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Alfred Hitchcock

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Der schwarze Skorpion

erzählt von Marco Sonnleitner

Kosmos

Umschlagillustration von Silvia Christoph, Berlin

Umschlaggestaltung von eStudio Calamar, Girona, auf der Grundlage
der Gestaltung von Aiga Rasch (9. Juli 1941 – 24. Dezember 2009)

 

 

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© 2004, 2005, 2008, 2011, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Mit freundlicher Genehmigung der Universität Michigan

 

Based on characters by Robert Arthur.

 

ISBN 978-3-440-12882-4

Satz: DOPPELPUNKT, Stuttgart

eBook-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

 

Der Tod im Sand

»Wahnsinn! Einfach Wahnsinn!« Peter griff sich fassungslos an den Kopf. »Habt ihr diesen gnadenlosen Schmetterschlag gesehen? Der kam ja fast senkrecht hinterm Netz wieder runter! Wahnsinn!«

»Der Typ kann einfach abartig hoch springen.« Bob zeigte auf den braun gebrannten Spieler, der sich eben mit seinem Partner abklatschte. »Deswegen kommt er mit der Hand so gut über den Ball.«

»Ja, wie ’n Flummi.« Peter hatte sich noch immer nicht beruhigt. »Der muss Sprungfedern in den Beinen haben.«

»Jetzt wird’s eng für die Brasilianer!«

»Die sind fertig!« Peter nickte zuversichtlich. »Wirst schon sehen! Die kommen nicht mehr zurück!«

Justus folgte dem Treiben auf dem sandigen Spielfeld genauso wenig wie der Unterhaltung seiner beiden Freunde. Ihm war einfach nur heiß, unsäglich heiß.

Die Bilder und Farben verschwammen allmählich vor seinen Augen, und er glaubte förmlich riechen zu können, wie die Sonne seine Haut verbrannte. Überall trat ihm der Schweiß aus den Poren, floss in schmalen Rinnsalen den Rücken hinab oder über die kleinen Speckröllchen an seinem Bauch und versickerte schließlich im Bund seiner Badehose.

Und außerdem war es ihm hier viel zu eng – und zu laut. Hunderte halb nackter Körper saßen dicht gedrängt hinter der Absperrung im Sand und brüllten sich die Seele aus dem Leib, um ihre Favoriten anzufeuern. Und weil alle den Stars dieser Beachvolleyball-Weltmeisterschaft möglichst nahe sein wollten, quetschten sie sich immer weiter nach vorne und schoben sich dabei mehr und mehr zusammen.

Wie die Ölsardinen, dachte der Erste Detektiv, nur dass Ölsardinen nicht so schreien.

»… und einen nicht dauernd anrempeln!«, fauchte er plötzlich und drehte sich um. Dort hatte sich ihm gerade zum wiederholten Male ein Knie schmerzhaft in den Rücken gebohrt.

»Neunzehn zu zwölf!« Der Besitzer des aufdringlichen Knies strahlte Justus begeistert an. »Noch zwei Punkte und wir sind eine Runde weiter!«

»Das ist zwar sehr erfreulich«, erwiderte Justus gereizt, »aber noch lange kein Grund, mir andauernd Ihr Knie –«

»Timeout!«, rief Peter in diesem Moment und packte Justus an der Schulter. »Die beiden Brasilianer nehmen ihr letztes Timeout!«

»Bitte?« Justus drehte sich wieder herum.

»Verdammt!«, fuhr Justus’ Hintermann auf und rammte ihm noch einmal sein Knie in den Rücken. »Die Kerle wollen uns aus dem Rhythmus bringen!«

Justus stöhnte entnervt und verdrehte die Augen. Es war sinnlos, einfach sinnlos. Dieser Kniequäler hinter ihm würde es nie kapieren.

»Geht’s dir gut?« Peter sah Justus fragend an, weil er nicht wusste, wie er dessen leidende Miene deuten sollte.

»Alles bestens.« Justus lächelte dünn. »Mordsstimmung, schön warm, nette Leute – einfach fantastisch hier.«

»Nicht wahr?« Peter war im Moment viel zu aufgedreht, um den ironischen Unterton in Justus’ Stimme zu bemerken. »Hier geht die Post ab! War wirklich eine prima Idee von euch, hierher zu kommen, echt toll! Danke noch mal!«

»Nichts zu danken«, antwortete Bob.

»Gern geschehen.« Noch einmal zwang sich der Erste Detektiv zu einem Lächeln. Aber das mit der prima Idee sah er inzwischen doch etwas anders.

