AlTonya Washington, Kira Sinclair, Grace Octavia, Kelly Stevens

TIFFANY EXTRA HOT & SEXY BAND 83

IMPRESSUM

TIFFANY EXTRA HOT & SEXY erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© Deutsche Erstausgabe in der Reihe TIFFANY EXTRA HOT & SEXY
Band 83 - 2018 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

© 2016 by AlTonya Washington
Originaltitel: „Provocative Attraction“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: KIMANI PRESS ROMANCE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Sandra Roszewski

© 2014 by Kira Bazzel
Originaltitel: „Bring Me to Life“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: BLAZE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Ulrike Pesold

© 2016 by Calaya Reid
Originaltitel: „Under the Bali Moon“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: KIMANI PRESS ROMANCE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Victoria Werner

© 2018 by HarperCollins Germany
Originalausgabe in der Reihe TIFFANY EXTRA HOT & SEXY
Band 83 (11) 2018 by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg

Abbildungen: alexalenin / Getty Images, alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 11/2018 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733753870

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL

 

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ALTONYA WASHINGTON

Unsere unbezähmbare Lust

Heiß lodert das Feuer der Lust, als Filmstar Viva mit ihrem faszinierenden Ex-Freund Rook in den Bergen eingeschneit ist. Doch kann er ihr jemals verzeihen, dass sie ihn einst verlassen musste?

KIRA SINCLAIR

Eine sinnliche Bescherung …

Damit Tatum ihm mehr als nur eine erregende Nacht der Leidenschaft schenkt, muss Evan sich seiner Vergangenheit stellen. Nur was, wenn er sie dadurch erst recht verliert? Er ist hin- und hergerissen …

GRACE OCTAVIA

Unter der Sonne von Bali

Für Adan gibt es nur eine Traumfrau: seine Jugendliebe Zena! Gelingt es ihm, sie erneut zu verführen und für sich zu gewinnen? Oder bleiben sinnliche Nächte auf Bali für immer eine erregende Fantasie?

KELLY STEVENS

Ein sexy Surfer – oder mehr?

Die bodenständige Irin Gracie ist zum Kochen in Sydney – nicht, um sich in ein Sexabenteuer mit einem durchtrainierten Surfer zu stürzen! Aber leider ist der coole Matthew einfach zu unwiderstehlich …

Unsere unbezähmbare Lust

PROLOG

Philadelphia, PA

„In ihr steckt mehr als eine zweitklassige Schauspielerin, die Werbung für Blödsinn macht, Rook. Und sie hat auch definitiv mehr verdient!“

Rook Lourdess merkte, wie sich bei diesen Worten seine Finger fast zu einer Faust zusammenballten. Er hatte sich angewöhnt, so etwas sofort zu registrieren und sich dann innerlich zu beruhigen. Bei Murray Dean, der ihm gerade gegenüberstand, fiel es ihm allerdings schwer.

Früher waren sie Freunde und Geschäftspartner gewesen. Doch Murray hatte eine andere Auffassung von Loyalität als Rook.

„Was bekommst du dafür, dass du dich für sie einsetzt?“, fragte Rook, nachdem er einen tiefen Atemzug genommen hatte.

Murray zuckte mit den Schultern. „Nichts.“

„Du meinst, dass du momentan noch nichts dafür bekommst.“

Die Muskeln an Murrays Kiefer spannten sich deutlich an. „Rook, ich bin nicht blind. Und Viva ist es auch nicht. Sie muss diese Chance nutzen, verstehst du das nicht?“ Er lehnte sich an die Wand des Flurs und deutete lässig mit dem Daumen in Richtung der großen Halle, in der die Party des Abends stattfand.“ Er lächelte schlau. „Was ist falsch daran, dass sie auf einem dieser langweiligen Events einen den bekanntesten Filmproduzenten des Landes trifft und sich mit ihm unterhält? Ich habe nichts weiter getan, als ihr ein paar Türen zu öffnen. Du solltest dich für sie freuen.“

„Das würde ich“, presste Rook hervor. „Wenn ich nicht das dumpfe Gefühl hätte, dass du ein falsches Spiel spielst.“

„Warum sollte ich das tun? Was hätte ich davon?“

Rook schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Aber ich kenne dich. Du machst nichts, ohne dabei deinen eigenen Vorteil im Blick zu haben.“

Murray pfiff leise durch die Zähne. „Oh, sind wir wieder bei den alten Geschichten?“

„Du meinst die Geschichte, in der du meine Sicherheitsfirma verlassen und alle meine Mitarbeiter dazu angestiftet hast, es dir gleichzutun? Und bei dir neu anzufangen? Ja, eventuell hat das meine gute Meinung von dir ein wenig getrübt.“

Murray lachte leise. „Wie du weißt, hat keiner von den Jungs mein Angebot angenommen. Was also ist das Problem? Du weißt jetzt, dass du jede Menge verlässliche Mitarbeiter beschäftigst.“

„Ja, sie sind alle sehr loyal. Bis auf einen. Denjenigen, von dem ich es nicht erwartet hätte, dass er mir jemals in den Rücken fällt.“

„Wirfst du mir vor, dass ich vorankommen möchte?“

„Nein. Ich werfe dir vor, dass du es auf Kosten meiner Firma tun wolltest. Du neigst dazu, mir wegnehmen zu wollen, was zu mir gehört.“

So wie jetzt auch Viva … Viva Hail war seit vier Jahren Rooks feste Freundin. Und sie war eine begabte, aufstrebende Schauspielerin. Das nutzte Murray jetzt für seine Zwecke aus.

Murray musterte ihn amüsiert. „Muss ich mich jetzt vor dir in Acht nehmen, nur weil ich Viva bei ihrer Karriere helfe?“ Er schüttelte den Kopf und seufzte leise. „Weißt du, Viva war sehr aufgeregt, als ich ihr gesagt habe, dass ich ihr Fritz Vossler vorstellen möchte. Seine Produktionsfirma ist immerhin das Maß aller Dinge. Und sie hat es dir nicht erzählen wollen. Weil sie wusste, dass du etwas dagegen haben würdest. Offenbar hatte sie recht damit.“

Rook straffte sich. In seinen Hosentaschen ballten sich die Hände zu Fäusten. „Du musst Viva ja sehr gut beobachtet haben, wenn du das alles so genau zur Kenntnis genommen hast.“

„Oh, dafür braucht es nicht viel Beobachtungsgabe. Viva war sehr erleichtert, als du dich vorhin deinen anderen Gästen zugewandt hast und sie endlich mit Vossler allein sprechen konnte. Ohne dass du wie ein eifersüchtiger Wachhund danebengestanden hast.“

„Murray.“

Rook und Murray drehten sich um, als sie die sanfte, aber eindrucksvolle Frauenstimme vernahmen. Viva stand nur wenige Meter von ihnen entfernt. Sie blickte Murray an und gab ihm mit einem Kopfschütteln zu verstehen, dass sie nicht begeistert von seinem Gespräch mit Rook war.

