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© 2000 by Tonya Wood
Originaltitel: „Lady with a Past“
erschienen bei: Silhouette Books, Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe TIFFANY
Band 936 - 2001 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg
Übersetzung: Eleni Nikolina

Umschlagsmotive: GettyImages_bernardbodo

Veröffentlicht im ePub Format in 10/2018 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733759483

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

Connor Garrett gab gern zu, dass er sich mit Begeisterung verwöhnte. Es lag ihm viel an leiblichen Genüssen, er erfreute sich an seinen zahlreichen Kreditkarten, deren Limit irgendwo in den Sternen lag, schickte seine Sachen, einschließlich seiner Unterwäsche, zur Reinigung und besaß prachtvolle Häuser an beiden Küsten. Allerdings konnte er sich nicht mit seiner Mikrowelle anfreunden, aber das machte kaum etwas aus, da seine Haushälterinnen – für jedes Haus je eine tüchtige grauhaarige Dame – sich die wenigen Male, da er wirklich einmal zu Hause aß, um das Kochen kümmerten. Mit Ausnahme seines Mikrowellenherds konnte er sich tatsächlich an nichts in der jüngsten Vergangenheit erinnern, was seine sorglose Existenz gestört hätte.

Bis jetzt.

Zuerst einmal hatte er seine fast ein Meter neunzig in einen sehr irritierenden Mietwagen zwängen müssen. Er war zu groß für das kleine Sportauto, das am Jackson Hole Airport so ansprechend ausgesehen hatte. Das ließ ihm nun keine andere Wahl, als mit offenem Sonnendach zu fahren, was das Problem ja wunderbar gelöst hätte – wenn es nicht zu regnen begonnen hätte. Sein dichtes goldblondes Haar war auf dem besten Weg, nicht nur feucht, sondern pitschnass zu werden.

Außerdem entdeckte er die ärgerliche Angewohnheit der Wildtiere in Wyoming, die Autobahn zu benutzen, als wäre sie ihr eigener Privatweg. Er hatte Elche und eine erschreckende Anzahl von Stinktieren gesehen, die lässig genau auf der Mittellinie dahinschlenderten. An so etwas war er nicht gewöhnt aus Los Angeles, und die einzigen wild lebenden Tiere, die sich in den New Yorker Straßen aufhielten, waren die Taxifahrer.

Aber seine schlechte Stimmung hatte weniger mit den Fahrbedingungen zu tun als mit einer gewissen Frau, die die Welt nur als „Glitter Baby“ kannte. Connor suchte nach ihr, und das bereits seit zehn Tagen. Sie wollte nicht gefunden werden, und bis jetzt machte sie das Rennen.

Er warf einen Blick auf das regenbesprenkelte Foto auf dem Beifahrersitz. Es war ein betörendes Bild, ein Schnappschuss von einer superschlanken Frau mit stark geschminkten veilchenblauen Augen und Kaskaden herrlichen blonden Haars. Ihre Haut war zart und hell, fast durchscheinend, und es war schwer zu sagen, wo sie endete und wo ihr hauchdünnes elfenbeinfarbenes Kleid begann. Ihre vollen Lippen schimmerten feucht, hatten einen sexy schmollenden Zug und wirkten wie für die Sünde gemacht. Eine Zeit lang war ihr Gesicht das berühmteste überall in den USA gewesen.

„Wo, zum Teufel, haben Sie sich versteckt, Lady?“, murmelte Connor vor sich hin. „Wie kann jemand mit einem solchen Gesicht spurlos vom Erdboden verschwinden?“

Er wandte seine Aufmerksamkeit gerade rechtzeitig wieder der Straße zu, um zu verhindern, dass das Leben eines dieser langsamen Stinktiere ein abruptes Ende fand. Connor hatte es satt, ständig unterwegs zu sein. Er hatte es satt, in Motels abzusteigen, die „Zum freundlichen Bob“ hießen. Und ganz besonders missfiel ihm, in winzigen Flugzeugen, die wie aus Silberpapier wirkten, über riesengroße Berge zu fliegen. Mittlerweile hatte er das ungute Gefühl, auf verlorenem Posten zu sein, aber er weigerte sich aufzugeben. Denn das würde bedeuten, dass er eine Niederlage zugab, und gerade in diesem speziellen Fall konnte er es sich nicht leisten zu versagen.

