Über das Buch

Pablo ist der Junge, der als Baby in einem aufblasbaren Schwimmbecken an den Strand der Insel gespült wurde.

Birdy ist der flugunfähige Papagei, der mit Pablo in dem Kinderbecken saß.

Das war vor 10 Jahren, und seitdem sind die beiden unzertrennlich. Aber jetzt ändert sich so vieles: Pablo will die Wahrheit über seine Herkunft wissen und warum Birdy, seine lavendelfarbene und nach Mango riechende beste Freundin, unbedingt nach so vielen Jahren zu fliegen versucht. Liegt das etwa an dem seltsamen Wind, der angeblich den sagenumwobenen Seefahrerpapagei auf die Insel bringt, der alle Wörter und alle Geheimnisse kennt? Vielleicht kann er auch das Geheimnis von Pablos Herkunft lüften?

 

 

 

 

Für alle, die sich in der Ferne
ein neues Leben aufgebaut haben.
A. M.

1

Bist du bereit, Birdy?«, fragte Pablo und hielt dem Vogel seinen Arm hin. »Hüpf!«

Birdy hüpfte. Ganz leise, um Emmanuel nicht zu wecken, der noch hinter seiner geschlossenen Schlafzimmertür schlief, gingen sie hinaus und die vier Treppen hinunter. Es war Frühling, und aus dem nur wenige Straßen entfernten Meer erhob sich gerade erst sanft funkelnd die Sonne über dem Horizont. Die Stadt Isla lag noch still in der Morgendämmerung, doch Hühner und Tauben und Papageien waren schon munter und scharrten gackernd und gurrend und glucksend auf den verlassenen Gehwegen.

Bald schon würden die ersten Geschäfte und Cafés ihre Türen öffnen. Dann würden auch Pablo und Emmanuel ihren Laden aufschließen. Pablo würde die Doppeltür von »Seefahrersouvenirs« aufschieben und die Ständer mit den T-Shirts ins Freie rollen. Bald würde der alte rote Doppeldeckerbus durch die Straßen rumpeln, und Touristen mit Sonnenhut auf dem Kopf würden aus den Fenstern lehnen.

Aber so weit war es noch nicht.

Versteckt hinter üppig blühenden Sträuchern, lehnte Pablos Fahrrad an einer Wand des mehrstöckigen Hauses, in dem er mit Emmanuel wohnte. Während er das Rad ins Freie schob, krallte Birdy sich fester in seinen Unterarm und sprang dann in den Korb am Lenker. Pablo schwang ein Bein über die Stange, und los ging’s, vorbei an Pierres Konditorei und Lulas Tattoo-Studio, am Café Papagei und an Marias Kleintierklinik. An der nächsten Straßenecke bogen sie rechts ab, dann flitzten sie an der Auffangstation für kranke oder verletzte Papageien vorüber und zwischen hohen Palmen hindurch, bis sie zur Strandpromenade gelangten. Pablo lehnte sein Rad ans Geländer der Holztreppe, die zum Strand hinunterführte. Dann streckte er Birdy wieder den Arm hin. »Hüpf!«

Sobald sie unten am Wasser waren, flatterte Birdy auf Pablos Kopf und krallte sich dort fest. »Pass mal ein bisschen auf, Birdy«, mahnte Pablo. »Da oben hab ich nämlich mein Gehirn.«

Birdy schlug Pablo leicht mit einem Flügel aufs Ohr, Pablo reckte einen Zeigefinger in die Luft, und Birdy pickte sanft mit dem Schnabel daran. Die meisten Papageien würden sich so einen ungeschützten Finger nicht entgehen lassen, aber nicht so Birdy. Jedenfalls nicht, wenn der Finger zu Pablo gehörte.

»Halt dich gut fest«, sagte Pablo und sprang in den Sand.

