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Im Bann eines Betrügers? erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© 2015 by Katie Meyer
Originaltitel: „The Puppy Proposal“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA EXTRA
Band 60 - 2018 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg
Übersetzung: Anna-Pia Kerber

Umschlagsmotive: "Gartmanart / Shutterstock"

Veröffentlicht im ePub Format in 06/2019 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733746858

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

Beinahe hätte er den Hund übersehen. Geblendet vom Licht der untergehenden Sonne und mit der monotonen Ansage seines Navigationsgerätes im Ohr hatte er für einen Augenblick nicht auf den Straßenrand geachtet.

Doch jetzt sah er ihn. Wenn man das traurige, nasse und dreckige Bündel, das sich dort entlangschleppte, überhaupt noch als Hund bezeichnen konnte. Das arme Tier steckte offensichtlich ganz schön in Schwierigkeiten. Zum Glück herrschte auf diesem Abschnitt des Highways nicht allzu viel Verkehr, doch laut der blechernen Stimme war es jetzt nicht mehr weit bis zur Paradise Isle Bridge. Mit dem Auto bedeutete das nur wenige weitere Minuten zur Insel, doch zu Fuß – oder vielmehr zu Pfoten – würde sich der Weg über diese lange Brücke bestimmt endlos dahinziehen. Außerdem schien der Hund ein Bein nachzuziehen.

Ob hinkend oder nicht, es war nicht sein Hund. Also auch nicht sein Problem. Obendrein steckte er gerade in einem teuren Anzug und in einem teuren Leihwagen. Wenn er Glück hatte, standen ihm nun einige ruhige Tage bevor. Zwar kein offizieller Urlaub, aber wenn er arbeitsbedingt an so einen verheißungsvollen und idyllischen Ort wie Paradise Island reisen musste, wollte er zumindest das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.

Ein herrenloser Hund würde diesen müßigen Plan allerdings nur durcheinanderbringen.

In der Hoffnung, dass irgendein Einheimischer das Tier erkennen und dem rechtmäßigen Besitzer zurückbringen würde, fuhr er langsam an dem Hund vorbei.

Nicht, dass er in der vergangenen Stunde auch nur ein Anzeichen menschlichen Lebens bemerkt hätte. Mal abgesehen von dem kuriosen Straßenstand, dessen Aushangschild die zweifelhafte Auswahl zwischen Alligator-Trockenfleisch und gekochten Erdnüssen verkündet hatte.

Nic Caruso schloss die Hände fest um das Lenkrad und richtete den Blick wieder geradeaus. Dies hielt er genau drei Sekunden durch, bevor er im Rückspiegel erneut nach dem Hund suchte. Ein Wagen näherte sich jetzt von hinten. Dieser fuhr an dem Tier vorbei, ohne langsamer zu werden, und eine Fontäne aus Schlamm und Schmutz ergoss sich über den Hund.

„Verdammt!“

Nic brachte den SUV daraufhin auf dem Seitenstreifen zum Stehen und überflog das ungewohnte Armaturenbrett. Innerhalb kürzester Zeit hatte er den Knopf für die Warnblinkanlage gefunden. Daraufhin löste er die Krawatte und legte sie behutsam auf das Jackett, das er bereits sorgfältig über dem Beifahrersitz drapiert hatte.

Während er um den Wagen herumging, rief er: „Hierher, Junge! Komm!“ Er legte dabei sämtliche Autorität, die er besaß, in seine Stimme. Doch das, was in den Sitzungssälen rund um den gesamten Globus Eindruck machte, schien auf den Hund überhaupt keinen Effekt zu haben. Stoisch trottete dieser weiter den Straßenrand entlang.

Nic seufzte, öffnete die Beifahrertür und griff nach seiner Krawatte. Mit wenigen Handgriffen hatte er sie neu geknotet und so eine improvisierte Leine geschaffen.

Na, großartig, dachte er, Hermès würde das ganz sicher nicht gefallen.

„Sachte, Junge. Keine Angst.“ Vorsichtig näherte er sich dem Hund, um das Tier nicht noch weiter auf den Highway zu scheuchen. Der Hund hielt daraufhin inne und spitzte die Ohren. Offensichtlich hatte man bei ihm mehr Erfolg, wenn man sanftere Töne anschlug.

Nic ging nun in die Knie, um dem ängstlichen Vierbeiner auf Augenhöhe begegnen zu können. Zentimeter um Zentimeter näherte er sich jetzt dem Hund und redete dabei beruhigend auf ihn ein.

Anschließend streckte er die Arme aus und wand dem Hund mit einer geschmeidigen Geste die Krawatte um den Hals. „Hab ich dich!“

Entgegen seiner Befürchtung wehrte sich das Tier aber gar nicht, sondern begann stattdessen fröhlich mit dem Schwanz zu wedeln. Es versuchte sogar, Nic über das Gesicht zu lecken. „Schon gut.“ Nic musterte den Hund genauer. Allem Anschein nach handelte es sich um einen Border Collie. Er hatte treue braune Augen und mochte so um die fünfundzwanzig Kilo auf die Waage bringen, aber nach der Größe seiner Pfoten zu schließen befand er sich noch im Wachstum.

„Was machen wir denn jetzt mit dir? Irgendwelche Vorschläge?“ Zur Antwort leckte der Hund hingebungsvoll Nics Handrücken.

Nic erhob sich wieder. Hinter ihm lag eine geschäftige Woche im Herzen Orlandos, ein Verkehrsstau-Albtraum auf dem Highway 1-4, endlose Meilen jenseits aller menschlichen Zivilisation und jetzt – ein schlammverkrusteter, herrenloser Hund.

Wann genau hatte er eigentlich die Kontrolle über sein Leben verloren?

Ihm blieb offenbar nichts anderes übrig, als den Hund mit auf die Insel zu nehmen und zu hoffen, dass er dort ein Heim oder eine Tierklinik fand.

Er wandte sich daraufhin in Richtung Wagen, doch ein klägliches Winseln ließ ihn zögern. Der Hund sah ihn mit großen Augen an. „Na schön.“ Er nahm das Tier kurzerhand auf die Arme und versuchte dabei zu ignorieren, wie sein Hemd vom Schlamm durchweicht wurde.

Ohne den geringsten Widerstand ließ sich der Hund tragen und sprang anschließend vertrauensvoll auf den Rücksitz des Leihautos.

Nic umrundete den Wagen, ließ den Motor an und befand sich nun wieder auf dem Highway. Sobald er die erlaubte Höchstgeschwindigkeit erreicht hatte, ließ er die vorderen Fenster herunter. Der intensive Geruch nach nassem Hund würde dem Autoverleiher ganz bestimmt nicht gefallen.

Allerdings entpuppte sich das als ein großer Fehler, denn gleich darauf wand sich der Hund nach vorn und kroch auf den Beifahrersitz. Ganz begeistert reckte er den Kopf aus dem offenen Fenster und ließ sich den Fahrtwind um die Nase wehen.