Bob und er hatten nach einem Geburtstagsgeschenk für Peter gesucht und waren dabei in der Zeitung auf dieses Turnier gestoßen. Ein Beachvolleyball-Weltmeisterschaftsturnier hier in Rocky Beach! Beiden war sofort klar gewesen, dass sie das passende Geschenk für ihr Sportass gefunden hatten – eine Eintrittskarte für eines der Spiele! Und natürlich wollten sie für sich auch Karten besorgen, damit sie alle drei zusammen hingehen konnten.

Doch leider waren die Spiele an den Finaltagen schon ausverkauft gewesen, deswegen hatten sie nur noch Karten für ein Vorrundenmatch bekommen. Aber Justus und Bob waren sich sicher gewesen, dass Peter auch an so einem Spiel seinen Spaß haben würde.

Und so war es dann auch gewesen. Peter hatte sich irrsinnig gefreut über das Geschenk und dem Tag entgegengefiebert. Glücklicherweise hatten Justus und Bob auch noch drei Tickets für ein Spiel der amerikanischen Titelverteidiger Ken Parker und John Trevis ergattert. Sie mussten gegen die Brasilianer da Silva und Carlos antreten, gegen die sie sogar mehr Schwierigkeiten hatten als erwartet, weswegen es bisher ein heiß umkämpftes Match war.

Peter hatte die Begegnung von Anfang an in ihren Bann gezogen. Er kommentierte jeden Spielzug, feuerte die Amerikaner lautstark an, ärgerte sich über Punkte der Gegner und steigerte sich immer mehr in die Partie hinein.

Doch sosehr sich Justus darüber freute, dass ihr Geschenk bei Peter gut ankam, so sehr bereute er es schon, dass er sich das alles überhaupt angetan hatte. Er war nun einmal keine Sportskanone. Nur im Wasser, und da auch nur im Brustschwimmen, machte er zur Überraschung aller eine einigermaßen gute Figur. Ansonsten hatte er jedoch zum Sport ein eher gespanntes Verhältnis, und es interessierte ihn im Gegensatz zu Peter und Bob auch nicht sonderlich, wer wie weit hüpfte, warf, lief, schwamm und so fort.

Und es interessierte ihn daher auch überhaupt nicht, wer wie oft diesen weißen Ball in den Boden hämmerte. Schlimm genug, sagte sich Justus, dass erwachsene Menschen unter sengender Sonne bis zur Erschöpfung durch den Sand hechteten. Dass das ungesund war, wusste doch jedes Kind. Aber deswegen musste er sich hier doch nicht grillen, anbrüllen und von fremden Knien foltern lassen!

Doch Justus riss sich zusammen. Er wollte Peter den Tag nicht verderben. Es war sein Tag.

»Und warum hören die jetzt auf?«, fragte er ihn daher möglichst interessiert und deutete zu den Spielern, die mittlerweile auf ihren Bänken am Rande des Spielfelds Platz genommen hatten. Mit den Rücken zu den drei ??? saßen die vier durchtrainierten Sportler keine zehn Meter von ihnen entfernt – unter Sonnenschirmen!

»Die hören nicht auf«, antwortete Peter. »Die Brasilianer nehmen sich nur ihre letzte Auszeit in der Hoffnung, dass sie Parker und Trevis damit ein wenig aus dem Konzept bringen können. Die beiden haben ihnen ja in den letzten Minuten die Bälle nur so um die Ohren geschlagen.«

»Aber wenn du mich fragst«, meldete sich Bob zu Wort, »dann hilft ihnen das auch nichts mehr. Drei, vier Spielzüge und das Match ist im Sack.«

Und wir können endlich nach Hause gehen, dachte sich Justus erleichtert. Peter und Bob bekamen allerdings nur ein »Na, dann hoffen wir mal das Beste« zu hören.

Der Erste Detektiv ließ seinen Blick durch die Zuschauermengen schweifen. Auf der gegenüberliegenden Haupttribüne versuchte man gerade, eine La-Ola-Welle in Gang zu bringen, die aber schon in der rechten Seitentribüne wieder abebbte, weil dort die brasilianischen Fans standen. Und die hatten im Moment verständlicherweise keine Lust auf La Ola.

Gott sei Dank, sagte sich Justus, der schon befürchtet hatte, dass er sich jetzt hier auch noch körperlich betätigen müsste. Dann griff er nach seiner Sporttasche. Sie waren vor dem Spiel noch schwimmen gewesen, und in der blauen Tasche befand sich sein Badezeug, ein Pullover und eine Jeans für die Fahrt nach Hause.

