus. Sie musste weg hier. Irgendwohin, wo er sie nicht finden konnte. Irgendwohin, wo sie alleine war. Sie floh durch die Haustür, die Verandatreppen hinunter und begann schnell und entschlossen, die Willow Street entlangzulaufen. Es war erst halb elf. Doch die Nachbarn hatten sich bereits in ihre Häuser zurückgezogen. Durch die Fenster, an denen sie vorbei ging, schimmerte Licht. Sie sah die Silhouetten häuslicher Idylle und das Flackern eines Kaminfeuers. Da stieg das altbekannte Gefühl des Neids in ihr hoch und die Sehnsucht, ein Teil dieser heilen Welt zu sein und in der Glut des eigenen Kaminfeuers zu stochern. Alberne Träumerei!

Fröstelnd verschränkte sie die Arme vor der Brust, dabei war es nicht einmal besonders kühl für diese Jahreszeit in Maine. Sie war wütend. Wütend, dass ihr kalt war, und wütend, weil sie sich hatte aus ihrem Haus vertreiben lassen. Wütend auf ihn. Dennoch eilte sie weiter. Bei der Bayview Street schlug sie den Weg nach rechts zum Meer ein. Nebel zog von der Bucht herein. Er verdeckte die Sterne und kroch in düsteren Schwaden die Straße entlang. Sie lenkte ihre Schritte geradewegs in die aufziehenden Nebelschleier. Von der Straße bog sie in einen Pfad ein, dem sie bis zu einer Reihe von Granitstufen folgte, die vom Nebel glitschig geworden waren. Am steinigen Strand am Ende der Stufen stand eine hölzerne Bank, die sie insgeheim als ihre betrachtete. Da setzte sie sich hin, zog die Beine an die Brust und starrte aufs Meer. Irgendwo in der Bucht erklangen die Töne einer Heulboje. Durch den Nebel konnte sie das schwache, grünliche Licht einer auf den Wellen tanzenden Fahrwassertonne ausmachen.

Inzwischen würde er ihr Haus wohl erreicht haben. Sie fragte sich, wie lange er an die Tür klopft, ob er so lange dagegen pochen würde, bis ihr Nachbar, Herr Lanzo, sich darüber beschwerte. Oder ob er aufgeben und nach Hause fahren würde; zu seiner Frau, seiner Tochter und seinem Sohn.

Sie lehnte sich mit dem Gesicht gegen die Knie und versuchte, das Bild der glücklichen, kleinen Tremain-Familie aus ihren Gedanken zu verbannen. Er hatte seine Ehe nicht als glücklich bezeichnet, eher als an der Grenze der Belastbarkeit. Doch es war die Liebe zu seinen Kindern, Phillip und Cassie, die ihn davon abgehalten hatte, sich schon Vorjahren von Evelyn zu trennen. Inzwischen waren die Zwillinge alt genug, um die Wahrheit über die Ehe ihrer Eltern zu verkraften. Nun war es die Sorge um seine Frau, die ihn daran hinderte, sich von Evelyn scheiden zu lassen. Sie brauche Zeit, sich an die Situation zu gewöhnen, und, wenn Miranda nur geduldig genug wäre, ihn nur genügend liebte, so wie er sie liebte, dann würde alles gut werden …

Oh, ja. Lief nicht alles wunderbar?

Miranda stieß ein Lachen aus. Sie hob den Kopf, sah aufs Meer hinaus und lachte noch einmal. Es klang nicht hysterisch, sondern erleichtert. Sie fühlte sich, als sei sie von einer langen Krankheit genesen, und stellte fest, dass ihr Verstand wieder scharf und klar war. Der Nebel tat gut auf ihrer Haut. Die kühle Berührung reinigte ihre Seele. Wie sehr sie diese Reinigung gebraucht hatte! Ihr schlechtes Gewissen hatte sich monatelang wie Schichten aus Dreck auf ihre Seele gelegt, bis sie ihr wirkliches Ich unter all dem Unrat kaum selbst mehr hatte erkennen können. Nun war es vorbei. Diesmal war es wirklich und wahrhaftig vorbei. Sie lächelte dem Meer zu. Meine Seele gehört wieder mir, dachte sie, von Ruhe und Gelassenheit durchströmt, einem Gefühl, das sie seit Monaten nicht mehr gespürt hatte. Sie erhob sich und machte sich auf den Heimweg.