Nic grinste … bis sein Blick auf die Anzugjacke fiel, die nun von den schlammigen Pfotenabdrücken ganz ruiniert war.

Er belegte daraufhin den Hund, die Straße und den Schlamm im Allgemeinen mit einer Vielzahl farbenfroher Flüche, bis er schließlich den Scheitelpunkt der Brücke erreichte.

Die Aussicht verschlug ihm buchstäblich den Atem.

Jenseits der Brücke erstreckte sich die Küste schier endlos, und die Abendsonne malte glitzernde Spitzen auf die Wellenkronen. Einige Fischerboote tanzten ruhig auf dem Wasser, und gegen das warme, orangefarbene Licht wirkten sie beinahe wie Scherenschnitte aus einer verzauberten Welt.

Am Horizont war der Himmel in einem leuchtenden Fuchsiapink entflammt. Die Insel hingegen strahlte mit ihrer üppigen, grünen Vegetation reine Fruchtbarkeit und Fülle aus.

Der Anblick war so überwältigend, dass er am liebsten mitten auf der Straße angehalten hätte. Es kam ihm so vor, als würde sämtliche Anspannung aus seinem Körper fließen. Zum ersten Mal seit sehr, sehr langer Zeit fühlte er sich beinahe … frei.

Nun, er würde frei sein … sobald er sich dieses Tiers entledigt hatte.

„Ich verstehe, Mrs. Ellington. Das ist aber wirklich ärgerlich.“ Die Tierarzthelferin Jillian Everett rieb sich mit der freien Hand die Schläfe, während sie mit der anderen den Hörer des altmodischen Schnurtelefons festhielt. „Aber vergessen Sie nicht: Tinker Bell ist schließlich erst neun Wochen alt. So schnell wird kein Hund stubenrein … Wie? Oh nein. Leider weiß ich auch nicht, wie man die Flecken aus der Lederhandtasche herausbekommt.“

Hinter Jillians Rücken brach Dr. Cassie Marshall in Gelächter aus.

„Richtig. Eine neue Handtasche wäre sicherlich das Beste. Bitte warten Sie aber trotzdem, bis Tinker Bell ein wenig älter ist, wenn Sie sie so lange mit sich herumtragen wollen. Dann kann sie sich, nun ja, auch besser kontrollieren. Bis dahin halten Sie sich einfach an die Futter- und Pflegetipps, die wir Ihnen geschickt haben, und wenn Sie weitere Fragen haben, wenden Sie sich bitte an Dr. Marshall.“

Jillian wandte sich um und grinste Cassie an. Diese hob in einer abwehrenden Geste die Hände und formte ein lautloses Oh nein mit den Lippen.

„Gut, Mrs. Ellington, wir sehen uns dann nächste Woche. Gute Nacht, und geben Sie der kleinen Tinker Bell ein Küsschen von uns.“ Mit diesen Worten legte sie den Hörer auf.

„Du liebe Zeit“, sagte Jillian seufzend. „Was glaubt diese Frau denn, wer wir sind? Ein Tierkrankenhaus – oder ein Ratgeber für Drama Queens?“ Sie schüttelte den Kopf.

„Trotzdem hast du wirklich viel Geduld bewiesen“, lobte ihre Chefin sie mit einem Grinsen. „Meine Hochachtung, und das noch dazu zu dieser späten Stunde.“

Jillian warf einen Blick auf die Uhr. Der Abend war bereits vorangeschritten, aber im Grunde spielte das für sie auch keine Rolle, schließlich gab es niemanden, der sie vermisste.

Ganz im Gegensatz zu Cassie, auf die zu Hause ihre vierjährige Tochter Emma wartete.

Jillian hatte keine Familie. Ihre Eltern waren schon vor vielen Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und Jillian konnte sich kaum noch an sie erinnern. Das letzte Paar in einer langen Reihe von Pflegefamilien hatte auf Paradise Island gelebt, und nachdem die beiden irgendwann weggezogen waren, hatte Jillian das Jugendamt davon überzeugen können, hierbleiben zu dürfen.

Paradise Island kam dem, was sie sich unter Heimat vorstellte, noch am nächsten. Sie fühlte sich hier gut aufgehoben und akzeptiert und hatte sogar Freunde gefunden, auf die sie sich verlassen konnte.

Die Klinik war inzwischen ihr zweites Zuhause geworden. Nur an Abenden wie diesen, an denen sie nichts Besseres zu tun hatte, als Akten zu sortieren und überempfindliche Haustierbesitzer zu besänftigen, träumte sie davon, zu ihrer eigenen Familie heimgehen zu können.

„Du siehst, ich habe alles im Griff“, erwiderte Jillian betont unbeschwert. „Geh ruhig. Emma wird sich freuen.“

„Bis morgen.“ Auf dem Weg zur Tür griff Cassie nach ihrer Tasche und einem Aktenordner. Jillian wusste, dass Cassie noch einige Stunden arbeiten würde, nachdem sie Emma ins Bett gebracht hatte.

Als alleinerziehende Mutter hatte sie kaum eine freie Minute für sich. Die Tierklinik hatte sie von ihrem Vater übernommen, nachdem dieser vor einigen Jahren bei einem Unfall schwer verletzt worden war und nicht mehr arbeiten konnte.

Im Gegenzug behielten er und seine Frau tagsüber die kleine Emma bei sich, und die stolzen Großeltern waren mit dem Arrangement mehr als nur zufrieden. Die Familie hielt unerschütterlich zusammen – ein Umstand, um den Jillian sie bisweilen sehr beneidete.

In den folgenden fünfzehn Minuten vergrub sich Jillian in Büroarbeit. Es war nichts zu hören außer dem leisen Blubbern des Aquariums und dem Ächzen des altersschwachen Deckenventilators, der vergeblich gegen die drückende Florida-Hitze ankämpfte.

Nach einem langen, lauten Arbeitstag voller bellender Hunde, kreischender Vögel und plappernden Haustierbesitzern war Jillian die Stille sogar sehr willkommen.

Allerdings hielt die Stille nicht an, denn ein energisches Klopfen aus Richtung des Haupteingangs ließ sie hochschrecken.

Nur für eine Sekunde erwog Jillian die Option, sich einfach hinter ihren Aktenschränken zu verstecken und abzuwarten. Denn zu dieser Uhrzeit schauten doch nur noch Kunden vorbei, die eine Dose Leckerlis oder Einmal-Handschuhe besorgen oder einfach nur plaudern wollten, und danach stand ihr gerade überhaupt nicht der Sinn. Doch ihr Verantwortungsbewusstsein war letzten Endes doch stärker.

Seufzend erhob sie sich und fasste ihre unbändigen braunen Locken zu einem Pferdeschwanz zusammen, dann zwang sie sich ein Lächeln in das Gesicht und näherte sich der Eingangstür. Durch die Milchglasscheibe konnte sie nur die Silhouette eines sehr großen, breitschultrigen Mannes erkennen. Er trug etwas auf den Armen, wobei es sich allem Anschein nach um einen zappelnden Hund handelte.

