Die Drei Fragezeichen
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Botschaft von Geisterhand

erzählt von André Marx

Kosmos

Umschlagillustration von Silvia Christoph

Umschlaggestaltung von eStudio Calamar, Girona, auf der Grundlage

der Gestaltung von Aiga Rasch (9. Juli 1941 – 24. Dezember 2009)

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© 2014, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Mit freundlicher Genehmigung der Universität Michigan

Based on characters by Robert Arthur.

ISBN 978-3-440-12500-7

eBook-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Für Heiko,
der das Trojanische Pferd baute
und die Falle zuschnappen ließ.

Der Tote in der Wüste

»Er ist ermordet worden.« Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.

Justus lächelte geheimnisvoll und schüttelte den Kopf.

»Er ist nicht ermordet worden?«

Ein Nicken.

»Aber das ergibt keinen Sinn! Niemand würde sich freiwillig in der Wüste nackt ausziehen! Jemand muss ihn getötet und seine Sachen gestohlen haben.«

Peter wartete auf eine Reaktion, doch Justus sagte nur: »Das war keine Frage.«

Der Zweite Detektiv verdrehte die Augen. »Also schön: Hat jemand seine Sachen gestohlen?«

»Nein.«

»Hat der Tote sich freiwillig ausgezogen?«

»Ja.«

Peter schüttelte verwirrt den Kopf. »Das ist absurd.«

»Nicht unbedingt. Es gibt Situationen, in denen es Sinn macht, sich in der Wüste seiner Kleidung zu entledigen.«

»Mir fällt keine ein.« Ratlos stützte Peter sein Kinn auf die Hand und blickte sich in der Zentrale um, als wäre hier des Rätsels Lösung versteckt. Die Zentrale war das Büro von Justus, Peter und Bob, den drei Detektiven. Ein Außenstehender hätte es jedoch nie als solches erkannt, denn es war im Inneren eines uralten, verstaubten Campinganhängers eingerichtet, der auf dem Schrottplatz von Justus’ Onkel Titus stand. Doch der baufällige Eindruck, den der Wagen auf den ersten Blick machte, trog: Die Zentrale war hochmodern eingerichtet. Im Laufe der Zeit hatten die drei ??? alles zusammengetragen, was ein richtiges Detektivbüro benötigte: angefangen von einem Kriminallabor im hinteren Teil des Wagens über einen eigenen Telefonanschluss bis hin zur komplett ausgestatteten Computeranlage. Hier hatte schon so mancher Fall der drei ??? begonnen, hier hatten sie sich die Köpfe heißdiskutiert, hier hatten sie das glückliche Ende eines Abenteuers gefeiert.

Und nun sollte der Zweite Detektiv Peter Shaw einen Mord aufklären, ganz allein. Nein, laut Justus war es kein Mord, auch kein Unfall, aber da lag nun einmal ein nackter Mann tot in der Wüste und er musste herausfinden, was geschehen war. Sein Blick fiel auf den Kühlschrank. »Ist er verdurstet?«

»Nein.«

»Wurde er vergiftet?«

»Ich sagte doch schon, es war kein Mord.«

»Er wurde weder ermordet noch ist er verdurstet. Du nimmst mich auf den Arm, Just! Wie kann man denn sonst in der Wüste sterben?«

»Das sollst du ja herausfinden.«

Die Tür zur Zentrale wurde geöffnet und Bob Andrews betrat den Wagen. »Wer ist in der Wüste gestorben?«

»Hi, Bob. Ein Mann. Ein nackter Mann. Ein nackter Mann mit einem Stück Holz in der Hand. Mehr weiß ich auch nicht.«

Bob runzelte die Stirn. »Habe ich was verpasst? Haben wir einen neuen Auftrag?«

»Nicht wirklich. Wir üben nur.«

»Ich war der Meinung, es könnte Peter nicht schaden, sich ein wenig im logischen Denken und Kombinieren zu üben, zwei Fähigkeiten, die er immer schon gern vernachlässigt hat.«

