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Geisterbucht
Teil 3
Der brennende Kristall

erzählt von Astrid Vollenbruch

Kosmos

 

 

 

 

 

Umschlagillustration von Silvia Christoph, Berlin

Umschlaggestaltung von eStudio Calamar, Girona, auf der Grundlage der Gestaltung von Aiga Rasch †

 

 

 

Unser gesamtes lieferbares Programm und viele weitere Informationen zu unseren Büchern, Spielen, Experimentierkästen, DVDs, Autoren und Aktivitäten finden Sie unter www.kosmos.de

 

 

 

 

© 2010, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Mit freundlicher Genehmigung der Universität Michigan

 

Based on characters by Robert Arthur.

 

ISBN 978-3-440-12477-2

Redaktion: Martina Dold, Martina Zierold

Produktion: DOPPELPUNKT, Stuttgart

eBook-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Ein neuer Fund

Es wurde eine sehr stille Rückfahrt. Nachdem die Coronado die drei ??? wieder im Hafen abgesetzt hatte, waren sie von der Militärpolizei abgeholt und eine Stunde lang befragt worden. Anschließend übergab man sie Sergeant Madhu, der sie nach Rocky Beach zurückbrachte. Auch er sagte sehr wenig. Erst als er vor dem Tor des Schrottplatzes anhielt, drehte er sich zu ihnen um. »Vergesst die ganze Sache. Glaubt mir, es ist am besten. Dieser Fall ist nichts für Kinder.«

»Wir sind keine Kinder«, sagte Justus störrisch.

»Ja, schon gut. Dann eben Jugendliche, ich will mich nicht streiten. Und ihr wart ja auch ganz tüchtig. Aber das ist jetzt vorbei. Jagt lieber wieder entflogenen Papageien und dergleichen nach.«

Justus ignorierte das. »Was werden Sie jetzt unternehmen?«

»Ich? Ich habe meinem Vorgesetzten einige Dinge zu erklären, aber darüber hinaus kann ich jetzt noch gar nichts sagen. Doch das betrifft euch jetzt nicht mehr. Also, ich wünsche euch alles Gute. Auf Wiedersehen!«

Sie stiegen aus und warfen die Türen zu. Sergeant Madhu gab Gas und der Streifenwagen rollte davon.

Als er um die Ecke verschwunden war, sagte Justus: »Kommt, Kollegen!«

»Wohin?«, fragte Bob.

»In die Zentrale natürlich. Wir haben einiges zu besprechen.«

»Du meinst, unseren ersten grandiosen Misserfolg?«, fragte Peter verbittert. »Die Pleite des Jahrhunderts? Die totale Katastrophe?«

»Das auch, wenn du darauf bestehst. Aber hauptsächlich sollten wir besprechen, wie wir jetzt weiter vorgehen.«

»Ich höre wohl nicht recht?«, rief Bob. »Just, das Einzige, was wir mit diesem Fall noch machen können, ist, ihn zu den Akten zu legen! Abheften, eintüten, wegpacken und vergessen!«

»Das sehe ich aber ganz anders«, sagte Justus.

»Das kannst du sehen, wie du willst, aber es ändert nichts an den Tatsachen. Dir macht es vielleicht nichts aus, dass da gerade mehrere Leute mit einem Schiff untergegangen sind, mir aber schon! Und es macht die Sache nicht leichter, dass drei davon Verbrecher waren und der Vierte sie in eine Falle gelockt hat. Außerdem haben wir letzte Nacht kaum geschlafen und ich möchte mich jetzt gerne in mein Bett verkriechen und von diesem Fall nie wieder etwas hören oder sehen!«

»Ich auch nicht«, sagte Peter. »Ich geh jetzt.«

»Schön«, gab Justus nach, »dann treffen wir uns also morgen Vormittag und besprechen, was wir alles übersehen haben. Bis dann!«

»Was?«, begann Peter. »Aber –« Doch Justus hatte sich schon umgedreht und marschierte zum Haus.