Murray seufzte und stieß sich von der Wand ab. „Nun gut. Ich habe nur helfen wollen. Aber ihr beide macht das schon.“ Er nickte Rook betont freundlich zu und strich Viva leicht über den Arm, als er an ihr vorbei zurück zur Partygesellschaft ging. „Du findest mich an der Bar.“

Rook wandte sich an Viva, sobald Murray außer Sichtweite war. „Sei ehrlich zu mir, Viva. Habe ich irgendetwas getan, das dich verärgert hat? Warum sprichst du nicht mit mir über die Dinge, die dich bewegen? Sondern mit Murray? Seit wann seid ihr so gut befreundet?“

Viva seufzte leise. „Du hast nichts falsch gemacht. Es gibt nur manche Dinge, bei denen ich nicht sicher bin, ob du sie wirklich für mich möchtest. Und Murray und ich sind nicht gut befreundet. Wir haben nur mehr miteinander zu tun, seit er als Manager für den Sicherheitsdienst bei Fritz Vossler Productions arbeitet.“

Rook unterdrückte ein verächtliches Schnauben. Er hatte vor einigen Wochen mitbekommen, dass Murray diesen Job an Land gezogen hatte. Und ja, das musste man dem Mistkerl lassen, er war einer der besten Auftraggeber im Land.

„Und was hat das mit dir zu tun?“, hakte er nach.

Viva legte den Kopf schief. „Vosslers Produktionsfirma ist immer auf der Suche nach jungen Talenten. Und jeder, der Teil der Agentur ist, kommt natürlich auch mit den restlichen Firmenmitarbeitern in Kontakt.“

„Noch einmal: Was hat das mit dir zu tun?“

„Vossler hat mich in seine Künstlerkartei aufgenommen.“

„Wie bitte? Wann?“

Viva lächelte matt. „Es ist schon einige Wochen her.“

Rook hatte das Gefühl, als würde ihm jemand den Boden unter den Füßen wegziehen. „Einige Wochen? Warum hast du mir nichts davon erzählt?“

„Ich habe auf den richtigen Zeitpunkt gewartet … Es ist nicht ganz einfach.“

Rook lachte bitter. „Was ist daran nicht ganz einfach? Du bist in die Künstlerkartei einer der besten Produktionsfirmen überhaupt aufgenommen worden und erzählst mir nichts davon, obwohl wir seit Jahren ein Paar sind. Steckt da noch mehr dahinter?“

Viva zögerte kurz. „Vossler hat mir eine Rolle angeboten. In einem Film. Die Dreharbeiten beginnen in zwei Wochen. In … Rio.“

Rook starrte Viva an. „Wow. Brasilien. Gratuliere.“

„Rook …“

„Und wie lange wirst du fort sein?“

„Fünf Monate“, sagte Viva sanft. „Direkt nach dem Dreh geht es nach Los Angeles, wo der Film nachbearbeitet wird.“

Rook machte einige Schritte auf Viva zu. „Dann wirst du noch viel vorbereiten müssen“, sagte er. „Wenig Vorlauf für eine so lange Reise. Du brauchst ein Visum, musst klären, wie du das mit deinem Job in der Zeit machst, und wahrscheinlich ja auch den Reisepass aktualisieren lassen?“

Viva lächelte ein wenig traurig. Sie wusste, worauf er hinauswollte. „Ich habe mich um all das bereits gekümmert“, sagte sie.

„Und in all dieser Zeit gab es keine Gelegenheit, um mir etwas davon zu erzählen?“

„Ich wusste einfach nicht, wie ich es sagen sollte.“

Rook lachte bitter auf. „Du wusstest nicht, wie? Du liebe Güte, Viva! Ich schätze, wir haben da ein noch größeres Problem, als ich befürchtet hatte!“

„Ich möchte nicht, dass diese Veränderungen unsere Beziehung zerstören.“

Rooks Herz zog sich schmerzlich zusammen, als er in Vivas Stimme wahrnahm, wie besorgt sie wirklich war. Doch das änderte nichts an der absoluten Absurdität der Lage. „Viva, natürlich wird es unsere Beziehung beeinflussen. Du bist ein halbes Jahr im Ausland und weißt nicht, wie du es mir sagen sollst? Da stimmt doch noch etwas ganz anderes nicht mehr in unserer Beziehung!“

„Ich muss diese Chance aber wahrnehmen, Rook. Ich habe jahrelang darauf hingearbeitet.“

„Ja, das weiß ich. Und klar, du willst nicht immer nur Werbespots drehen, wenn die große Filmkarriere wartet.“ Er seufzte schwer. „Ich verliere dich also an diese Filmfuzzis, ja?“

„Nein! Ich möchte wirklich, dass wir beide es schaffen!“ Viva legte ihre Hände an ihr Herz und machte einen Schritt auf Rook zu. „Es ist mir wichtig. Du bist mir wichtig. Wir kriegen das hin, wenn wir es beide wollen.“

Rook schloss kurz die Augen. „Viva, es stimmt doch schon lange nicht mehr zwischen uns. Wir sehen uns auch jetzt kaum. Ich arbeite viel, das macht es natürlich nicht einfacher.“ Er strich sich durch die dunklen Haare. „Eigentlich sind wir nur noch zusammen, weil du einen weniger fordernden Job hattest als ich. Und damit flexibler warst. Das ist jetzt wohl vorbei.“

Viva merkte, wie ihr ein kalter Schauer über die Haut lief. „Soll das heißen, es ist aus, wenn ich diesen Job beim Film wirklich annehme?“

„Stell jetzt nicht mich als den Buhmann hin, Viva. Du weißt selbst, dass es zwischen uns nicht mehr gut gelaufen ist. Wir haben nebeneinander her gelebt. Und jetzt sind wir wohl am Scheidepunkt angekommen.“

Viva wusste, dass Rook recht hatte. In den letzten Monaten hatten sie sich kaum noch gesehen. Die Arbeit hatte jede Nähe einfach aufgefressen. Und vielleicht ließ sich ihre Beziehung wirklich nicht mehr retten. Schon gar nicht mit der Aussicht auf die nächsten Monate in Brasilien.

„Wann fliegst du?“, hörte sie Rook leise fragen.

„Ende der Woche“, antwortete sie.

Rook blickte sie so enttäuscht und traurig an, dass Viva einen eisigen Druck um ihr Herz spürte. Und doch wusste sie, dass sie keine andere Wahl hatte. Sie konnte sich diese Chance nicht entgehen lassen.

Auch wenn die Entscheidung für ihre Schauspielkarriere das Ende ihrer Beziehung mit Rook bedeutete.

