Aeronautica eBook Vorlage

Herausgeber Jenny Wood und Grit Richter

 

Aeronautica

Logbuch der Lüfte

 

Mit Geschichten von

Lena Richter

Marie H. Mittmann

Manuel Otto Bendrin

Magali Volkmann

Laura Dümpelfeld

Sarah Stoffers

Markus Cremer

Paul Tobias Dahlmann

Tino Falke

Corinna Schattauer

Markus Heitkamp

Yann Krehl

 

 

Impressum

 

Alle Rechte an den abgedruckten Geschichten liegen beim Art Skript Phantastik Verlag und den jeweiligen Autor*innen.

 

Copyright © 2019 Art Skript Phantastik Verlag

 

1. Auflage 2019

Art Skript Phantastik Verlag | Salach

 

Lektorat » Rohlmann & Engels

» www.lektorat-rohlmann-engels.com

 

Komplette Gestaltung » Grit Richter | Art Skript Phantastik Verlag

Umschlagfotos von Grit Richter und Jenny Wood von

David Knospe » www.davidknospe.de

 

Druck » BookPress

www.bookpress.eu

 

ISBN » 978-3-94504533-6

 

Der Verlag im Internet

» www.artskriptphantastik.de

» art-skript-phantastik.blogspot.com

 

 

Alle Privatpersonen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

Diese Anthologie wurde finanziert durch ein Crowdfunding von

Startnext

 

Wir bedanken uns hiermit bei allen, die uns auf Startnext unterstützt haben. Ebenso bei unseren phantastischen Autor*innen und allen Freunden und Familienangehörigen, die uns in der Funding-Phase mit Rat und Tat begleitet und unterstützt haben.

 

Die Crew der Aeronautica wünscht allen Gästen einen angenehmen Flug.

 

Die Herausgeberinnen Grit Richter und Jenny Wood

 

 

Die Wunder der Madame Duret

Marie H. Mittmann

 

Die Sandkörner tanzten unter ihren Füßen. Ein tiefes Dröhnen vibrierte durch ihren Körper und eine Gänsehaut lief über ihre Arme, obwohl ihr zugleich der Schweiß auf der Stirn stand.

Ava hob den Kopf und blickte zum Wüstenhimmel auf. Ein Licht-funke zuckte durch ihr Blickfeld, als sich das Sonnenlicht auf dem Sprung in ihrem Brillenglas brach, der sie täglich an ihren Absturz erinnerte.

Wrrruuummmhhh … Wrrruummh … Wrruumh …, grollte es in der Ferne. Ava wagte kaum zu atmen, während sie lauschte. Mehr als drei Jahre waren vergangen, seit sie zum letzten Mal dieses Geräusch gehört hatte.

Sorgfältig steckte sie den Schraubenschlüssel, den sie in der Hand hielt, zurück in den Werkzeugkasten. Notfall-Reparaturset, stand in verblichenen Lettern auf dem Deckel. Sie schob den Kasten unter den Metallkörper ihres Mechanischen Drachens, der in den letzten Jahren ebenso ihr Arbeitsplatz wie ihr Zuhause geworden war.

Mechanische Drachen wurden diese Fluggeräte aufgrund ihrer Form genannt und wahrscheinlich auch, weil jemand im fernen China sie entwickelt hatte: Eine ovale Kapsel, die einem Piloten und drei weiteren Personen Platz bot, bildete den Kopf. Dahinter folgte eine Reihe immer kleiner werdender metallener Glieder. Die ersten vier waren statisch und links und rechts mit dampfbetriebenen Rotoren versehen; die letzten sechs bewegten sich im Flug hin und her wie der Schwanz eines Drachen und steuerten das Gefährt.

Als Ava es zu ihrem achtzehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte, galten die Mechanischen Drachen als neumodisches Spielzeug. Sie vermutete, dass inzwischen halb Europa und Nordafrika mit ihnen durch die Lüfte flog – doch sicher wissen konnte sie das nicht. Seit sie mit ihrem eigenen Drachen in die heftigen Winde über der Sahara geraten war und die Kontrolle verloren hatte, kam es ihr vor, als würde sie in einer anderen Welt leben.

Statt bei feierlichen Banketten Wein zu trinken, kämpfte sie nun mit Skorpionen und Wüstenfüchsen um jeden Tropfen Wasser – wobei sie es den Füchsen zu verdanken hatte, dass sie überhaupt noch kämpfen konnte, denn die Rufe der Tiere hatten sie zu einer Felsformation gelockt, aus der an einer Stelle ein winziges Rinnsaal sickerte.

Wrummh, wrummh wrumm …

Das Geräusch der Rotoren kam rasch näher. Die Sandkörner sprangen im selben Takt mehrere Zentimeter hoch vom Boden. Das Luftschiff musste riesig sein.

Ava erhob sich und kletterte neben ihrem gestürzten Drachen auf eine Düne, um nach Norden zu blicken. Hinter der Felsformation mit ihrer Quelle schob sich ein gewaltiger Schatten über den strahlend blauen Himmel. Oben auf den Felsen hatte Ava aus vereinzelten Holzstücken, den Knochen eines vor Jahrzehnten verendeten Dromedars und dem Stoff ihrer eigenen Jacke ein behelfsmäßiges Windrad gebaut, das einen Bewässerungsmechanismus für ihren kümmerlichen Garten in Gang hielt. Nun fegte eine Windböe über die Landschaft und schüttelte das Windrad so heftig, dass es zu zerbrechen drohte. Avas verwilderter roter Haarschopf peitschte ihr ins Gesicht.