Birdy hielt sich gut fest. Die Flut hatte den Strand wieder ganz glatt gemacht. Noch hatten sich keine Fußspuren oder Pfotenabdrücke in den Sand eingegraben, denn außer Pablo und Birdy war noch niemand unterwegs. Neben einer Düne ragte eine verlassene orangerote Schaufel halb aus dem Sand. Nicht mehr lange, und der Strand wäre voll mit lärmenden Kindern und Surfern, Fischer würden mit ihren Booten in den Hafen am Ende des Strands einlaufen, der Kokosnussmann und die Pepitas-Frau würden barfuß durch den Sand kommen und Kokosnüsse und geröstete Kürbiskerne anpreisen. Doch noch gehörte der Strand ganz allein Pablo und Birdy.

»Magst du fliegen?«, fragte Pablo. Birdy hüpfte auf Pablos Schulter und drückte den Kopf an seinen Hals. Das hieß »Ja«.

»Dann halt dich gut fest«, sagte Pablo, und Birdy krallte sich in die Schulter des Jungen. Für alle Fälle legt er noch eine Hand darüber. »Uno, dos, tres …«, und los ging es, immer den Strand hinunter. Birdy hielt sich gut fest, Pablo erhöhte langsam sein Tempo, und als er richtig rannte, breitete Birdy die Flügel so weit aus, wie es ging – huuiiii. Pablos Haare wehten im Wind, und einen Augenblick lang war ihm, als würden seine Füße vom Boden abheben. Ob es sich wohl so anfühlte zu fliegen? Wenigstens ein kleines bisschen? Er wüsste es so gern. Aber Pablo war ein Junge, kein Vogel, und so konnte er nur raten.

Doch eins wusste er genau: Besser als so konnte Birdy nicht fliegen, das war ihre Art, so liebte sie es. Sie stand schwankend auf Pablos Schulter, krallte sich daran fest und hielt den Kopf hoch in den Seewind. »Fast-Fliegen« nannte Pablo dieses Morgenritual. Andere Leute führten ihre Hunde aus, und Pablo? Pablo half seinem Vogel, den Strand entlangzufliegen. Immer weiter rannte Pablo, bis er stehen bleiben und Luft holen musste. Sie hatten das andere Ende vom Strand erreicht.

Noch immer waren sie ganz allein. Nur die ewig hungrigen Möwen kreisten kreischend über ihnen, während sie den Strand nach Essbarem absuchten. Pablo legte eine Hand über die Augen und beobachtete die Möwen. Birdy krallte sich abwechselnd in Pablos Schulter und ließ wieder los. Ob sie sich wohl auch gerne so in die Lüfte erheben würde? Wie schwer musste es für einen Vogel sein, nicht fliegen zu können.

»Birdy?« Pablo sprach leise, für den Fall, dass doch irgendwo Menschen in der Nähe waren. Nur Birdy sollte ihn hören. Er schob einen Fuß vor, sodass er direkt an der Uferlinie stand. »Weißt du noch, wie das war? Vor all den Jahren? Als wir ganz allein waren, nur du und ich?«

Birdy grub die Krallen etwas stärker ein; das war ihre Art, ihn wissen zu lassen, dass sie ihm zuhörte.

»Ich weiß es nämlich nicht«, fuhr Pablo fort.

Birdy verlagerte ihr Gewicht. Pablos Finger tasteten nach der Kette, die er immer um den Hals trug, und schlossen sich darum. Dios me bendiga – Gott segne mich – stand auf dem Anhänger aus Stein, der an einem schmalen Lederband hing. Pablo versteckte die Kette immer unter seinem T-Shirt. Jetzt schaute er aufs Wasser hinaus. Es war schwer zu glauben, dass sie sich am Rande eines Ozeans befanden. Es gab nur kleine Wellen, die wie Wasser in einer Kinderbadewanne plätscherten und Pablo an den Zehen kitzelten.

»Erinnerst du dich noch an den großen Sturm, von dem Emmanuel erzählt hat? Der hier wütete am Tag, bevor wir ankamen?«

Dieselbe Frage stellte er ihr jedes Jahr an diesem Tag. Und jedes Jahr schwieg Birdy. Aber sie grub die Krallen etwas tiefer ein. Sie hörte weiter zu, hieß das.