Er stopfte sich die Tasche gerade in den Rücken, um es sich die letzten paar Minuten etwas bequemer zu machen, als ihm eine ruckartige Bewegung eines der amerikanischen Spieler ins Auge fiel. Es war Trevis gewesen, der Größere der beiden. Er hatte eben etwas getrunken, als er urplötzlich von seinem Partner weggerückt war, so als hätte ihn eine gewaltige Faust gepackt und zur Seite gezogen.

Im nächsten Moment schnellte er auf, warf die Trinkflasche in hohem Bogen davon und sprang mit einem unglaublichen Satz ein paar Meter nach vorne. Irgendetwas schrie er dabei, etwas, das Justus nicht verstehen konnte, und kaum dass er gelandet war, wirbelte er wieder herum und starrte mit weit aufgerissenen Augen zur Bank.

Das alles hatte sich in nur zwei oder drei Sekunden abgespielt, aber inzwischen hatten auch einige andere Zuschauer sowie Peter und Bob gemerkt, dass da vorne etwas nicht stimmte. Neugierig reckten sie die Hälse, um besser sehen zu können.

Parker hingegen, der andere Spieler, saß immer noch auf seiner Bank und schaute Trevis verwundert an. Er hob sogar beide Hände, so als wollte er ihn fragen: »Was ist denn los?«

Trevis zeigte wie verrückt auf oder unter die Bank und brüllte: »Da! Da! Sieh doch!«

Und dann ging alles ganz schnell. In dem Augenblick, in dem die drei ??? das krabbelnde, grünlich-schwarze Etwas zu Füßen Parkers ausgemacht hatten, stieß der schon einen entsetzten Schrei aus und hechtete zur Seite.

»Was ist das?«, fragte Bob aufgeregt und sprang auf. »Könnt ihr das erkennen?«

»Nein!«, sagte Peter und kam ebenfalls auf die Füße. »Ich habe nur irgendetwas Schwarzes gesehen, das krabbelt.«

»Parker! Seht doch, was mit Parker ist!«, rief Justus und deutete auf den Spieler, der sich wenige Meter von ihnen entfernt schreiend im Sand wälzte und sich seinen linken Unterschenkel hielt.

»Ein Skorpion!«, kreischte in diesem Augenblick ein Zuschauer, der ganz vorne stand. »Es ist ein riesiger Skorpion!«

»Ein Skorpion!« – »Skorpion!«, gellten andere Schreie durch die Luft. »Ein Skorpion hat Parker erwischt!«

»Ein Skorpion?« Bob sah seine Freunde entgeistert an. »Verdammt, wie kommt so ein Vieh hierher an den Strand? Ich dachte, die wären –«

»Der kommt auf uns zu!«, unterbrach ihn in diesem Moment ein anderer entsetzter Fan. »Der kriecht unter der Absperrung durch! Lasst mich raus! Ich will raus! Platz da!«

Von einer Sekunde auf die andere verwandelte sich die Zuschauermenge in ein kreischendes, schiebendes und flüchtendes Meer von Armen und Beinen. Jeder wollte nur noch weg von dem giftigen Kriechtier und bahnte sich rücksichtslos seinen Weg durch die Massen. Dabei hatten nur noch einige andere das gefährliche Spinnentier aus nächster Nähe gesehen, aber den meisten reichten die panischen Rufe, um so schnell wie möglich das Weite zu suchen.

»Lauft, Leute! Die trampeln uns nieder!«, rief Peter noch, dann wurde er schon von den ersten Flüchtenden grob vorwärts gestoßen.

Auch Bob erging es nicht sehr viel besser. Er bekam einen Ellenbogen gegen den Kopf und sah kurzzeitig Sternchen, schaffte es aber dann doch, sich in der drängenden Menschenwoge zu behaupten.

»Wartet!«, rief Justus. Aber er hatte sich noch nicht ganz aufgerappelt, als ihn einer der Flüchtenden schon wieder zu Boden warf. Laut fluchend kippte der Erste Detektiv vorwärts in den Sand. Im nächsten Moment trat ihm ein anderer auf die Hand und kickte seine Sporttasche davon.

»Aua!«, rief Justus. »Pass doch auf, wo du hintrittst.«

»Justus!«, brüllte Peter von irgendwoher. »Wo bleibst du denn?«

»Ich genieße die Aussicht!«, gab Justus ärgerlich zurück.

»Mach, dass du da wegkommst!«, rief Bob.

»Das versuche ich ja! Aber die lassen mich nicht mal aufstehen!« Justus kroch ein paar Meter, um seine Sporttasche wiederzubekommen, auf der die panisch flüchtenden Zuschauer achtlos herumtrampelten.