Jillians Helfersyndrom gewann schließlich die Oberhand und ließ sie die letzten Schritte zur Glastür rennen. Sie öffnete und fand sich einer Mauer aus Muskeln gegenüber.

Mit einem Mal beschleunigte sich ihr Herzschlag.

In dem Versuch, den fremden Mann vorerst zu ignorieren, konzentrierte sie sich ganz auf den tierischen Patienten. Ein Hund, der ihr augenblicklich bekannt vorkam.

„Oh nein! Ist das etwa Murphy? Was ist denn passiert? Ist er verletzt?“ Ihr Ton war unerwartet heftig und überraschte sie selbst, doch der Anblick ihres Lieblingspatienten in den Armen eines vollkommen Fremden hatte ihr einen tiefen Schrecken eingejagt.

Sie versuchte, den Hund genauer zu betrachten, doch der Fremde hielt ihn schützend an seine Brust gedrückt.

„Ich habe keine Ahnung, wer oder was Murphy ist, aber ich habe diesen Burschen hier auf dem Highway gefunden, kurz vor der Brücke.“ Er versuchte, das Gewicht des Hundes zu verlagern, und dabei konnte Jillian einen guten Blick auf die Frontseite seines Hemdes werfen. Es mochte einmal weiß gewesen sein, doch jetzt war es vom Kragen bis zum Saum mit schlammig-braunen Flecken übersät.

„Ich glaube nicht, dass er schwer verletzt ist, aber er hat das Bein nachgezogen. Außerdem braucht er dringend ein Bad.“

Gegen ihren Willen musste Jillian lächeln. Der Fremde bot wirklich einen interessanten Anblick. Er war ziemlich groß, hatte dunkles Haar und dunkle Augen und einen Körperbau wie ein professioneller Athlet – obwohl er in einem schicken Business-Anzug steckte. Der dunkle Schatten um sein Kinn verlieh ihm noch dazu einen absolut männlichen, willensstarken Ausdruck.

Dass er den strampelnden Hund ohne erkennbare Kraftanstrengung tragen konnte, war beeindruckend. Doch noch beeindruckender war für Jillian die Tatsache, dass er das verdreckte Tier überhaupt mitgenommen hatte.

„Also … werden Sie ihm helfen?“ Er hob die Braue.

Offenbar hatte Jillian ihn eine Sekunde zu lange wortlos angestarrt.

„Oh. Sicher! Bringen Sie ihn ins Untersuchungszimmer. Womöglich muss ich auch die Tierärztin benachrichtigen.“

Jillian hätte sich ohrfeigen können. Jetzt war wohl kaum der richtige Zeitpunkt dafür, einen Mann anzuhimmeln. Da war ein Tier in Not und sie würde ihm helfen.

Ganz gleich, wie verlockend die Rückansicht des Fremden auch war, der nun mit selbstbewussten Schritten vorausging.

Nic trug den Hund in das Untersuchungszimmer und legte ihn dort behutsam auf den glatten Metalltisch. Sobald seine Pfoten auf dem Metall aufkamen, versuchte der Hund, vom Tisch zu springen, doch Nic hielt ihn zurück. „Das wirst du schön sein lassen. Bleib hier“, befahl er und packte den Hund an der Krawatte.

„Gute Reflexe“, kommentierte sie seine Geste, und präsentierte ihm noch einmal dieses hübsche Lächeln, das man einfach nicht übersehen konnte.

„Jahrelanges Rangeln mit meinem kleinen Bruder“, erklärte er ihr. „Wieso wollen Sie die Tierärztin denn rufen? Ich dachte, Sie sind die Tierärztin?“ Er betrachtete ihren Kittel, der zwar nicht gerade modisch, aber doch so geschnitten war, dass er ihre hübschen Kurven erkennen konnte.

„Ich? Nein, ich bin Tierarzthelferin. Jillian Everett ist mein Name“, stellte sie sich vor. „Cassie – das heißt Dr. Marshall – ist bereits nach Hause gegangen. Lassen Sie mich zuerst einmal einen Blick auf Murphy werfen, dann werde ich entscheiden, ob ich sie anrufen muss oder nicht.“

Jillians Hand glitt sanft über das schwarz-weiße Fell des Hundes. Unbewusst streichelte sie ihm über den Rücken, während sie mit der freien Hand eine seiner Pfoten anhob.

Nic ertappte sich dabei, wie er sie genau beobachtete. Der Pferdeschwanz mit ihren langen Locken fiel ihr über die Schulter, doch sie schien es gar nicht zu bemerken. Sie war vollkommen auf den Hund konzentriert, und ihre schönen, zierlichen Hände strichen voller Hingabe über das Fell des Tiers. Offensichtlich mochte sie Murphy sehr gerne, und nicht nur das: Sie war so sehr in ihre Arbeit vertieft, dass sie Nic nicht auch nur eines Blickes würdigte. Ein Umstand, der ihm unerwartet gut gefiel. Denn von Frauen, die ihm berechnend schöne Augen machten, hatte er vorerst genug.

„Ja. Das ist definitiv Murphy“, stellte sie schließlich fest.

Zur Antwort wedelte der Hund fröhlich mit dem Schwanz.

„Da wir gerade von Namen sprechen: Ich bin Nic“, erwiderte er und hoffte, sie würde das Du akzeptieren.

„Freut mich, Nic. Dieser Bursche hier trägt seinen Namen übrigens wirklich nicht umsonst.“

„Wieso? Wie meinst du das?“

„Murphy. Wie Murphys Gesetz.“ Sie hob die zweite Pfote an.

„Ich verstehe. Das ist also nicht sein erstes Missgeschick“, meinte Nic mitfühlend. Erwachsen zu werden war nicht immer leicht, und auch in seiner eigenen Jugend hatte er so einige Fehltritte begangen.

„Nun, eigentlich kann er nie etwas dafür“, verteidigte Jillian den Hund. „Er ist ein wirklich kluges Tier, er bräuchte nur mehr Herausforderung. Border Collies sind Hütehunde und haben äußerst viel Energie und Ausdauer. Sie brauchen eine Aufgabe. Murphys Besitzerin, Mrs. Rosenberg, ist bereits über siebzig, und sie kann ihm leider einfach nicht die Beschäftigung bieten, die er dringend bräuchte. Ich mag sie sehr, aber eigentlich ist Murphy nicht der richtige Hund für sie. Deshalb reißt er immer wieder aus und rennt dann durch die Gegend, um die überschüssige Energie loszuwerden. Allerdings ist er noch nie bis über die Brücke gekommen. Selbst für ihn ist das ein ungewöhnlich weiter Weg.“

„Warum hat sie sich denn dann überhaupt einen Border Collie angeschafft?“, fragte Nic. Es ärgerte ihn, wenn Menschen keinerlei Gedanken an die Zukunft verschwendeten. In seinem ganzen Leben drehte sich alles um Verantwortung, und er konnte es nicht leiden, wenn jemand derart verantwortungslos handelte.