Klick-klack-klack, wehte das Rattern des Windrads an ihre Ohren. In diesem Augenblick wurde Ava bewusst, dass sie dieses Klacken schon den ganzen Tag über hörte – und das geschah nur, wenn die tückischen Wüstenwinde aus Norden wehten.

Dieselben Winde, die sie damals zum Absturz gebracht hatten.

Die Motoren des riesigen Luftschiffs kämpften dagegen an, während es vor Avas Augen an Höhe verlor.

Wrum wraum wrumwrumrumrumummmhhh …

Der Rhythmus wurde schneller und schneller.

Das Schiff musste meilenweit von seinem ursprünglichen Kurs abgetrieben worden sein, denn sonst kamen nie Luftschiffe in diese Gegend. Die Luft über der Wüste wurde zu heiß, um ihnen Auftrieb zu bieten. Jetzt, zur Mittagszeit, brannte die Sonne besonders unerbittlich. Der fliegende Koloss steuerte direkt auf die Felsnadeln zu und niemand korrigierte seinen Kurs. Vielleicht war die Steuerung bereits ausgefallen. Vielleicht –

Ein flammender Punkt blitzte an der silbernen Hülle oberhalb der Passagiergondel auf. Für die Dauer eines Herzschlags schienen sogar Wind und Motoren innezuhalten. Das Feuer raste über die Außenhaut des Luftschiffs und verwandelte es in einen einzigen Glutball; selbst aus der Entfernung konnte Ava das Brüllen der Flammen hören. Das Feuer loderte so hell , dass sie kaum hinsehen konnte. Für einen Moment schien eine zweite Sonne am Himmel zu stehen. Dann prallte das brennende Schiff gegen die aufragenden Felsen.

Stein kreischte auf Metall. Etwas explodierte mit solcher Wucht, dass es Ava beinahe von den Füßen riss. Sie wappnete sich für eine zweite Explosion, und dennoch verlor sie den Halt, als das Luftschiff auf dem Boden aufprallte und dort sein Ende fand. Rücklings wurde sie von dem Dünenkamm geschleudert, schlug mit der Schulter gegen die Seite des Mechanischen Drachens und landete auf dem Boden. Prustend spuckte sie Staub. Sie hatte Sand in die Augen bekommen und Tränen liefen ihr über die Wangen.

Ich weine nicht.

Ihr war schwindelig, doch sie kämpfte sich wieder auf die Beine. Der Sand rutschte unter ihren Füßen, als sie die Düne zum zweiten Mal hinaufstürmte, und machte ihr den Aufstieg schwer. Sie nahm die Hände dazu, um schneller voranzukommen, und kämpfte sich auf allen Vieren den Hang hinauf.

Ich gehe nur nachsehen, weil es vielleicht Überlebende gibt, die Hilfe brauchen.

Sie war sich nicht einmal bewusst gewesen, welch große Hoffnungen der Anblick des Luftschiffs in ihr geweckt hatte. Es hätte ihr Ausweg sein können, ihre Rettung aus der Einöde – und nun war es ein Trümmerberg. Vielleicht konnte sie wenigstens das eine oder andere verbliebene Metallteil für ihren Drachen verwenden. Was sie wirklich brauchte, war Treibstoff, doch die Explosion musste alles Brennbare zerstört haben. Trotzdem würde sie das Beste daraus machen.

Bestimmt war es nur der Sand in ihren Augen, der ihre Tränen nicht versiegen ließ, während sie zur Absturzstelle eilte.

 

Die Schatten der Felsspitzen streckten sich nach Osten, als wollten sie Ava irgendwohin den Weg weisen. Die größte Hitze des Tages war vorbei, aber für das Luftschiff kam die Kühle zu spät. Um die Felsen herum lagen schwelende Wrackteile verstreut. Das Schiff war auseinandergerissen worden, Ascheflocken schwebten umher, und eine Hälfte des stählernen Gerippes lag seitlich auf dem Wüstenboden wie die Überreste eines gestrandeten Wals.

Es stank nach verkohltem Kunststoff, doch Ava war beinahe froh darüber, denn so roch sie zumindest nicht, was sonst noch den Flammen zum Opfer gefallen war..

Mit einem Tuch über Mund und Nase bahnte sie sich einen Weg durch die Trümmer.

Sie lauschte, aber sie hörte nichts, das auf ein lebendes Wesen schließen ließ.

»Hallo?«, rief sie in die Stille hinein. Nichts regte sich. Sogar das Klick-klack ihres Windrads war verstummt. Sie trat um ein großes Wrackteil herum und erstarrte, als sie den Grund dafür sah: Dort, wo es gestanden hatte, ragten nur noch Holzsplitter aus dem Boden.

Avas Magen zog sich zusammen. Es würde lange dauern, bis sie genug Material zusammen hatte, um das Windrad wiederaufzubauen, aber das war noch das geringere Problem. Viel schlimmer war, dass ihr Gemüsegarten aussah, als hätte eine Riesenhand mit Krallen hineingegriffen, die Pflanzen hochgehoben und dann achtlos wieder fallen lassen. Das war ihr gesamter Nahrungsmittelvorrat gewesen. Alles zerstört.

Plötzlich hatte sie das Gefühl, sich abstützen zu müssen, doch die Trümmerteile um sie herum strahlten noch immer eine solche Hitze ab, dass Ava sie nicht anfassen konnte. Sie sank an Ort und Stelle auf die Knie.

Das warʼs dann wohl.