Das Handy in seiner Jackentasche piepte. Nur sein Assistent Morris Gold besaß diese Nummer.

„Ich höre, Morris. Hattest du Erfolg in Texas? Ich weiß, dass es ein großer Staat ist. Nein, ich will nicht stattdessen Alan Greenspan für die Show interviewen. Ich hab dir doch schon gesagt, dieses Interview ist für die Woche vor den Wahlen gedacht und muss etwas Besonderes sein. Seit zwei Jahren ist es niemandem gelungen, diese Frau zu finden. Es wäre ein Wahnsinnscoup, wenn ‚Private Eye‘ das schafft.“ Es folgte eine kurze Pause, nur unterbrochen vom Geräusch der Regentropfen, die auf die Ledersitze fielen.

„Nein, Morris, ich will dir das Leben nicht schwer machen. Ich habe einen verdammt guten Grund dafür, mich so ins Zeug zu legen, aber du brauchst ihn nicht zu kennen. Was soll das heißen, ich fange an, von ihr zu träumen? Nein, man kann sich nicht in ein Foto verlieben. Ich bin Experte in Sachen Liebe, ich kenn mich da aus. Du denkst nicht mehr klar, alter Junge. Ruf mich an, wenn du etwas herausbekommen hast, okay?“

Connor warf das Handy frustriert auf den Beifahrersitz. Seit über sechs Jahren war er ein sehr erfolgreicher Fernsehjournalist, aber noch nie hatte er sich einer so großen Herausforderung stellen müssen.

Glitter Baby hatte die launenhafte Modewelt acht Jahre lang dominiert. Bereits zu Beginn ihrer Karriere im zarten Alter von vierzehn Jahren hatte sie eine beeindruckende Mischung von Unschuld und Sinnlichkeit ausgestrahlt, die Frauen vor Neid erblassen und Männer um Luft ringen ließ. Als sie sich plötzlich vor zwei Jahren mit nur zweiundzwanzig von ihrem ungemein lukrativen Job zurückzog, gab sie nichts über ihre Zukunftspläne bekannt. Obwohl er sein Team in alle Richtungen ausgeschickt hatte, konnte er kaum Informationen darüber bekommen, wer diese Frau wirklich war, warum sie verschwunden war und wohin.

Sie wurde in Redfern in Wyoming als Frances Calhoon geboren. Ihr Vater hatte dort bis zu seinem Tod vor sechs Jahren eine Farm betrieben. Ihre Mutter war fortgezogen, aber keiner der Nachbarn in Redfern wusste, wohin. Ende der Geschichte. Connor hatte einen untrüglichen Sinn dafür, was das Publikum sehen wollte, und die wahren Gründe für das Verschwinden eines Topmodels boten die nötigen Zutaten für eine wirklich brisante Show. Ganz abgesehen davon, dass er ein Versprechen erfüllen musste.

Aber zuerst musste er sie finden.

Jeder Hinweis, den seine Leute bekamen, wurde verfolgt. Jemand gab vor, sie auf einer Gesundheitsfarm in Palm Beach gesehen zu haben. Ein anderer behauptete, sie habe siebzig Kilo zugenommen und wäre ins Kloster gegangen, während ein weiterer meinte, sie habe auf den Philippinen einen Tätowierungssalon eröffnet. Er selbst verfolgte gerade einen Anhaltspunkt, dem zufolge sie kürzlich auf einer Viehauktion in Wyoming gesehen worden war. Er blieb hartnäckig auf ihrer Spur, machte sich aber keine besonderen Hoffnungen. Rinder und Topmodels passten irgendwie nicht zusammen.

Wieder und wieder ertappte er sich dabei, dass er einen schnellen Blick auf ihr Foto warf. Die Kamera hatte sie geradezu göttlich festgehalten und machte offensichtlich, warum sie eine selbst für die Modewelt so erstaunliche Berühmtheit erlangt hatte. Im Gegensatz zu anderen Models, die meistens etwas langweilig Glattes hatten, blitzten in ihren Augen Feuer und Fantasie. Diese Mischung aus Fee und Sirene war ein machtvolles kommerzielles Aphrodisiakum.