Er wollte sich eben erneut aufrichten, als er unter seinen Achseln hindurch einen Mann mit hochrotem Gesicht auf sich zurasen sah. Instinktiv rollte er sich zusammen und brachte gerade noch seine Sporttasche unter den Körper, als der Mann auch schon über ihn hinwegsetzte.

»Justus!«, schrie Peter noch einmal.

»Ich kann nicht!«, stieß Justus keuchend hervor.

Wie eine Horde wilder Büffel jagte auch der Rest der Zuschauer an Justus vorbei, der keine andere Möglichkeit hatte, als zusammengekauert im Sand liegen zu bleiben und die Hände über den Kopf zu legen. Hin und wieder traf ihn ein Fuß, und eine Frau fiel sogar über ihn drüber, aber am Ende überstand er das Chaos doch einigermaßen unbeschadet. Es dauerte jedoch fast eine Minute, bis der Spuk vorbei war und Justus gefahrlos den Kopf heben konnte. Langsam stand er auf.

»Just!«, schrie Peter in diesem Augenblick. Zusammen mit Bob war er gut zwanzig Meter entfernt stehen geblieben, um auf ihren Freund zu warten. »Hinter dir! Pass auf, er ist hinter dir!«

»Der Skorpion!«, brüllte Bob. »Er kommt auf dich zu!«

»Was? Wo?« Justus riss den Kopf herum und schaute rechts und links über die Schulter. Aus dem Augenwinkel entdeckte er das grünschwarze Gifttier, das sich ungefähr einen Meter hinter ihm befand, und stieß einen lauten Schrei aus.

Er wollte davonlaufen, aber das jähe Kopfdrehen und der Schrecken hatten ihn aus dem Gleichgewicht gebracht, so dass sich seine Beine zwar in die eine Richtung bewegten, der Oberkörper aber über die linke Schulter abkippte. Mit weit aufgerissenen Augen beobachteten Peter und Bob, wie Justus nach hinten fiel – genau dorthin, wo der riesige Skorpion seinen giftigen Stachel in die Luft reckte!

Held wider Willen

»Der hatte doch nie eine faire Chance.« Peter blies den feinen Holzstaub von den alten Regalbrettern und faltete das Schmirgelpapier neu.

»Ein völlig ungleiches Duell«, pflichtete ihm Bob nachdrücklich bei. »Was meinst du? Eins zu zweitausend?« Der dritte Detektiv hielt kurz mit dem Streichen seines Bretts inne und sah Peter fragend an.

»Mindestens! Wenn nicht noch mehr!« Peter zog abschätzend die Lippen nach unten und nickte bedeutungsvoll. »Wenn man dem Skorpion etwa 40 Gramm gibt und unserem Ersten ungefähr … äh …«

Justus ließ seinen Schraubenzieher sinken, mit dem er gerade ein anderes Regal auseinander genommen hatte, und stöhnte genervt auf. »Könnt ihr zwei damit vielleicht auch mal wieder aufhören? So lustig war das Ganze nun auch wieder nicht! Zehn Zentimeter weiter links, und ich wäre nicht mit der Tasche auf das Vieh gefallen, sondern mit dem Arm!«

Peter grinste. »Dann hätten wir immer noch ein Verhältnis von, hm –«, er überlegte kurz, »eins zu zweihundert gehabt. Das hätte auch noch dicke gereicht.«

»Ha, ha, ha, ich lach mich tot!« Justus zog eine Grimasse, aber um seine Mundwinkel spielte ein feines Lächeln. Mit einigem Abstand fand er die ganze Sache doch auch irgendwie komisch.

»Und wie elegant unser Erster gefallen ist!« Peter schob das rechte Bein nach vorne, drehte seinen Oberkörper um die linke Schulter und ließ sich dann mit einem betont entsetzten Gesichtsausdruck auf den staubigen Boden sinken. Dort angekommen, gab er ein hässlich knirschendes Geräusch von sich und blieb auf dem Bauch liegen wie ein Pinguin auf dem Eis.

Bob lachte laut auf. »War das eben das tragische Ende des Skorpions, dieses ekelhafte Knirschen?«

»Das war es«, grunzte Peter angestrengt in seiner Fallschirmspringerposition. »Zermalmt unter achtzig Kilo detektivischer Genialität.«

Jetzt musste auch Justus grinsen. »Affe!«, schimpfte er in gespielter Entrüstung und half ihm dann wieder auf die Beine.

Dabei war ihm gestern noch alles andere als zum Lachen zu Mute gewesen, denn der Sturz hätte wirklich auch sehr böse ausgehen können. Doch als die Sanitäter, die bereits ein paar Minuten nach dem Zwischenfall zur Stelle waren, um Parker abzuholen und ins nächste Krankenhaus zu bringen, die Sporttasche schließlich anhoben, stellte sich heraus, dass von dem giftigen Spinnentier trotz des weichen Sandes nicht viel mehr übrig war als ein undefinierbarer, grün-schwarzer Skorpionbrei.