Es kam ihr vor, als wäre sie in der Zeit zurückversetzt worden. Mit einem Mal fühlte sie sich wieder wie das achtzehnjährige Mädchen, das als Tochter des britischen Gesandten in Kairo nie eine größere Sorge gekannt hatte, bis es von einem Augenblick auf den anderen vor dem Nichts stand. Aber damals hatte sie wenigstens eine Tasche voller Proviant, eine Picknickdecke und eine zusätzliche Jacke dabeigehabt. Jetzt hatte sie nichts mehr.

Immerhin habe ich drei Jahre länger als erwartet hier draußen überlebt.

Dazu wenigstens waren all die Bücher, vom Abenteurerroman bis zur botanischen Abhandlung, gut gewesen, die sie in der Bibliothek ihres Vaters studiert hatte. Seitdem hatte sie noch eine ganze Menge an praktischem Wissen dazu gelernt, aber sie konnte sich trotzdem nicht vorstellen, wie sie noch einmal von vorn anfangen sollte.

Dieses Luftschiff war die Chance auf Rettung gewesen, auf die sie die ganze Zeit gewartet hatte, denn obwohl sie ihr Bestes gegeben hatte, um den Mechanischen Drachen zu reparieren und umzubauen, musste sie nach drei Jahren einsehen, dass es aussichtslos war. Der Drache lief mit einem dampfbetriebenen Motor, und der brauchte zwei Dinge, die es in der Wüste nicht gab: Wasser und Brennstoff. Nach ihrem Absturz hatte sich im Tank nur noch ein trauriger Rest befunden, obwohl sie hätte schwören können, dass sie auf dem Flug nie und nimmer so viel Treibstoff verbraucht hatte. Auch wenn sie sonst alle Probleme lösen konnte, diese unüberwindliche Hürde blieb. Und jetzt war ihre einzige Chance nicht nur verloren, sondern hatte sich ins Gegenteil verkehrt.

Ava wollte gerade aufstehen und gehen, um sich in ihrem kaputten Drachen einzurollen, als sie aus ihrer knienden Position heraus am Boden zwischen zwei Stahlträgern etwas entlanghuschen sah. Was war das gewesen?

Ganz egal, sie ergriff dankbar die Gelegenheit, sich von ihrer Verzweiflung abzulenken. Hier draußen konnte jede Kleinigkeit überlebenswichtig sein. Der Wüste war ihr emotionaler Zustand gleichgültig, und wenn sie sich in Selbstmitleid verlor, würde das ihr Ende bedeuten.

Aber so einfach gebe ich nicht auf.

Die Zeit hier draußen hatte sie verändert. Das verwöhnte Mädchen von vor dem Absturz existierte nicht mehr. Solange Ava um ihr Überleben kämpfen konnte, würde sie genau das tun.

Irgendwo in ihrer Nähe schrie ein Wüstenfuchs. Sie musste länger auf dem Boden gekauert haben, als sie gedacht hatte, denn es dämmerte bereits. Binnen weniger Minuten, wie es für die Wüstennacht typisch war, brach die Dunkelheit herein. Nur über den Dünen im Westen glühte noch ein heller Streifen, der sich allmählich von Orangerot zu Violett verfärbte.

Ava folgte einem leisen Rascheln durch die Trümmer, doch es führte sie nur zu einem losen Fetzen verkohlter Schiffshaut, der im Wind flatterte. Dann erklang erneut der Ruf des Fuchses. Dieses Mal erkannte sie, aus welcher Richtung er kam, und einen Augenblick später entdeckte sie das Tier zwischen ein paar geschmolzenen, formlosen Metallteilen. Seine großen Ohren zuckten, als es sie sah, bevor es lautlos davonglitt.

»Hallo?«, fragte Ava zum zweiten Mal. Ihre Stimme klang heiser, was nur zum Teil daran lag, dass sie sie so lange nicht benutzt hatte.

Schritt für Schritt näherte sie sich den verformten Wrackteilen. Wahrscheinlich würde sie dahinter eine Leiche finden. Sie umrundete die Trümmer und stieß sofort auf den leblosen Körper, den sie erwartet hatte. Er war bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Nur an der Schulter blitzte noch etwas Goldenes, das einmal ein Abzeichen gewesen sein mochte. Mit zusammengepressten Lippen wandte Ava sich ab – und bemerkte ein paar Schritte entfernt noch etwas anderes.

Eine menschliche Gestalt, die nicht vom Feuer entstellt war. Sie lag auf der Seite, ein regloser Schattenriss vor dem Horizont, an dem die Dämmerung noch tiefblau nachglomm. Ein leises Summen ging von dem Umriss aus; die Luft darum herum schien vor Spannung zu knistern.

Was war das für ein Ding?

Ava pirschte ebenso vorsichtig darum herum wie der Wüstenfuchs zuvor. Sie erkannte verbrannten Stoff, der einmal Kleidung gewesen sein mochte, und schimmerndes Metall. Das erste Mondlicht fing sich auf künstlichen Gliedmaßen, die glänzten, als wären sie frisch poliert. Die Hitze der Explosion hatte keinerlei Spuren hinterlassen.

Noch ein Schritt näher.

Ja, sie hatte sich nicht geirrt. Die Gestalt vor ihr sah aus wie ein Mann … aber er bestand komplett aus Metall. Feine Muster überzogen die Oberfläche der Arme und Beine wie Adern unter der künstlichen Haut. Drähte und Kabel, Hunderte davon. Es war der kunstvollste Automat, den Ava je gesehen hatte. Vermutlich hatte sich die Technologie weiterentwickelt, seit sie hier draußen fest saß, doch das hier ging über normalen Fortschritt hinaus.

Sie konnte es nicht recht erklären, aber sie hatte das Gefühl, einem Wunder gegenüberzustehen. Keiner technischen Errungenschaft, sondern einem echten, unerklärlichen, unbegreiflichen Wunder.

