Die Drei Fragezeichen
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Stimmen aus dem Nichts

erzählt von André Minninger

Kosmos

Umschlagillustration von Aiga Rasch (9. Juli 1941 – 24. Dezember 2009)

Umschlaggestaltung von eStudio Calamar, Girona, auf der Grundlage
der Gestaltung von Aiga Rasch (9. Juli 1941 – 24. Dezember 2009)

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© 1997, 2011, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Mit freundlicher Genehmigung der Universität Michigan

Based on characters by Robert Arthur.

ISBN 978-3-440-12870-1

Satz: DOPPELPUNKT, Stuttgart

eBook-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Stimme aus dem Nichts

Der Schrei klang nach purer Angst. Die WC-Tür wurde aufgerissen und eine ältere Dame stürzte mit schreckensbleichem Gesicht in die Arztpraxis. Dort prallte sie mit Justus zusammen. Er fing sie förmlich auf, denn um ein Haar hätte sie das Gleichgewicht verloren. Noch bevor Justus überlegen konnte, wie er die Situation in den Griff kriegen könnte, kam die Sprechstundenhilfe hinter ihrem Tresen herbeigeeilt und fasste der nach Luft japsenden Frau mit geübten Händen unter die Arme.

»Kommen Sie, Mrs Holligan! Bleiben Sie ganz ruhig. Es ist alles in Ordnung.« Die Worte aus dem Mund der Sprechstundenhilfe klangen emotionslos. Als interessierte es sie gar nicht, weshalb die alte Dame derart aufgebracht war. Ihr schien nur wichtig zu sein, dass keine Unruhe im Wartebereich vor ihrem Tresen entstand. Dort saßen die Patienten dicht gedrängt auf unbequemen Stühlen und nahmen neugierig, jedoch wortlos Anteil am Geschehen.

»Sie… sie… war es wirklich!« Die alte Dame zitterte am ganzen Leib. Angstschweiß hatte sich auf ihrer Stirn gebildet.

Die Sprechstundenhilfe, Schwester Petersen, führte sie zu einem Stuhl. Mrs Holligan weigerte sich jedoch, sich zu setzen. »Die Stimme… ich habe sie ganz deutlich gehört. Meine Schwester… Sie hat zu mir gesprochen.«

»Wo? Auf dem Klo?« Die Frage klang so ironisch, dass einige der Patienten im Wartezimmer anfingen zu grinsen oder verschämt auf den Fußboden starrten.

Justus versuchte jede Einzelheit zu erfassen, die zwischen der Sprechstundenhilfe und Mrs Holligan ausgetauscht wurde. »Behandeln Sie mich nicht so, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank! Ich weiß genau, was ich gehört habe! Meine Schwester –« Bevor sie den Satz jedoch zu Ende sprechen konnte, musste sie noch einmal kräftig schlucken. »Sie hat… sie hat zu mir gesprochen.« Mrs Holligans Lippen begannen unkontrolliert zu zittern und ihre Augen blickten Hilfe suchend in die Runde der wartenden Patienten, von denen die meisten jetzt jedoch peinlich berührt ihre Nasen in die ausliegenden Zeitschriften steckten.

Mrs Holligans Augen füllten sich mit Tränen. Justus lief ein kalter Schauer über den Rücken. Er konnte nachempfinden, wie sich jemand fühlen musste, der von niemandem ernstgenommen wird.

Mrs Petersen wusste sich jetzt nicht mehr recht zu helfen. Sie eilte mit schnellen Schritten hinter den Anmeldetresen und drückte auf einen Knopf der Sprechanlage. Einige Sekunden geschah nichts. Dann ertönte aus dem Lautsprecher ein Knacken. »Ja, bitte?« Die Frauenstimme aus der Sprechanlage klang kalt und zugleich sehr beschäftigt.