1. KAPITEL

Philadelphia, PA

Sechs Jahre später

Rook Lourdess wusste, dass sein Lachen durchdringend war, doch an diesem Abend schien es noch mitreißender als sonst durch den Abend zu klingen. Musik klang von der Party auf die Terrasse hinaus, auf die er sich zum Telefonieren zurückgezogen hatte.

„Das hört sich gut an“, sagte er in diesem Moment. „Sicher, dass ich nicht gebraucht werde?“

Er bekam eine Antwort und nickte. „Wunderbar. Ich bin gespannt, ob es klappt. Schick mir einfach die Informationen zu, sobald du sie hast, ja?“

Er pausierte kurz. „Ich warte noch auf die Rückmeldung aus Italien. Mal sehen, wann die sich melden. Wahrscheinlich irgendwann früh um 5. Die Zeitverschiebung … Aber das ist egal, ich würde gerne schnell alles unter Dach und Fach bringen.“

Erneut lachte er, als er die Antwort hörte. „Vergiss es! Du musst hier die Stellung halten! Keine Widerrede!“

Er verabschiedete sich von seinem Gesprächspartner und ließ das Handy in die Hosentasche gleiten. Dann atmete er tief durch, stützte sich auf das Geländer der Terrasse und blickte in die stille Nacht hinaus. Die Luft war lau, und bis auf die leise Hintergrundmusik von der Party war nichts weiter zu hören.

Gedankenverloren lächelte er in sich hinein.

Sein Leben war kurz davor, sich entscheidend zu verändern. Alles hing von dem Telefonat mit den Italienern ab, auf das er wartete. Wenn er es schaffte, sich gut zu präsentieren, konnte gar nichts mehr schiefgehen.

Doch um sicherzustellen, dass er bei dem frühen Telefonat auch in bester Verfassung war, sollte er diese Party jetzt besser verlassen und nach Hause fahren. Ein paar Stunden Schlaf konnten nicht schaden.

Er wollte sich gerade umdrehen, um sich auf den Heimweg zu machen, als er eine sanfte Stimme hörte.

„Italien? Wirklich?“

Rook blickte auf und sah Viva Hail in einem Sessel auf der Terrasse sitzen. Er hatte sie zuvor nicht bemerkt, weil die Ecke nicht beleuchtet war.

Rook fluchte innerlich. Es war nie gut, Viva zu sehen. In den letzten Jahren waren sie sich niemals mehr persönlich begegnet, aber inzwischen war sie im Fernsehen und auf Kinoleinwänden ständig präsent. Und jedes Mal, wenn er sie sah, zog sich sein Herz schmerzlich zusammen, und er brauchte eine Weile, um sich wieder zu sortieren.

Genau das, was er jetzt, vor diesem wichtigen Telefonat, nicht gebrauchen konnte.

„Hallo, V.“ Rook wunderte sich über den sanften Klang seiner Stimme. In seinen Ohren rauschte das Blut, und sein Herz schlug ihm bis zum Hals.

„Entschuldige, dass ich das Telefonat mitgehört habe“, sagte sie. „Es war nicht meine Absicht. Ich saß schon hier, als du rauskamst.“

„Na ja, es war ja auch nichts Geheimes.“ Er machte einige Schritte auf Viva zu.

„Geht es ums Business, oder besuchst du Italien zum Vergnügen?“ Viva schloss kurz die Augen, während sie diese Worte sagte. Vergnügen … Ja, das war bei Rook Lourdess immer garantiert gewesen. In jeder Hinsicht. „Entschuldige, ich möchte nicht neugierig sein.“

Rook musste grinsen. „Bist du auch fast gar nicht.“

„Also, wohin genau fährst du?“

„Belluno.“

„Ah, das ist bei Cortina. Eine wunderschöne Gegend. Und ganz zauberhaft zu dieser Jahreszeit.“

„Ja, das wurde mir auch schon gesagt.“ Rook vergrub die Hände tief in den Taschen seiner Hose und machte noch einige Schritte auf Viva zu. „Du scheinst dich dort auszukennen. Hat die Arbeit dich nach Italien geführt?“

Viva nickte. „Ja, ich hatte dort vor ungefähr einem Jahr Dreharbeiten. Es war sehr schön, ein tolles Team.“

„Und die Serie läuft auch gut, oder?“

Viva nickte erneut. „Ja. Viel besser als erwartet. Ich dachte, wir würden spätestens nach der vierten Staffel aufhören, aber es geht einfach immer weiter. Wahrscheinlich werden wir diese Agentenserie drehen, bis wir alle alt und grau sind.“

Rook lachte. Es klang sanft, weich und warm.

Viva räusperte sich. „Und dich führt auch der Job nach Italien?“ Sie musste einfach wissen, ob Rook privat unterwegs war oder nicht …

„Wie man es nimmt“, antwortete er. Weiter kam er nicht, denn in diesem Moment wurde die Flügeltür aufgestoßen, und Sophia Hail betrat die Terrasse. Ein breites Strahlen lag auf ihrem hübschen Gesicht.

„Da ist sie ja!“ Rook lächelte Sophia zu und umarmte sie. „Ich habe es schon gehört, herzlichen Glückwunsch! Das ist ein guter Abend für das Philadelphia Police Department!“

Sophia Hail, die kleine Schwester von Viva, war zu ihrer eigenen Überraschung befördert worden und jetzt Chief Detective. Rook hatte es bereits mitbekommen, da Sophias Verlobter, Santigo Rodriguez, einer seiner besten Freunde war.

„Danke schön“, erwiderte Sophia lachend. „Ich kann es selbst noch gar nicht fassen!“

Sophia und ihr Team hatten durch ihre Ermittlungen einen Geldwäscherring auffliegen lassen. Sie hatten hervorragende Arbeit geleistet, und die Beförderung war mehr als verdient.

Viva kam zu Rook und Sophia und umarmte ihre jüngere Schwester herzlich. „Gratulation auch von mir, Süße“, sagte sie. „Hast du jetzt Feierabend?“

„Ja“, sagte sie. „Aber morgen früh muss ich wieder zum Dienst.“ Sie sah Rook an und drückte sanft seinen Arm. „Meinst du, wir können morgen kurz miteinander reden?“

„Klar. Ich habe ein Telefonat mit Italien um fünf Uhr, aber sonst bin ich verfügbar.“

Sophia lachte. „Ganz so früh muss es nicht sein. Viel Glück für das Gespräch!“

„Danke, das kann ich gebrauchen.“ Er seufzte leise. „Ich sollte schon seit Stunden im Bett sein.“

„Ich ebenfalls“, sagte Sophia. „Ich muss auch früh raus. Lass uns einfach morgen telefonieren, okay?“

„In Ordnung.“

Sophia ließ den Blick zwischen Rook und ihrer Schwester hin und her schweifen. „Ich gehe dann mal wieder rein“, sagte sie.