Unsinn, schalt sie sich selbst.

Zumindest schien von dem reglosen Automaten keine Gefahr auszugehen. Er wirkte nicht wie eine Kampfmaschine, auch wenn Ava nicht hätte sagen können, was sie zu dieser Annahme bewegte. Vielleicht funktionierte er sogar noch, so unversehrt, wie er aussah. Wenn nicht würde er ein paar gute Bauteile hergeben.

Da drehte die Gestalt kaum merklich den Kopf. Der Automat gab einen Laut von sich, der wie ein Röcheln klang, und schlug seine silberglänzenden Lider auf. Dahinter lagen die Augen eines Menschen und blickten Ava an.

Mit einem Aufschrei sprang sie zurück. Sie riss einen Metallstab aus dem Trümmerhaufen hinter sich, obwohl sie sich daran noch immer fast die Hände verbrannte, und hielt ihn als Waffe vor sich. Nur für den Fall, dass das Automaten-Wesen doch feindselig war.

Das Summen, das von ihm ausging, wurde lauter.

»Hilf mir …«

Ava war sich nicht sicher, ob sie die Worte wirklich gehört hatte. Sie starrte noch immer diese Menschenaugen an, die in dem Automatengesicht vollkommen deplatziert wirkten. Sie waren so grün, dass sie die Farbe sogar im Sternenlicht erkennen konnte, und ihr Blick war schmerzerfüllt.

»Bitte. Hilf mir.« Die Stimme klang wie die eines jungen Mannes, aber gedämpft und verzerrt, als würde er in eine Schachtel sprechen. Mit jedem Wort beschlug eine kleine Scheibe, die sich auf Höhe des Mundes befand.

Er atmet, erkannte Ava. Da drin steckte ein Mensch. Sie hatte sich tausend-
mal ausgemalt, wie sehr sie sich freuen würde, wenn sie endlich wieder einem Menschen begegnete, aber jetzt erfüllte sie eiskaltes Grauen.

Dennoch zwang sie sich, ihre behelfsmäßige Waffe sinken zu lassen und neben dem Fremden in die Hocke zu gehen. Durch die Glasscheibe vor seinem Mund konnte sie erkennen, dass er ihr ein schwaches Lächeln schenkte.

Mit sichtlicher Mühe hob er seine künstliche Hand und schob die Scheibe zur Seite. Als er nun sprach, klang seine Stimme ganz normal.

»Bring mich weg von hier. Bitte.«

Ava schluckte einmal, dann nickte sie. Etwas in seinem Tonfall und seinem Blick sagte ihr, dass jetzt nicht die Zeit für Fragen war.

»Kannst du aufstehen?«, fragte sie, obwohl er das wohl schon getan hätte, wenn er könnte.

Wie erwartet schüttelte er den Kopf. Selbst diese kleine Bewegung schien ihm Mühe zu bereiten.

»Normalerweise sitze ich im Rollstuhl«, erklärte er entschuldigend.

Ava schob einen Arm unter seine Schultern und richtete seinen Oberkörper auf, so gut es ging. Sie wusste nicht, wo sie überhaupt mit Fragen hätte anfangen sollen. Er war ein Mensch, aber er steckte in einem Automatenkörper, und dieser Körper war so schwach, dass er einen Rollstuhl brauchte, obwohl das Metall sogar den Luftschiffabsturz überstanden hatte? Wie war das möglich?

»Ich bin Ava«, sagte sie schließlich. Sie zog ihn an den Armen nach oben und stellte erleichtert fest, dass er nicht so schwer war wie ein richtiger Automat. »Hast du … Ich meine, wie ist dein Name?«

Doch sein Atem ging so schwer, dass er nicht mehr sprechen konnte. Mit derselben mühsamen Bewegung wie zuvor hob er eine Metallhand und schob die Glasscheibe zurück vor seinen Mund. Er behielt die Hand oben, holte ein paar Mal tief Luft und schob die Scheibe zum Sprechen wieder auf. Als bräuchte er den Automaten zum Atmen.

Ava stützte ihn und führte ihn durch das Trümmerfeld zurück zu ihrem Unterschlupf. Jeder Schritt dauerte eine kleine Ewigkeit. Unterdessen begann der junge Mann im Automaten, zu erzählen.

»Mein Name ist Thierry. Du fragst dich bestimmt, was genau ich bin … Das fragen sich alle.« Er warf ihr einen Seitenblick zu und wieder las sie Traurigkeit und Schmerz in seinen Augen. »Als ich geboren wurde, war ich zu schwach, um aus eigener Kraft zu überleben. Wenn meine Mutter nicht diejenige gewesen wäre, die sie war … Madame Duret, vielleicht hast du von ihr gehört. Wahrscheinlich hast du das oder hast du dein ganzes Leben hier draußen verbracht? Die einzige Wissenschaftlerin der Welt, die sich nie um Ausrüstung oder finanzielle Mittel sorgen musste, weil jedes Land, das etwas auf sich hält, sich damit schmücken wollte, dass Madame Duret auf seinem Boden eins ihrer Wunder geschaffen hat.«

Ava nickte nur. Jedes Kind kannte die Werke der Madame Duret. Sie musste daran denken, wie sie selbst bei Thierrys Anblick an ein Wunder gedacht hatte, das sich mit Wissenschaft und Technik kaum erklären ließ. Aber auch wenn es oft nicht so schien, hatte die große Madame stets darauf beharrt, dass ihre Kreationen keinen Hauch von Magie an sich hätten. Sie hatte zahllose Abhandlungen geschrieben und sogar Bauanleitungen für einige ihrer Schöpfungen veröffentlicht, doch es war kaum einem anderen gelungen, ihre Werke nachzubilden.