»Es ist dieselbe Jahreszeit«, sagte Pablo. »Bald geht das wieder los.«

Birdy krallte sich noch etwas stärker fest. Sie war die Einzige, mit der Pablo über diese Dinge sprach, und sie gab ihm immer zu verstehen, dass sie zuhörte.

»Der erste zweistellige Geburtstag!«, sagte Pablo mit einer künstlichen Erwachsenenstimme. »Was hast du denn für Pläne für den großen Tag?«

Mit einem sanften Plopp fiel hinter ihm eine Kokosnuss in den Sand. Nicht immer war das Wasser so ruhig wie heute. Das Meer hatte seinen eigenen Willen. Bei Flut stünde Pablo da, wo er jetzt war, unter Wasser. Doch gerade war Ebbe. Wenn der Wind plötzlich auffrischte, wie es manchmal geschah, wehten die Palmwedel alle in eine Richtung. Richtig hohe Wellen brausten dann über den Strand und die Stufen bis auf die Promenade. Wenn sich ein Sturm ankündigte, machten sich die Bewohner von Isla bereit. Pierre vernagelte das Schaufenster seiner Konditorei mit Brettern, Lula schloss die Läden ihres Tattoo-Studios und verriegelte sie, Maria sammelte alle Patienten ihrer Klinik ein und nahm sie mit in ihr Haus, das gut geschützt hinter einem Kiefernwald am anderen Ende der Stadt lag. Emmanuel und Pablo rollten die Ständer mit den T-Shirts zurück in den Laden, zogen die Markisen ein, sicherten die Doppeltüren mit Sandsäcken und schlossen gut zu.

Doch heute war kein Sturm, und es zeichnete sich auch keiner am Horizont ab. Heute wehte nur eine sanfte Brise.

»Sie sollten diesen Tag nicht meinen Geburtstag nennen«, murmelte Pablo. »Meinen Wer-weiß-wann-er-geboren-ist-Tag, so sollten sie ihn nennen. Meinen Nicht-Geburtstag.«

Am Tag nach einem großen Sturm konnten die Wellen alles Mögliche an den Strand tragen: Treibholz, den zerschlagenen Rumpf eines Fischerbootes, Bojen, Flaschen oder auch die Gerippe von gewaltigen Fischen. Einmal – man kann es kaum glauben – hatten die Wellen sogar ein Baby an den Strand gespült.

Dieses Baby war Pablo gewesen.

2

Jeder in Isla kannte die Geschichte von Pablo und Birdy. Schließlich war Isla eine kleine Stadt auf einer kleinen Insel, und viele Bewohner hatten bereits damals dort gelebt, an jenem Tag vor mehr als neun Jahren, als das kleine aufblasbare Schwimmbecken mit der Flut hereinkam. Emmanuels laute Rufe in der Morgendämmerung hatten die anderen alarmiert. Er war schon ganz früh an den Strand gegangen, wie immer nach einem großen Sturm, um zu sehen, was die Wellen gebracht hatten – Seeglas oder ungewöhnliche Muscheln oder Treibholz oder sonstige Schätze. Dinge, die Emmanuel in seinem Souvenirladen verkaufen konnte.

Manchmal brachte er einen ganzen Sack voller Dinge zurück, die er gesammelt hatte, doch nicht an jenem besonderen Tag. An jenem Tag blieb der Sack leer.

»Zuerst hielt ich es für einen großen Fisch«, sagte er, wenn er die Geschichte später wieder und wieder erzählte. »Für einen Hai vielleicht. Es hätte aber auch ein Delfin oder ein Wal sein können.«

Emmanuel hatte barfuß am Wasser gestanden, die Hosenbeine zum Schutz vor den Wellen hochgekrempelt, und zugesehen, wie das seltsame Etwas herantrieb. Immer näher war es gekommen und hatte langsam Gestalt angenommen.