»Entschuldigen Sie die Störung, Dr. Franklin, aber ich glaube, Mrs Holligan bräuchte dringend Ihre Hilfe.«

Mittlerweile hatte sich vor ihrem Tresen eine Patientenschlange gebildet, die ungeduldig auf ihre Rezepte und neue Terminabsprachen wartete, während die Stimme aus dem Lautsprecher abweisend erwiderte: »Ich bin mitten in den Vorbereitungen für eine Hypnose, Mrs Petersen. Ich schicke Ihnen jemanden raus. Geben Sie Mrs Holligan einen Termin für heute Nachmittag und stören Sie mich jetzt bitte nicht in meiner Sitzung.« Wieder knackte es im Lautsprecher. Die Verbindung zu Dr. Franklin war beendet. Im selben Moment öffnete sich die Tür zum Sprechzimmer und eine Frau im weißen Kittel ging zielstrebig auf Mrs Holligan zu, die erschöpft auf einen Stuhl gesunken war. Das Namensschild wies sie als Dr. Miller aus.

»Mrs Holligan, was bedrückt uns denn?« Ruhig und entspannt ergriff die Ärztin die Hand der Patientin und zog ein Papiertaschentuch aus ihrem Kittel. Dankbar faltete Mrs Holligan das Taschentuch auseinander, rieb ihre Augen trocken und putzte anschließend mit einem lauten Schnauber ihre Nase. Dann zeigte sie mit zitternden Fingern auf die WC-Tür. »Ich habe es mir nicht eingebildet. Auch wenn Mrs Petersen anderer Meinung sein sollte. Ich habe sie tatsächlich gehört. Sie hat mit mir gesprochen. Und ich habe sie so deutlich verstanden, wie ich Sie jetzt höre.«

»Moment, Moment…« Dr. Miller schien irritiert und versuchte einen Augenkontakt zu Mrs Petersen herzustellen. Doch diese widmete sich nun voll und ganz den Patienten vor dem Tresen und blickte von ihrer Arbeit nicht mehr hoch.

»Sie glauben mir nicht. Niemand glaubt mir!« Mrs Holligans Augen füllten sich wieder mit Tränen. Justus spürte, dass sie ein weiterer Weinkrampf befallen würde, und entschloss sich einzugreifen. »Sollten wir nicht mal auf der Toilette nachschauen?«

Nachdem er diese Frage ausgesprochen hatte, herrschte für einige Sekunden peinliche Stille. Dr. Miller reagierte als Erste. Ihre ohnehin schon dünnen Lippen verengten sich zu einem schmalen Strich, bevor sie Justus scharf anfuhr. »Ich denke nicht, dass Sie sich da einmischen müssen, junger Mann. Mrs Holligan befindet sich bei uns in ärztlicher Behandlung. Sie sollte sich einige Minuten ausruhen und alles andere Dr. Franklin überlassen.«

»Aber der junge Mann hat Recht!«

Justus fuhr erschrocken herum und blickte in das entschlossene Gesicht eines älteren Herrn. Unter seinem rechten Arm klemmte eine Aktentasche, die seine knochigen Finger mit festem Griff umschlossen. »Wieso packt man das Problem nicht direkt beim Schopf und sieht… ähm… auf der Toilette mal nach?«

Offenbar gefiel es Dr. Miller gar nicht, dass ein Außenstehender ihre psychologische Kompetenz in Frage stellte. »Mr Brian«, begann sie, »Sie haben sich doch einen Termin bei Dr. Hendrixen geben lassen, oder? Wir alle wissen, dass er für allgemeine Medizin zuständig ist. Sie sind bei ihm Patient, ebenso dieser junge Mann hier.« Mit ihrem langen Zeigefinger deutete sie auf Justus. »Diese Patientin jedoch«, der Finger veränderte seine Position um 90 Grad und zeigte nun unmissverständlich in Mrs Holligans Richtung, »unterliegt ausschließlich Dr. Franklins Obhut. Überlassen wir also der Spezialistin die Entscheidung.«

Justus warf einen Blick zur Tür von Dr. Franklins Sprechzimmer und sah auf das Schild, auf dem die Bezeichnung ›Psychotherapeutin‹ stand.