Madame Duret hatte einen Apparat erfunden, der Filmbilder in derselben Minute, in der sie aufgezeichnet wurden, an einem anderen Ort abspielbar machte. Sie hatte ein Unterseeboot entworfen, das sich von einem einzelnen Menschen steuern ließ und das so schnell tauchte wie ein Fisch. Nur zum Spaß hatte sie mechanische Vögel gebaut, die davonflogen und sich einem echten Vogelschwarm anschlossen, ohne dass irgendjemand den Unterschied bemerkte.

Das waren die Geschichten, die man sich über diese Frau erzählte. Doch dass sie einen Sohn hatte, war Ava noch nie zu Ohren gekommen.

Thierry schien ihre Gedanken zu erraten. »Sie hielt mich vor der Welt versteckt, weil sie nicht wollte, dass ich zu einem ihrer Wunder werde. Sie … nun, sie wusste, welche Wellen meine Existenz sonst schlagen würde.«

Er hielt inne und schob einen Moment lang die Atemvorrichtung vor seinen Mund. Dabei schloss er die Augen und wirkte schlagartig wieder wie ein Automat. Ava konnte nicht einmal ansatzweise begreifen, warum sogar seine Augenlider aus Metall bestanden, aber sie wollte nicht fragen. Obwohl er seine Geschichte wohl kaum zum ersten Mal erzählte, offenbarte er damit mehr von sich, als es irgendjemand sonst ihr gegenüber je getan hatte. In ihrem alten Leben waren ihr die meisten Menschen mit höflichem Respekt und einer gewissen Distanziertheit begegnet und in der Wüste gab es nur sie selbst.

Bis jetzt.

»Auch wenn ich noch so sehr eingeschränkt bin«, fuhr Thierry schließlich fort, »bin ich zugleich quasi unsterblich. Ich werde altern und vielleicht wird mein Herz irgendwann aufhören zu schlagen … aber vielleicht werden auch all die Maschinenteile die Funktion meines Herzens übernehmen, sobald es nötig wird. Ich weiß es nicht. Nicht mal meine Mutter konnte das beantworten. Sie hat meinen Körper darauf ausgelegt, dass ich weiterleben kann, selbst wenn sie nicht mehr da ist, um all die Apparaturen zu überwachen … und das ist ihr mit ihrer üblichen Bravour gelungen.«

Inzwischen lag das Trümmerfeld hinter ihnen. Vor ihnen erstreckten sich die endlosen Weiten der Wüste unter dem Sternenhimmel, der hier draußen klarer war als irgendwo sonst. Die Unendlichkeit schien greifbar; vielleicht sogar das ewige Leben.

»Und dann?«, fragte Ava leise.

Thierry schüttelte den Kopf. »Mutter ist tot. Sie hat alles arrangiert, um mich weit wegzubringen von allen, die nach ihrem Tod ihre Unterlagen plündern würden. Dennoch hat irgendjemand von meiner Existenz erfahren. Sie haben das Schiff angegriffen. Ich glaube nicht, dass das gewöhnliche Luftpiraten waren. Dass wir während des Kampfes abgeweht wurden und abstürzten, war bestimmt nicht Teil des Plans, aber … nun, ich glaube nicht, dass sie sich davon werden aufhalten lassen. Sie werden weitere Leute auf die Suche schicken.«

»Hast du eine Ahnung, wer sie sind und was sie mit dir vorhaben, wenn sie dich finden?«

Langsam setzten sie sich wieder in Bewegung.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Thierry. »Ich will es nicht wissen. Wahrscheinlich werden sie mich auseinandernehmen, um herauszufinden, was mich am Leben hält.«

Auch wenn du dabei stirbst, dachte Ava, aber sie sprach es nicht aus.

Der nächste beunruhigende Gedanke folgte schon einen Augenblick später.

»Wie wird dein Automatenkörper denn angetrieben? Ich will ja nicht schwarzmalen, aber der Hauptgrund, warum ich hier draußen festsitze, ist, dass es keinen Brennstoff und kein Wasser gibt, um Maschinen zu betreiben.«

Anstatt ihn in Panik zu versetzen, entlockte diese Nachricht Thierry ein leises Lachen. »Es gibt Wind und es gibt Sonne. Bewegung und Wärme und Licht.« Er hielt den Arm, mit dem er sich nicht auf Ava stützte, vor sich und wies auf das Muster aus feinen Drähten, das sich darauf abzeichnete. »Die Oberfläche nimmt Energie aus der Umgebung auf, zum Beispiel die der Sonne. Das reicht vollkommen aus.«

Ava konnte nicht anders, als sein Lächeln zu erwidern. Wenn er richtig und nicht traurig lächelte, strahlten seine Augen und ließen vergessen, dass das Gesicht darum herum aus Metall bestand. »Sonne haben wir genug. Wenn du wüsstest, wie heiß es hier wird. Das würde problemlos reichen, um zehn -«

Abrupt blieb Ava stehen. Sie schnappte nach Luft und schlug die Hände vor den Mund, um ein Quieken zu unterdrücken. Dafür musste sie Thierry loslassen und er geriet gefährlich ins Wanken. Schnell griff sie wieder nach seinem Arm.