Peter und Bob sahen einander an. »Sag mal«, meinte Peter, »haben wir nicht gerade eben gesagt, dass wir von diesem Fall nichts mehr wissen wollen?«

»Dachte ich auch. Aber überrascht es dich wirklich, dass wir damit nicht durchgekommen sind?«

»Nein«, sagte Peter. Und nach einer langen Pause: »Haben wir denn etwas übersehen? Und selbst wenn – würde das jetzt noch etwas nützen?«

»Weiß ich nicht.« Bob zog eine Grimasse. »Darauf hat er natürlich gewettet – dass wir neugierig werden und morgen wirklich kommen, um es herauszufinden.«

»Wir sollten ihm eins auswischen und morgen nicht kommen.«

»Genau.«

Schweigend gingen sie weiter und erreichten kurz darauf die Straßenecke, an der sie sich trennten.

»Tja«, sagte Peter schicksalsergeben. »Bis morgen dann!«

Am folgenden Nachmittag betrat Peter die Zentrale und prallte gleich wieder zurück. »Justus! Sag mal, wofür hat Gott eigentlich Fenster erschaffen?«

»Hm?« Justus blickte vom Computer auf. »Was? Oh, ach so. Die Fenster nützen hier sowieso nichts, weil kein Wind durchkommt, und außerdem bin ich der Meinung, dass eine konzentrierte Atmosphäre der konzentrierten Gedankenarbeit zuträglich ist.«

»›Konzentrierte Atmosphäre‹ ist gut – die Luft hier drin ist zum Schneiden!« Peter riss die beiden Fenster auf und schaltete den Ventilator ein, den der Erste Detektiv vor Kurzem aus drei Plastikpaddeln und einem kleinen Motor zusammengebaut hatte. Dann beförderte er die drei leeren Pizzakartons vom Sessel auf den Boden und setzte sich. »Hast du wenigstens eine für uns mitbestellt?«

»Eine was?«

»Pizza.«

»Nein, warum? Bekommt ihr zu Hause nichts zu essen?«

»Du jedenfalls nicht, wenn man sich das so ansieht.«

»Wie kommst du denn darauf? Im Gegenteil, Tante Mathilda hat heute Morgen Pfannkuchen mit Ahornsirup gebacken. Die waren beinahe so gut wie ihr Kirschkuchen.«

»Und ich nehme an, dass auch davon nichts für uns übrig geblieben ist.«

Missbilligend schüttelte Justus den Kopf. »Peter, du solltest nicht immer nur ans Essen denken.«

Peter schnaubte. »Ich werd’s versuchen! Ist denn bei deiner konzentrierten Gedankenarbeit wenigstens irgendetwas herausgekommen?«

»Selbstverständlich. Aber ich warte noch auf Bob, um meine Erkenntnisse nicht doppelt vortragen zu müssen.«

»Bin schon da.« Bob klappte die Falltür im Boden hoch und kletterte heraus. »Und gleich fürs Protokoll: Ich habe Ärger mit meinen Eltern. Meine Mutter ist nämlich überhaupt nicht der Meinung, dass ich über Nacht wegbleiben sollte, ohne Bescheid zu sagen. Also habe ich behauptet, Mortons Wagen hätte eine Reifenpanne gehabt, weshalb wir unterwegs in einem Motel übernachten mussten, wo das Telefon kaputt war, so-dass … Sag mal, Justus, hörst du mir überhaupt zu?«

»Natürlich«, sagte Justus, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. »Du hast Ärger mit deinen Eltern und hast sie angeschwindelt. Sehr tadelnswert.«

Bob warf sich in seinen Sessel. »Klar, ich hätte ihr auch erzählen können, dass wir erst in einem Keller eingesperrt waren und dann zugesehen haben, wie ein gigantischer Flugzeugträger mit mehreren Leuten an Bord versenkt wurde. Das hätte ihr bestimmt besser gefallen.«

»Sie waren nicht an Bord«, sagte Justus, zog einen Zettel und einen Stift zu sich heran und schrieb etwas auf.

Wie vom Donner gerührt starrten Peter und Bob ihn an.

»Sie waren … nicht … an Bord?«, wiederholte Peter. »Aber –«

»Aber wir haben doch gesehen –«, begann Bob.