Connor fragte sich, wie es sein mochte, sie in den Armen zu halten.

Nach einer unruhigen Nacht in einem kleinen Motel in Oakley, Wyoming, besuchte Connor, seiner Routine folgend, Cafés und Geschäfte, zeigte sein Foto von Frances Calhoon und hörte sich permanent die gleichen Antworten an. „Klar weiß ich, wer das ist. Aber hier in der Gegend hab ich sie noch nie gesehen.“ Wenn er zufällig mit einem Vertreter des männlichen Geschlechts über dreizehn sprach, folgte der Zusatz: „Ich wünscht, ich hätte.“

Da Connor selbst eine gewisse Berühmtheit besaß, trug er seine übliche Verkleidung, die aus Sonnenbrille und tief über sein goldblondes Haar gezogene Baseballmütze bestand. Unerkannt verfolgte er sein Ziel und bemerkte nicht die weiblichen Blicke, die seinem schlingernden, völlig ungezwungenen Gang folgten und die wehmütig auf seinen breiten Schultern und den gut sitzenden Jeans verweilten. Seit seiner Collegezeit als Footballstar hatten Frauen Connors gutes Aussehen entschieden zu schätzen gewusst. Als eine Knieverletzung seine vielversprechende Profikarriere zerstörte und ihn im Unklaren über seine Zukunft ließ, hatte er den Sprung ins kalte Wasser gewagt und ein Jobangebot seines Patenonkels Jacob Stephens angenommen. Jacob, der Boss eines Kabelfernsehsenders, hatte ihm versichert, dass er das Zeug dazu habe, Berühmtheiten und jeden anderen zu interviewen, der eine Schlagzeile wert war.

Connor entdeckte, dass der Job körperlich und geistig viel anspruchsloser war, als Football spielen. Worauf es im Grunde hinauslief, war, dass er mit schönen Frauen flirtete, mit egozentrischen Männern Erfahrungserlebnisse austauschte und jede Frage stellte, die ihm in den Sinn kam. Manchmal hatte er fast ein schlechtes Gewissen wegen seines großzügigen Honorars, da er sich dafür nie besonders anstrengte. Aber seine Vorgesetzten schienen außerordentlich zufrieden mit seiner Arbeit zu sein.

Um die Wahrheit zu sagen, er war erstaunt über seinen Erfolg. Schließlich wusste er, dass sein Aussehen und sein Stil nicht der Vorstellung entsprachen, die man von einem Fernsehjournalisten hatte. Andere Journalisten wirkten ernst und abgeklärt, er war eher jungenhaft lebendig. Andere waren perfekt gestylt, bevor sie auf Sendung gingen, er ließ keinen mit Puderquaste und Haarspraydose an sich heran. Dennoch erreichte „Public Eye“ mit ihm Spitzeneinschaltquoten, was er bescheiden dem sprichwörtlichen Glück der Iren zusprach.

Seine weiblichen Zuschauer waren eher der Meinung, dass sein leicht zerzaustes Haar, die aufregenden braunen Augen und sein lässiges Lächeln in so beliebt machten. Ihm persönlich gefiel das enorme Interesse an seinem Aussehen nicht, aber da er im Allgemeinen ein gutmütiger Mensch war und kein Aufsehen erregen wollte, kassierte er zweimal monatlich seinen Gehaltsscheck und wollte die Glückssträhne genießen, solange sie anhielt. Wenn er sich ab und zu langweilte, sagte er sich, dass wahrscheinlich alle Männer, die nicht beruflich Football spielen konnten, sich langweilten. Und dann betrachtete er noch seine Bankauszüge und fühlte sich gleich besser.