»Das reicht locker, um zehn Motoren zu betreiben!« Sie zog an seinem Arm, bis er das Gleichgewicht verlor und in ihre Umarmung fiel. Ava hüpfte auf und ab und versuchte, ihn dabei nicht zu sehr durchzuschütteln. Ihre Stimme überschlug sich. »Das ist es! Das ist die Lösung!«

Sie strahlte Thierry an, der verdattert und überrumpelt wirkte, und sie wünschte, er könnte sich schneller bewegen, damit sie sofort anfangen konnte, ihren Geistesblitz in die Tat umzusetzen. »Hast du eine Ahnung, was das heißt?!«

Er schien zu einer Erwiderung ansetzen zu wollen, doch da zog Ava ihn schon weiter.

 

Fünf Tage lang werkelte Ava wie besessen an ihrem Mechanischen Drachen. Sie hatte es unter Thierrys Anleitung geschafft, einen Teil der energiesammelnden Drähte von seinem linken Arm zu entfernen und mit dem Antrieb des Fluggeräts zu verbinden. Das bedeutete zwar, dass Thierry seinen Arm noch weniger bewegen konnte als zuvor, aber zumindest bestand so eine reelle Hoffnung, aus der Wüste wegzukommen, bevor sie beide – oder zumindest Ava – verhungerten. Thierry hatte zwar etwas gegessen, als sie ihm von dem trocken Brotfladen angeboten hatte, den sie auf Vorrat hatte, doch seit er erfahren hatte, dass Avas Garten zerstört und damit kein Nahrungsmittelnachschub in Sicht war, hatte er keinen Bissen angerührt. Beklommen fragte sich Ava, was in seinem Innern außer seinem Herzen noch wirklich menschlich war.

Thierry rechnete jeden Tag damit, dass seine unbekannten Verfolger auftauchen würden, obwohl Ava versicherte, dass die Wüste riesig war und sie so schnell niemand finden würde. Sie selbst hatte schließlich in drei Jahren niemand gefunden und sie war überzeugt, dass ihr Vater mit allen Mitteln nach ihr hatte suchen lassen.

Thierry jedoch ließ sich nicht beruhigen. »Das kann man nicht vergleichen«, beharrte er. »Ich bin für die nicht einfach ein Mensch, sondern der Schlüssel zu allem. Geld, Macht, Ruhm. Unsterblichkeit.«

Ava seufzte und lehnte sich gegen die Seite des Mechanischen Drachens. Es war Mittag und für sie viel zu heiß, um zu arbeiten. Sie saß im Schatten, während Thierry ihr gegenüber durch die Strahlen der Sonne Energie tankte. Sein silberner Körper war voller Asche, Sand und Staub, aber er glänzte noch immer. Im Stillen vermutete Ava, dass Madame Duret eine neue Metalllegierung erfunden hatte, um ihren Sohn damit zu schützen.

»Ich wünschte, ich wüsste, wie diese Drähte hergestellt werden«, überlegte sie laut, während sie ihre Arbeit an der Oberfläche des Drachens musterte. »Stell dir vor, wir könnten alle Fluggeräte damit betreiben … Es wäre überhaupt kein Problem mehr, den Atlantik zu überqueren oder eine Wüste wie diese hier zu überfliegen! Und wenn das Treibstoff-Problem gelöst ist, vielleicht lassen sich dann auch Geräte bauen, die es bis über die höchsten Berge schaffen …«

Thierry lachte angesichts ihrer Begeisterung in sich hinein. »Reicht es dir noch nicht an Abenteuer, dass du drei Jahre in der Wüste verbracht hast?«

Ava schüttelte grinsend den Kopf. »Ich will ja nicht nochmal drei Jahre lang irgendwo festsitzen. Ich will die Welt erkunden!«

Er sah sie versonnen an. »Meine Mutter hat einen Artikel über diese Drähte veröffentlicht, weil sie dachte, dass genau solche Sachen damit möglich sind. Sie wollte ihre Erfindungen ja nicht der Welt vorenthalten … Sie wollte nur nicht, dass ich dafür leiden muss.«

Schlagartig verpuffte Avas Enthusiasmus. »Es tut mir wirklich leid, dass ich die Drähte von deinem Arm nehmen musste, aber sonst würden wir nie hier wegkommen.«

»Ich weiß.« Er lächelte. »Und das ist etwas anderes. Vielleicht fordere ich einfach eine kleine Wiedergutmachung, wenn du irgendwann diese neuen Flugmaschinen gebaut hast.«

Aus dem Lächeln wurde ein Grinsen und Ava bewarf ihn mit einer Hand voll Sand, der an seinem Oberkörper herabrieselte. »Jetzt werd mal nicht anmaßend – immerhin habe ich dich auch aus dem Luftschiffwrack gerettet! Und überhaupt, was soll das denn für eine Wiedergutmachung sein?«

Aber Thierry kam nicht mehr dazu, ihr diese Frage zu beantworten.

Von jenseits der Düne rauschte ein Fauchen heran. Ein Schatten schoss über sie hinweg und begrub den Mechanischen Drachen, Ava und Thierry unter einem Sandschauer. Ava fuhr hoch, spuckte Sand und starrte das Flugobjekt an wie eine Erscheinung.

Ein lang gezogener silberner Körper, ein peitschender Schwanz.

Der Mechanische Drachen zischte wie eine wütende Katze, ging scharf in die Kurve und raste wieder auf sie zu.

»Das sind sie!«, stieß Thierry hervor.

Da blitzte an einer Öffnung an der Unterseite des fremden Drachen Mündungsfeuer auf. Ein scharfer Schmerz zuckte durch Avas linkes Bein und sie fiel – rutschte auf dem Sand, krachte mit der Schulter gegen ihren eigenen Drachen. Ein Gewicht landete auf ihr und presste die Luft aus ihren Lungen – Thierry. Seine grünen Augen, nur Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt, waren weit vor Schock. Sie fühlte seinen angestrengten Atem auf der Wange.