Rook schüttelte den Kopf. „Nein, bleib noch. Ihr habt doch bestimmt viel zu bequatschen. Ich werde gehen, ich muss wirklich noch ein wenig schlafen.“

Er lächelte Viva zu. „Es war schön, dich wiederzusehen“, sagte er. „Wann reist du wieder ab?“

Viva zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es noch nicht genau.“

„Dann melde dich gerne noch mal, bevor du die Stadt wieder verlässt.“

„Versprochen“, erwiderte Viva.

Sie und Sophia blickten Rook nach, während er wieder ins Haus ging, um die Party zu verlassen.

„Er hat sich kein bisschen verändert“, sagte Viva leise.

Sophia lächelte. „Hattest du das erwartet?“

Viva seufzte. Über ihr hübsches, ebenmäßiges Gesicht glitt ein Schatten. „Ich habe immer nur gehofft, alles, was passiert ist, hat ihm nicht zu sehr zugesetzt. Sophia? Weißt du, ob er … also … Ist er liiert?“

Sophia blickte Viva an. „Keine Ahnung. Ich kann Tigo fragen, wenn du möchtest. Er ist sein bester Freund und weiß das sicher. Aber ich kann nur sagen, dass es seit dir keine Frau mehr in Rooks Leben gab. Also keine Frau, mit der er eine ernsthafte Beziehung geführt hat“, ergänzte sie schnell, als sie Vivas ungläubigen Blick sah.

Viva nickte. Möglich war alles, wenn es um Rook ging. Dass er aber seit ihrer Trennung wie ein Mönch lebte, konnte sie sich nicht vorstellen.

Er war einfach zu attraktiv, um nicht bei den Frauen landen zu können. Es fiel ihm immer leicht, die Aufmerksamkeit aller Menschen um sich herum auf sich zu ziehen. Er musste dafür gar nichts machen, es lag einfach an seinem natürlichen Charisma.

Sobald Rook einen Raum betrat, überstrahlte seine Präsenz einfach alles andere. Und Viva musste sich selbst gegenüber zugeben, dass sie auch jetzt noch, viele Jahre nach der Trennung, die Anziehung zu ihm nicht verleugnen konnte.

Rook wirkte stets wie ein Mann, der alles bekam, was er sich wünschte. Und das war einfach unglaublich sexy. Ganz abgesehen davon, dass er durchtrainiert war und mit seinen breiten Schultern und den klar definierten Oberarmen ganz sicher nicht nur sie sofort zum Schwärmen brachte.

Doch am faszinierendsten hatte Viva immer seine Augen gefunden. Ein Braun, in dem man sich verlieren konnte, sobald man Rooks Blick begegnete.

Und seine Lippen … Oh Gott, ja, dieser sinnliche Mund … Viva erinnerte sich nur zu gut daran, wie Rook mit seinen Lippen jeden Millimeter ihrer Haut erkundet und ihr damit unvergleichliche Lust geschenkt hatte.

Ein leises Stöhnen löste sich aus ihrer Kehle, und sie hoffte inständig, dass Sophia es nicht mitbekommen hatte.

„Bist du sicher, dass du ihn nicht doch noch abfangen willst?“, fragte diese im selben Moment. „Er ist sicher noch nicht bei seinem Auto angekommen.“

Viva schnaubte leise. „Darf ich dich bei solchen Bemerkungen schlagen, oder wandere ich jetzt dafür ins Gefängnis?“

Sophia grinste. „Ich werde darüber nachdenken.“

„Ich würde einen Anwalt finden, der sich um mich kümmert“, erwiderte Viva trocken.

„Sollte das nicht besser Rook übernehmen?“

Sie brachen beide in Gelächter aus. Viva war froh, dass dies, nach allem, was geschehen war, noch ging. Es war viel passiert, aber sie und ihre Schwester hatten immer zusammengehalten. Und das würde sich auch niemals ändern.

„Ernsthaft jetzt“, sagte Sophia. „Habe ich euch beide gerade bei irgendwas gestört?“

„Nur beim Smalltalk. Ich weiß nicht, ob das zählt.“

„Smalltalk kann der Beginn von ganz vielem sein.“

„Es ist wohl besser, alles so zu lassen, wie es ist“, sagte Viva mit einem leisen Seufzen.

„Nein, das denke ich nicht“, erwiderte Sophia bestimmt. „Manchmal muss Zeit vergehen, bevor man neu anfangen kann. Und dann kann es besser werden als jemals zuvor. Sieh Tigo und mich an, bei uns war es so.“

Viva musste lächeln. „Ja, das stimmt. Aber ich denke nicht, dass Rook und ich dieses Experiment wagen sollten.“

„Sicher? Rook ist ein echter Hingucker. Mich wundert, dass er hier nicht mit einer Handvoll Frauen im Schlepptau rausgegangen ist. Wo immer er auftaucht, liegen ihm die Mädels zu Füßen. Aber ich weiß, dass du ihm ganz sicher nicht egal bist. Sonst hätte er sich in den vergangenen Jahren anders verhalten.“

Viva schluckte schwer. „Es gibt Dinge, die ich ihm nicht zumuten möchte. Es ist besser, wenn er nicht erfährt, was ich alles getan habe.“

Sophia horchte auf. „Irgendetwas, das ich wissen sollte? Geht es um Murray?“

„Auch das ist so lange her …“ Viva atmete tief durch. „Es war zu Beginn meiner Karriere. Und ich bereue keinen der Schritte, die ich damals gegangen bin. Ich habe mich entschieden und die Konsequenzen getragen. All das war nötig, um so weit zu kommen, wie ich letztendlich gekommen bin.“

Sophia kreuzte die Arme vor der Brust. „Und nun willst du alten Entscheidungen die Macht geben, dich von dem Mann fernzuhalten, den du liebst?“

„Es ist sechs Jahre her!“

„Du willst also nicht zurück zu dem Mann, der dich noch immer liebt?“ Sie schüttelte den Kopf. „Bist du sicher, dass es das wert ist? Geht es überhaupt um Murray, oder ist da noch etwas anderes?“

Viva schluckte. „Murray war sehr hilfreich für meine Karriere. Das war mir von Anfang an klar, und deshalb habe ich meine Chance genutzt.“

„Die Sache hat nur einen kleinen Schönheitsfehler“, erwiderte Sophia ruhig. „Murray ist ein Krimineller.“

Das stimmte. Leider waren Murray seine Erfolge im Business zu Kopf gestiegen. Er war einer der Menschen, die niemals genug bekommen konnten. Und das hatte ihn zu falschen Entscheidungen getrieben.

Bedauerlicherweise blieben diese Entscheidungen auch nicht ganz folgenlos für die Menschen, mit denen er zu tun hatte.