Peter warf Justus einen giftigen Blick zu, doch dieser fuhr unbeirrt fort: »Da wir derzeit keinen Fall in Arbeit haben und es uns somit an kriminologischen Herausforderungen mangelt, habe ich mich dazu entschlossen, einen fiktiven Fall zu entwerfen.«

»Was Justus mit seinem geschwollenen Gerede sagen will, ist, dass er mir eine Situation vorgegeben hat und ich soll herausfinden, was geschehen ist: Ein Mann liegt tot in der Wüste, ist nackt und hat ein Stück Holz in der Hand. Warum? Ich darf Justus Fragen stellen, die er aber nur mit Ja oder Nein beantwortet. Ein Spiel, nichts weiter.«

»Eine Übung«, beharrte der Erste Detektiv.

»Klingt spannend«, fand Bob und setzte sich zu ihnen. »Und? Hast du schon was herausgefunden?«

»Er wurde nicht ermordet und ist nicht verdurstet. Und seine Kleidung wurde ihm nicht gestohlen. Das ist alles.«

»Das ist wenig. War es vielleicht ein Unfall?«

Justus schüttelte den Kopf.

»Kein Unfall? Wie soll das gehen? Wie kann man denn sonst noch sterben?«

»Ah, ich hab’s!«, rief Peter. »War der Mann krank?«

»Nein. Er erfreute sich bester Gesundheit.« Justus grinste.

»Komm schon, Just, verrat uns die Lösung«, bettelte Peter.

»Die Lösung verraten? Ihr habt ja noch nicht einmal an der Oberfläche des Rätsels gekratzt!«

»Selbstmord!«, rief Bob. »Es war Selbstmord!«

Der Erste Detektiv verzog das Gesicht. »Genau genommen, ja. Aber nicht im klassischen Sinne.«

»Nicht im klassischen Sinne? Was soll das denn nun wieder heißen?«

»Der Mann verursachte seinen Tod zwar selbst und mit Absicht, aber er war nicht lebensmüde.«

»He, du hast nicht mit Ja oder Nein geantwortet!«, rief Bob.

»Stimmt. Und deshalb gibt es jetzt auch keine Tipps mehr. Den Rest müsst ihr selbst herausfinden.«

»Gemein«, fand Peter.

»Lassen wir die Todesursache erst mal beiseite«, schlug Bob vor. »Vielleicht kommen wir ja anders drauf. Wie ist der Mann denn in die Wüste gekommen?«

»Ja.«

»Also schön. Ist er in die Wüste gewandert?«

»Nein.«

»Gefahren?«

»Nein.«

»Geritten?«

»Nein.«

»Geflogen?«

»Ja.«

»Sein Flugzeug ist abgestürzt!«, war Peter überzeugt.

»Nein.«

»Dann ist er gelandet, Sand kam ins Getriebe, er konnte nicht mehr starten und ist verdurstet.«

»Er ist nicht verdurstet, schon vergessen?«

»Ach ja.«

Bob kratzte sich am Kopf. »Ist das Flugzeug noch in der Nähe?«

»Nein.«

»Ist es weitergeflogen?«

»Nein.«

Peter stutzte. »Du willst uns doch auf den Arm nehmen, Just! Entweder ist es in der Wüste oder es ist weitergeflogen, eine andere Möglichkeit gibt es nicht.«

»Doch. Ihr denkt zu geradlinig. Ihr müsst etwas fantasievoller sein! Wie kommt ihr beispielsweise darauf, dass der Mann mit einem Flugzeug in die Wüste gekommen ist?«

»Weil du es gerade gesagt hast!«

»Nein. Ich habe gesagt, er ist geflogen! Von einem Flugzeug war nie die Rede.«

Peter seufzte. »Also war es gar kein Flugzeug?«

»Richtig.«

»Was denn sonst?«

»Das sollt ihr mir sagen.« Justus warf einen Blick aus dem Fenster und stand auf. »Zermartert euch schön weiter das Hirn, ich gehe mal kurz raus. Der Postbote ist gerade gekommen. Ich will sehen, ob was für uns dabei ist.« Justus verließ die Zentrale und trat auf den staubigen Schrottplatz hinaus, der an diesem Samstagvormittag gut besucht war. Tante Mathilda nahm gerade die Briefe entgegen.