Doch der jetzige Auftrag war etwas Ungewöhnliches und keineswegs langweilig. Normalerweise hätte Connor sich damit begnügt, seine Mitarbeiter die Laufarbeit tun zu lassen. Aber die Zeit wurde knapp, und bisher hatte kein einziger Hinweis zu einem brauchbaren Ergebnis geführt. Damit war dieser Auftrag zu einer Herausforderung geworden, und der ehemalige Quarterback in ihm sehnte sich oft nach einer Herausforderung. Abgesehen davon schuldete er Jacob Stephens großen Dank, und er wollte ihm in der Woche vor den Wahlen die höchsten Einschaltquoten bringen. Sein Patenonkel hatte das und sehr viel mehr verdient.

Als Connor nun an einem Laden vorbeikam, der „Howdy-Do Farm & Feed“ hieß, verdrehte er die Augen und wäre fast weitergefahren. Aber dann erinnerte er sich an die Viehauktion, seufzte und zog seine Mütze tiefer in die Stirn. Höchstwahrscheinlich war das nur ein weiterer Schlag ins Wasser, denn seiner Erfahrung nach pflegten berühmte Models keine Viehfutterläden aufzusuchen, aber er wollte es zumindest nicht unversucht lassen.

Es war ein geschäftiger Tag im Howdy-Do, vermutlich wegen der Sonderangebote, die ein Schild vor der Tür verkündete. Die Kunden waren meist Männer mittleren Alters mit O-Beinen vom vielen Reiten und wettergegerbter Haut. Der Geruch nach Düngemitteln hing schwer in der Luft.

Connor nahm seine Sonnenbrille ab, holte Glitter Babys Foto hervor und ging auf den jungen Angestellten an der Kasse zu. „Tut mir leid, Sie zu unterbrechen“, sagte er mit einem Lächeln, „aber ich suche jemanden. Haben Sie diese Frau in der Stadt schon mal gesehen?“

„Die such ich auch.“ Der Junge riss ehrfürchtig die Augen auf. „Mein ganzes Leben lang. Verdammt, warum kann nicht mal so eine in unser Geschäft kommen, das will ich echt mal wissen. Mann, hier gibt’s immer nur dieselben Mädchen. Die, mit denen man zur Schule gegangen ist, die man in der Kirche sieht …“

„Klingt wirklich gemein“, unterbrach Connor ihn und fuhr sich müde mit der Hand über die Augen. „Also nehme ich an, dass Sie sie nicht gesehen haben?“

„Glauben Sie mir“, sagte der Junge ernsthaft, „ich wüsste es bestimmt, wenn sie jemals in Oakley gewesen wäre. Sie ist doch dieses Model, nicht? Spice Baby oder so.“

„Glitter Baby“, verbesserte Connor und zog das Foto aus den klammernden Fingern des Jungen. „Trotzdem, danke.“

„Wenn Sie wollen, könnte ich ihr Foto behalten und die Leute fragen …“

„Das ist nicht nötig. Wissen Sie, welche Straße ich nach Riverside nehmen muss?“

„Highway 33 nach Osten“, erwiderte der Junge ziemlich niedergeschlagen.

Connor drehte sich um und stieß mit jemandem zusammen, der gerade hereingekommen war. Die abrupte Berührung gab ihm sehr interessante Informationen. Volle Brüste, insgesamt sehr weiblich. Das Glück der Iren schlägt wieder zu, dachte er.

„Entschuldigung“, sagte die Frau und bückte sich, um den Cowboyhut aufzuheben, der ihr heruntergefallen war. Sie trug Jeans, Jeanshemd und staubige Stiefel, offenbar die offizielle Uniform hier in Wyoming. Ihr glänzendes kastanienbraunes Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden, und ihre Augen wurden von einem Pony beschattet.

Er fand ihr breites Lächeln erfrischend und wirklich bezaubernd. Ihre Figur war verführerisch, selbst das weite Arbeitshemd konnte die weiblichen Rundungen nicht verbergen. Kein Wunder, dass Farmerstöchter den Ruf hatten, auf eine frische, unverdorbene Art sehr anziehend zu sein.