Dr. Miller schob ihre Goldrandbrille auf die Nasenspitze und warf dem Herrn mit der Aktentasche über ihre Brille hinweg einen wütenden Blick zu.

Es herrschte bedrückendes Schweigen unter den Patienten. Plötzlich erhob sich eine junge Frau von ihrem Stuhl, schob ihren neben sich stehenden Kinderwagen zur Seite und ging gezielt auf Dr. Miller zu. »Ich weiß zwar nicht, was sich vor wenigen Minuten hinter dieser Toilettentür abgespielt hat, aber zumindest interessiert mich das weitaus mehr, als von Ihnen hinausposaunt zu hören, wer bei wem in dieser Gemeinschaftspraxis in Behandlung ist!«

Dr. Miller öffnete ihren Mund und war im Begriff, die junge Frau in ihre Schranken zu verweisen. Doch dazu kam es nicht, denn die Frau ergriff selbst die Initiative und steuerte direkt auf die Tür zu, an der ein Messingschild mit der Aufschrift ›Ladys‹ angebracht war. Auch Mrs Holligan erhob sich von ihrem Stuhl, um mit besorgtem Gesichtsausdruck der jungen Mutter zu folgen, die die Klinke der WC-Tür schon in der Hand hatte.

»Gehen Sie nicht allein!« Ihre Stimme klang brüchig. »Ich flehe Sie an!«

Mit einem Lächeln deutete die Frau auf ihren Kinderwagen. »Passen Sie solange auf meinen Jüngsten auf. Und wenn ich hinter dieser Tür tatsächlich ihre Schwester antreffen sollte, dann bin ich gespannt zu hören, wie sie sich die letzte halbe Stunde die Zeit vertrieben hat. So lange sitze ich nämlich schon hier im Wartezimmer. Und außer Ihnen hat seither niemand die Toilette betreten.«

Justus sah zu Dr. Miller, deren Mund noch immer offen stand und schob seinen beleibten Körper an der sprachlosen Ärztin vorbei. »Warten Sie. Ich gehe mit!«

Aber so leicht gab sich die Ärztin nicht geschlagen. Ihre Gesundheitsschuhe klapperten energisch über die Fliesen und gaben ihrem herrischen Wesen die passende akustische Untermalung. Sie erwischte Justus am Pullover und zog ihn bestimmt zurück. »Auf der Damentoilette haben Sie nichts verloren! Ich werde mitgehen.«

Als wäre dies eine Aufforderung gewesen, erhoben sich zwei weitere Frauen von ihren Stühlen und näherten sich neugierig dem Raum, dem in den letzten fünf Minuten die größte Aufmerksamkeit gegolten hatte. Sie blieben jedoch vorsichtig davor stehen und spähten hinein.

Feuchte Hände

Im Inneren des WCs blieb alles ruhig. Justus’ Ohren waren wie eine Parabolschüssel auf die Damentoilette gerichtet. Er vernahm nur das Klappern von Dr. Millers Sandalen. Dann herrschte für einige Sekunden Stille, bis Justus plötzlich die Ärztin hörte. Dr. Miller sprach zwar leise, doch Justus’ geschulte Ohren konnten jedes Wort verstehen. »Ich kann Ihre Gefühle gut nachempfinden, junge Frau. Man sollte selbstverständlich in jedem Fall einer solchen Sache nachgehen. Bei dieser Patientin verhält sich die Lage jedoch etwas anders.«