»Hallo, Justus! Wundert mich, dass du dich aus eurem Wohnwagen heraustraust«, rief Tante Mathilda und zwinkerte ihm zu, als er näher kam. »Immerhin könnte es sein, dass ich deine Freunde und dich gleich als Arbeitskräfte einspanne.«

»Das würdest du sowieso tun«, erwiderte Justus gutmütig. »Ob wir uns nun in der Zentrale verstecken oder nicht: Wenn es Arbeit auf dem Schrottplatz gibt, können wir dir nicht entkommen.«

»Stimmt. Aber nachdem du versprochen hast, mich nächste Woche hier zu vertreten, wenn ich zum Arzt muss, sei dir ein freier Tag vergönnt. Oder sagen wir: ein freier Vormittag.«

»Wie gütig von dir. Ist Post für mich gekommen?«

Tante Mathilda blätterte die Umschläge durch. »Rechnungen, Werbung, Rechnungen, Werbung. Alle wollen nur unser Geld. Könnte nicht zur Abwechslung mal ein Lottogewinn dabei sein?«

»Dazu müsstest du Lotto spielen.«

»Hier ist ein Brief für euch.«

Justus nahm einen schlichten weißen Umschlag entgegen: ›An die drei ???‹. Die Adresse stand auf einem mit dem Computer gedruckten Aufkleber. Einen Absender gab es nicht. Aber auf der Rückseite war eine kleine Notiz: ›Wenn ihr wirklich Detektive seid, könnt ihr dieses Rätsel lösen.‹ Der Erste Detektiv eilte zurück zur Zentrale.

»Ist er mit einer Rakete geflogen?«, wurde er von Peter bestürmt, sobald er die Tür öffnete.

»Nein.«

»Mit einem Segeldrachen?«

»Nein.«

»Mit einem Fallschirm?«

»Nein.«

»Mit einem Ballon?«

»Ja.«

»Aha!«

»Für dich oder für uns?«, fragte Bob, als er den Umschlag in Justus’ Hand sah.

»Für uns. Kein Absender.« Der Erste Detektiv griff nach einer Schere und öffnete den Brief.

»Ist er allein mit dem Ballon geflogen?«

»Nein.«

»Hat der andere ihn aus dem Korb gestoßen?«

»Nein. Könnten wir das Rätselraten kurz unterbrechen? Wer weiß, vielleicht wirst du deine Kombinationsgabe schon bald an einem echten Fall unter Beweis stellen müssen.« Justus zog einen Zettel aus dem Kuvert und faltete ihn auseinander. Er drehte ihn um. Beide Seiten waren leer.

»Was ist?«

»Da steht nichts drauf.«

Bob nahm ihm den Zettel aus der Hand. Ein schneeweißes Schreibmaschinenblatt.

»Ist sonst noch was in dem Umschlag?«

»Nein. Aber sieh mal!«

»Wenn ihr wirklich Detektive seid, könnt ihr dieses Rätsel lösen«, las Bob vor. »Hat wohl eine Frau geschrieben.«

»Wie kommst du darauf?«

»Na ja, ist dir noch nie aufgefallen, dass Frauen anders schreiben als Männer? Das hier ist eine typische Frauenhandschrift.«

»Keine voreiligen Schlüsse!«, mahnte Justus. »Man kann seine Schrift auch verstellen.«

»Was soll denn das?«, fragte Peter und hielt den Zettel unschlüssig gegen das Licht, ohne jedoch etwas zu sehen. »Wer schickt uns ein leeres Blatt Papier?«

»Genau das sollen wir wohl herausfinden«, meinte Justus. »Da will uns jemand auf die Probe stellen. Jemand, der der Meinung ist, dass wir unsere Fähigkeiten erst unter Beweis stellen müssen.«

»Oder dass wir als Detektive Versager sind«, fügte Peter hinzu.