„Versprichst du mir, dass du auf dich aufpasst?“, sagte Sophia in diesem Moment. „Ich meine es ernst, V.“

Viva biss sich auf die Unterlippe. „Okay. Versprochen. Mach dir keine Sorgen um mich. Und fang bloß nicht an, mich beschützen zu wollen, ja? Auch nicht nach dieser Beförderung!“

Sophia lächelte. „Gut. Aber nur, wenn du mir gegenüber die Diva im Schrank lässt.“

„Meine kleine Schwester. Knallhart.“

„Härter. Das willst du gar nicht wissen.“ Sophia lachte. „Immerhin bin ich eine Frau in der Hochzeitsvorbereitung. Perfektion ist mein zweiter Vorname, und ich werde sehr ungemütlich, wenn etwas nicht so läuft, wie ich mir das vorstelle. Und du als meine Brautjungfer solltest gefälligst am Leben bleiben.“

Viva konnte nicht anders, als in Gelächter ausbrechen. Es war schön, dass Sophia jeder Lebenslage mit Humor begegnete. Auch wenn sie nicht sicher sein konnte, wie ernst die Situation wirklich war.

Rook parkte seinen Wagen und atmete tief durch. Er merkte, dass die Müdigkeit bleiern geworden war, doch wahrscheinlich würde er nicht besonders gut schlafen können. Die Begegnung mit Viva hatte ihn mehr berührt, als ihm lieb war.

Er hatte gewusst, dass sie in der Stadt war. Doch er hatte nicht damit gerechnet, dass das Wiedersehen ihn so aus der Bahn werfen würde.

Viva war noch immer die schönste Frau, die er kannte. Und ihre Ausstrahlung hatte mit den letzten Jahren noch an Strahlkraft zugenommen. Zugleich schien sie noch immer stets genau zu wissen, was in ihm vorging – ein empathischer Wesenszug, der ihn immer gleichermaßen fasziniert und erschreckt hatte. Wer war schon gerne ein offenes Buch für einen anderen Menschen?

Vor allem aber war Viva nicht einfach nur irgendein Mensch. Sie war die Frau, die er in seinem Leben wirklich geliebt hatte. Wie hatte er diese Liebe damals einfach wegwerfen können, indem er sich ihrer Karriere in den Weg stellte? Er konnte es heute nicht mehr nachvollziehen. Es war ein riesiger Fehler gewesen. Aber all das war lange her, und es gab keinen Weg mehr zurück.

Rook stieg aus dem Wagen und machte sich auf den Weg zu seiner Wohnung. Sie lag in einem eleganten Wohnkomplex, und er war jedes Mal froh, wenn er nach Hause kam. Sein Job brachte es mit sich, dass er unregelmäßige Arbeitszeiten hatte, und so sah er seine Nachbarn nur selten. Doch er fühlte sich gut in der Umgebung, in der er lebte.

Vielleicht lag das aber auch einfach daran, dass er gemeinsam mit Viva in dieser Wohnung gelebt hatte. Und dass es sich noch immer nach ihrer Wärme und Liebe anfühlte. Auch wenn die Beziehung Vergangenheit war.

Rook erinnerte sich noch gut daran, wie stolz Viva und er gewesen waren, als sie die Wohnung eingerichtet hatten. Sie kamen beide aus Arbeiterfamilien, und die elegante Umgebung war für sie der Beweis gewesen, dass sie es schafften, mehr aus ihrem Leben zu machen.

Ihre Familien hatten sich gemocht, und alles schien perfekt zu sein. Damals. Dann hatte Viva damit begonnen, in Jazzy B’s Gentlemen’s Club als Kellnerin zu arbeiten. Und war dabei einem Produzenten von Werbespots aufgefallen.

Das war der Anfang vom Ende gewesen. Und so sehr Rook Viva auch für ihre Karriere als Schauspielerin bewunderte – manchmal wünschte er sich, es wäre einfach alles so geblieben, wie es war. Mit der Liebe seines Lebens an seiner Seite.

2. KAPITEL

„Offenbar funktioniere ich am besten, wenn ich so gut wie gar nicht schlafe.“

Burt Larkin lachte. Er kannte seinen Boss gut. „Ich kann also davon ausgehen, dass das Telefonat mit Italien erfolgreich war?“

„Kannst du.“ Rook gähnte ins Telefon. „Die meiste Zeit haben wir darüber gesprochen, wie ich meine Zeit in Italien gestalten kann.“

„Du bist ein Glückspilz.“

Rook lachte. „Ja, das stimmt.“

„Und? Stehen heute Termine an?“, fragte Burt.

„Sophia Hail möchte sich mit mir unterhalten. Ich denke, es geht um den Einsatz unseres Teams im Rahmen der Ermittlungen gestern.“

„Ja, das ist eine große Sache gewesen. Und wie ich hörte, ist unser alter Freund Murray darin verwickelt.“

Rook verzog die Mundwinkel. „Ja. Allerdings. Ich wusste immer, dass er Dreck am Stecken hat. Jetzt ist er offenbar aufgeflogen. Wir werden sehen, ob er sich rausziehen kann. Irgendwie hat er das ja leider immer geschafft.“

Rooks Sicherheitsfirma hatte die Arbeit der Polizei unterstützt, als das Team unter Sophias Leitung am Abend den Geldwäscherring hatte hochgehen lassen. Dass sich Murray unter den Drahtziehern des Verbrecherkreises befinden würde, damit hatte allerdings auch Rook nicht gerechnet.

„Und?“, fragte Burt nach einer kurzen Pause. „Wird das jetzt zu einem Problem für Viva und dich?“

Rook lachte ein wenig bitter. „Warum sollte es? Viva und ich haben seit sechs Jahren keine Probleme mehr miteinander. Ich habe nicht vor, daran etwas zu ändern.“

„Das ist gut so. Du hast jetzt schließlich mit Italien vollkommen andere Dinge im Kopf.“

„Genau so sehe ich das auch.“ Rook verabschiedete sich von seinem Mitarbeiter und beendete das Gespräch. Er steckte das Handy in die Tasche und gähnte erneut.

Nein, er hatte wirklich nicht geschlafen. Viva war in seinen Gedanken herumgegeistert, ohne dass er etwas dagegen hätte tun können.

Dass er in dem Bett lag, das sie früher geteilt hatten, war nicht gerade vorteilhaft gewesen. Im Halbschlaf hatten sich Erinnerungen eingeschlichen.

Viva, nackt neben ihm ausgestreckt, erschöpft und glücklich nach unfassbar gutem Sex …

Rook erinnerte sich an jeden Millimeter ihres Körpers und spürte noch immer ihre warme, samtige Haut an seiner. Es war, als wäre Viva ein Teil von ihm selbst und ihre Persönlichkeit, ihr ganzes Dasein, untrennbar mit ihm verwoben.

Als er Viva gestern wiedergesehen hatte, waren alle Erinnerungen mit voller Wucht zurückgekehrt.

Sie wirkte auf ihn noch anziehender als früher. Ihre langen braunen Haare, die dunklen Rehaugen, der schlanke und doch wunderschön weibliche Körper … Rook hatte sich zurückhalten müssen, um Viva nicht einfach in seine Arme zu ziehen und zu küssen. Die Sehnsucht, sie zu spüren, war erschreckend groß gewesen, und Rook fragte sich, ob sie es gemerkt hatte.