„Das hat sie gar nicht. Murphy war ein Geschenk von ihrem Sohn, und der erkennt leider nicht einmal den Unterschied zwischen einem Schäferhund und einem Pekinesen. Er war wohl der Ansicht, dass seine Mutter unbedingt Gesellschaft braucht. Als ob! Mrs. Rosenberg ist Mitglied in sämtlichen Komitees und Wohltätigkeitsvereinen der Stadt. Sie wollte mir den Hund sogar schon schenken, aber mein Vermieter erlaubt leider keine Haustiere.“

Sie hielt kurz inne und versuchte dann, die angehobene Hundepfote von unten zu untersuchen. „Nic, könntest du ihn bitte auf die Seite legen und festhalten? Ich glaube ich weiß jetzt, warum er hinkt.“

Nic tat sein Bestes, ihrer Bitte nachzukommen. Vorhin auf der Straße hatte er überhaupt nicht daran gedacht, sich die Pfoten des Tieres anzusehen. Seine einzige Sorge hatte darin bestanden, den Hund so schnell wie möglich wieder loszuwerden.

Als er dann das Schild Tierklinik gleich jenseits der Brücke gesehen hatte, war es ihm wie ein gutes Zeichen vorgekommen.

„Ah!“ Jillian nickte. „Siehst du? Seine Pfoten sind wund. Er hat sich die schützende Schicht wundgelaufen. Der raue, heiße Asphalt ist wie Schmirgelpapier für die Pfoten eines Hundes. Armes Ding … das muss wirklich wehtun.“

Sie hob den Blick. Ihre Augen waren groß und so blau wie der wolkenlose Himmel im Sommer. Nic las Mitgefühl in diesen Augen, aber auch eine wilde Entschlossenheit und Stärke. „Ich werde Dr. Marshall anrufen, denn Murphy braucht Schmerzmittel und eventuell auch Antibiotika.“ Sie wandte sich ab und griff nach einem altmodischen Telefon, um die Ärztin anzurufen.

Während sie sprach, musterte Nic unauffällig ihr Profil. Die Sorge in ihrem Gesicht konnte ihre Schönheit nicht verschleiern. Sie hatte helle, reine Haut, die einen starken Kontrast zu ihren dunklen Locken bildete. Die Wangenknochen waren ausgeprägt, und ihre fein geschwungenen Lippen hatten einen zarten Rosaton.

Ein Mann müsste schon blind sein, um bei diesen Lippen nicht sofort ans Küssen denken zu müssen.

Hoffentlich würde diese Ärztin bald auftauchen, denn wenn Nic noch länger mit der sexy Arzthelferin alleine blieb, würde er am Ende garantiert genauso unbeholfen japsen wie der Hund.

Jillian war erleichtert, als Cassie versprach, sich sofort auf den Weg zu machen.

Nicht, dass sie vor dem Fremden Angst hatte. Wer herrenlose Hunde vom Highway klaubte und sich von ihnen den Anzug ruinieren ließ, konnte nicht wirklich gefährlich sein.

Zumindest nicht im gewöhnlichen Sinn. Aber die Art, wie er sie ansah – mit diesen tiefbraunen, forschenden Augen –, machte sie mehr als nur nervös. Sie hob das Kinn und versuchte, wieder das Selbstbewusstsein auszustrahlen, das ihre gerade so gründlich abhandengekommen war. „Hilfst du mir bitte, Murphy nach nebenan zu bringen? Dort kann ich ihn besser saubermachen.“

Mit derselben Leichtigkeit wie vorhin nahm Nic den Hund auf die Arme. „Los geht’s.“

Während sie die blitzenden Chromoberflächen, die Messgeräte und Untersuchungsinstrumente hinter sich ließen und einen Waschraum betraten, fragte Jillian sich unwillkürlich, wie diese Umgebung wohl auf Nic wirkte.

Ihr war der Geruch nach Desinfektionsmitteln angenehm vertraut, und die penibel glänzenden Oberflächen waren wie eine zweite Heimat, aber auf andere wirkten die sterilen Räumlichkeiten oft einschüchternd und ungemütlich.

Nic schien sich allerdings nichts daraus zu machen. Er bewegte sich so selbstverständlich durch die Zimmer, als ob er hier jeden Tag ein und aus gehen würde.

Ebenso selbstverständlich half er ihr, den verdreckten Hund vom Schmutz zu befreien. Während sie Murphy abbrauste und mit Hundeshampoo einseifte, hielt Nic, der die Ärmel hochgekrempelt hatte, das Tier am Halsband fest.

Seine Arme waren muskulös und gebräunt und definitiv einen zweiten Blick wert. Jillian war froh, dass sie alle Handgriffe wie im Schlaf beherrschte, sonst wäre sie womöglich zu abgelenkt gewesen, um Murphy zu bändigen.

Dieser benahm sich aber zum Glück absolut tadellos und ließ die ganze Prozedur tapfer über sich ergehen. Zum Schluss nahm Jillian ein sauberes Handtuch aus dem Schrank und hüllte den triefnassen Hund darin ein, froh darüber, den Blick endlich wieder von Nics Armen abwenden zu können.

Dieser machte es ihr allerdings nicht gerade leicht. „Ich hoffe, es macht dir nichts aus“, begann er und knöpfte plötzlich das Hemd auf. „Aber das Hemd riecht wie – nun, wie nasser Hund.“

Er streifte das fleckige Hemd ab und enthüllte daraufhin ein ärmelloses – kaum weniger durchweichtes – Unterhemd.

Jillian schüttelte den Kopf. Sie musterte seine Schultern und die nackten Oberarme, und den beeindruckenden Bizeps, der Murphy so mühelos getragen hatte.

Die bronzefarbene Haut erinnerte an eine mediterrane Herkunft. Vielleicht stammte seine Familie ja aus Europa.

Das ganz gewiss teure Unterhemd saß wie angegossen und ließ keinen Zweifel an seinen perfekten Proportionen. Die Brustmuskeln zeichneten sich so sehr darunter ab, als seien sie eingemeißelt, und der flache Bauch verriet ebenfalls regelmäßiges hartes Training.

Für einen Augenblick verlor sich Jillian vollkommen in dem Anblick von so viel männlicher Schönheit, bis sie auf einmal das Klappern von Schlüsseln im Eingangsbereich hörte. Anschließend war das Trippeln von Kinderschritten zu vernehmen.

„Jillian! Wo ist denn das Hündchen? Ist es verletzt? Darf ich es gesund küssen? Wer ist das?“ Emma Marshall, stolze vier Jahre alt und bereits das Ebenbild ihrer Mutter, stürmte in den Raum und blieb bei Nics Anblick erstaunt stehen. Der blonde Pferdeschwanz fegte um ihr Gesicht, als sie zu ihm aufblickte, und dann blinzelte sie.