»Es geschah während des letzten Wechselwindes, wenn ihr euch erinnert, am Morgen nach diesem wüsten Sturm.«

Alle seine Zuhörer erinnerten sich, denn es war ein besonders wilder Sturm gewesen. »Nach solchen Stürmen werden immer die seltsamsten Dinge an Land gespült.«

Emmanuel hatte ganz still dagestanden, hatte einfach geschaut und gewartet. Nein, ein Fisch war das nicht, auch kein Boot, kein Stück Treibholz und auch kein wirres Knäuel aus Seegras.

»Ich war auf alles gefasst«, erzählte er später.

Auf alles – bis auf ein Baby.

Als Emmanuel ganz sicher war, dass es stimmte, was seine Augen ihm sagten, ging er mit großen Schritten ins Meer hinein.

»Ein Baby!«, rief er laut. »Es ist ein Baby! In einem Schwimmbecken. Und – und – ein Vogel!«

Zunächst hörte niemand seine Rufe. Es war eine Nacht voll wütend heulender Winde und unruhiger Träume gewesen, und so schliefen die meisten Bewohner von Isla noch. So kam es, dass Emmanuel das aufblasbare Schwimmbecken im ersten Sonnenlicht ganz allein entgegennahm. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf das Kind gerichtet, das gut gesichert unter einem Geflecht aus verknoteten Seilen lag. Den Vogel, der sich mit den Krallen an dem Seilgitter festklammerte und das Kind zu bewachen schien, beachtete Emmanuel kaum; er versuchte sogar, ihn wegzuscheuchen.

Doch der ließ nicht los. Seine Krallen umklammerten ganz fest die Seile, die das Baby im Schwimmbecken festhielten. Einen Augenblick lang riss Emmanuel den Blick von dem dunkelhaarigen, schlafenden Kind los und schaute den Vogel an. Erschöpft kam er ihm vor – matte Augen, schlaff herabhängendes, schmutziges Gefieder. Mager war das Tier, und es wirkte extrem angespannt. Und doch war es auf gewisse Weise schön.

»Selbst in jenem ersten Augenblick habe ich es gesehen«, erzählte Emmanuel seinen Freunden später. »Birdy war etwas Besonderes. Sie hatte etwas … Großartiges an sich.«

Emmanuel hatte recht. Doch es sollte noch sechs Wochen dauern, bis auch alle Übrigen erkannten, wie ungewöhnlich dieser Vogel war. Selbst nach all dieser Zeit wich der Vogel dem Kind nie von der Seite. Keiner in Isla hatte bis dahin einen Papagei mit so auffälligen Farben gesehen. Die Deckfedern waren lavendelblau, das Untergefieder leuchtete blaugrün. Der Vogel schien immer zu wissen, was das Baby brauchte. Wenn es hungrig war, brachte er winzige Mango- oder Bananenstückchen, und wenn es schlief, zog er ihm die kleine grüne Decke hoch bis unters Kinn.

»Sie muss von Anfang an bei Pablo gewesen sein«, vermutete Emmanuel. »Sie benahm sich wie eine Vogelmutter und ließ ihn nicht aus den Augen. Erst als sie sich ganz sicher war, dass ich ihm nichts Böses tun würde, ging sie vom Seilgeflecht herunter.«

Emmanuel hatte das Baby, das noch immer sicher in seinem aufblasbaren Becken lag und schlief, in seinen Souvenirladen getragen, der sich nahe beim Strand befand. Der Vogel war ihm auf die Schulter gehüpft und hatte sich dort festgekrallt. Von Zeit zu Zeit hatte er sich vorgebeugt und Emmanuel am Ohr gezupft, so als wollte er ihm zeigen, wer hier das Sagen hatte.

»Ich habe versucht, mit dem Vogel zu sprechen«, sagte Emmanuel später. »Er ist schließlich ein Papagei. Aber er wollte nicht auf mich hören. Er war der Bestimmer, nicht ich.«

An dieser Stelle seiner Erzählung hob er stets die Arme wie Flügel und fixierte seine Zuhörer mit strengem Blick, um ihnen vorzumachen, wie Birdy sich damals schützend vor den kleinen Pablo gestellt hatte.