Justus nickte und schaute seine beiden Freunde jetzt endlich an. »Wir haben aus dem, was wir gesehen haben, die falschen Schlüsse gezogen. Hauptsächlich deswegen, weil wir die menschliche Natur außer Acht gelassen haben.«

»Und das möchtest du uns jetzt bestimmt gerne erklären.«

»Richtig, Bob.« Justus lehnte sich zurück. »Ich möchte übrigens anmerken, dass ich nicht daran zweifle, dass Ismael die drei Verbrecher wirklich in eine Falle locken wollte. Und vielleicht war es ihm sogar so wichtig, dass er bereit war, dafür sein eigenes Leben zu riskieren. Aber konnte er wirklich erwarten, dass sie nicht merken würden, dass mit der Leviathan etwas nicht stimmte? Schiffe, die versenkt werden sollen, werden vorher komplett entkernt – alles, was beweglich, nützlich oder umweltschädlich ist, wird herausgeholt, bis nur noch eine leere Metallhülle übrig ist. Schließlich soll das Wrack ein Riff werden, in dem sich Fische und Korallen ansiedeln – und dazu sollte es vorher möglichst keine Umweltkatastrophe durch auslaufendes Öl oder sonstige Giftstoffe verursacht haben. Außerdem dürften die Sprengladungen an Bord so gigantisch gewesen sein, dass nicht einmal die goldgierigsten Verbrecher sie übersehen konnten.«

Bob runzelte die Stirn. »Gut, aber das hätten sie alles erst gesehen, nachdem sie an Bord waren.«

»Stimmt«, sagte Justus. »Aber dafür mussten sie erst einmal an Bord kommen. Habt ihr euch den Rumpf der Leviathan angesehen? An der Stelle, an der das Boot angebunden war, ging der Rumpf v-förmig mindestens zwanzig Meter nach oben. Ohne Leiter oder Seil wäre niemand in der Lage gewesen, da hochzuklettern.«

»Aber wenn sie weder im Boot noch auf dem Schiff waren«, fragte Peter, »wo waren sie dann?«

»Im sicheren Gewahrsam der Navy, nehme ich an«, antwortete Justus. »Erinnert ihr euch an den Admiral, der sagte, es sei niemand an Bord? So etwas sagt man nicht einfach, ohne es überprüft zu haben. Die Leviathan dürfte recht gut bewacht gewesen sein, und als ehemaliger Angehöriger der Navy muss Ismael das gewusst haben. Ich glaube, dass er, Smith, Taylor und Angelica noch in der Nacht von einem Patrouillenboot entdeckt wurden, als sie ihr Boot gerade festgemacht hatten. Sie wurden eingepackt und mitgenommen. Und uns erklärte man natürlich gar nichts – Sergeant Madhu aber schon. Und er sagte uns auch nichts, weil er uns aus dem Weg haben wollte. Denn seiner Meinung nach ist dieser Fall ja nichts für Kinder

»So, wie du das sagst, klingt es ziemlich logisch«, sagte Peter. »Warum haben wir nicht früher darüber nachgedacht? Ich habe mich gestern halb verrückt gemacht, weil wir Ismael und die anderen nicht retten konnten – und dabei waren sie gar nicht an Bord! Hättest du uns das nicht früher sagen können? Das hätte zumindest mir eine scheußliche Nacht erspart!«

»Mir auch«, sagte Bob.

»Wenn ich gehässig wäre, würde ich jetzt sagen: Ich wollte es euch gestern erklären, aber ihr wolltet ja nicht mit in die Zentrale kommen. Da ich aber nicht gehässig bin, sage ich es nicht.«

»Ich bin so froh, dass du nicht gehässig bist«, knurrte Bob. »Also gut. Wie gehen wir jetzt weiter vor?«

»Ich habe schon versucht, Ismael anzurufen, aber leider konnte ich ihn noch nicht erreichen. Also sollten wir uns weiter darauf konzentrieren, den Stern von Kerala zu finden.«