»Was soll das heißen? Leidet die Patientin unter Verfolgungswahn?«

Die Ärztin räusperte sich. »Das ist nicht so einfach zu erklären. – Wie Sie sehen, befindet sich in diesem Raum nichts, was für eine Damentoilette ungewöhnlich wäre. Und schon gar nichts, was auf eine fremde Stimme schließen ließe. Wir können also beruhigt sein. Und Dr. Franklin ist eine anerkannte Expertin, geradezu eine Koryphäe auf ihrem Gebiet. Sie wird der Patientin sicher helfen können. Bisher hat sie schon große Fortschritte erzielt, das müssen Sie mir glauben.«

»Von fremden Stimmen kann hier aber nicht die Rede sein.« Die junge Mutter schien sich mit Dr. Millers Erklärung nicht so schnell zufrieden zu geben. »Erwähnte die Dame nicht, dass es die Stimme ihrer Schwester war?«

»Junge Frau, wer hier, aus welchen Gründen auch immer, bei wem in Behandlung ist, darf ich leider nicht hinausposaunen. Auch Ihnen gegenüber nicht. Es tut mir Leid, aber das waren Ihre Worte. Wollte ich genauer auf Mrs Holligans Probleme eingehen, dann würde ich das Vertrauen unserer Patienten verletzten. Ich hoffe auf Ihr Verständnis. Wie Sie außerdem festgestellt haben, finden sich keinerlei Anzeichen, dass hier ein Unbefugter, der die Patienten erschreckt, versteckt sein könnte. Das wäre ja lachhaft. Hier ist nichts! Ich kann Ihnen nur empfehlen, dieser Dame nicht allzu viel Glauben zu schenken. Sie ist psychisch krank. Mehr werde ich dazu nicht sagen.«

Justus warf Mrs Holligan einen raschen Blick zu und hoffte, dass die alte Dame, die sich inzwischen zu ihm gesellt hatte, diese abfällige Bemerkung nicht gehört hatte.

»Und?« Skeptisch und erwartungsvoll zugleich blickte Mrs Holligan in das Gesicht der jungen Mutter, als diese zurück in die Arztpraxis trat. Zu mehr als einem Schulterzucken war die Frau jedoch nicht fähig.

Zu gern hätte Justus die Räumlichkeiten der Damentoilette selbst inspiziert, doch in diesem Moment trat Dr. Miller aus der Tür und zog sie mit einem demonstrativen Ruck hinter sich ins Schloss. Dann wandte sie sich an die Sprechstundenhilfe, die hinter ihrem Tresen noch immer mit der Patientenschlange beschäftigt war. »Mrs Petersen, geben Sie Mrs Holligan für heute Nachmittag einen Termin bei Dr. Franklin. Sektor sieben blau.« Mit diesen Worten verschwand die Ärztin hinter einer der vielen Türen der Gemeinschaftspraxis.

Mrs Holligan nahm schweigend den Zettel entgegen, den ihr die Sprechstundenhilfe über den Tresen reichte. Mit langsamen Bewegungen steckte sie ihn in ihre Handtasche und schlurfte durch den langen Flur dem Ausgang entgegen. Auch hier standen an der Seite einige Stühle. Mit einem Stoßseufzer ließ sie sich nieder und verbarg ihr Gesicht in ihren Händen.

Justus konnte seinen Blick nicht von der alten Dame lösen. Sie war ungefähr siebzig Jahre alt. Ihre grauen Haare hatte sie zu einem Knoten gebunden und die Hände, die sich noch immer schützend um ihr Gesicht legten, waren runzlig. Mrs Holligan schien mit ihren Gedanken weit weg zu sein.