»Ich hab dem Vogel gesagt, er müsse sich keine Sorgen mehr machen, der Kleine sei nun in Sicherheit. Irgendwann hat er mir geglaubt, doch das dauerte Wochen.«

Frühaufsteher, die gerade ihre Fenster oder Türen aufmachten, um Morgenluft hereinzulassen, hielten überrascht inne, als sie ihren Freund Emmanuel mit seiner Fracht sahen.

»Es ist ein Baby«, wiederholte Emmanuel immer nur, so als reichte das als Erklärung.

Als die drei am Laden ankamen, saß der Vogel vor lauter Erschöpfung zusammengesunken auf Emmanuels Schulter. Lula fegte gerade den Gehweg vor ihrem Henna-Tattoo-Studio, und Pierre hatte soeben die Tür zu seiner Konditorei geöffnet.

»Ihr hättet eure Gesichter sehen sollen«, sagte Emmanuel später jedes Mal, wenn er die Geschichte erzählte. »Und ich dachte immer, euch könnte nichts die Sprache verschlagen. An dem Tag wart ihr tatsächlich sprachlos.«

»Du kannst ja auch nicht abstreiten, dass ihr ein erstaunlicher Anblick wart«, sagte Pierre dann jedes Mal.

»Da lagst du in deinem kleinen Schwimmbecken, Pablo« – und dabei nickte er Pablo zu, als wäre der erst kürzlich an Land geschwemmt worden –, »so fest verschnürt, dass es ein Wunder ist, dass du überhaupt noch Luft bekommen hast! Mon Dieu! Aber du hast einfach weitergeschlafen.«

Lula sah kopfschüttelnd zu Birdy hinüber, so als könnte sie immer noch nicht glauben, dass es so einen Vogel gab. »Und du, Birdy, bist nicht von Pablos Seite gewichen. Als ginge es um Leben und Tod.«

»Um Leben und Tod«, echote Pierre, und Emmanuel nickte dazu.

Birdy, schweigsam wie immer, schloss die Augen und legte den Kopf schief, wie immer, wenn sie diese Worte hörte. Um Leben und Tod – es war, als erinnerte sie das an irgendetwas. Doch was das sein mochte, wusste niemand.

3

Aber Pablo war schon lange kein Baby mehr. In wenigen Wochen würde er zehn werden. Wenigstens behauptete das Emmanuel, der irgendwann beschlossen hatte, Pablos Geburtstag jedes Jahr an dem Tag zu feiern, an dem er einst mit den Wellen an den Strand gespült worden war. Doch jedes Jahr um diese Zeit schlief Pablo schlecht. Er hatte nicht die kleinste Erinnerung an seine Ankunft auf der Insel. Das alles war ihm ein einziges Rätsel. Von wo war er gekommen? Was war passiert, sodass er ganz allein auf dem Meer trieb, nur mit Birdy als einzigem Beschützer? Diese Fragen nagten immer an ihm, doch nur einmal im Jahr erlaubte er sich, darüber nachzudenken, ernsthaft nachzudenken. Gerade jetzt war es wieder so weit.

»Ich wünschte, du könntest mir irgendeinen Tipp geben«, sagte Pablo zu Birdy. »Wenigstens einen ganz kleinen.«

Wenn Pablo über Dinge sprechen wollte, über die er mit niemandem außer Birdy sprach, dann kamen sie immer an den Strand, und zwar früh am Morgen. Noch waren sie die Einzigen hier, doch das würde sich bald ändern. Schon hörte Pablo das leise Tuckern eines Bootsmotors – ein Fischer näherte sich dem Hafen.

»Alle die anderen Vögel sprechen«, erinnerte Pablo Birdy.

