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Geisterbucht
Teil 1
Rashuras Schatz

erzählt von Astrid Vollenbruch

Kosmos

Für Andreas, Sabine, Björn, Sebastian und Felicitas.

 

 

 

 

 

Umschlagillustration von Silvia Christoph, Berlin

Umschlaggestaltung von eStudio Calamar, Girona, auf der Grundlage der Gestaltung von Aiga Rasch †

 

 

 

Unser gesamtes lieferbares Programm und viele weitere Informationen zu unseren Büchern, Spielen, Experimentierkästen, DVDs, Autoren und Aktivitäten finden Sie unter www.kosmos.de

 

 

 

 

© 2010, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Mit freundlicher Genehmigung der Universität Michigan

 

Based on characters by Robert Arthur.

 

ISBN 978-3-440-12475-8

Redaktion: Martina Dold, Martina Zierold

Produktion: DOPPELPUNKT, Stuttgart

eBook-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Eine rätselhafte Erbschaft

»Wisst ihr«, sagte Peter Shaw, »ich frage mich ja schon länger, ob es eigentlich ein Naturgesetz oder eine göttliche Strafe ist, dass man bei Testamentseröffnungen aussehen muss wie ein Pinguin. Sind lächerliche ein oder zwei Millionen Dollar das wirklich wert?«

»Vielleicht sind es ja drei Millionen«, sagte Bob Andrews, der seinen gelben VW Käfer über die staubige, kurvenreiche Glenview Canyon Road nach Norden lenkte. »Für jeden von uns eine. Dafür sehe ich ganz gerne mal eine Stunde lang wie ein Pinguin aus.«

»Das sind jetzt schon zwei Stunden.« Peter schob den Ärmel seines dunklen Jacketts hoch und warf einen Blick auf die Uhr. »Und sieben Minuten. Dafür verlange ich Schadensersatz.«

»Wie viele Millionäre kennt dein Opa denn?«, fragte Justus Jonas, der auf dem Rücksitz saß und sich wie Peter und Bob in seinen besten dunklen Anzug geworfen hatte. »Und wie viele davon würden ausgerechnet uns in ihrem Testament bedenken?«

»Ziemlich wenige«, gab Peter zu. »Tatsächlich schuldete Mr Shreber meinem Opa sogar noch fünfzig Dollar – he, wahrscheinlich sollen wir die einfach nur abholen. Und dafür zwänge ich mich in diese peinliche Kluft und lasse mich von halb Kalifornien auslachen …«

»Ach komm«, sagte Bob in seinem nettesten Tonfall. »Die Einzigen, die dich ausgelacht haben, sind wir.«

»Hast du ein Glück, dass du gerade fährst«, erwiderte Peter. »Erinnere mich nach dem Aussteigen daran, dass ich dir eine klebe.«

Bob grinste. »Klar, mach ich.«

»Die fünfzig Dollar hätte Mr Shreber deinem Opa doch direkt schicken können«, meinte Justus. »Die gehen uns schließlich überhaupt nichts an. Und auch die Millionen halte ich für eher zweifelhaft. Was weißt du über Mr Shreber?«

»Ich?«, sagte Peter. »Gar nichts. Nur, dass er ein Freund meines Opas war. Sie kannten sich seit vielen Jahren und haben sich jeden Mittwochabend zum Pokerspielen getroffen. Und er wohnte in Waterside. Das ist alles.«

»Und woher wusste er, dass es uns gibt?«

»Du kennst doch meinen Opa. Er hat sein halbes Wohnzimmer mit Zeitungsberichten über unsere Fälle tapeziert und erzählt jedem, der es hören will – und auch jedem, der es nicht hören will –, was für großartige Detektive wir sind. Damit wird er auch seine Pokerrunde genervt haben.«

»Das bestätigt meine Vermutung, dass wir hier eher einen neuen Fall vor uns haben.«

»Och«, meinte Bob, »die eine oder andere Million als Zugabe wäre auch nicht schlecht. Wir sind übrigens gleich da. Bitte anschnallen und das Rauchen einstellen, wir setzen zur Landung an.« Er bog auf den Parkplatz des Gerichtsgebäudes von Waterside ein und hielt den Käfer an. »Andrews Buglines dankt für Ihr Vertrauen. Wir würden uns freuen, Sie auch auf dem Rückflug bei uns begrüßen zu dürfen.«

Sie stiegen aus und sahen sich um. Besonders viele Schaulustige und Journalisten hatte die Ankündigung der Testamentseröffnung des verstorbenen Mitbürgers Harry Shreber nicht angelockt. Leer und verlassen lag der Parkplatz in der gleißenden Sonne, und außer Bobs Käfer parkten dort nur noch ein riesiger silberner Dodge, ein dunkelblauer Chevrolet und ein schickes weißes Cabrio, dessen Verdeck geschlossen war.