Zwei Wohnblocks von ihrem Haus entfernt entdeckte sie den blauen Peugeot, der in der Nähe der Kreuzung Willow und Spring Street parkte. Er wartete also immer noch auf sie. Sie blieb bei dem Wagen stehen und blickte auf die ihr nur allzu bekannten schwarzen Lederpolster mit den Sitzbezügen aus Schaffell. Der Schauplatz des Verbrechens, dachte sie. Der erste Kuss. Ich habe schmerzhaft dafür büßen müssen. Jetzt ist er an der Reihe.

Miranda entfernte sich von dem Wagen und steuerte entschlossen auf ihr Haus zu. Sie stieg die Stufen der Verandatreppe hinauf und fand die Tür unverschlossen, so wie sie sie verlassen hatte. Drinnen brannten noch immer die Lichter. Er war nicht im Wohnzimmer.

„Richard?“, rief sie.

Keine Antwort.

Der Geruch frisch aufgesetzten Kaffees lockte sie in die Küche. Auf dem Herd stand ein Topf, und auf dem Küchenregal sah sie einen halb vollen Kaffeebecher. Eine der Türen des Küchenschranks stand offen. Sie knallte sie zu.

„Gut. Du bist also reingekommen und hast es dir gemütlich gemacht, was?“ Sie griff nach dem Becher und schüttete den Inhalt in die Spüle. Der Kaffee, der ihr dabei auf die Hand spritzte, war kaum noch lauwarm. Dann ging sie in die Diele, am Badezimmer vorbei, wo Licht brannte und ein Rinnsal Wasser aus dem Hahn lief. Sie drehte es ab.

„Du hast kein Recht, hier einfach reinzukommen!“, brüllte sie. „Das ist mein Haus. Ich könnte die Polizei rufen und dich wegen Hausfriedensbruch festnehmen lassen.“ Dann wandte sie sich dem Schlafzimmer zu. Noch bevor sie die Tür erreichte, wusste sie, was sie erwartete. Er würde ausgestreckt auf ihrem Bett liegen, nackt und mit einem Grinsen im Gesicht. So hatte er sie das letzte Mal begrüßt. Diesmal würde sie ihn hinauswerfen, ob mit Klamotten oder ohne. Diesmal würde sie ihn überraschen.

Im Schlafzimmer war es dunkel. Sie machte das Licht an. Er lag ausgestreckt auf ihrem Bett, wie sie es vorhergesehen hatte. Seine Arme waren ausgebreitet, seine Beine im Betttuch verheddert und er war nackt. Doch da lag kein Grinsen auf seinem Gesicht, nur der Ausdruck blanken Entsetzens. Sein Mund war zu einem lautlosen Schrei geformt, und die aufgerissen Augen starrten auf ein schreckliches Bild jenseits der Ewigkeit. Ein Zipfel des Lakens hing blutdurchtränkt an der Seite des Bettes herunter. Es war still, bis auf das stetige Tröpfeln der purpurroten Flüssigkeit, die sich langsam auf dem Boden sammelte. Miranda schaffte kaum mehr als zwei Schritte ins Schlafzimmer, als die Übelkeit sie übermannte. Sie fiel auf die Knie, schnappte nach Luft und würgte. Erst als es ihr wieder gelang, den Kopf zu lieben, entdeckte sie das Küchenmesser, das in der Nähe auf dem Boden lag. Sie brauchte nicht zweimal hinzusehen, um den Griff und die zwölf Zentimeter lange Stahlklinge zu erkennen. Sie wusste genau, woher es war. Es stammte aus dem Küchenschrank. Es war ihr Messer, und es würden ihre Fingerabdrücke darauf zu sehen sein. Und jetzt war es blutverschmiert.