Er wollte sich nicht zu ihr hingezogen fühlen. All das führte schließlich zu nichts, ihre Leben hatten sich in völlig unterschiedliche Richtungen entwickelt. Aber er konnte einfach nichts dagegen tun. Viva war ihm alles andere als egal.

Rook schüttelte die Gedanken ab.

Er musste sich jetzt um anderes kümmern! Seinen Italienaufenthalt zum Beispiel. Es ging darum, seine Firma in Europa auszubauen. All das würde sein Business noch einmal entscheidend verändern.

Rook gestand sich nur ungern ein, dass er Italien entgegenfieberte. Es war eher eine Flucht. Er hatte das Gefühl, Philadelphia entkommen zu wollen.

Seine besten Freunde hatten inzwischen ihre Traumfrauen gefunden und gründeten Familien – Rook fühlte sich abgehängt und brauchte dringend einen Tapetenwechsel. Eine neue Aufgabe in einem anderen Land würde ihm ganz sicher guttun.

Vielleicht würde er in Italien auch endlich mit Viva abschließen können. Und die Vergangenheit sich selbst überlassen. Er wünschte sich nichts mehr, als endlich wieder frei zu sein. Innerlich. Italien würde ihm einen Neustart ermöglichen. Ohne all das, was ihn an Viva erinnerte.

Zumindest war das die Intention gewesen, bevor er Viva wiedergesehen hatte. Doch jetzt war er sich nicht mehr so sicher, ob er wirklich nach Italien wollte.

Rook blickte auf seine Hände hinunter, die sich unbewusst zu Fäusten geballt hatten. Er stand ganz offensichtlich trotz der Müdigkeit unter Strom. Vielleicht würde es ihm guttun, sich beim Sport abzureagieren.

Kurz entschlossen machte Rook sich auf den Weg in den Fitnessraum, den er sich in seiner Wohnung eingerichtet hatte. Egal, welche Art von Problemen er wälzte – Sport half ihm eigentlich immer.

„Möchten Sie wirklich nichts, Mr. Lourdess? Ich könnten Ihnen ein Wasser bringen oder gerne auch einen Kaffee?“

„Das ist sehr nett, aber danke, ich brauche nichts.“ Rook lächelte der attraktiven Brünetten zu und lehnte sich in seinem Sessel zurück, während sie das Büro verließ.

Sophia grinste, als ihre Assistentin die Tür hinter sich schloss. „Entschuldigung. Sie ist eben auch nur eine Frau. Und wie du weißt, sind Frauen ja generell von dir hingerissen.“

Rook winkte ab. „Übertreibe es nicht. Außerdem war sie gar nicht hingerissen von mir. Sie geht nur gut mit euren Gästen um.“

„Hm“, erwiderte Sophia und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. „Vielleicht sollte ich ihr trotzdem bei Gelegenheit sagen, dass dein Herz bereits an meine Schwester vergeben ist.“

„Sophia“, seufzte Rook leise und schloss kurz die Augen. „Sag jetzt bitte nicht, dass du mich deswegen treffen wolltest.“

„Nein, nicht wirklich deshalb“, gab Sophia zu. „Aber jeder, der euch beide gestern Abend auf der Terrasse gesehen hätte, wäre auf den gleichen Gedanken wie ich gekommen. Da ist noch immer Liebe im Spiel.“

„Und? Was bringt das schon. Es spielt keine Rolle mehr.“

Sophia lehnte sich zurück und musterte Rook über ihren Schreibtisch hinweg. „Deine Gefühle für meine Schwestern spielen durchaus eine Rolle in Bezug auf das, was ich dich heute fragen möchte.“

„Und das wäre?“ Rook war sich nicht sicher, ob er es wirklich wissen wollte.

Sophia straffte die Schultern. „Viva ist nicht nur einfach so wieder in der Stadt“, begann sie dann. „Es geht um viel mehr als nur einen Besuch bei der Familie. Sie wird gegen Murray Dean aussagen, wenn es nötig sein sollte.“

„Wie bitte?“ Rook starrte Sophia an. Diese nickte.

„Viva hat lange mit Murray zusammengearbeitet und in dieser Zeit einiges mitbekommen. Von seinen … Machenschaften. Ihr Wissen genügt, um ihn in ernsthafte Probleme zu bringen. Und einige seiner Freunde und Geschäftspartner ebenfalls.“

Rook presste die Kiefer aufeinander. „Ist sie in die Sache verwickelt?“, fragte er, und seine Stimme klang ein wenig rau.

„Viva?“ Sophia lachte herzlich auf. „Nein. Ich bitte dich, Rook! Sie war lediglich Zeugin. Und das, was sie zu erzählen hat, ist für die Ermittlungen außerordentlich hilfreich.“

Rook nickte. „Und was habe ich damit zu tun?“, hakte er nach. „Wieso wolltest du mich sprechen?“

Sophia spielte mit einer Haarsträhne, die sich aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst hatte. „Ich möchte sichergehen, dass meiner Schwester nichts passiert, wenn sie gegen diese Verbrecherbande auspackt“, sagte sie dann. „Sie sollte an einem Ort sein, wo niemand sie vermutet. Und wo niemand sie finden kann. Mit jemandem, der sie schützt, falls es nötig sein sollte.“

Sophia musterte Rook. „Es ist ein Auftrag, Rook. Und du kannst das auch durchaus durch einen deiner Angestellten erledigen lassen. Ich frage nicht explizit dich … Ich weiß, dass deine Männer einen hervorragenden Job machen. Und dass Viva bei jedem von ihnen gut aufgehoben wäre. Allerdings …“

Rook hob eine Braue. „Was?“

Sophia lächelte ihm zu. „Tigo sagte mir, dass du nach Italien gehst. Und ich glaube, das wäre der perfekte Ort, um Viva vor ungewolltem Ärger zu schützen.“

„Es fühlt sich so surreal an“, sagte Veronica Hail und atmete tief durch, während sie ihre Tochter in die Arme schloss.

Viva drückte ihre Mutter sanft an sich. „Ich weiß, es ist eine Überraschung, dass ich hier aufgetaucht bin. Aber als ich von Sophias Beförderung erfahren habe, musste ich einfach herkommen.“

„Ich freue mich so sehr, dich zu sehen!“

„Du musst dich doch nicht dafür entschuldigen, dass du unvermittelt nach Hause kommst!“, ergänzte Gerald, ihr Vater, und küsste Viva auf die Stirn.