„Emma, du sollst doch hier nicht so rennen. Ich habe dir doch gesagt, dass das die Tiere erschreckt.“ Cassie betrat nun ebenfalls das Zimmer und legte ihrer wilden Tochter die Hände auf die Schultern. „Hi, ich bin Dr. Marshall. Ich nehme mal an, Sie sind der Mann, der Murphy gerettet hat. Vielen Dank.“

„Kein Problem. Ich bin Nic.“ Plötzlich wirkte er zum ersten Mal genau so müde, wie sich ein Mann nach einem so endlosen Tag auf dem Highway fühlen musste.

Cassie trat nun zu Murphy und untersuchte gründlich seine Pfoten. „Das sieht schlimmer aus, als es ist. Ich werde ihm aber dennoch eine Spritze geben, damit sich die Wunden nicht entzünden. In wenigen Tagen ist er wieder ganz der Alte.“

Nic hob die Braue. „Seine Besitzerin hat Glück, dass Sie sich immer so ausgiebig um ihn kümmern. Aber sollten wir sie nicht benachrichtigen?“

„Mrs. Rosenberg ist gar nicht zu Hause“, meinte Jillian daraufhin. „Sie hat erwähnt, dass sie mit ihrer Seniorengruppe die Nacht in Orlando verbringt. Ich fürchte, Murphy muss wohl bis morgen hierbleiben.“

„Wir werden ihn in einem der Käfige unterbringen müssen“, meinte Cassie bedauernd. „Hoffentlich kratzt er mit seinen verletzten Pfoten nicht an der Käfigtür. Aber ich kann ihn leider nicht mitnehmen, ich habe nämlich bereits einen Patienten zu Hause, und dieser Hund versteht sich nicht mit anderen.“

„Hier ist er wenigstens sicherer aufgehoben als draußen auf dem Highway. Dank dir“, fügte Jillian hinzu und warf Nic einen dankbaren Blick zu.

Doch diesem schien diese Idee überhaupt nicht zu gefallen. Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Er muss nicht allein bleiben. Ich kann ihn auch mitnehmen.“

Die beiden Frauen sahen ihn überrascht an.

„Im Sandpiper Inn sind Tiere erlaubt. Morgen früh bringe ich ihn dann einfach wieder zurück.“ Plötzlich wirkte er sehr entschlossen, und sein Tonfall duldete keinerlei Widerspruch. „Ich habe mir doch nicht all die Mühe gemacht, um ihn am Ende allein in einem Käfig zu lassen.“

„Aber … das geht doch nicht. Wir kennen dich doch gar nicht. Mrs. Rosenberg kennt dich auch nicht.“ Ungläubig schüttelte Jillian den Kopf. Niemals hätte sie damit gerechnet, dass Nic auf einen so ungestümen jungen Hund aufpassen wollen würde.

Ritter in goldglänzender Rüstung gab es doch schließlich nur im Märchen.

„Ich werde Mrs. Rosenberg einfach anrufen“, entschied Cassie. „Sie soll dann entscheiden. Ich werde allerdings Ihre Kontaktdaten brauchen, Nic. Einverstanden?“

Zur Bestätigung nickte er lediglich. Sein Körper war wieder voller Spannung, und er schien offensichtlich dazu bereit zu sein, seinen neuen tierischen Freund gegen die gesamte Welt zu verteidigen.

Während Nic und Cassie die Formalitäten erledigten, drückte Jillian den jungen Hund fest an sich und vergrub die Hände in seinem Fell. Es war, als würde sie Halt suchen, denn ihre Welt schien mit einem Mal ins Wanken geraten zu sein.

Etwas, das sie für gewöhnlich nicht zuließ.

Der Hund spürte ihren Konflikt offenbar, denn er seufzte leise. Aber dann wandte er den Kopf und behielt den großen Mann im Blick, als hätte er Angst, Nic könnte verschwinden.

Jillian nickte unbewusst. „Ich weiß genau, wie du dich gerade fühlst“, murmelte sie in das weiche Fell hinein. „Ich weiß es ganz genau.“

2. KAPITEL

Nic lenkte den Wagen auf den Parkplatz des Sandpiper Inns und stellte den Motor ab. Er stieg nicht sofort aus, sondern verharrte erst einmal eine Minute auf dem Fahrersitz, um neue Kraft zu sammeln – für das Gepäck und für den Hund.

Im Nachhinein begann er sich zu fragen, warum um alles in der Welt er sich mit diesem Hund eine weitere Verantwortung aufgebürdet hatte.

Der Grund war allerdings ganz einfach: Er konnte das Tier ebenso wenig verletzt und ängstlich in einem Käfig zurücklassen, wie er es auf dem Highway hatte zurücklassen können.

Schon in seiner Jugend hatte er gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Er war stets derjenige gewesen, der eingesprungen war, wenn sein kleiner Bruder in Schwierigkeiten gesteckt hatte. Selbst wenn das bedeutete, dass er dadurch selbst in Schwierigkeiten geriet.

Später hatte er sich seiner kleinen Schwester angenommen. Stunde um Stunde hatte er mit ihr Mathematik gebüffelt, damit sie nicht durch die Prüfung fiel.

Nach seinem Abschluss war es ihm schließlich unmöglich gewesen, Nein zu dem Jobangebot seines Vaters zu sagen, dessen größter Wunsch es war, Nic im Familienunternehmen zu sehen.

Deshalb war er heute stellvertretender Bereichsleiter Grundstückserwerb bei Caruso Hotels. Die international bekannte Hotelkette war allerdings der Traum seines Vaters – und nicht seiner.

Es bereitete ihm nur wenig Vergnügen, immer aus dem Koffer zu leben, von einer Stadt zur nächsten zu hetzen und stets auf der Jagd nach lukrativen Bauplätzen für neue Hotels zu sein.

Immer öfter träumte er davon, sich irgendwo niederzulassen und jemanden zu finden, der ihn für das mochte, was er war, und nicht für den klangvollen Namen, der Geld und Ansehen versprach.

Ein leises Wuff riss ihn aus seinen Gedanken. „Ich habe dich nicht vergessen“, erwiderte Nic und kraulte den Hund sanft hinter den Ohren. „Los geht’s.“

Es herrschte bereits Dunkelheit, doch im Licht des Mondes konnte Nic die Konturen des Sandpiper Inns dennoch ausmachen. Es handelte sich dabei um ein zweistöckiges Gebäude im typischen Florida-Stil. Die gelbbraune Verkleidung würde sich im Tageslicht perfekt in die Sanddünen einfügen, die sich jenseits des Hauses erhoben.

Auf jedem Stockwerk gab es überdachte Balkone mit einem weißlackierten Geländer, in deren Schatten man sich ausruhen und die Sicht auf das Meer genießen konnte.

Zu dieser Nachtzeit lagen die Balkone allerdings im Dunkeln, und Nic musste sich auf sein Gedächtnis und die Bilder verlassen, die er von dem Haus gesehen hatte.