Chase Tremain fuhr durch die Nacht in die Morgendämmerung hinein. Der Rhythmus der Straße unter den Rädern, das Schimmern des beleuchteten Armaturenbretts, das Radio, das leise, kratzende Melodien von Muzak spielte – all das verband sich in der Ferne zu etwas mehr als dem verschwommenen Hintergrund eines Traums, eines sehr schlechten Traums. Es gab nur eine Wahrheit, und das war die, die er ständig vor sich hin sagte, während er fuhr. Was er immer wieder in seinem Kopf wiederholte, während er den dunklen Highway hinunterraste.

Richard ist tot. Richard ist tot.

Er war bestürzt, sich diese Worte laut sagen zu hören. Lautstärke und Klang dieser in der Dunkelheit seines Wagens geäußerten Worte holten ihn kurzfristig aus seinem tranceähnlichen Zustand heraus. Er blickte auf die Uhr. Es war vier Uhr morgens. Er saß nun bereits seit vier Stunden in seinem Wagen. Die Grenze New Hampshire-Maine lag hinter ihm. Wie viele Stunden waren es noch? Wie viele Kilometer? Er fragte sich, ob es wohl kalt draußen war und ob man das Meer riechen konnte. Das Auto nahm den Sinnen jede Möglichkeit der Wahrnehmung. Es war zu einer verschlossenen Hölle aus grünen Lichtern und Fahrstuhlmusik geworden. Er schaltete das Radio aus.

Richard ist tot.

Er hatte diese Worte ständig im Ohr und spulte sie in Gedanken zurück bis zu der verschwommenen Erinnerung an den Anruf. Evelyn hatte sich nicht einmal damit aufgehalten, es ihm schonend beizubringen. Er hatte kaum begriffen, dass seine Schwägerin am Telefon war, als sie ihn auch schon mit der Nachricht konfrontierte. Ohne Vorrede und ohne Setzdich-erst-einmal-hin-Warnung. Nur die kalten Fakten, präsentiert in Evelyns gewohntem Flüsterton. „Richard ist tot“, sagte sie zu ihm, „ermordet worden. Von einer Frau …“

Und dann im nächsten Atemzug: Ich brauche dich, Chase. Diesen Teil der Nachricht hatte er nicht erwartet. Chase war der Außenseiter, der Tremain, den anzurufen man sich nicht die Mühe machte. Er war derjenige, der seine Sachen gepackt und der Stadt und Familie für immer verlassen hatte. Der Bruder mit der peinlichen Vergangenheit. Chase, der Ausgestoßene. Chase, das schwarze Schaf.

Chase, der Erschöpfte, dachte er, während er den Schlaf abwehrte, der seine Fäden wie eine Spinne um ihn spann. Er öffnete ein Fenster und inhalierte die kalte Luft, die von draußen hereinströmte, den Geruch von Pinien und Meer. Der Geruch von Maine, der ihm, wie nichts sonst auf der Welt, die Erinnerungen seiner Kindheit zurückbrachte, als er über die Felsen am Strand kletterte und bis zu den Knöcheln im Seegras stand. Frisch gesammelte Muscheln klapperten im Eimer gegeneinander. Das Geräusch des Nebelhorns. All das kam mit diesem Lufthauch zurück, dem Duft seiner Kindheit, gute Zeiten, die frühen Jahre, als er noch gedacht hatte, Richard sei der mutigste, cleverste und der allerbeste Bruder, den man nur haben konnte. Die Tage, bevor er Richards wahre Natur begriffen hatte.

Ermordet. Von einer Frau.