Sie hatten alles versucht, um Birdy das Sprechen beizubringen, erst Emmanuel, dann, als er älter wurde, auch Pablo. Schließlich war Birdy ein Papagei, und den meisten Papageien konnte man das Sprechen beibringen. Auch Birdys Herkunft war ein Rätsel, doch vielleicht erinnerte sie sich ja, und wenn sie lernen könnte, wenigstens ein paar Worte und Sätze zu sprechen, dann könnte man daraus vielleicht schon Schlüsse ziehen. Emmanuel hatte versucht, ihr kleine Sätze beizubringen – zum Beispiel: Mi nombre es Birdy – Ich heiße Birdy –, doch Birdy blieb stumm. Manchmal, wenn sie allein am Strand waren, so wie auch jetzt, versuchte Pablo, sie dazu zu bekommen, etwas zu sagen. Nicht so etwas Blödes wie »Polly will Keks«, was ihr ständig irgendwelche Touristen vorsprachen, sondern »Lass uns fliegen, Pablo«. Manchmal auch das Gleiche auf Spanisch: »Vamos a volar, Pablo.« Doch selbst wenn er versuchte, Birdy mit Leckereien zu locken, selbst wenn es Apfelschnitze waren, blieb der Vogel stumm. Kein Laut war von ihm zu hören, außer wenn er ganz fest schlief. Und auch dann kamen keine richtigen Wörter, sondern eine Art Gemurmel oder ein Seufzer.

»Wirklich, die reden alle«, wiederholte Pablo, »auch wenn sie nicht viel zu sagen haben.«

»He!«, quakte es ganz in der Nähe. »Pass auf, was du sagst!«

O nein! Das Vogelkomitee war schon auf den Beinen und hinter ihnen her. Pablo drehte sich in die Richtung um, aus der das Geschimpfe kam. Birdy saß weiter auf seiner Schulter. Peaches, die gequakt hatte, flatterte die Strandpromenade entlang. Direkt hinter ihr kam Mister Chuckles, gefolgt von Sugar Baby und Rhody. Peaches war ein Graupapagei, Mister Chuckles ein Wellensittich und Sugar Baby ein Mönchssittich.

Rhody war ein Rhodeländerhuhn, kein Papagei, doch anscheinend hielt er sich für einen. Für alle anderen Hühner von Isla, die ständig gackernd über die Gehwege oder durch die Cafés trippelten und unbedingt mit den Papageien abhängen wollten, hatte er nur Verachtung übrig.

Diese vier zogen durch Isla, als wollten sie alle Ankommenden begrüßen. Deswegen hatte Pablo ihnen den Spitznamen »das Komitee« gegeben. Laut gackernd hüpften und flatterten sie jetzt von der Promenade in den Sand herunter. Birdy grub ihre Krallen in Pablos Schulter und hielt sich ganz fest. Wie immer hielt sie sich möglichst fern von den anderen. Wie immer schwieg sie.

»Was für ein Tag ist heute?«, wollte Sugar Baby wissen.

»Ein Tag der Fragen, auf die ich keine Antwort weiß«, sagte Pablo. »So ein Tag ist heute. Und deswegen bin ich auch hergekommen, um mit Birdy reden zu können, ohne dass ihr alle lauscht.«

»He! Pass auf, was du sagst!«, quakte Peaches wieder.

»Pass selber auf, Peaches.«

»HAHAHAHAHA!« Das kam von Mister Chuckles, der immer gern lachte, selbst wenn es gar nichts zu lachen gab. Er legte den Kopf schief, plusterte sich auf und sah Birdy an. »Netter Fummel!«, sagte er. »Sieht scharf aus!«

Birdy würdigte ihn keines Blickes, so wie immer, doch Mister Chuckles gab den Versuch nie auf, Birdy irgendeine Reaktion zu entlocken. Pablo fragte sich manchmal, ob Mister Chuckles nicht heimlich in Birdy verliebt war.

»HAHAHAHAHA!«, lachte Mister Chuckles, so als wollte er die Peinlichkeit überspielen, dass Birdy ihn einfach nicht beachtete. »HAHAHAHAHA

»Es reicht«, sagte Pablo. »Es wird sowieso Zeit zurückzugehen.«

Er war mit Birdy an den Strand gekommen, um mit ihr allein über seinen Geburtstag zu sprechen, auf den Emmanuel und all die anderen sich jedes Jahr so freuten, den Pablo aber fürchtete. Aber jetzt, wo das ganze Begrüßungskomitee die Ohren spitzte, war es zwecklos, reden zu wollen.