»Wir? Versager?« Bob lachte auf. »Es gibt niemanden, der das glaubt. Bis jetzt haben wir noch jeden Fall gelöst.«

»Wer weiß, vielleicht ist das der erste, den wir nicht lösen«, erwiderte Peter pessimistisch. »Ich weiß jedenfalls nicht, was ich mit einem weißen Zettel anfangen soll. Wo soll denn da das Rätsel sein?«

»Genau das ist ja das Rätsel«, sagte Bob. »Vielleicht ist etwas mit Geheimtinte draufgeschrieben und unsere Aufgabe ist es, die Schrift wieder sichtbar zu machen.«

»Gute Idee, Bob. Für mich ist das Haupträtsel allerdings ein anderes: Wer hat uns diesen Brief geschickt?«

Die unsichtbare Botschaft

In dem winzigen Labor der drei ??? war Chaos ausgebrochen. Justus, Peter und Bob hockten in dem abgetrennten Teil des Wohnwagens um den Arbeitstisch herum, auf dem der geheimnisvolle Brief lag. Überall standen Fläschchen und Döschen herum, die die verschiedensten Tinkturen und Pulver enthielten. Daneben ein Bunsenbrenner und ein Reagenzglashalter. Es roch nach Chemikalien. Sie hatten das Papier erhitzt, doch es war so weiß wie ein Taschentuch geblieben. Danach war alles, was sie in ihrem Kriminallabor finden konnten, über die unsichtbare Nachricht geträufelt worden – vom einfachen Zitronensaft bis zu Wasserstoffperoxid. Justus hatte angefangen, einige Stoffe zu mixen, Pulver in Wasser oder Alkohol aufzulösen oder ein paar Flüssigkeiten so lange über der Flamme des Bunsenbrenners zu schwenken, bis sie ihre Farbe änderten. Doch all das hatte nichts gebracht – abgesehen davon, dass das Papier inzwischen einige Flecken hatte und wellig geworden war.

»Ich fürchte, wir haben den Brief ruiniert«, seufzte Peter. »Selbst wenn mal eine Geheimschrift drauf gewesen ist, inzwischen wurde sie garantiert von unseren ganzen Säuren und Laugen und Pulvern weggeätzt.«

»Das gibt’s doch nicht!«, rief Justus verärgert und hielt das Blatt zum wiederholten Mal gegen das Licht, als hoffte er, doch noch etwas zu erkennen. »Hier muss etwas sein! Wieso, zum Teufel, gelingt es uns nicht, die Schrift sichtbar zu machen?«

»Vielleicht weil keine drauf ist«, gab Bob zu bedenken. »Was ist, wenn wir uns geirrt haben und der rätselhafte Spruch auf dem Umschlag etwas ganz anderes zu bedeuten hat?«

»Was denn?«

»Keine Ahnung. Vielleicht ist das weiße Blatt als Rätsel eher metaphorisch zu verstehen.«

»Metaphorisch?«, wiederholte Peter und hoffte, dass Bob ihm das unbekannte Wort erklären würde.

»Na ja, im übertragenen Sinne halt. Es ist nichts auf das Papier geschrieben worden, sondern das Papier selbst ist das Rätsel.« Bob blickte in verständnislose Gesichter. »Irgendwie«, fügte er halbherzig hinzu. »Ach, ich weiß es doch auch nicht.«

»Wer weiß, vielleicht hat sich der Absender geirrt und nach dem falschen Zettel gegriffen. Das echte Rätsel liegt noch auf irgendeinem Schreibtisch.«

»Das glaubst du doch wohl selber nicht«, antwortete Justus vorwurfsvoll und bestrich eine halbwegs unbeschadet aussehende Stelle des Papiers mit Jod.

Schweigend warteten sie eine Weile, aber keine unsichtbare Substanz reagierte mit der Flüssigkeit, keine Schrift erschien auf geheimnisvolle Weise auf dem Papier, nur der braune Jodfleck breitete sich langsam aus. Justus knetete seine Unterlippe.

»Ist der Mann freiwillig in den Ballon gestiegen?«, unterbrach Peter nach einer Weile die Stille.