Der letzte Teil dieser Nachricht überraschte Chase nicht. Er fragte sich, wer sie war und was sie so zur Weißglut gebracht hatte, dass sie seinem Bruder ein Messer in die Brust gestoßen hatte. Oh, eigentlich war das leicht zu erraten. Eine unglückliche Liebesbeziehung. Das Verhältnis hatte sich getrübt. Eifersucht auf eine neue Geliebte. Die unvermeidliche Trennung. Gefolgt von der Wut, benutzt und betrogen worden zu sein. Eine Wut, die jegliche Logik, jeglichen Selbstschutz außer Kraft gesetzt hatte. Chase konnte sich das ganze Szenario vorstellen. Es fiel ihm sogar leicht, sich die Frau auszumalen, eine Frau wie alle anderen in Richards Leben. Sie war von einer natürlichen Attraktivität. Darauf hatte sein Bruder bestimmt geachtet. Doch da gab es sicher auch einen Haken an der Sache, etwas, das mit ihr nicht stimmte. Vielleicht war ihr Lachen zu laut oder ihr Lächeln zu künstlich oder die Fältchen um ihre Augen verrieten, dass es sich um eine Frau handelte, die kurz vor dem Verblühen war. Ja, er konnte sich ein klares Bild von ihr machen. Ein Bild, das gleichzeitig Mitleid und Ablehnung in ihm hervorrief. Und Wut. Egal, wie groß seine eigene Abneigung gegenüber Richard war, es änderte nichts daran, dass sie immerhin Brüder waren. Sie teilten dieselben Erinnerungen an Nachmittage im Meer, Spaziergänge an der Hafenmole, Streifzüge in der Nacht. Ihr letzter Streit war sehr heftig gewesen, aber Chase hatte immer im Hinterkopf behalten, dass sie ihn beilegen konnten. Da war noch Zeit dafür gewesen, die Dinge ins rechte Licht zu rücken, um wieder Freunde zu sein. Das hatte er gedacht, bis Evelyns Anruf kam. Sein Ärger wuchs und überflutete ihn wie die Springtide bei Vollmond. Eine verlorene Chance. Keine Möglichkeit mehr, ihm zu sagen: Ich mag dich. Nie wieder: Weißt du noch? Die Straße verschwamm vor seinen Augen. Er blinzelte und klammerte sich ans Lenkrad. So fuhr er weiter in den Morgen hinein.

Gegen zehn hatte er Bass Harbour erreicht. Um elf war er an Bord der Jenny B. Sein Gesicht im Wind, umklammerte er die Reling der Fähre. In der Ferne erschien Shephard’s Island als niedriger grüner Hügel im Nebel. Jenny B.’s Bug hob sich über den Wellenkamm, und Chase fühlte die ihm bekannte Übelkeit aus dem Magen aufsteigen und den bitteren Geschmack in seinem Mund. Seekrank wie immer, dachte er. In einer Familie von Seglern war Chase die Landratte, derjenige, der festen Boden unter den Füßen bevorzugte. Die Regattatrophäen gingen alle an Richard. Egal in welcher Bootsklasse, ob Katamaran oder Sloop, Richard gewann alles. Und das hier war das Gewässer, in dem er seine Fähigkeiten trainiert hatte, wenden, halsen, Segelwechsel, Befehle brüllen. Spinnaker hoch, Spinnaker runter. Für Chase war das alles ein Haufen Unsinn – und dann immer diese schreckliche Übelkeit …

Chase inhalierte eine ordentliche Brise salziger Meeresluft und bemerkte, wie sich sein Magen beruhigte, als Jenny B. an der Pier anlegte. Er kehrte zu seinem Wagen zurück und wartete, bis die Reihe an ihm war, seinen Wagen die Rampe hinunterzufahren. Es waren acht Wagen vor ihm dran. Jeder von ihnen mit einem Nummernschild von außerhalb. Halb Massachusetts schien im Sommer nach Norden unterwegs zu sein. Man konnte fast schon hören, wie Maine unter dem Gewicht dieser verdammten Karossen ächzte.

Der Fährmann winkte ihn heraus. Chase legte den Gang ein und fuhr über die Rampe auf Shephard’s Island.