Justus ging zu den drei Wagen und warf einen Blick ins Innere. »Aha«, sagte er. »Ein rücksichtsloser Familienvater, ein armer, aber standesbewusster Mann und eine sportbegeisterte und sicherheitsbesessene Notarin.«

»Ich weiß, ich werde die Frage bereuen«, sagte Peter, »aber woher weißt du das?«

»Das ist ganz einfach. Der silberne Dodge hat einen überquellenden Aschenbecher, also ist sein Fahrer ein starker Raucher. Auf dem Rücksitz liegen ein Teddy und ein bunter Ball, folglich hat der Mann Kinder. Und auf seine Rücksichtslosigkeit schließe ich erstens aufgrund der Tatsache, dass er Kinder in dieser Räucherhöhle herumfährt, und zweitens wegen der Kaffeeflecken auf dem Armaturenbrett, die auf starkes Bremsen und plötzliche Kurven zurückzuführen sein dürften. Der blaue Chevrolet ist an verschiedenen Stellen verrostet, also kann sein Besitzer sich kein neues Auto leisten. Aber auf dem Beifahrersitz liegt ein Hochglanzmagazin über Markenuhren. Die sportliche Notarin reitet, spielt Tennis und betreibt Nordic Walking. Das beweisen die diversen Utensilien auf dem Rücksitz. Und da sie befürchtet, dass man ihr die Sachen klaut, hat sie das Verdeck trotz der Hitze geschlossen.«

»Ich bereue die Frage«, sagte Peter. »Lasst uns reingehen und unsere Millionen abholen.«

Im Inneren des Gebäudes empfing sie die angenehme Kühle klimatisierter Flure. Der Portier in seinem verglasten Raum musterte sie misstrauisch, aber als sie ihm ihre Namen nannten und ihre Ausweise vorzeigten, nickte er. »Geradeaus, erster Flur rechts. Büro Fenton & Walters, Zimmer 109. Bitte warten Sie, bis Mrs Fenton Sie hereinruft.«

Vor Zimmer 109 warteten zwei Männer. Beide trugen dunkle Anzüge, aber damit endete ihre Ähnlichkeit. Der eine war etwa fünfzig Jahre alt, groß und massig. Er hatte einen Stiernacken und sah aus wie ein ehemaliger Preisboxer. Schon auf fünf Schritte Entfernung roch er nach Zigarettenqualm. Der andere war Mitte sechzig, schlank und gepflegt, mit sauber geschnittenen grauen Haaren und der würdevollen Miene eines englischen Butlers. Beide sahen den drei ??? entgegen. Der ältere Mann nickte ihnen freundlich zu, aber das Gesicht des anderen verfinsterte sich, je näher sie kamen.

»Guten Tag«, sagte Justus höflich. »Warten Sie auf die Testamentseröffnung von Mr Shreber?«

»Ja«, sagte der ältere Herr. »Mein Name ist –«

»Und was geht euch das an?«, bellte der Preisboxer. »Wer seid ihr? Was habt ihr hier zu suchen?«

»Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews«, antwortete Justus unverändert höflich. »Wir sind von Mrs Fenton vorgeladen worden.«

»Wie?« Das vierschrötige Gesicht lief rot an. »Was habt ihr mit meinem Schwiegervater zu schaffen? Ich habe euch noch nie im Leben gesehen! Wahrscheinlich haben diese verdammten Bürokraten wieder irgendeinen Fehler gemacht. Verschwindet!«

»Nein, Sir«, sagte Justus. »Wir haben hier einen Termin und gedenken ihn wahrzunehmen. Es tut mir leid, wenn Ihnen das nicht gefällt, aber –«

In diesem Moment öffnete sich die Tür des Büros und eine Dame mittleren Alters im schicken grauen Kostüm trat auf den Flur. »Mr Andrews, Mr Dempster, Mr Jonas, Mr Mason und Mr Shaw? Mein Name ist Carla Fenton. Bitte kommen Sie doch herein.«

»Sie!«, blaffte der Mann. »Sie haben diese Jungen eingeladen? Warum? Wer sind die? Was für ein verdammtes Spiel wird hier gespielt?«

»Die Jungen wurden im Testament Ihres Schwiegervaters namentlich genannt, Mr Dempster«, antwortete die Notarin sachlich. »Bitte kommen Sie herein, es wird sich alles klären.«

Ohne ein weiteres Wort stapfte der Mann an ihr vorbei. Mr Mason zögerte, als sei er nicht sicher, ob er wirklich noch mehr Zeit in der Gegenwart dieses Menschen verbringen wollte, und kam dann näher. Die Herren Andrews, Jonas und Shaw folgten und lächelten Mrs Fenton liebenswürdig an. Sie lächelte kurz und berufsmäßig zurück und schloss die Tür hinter ihnen.