»Aber warte mal«, sagte Peter. »Wenn die Leviathan entkernt worden ist, ist doch der Stein wahrscheinlich gar nicht mehr an Bord! Bestimmt hat Ismael ihn längst herausgeholt und irgendwo anders versteckt!«

»Das glaube ich erst, wenn ich es sicher weiß. Warum sollte Ismael uns all diese Hinweise auf die Leviathan geben und sich sogar als verrückter Prophet verkleiden, wenn die Spur falsch wäre? Irgendwo an Bord des Flugzeugträgers muss noch etwas sein, das uns weiterhilft.«

»Großartig«, sagte Bob. »Also wollte er uns in eine verminte Todesfalle locken? Das steigert meine Begeisterung für diesen Fall gerade ins Unermessliche.«

Justus schüttelte den Kopf. »Nein, ich glaube, er wollte uns helfen, an Bord zu kommen, bevor es gefährlich wurde. Aber leider haben wir zu viel Zeit verloren. Und dann sind uns Smith und seine Handlanger zuvorgekommen.«

»Aber die Navy wird doch kaum einen ihrer eigenen Leute verhaften«, wandte Peter ein. »Selbst wenn sie Smith und die anderen eingesperrt haben, ist Ismael doch bestimmt schon wieder frei. Vielleicht ist er danach noch schnell an Bord gegangen und hat den Stein, den Hinweis oder was immer es war herausgeholt.«

»Das sind mir zu viele Vielleichts«, sagte Justus. »Ich möchte mich lieber mit den Fakten befassen. Und zwar –«

Er brach ab. Obwohl sich keiner von ihnen bewegt hatte, schwankte die Zentrale. Sie saßen mucksmäuschenstill und lauschten. Wieder schwang der uralte Campinganhänger leicht hin und her und über ihnen verrutschte ein Stück Metall.

»Da ist jemand auf dem Dach!«, flüsterte Peter. »Ist das Jim?«

»Nein, heute ist Sonntag«, flüsterte Justus zurück. »Und ein Erwachsener würde viel mehr Lärm machen und durchbrechen.«

Bob begann: »Aber wenn er auf dem Dach ist, entdeckt er vielleicht unsere –«

Knirschend öffnete sich über ihnen eine Luke und gleißendes Sonnenlicht strömte herein.

»– Dachluke«, beendete Bob seinen Satz. Geblendet blinzelten die drei ??? nach oben. Ein Kopf wurde sichtbar, aber wem er gehörte, erkannten sie erst, als er sprach.

»Hier seid ihr! Ich hab euch reden gehört, aber ich konnte euch nirgends finden! Mann, ist das ein Campinganhänger unter all dem Schrott?«

»Nein, ein Unterseeboot«, antwortete Bob verärgert. »Hallo, Gerry. Was hast du da oben auf dem Dach zu suchen?«

»Euch natürlich, was sonst? Kann ich reinkommen?«

»Nein«, sagte Justus scharf. »Warte beim Flugzeug auf uns! Wir kommen raus.«

»Na schön«, sagte Gerry enttäuscht und klappte die Luke etwas fester als nötig zu. Wieder schwankte die Zentrale, als er über den Schrottberg kletterte.

»Warum wolltest du ihn denn nicht hereinlassen?«, fragte Peter.

»Weil das hier erstens unsere geheime Zentrale ist«, antwortete Justus, »und weil ich zweitens nicht möchte, dass ein Fremder uns zuhört, wenn wir über einen Fall reden.«

»Aber vielleicht hat er irgendeine Information für uns!«

»Die kann er uns auch draußen mitteilen.« Justus stand auf. »Aber solange ich nicht sicher bin, wer hier auf welcher Seite steht, bin ich lieber vorsichtig.«

Sie verließen die Zentrale durch das Kalte Tor und umrundeten den Schrottberg, unter dem die Zentrale verborgen war. Zwischen dem Schrott und dem hinteren Zaun standen das alte Militärflugzeug, Gerry mit einer Plastiktüte in der Hand und Tante Mathilda, die den drei ??? missbilligend entgegenschaute.