Wie ein Hagelsturm prasselten Kugeln auf Thierrys Metallkörper herab. Ringsum spritzte Sand in Fontänen auf, wo die Geschosse einschlugen.

»Das … sind sie«, wiederholte Thierry. Er bekam kaum noch genug Luft zum Sprechen.

Dann waren ihre Angreifer über sie hinweg und der Kugelhagel erstarb. Gut, dass Mechanische Drachen nicht still in der Luft stehen konnten.

In Avas Kopf drehte sich alles und ihr Bein brannte wie Feuer, aber sie wusste, dass sie nur wenige Augenblicke hatten, bis ihre Gegner wieder über ihnen waren.

»In unseren Drachen!«, schrie sie Thierry an. Doch als er versuchte, sich von ihr herunterzurollen, sackte er stattdessen zusammen. Tausend Flüche lagen ihr auf der Zunge. Mit all ihrer Kraft stemmte sie sich gegen Thierry und hievte ihn zum Cockpit des Drachen, obwohl ihr verletztes Bein unter ihr einzuknicken drohte. Ein Glück, dass sie ohnehin direkt vor ihrem Fluggerät saßen, weiter hätte sie es nicht geschafft.

Mit einer Hand verriegelte Ava die Tür des Drachen, mit der anderen schob sie die Atemvorrichtung über Thierrys Mund zu, dann zwängte sie sich an ihm vorbei auf den Sitz hinter dem Steuer. In den letzten drei Jahren hatte sie höchstens auf diesem Platz gefrühstückt. Jetzt hämmerte sie wie wild auf die Knöpfe und Hebel auf dem Schaltpult ein.

»Spring an!«

Nichts geschah.

»Nun komm schon!«

Der Mechanische Drache rührte sich nicht. Durch die Frontscheibe sah sie, wie der andere Drache wieder auf sie zusteuerte.

»Starte, verdammt!«

Sie hieb so heftig auf das Steuerpult ein, dass sie glaubte, es müsste unter ihrer Faust zerbrechen. Es war alles umsonst gewesen – die einsamen drei Jahre des Wartens, die vergangenen Tage, in denen sie wieder Hoffnung geschöpft hatte, der verzweifelte Versuch, diese kaputte Maschine zum Fliegen zu kriegen.

Da legte sich Thierrys kühle Metallhand auf ihren Arm. Er wirkte, als könne er jeden Augenblick erneut ohnmächtig werden, und dennoch brachte er die Kraft auf, leicht mit dem Kopf zu schütteln.

Ava atmete tief durch und riss sich zusammen. Der Wüste war ihre Gefühlslage egal und dem Mechanischen Drachen ebenso. Sie musste sich darauf einstellen, wenn sie überleben wollte.

Eine Kugel schlug neben ihrem Fluggerät in den Sand, aber Ava blieb ruhig und betätigte einen Hebel nach dem anderen. Unter ihren Fingern erwachte ihr Drache zum Leben; Anzeigen blinkten und der Motor fing an, leise zu surren. Zwei weitere Kugeln trafen das Dach und die Scheibe des Drachen und hinterließen eine Delle und einen Sprung im Glas, aber die Schützen hatten Probleme damit, zu zielen, während sie immer wieder im Zickzack über Ava und Thierry hinwegflogen..

Ava passte den Moment ab, in dem ihre Gegner am weitesten entfernt hinter ihnen waren, und zog den Steuerknüppel hoch.

Dass die Motoren mit genug Energie versorgt wurden, verriet ihr gleichmäßiges Surren. Dennoch blinkte ein halbes Dutzend Kontrollleuchten warnend auf. Ava biss die Zähne zusammen und hoffte inständig, dass ihre improvisierten Reparaturen nicht mehr Schaden angerichtet als behoben hatten.

Starte, beschwor sie das Fluggerät im Stillen. Bitte, bitte, heb ab.

Der Mechanische Drache löste sich aus dem Sand und machte einen Satz nach vorne. Nach kaum zwei Metern setzte er wieder auf. Sie umklammerte den Steuerknüppel mit aller Kraft und drückte die Füße gegen den Boden, als könnte sie so ein Abheben erzwingen. Der Schmerz in ihrer Wade trieb ihr Tränen in die Augen, aber ließ sie nicht locker.

Flieg!

Der bewegliche Schwanz peitschte in die Düne, dann in die Luft. Abrupt schoss der Mechanische Drache nach vorne, dass Ava und Thierry in die Sitze gedrückt wurden. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrem Bauch aus und sie rechnete damit, im nächsten Augenblick zurück auf den Wüstenboden zu stürzen, aber sie blieben in der Luft. Ein wilder Freudenschrei stieg in ihr auf, obwohl ihre Verfolger direkt hinter ihnen waren.

»Wir habenʼs geschafft!«

Es war noch besser als ihr allererster Flug als Kind; besser als zum ersten Mal selbst ein Fluggerät zu steuern. Neben ihr lachte Thierry hinter seiner Atemmaske so ausgelassen, wie sie ihn noch nie erlebt hatte.

»Wir fliegen!«, jubelte Ava. Sie beschleunigte den alten Drachen immer mehr, bis zum Anschlag. Aus dem Seitenfenster erhaschte sie einen kurzen Blick auf ihre Verfolger: zwei Dünen weit entfernt, noch im Wendemanöver begriffen. Die tückischen Winde der Sahara heulten um beide Drachen herum und während das feindliche Fluggerät einen Moment lang ins Trudeln geriet, glich Ava die Böe mit einem Steuermanöver aus, bevor sie begriff, was sie da tat.