Im Büro standen fünf Stühle vor einem ausladenden, modernen Schreibtisch, auf dem ein einzelner großer Briefumschlag und ein Brieföffner lagen. Mr Dempster setzte sich in die Mitte und zwang damit die anderen, sich um ihn herum zu gruppieren.

Mrs Fenton trat hinter den Tisch und nahm den Briefumschlag auf. »Ich begrüße Sie zur Testamentseröffnung des verstorbenen Mr Harry Shreber. Sie alle wurden von Mr Shreber namentlich in seinem Testament aufgeführt. Ich verlese nun das Testament im genauen Wortlaut.« Sie öffnete den Umschlag und nahm ein Blatt Papier heraus. »Ich, Harry Shreber, verfüge im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte Folgendes:

Meinem Sekretär Frank Mason vererbe ich als Dank für seine treuen Dienste tausend Dollar, die ihm bei der Testamentseröffnung bar auszuzahlen sind und die ich diesem Umschlag beilege. Danke für die Hilfe, Frank.

Mein Haus und mein gesamtes restliches Barvermögen vererbe ich, weil es ja verdammt noch mal sein muss, meinem Schwiegersohn Miles Dempster, der das Geld bis zur Volljährigkeit meines Enkels gefälligst anständig zu verwalten hat. Besonders viel ist es nicht, aber es sollte reichen, um dem Jungen ein Studium zu ermöglichen. Außerdem bekommt Miles Dempster die gesamte Möblierung des Hauses und allen Plunder, den ich in den letzten Jahrzehnten zusammengetragen habe. Viel Spaß beim Entrümpeln, Miles. Vielleicht ist Frank Mason bereit, dir bei der Organisation zu helfen, er ist ein Genie in solchen Dingen.

Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews vom Detektivbüro ›Die drei ???‹ aus Rocky Beach vererbe ich den Inhalt des beiliegenden Briefumschlags. Ich habe viel Gutes über euch gehört und bin sicher, ihr werdet das Richtige tun.

Harry Shreber, Glenview.«

Sie blickte auf. Mr Dempster war puterrot vor Wut. »Detektivbüro? Was ist das für ein Blödsinn?«

»Das ist kein Blödsinn.« Verärgert verzichtete Justus jetzt auf das höfliche ›Sir‹. »Wir haben schon eine ganze Reihe Fälle aufgeklärt. Wenn Sie unsere Visitenkarte sehen möchten –«

»Quatsch!«, bellte der Mann. »Detektivbüro! Wenn mein Schwiegervater Detektive gebraucht hätte, was nicht der Fall war, hätte er sich einen Profi geholt und nicht ein paar dahergelaufene Schuljungen! Was soll, das, Mrs Fenton? Was ist das für ein Briefumschlag? Was hatte der alte Fuchs damit vor? Ich will sehen, was drin ist, bevor Sie ihn den Jungen da geben!«

»Ausgeschlossen«, sagte Mrs Fenton. »Sie haben kein Anrecht auf diesen Umschlag. Wenn die Jungen Ihnen den Inhalt zeigen wollen, ist das eine andere Sache, aber er gehört nicht zu den Dingen, über die Sie verfügen können.«

»Das werden wir ja sehen«, sagte Mr Dempster wütend. »Ich sage Ihnen eins, Mädchen: Ich bin daran gewöhnt, meinen Willen durchzusetzen! Ist das klar?«

»Mr Dempster, ich bin Notarin und nicht Ihr ›Mädchen‹, und Ihr Wille interessiert mich erst, wenn es der Letzte Wille ist. Nehmen Sie das Erbe an oder nicht?«

»Muss ich ja wohl, wenn’s für den Jungen ist!« Mr Dempster stand auf und stieß den Stuhl zurück. »Sie da – Mason! Sie kriegen den Auftrag, den gesamten Krempel aus dem Haus zu verkaufen. Haben Sie mich gehört?«