Connor lächelte und schüttelte den Kopf. „Nein, es war allein meine Schuld. Sind Sie okay?“

Sie lachte mit tiefer, kehliger Stimme und setzte sich entschlossen den Cowboyhut auf. „Keine Angst, ich bin robust und werde es überleben.“

„Nun, da ich gerade Ihre Aufmerksamkeit habe …“ Er hielt ihr sein Foto hin. „Ich suche nach dieser Frau. Erinnern Sie sich, sie hier einmal gesehen zu haben?“

„Sie ist berühmt, Maxie“, warf der Junge ein, der ihrem Gespräch schamlos gelauscht hatte. „Das Model, das vor ein, zwei Jahren verschwunden ist.“

Die Frau betrachtete das Foto einige Sekunden, kratzte sich dann die sonnengebräunte Nase und zuckte die Achseln. „Tut mir leid, aber da kann ich Ihnen nicht helfen. Glauben Sie mir“, fügte sie in dem leicht näselnden Tonfall dieser Gegend hinzu, „so eine wie sie würde in dieser Stadt nicht lange unentdeckt bleiben. Robby, ich brauche drei Säcke Dünger. Schreib’s auf. Ich fahre mit dem Lieferwagen inzwischen nach hinten, um dort aufzuladen.“

Connor berührte ihren Ellbogen, als sie sich abwenden wollte. „Sind Sie sicher? Jemand glaubte, sie vergangenen Monat auf einer der hiesigen Viehauktionen gesehen zu haben.“

„Alle gehen zur Auktion“, erwiderte sie. „Ich war auch dort und habe keine berühmten Gesichter in der Menge erblickt. Ich glaube nicht, dass Sie sich da Hoffnungen machen können, aber dennoch viel Glück. Ich sehe dich dann hinten, Robby.“

Einen Moment lang stand Connor mit hängenden Schultern da. Er war müde, und er war sehr enttäuscht. Bedrückt ging er aus dem Laden. Es sah wieder nach Regen aus, und der Wind nahm immer mehr zu. Ein verstaubter weißer Lieferwagen fuhr gerade vom Platz. Der Kies flog unter den Reifen hoch. Die Brünette namens Maxie, dachte Connor abwesend, ist offenbar in Eile. Sie freute sich wohl darauf, den Dünger nach Hause zu bringen und dann das zu tun, was Landleute mit Dünger eben so anfingen.

Aber …

Connor spürte ein seltsames Kribbeln, das von seinen Zehen bis zum Kopf lief. Eine plötzliche Erkenntnis brachte sein Herz zum Rasen. Maxie war ja gar nicht hinter das Geschäft gefahren, um den Dünger aufzuladen. Sie war weggefahren, als ob der Teufel persönlich hinter ihr her wäre.

Weil sich alles um ihn herum zu drehen anfing, setzte Connor sich rasch auf die Stufen vor den Laden. Benommen holte er Glitter Babys Foto aus der Jackentasche und starrte es in finsterer Konzentration an. Das Kinn war ein weniger kantiger als bei Maxie, aber doch ähnlich. Sie hatten beide die gleiche Größe. Frances Calhoon war blond und Maxie brünett, aber das bedeutete nichts. Die sinnliche Kindfrau auf dem Foto schien nur knapp fünfzig Kilo zu wiegen, und Maxie hatte eher die Figur einer reifen Frau. Und dennoch …

Connor erinnerte sich an etwas anderes – etwas, das nur sein Unterbewusstsein registriert hatte. Er hatte einen kurzen Blick in Maxies Augen werfen können, bevor sie sich den Hut aufgesetzt hatte. Und sein Unterbewusstsein hatte eine ungewöhnliche Farbe bemerkt. Nicht braun, nicht grün …

Blau. Veilchenblau.

Glitter Babys Kennzeichen – ergreifende veilchenblaue Augen, die selbst den übersättigsten Kenner hinrissen.

Er hatte sich Hunderte von Fotos angesehen und stundenlang Videos angeschaut. Er kannte ihre Augen besser als seine eigenen, und er war ebenso wenig immun gegen ihre einmalige Ausstrahlung wie jeder Mann. Ein Blick aus diesen Augen, und die Welt hörte auf, sich zu drehen.

Maxie hatte solche Augen.

„Ich fass es nicht“, flüsterte Connor, und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.

Erwischt.