Es begeisterte ihn, wie wenig sich der Ort in all den Jahren verändert hatte. Dieselben alten Gebäudefassaden mit Blick zur See: die Insel-Bäckerei, die Bank, Fitz Geralds Café, der Billige Jakob, Lappin’s Kaufhaus. Ein paar neue Namen tauchten an alten Plätzen auf. Der Vogue-Schönheitssalon hieß jetzt Gordon’s Buchhandlung. Country Antiquitäten und ein Immobilienbüro ersetzten den alten Haushaltswarenladen. Gott, welche Veränderungen der Tourismus doch mit sich brachte. Er bog um die Ecke und fuhr die Limmerick Street hinauf. Auf der linken Seite befand sich immer noch im selben geklinkerten Gebäude der Island Herald. Er fragte sich, ob sich im Inneren irgendetwas verändert hatte. Chase konnte sich noch gut an alles erinnern: die dekorative Blechdecke, die ramponierten Tische, die Porträts der Verleger an den Wänden; jeder von ihnen ein Tremain. Er sah alles genau vor sich, bis hin zur Remington-Schreibmaschine auf dem alten Schreibtisch seines Vaters. Natürlich war die Zeit der Remingtons lange vorbei. Jetzt gab es überall Computer, elegant, effizient und unpersönlich. So jedenfalls hatte Richard die Zeitung geleitet. Weg mit den alten Sachen und her mit den neuen.

Her mit dem nächsten Tremain.

Chase gab Gas und fuhr den Chestnut Hill hinauf. Nach einem halben Kilometer erreichte er den höchsten Punkt der Insel, von dem aus er das Anwesen der Tremains sehen konnte, das ihn wegen der viktorianischen ingwerplätzchenfarbenen Türmchen immer an eine monströse Hochzeitstorte erinnert hatte. Das Haus war inzwischen in einem edlen grauweiß gestrichen. Es wirkte nun dezenter und unauffälliger, wie eine verblasste Schönheit. Fast sehnte Chase sich nach dem alten Hochzeitstortengelb.

Er parkte seinen Wagen, nahm seinen Koffer aus dem Kofferraum und ging die Auffahrt hinauf. Noch bevor er die Verandatreppen erreicht hatte, wurde die Tür von innen geöffnet, und Evelyn eilte ihm entgegen.

„Chase!“, rief sie. „Oh, Chase, du bist da. Gott sei Dank, dass du da bist.“

Sie fiel ihm in die Arme. Er drückte sie automatisch an sich und fühlte ihren zitternden Körper und die Wärme ihres Atems an seinem Hals. Sollte sie sich ruhig so lange an ihn klammern, wie es ihr guttat.

Schließlich löste sie sich von ihm, um ihn anzusehen. Ihre leuchtenden grünen Augen waren noch immer bemerkenswert. Das schulterlange, honigblonde Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ihre Nase stach rot aus ihrem verquollenen Gesicht hervor. Sie hatte wohl versucht, sie mit Make-up abzudecken. An ihren Nasenflügeln klebten Reste eines pinkfarbenen Puders, und auf ihren Wangen hatte die Wimperntusche schmutzige Spuren hinterlassen. Er konnte es kaum fassen, dass das seine sonst immer so makellos zurecht gemachte Schwägerin sein sollte. War es denn möglich, dass sie wirklich in Trauer war?

„Ich wusste, dass du kommen würdest“, flüsterte sie.

„Ich bin gleich losgefahren, nachdem du angerufen hast.“

„Danke, Chase. Ich wusste nicht, an wen ich mich sonst hätte wenden sollen …“ Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete ihn. „Armer Kerl, du musst erschöpft sein. Komm rein, ich bringe dir einen Kaffee.“

Als sie die Eingangshalle betraten, war es, als ob er in seine Kindheit zurückgekehrt wäre, so wenig hatte sich verändert. Dieselben Eichenholzböden, dasselbe Licht, dieselben Gerüche. Er dachte fast, dass er, falls er sich umgedreht und durch die Tür ins Wohnzimmer hineingesehen hätte, seine Mutter konzentriert arbeitend an ihrem Schreibtisch erblickt hätte. Die alte Dame benutzte keine Schreibmaschine; sie hatte zu Recht geglaubt, dass, wenn eine Kolumne nur saftig genug war, der Verleger sie auch auf Suaheli akzeptiert hätte. Und dann kam heraus, dass der Verleger nicht nur ihre Kolumnen genommen hatte, sondern sie gleich mit dazu. Alles in allem war es eine sehr pragmatische Ehe. Und das Maschinenschreiben hatte seine Mutter nie gelernt.