Aber offenbar hatte er den stillen älteren Herrn falsch eingeschätzt. Mr Mason blickte zu ihm hoch und sagte sehr kühl: »Das heißt Mr Mason für Sie, Mr Dempster. Ich war der Sekretär Ihres Schwiegervaters. Das macht mich nicht zu Ihrem Leibeigenen. Kommen Sie erst einmal in diesem Jahrtausend an – dann können wir über die Entrümpelung reden.«

Mr Dempsters Gesicht färbte sich noch dunkler und es sah aus, als würde er gleich explodieren. Stattdessen drehte er sich um und stampfte aus dem Raum. Wahrscheinlich hätte er die Tür auch gerne zugeknallt, aber sie war mit einer hydraulischen Bremsstange ausgestattet – vermutlich für genau so einen Fall – und schloss sich sanft, langsam und beinahe lautlos hinter ihm.

Als der unsympathische Kerl weg war, atmeten alle auf.

»Das war ja ein richtig erfreulicher Zeitgenosse«, sagte Bob sarkastisch.

»So etwas kommt leider immer wieder einmal vor«, sagte Mrs Fenton. »Hier ist euer Briefumschlag.«

»Vielen Dank.« Justus nahm den Umschlag, öffnete ihn und nahm einen Zettel heraus. »Kollegen, ich hatte recht. Mr Shreber hat uns keine Millionen vererbt, sondern ein Rätsel! Hört zu:

 

Liebe drei ???,

 

ihr fragt euch sicher, was das alles zu bedeuten hat. Wahrscheinlich werdet ihr trotz eurer unbestreitbaren Berühmtheit nicht oft zu Testamentseröffnungen wildfremder Leute eingeladen. Aber ich habe von meinem Freund Ben Peck und aus anderen Quellen viel Gutes über euch gehört und glaube, dass ihr die Richtigen seid, um einen Fehler wiedergutzumachen, der vor vielen Jahren begangen wurde. Es wird allerdings nicht leicht. Um meine Feinde zu verwirren, verberge ich meine Hinweise in diesem Rätsel:

 

John Fisher bekam zwar Geld dafür,

doch es gehört noch immer mir.

Maruthers gibt, zu meinem Kummer,

es euch zurück nicht ohne Nummer.

Die Nummer aber findet man

nur, wo man sie nicht suchen kann.

Zwar kennt sie das, was einst geflogen,

doch seine Antwort ist gelogen.

Habt ihr den Gegenstand entdeckt,

nehmt das, was ich in ihm versteckt.

Fragt Ismael nach Moby Dick

und geht den Weg, den er euch schickt.

Euch geb ich meine Schuld zum Erbe,

damit ich nicht ganz ehrlos sterbe.

Doch warn ich euch noch mit Bedacht:

Nehmt vor Rashura euch in Acht.

 

1: 987 774

 

Ich hoffe sehr, dass ihr es lösen könnt. Wenn ihr etwas nicht versteht, zögert nicht, euch an Frank Mason zu wenden, der mein vollstes Vertrauen besitzt.

 

Ich weiß, ihr werdet das Richtige tun. Ich danke euch.

 

Harry Shreber.«

 

»Großartig«, sagte Peter. »Da haben wir unseren Fall, und ich habe kein einziges Wort verstanden. Das sind doch mal wieder die besten Voraussetzungen!«

»Ihr seid wirklich Detektive?«, fragte Mr Mason, der mit verwunderter Miene zugehört hatte.

»Allerdings«, sagte Justus. »Hier ist unsere Karte.« Er zog die Visitenkarte der drei ??? aus der Tasche und reichte sie ihm.

 

Visitenkarte

 

Auch Mrs Fenton bekam eine Karte. »Interessant«, sagte sie. »Was bedeuten die drei Fragezeichen?«

»Das ist unser Markenzeichen«, antwortete Justus. »Das Fragezeichen ist das universelle Symbol des Unbekannten. Es steht für Rätsel, ungelöste Fragen und Geheimnisse, die wir untersuchen. Und wir haben schon eine ganze Menge Rätsel gelöst.«

»Und ihr meint, ihr könnt auch das Rätsel lösen, das euch Mr Shreber hinterlassen hat?«

»Wir werden es auf jeden Fall versuchen«, sagte Justus. »Fällt Ihnen vielleicht etwas ein, das uns weiterhelfen könnte?«

»Die Namen sind mir alle unbekannt. Ich kenne nur Moby Dick, das ist ein Roman von Herman Melville, in dem ein Mann namens Ahab einen weißen Wal jagt. Ismael ist der Name des Ich-Erzählers. Wenn ihr ihn befragen sollt, heißt das vielleicht, dass ihr das Buch lesen sollt, um einen Hinweis zu bekommen.«