»Wie bitte?«

»Der Tote in der Wüste – ist er freiwillig mit dem Ballon geflogen?«

»Das heißt mit dem Ballon gefahren«, korrigierte ihn Bob.

»Ist doch egal.«

»Ja«, antwortete Justus. »Ist er.«

»Um sich umzubringen?«

»Nein.«

»Hm«, machte Peter und verfiel wieder in Schweigen.

Lustlos wagte Justus noch einige weitere Versuche mit dem Brief, die jedoch alle scheiterten. Schließlich rief Tante Mathilda ihn zum Essen.

»Schon so spät«, murmelte Bob. »Meine Eltern warten bestimmt auch auf mich.«

»Treffen wir uns nachher wieder hier?«

»Klar«, antwortete Peter. »Und bis dahin hast du das Rätsel hoffentlich gelöst.«

»Wieso denn ich?«

»Wenn du deinen Ruf als größtes Superhirn Kaliforniens wahren willst, musst du schon einiges dafür tun«, stichelte Peter.

»Lös du erst mal dein Rätsel«, gab Justus zurück. »Der Tote in der Wüste. Mal sehen, wer schneller ist.«

»Abgemacht!«

Als sich die drei ??? am Nachmittag wieder in der Zentrale trafen, machten sowohl Peter als auch Justus ein betrübtes Gesicht.

»Nichts«, knurrte der Erste Detektiv. »Inzwischen habe ich auch den Briefumschlag ruiniert, aber ohne Erfolg.« Er hielt das fleckige Beweisstück in die Höhe.

»So viel also zum größten Superhirn Kaliforniens«, murmelte Bob.

»Tröste dich«, sagte Peter versöhnlich. »Ich konnte dir deinen Superhirn-Titel nicht streitig machen. Waren der Tote und sein Mitfahrer befreundet?«

»Das ist egal«, antwortete Justus tonlos.

In diesem Moment klingelte das Telefon. Der Erste Detektiv schaltete den Lautsprecher ein und nahm den Hörer ab. »Justus Jonas von den drei Detektiven?«

»Ich wusste es!«, drang eine empörte weibliche Stimme aus dem Verstärker. »Ihr sitzt faul in eurer Zentrale herum, anstatt auf dem Weg zu mir zu sein.«

»Äh – wer ist denn da?«

»Jelena!«, rief Bob, der die Stimme sofort erkannt hatte.

»Ganz genau. Du hattest mich wohl schon aus deinem Gedächtnis verbannt, was, Justus?«

»Wie könnte ich«, antwortete Justus leicht genervt.

»Lass mich raten: Ihr habt den ganzen Vormittag verzweifelt versucht, das Geheimnis dieses ominösen Briefes zu lösen, nicht wahr?«

»Der Brief kam von dir?«

»Ja. Und ihr habt die Prüfung leider nicht bestanden, sonst wärt ihr schon längst bei mir aufgetaucht. Tja, das könnt ihr euch jetzt sparen, ich brauche nämlich richtige Detektive.«

»Moment mal«, fuhr Justus dazwischen. »Wir sind richtige Detektive. Und das ist dir wohlbekannt, schließlich warst du bei einem unserer Fälle dabei.«

Jelena lachte. »Ach was! Damals habe ich die ganze Arbeit allein gemacht! Ihr wart doch bloß meine Handlanger.«

»Handlanger? Das ist ja wohl die Höhe!«

Bob und Peter warfen sich vielsagende Blicke zu. Justus war nicht leicht aus der Ruhe zu bringen, doch Jelena schaffte dieses Kunststück innerhalb von Sekunden. Sie war die einzige Person, deren Überheblichkeit die von Justus bisweilen noch übertraf.

»Na schön«, lenkte Jelena ein. »Ihr habt zwar versagt, aber ich gebe euch noch eine Chance: Setzt euch auf die Fahrräder und kommt her. Ich habe nämlich einen Fall für euch.«

»Warum löst du ihn nicht selbst, wenn du so brillant bist?«, fragte Justus bissig.