„Hallo, Onkel Chase.“

Chase schaute auf und sah einen jungen Mann und eine junge Frau am oberen Ende der Treppe stehen. Das konnten unmöglich die Zwillinge sein! Erstaunt betrachtete er das Pärchen, das die Stufen hinunterkam. Phillip ging voran. Das letzte Mal, als er seinen Neffen und seine Nichte gesehen hatte, waren sie linkische Halbwüchsige gewesen, zu denen die großen Füße noch nicht so richtig passten. Jetzt waren beide groß, blond und schlank, aber da endete ihre Ähnlichkeit auch schon. Phillip bewegte sich mit der geschmeidigen Sicherheit eines Tänzers, ein eleganter Fred Astaire mit seiner Partnerin – wenngleich die junge Frau nichts von einer Ginger Rogers hatte. Die, die da hinter seinem Neffen herunterkam, hatte mehr Ähnlichkeit mit einem Pferd.

„Ich kann nicht glauben, dass das Cassie und Phillip sein sollen“, rief Chase.

„Du warst zu lange weg“, erwiderte Evelyn.

Phillip ging auf Chase zu und schüttelte ihm die Hand, distanziert, wie ein Fremder. Seine Hand war schmal und fein wie die eines Gentleman. Er besaß die aristokratische Prägung seiner Mutter – gerade Nase, fein gemeißelte Wangenknochen, grüne Augen. „Onkel Chase“, sagte er düster. „Das ist ein furchtbarer Anlass, nach Hause zurückzukommen, aber ich bin froh, dass du da bist.“

Chase heftete seinen Blick auf Cassie. Als er seine Nichte zum letzten Mal gesehen hatte, war sie ein lebhaftes kleines Äffchen mit einem schier unendlichen Vorrat an Fragen gewesen. Er konnte kaum glauben, dass sie zu dieser verdrießlichen jungen Frau herangewachsen war. Konnte die Trauer diese Veränderung verursacht haben? Ihr schlaffes Haar war so straff nach hinten gebunden, dass es schien, als ob ihr Gesicht aus einer Ansammlung hervorspringender Kanten bestand; einer großen Nase, Hasenzähnen und einer quadratischen Stirn, die sie nicht mal unter einem Pony versteckte. Nur in ihren Augen fanden sich noch Spuren der Zehnjährigen. Sie schauten ihn direkt an und zeigten ihre scharfe Intelligenz.

„Hallo, Onkel Chase“, begrüßte sie ihn in einem auffallend geschäftlichen Ton, der gar nicht zu einem Mädchen passte, das gerade seinen Vater verloren hatte.

„Cassie“, sagte Evelyn. „Kannst du deinem Onkel keinen Kuss geben? Er hat den ganzen Weg auf sich genommen, um bei uns zu sein.“

Cassie ging auf ihn zu und küsste ihn spitz und flüchtig auf die Wange, zog sich jedoch schnell wieder von ihm zurück, offenbar verlegen wegen dieser falschen Demonstration von Zuneigung.

„Du bist wirklich groß geworden“, meinte Chase, und das war das schmeichelhafteste Zugeständnis, was er ihr machen konnte.

„Ja, das soll Vorkommen.“

„Wie alt bist du jetzt?“

„Fast zwanzig.“

„Also geht ihr beide aufs College.“

Cassie nickte. Auf ihren Lippen lag das erste Anzeichen eines Lächelns.