Justus ging langsam auf sie zu und setzte sich neben sie. »Wie geht es Ihnen, Madam?«, fragte er und fand seine Frage angesichts der vorangegangenen Situation im selben Moment völlig unangebracht. Deshalb fügte er schnell hinzu: »Kann ich Ihnen vielleicht helfen?«

Mrs Holligan ließ ihre Hände in den Schoß fallen und sah Justus resigniert an. »Mir kann scheinbar niemand helfen. Vermutlich werde ich einfach nur alt. Das muss ich akzeptieren.« Justus wollte etwas erwidern, doch die Dame winkte mit einer müden Handbewegung ab. »Ich war immer Realistin«, sagte sie. »Und dem Arzt, in dessen Obhut man sich begibt, sollte man auch vertrauen. Das Alter ist eine vertrackte Sache, junger Mann. Wenn man so jung ist wie du, macht man sich noch wenig Gedanken darüber. Wozu auch? Mit der Zeit erst schleichen sie sich ein, die kleinen Wehwehchen, die einem den Alltag erschweren. Zuerst ergrauen die Haare, das Gehen fällt einem schwer, die Sehkraft wird schwächer, und nach und nach fallen die Zähne aus.«

Justus überkam ein Frösteln. Er war unangenehm berührt über diese schonungslose Offenheit der alten Dame.

»Ich will mich aber nicht beschweren«, fügte sie hinzu. »Denn noch lebe ich.«

Aus seiner Neugier hatte Justus nie einen Hehl gemacht. Im Gegenteil. Für ihn war es die wirksamste Methode Menschen besser zu verstehen. Doch nun entschied er, dass angesichts der vorherrschenden Situation Zurückhaltung angebracht war. Er konnte Mrs Holligan nicht einschätzen. Die Tatsache, dass die Dame in dieser Praxis in psychotherapeutischer Behandlung war, hemmte ihn, wie gewohnt mit seinen bohrenden Fragen in die Offensive zu gehen.

Mrs Holligan schien seine Gedanken erraten zu haben. »Warum schweigst du?«, fragte sie und blickte Justus mit klaren Augen an. »Du traust dich nicht, mich nach meinem Leiden zu fragen. Dabei hast du doch ebenso gut wie ich verstanden, was Dr. Miller dieser Frau im Waschraum über mich erzählt hat.«

»Allerdings«, gab er offen zu.

»Mein Körper baut zwar rapide ab, aber mein Gehör funktioniert noch fabelhaft. Es ist das Einzige, worauf ich mich noch hundertprozentig verlassen kann. Es war keine Halluzination. Ich weiß genau, was ich gehört habe, auch wenn die Ärzte hier anderer Meinung sein mögen. Verfolgungswahn nennen sie es.« Mrs Holligans Stimme nahm langsam einen sarkastischen Ton an. »Wahrscheinlich kann ich noch dankbar sein, dass sie mich nicht umgehend ins Sanatorium eingewiesen und mit Beruhigungsmitteln voll gepumpt haben.«

»Diese Stimme, Madam«, Justus kam sich groteskerweise in diesem Moment selbst wie ein Psychologe vor, der versuchte, dem Problem seiner Patientin auf die Spur zu kommen. »Vorhin erwähnten Sie, im Waschraum hätte die Stimme Ihrer Schwester zu Ihnen gesprochen. Ist das richtig?«

Mrs Holligan nickte.

»Vorausgesetzt, man lässt die Tatsache außer Acht, dass Stimmen nicht ohne ersichtliche Ursache einfach aus dem Nichts ertönen – weshalb waren Sie denn derart aufgebracht?«

Die alte Dame sah Justus mit weit aufgerissenen Augen an. »Ich habe Angst. Große Angst!« Ihre Hände begannen wieder zu zittern. Dann griff sie nach Justus’ Fingern und hielt sie fest umschlossen. »Meine Schwester bedroht mich. Sie will mir etwas antun! Sie terrorisiert mich am Telefon, zerstört mein Haus und hat sogar versucht, mich mit dem Auto zu überfahren. Sie wird keine Ruhe geben, bis ich unter der Erde liege. Letzte Nacht klingelte bei mir das Telefon. Metzla war dran und machte mir unmissverständlich klar, dass mein Ende nun bald gekommen sei.«