»Justus! Hattest du mir nicht versprochen, dass ihr diesen verrosteten Metallhaufen wieder auf Hochglanz bringen würdet? Und stattdessen treibt ihr euch wer weiß wo herum! Glaubst du vielleicht, das Ding entrostet sich von selbst? Und wann findet ihr dafür endlich einen Käufer?«

»Wir arbeiten daran, Tante Mathilda!«, versicherte Justus.

»So?«, schnaubte seine Tante. »Das möchte ich sehen. Dahinten sind die Stahlbürsten, ihr könnt sofort anfangen!«

»Stahlbürsten?«, rief Bob entsetzt. »Für ein zwölf Meter langes Flugzeug?«

»Ja, glaubst du, ich erlaube euch, am Sonntag die Flex zu benutzen? Nein, euch kann ein bisschen richtige Arbeit nur guttun!«

»Aber Tante Mathilda«, begann Justus, »es ist Sonntag …«

»Und morgen ist Montag und ihr verbringt den halben Tag in der Schule. Dieses Flugzeug blockiert jetzt seit zwei Wochen den gesamten Hof, und damit ist jetzt Schluss. Wenn ihr es in der nächsten Woche nicht loswerdet, kommt es in die Schrottpresse. Ich weiß sowieso nicht, was sich dein Onkel dabei gedacht hat, als er dir erlaubte, es herzubringen.«

Wenn Justus’ Tante erst einmal eine solche Laune hatte, war jeder Widerspruch zwecklos. Also trottete Peter zur Werkstatt und fischte drei Stahlbürsten aus der Werkzeugkiste am Schuppen. Aber weil Tante Mathilda ebenso gutherzig wie energisch war, sagte sie: »Zumindest eine Stunde. Bis Mittag. Dann gibt es etwas Gutes zu essen, und Getränke bringe ich euch gleich raus. Abgemacht?«

Schlagartig besserte sich die Laune der drei ???. »Abgemacht!«, rief Justus. »Danke, Tante Mathilda!«

Sie ging zum Haus zurück und Justus, Peter und Bob drehten sich zu Gerry um, der den Wortwechsel stumm verfolgt hatte. »Ist deine Tante immer so streng?«, erkundigte er sich unbehaglich bei Justus.

»So etwas nennst du streng?«, sagte Peter. »Das war noch gar nichts. Du solltest sie mal sehen, wenn sie ihn um fünf Uhr morgens aus dem Bett scheucht, um brennende Autoreifen auseinanderzureißen oder Einbrecher zu verfolgen. Dann ist sie streng. Hier, fang!« Er warf dem überraschten Jungen eine der Stahlbürsten zu und Gerry fing sie hastig auf, wobei ihm beinahe seine Plastiktüte herunterfiel. »Du kannst uns helfen. Das Flugzeug ist ja schließlich dein Baby.«

»Was machst du eigentlich hier?«, fragte Justus, während Peter sich eine neue Bürste holte.

»Ich habe etwas gefunden«, antwortete Gerry. Er klemmte die Stahlbürste unter den Arm, griff in seine Tüte und holte etwas heraus: ein Modellflugzeug. Es war die winzige Nachbildung der Maschine, die wie ein Urzeitmonster hinter ihnen aufragte. Farben, Aufschrift, alles stimmte überein, nur war das minikleine Plastikcockpit noch völlig intakt und auf den Rost hatte der Hersteller auch verzichtet.

»Niedlich«, sagte Justus. »Und?«

»Na ja«, sagte Gerry. »Da war ein Schlüssel drin.«

Ein neuer Plan

»Ein Schlüssel?« Verblüfft starrten die drei ??? ihn an. »Und wo ist er?«, fragte Justus.