„Ich bin an der Universität von Southern Maine und studiere Journalismus. Es kann sein, dass der Herald demnächst jemanden benötigen wird, der …“

„Phillip ist in Harvard“, unterbrach Evelyn sie. „So wie sein Vater.“

„Cassie, wo gehst du hin?“

„Ich muss meine Wäsche waschen.“

„Aber dein Onkel ist gerade erst angekommen. Komm zurück und setzt dich zu uns.“

„Warum denn, Mama?“, fauchte sie über die Schulter zurück. „Du kannst ihn wunderbar allein unterhalten.“

„Cassie!“

Das Mädchen drehte sich um und starrte sie verächtlich an. „Was?“

„Du verhältst dich unmöglich.“

„Das ist ja nichts Neues.“

Den Tränen nahe wandte Evelyn sich an Chase. „Siehst du, wie die Dinge stehen? Ich kann nicht einmal mit meinen eigenen Kindern rechnen. Chase, ich komme mit dem Ganzen nicht zurecht. Ich kann einfach nicht mehr …“ Sie unterdrückte ihr Schluchzen und verschwand im Wohnzimmer.

Die Zwillinge sahen sich an.

„Du hast es wieder einmal geschafft“, sagte Phillip. „Ein unpassender Zeitpunkt, um mit ihr zu streiten, Cassie. Tut sie dir denn gar nicht leid? Kannst du denn nicht einmal versuchen, mit ihr auszukommen? Wenigstens für die nächsten Tage?“

„Es ist ja nicht so, als würde ich mich nicht bemühen. Aber sie bringt mich auf die Palme.“

„Okay, aber arbeite wenigstens an deinem Ton.“ Er machte eine Pause, bevor er ergänzte: „Du weißt, dass Vater es so gewollt hätte.“

Cassie seufzte. Resigniert stieg sie die Stufen hinunter, um ihrer Mutter ins Wohnzimmer zu folgen. „Ja, das bin ich ihm wohl schuldig …“

Phillip schüttelte den Kopf, während er Chase ansah. „Das ist nur eine weitere Episode aus dem Leben der wundervollen Tremains.“

„Geht das schon länger so?“

„Seit Jahren. Die Vorstellung eben war typisch. Vielleicht denkst du, dass wir nach letzter Nacht… nach Vaters Tod zusammenhalten müssten. Aber stattdessen scheint es uns erst recht auseinanderzubringen.“

Sie gingen gemeinsam ins Wohnzimmer, wo sie Mutter und Tochter in den entgegengesetzten Enden des Sofas vorfanden. Beide Frauen schienen ihre Fassung zurückgewonnen zu haben. Phillip setzte sich zwischen sie und bestätigte so seine Rolle als menschliche Pufferzone. Chase nahm auf einem Sessel in der Ecke Platz, was seiner Vorstellung von einem neutralen Territorium schon eher entsprach.

Die Sonne schien von der Meerseite hell durchs Fenster auf den glänzenden Holzboden. Die Stille wurde nur durch das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims unterbrochen. Auch hier sieht alles noch genauso aus wie früher, dachte Chase. Dieselben Tischchen und dieselben Queen-Anne-Stühle. Es war genauso, wie er es aus seiner Kindheit erinnerte. Evelyn hatte nicht das Geringste verändert. Dafür war er ihr dankbar. Dann wagte er einen Vorstoß, um die angespannte Stille zu unterbrechen. „Ich bin auf meinem Weg durch die Stadt am Verlag vorbeigekommen“, sagte er. „Es hat sich nichts verändert.“

„Genauso wenig wie die Stadt“, erwiderte Phillip.

„Ja, alles so aufregend wie immer“, ergänzte seine Schwester sarkastisch.

„Gibt es schon Pläne für den Herald?“, fragte Chase.