»Vielen Dank«, sagte Justus. »Mr Mason, können Sie uns vielleicht auch helfen? Als Sekretär von Mr Shreber müssten Sie doch eine ganze Menge über ihn wissen.«

Mr Mason zögerte. »Nun«, sagte er endlich, »vielleicht weiß ich wirklich etwas.« Er sah die Jungen an und lächelte. »Und das lässt sich am besten bei einem Eis besprechen. Ich lade euch ein, wenn ihr wollt. Schließlich habe ich gerade eine Erbschaft gemacht.«

Die drei ??? nickten begeistert und Peter meinte mit einem breiten Grinsen: »Bevor wir uns schlagen lassen …«

Die Notarin händigte Mr Mason den Umschlag aus. Er warf einen kurzen Blick hinein, nickte und unterschrieb die Quittung, die sie ihm vorlegte. »Danke.«

»Gern geschehen«, sagte Mrs Fenton. »Mr Shreber muss Sie sehr geschätzt haben, Mr Mason. Ich wünsche Ihnen – und euch – noch einen schönen Tag. Und viel Erfolg bei der Lösung eures Rätsels!«

Sie verließen das Gerichtsgebäude durch den Haupteingang, überquerten die Straße, setzten sich in die Eisdiele und vertieften sich sofort in die Eiskarte. Justus, Bob und Mr Mason entschieden sich für je eine große Portion Eis mit Sahne, nur Peter schwankte zwischen dem Spaghetti-Eis und dem Bananen-Split. Erst ein paar wütende Blicke versetzten ihn in die Lage, das Spaghetti-Eis zu bestellen.

»So, Mr Mason«, sagte Justus dann und blickte den Sekretär erwartungsvoll an. »Was können Sie uns zu dem Rätsel sagen?«

»Vielleicht liege ich ganz falsch«, meinte Mr Mason. »Aber bei der Zeile ›Zwar kennt sie das, was einst geflogen‹ ist mir etwas eingefallen, das vielleicht passen könnte. Doch das möchte ich euch lieber direkt zeigen, sonst glaubt ihr es mir wahrscheinlich gar nicht. Wie wäre es, wenn ihr morgen früh zu Mr Shrebers Haus kommen würdet?«

Die drei ??? waren sofort einverstanden.

»Kennen Sie die Namen aus dem Rätsel?«, fragte Bob. »Fisher, Maruthers und Rashura?«

»Nein, ich glaube nicht. Fisher ist natürlich ein Allerweltsname, aber ich kenne keinen Bekannten von Mr Shreber, der so heißt. Und die anderen beiden Namen habe ich noch nie gehört.«

Eine junge Frau brachte die Eisbecher und die vier Erben begannen genüsslich zu essen. »Können Sie uns denn etwas über Mr Shreber erzählen?«, fragte Justus. »Da er uns nun posthum beauftragt hat –«

»Aha!«, unterbrach Peter. »Darauf habe ich doch die ganze Zeit gewartet. Augenblick …« Er zog ein kleines Buch aus der Hosentasche und fing an, darin zu blättern.

»– wäre es nützlich, mehr über ihn zu wissen«, beendete Justus seinen Satz und blickte Peter irritiert an. »Auf was hast du gewartet?«

»Darauf, dass du mal wieder Wörter verwendest, die kein normaler Mensch versteht. Moment, ich hab es gleich. Paternoster … Petrifikation … posthum, da ist es. ›Nach jmds. Tode erfolgt‹. Bestens.« Er klappte das Buch zu und steckte es wieder ein. »Ich bin es nämlich leid, andauernd nachzufragen und mir wie ein Trottel vorzukommen. Ab sofort gucke ich hier drin nach.«

»Klingt gut«, sagte Bob. »Peter, die Bildungsbestie.«

»Tja, es wird nämlich Zeit, dass ihr meine wahren Qualitäten mal zu würdigen lernt.«

Justus grinste. »Wirklich beeindruckt werde ich sein, wenn du ganz beiläufig im Gespräch damit um dich wirfst.«

»Nö«, sagte Peter, »das überlasse ich gerne dir. Mir reicht es dann, wissend zu lächeln. Zurück zu Mr Shreber?«

Mr Mason hatte ihnen schmunzelnd zugehört. Jetzt nickte er. »Ja, Harry Shreber. Was wollt ihr wissen?«