Irgendwann in den letzten drei Jahren war der Wind ihr Verbündeter geworden. »Wir müssen nur unsere Geschwindigkeit halten«, erklärte sie Thierry. »Dann werden wir unsere Verfolger los, sobald ihnen der Brennstoff ausgeht.« Sie selbst mussten sich darum keine Sorgen machen, denn ihr Treibstoff kam direkt von der Sonne. Was jetzt zählte, war nur eines: Der Wüstenboden sauste hunderte von Metern unter ihnen dahin, vor ihnen lag nichts als klarer blauer Himmel, und sie waren frei zu fliegen, wohin sie wollten.

Der zweite Mechanische Drache fiel hinter ihnen zurück und schrumpfte zu einem Silberschimmer in der Ferne. Als sich die Dämmerung über die Dünen legte, war er verschwunden. Ava und Thierry glitten weiter hoch über der Wüste dahin, angetrieben von der Erinnerung an die Hitze des Tages, die die Sonnenkollektoren gespeichert hatten.

»Was für eine Wiedergutmachung willst du nun eigentlich?«, fragte Ava schließlich.

Thierry drehte ihr den Kopf zu und seine grünen Augen funkelten im Licht der Kontrolllampen und der Sterne.

»Ich will, dass du mich mitnimmst«, sagte er. »Ich will dabei sein, wenn du die Welt erkunden gehst, und ich will all die Orte sehen, die wir nur mit diesem Fluggerät erreichen können. Schließlich steckt ein Teil von mir darin.«

Ava lächelte ihn an und nickte. »Der neue Mechanische Drache gehört uns beiden. Wir werden ihn zusammen fliegen. Egal wohin und egal, wer uns auf den Fersen ist.«

Gleißendes Sonnenlicht fiel durch die Windschutzscheibe mit dem Sprung im Glas und fing sich in dem Riss in ihrer Brille. Mit peitschendem Schwanz jagte der Mechanische Drache dem Horizont entgegen.

 

 

 

Pina Parasol und das verlorene Königreich

Tino Falke

 

Inzwischen kennt ihr natürlich alle die Abenteuer von Pina Parasol. Ihr wisst, wie sie Pestdoktor Dante nach ihrem Duell über dem Mahlstrom demaskiert hat. Euch wurde Dutzende Male erzählt, wie sie der Hinrichtung durch das Ætherbeil des Kalifen von Neu-Córdoba entgangen ist. Aber ich wette, ihr habt noch nie gehört, wie sie das erste Mal nach Ägypten geflogen und in den Besitz ihrer legendären Luftlok gekommen ist.

Die Geschichte beginnt, wo sie auch enden wird – über den Dächern von Paris. Keine Woche bevor Pina in den Süden aufbrach, sprang sie unter einem sternenlosen Nachthimmel von Haus zu Haus, rutschte Schindeln hinab und kletterte Schornsteine hinauf, von niemandem verfolgt und doch einmal mehr die meistgesuchte Frau des Landes. Bei Tag war sie nichts weiter als ein Kutschenkurier, doch insgeheim verfolgte sie eine ganz andere Karriere.

Pina Parasol war die erste und einzige professionelle Verliererin.

Sie selbst würde sagen: »Jeder Verlust ein Gewinn!«, und sie würde euch zuzwinkern dabei, aber mit beiden Augen, einfach weil sie es nicht besser kann. Doch die Aussicht, bei etwas zu versagen, hat Pina noch nie davon abgehalten, es trotzdem zu versuchen.

Vielleicht hatte sie deshalb Ja gesagt, als sie vor der Reise gefragt wurde, ob sie bereits Erfahrung damit hat, jahrtausendealte Grabkammern zu untersuchen. Laut den Aushängen in der Stadt wurden nur Deckhelfer gesucht, doch die Leiter der Expedition fragten Pina trotzdem, ob sie schon einmal dabei geholfen hat, antike Artefakte zu identifizieren. Ob sie Hieroglyphen lesen kann.

»Kameraden«, hatte Pina geantwortet, »wenn die Bezahlung stimmt, war ich höchstpersönlich beim Bau der großen Pyramiden dabei!«

Also fand sie sich nur wenige Tage nach ihrem letzten Auftrag in einem der Zeppeline wieder, auf denen der Name des berühmtesten Entdeckers und Abenteurers von ganz Frankreich prangte: L. Dorado.

Unter sich sah sie all die Gebäude kleiner werden, die sie Tag für Tag mit den verschiedensten Waren belieferte. Sie brachte Kisten voll Absinth in die Clubhäuser der Societé des Nautiles an den Flüssen der Stadt, wenn die Vereinigung mal wieder eine Reihe von Festen für die Reichen und Schönen veranstaltete. Sie brachte Ersatzteile in die Werkstätten und Manufakturen, in denen sich die besten Tüftler zwischen Ärmelkanal und Pyrenäen ein Wettrennen darum lieferten, wer zuerst den Mechanischen Mann erschafft, der selbstständig eine Oper komponieren, aufführen und vor griesgrämigen Kritikern verteidigen kann, ohne beleidigend zu werden. Sie brachte lebende Schnecken von den Exotenhändlern am Lufthafen zum zoologischen Garten und tote Schnecken vom zoologischen Garten in die meistbietenden Restaurants.

Als sie sich wenige Nächte zuvor ihren Weg über die Dächer der Stadt bahnte, wollte sie jedoch nichts abliefern, sondern etwas verschwinden lassen. In ihrer Tasche befand sich die Ætherknarre, mit der man keine Stunde zuvor auf der Salon de lʼEngrenage