Nur der Eingangsbereich mit der breiten Treppe und den danebenliegenden Fenstern war erleuchtet.

Doch bevor er das Sandpiper Inn betrat, schlug er zunächst den sandigen Weg in die Dünen ein, um dem Hund die Gelegenheit zu geben, sein Geschäft zu erledigen.

Selbst im Dunkeln konnte man die enorme Größe des Geländes erahnen. Nic bewunderte die tropischen Pflanzen entlang des Weges und lehnte sich schließlich an den glatten Stamm einer Palme. Einen Augenblick lang schloss er die Augen und atmete die schwere, süße Nachtluft ein, die wunderbar intensiv nach Jasmin roch.

Der Duft erinnerte ihn unwillkürlich an die Tierarzthelferin Jillian. Selbst durch den stechenden Geruch der Desinfektionsmittel und den Geruch nach nassem Fell hindurch war ihm aufgefallen, dass sie einen betörend süßen und blumigen Duft verströmte, womöglich ein Parfum oder ein Shampoo.

Abrupt straffte er sich und nahm die Leine kürzer. Schließlich war er nicht nach Paradise Isle gekommen, um von einer hübschen Brünetten zu schwärmen und sich von der süßen Tropennachtluft die Sinne vernebeln zu lassen.

Er war hierhergekommen, weil Caruso Hotels großes Interesse an diesem Fleckchen Erde hatte. Seine Aufgabe bestand darin, das Gelände zu sondieren und die Möglichkeiten eines Erwerbs auszuloten.

Falls sich die gegenwärtigen Besitzer mit dem Verkauf einverstanden zeigen würden, würden sich hier bestimmt unendliche Möglichkeiten auftun. Man würde das alte Gebäude garantiert abreißen und stattdessen ein modernes Strandressort bauen. Das Gelände war noch größtenteils ungenutzt – wie ein ungeschliffener Rohdiamant.

Ein Hotel würde nicht nur den Tourismus in dieser Gegend ankurbeln, sondern auch eine Anzahl von Veränderungen und Modernisierungen mit sich bringen, die das verschlafene Paradise Isle aus der Vergangenheit in die Zukunft katapultieren würde.

Nic trat durch die hölzerne Eingangstür und betrat die Lobby. Die Einrichtung wies zwar verschiedene Stile auf, wirkte aber dennoch unerwartet elegant und einladend. Die hölzernen Dielen glänzten im Schein des altmodischen Kronleuchters und spiegelten sich auf dem polierten Geländer der Holztreppe wider, die in die oberen Stockwerke führte.

Zur Rechten befand sich ein schwerer, antiker Schreibtisch, der als Empfangstresen diente. Zur Linken gab es eine Vielzahl plüschiger Möbelstücke, die zum Plaudern oder Lesen einluden, und jenseits davon einen mächtigen, aus Muschelkalk erbauten Kamin.

Genau gegenüber im hinteren Bereich der Lobby waren große Fenster eingelassen, die einen Blick auf das nachtschwarze, vom Mondlicht mit silbernen Tupfern bedeckte Meer boten.

In einem Regal standen Dutzende Bücher, vom ledergebundenen Klassiker bis hin zum modernen Taschenbuch, und dazwischen fanden sich überall dekorative Muschelschalen und blank gespülte Kieselsteinchen.

Diese Lobby hatte nichts mit dem ultramodernen, durchgeplanten Stil eines Caruso-Hotels gemein, doch sie strahlte dafür eine ungewohnte Wärme und Herzlichkeit aus.

Zum ersten Mal im Leben überkam Nic das Gefühl, ein echtes Heim zu betreten – ein Zuhause weit weg von seinem eigentlichen Zuhause.

Ein junges Mädchen erschien nun hinter dem Empfangstresen und begrüßte ihn freundlich. Noch freundlicher begrüßte sie allerdings Murphy, und Nic war erleichtert, dass er den Hund mit auf sein Zimmer nehmen durfte, obwohl er bei der Reservierung natürlich keine Tiere erwähnt hatte.

Sein Zimmer befand sich im ersten Stock, und Nic registrierte mit Freude, dass man hier noch echte, bronzefarbene Schlüssel benutzte, anstelle der Plastikkarten in modernen Hotels.

In der ersten Etage herrschte gedämpftes Licht und eine himmlische Ruhe, die Nic nach dem langen Tag mehr als willkommen war. Er sah sich flüchtig in seinem Zimmer um und ging dann direkt ins Badezimmer, um sich den Schmutz, Schweiß und Stress abzuwaschen.

Mehrere Minuten lang ließ er den heißen Schauer einfach nur auf seinen Rücken rieseln und versuchte, dabei an nichts zu denken. Nur Jillians Gesicht blieb irgendwie vor seinem inneren Auge bestehen. Ihre blassblauen Augen, die dunklen Locken und diese perfekten, vollen Lippen.

Wenn die Dinge anders gelegen hätten, wäre er vielleicht sogar versucht gewesen, sie wiederzusehen, aber er war nun einmal hier, um einen Job zu erledigen.

Wenn er es genau nahm, hatte er eigentlich immer einen Job zu erledigen und gar keine Zeit für Dates, und im Gegensatz zu Dates war er wenigstens in seinem Job gut.

Denn die letzten Jahre hatten sich in dieser Hinsicht als eine Reihe kleinerer und größerer Katastrophen erwiesen. Sobald der Name Caruso ins Spiel kam, konnte man förmlich sehen, wie in den Augen der Frauen die Dollarzeichen aufleuchteten.

Aber vielleicht war er auch einfach immer nur an die falschen Frauen geraten.

Nics jüngerer Bruder genoss den Effekt in vollen Zügen, aber Nic war es unfassbar leid, immer nur benutzt zu werden.

Ärgerlich trat er aus der Dusche heraus und trocknete sich ab, dann ließ er sich auf das breite Bett fallen.

Vielleicht lag es an dem leisen Schnarchen, das der Hund am Fußende des Bettes von sich gab, oder vielleicht auch an dem sanften Rauschen der Wellen am Strand, aber Nic wurde augenblicklich in den Schlaf getragen.

In dieser Nacht schlief er traumlos und tief; einen guten, erholsamen Schlaf, den er sonst nur in seinem eigenen Bett fand.

Jillians Vormittag verging wie im Flug, denn es gab eine lückenlose Aneinanderreihung von Klienten, die bellende, maunzende und fiepende kleine Patienten in die Klinik brachten.

Dabei wurde Jillian allerdings nicht nur beschnuppert und liebevoll abgeleckt, sondern auch gekratzt, gebissen und angefaucht.

Für gewöhnlich schloss die Klinik an Samstagen um die Mittagszeit herum, aber als Jillian endlich dazu kam, einen Blick auf die Uhr zu werfen, war es bereits nach eins. Trotzdem gab es immer noch eine Menge Arbeit zu erledigen. Sie musste Tabellen ausfüllen und Patientenakten aktualisieren. Zum Schreiben zog sie sich wie immer in das Büro zurück, während aus dem Behandlungsraum noch immer aufgeregtes Gebell drang.