Viva löste sich aus der Umarmung. „Danke …“ Sie lächelte matt. „Ihr beide hattet recht, wisst ihr das? Ihr habt mich damals davor gewarnt, alles aufzugeben, um meiner Karriere nachzugehen. Ich bin jetzt eine berühmte Schauspielerin. Aber ich habe dafür mein Glück geopfert.“ Sie presste kurz die Lippen aufeinander. „Ich bin Rook begegnet“, sagte sie dann.

Viva sah, wie sich die Gesichter ihrer Eltern in Sekundenbruchteilen aufhellten. Ein Strahlen legte sich in ihre Augen, und Viva beeilte sich zu relativieren. „Das bedeutet nichts, es war nur ein Zufall“, sagte sie. „Wir sind uns nicht gerade in die Arme gefallen.“

Sie berichtete von dem Abend auf der Party und von ihrem Gespräch mit Rook.

Veronica legte den Kopf schief. „Bist du sicher, dass das alles nicht doch ein gutes Zeichen ist? Vielleicht findet ihr ja wieder zusammen.“

Viva schüttelte den Kopf. „Nein. Es ist vorbei. Außerdem geht Rook nach Italien.“

„Und wie geht es dir damit?“

Viva zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Aber es geht mich auch gar nichts an. Wir sind seit sechs Jahren getrennt.“

„Hm, irgendwie ist das keine Antwort auf die Frage“, sagte Gerald Hail lächelnd.

Viva musste ebenfalls lachen. Ihr Vater durchschaute sie immer. „Okay, ich gebe zu, es hat mir einen Stich ins Herz versetzt. Ist das zu dramatisch ausgedrückt? Dann bin ich eben dramatisch. Der Gedanke, dass er nach Europa geht, tut mir nicht gut. Es ist so weit weg.“

„Du bist Schauspielerin. Du darfst dramatisch sein.“ Gerald blinzelte seiner Tochter zu und machte sich dann auf den Weg in die Küche, um Kaffee zu holen.

Viva seufzte leise. „Ich habe mir gestern sogar gewünscht, dass die Geschäftskontakte in Italien doch kein Interesse an der Zusammenarbeit mit ihm haben. Und er hierbleibt. Das ist doch fürchterlich. Ich sollte mich für Rook freuen.“

Veronica lächelte. „Ich schätze, so ist das einfach, wenn man jemanden liebt. Man möchte nicht, dass er geht.“

Viva unterdrückte ein Stöhnen. „Warum gehen eigentlich alle davon aus, dass Rook und ich noch immer ineinander verliebt sind? Das ist doch völlig verrückt!“

Sie setzte sich gemeinsam mit ihrer Mutter auf die Couch vor dem Kamin.

Veronica blickte sie an. „Du hast die Beziehung damals beendet, weil du Schauspielerin werden wolltest. Und weil es nötig war, um deine Karriere voranzubringen. Du hast dich nicht getrennt, weil du Rook nicht mehr geliebt hast.“

„Richtig. Und Rook wäre ein Idiot, wenn er mich nach allem, was ich ihm angetan habe, wieder zurücknehmen würde. Es steht also nicht zur Debatte.“

„Würdest du das denn wollen? Dass ihr es noch einmal miteinander versucht?“

Viva seufzte leise. „Ich denke nicht weiter darüber nach, weil das einfach unrealistisch ist. Hast du Rook mal gesehen in letzter Zeit? Ich bin sicher, er kann sich vor interessierten Frauen kaum retten.“

„Ich weiß sehr genau, was du meinst. Ich habe ihn gesehen.“ Veronica tätschelte Vivas Knie. „Aber weißt du was? All diese Frauen, die vielleicht in seinem Leben herumschwirren, spielen keine Rolle. Weil er sie nicht liebt. Und warum tut er das nicht? Weil keine von ihnen wie du ist.“

„Ich soll sie mitnehmen? Nach Italien? Soll das ein Scherz sein?“

„Moment, Rook!“ Sophia rollte genervt mit den Augen. „Ich habe nur darum gebeten, dass jemand sich um sie kümmert und sie in Sicherheit bringt. Das ist alles. Und ich denke, so gut wie jeder Mann auf diesem Planeten würde sich um diese Aufgabe reißen!“

„Sie würde ohnehin nicht mitkommen.“

Sophia seufzte. „Ich bin sicher, du könntest sie überreden. Es ist zu ihrem Besten.“

„Natürlich könnte ich das! Aber ich will es nicht! Und außerdem kann sie hier auch nicht einfach verschwinden. Sie muss doch sicher wieder zu irgendwelchen Dreharbeiten, oder will sie das jetzt etwa auf einmal nicht mehr machen?“

„Viva hat eine längere Drehpause“, erklärte Sophia ruhig. „Es geht erst in fünf Monaten weiter.“ Sie musterte Rook prüfend und grinste dann. „Gib es zu, du hast nur Angst davor, mit einer Sexbombe wie meiner Schwester alleine zu sein.“

Rook rieb sich die Nasenwurzel. „Du kannst unmöglich sein, Sophia.“

„Ja, ich weiß. Dafür werde ich überall geliebt.“

Rook seufzte. „Okay, jetzt mal ernsthaft, Sophia. Wie schwierig ist die Lage? Denkst du wirklich, dass Viva in Gefahr ist?“

Sophias Gesicht wurde sehr ernst. „Ich mache über so etwas keine Witze. Und ich würde ganz sicher keine solche Geschichte erfinden, nur um dich und Viva wieder zusammenzubringen. Falls du das denken solltest. Nein, ich mache mir wirklich Sorgen, dass ihr etwas passieren könnte, und ich möchte Vorsichtsmaßnahmen treffen. Und ja, es wäre mir am liebsten, wenn ich sie bei dir wüsste. In Sicherheit.“

Rook zögerte einen Moment. Dann zuckte er mit den Schultern. „Meinetwegen. Aber ich werde Viva nicht zu dieser Reise überreden, wenn sie es nicht möchte.“

Sophia seufzte erleichtert. „Mach dir darüber mal keine Gedanken. Sie dazu zu bringen, vernünftig zu sein, ist meine Aufgabe.“

„Hast du eine Vorstellung davon, durch welche Hölle ich gehe, seit du weg bist?“

„Nur weil ich meinen Eltern einen Besuch abstatte?“

„Sehr witzig!“ Artesia Relis stöhnte dramatisch auf. Sie hatte diese Attitüde über Jahre so perfektioniert, dass man niemals so recht sagen konnte, ob sie jetzt ernstlich genervt war oder nur so tat. „Murray ist unausstehlich. Und niemand kann ihn, wenn er so schlechter Laune ist, besser beruhigen als du.“

Viva horchte auf. „Was ist denn los mit ihm?“ Sie hatte beschlossen, Murrays Assistentin gegenüber so arglos wie nur möglich zu tun. Und auf diese Weise vielleicht sogar noch ein paar Hintergrundinformationen aufzuschnappen.