„Phillip wird ihn nun übernehmen“, sagte Evelyn. „Es wird sowieso Zeit. Ich brauche ihn zu Hause, jetzt wo Richard …“ Sie schluckte und blickte zu Boden. „Er ist bereit für den Job.“

„Ich bin nicht sicher, Mama“, warf Phillip ein. „Ich bin erst im zweiten Semester, und da gibt’s auch noch ein paar andere Dinge, die ich gerne

„Dein Vater war zwanzig, als dein Großvater ihn zum Redakteur machte. Stimmt’s, Chase?“

Chase nickte.

„Also gibt es gar keinen Grund, weshalb du nicht gleich an die Spitze rücken könntest.“

Phillip zuckte mit den Achseln. „Jill Vickery macht ihre Sache doch gut.“

„Sie ist nur eine Angestellte, Phillip. Der Herald braucht einen echten Kapitän.“

Cassie beugte sich nach vorne, ihre Augen blitzten. „Es gibt auch noch andere, die den Job übernehmen könnten“, sagte sie. „Warum muss es ausgerechnet Phil sein?“

„Dein Vater wollte Phillip. Und Richard wusste immer, was für den Herald am besten war.“

In der Pause, die darauf entstand, war nur noch das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims zu hören.

Evelyn stieß einen kleinen Seufzer aus und stützte den Kopf in ihre Hände. „O Gott, es wirkt so kaltschnäuzig. Ich kann nicht glauben, dass wir darüber sprechen, wer seinen Platz einnehmen wird …“

„Früher oder später müssen wir sowieso darüber sprechen“, erklärte Cassie, „wir müssen über viele Dinge sprechen.“ Evelyn nickte und wandte ihren Blick ab.

Im Nebenzimmer läutete das Telefon.

„Ich geh ran“, sagte Phillip und verließ den Raum.

„Ich kann einfach nicht klar denken“, klagte Evelyn, während sie die Hände gegen ihre Schläfen presste. „Wenn doch nur mein Verstand wieder richtig arbeiten würde …“

„Es ist erst gestern passiert“, versuchte Chase sie zu beruhigen. „Es braucht Zeit, um diesen Schock zu überwinden.“

„Und dann muss ich auch noch an die Beerdigung denken. Sie wollten mir nicht einmal sagen, wann sie ihn …“ Sie zuckte zusammen. „Ich weiß nicht, weshalb das so lange dauert. Wieso müssen sie ihn überhaupt so gründlich untersuchen? Ich meine, können sie denn nicht auch so sehen, was passiert ist? Ist es denn nicht offensichtlich?“

„Das Offensichtliche entspricht nicht immer der Wahrheit“, sagte Cassie.

Evelyn blickte auf ihre Tochter. „Was soll das heißen?“

Da kam Phillip ins Wohnzimmer zurück. „Mama, das war Lome Tibbetts.“

Evelyn erhob sich unsicher. „Und?“

„Er will dich sehen.“

Sie erstarrte. „Jetzt sofort? Hat das nicht Zeit?“

„Du könntest es hinter dich bringen, Mama. Früher oder später wird er sowieso mit dir sprechen wollen.“

Evelyn sah sich hilfesuchend nach Chase um. „Ich kann das nicht alleine. Willst du nicht mitkommen?“

Chase hatte keine Ahnung, um was es hier ging, noch wusste er, wer Lome Tibbetts war. Zudem sehnte er sich ohnehin nur noch nach einer heißen Dusche und einem Bett, auf das er sich hätte legen können. Aber beides musste offenbar warten.

„Aber natürlich, Evelyn“, antwortete er, wobei er sich widerstrebend erhob und seine von der langen Fahrt von Greenwich steif gewordenen Beine schüttelte.

Evelyn griff bereits nach ihrer Handtasche. Sie holte die Autoschlüssel heraus und gab sie Chase. „I…Ich bin zu nervös zum Fahren. Würdest du …?“

Er nahm die Schlüssel. „Wo müssen wir hin?“

Evelyn setzte sich mit zittrigen Händen die Sonnenbrille auf, um ihre vom Weinen verquollenen Augen hinter den dunklen Gläsern zu verstecken. „Zur Polizei“, sagte sie.