Doch heute fiel es ihr irgendwie schwer, sich zu konzentrieren. Immer wieder schweiften ihre Gedanken zu Murphy ab, und zu dem Mann, der ihn von der Straße gerettet hatte.

Viele Männer gingen täglich in der Klinik ein und aus, aber keiner von ihnen sah aus wie ein römischer Gott, und als ob das noch nicht genug sei, hatte sich dieser Mann auch noch benommen wie ein barmherziger Samariter.

Jillian bezweifelte, dass der Fremde ein neuer Bewohner der Insel war, denn davon hätte sie bestimmt gehört. Vermutlich war er bloß auf der Durchreise. Paradise Isle war zwar nicht gerade eine Touristenhochburg, aber es zog dennoch jedes Jahr einige Urlauber an.

Immerhin waren die Strände makellos, und die Hälfte der Insel war zum Naturschutzgebiet erklärt worden. Vereinzelte Naturliebhaber oder Vogelbeobachter konnte man jederzeit irgendwo auf der Insel entdecken.

Nicht, dass Nic in seinem teuren Anzug wie ein Vogelkundler gewirkt hätte.

Jillian seufzte. Da sie ihre Gedanken ohnehin nicht abstellen konnte, könnte sie ebenso gut aktiv werden. Mrs. Rosenberg sollte inzwischen wieder zu Hause sein. Jillian würde gerade genug Zeit dafür haben, Murphy bei Nic abzuholen, ihn bei seiner Besitzerin abzuliefern und etwas zu essen, bevor sie zur Bibliothek aufbrechen musste, wo um drei Uhr das Treffen zur Erhaltung von Paradise Isle stattfand.

Doch wie sich herausstellte, hatten sich Mrs. Rosenbergs Pläne mittlerweile geändert. Jillian erreichte sie irgendwann auf ihrem Handy, und die ältere Dame hörte sich so aufgeregt und quietschvergnügt an, als habe sie gerade eine Woche Urlaub hinter sich. „Wir haben auf dem Rückweg noch eine spontane Weintour gebucht“, ließ sie Jillian nun wissen. „Ich fürchte, ich komme leider erst gegen Nachmittag nach Hause. Aber dann kann ich dich zur Entschädigung auf einen wirklich köstlichen Wein einladen, Kindchen.“

„Mal sehen, Mrs. Rosenberg. Zunächst einmal muss ich Murphys Retter Bescheid geben.“

„Aber natürlich! Ich bin ja so froh, dass mein kleiner Liebling in guten Händen ist. Jillian, ich würde mich wirklich freuen, wenn Murphy eines Tages bei dir wohnen könnte. Du bist jung und hast genug Energie. Zu dir würde er viel besser passen.“

Die Worte der alten Dame versetzten Jillian einen schmerzhaften Stich in die Brust. Natürlich hätte sie Murphy gerne zu sich genommen. Schon beim ersten Treffen hatte sie eine Verbindung zu dem hübschen Welpen gespürt, aber ihr Vermieter war nun einmal strikt gegen Haustiere, und bei Jillians Gehalt war in nächster Zeit leider keine größere Wohnung in Aussicht, ganz zu schweigen von einem eigenen Haus.

Seltsam, wie das Leben so spielte. Sie, das Mädchen, das jahrelang von einer eigenen Familie geträumt hatte, und von einem eigenen Haus voller Kindern und Haustieren, war schließlich in einer winzigen haustierfreien Wohnung gelandet – mit nicht einmal einem Goldfisch zur Gesellschaft.

Vielleicht war das ja der Grund, warum sie sich so vehement für die Erhaltung der Insel einsetzte. Wenn sie schon nicht die Bilderbuchfamilie führen konnte, die sie sich immer gewünscht hatte, dann wollte sie sich zumindest um die Bewahrung ihrer Wahlheimat bemühen.

Paradise Isle wurde seinem Namen in jeder Hinsicht gerecht. Es war ein paradiesischer Ort, ein friedliches Fleckchen Erde, und Jillian hatte seine Einwohner ins Herz geschlossen. Daher fiel es ihr jetzt auch so schwer, Mrs. Rosenberg diesen Gefallen abzuschlagen. „Machen Sie sich keine Sorgen um Murphy, Mrs. Rosenberg. Ich melde mich später wieder bei Ihnen. Viel Spaß bei Ihrer Weintour.“

„Danke, Liebes. Bis später.“

Nachdem Jillian das Gespräch beendet hatte, suchte sie das Kontaktformular heraus, das Nic gestern Abend ausgefüllt hatte. Sein voller Name lautete Dominic Caruso. Ihr kam es so vor, als hätte sie diesen Namen schon einmal gehört, doch sie konnte sich nicht erinnern in welchem Zusammenhang.

Er hatte sowohl die Nummer des Sandpiper Inns als auch seine eigene Mobiltelefonnummer angegeben, und unter dieser gelang es Jillian schließlich, ihn zu erreichen.

„Hallo?“ Er klang ein wenig atemlos, und im Hintergrund war das Geräusch von Wind und Wellen zu hören.

„Hi, Nic, hier ist Jillian. Es geht um Murphy.“

„Das habe ich mir schon gedacht. Warte einen Augenblick, ich suche eben Windschatten, dann rauscht es nicht so in der Leitung.“

„Bist du gerade am Strand?“

„Ja, ich war eine Runde joggen.“

„Wie bitte? Du hast Murphy zum Joggen mitgenommen, obwohl seine Pfoten noch nicht geheilt sind? Das ist aber nicht …“

„Murphy ist noch im Hotelzimmer“, unterbrach er sie sofort, „und wahrscheinlich macht er es sich gerade auf meinem Bett gemütlich. Ich habe ihn vorhin kurz rausgelassen, und danach sogar seine Pfoten abgewaschen.“

Jillian errötete und war froh, dass Nic sie gerade nicht sehen konnte. „Entschuldige bitte. Ich glaube, ich bin bloß ein wenig angespannt. Mrs. Rosenberg hat ihre Pläne geändert, aber ich habe nachher leider schon einen Termin und kann mich deshalb nicht um Murphy kümmern.“

Nachdem sie Nic die ganze Situation geschildert hatte, bestand er darauf, den Hund bis zum Nachmittag zu behalten und ihn danach persönlich bei Mrs. Rosenberg abzuliefern.

Schließlich war Jillian einverstanden und nannte ihm die genaue Adresse. „Das ist wirklich nett von dir. Aber es tut mir unglaublich leid, dass wir dir so viele Umstände bereiten.“

„Das tut ihr nicht. Aber wenn du dich dadurch besser fühlst, kannst du mir ja später auch einen Gefallen tun.“

Oh oh. Vielleicht war Nic ja doch nicht so selbstlos, wie sie zuerst angenommen hatte.