»Was für ein Tag ist heute?«, seufzte Sugar Baby wieder.

Sugar Baby, der stille kleine Mönchssittich, mochte es gar nicht, an den Strand zu gehen. Am liebsten hielt sie sich in der Nähe von Lulas Tattoo-Studio auf. Jedes Mitglied des Komitees hatte einen Menschen, den es allen übrigen vorzog. So wie Lula Sugar Babys Lieblingsmensch war, so war Pierre der von Mister Chuckles. Rhody mochte die Blumenfrau am liebsten, und Peaches schwärmte für Emmanuel. Und alle, alle liebten sie natürlich Maria. Ob Vögel, Hunde, Katzen, Frettchen oder auch größere Tiere wie Alpakas – alle liebten Maria.

Doch so wie Birdy war keines der Komiteemitglieder. Kein einziger Vogel in der Welt hing so an einem Menschen wie Birdy an Pablo.

4

Das Städtchen Isla war berühmt für seine Vögel. Sie liefen nach Lust und Laune durch die Läden und Cafés, hockten in Sträuchern und Bäumen und zogen ohne jede Angst vor den Menschen ihre Jungen auf. Die fütterten sie, schützten sie, fotografierten und bestaunten sie. Vögel gehörten zu den bedeutendsten Touristenattraktionen von Isla.

Selbst wenn sie sich schlecht benahmen, ließ man sie gewähren. Das galt zum Beispiel für Mister Chuckles, vor allem sonntagmorgens. Er hatte sich selbst zum Modeexperten erklärt, und der Sonntag war für ihn der beste Tag in der Woche. Da ließ er sich, zusammen mit dem restlichen Komitee, auf dem untersten Ast des Ahorns vor der Kirche nieder.

»Netter Fummel!«

»Hmhm.«

»HAHAHAHAHA

Netter Fummel! Das wollten alle Kirchgänger gern hören. Hmhm wollte sich keiner sagen lassen, doch selbst Hmhms waren besser als Mister Chuckles’ HAHAHAHAHA!. Im Laufe der Zeit hatten die Bewohner von Isla sich angewöhnt, mehr auf ihre Kleidung zu achten. Inzwischen war es tatsächlich so weit gekommen, dass sie sich gegenseitig zu übertrumpfen versuchten, die Frauen mit auffallenden Hüten, die Männer mit wild gemusterten Hemden.

»Mister Chuckles ist ein strenger Richter«, fand Lula.

»Er hat eben hohe Ansprüche«, sagte Pierre.

»Ich bin bloß froh, dass ich nie zur Kirche gehe«, meinte Emmanuel. »Mehr sage ich nicht dazu.«

Isla war wirklich berühmt für seine Vögel, vor allem für die, die sprechen konnten. Dazu gehörten Graupapageien, Beos, Amazonaspapageien, Nymphen, Mönchssittiche und Aras.

Doch Isla war noch für etwas anderes berühmt: Seit vielen Jahren hielten sich hartnäckig Gerüchte, wonach Isla einmal Heimat – vielleicht aber auch nur Zwischenstation – einer ganz bestimmten Vogelart gewesen war. Einen Beweis dafür, dass es diesen Vogel wirklich gab, hatte allerdings niemand.

Dieser Vogel hieß Seefahrerpapagei oder kurz Seefahrer. Es hieß, diese Papageien besäßen besondere Fähigkeiten, die kein anderer Papagei und auch sonst kein Vogel hatte. Sie lebten auf dem Meer und verbrachten fast ihre ganze Zeit damit, sich hoch über den Wellen von den starken Ozeanwinden treiben zu lassen. Es gab nur ganz wenige Berichte von Menschen, die Seefahrerpapageien mit eigenen Augen gesehen hatten, denn man sah sie überhaupt nur, wenn der Wechselwind wehte – ein heftiger Wind, der mal direkt in Richtung Strand wehte, mal geradewegs zum Meer. Doch das geschah nur etwa alle zehn Jahre. Es gab ein altes Sprichwort, das einst von Fischern geprägt worden war und das jeder auf Isla kannte:

Der Wechselwind, der Wechselwind,
er kommt und bringt, er kommt und nimmt.