»Das ist ja das Problem. Seht mal …« Gerry drehte das Modellflugzeug um und nahm eine kleine Klappe hinter der Radaufhängung ab. Der Rumpf war zur Hälfte mit einer Gipsmasse ausgegossen, in der deutlich der Abdruck eines Schlüssels zu erkennen war. An den Rändern des Abdrucks war der Gips zersplittert, als sei er mit einem Schraubenzieher bearbeitet worden. »Jemand hat ihn herausgebrochen.«

»Sieht so aus«, sagte Justus. »Woher hast du das Flugzeug?«

»Das ist ja das Komische. Ich war noch mal beim Haus meines Großvaters … Ich wollte mir ansehen, wie es aussieht, wenn es leer ist. Natürlich konnte ich nicht rein, aber als ich in den Garten ging, sah ich, dass oben am Balkon ein Fenster kaputt war. Also dachte ich, ich klettere einfach mal hoch und gucke, ob ich reinkomme. Ist doch nichts dabei, oder? Schließlich gehört das Haus sozusagen mir – jedenfalls so lange, bis es verkauft ist!«

»Schon gut«, sagte Justus. »Wie ging es weiter?«

»Ja, ich kletterte also hoch, und gerade als ich durch das Fenster klettern wollte, hörte ich –«

»Also ich höre deine Tante kommen, Just«, unterbrach Bob hastig. »Wir sollten lieber ein bisschen arbeiten!«

In Windeseile verteilten sich die vier um das Flugzeug und begannen eifrig am Rost herumzukratzen. Es war nicht anzunehmen, dass das Ergebnis Tante Mathilda überzeugte, aber merkwürdigerweise schimpfte sie nicht, sondern stellte nur ein Tablett mit Mineralwasser und vier Gläsern im Schatten ab.

Immerhin hörten sie nicht sofort wieder auf zu arbeiten, sobald sie fort war. Während sie an dem riesigen Rumpf herumkratzten, erzählte Gerry weiter. »Also, ich stand oben auf dem Balkon, als ich ein Auto hörte. Es hielt neben dem Haus an und ein Mann stieg aus. Er ging zum Zaun – also dahin, wo früher der Zaun war – und warf den Karton einfach in den Garten. Da liegt mittlerweile schon einiges an Müll. Dann fuhr er wieder weg. Ich kletterte natürlich sofort runter und sah mir den Karton an. Es waren lauter Modellflugzeuge drin und einige waren kaputtgegangen. Es war nichts Besonderes dran, nur an der Skyraider, die ich euch gezeigt habe. Ich dachte, vielleicht interessiert es euch – wo ihr doch Detektive seid und ich bei euch wegen der Zettelsache noch etwas gutzumachen habe.«

Justus nickte. »Sehr gut, Gerry. Kanntest du den Mann?«

»Nein, ich hab ihn noch nie gesehen.«

»Wie sah er denn aus?«, fragte Bob – ohne große Hoffnung, da Gerry sich schon einmal als miserabler Beobachter erwiesen hatte. Doch der Junge überraschte ihn.

»Er war noch ziemlich jung – etwa Mitte zwanzig. Kurze, blonde Haare. Und er fuhr einen silbernen Sportwagen.«

»Der Sohn des Bürgermeisters von Waterside!«, rief Peter. »Ich habe den Namen vergessen, aber das muss er sein!«

»Fisher«, half Bob aus. »Curtis Fisher. Also war er wirklich derjenige, der den Karton damals gestohlen hat!«

»Daran haben wir ja nicht gezweifelt«, sagte Justus, während er eine große Rostfläche am Rumpf bearbeitete. »Doch möglicherweise haben wir da ebenfalls etwas vergessen – wir hätten diesem Curtis Fisher mal etwas auf den Zahn fühlen sollen. Aber nachdem wir den Briefumschlag hier drin gefunden hatten, dachte ich, wir könnten den Diebstahl der Modellflugzeuge ignorieren. Offenbar habe ich mich da geirrt.«

»Und wenn es Zufall ist?«, fragte Peter. »Vielleicht hat dieser Gipsabdruck gar nichts mit unserem Flugzeug zu tun.«

»Vielleicht«, sagte Justus. »Es gehört eben auch zur Detektivarbeit, dass man manchmal falschen Fährten folgt. Aber ich frage mich, ob uns das kleine Modell nicht vielleicht etwas über das große sagen soll.« Er duckte sich unter das Flugzeug und musterte den Rumpf hinter dem Radkasten. »Das habe ich mir doch gedacht. Hier ist eine Klappe! Gut verschraubt und fast unsichtbar. Das sehen wir uns mal genauer an!«