„Wenn nicht einmal du weißt, was mit ihm los ist, wie sollte ich das dann wissen?“ Artesia klang ratlos. „Er ist gereizt, fahrig, und man erreicht ihn nur schlecht. Und das meine ich nicht nur im übertragenen Sinn. Er geht nicht ans Telefon! Ich habe hier schon unzählige verärgerte Kunden, denen ich irgendwie erklären muss, dass Murray gerade nicht zu sprechen ist.“

„Oh, das ist schwierig“, sagte Viva. Sie konnte sich vorstellen, dass Artesia gerade keinen leichten Job hatte. „Und du hast keine Ahnung, warum Murray sich so komisch verhält?“

„Ich weiß es nicht. Vielleicht hat es etwas mit dem komischen Meeting neulich zu tun. Seitdem ist er ein wenig anders als sonst.“

„Was für ein Meeting?“

„Keine Ahnung, er hat nichts dazu notiert. Ich hatte nur den Eindruck, dass es keine Schauspieler waren, die da bei ihm im Konferenzraum saßen.“

„Sondern?“

„Sie wirkten … sehr offiziell. Irgendwie.“

„Du meinst, es waren Cops?“

Artesia schnaubte. „Was weiß denn ich? Aber ehrlich gesagt, wirkten die eher, als wären sie auf der falschen Seite des Gesetzes zu Hause! Das ist aber nur so ein Bauchgefühl, ich habe sonst keine Anhaltspunkte dafür.“

Obwohl Viva nicht wollte, dass Artesia Verdacht schöpfte, beschloss sie, noch eine weitere Frage zu stellen. „Klingt merkwürdig“, sagte sie deshalb. „Denkst du, du würdest die Typen wiedererkennen, wenn du sie noch mal siehst?“

„Klar. Die vergisst man nicht so schnell! Viva? Denkst du, mit Murray ist alles in Ordnung?“

„Natürlich! Er hat eben manchmal launische Phasen, das legt sich wieder. Mach dir keine Gedanken. Ich werde sehen, was ich herausfinden kann, okay?“

„Wunderbar, danke! Übrigens, das nächste Skript kommt bald für dich an.“

„Oh, gut. Danke! Halt die Stellung, und wir hören uns bald, ja?“

Viva beendete das Telefonat und atmete tief durch. Dann wählte sie erneut eine Nummer.

Es klingelte mehrfach, doch dann ging nur eine Mailbox an. Viva unterdrückte ein Fluchen. „Murray? Hier ist Viva. Ruf mich doch bitte mal zurück, ja? Danke.“

3. KAPITEL

„Also diese beiden und die drei dort?“ Sophia deutete auf Fotografien, die vor ihr und Viva auf dem Tisch ihres Büros lagen.

Viva nickte. „Ja. Ich erkenne die Leute wieder. Sie hatten mit Murray zu tun.“

Sophia nickte und wirkte zufrieden. Viva hatte soeben dabei geholfen, weitere wahrscheinliche Mitglieder des Geldwäscherzirkels zu identifizieren. Es wunderte Sophia nicht, dass sich darunter auch bekannte Industrielle der Stadt befanden. Sie hatte diese Männer bereits in Verdacht gehabt, in die Sache verwickelt zu sein. Vivas Aussage festigte nun die Vermutung, dass sie mit Murray Dean in Verbindung standen.

Viva blickte ihre Schwester an. „Wird Murray ins Gefängnis kommen?“, fragte sie.

„Noch können wir ihm nicht genug nachweisen. Aber ich denke, es ist eine Frage der Zeit“, entgegnete Sophia.

„Ich fürchte, ich kann nicht wirklich weiterhelfen, oder?“

„Was redest du denn da? Natürlich, du bist eine riesige Hilfe! Du trägst dazu bei, die Puzzleteile zusammenzufügen! Polizeiarbeit ist immer wie ein großes Puzzle. Und Zeugen wie du beschleunigen den Prozess der Wahrheitsfindung.“

Viva trat ans Fenster und ließ den Blick über die Skyline schweifen, die sie von Sophias neuem Büro aus sehen konnte. Philadelphia fühlte sich noch immer nach ihrem Zuhause an. Auch wenn sie inzwischen durch die Dreharbeiten kaum noch herkam.

„Ich kann dich grübeln hören“, sagte Sophia, nachdem das Schweigen einige Minuten den Raum gefüllt hatte. „Was ist los, Viva?“

„Ich frage mich, ob ich noch irgendetwas tun kann.“

„Was solltest du noch tun können?“ Sophia blickte sie prüfend an. „Gibt es noch etwas, das du mir sagen möchtest?“

„Ich habe Murray angerufen“, sagte Viva schließlich.

Sophia stand langsam auf. „Wie bitte? Du hast was getan?“

„Ich wollte nicht riskieren, dass er sich absetzt. Jetzt, wo es für ihn gefährlich wird.“ Sie schluckte schwer. „Ich habe mit seiner Assistentin gesprochen. Und auch sie ist der Meinung, dass er sich sehr seltsam verhält. Offenbar waren vor einiger Zeit einige merkwürdige Typen zu einem Meeting bei Murray. Wir wissen nicht, wer es war, aber sie wirkten nicht besonders vertrauenerweckend. Und seitdem ist Murray offenbar sehr verändert. Ich wollte nur helfen, Sophia.“

Sophia atmete tief durch. „Viv, es ist nicht dein Job, dafür zu sorgen, dass Murray sich nicht absetzt.“

„Aber ich wollte doch nur …“

„Danke, du hast wirklich genug getan!“ Die Stimme ihrer Schwester wurde so schneidend, dass Viva verstummte.

„Ich denke, unter diesen Umständen ist es am besten, wenn du für einige Zeit von der Bildfläche verschwindest“, fuhr Sophia fort.

„Ja, das verstehe ich“, erwiderte Viva und nickte. „Ich muss ohnehin ein Drehbuch lesen. Ich ziehe mich nach Hause zurück und komme niemandem mehr in die Quere.“

„Das genügt nicht. Ich möchte, dass du außer Landes bist. Irgendwo, wo dich ganz sicher niemand vermutet.“

Viva blickte sie ein wenig ratlos an. „Das klingt, als würdest du mich mit dem Begleitschutz von ein paar Cops irgendwo in einer Hütte im Wald verstecken wollen. Sag, dass es nicht das ist, was du vorhast?“

Sophia grinste. „Die Idee ist nicht schlecht. Aber ich habe eine bessere. Es wird keine Hütte im Wald, aber ein hübsches Anwesen in den italienischen Bergen. Und statt der Cops wirst du einen sehr attraktiven Experten für Personenschutz an deiner Seite haben. Wie klingt das?“

Viva blickte Sophia an, und ihre Pupillen weiteten sich. „Das ist nicht dein Ernst.“

„Ich kann nicht glauben, dass er wirklich heiratet!“

Rook lachte bei Linus Brooks Worten leise in sich hinein. Er konnte die Fassungslosigkeit des alten Freundes gut verstehen.