Aber die ungewöhnlichste Eigenheit der Seefahrerpapageien hatte mit dem Schall zu tun, jedenfalls nach der Überlieferung. Schall besteht aus Schwingungen. Wenn diese Schwingungen immer weniger werden, sind sie für die allermeisten Lebewesen nicht mehr zu hören. Menschen haben ein ganz durchschnittliches Gehör, sie hören einen Laut nur in dem Moment, in dem er entsteht. Danach können sie ihn nur noch in der Erinnerung hören. Anders ist es bei dem bemerkenswerten Gehör der Seefahrerpapageien. Für diese Vögel lebt jeder Ton bis in alle Ewigkeit weiter. So fein ist ihr Gehör, dass ein Seefahrer jeden Ton, der je hervorgebracht wurde, jederzeit wieder hören und wiedergeben kann.

Das Lachen jedes Menschen, der je gelebt hat.

Die Schreie jedes Menschen, der je gelebt hat.

Die Tritte von menschlichen Füßen oder Tierpfoten. Das Säuseln einer Sommerbrise, das ohrenbetäubende Geheul eines sich nähernden Tornados. Das leise Schwappen von Wellen an südlichen Ufern, das Dröhnen eines kalbenden Eisbergs in der Arktis. Den Schmerzensschrei eines Kindes, das sich den Zeh angestoßen hat. Den seligen Seufzer einer Mutter beim Anblick ihres Neugeborenen. Die lauten Stimmen eines streitenden Paares. Das Lied eines Vaters, der sein Kind in den Schlaf singt.

Pablo hatte versucht, sich etwas so Gewaltiges vorzustellen.

»Jeden einzelnen Ton?«, hatte er gefragt an jenem Abend vor langer Zeit, als Emmanuel ihm zum ersten Mal von den sagenhaften Seefahrerpapageien erzählte.

»Jeden einzelnen Ton.«

»Der ganzen Welt?«

Emmanuel nickte. »Jeden einzelnen Ton, jede einzelne Stimme. Sie können sie alle zurückbringen. Jedenfalls heißt es so.«

An jenem Abend hatten sie in der Küche gesessen, Karten gespielt und zwischendurch über Seefahrerpapageien geredet. Karten spielen und reden, das gehörte zu ihrem Abendritual. Dazu legte Emmanuel auf seinem alten Plattenspieler eine Platte des Buena Vista Social Club auf, und Pablo machte seine berühmten Quesadillas. So nannte Emmanuel sie, auch wenn diese mit Käse gefüllten Maisfladen nur zwischen ihnen beiden »berühmt« waren. Meist spielten sie Rummy, und Birdy hüpfte zwischen ihnen hin und her und zeigte mit dem Schnabel auf die Karten, die sie ihrer Meinung nach auslegen sollten.

mi Pablito,

Doch das war es nicht, was Pablo hatte sagen wollen. Pablo hatte an seine ursprüngliche Familie gedacht, wer auch immer sie gewesen sein mochte. Vielleicht hatte er einmal einen Vater gehabt, Brüder und Schwestern. Eine Mutter. War es möglich, dass er, Pablo, einmal eine Mutter gehabt hatte? Doch Emmanuel erwähnte diese Möglichkeit nie, und so sagte auch Pablo nichts dazu. Er wollte Emmanuel nicht wehtun, schließlich war der ihm immer ein Vater gewesen. Deshalb vertraute Pablo sich Birdy an. Manchmal wünschte er, er hätte nie von den Seefahrerpapageien gehört. Der Kopf tat ihm weh, wenn er darüber nachdachte.