»Damit ihr eine Gelegenheit erhaltet, eure Berufsehre zu retten. Ich will ja nicht so sein. Bis gleich!«

Noch bevor der Erste Detektiv etwas erwidern konnte, hatte Jelena aufgelegt.

Wütend starrte Justus den Hörer an, dann knallte er ihn auf die Gabel und griff nach dem verschmierten Brief.

»Oh, oh«, sagte Peter unheilvoll.

»Was?«, brummte Justus wütend.

»Ich weiß genau, was in deinem Kopf vorgeht.«

»Nämlich?«

»Du willst zu gerne wissen, was denn nun des Rätsels Lösung ist. Aber du bist viel zu stolz, um Jelena danach zu fragen, stimmt’s? Ich verstehe gar nicht, warum du sie nicht magst. Ich finde sie sehr nett.«

»Nett!«, schnaubte Justus verächtlich.

»Sie ist ihm zu ähnlich«, feixte Bob. »Deshalb hasst Justus sie.«

»Ich hasse sie nicht. Ich finde sie nur maßlos arrogant. Und ähnlich sind wir uns überhaupt nicht, klar?«

Bob und Peter grinsten sich an und sagten wie aus einem Munde: »Wie du meinst.«

Die drei ??? hatten Jelena Charkova, die Tochter des russischen Musikdozenten Sergej Charkov, während früherer Ermittlungen kennengelernt. Während Bob und Peter das Geige spielende Mädchen mit den dunkelblonden Haaren auf Anhieb gemocht hatten, war Justus bis zum Abschluss des Falles reserviert geblieben. Er hatte sich damals endlose Vorwürfe seiner Kollegen anhören müssen. Peter hatte sogar einmal behauptet, Jelena sei dem Ersten Detektiv deshalb unsympathisch, weil sie im Rollstuhl saß. Das war natürlich kompletter Blödsinn. Ihre Behinderung störte ihn nicht. Aber ihre besserwisserische Art und die schlechte Angewohnheit, ihn nie ausreden zu lassen – die störten ihn ganz gewaltig! Mit gemischten Gefühlen saß er auf der Rückbank von Peters MG und blickte auf die Küstenstraße Richtung Santa Monica. Einerseits hatte er überhaupt keine Lust, sich von Jelena fortwährend auf ihre angeblichen Unzulänglichkeiten als Detektive hinweisen zu lassen. Andererseits war er ungeheuer neugierig, um was für einen Fall es ging. Schließlich hatte Jelena nicht vor, die drei Detektive im Unklaren zu lassen. Sie brauchte ihre Hilfe, das war für Justus sonnenklar. Aber sie war so geschickt gewesen, durch den geheimnisvollen Brief den Spieß umzudrehen: Jetzt musste sie die drei ??? nicht mehr um Hilfe bitten, sondern sie konnte sich dazu herablassen, sie in ihr Geheimnis einzuweihen.

Justus Jonas wusste sehr genau, warum er Jelena Charkova nicht mochte.

Nach etwa zwanzig Minuten Fahrt erreichten sie die Villa am Hillview Drive kurz hinter Rocky Beach. Das Haus der Charkovs war ein weißer Prachtbau inmitten eines großen, mit Eichen bewachsenen Grundstücks. Als sie aus dem Wagen stiegen, drangen Violinenklänge aus einem geöffneten Fenster.

»Wenn ich schon dieses Gefiedel höre«, stöhnte Justus.

»Ich finde, sie spielt schön«, erwiderte Peter.

»Ach ja? Wetten, sie hat am Fenster auf uns gewartet und erst jetzt ihre Geige ausgepackt, um uns zu beeindrucken?«

»Quatsch«, widersprach Bob und ging die breiten Stufen hinauf zum Eingang. »Sie übt jeden Tag, schließlich will sie mal Konzertgeigerin werden.« Er klingelte. Die Musik hörte auf und nach einer Weile wurde die Tür geöffnet.

»Da seid ihr ja endlich«, sagte Jelena und warf einen Blick in die Runde. Sie lächelte Bob an, bei Peter blieb sie neutral und Justus wurde ignoriert.

»Hallo, Jelena«, begrüßte Bob sie freundlich.