Das Wichtigste war jetzt, nicht in Panik zu geraten. Sie geriet trotzdem in Panik. Frances Maxine Calhoon lief von einem Ende ihrer Veranda zum anderen und wieder zurück. Ihr Hund Boo, ein riesiger Labrador, der ein Nickerchen jeder körperlichen Anstrengung vorzog, trottete treu hinter ihr her und stieß ab und zu ein mitfühlendes Jaulen aus. Boo hatte sein Frauchen noch nie in einem Zustand so großer Aufregung gesehen. Seit zwei Jahren war ihr Leben ruhig und angenehm. Es war eine wundervolle, heilende und therapeutische Zeit, und Maxie hatte Angst, dass die nun vorbei sein könnte.

Die kleine abgelegene Farm in Wyoming war zu ihrer Zuflucht geworden, und Maxie wusste ohne den geringsten Zweifel, dass ihr das das Leben gerettet hatte. Vor zwei Jahren hatte sie achtundvierzig Kilo gewogen, ununterbrochen geraucht und jede Nacht nur höchstens zwei Stunden Schlaf gefunden. Sie litt damals unter schrecklichen Kopfschmerzen, ihre Hände hatten gezittert, und sie hatte manchmal mehrere Tage hintereinander nichts gegessen. Ihr Agent hatte sie zu einer Reihe von Ärzten geschickt, die ihr Schlaftabletten, Beruhigungsmittel und Antidepressiva verschrieben. Ihr Trainer riet ihr zu Aromatherapie und Nikotinpflastern. Ihre Freunde liehen sich Kleider und Geld von ihr und achteten immer darauf, in ihrer Nähe zu sein, wenn die Reporter der Sensationspresse schon wieder ein Bild von ihr schossen.

Nach acht Jahren im Scheinwerferlicht hatte sie sich vollkommen ausgebrannt gefühlt und gespürt, dass sie kurz davor war, endgültig zusammenzubrechen. Doch niemand schien das zu merken oder sich dafür zu interessieren. Es war fast schon zu spät, als sie feststellte, dass das Geschöpf, das als Glitter Baby bekannt war, zuerst einmal ein Sprungbrett für die Ambitionen anderer war. Wenn sie überleben wollte, musste sie sich in Sicherheit bringen.

Damals war sie zweiundzwanzig gewesen.

Zu der Zeit hatte ihre verwitwete Mutter in Oakley, einer kleinen, unbedeutenden Stadt in Wyoming, neu angefangen und dort ein Antiquitätengeschäft eröffnet. Oakley war der perfekte Ort für ein Topmodel auf der Flucht vor Publicity, um wieder atmen, schlafen und hoffen zu lernen. Unverzüglich hatte sie ihre Ersparnisse dazu genutzt, sich aus ihren Verträgen freizukaufen und war gegangen. Sie hatte ihren zweiten Vornamen angenommen und wurde zu Maxie Calhoon. Seitdem ging es ihr immer besser.

Bis heute.

Maxie hatte Connor Garrett erst erkannt, als er sie direkt ansprach, und in dem Moment hatte sie gewusst, sogar noch bevor er ihr das Foto von Glitter Baby gezeigt hatte, dass das Spiel aus war. Dieser Mann kam aus der Welt, in der sie früher gelebt hatte und deren Regeln ihn nur zu bekannt waren. Wenn er einen Vorteil daraus ziehen konnte, ihren Aufenthaltsort publik zu machen, würde er es tun.

Ihr wurde das Keuchen und Pfeifen des armen Boo bewusst, und sie hielt damit inne, hektisch auf und ab zu rennen. Der liebe Hund. Er hatte ja keine Ahnung, dass ihre Welt zusammengestürzt war. Er wusste nur, dass er sein Morgennickerchen unterbrochen hatte und sein Frauchen plötzlich verrückt geworden war.