Justus war froh, als Mrs Holligans feuchte Hände ihn wieder losließen. Er stand auf und zog sein T-Shirt über dem Bauch glatt. »Mrs Holligan«, begann er. »Meiner Ansicht nach ist es gar nicht verwunderlich, dass Sie die Stimme Ihrer Schwester bis hierher aufs Klo verfolgt. Angesichts der Situation, in der Sie sich gerade befinden, finde ich es sogar verständlich. Ich weiß zwar nicht, was Dr. Franklin Ihnen rät, aber ich sehe eine Möglichkeit, den Terroranschlägen und Belästigungen Ihrer Schwester Metzla schnellstens ein Ende zu bereiten und sie anschließend zur Rechenschaft zu ziehen.«

»Wie willst du das denn anstellen?«

»Waren Sie schon bei der Polizei?«

»Ach«, Mrs Holligan winkte müde ab. »Ein Dutzend Mal.«

»Sie glauben Ihnen nicht, stimmt’s?« Justus’ Augen begannen zu leuchten. »Sie halten Sie für eine alte, verwirrte Frau, die sich dringendst in psychiatrische Behandlung begeben sollte. Habe ich Recht?«

Mrs Holligan schluckte. »So ähnlich, ja.«

»Dann darf ich Sie bitten, uns den Fall zu übertragen. Meine zwei Kollegen und ich, wir sind ein Detektivteam. Spezialisiert auf mysteriöse Vorkommnisse und Geheimnisse aller Art. Ich würde es als Privileg ansehen, Ihnen aus dieser Sache herauszuhelfen, damit Sie wieder ruhig schlafen können.« Mit der Hand fuhr Justus in seine hintere Hosentasche und zog daraus eine Visitenkarte hervor. Er reichte sie der alten Dame, woraufhin diese ihre Handtasche öffnete und umständlich ihre Brille hervorkramte. Die Gläser waren aus dickem Glas geschliffen, so dass Mrs Holligans Augen unheimlich vergrössert dahinter hervorglotzten und beim Lesen der kleinen Karte abwechselnd von links nach rechts wanderten.

Visitenkarte

Mrs Holligan war sich der abschreckenden Wirkung ihrer Brille wohl bewusst. Denn nachdem sie den Text auf der Visitenkarte gelesen hatte, gab es für sie nichts Eiligeres, als die Brille von ihrer Nase zu nehmen und in ihrer Handtasche verschwinden zu lassen.

»Übernehmt den Fall, Jungs!«

Abermals knipste sie ihre Handtasche auf und kramte mit nervös zitternden Fingern einen Zettel und einen Kugelschreiber hervor. »Warte… Ich schreibe euch meine Adresse auf.« Sie legte ihre Handtasche als Schreibunterlage auf ihren Schoß und reichte Justus kurze Zeit später einen Zettel. »Und du meinst wirklich, ihr bekommt meine Schwester zu fassen, bevor sie mir etwas antun kann?«

»Den Erfolg können wir nicht garantieren, Madam. Aber wir versprechen, uns Mühe zu geben«, sagte er. »Außerdem bin ich der Meinung, dass nicht Sie, sondern Ihre Schwester dringend psychiatrische Hilfe benötigt.«

»Da stimme ich voll und ganz mit dir überein. Die Sache hat nur einen kleinen Haken.«

Justus blickte überrascht auf, doch Mrs Holligans Augen schienen plötzlich ausdruckslos durch ihn hindurchzustarren. »Und der wäre?«, fragte er.

»Meine Schwester ist schon seit drei Monaten tot!«

Blinder Hass

»Du hältst mich für verrückt, nicht wahr?« Doch Mrs Holligan wartete eine Antwort nicht ab: »Ich weiß sehr wohl, dass Tote nicht in der Lage sind zu telefonieren und sich hinters Lenkrad zu setzen, um Lebende zu überfahren. Und noch besser weiß ich, dass man mit niemandem darüber sprechen sollte, wenn man solch einem unheimlichen Phänomen ausgeliefert ist. Aber könntest du mir vielleicht einmal erklären, was du in so einer Situation tun würdest?«