„Welchen Gefallen denn?“

„Begleite mich zum Abendessen.“

Jillian öffnete den Mund, doch vor lauter Erstaunen konnte sie keinen vernünftigen Satz bilden. „Abendessen?“

„Genau. Ich nehme mal an, bis heute Abend hast du deinen Termin erledigt. Zeig mir doch etwas Typisches vor Ort. Ein Restaurant, wo nur die Einheimischen hingehen.“

„Nun … die Leute hier essen meistens bei Pete’s. Es ist zwar nicht besonders schick, aber sie machen dort wirklich gute Burger, und es gibt jeden Tag frischen Fisch.“

Allerdings fiel es Jillian schwer, sich Nic und seinen eleganten Anzug mitten in Pete’s rustikaler Einrichtung vorzustellen. „Wir können aber auch zum Festland hinüberfahren“, schlug sie vor, „da gibt es viel mehr Auswahl, und schönere Restaurants …“

„Das Pete’s hört sich großartig an, genau danach steht mir gerade der Sinn. Wo darf ich dich denn abholen?“

„Ich hole einfach dich im Sandpiper Inn ab“, schlug Jillian vor. Immerhin wussten auch Kleinstadtmädchen, dass man nicht einfach zu Fremden ins Auto steigen sollte. „Um halb sieben? Samstagabends ist die Terrasse nämlich immer schnell besetzt.“

„Schön. Unser Date steht also. Dann bis später.“ Schon hatte er aufgelegt.

Jillian starrte das Telefon an. Ein Date? Seit wann ließ sie sich denn mit wildfremden Männern auf ein Date ein? Wildfremd, aber – zugegebenermaßen – unglaublich sexy …

3. KAPITEL

Als Nic um kurz nach drei vor Mrs. Rosenbergs kleinem Häuschen parkte, wurde Murphy augenblicklich unruhig.

Offenbar war er jetzt genauso wild darauf, ins Haus hineinzukommen, wie er es gestern gewesen war, es zu verlassen. Die pinkfarbene Fassade war mit Stuck versehen, und genauso exzentrisch wie das Haus wirkte auch seine Bewohnerin, die Nic mit einem strahlenden Lächeln die Tür öffnete.

Mrs. Rosenberg trug einen türkisfarbenen Hausanzug und eine Brille, die mit Dutzenden Glitzersteinchen besetzt war. Ihr kurzgeschnittenes Haar wies einen Rotton auf, der so in der Natur bestimmt nicht vorkam, und bildete damit einen scharfen Kontrast zu dem blaugrünen Jäckchen.

Nic war so geblendet von der gesamten Kombination, dass er ihre überschwängliche Begrüßung gar nicht kommen sah. Doch noch bevor er auch nur ein einziges Wort sagen konnte, fiel sie ihm bereits um den Hals – dank ihrer geringen Größe allerdings vielmehr um seinen Bauch.

„Vielen, vielen, vielen Dank“, rief sie, wobei jedes Wort von einem erstaunlich festen Griff um seine Mitte begleitet wurde. „Sie haben meinen Liebling gerettet! Mein kleines Baby! So ein süßes, unartiges kleines Ding!“ Mit diesen Worten wandte sie sich dem Hund zu und schien ihn nun ebenso fest zu drücken. „Stellen Sie sich mal vor, was alles hätte passieren können! Er hätte von einem Auto erwischt werden können … oder von einem Alligator. Die gibt es hier nämlich auch“, fügte sie mit einem Schaudern hinzu.

Nic konnte nun selbst einen Schauer kaum unterdrücken.

„Kommen Sie doch herein und trinken Sie einen Wein mit mir“, befahl sie schließlich.

Nic war von dem zierlichen Energiebündel so überwältigt, dass er ihr ohne Widerspruch ins Haus folgte.

Ihr ganzes Haus war vollgestopft mit Möbeln, kitschigen Bildern von exotischen Blumen und einer mächtigen Seekuh aus Messing, die mitten auf einem Glastisch thronte.

Mrs. Rosenberg entkorkte nun mit geübter Hand eine Weinflasche, schenkte ihnen großzügig ein und hob dann ihr Glas zu einem Toast. „Auf Murphy“, verkündete sie.

„Apropos“, fiel es Nic plötzlich ein, „würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich mich mal kurz im Haus umsehe? Vielleicht finden wir dann ja heraus, wie Murphy entkommen konnte.“

Seine Idee fand sofort großen Zuspruch bei ihr, und kurz darauf untersuchte Nic jede Tür und jedes Fenster – dicht gefolgt von Murphy, der sein Verhalten für ein lustiges Spiel zu halten schien.

Für ein Spiel hielt er offenbar auch den Trick, an der hinteren Küchentür hinauf zu springen und die Türklinke hinunterzudrücken. „Sie haben einen wirklich cleveren Hund“, rief Nic daraufhin der älteren Dame zu, die nun ebenfalls mit ihrem Weinglas die Küche betrat.

„Du liebe Zeit“, sagte sie stöhnend, und es klang zugleich dramatisch, belustigt und stolz. „Murphy hat die Tür selbst geöffnet! Dieser Schlingel. So kann das aber nicht weitergehen.“

Sie legte den Zeigefinger an die Lippen und dachte einen Moment lang nach. „Ob ich wohl jetzt am Wochenende einen Handwerker finde, der das in Ordnung bringt? Ich fürchte, ich kann den Türgriff leider nicht alleine austauschen.“

„Aber ich kann es“, entfuhr es Nic, ohne dass er groß darüber nachdachte.

„Das würden Sie wirklich für mich tun? Ach, Sie sind ja ein Schatz“, flötete Mrs. Rosenberg.

Eine halbe Stunde später war die Klinke durch einen altmodischen Drehknauf ersetzt, Mrs. Rosenberg überglücklich und das Problem mit Murphys Fluchtversuchen vorerst gelöst.

Nic war seltsam zufrieden.

Es tat nicht nur gut, einer alten Dame einen Gefallen zu tun, es war auch höchst befriedigend, etwas mit den eigenen Händen zu reparieren, anstatt einen Handwerker dafür zu rufen.

„Ich bin so froh, dass Sie hergekommen sind“, erklärte Mrs. Rosenberg zum wiederholten Male. „Und ich bin froh, dass ich Jillian nicht bitten musste, die Tür zu reparieren. Außerdem hätte ich sie nur sehr ungern von ihrem Treffen abgehalten.“

Seine Neugier siegte letzten Endes über seinen Willen. „Was denn für ein Treffen?“

„Von der Gesellschaft zur Erhaltung von Paradise Isle. Jillian ist dort Gründungsmitglied“, erklärte Mrs. Rosenberg stolz.

Ein ungutes Gefühl begann sich auf einmal in Nics Magen auszubreiten. „Was genau tut diese Gesellschaft denn?“

„Oh, hauptsächlich arbeiten sie an der Erhaltung unserer historischen Bauwerke. Sie setzen sich für den Schutz der Küste ein und sammeln noch dazu Spendengelder. Wissen Sie …“