Maxie setzte sich auf die Verandaschaukel und kraulte Boo unterm Kinn, bis ihm die großen braunen Augen zufielen. „So ist es richtig, Süßer“, flüsterte sie. „Schlaf ein und träum von dicken, fetten Kätzchen.“

Boo war asthmatisch, übergewichtig und unheilbar faul, aber er war ihr erster wahrer Freund. Ihm hatte sie all ihre Fehler aus der Vergangenheit anvertraut, und gemeinsam hatten sie ihre kleinen Erfolge gefeiert, zum Beispiel, dass sie gelernt hatte zu essen, ohne sich deswegen schuldig zu fühlen. Boo war ein sehr guter Zuhörer und die beste Gesellschaft, besonders wenn sie ihre geliebten Spaghetti mit ihm teilte. Er wusste es nicht, und es interessierte ihn auch nicht, wer sie in ihrem früheren Leben gewesen war.

Lieber Gott, sie wollte das alles jetzt nicht wieder verlieren. Doch Connor Garrett konnte ihrem friedvollen Exil leicht ein Ende bereiten. Maxie war nicht sicher, ob sie ihn mit ihrer gespielten Gleichgültigkeit getäuscht hatte. Sie hatte etwas in seinen dunklen Augen gesehen, eine brennende Intensität, die ganz im Gegensatz zu seiner jungenhaften Baseballmütze und dem lässigen L.A.-Lakers-Sweatshirt stand. Früher oder später würde er eins und eins zusammenzählen. Für sie würde das der Anfang vom Ende sein.

Maxie schaute über ihre sonnenüberflutete Wiese, und ihr Blick verschleierte sich, als sie ihre neueste Errungenschaft, eine Herde von Holsteinern, gemächlich den üppigen Löwenzahn kauen sah. Glitter Baby, der verwöhnte Liebling der Haute Couture, züchtete Kühe. Sie fütterte sie, melkte sie und las dicke Bücher über sie. Zugegeben, ihre neue Arbeit gehörte in eine niedrigere Steuerklasse als früher, und zwar in eine bedeutend niedrigere, aber glücklicherweise würde ihr Unternehmen nun hoffentlich bald die dringend benötigte Finanzspritze bekommen. Sie war zur Bank gegangen und hatte einige Papiere für ein Darlehen ausgefüllt, das sie durch den nächsten Winter bringen würde. Wenn sie das Darlehen bekam, war sie aus dem Schneider.

Aber sollte Glitter Babys neueste Beschäftigung an den Tag kommen, würden die Klatschblätter sich die Hände reiben. Zum ersten Mal seit langer Zeit machte Maxie sich Sorgen darüber, was die Leute von ihr denken würden.

Das kann sie unmöglich sein!

Hast du gesehen, wie ihr Haar aussieht?

Und wie viel sie zugenommen hat – sie sieht fast schon so aus wie die Kühe, die sie züchtet …

Die Fantasie ging mit ihr durch. Maxie schloss die Augen und holte tief Luft. Was andere Menschen von ihr hielten, sollte ihr nicht mehr wichtig sein. Es war weder lebensnotwendig für ihr Privatleben noch für ihre Arbeit. Jetzt tat Maxie Calhoon schon eine ganze Weile das, was sie wollte, und dadurch entwickelte sie endlich Selbstvertrauen. Außerdem konnte es ja auch sehr gut sein, dass Connor Garrett gar keine Ahnung hatte, wer sie war, und nicht einmal im Traum daran dachte, Glitter Baby mit der Maxie im Viehfuttergeschäft in Verbindung zu bringen. Die beiden Frauen hatten ja auch nicht das Geringste gemeinsam – obwohl es ein und dieselbe Frau war.

Was für ein Durcheinander, dachte Maxie und rieb sich die schmerzenden Schläfen. Sie konnte nur das Beste hoffen. Vielleicht würde sie eines Tages an diesen Tag denken und über ihre Angst lachen. Und vielleicht würden ihre Kühe eines Tages Flügel bekommen.

Auf jeden Fall wollte sie jetzt hineingehen, sich einen schönen Teller Spaghetti kochen und mit Appetit essen. Dann musste einiges erledigt werden. Der Rasen musste gemäht und der Gemüsegarten gedüngt werden und …

Verflixt, sie hatte ja gar keinen Dünger gekauft!

Für einen Mann, dem sie eigentlich nie richtig begegnet war, gelang es Connor Garrett nicht schlecht, ihr den Tag zu verderben.

2. KAPITEL

Ob es die falsche Adresse war?