»Ich frage mich aber immer noch, was dieses Biest am Strand zu suchen hatte.« Bob tauchte seinen Pinsel in den Farbeimer. »Ich dachte immer, Skorpione findet man irgendwo in der einsamen Wüste, unter Steinen und in kleinen Löchern. Aber mitten am Strand unter Tausenden von lärmenden Menschen? Irgendwie seltsam, finde ich. In Zukunft werde ich mir den Sand jedenfalls etwas genauer ansehen, wenn wir wieder mal beim Baden sind.«

Peter stellte sein Brett zur Seite und ergriff ein neues. »Außerdem war das Vieh riesig. In Bio haben wir doch mal gelernt, dass unsere Skorpione hier maximal acht Zentimeter groß werden. Das Ding war aber mindestens fünfzehn Zentimeter lang« – Peter warf Justus ein schelmisches Grinsen zu – »in unzerquetschtem Zustand. Danach war es noch länger.«

»Seltsam ist das alles schon, aber durchaus noch rational erklärbar«, sagte Justus, während er sich wieder an einer Schraube zu schaffen machte. »Immer wieder verirren sich Wildtiere in Gegenden, in denen man sie nie vermuten würde, und –«

»Bryan – ihr wisst schon, der schräge Typ, mit dem wir Geschichte zusammen haben – der hatte mal ’ne kleine Schlange im Klo«, fiel Peter ein.

»… und dass es auch in Hinblick auf die Proportionen große Abweichungen bei jeder Spezies geben kann«, überging Justus den Einwurf, »wurde in der Biologie hinlänglich dokumentiert. Ich erinnere nur an den riesigen Hai, den man letztes Jahr vor dem Santa-Barbara-Archipel aus dem Wasser gezogen hat.«

Bob nickte und zog die Stirn in Falten. »Noch ein Grund, beim Baden in Zukunft aufzupassen.«

Justus drehte die letzte Schraube aus dem Holzbrett und nahm sich dann das zweite Regal vor. »Aber etwas anderes beschäftigt mich im Moment eigentlich viel mehr als der Skorpion. Ich hab euch noch gar nicht erzählt, dass da noch etwas anderes unten an meiner Tasche geklebt hat.«

»Was denn?«, fragte Bob neugierig.

»Einer der Spieler?«, flachste Peter.

»Quatschkopf«, winkte Justus ab. »Nein, es war ein ungefähr handtellergroßer, schwarzer Wachsklecks. Er muss sich an meine Tasche geheftet haben, als die ganzen Zuschauer darüber hinweggetrampelt sind. Ich kann ihn euch nachher zeigen, er liegt drüben in der Zentrale im Schränkchen über der Spüle.«

»Ein Wachsklecks?« Bob schaute ungläubig. »Du meinst, so etwas wie Kerzenwachs?«

Justus zuckte mit den Schultern. »Hm, ja. So etwas in der Art. Und drin steckte ein kleiner Glassplitter.«

»Wahrscheinlich von einer Flasche, die irgend so ein Idiot am Strand hat rumliegen lassen und die dann kaputtgegangen ist«, vermutete Peter und fuhr dann einigermaßen wütend fort: »Ich wünsche mir nichts mehr, als dass sich einmal einer von diesen Umweltterroristen mit seinem Hintern in seine eigenen Scherben setzt.«

»Kann sein, dass er von einer Flasche stammt«, erwiderte Justus, »aber was mich noch mehr wundert, ist, wie das Wachs in den Sand kommt. Papier, Dosen, Scherben und sonstigen Müll findet man ja dort leider fast überall, aber Wachs?«

»Könnte von einer Party stammen, die man am Strand gefeiert hat.« Bob strich gleichmäßig sein Brett weiter und fuhr fort, ohne aufzusehen. »Da unten treffen sich doch jeden Abend eine Menge Leute, zünden Lagerfeuer an, drehen ihre Ghettoblaster auf und so. Vielleicht war’s ja mal ’ne Candlelight-Party für verliebte Pärchen?«

»Auf dem Areal der Beachvolleyball-Weltmeisterschaften?«, wandte Peter skeptisch ein.

»Mit schwarzen Kerzen?«, gab Justus zu bedenken.

»Vielleicht waren es ein paar Grufties oder wie man diese Typen in den schwarzen Klamotten nennt, ich weiß es ja auch nicht«, rechtfertigte sich Bob.