Was man isst und wieder vergisst

»Theo braucht ein Pferd.«

Anne schaut auf.

Vater sagt das einfach so, als wollte Theo sich mal eben einen Hammer ausleihen oder eine Zange. Aber ein Pferd?

Theo ist der Bruder von Teun, und Teun ist Annes Vater.

Anne und Teun sitzen zusammen am Tisch und essen etwas Warmes.

Wenn man Anne und Teun hinterher fragt, was sie gegessen haben, wissen sie es nicht. Die beiden unterhalten sich immer beim Essen und reden dabei über alles Mögliche. Hinterher können sie dann nicht sagen, ob sie Kartoffeln oder Reis, Hühnchen oder Kotelett auf ihren Tellern hatten. Weil sie eben einfach nicht darauf geachtet haben.

Anne räumt die zwei Teller und Gabeln ab und beginnt mit dem Abwasch. Plötzlich fragt sie: »Haben wir jetzt eigentlich gerade Kartoffeln oder Nudeln gegessen?«

Vater lacht. »Das weiß ich auch nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass es gestern braune Bohnen mit Zwiebeln und noch etwas dazu gab.«

»Ja, es gab noch etwas dazu«, überlegt Anne. »Und das war wirklich lecker. Es ist immer gut, wenn neben dem eigentlichen Essen noch eine andere Sache auf dem Teller liegt. Ich mag es nicht, wenn alles einfach zusammengemischt ist.«

Vater lacht.

Anne lacht.

 

Annes Mutter, die Maria heißt, kocht immer am frühen Mittag für die drei. Danach fährt sie in die Stadt zum Arbeiten. Sie tanzt beim Ballett, Tanzen ist ihr Beruf. Mit dem Fahrrad braucht sie eine Stunde bis in die Stadt.

Vater kocht auch. Aber nur, wenn sie alle zu Hause sind und Mutter frei hat, weil sie nicht tanzen muss.

Vater liebt Zwiebeln.

Anne liebt alles, was man mit der Gabel essen kann oder – besser noch – direkt mit der Hand.

Mutter liebt fremdländische Gerichte aus dem großen Topf.

Aber eigentlich reden die drei nicht viel darüber.

Mutter sagt, dass die Leute in der Stadt den ganzen Tag übers Essen reden. Sowohl in den Büros als auch in den Cafés, wo sie bei Sonnenschein draußen auf der Terrasse sitzen. Sie reden über gefülltes Dies mit dünn geschnittenem Das und darüber, dass es eigentlich anders zubereitet werden müsste. Wenn es ums Essen geht, lachen die Leute in der Stadt nie.

Anne überlegt, ob es ihr in der Stadt gefallen würde. Und dabei vergisst sie schon wieder, was sie gerade gegessen hat.

Arbeitspferde

Es ist Frühling. Onkel Theo hat einen Brief geschrieben, in dem steht, dass er im Herbst ein Pferd für den Wald braucht. Und Vater hat Pferde.

Es sind starke Arbeitspferde.

Man kann Pferde auch zum Spaß haben. Aber dann haben nicht die Pferde Spaß, sondern die Reiter. Auf Vaters Arbeitspferden kann man gut reiten, doch den Leuten, die nur reiten wollen, sind Arbeitspferde nicht fein genug. Sie meinen, so ein Pferd würde ihnen nicht stehen. Lieber wollen sie ein hübsches Pferd, das auch gut zu ihren Kleidern passt. Sie denken, dass sie auf dem Pferd noch schöner aussehen, als wenn sie zu Fuß gehen würden.

Anne liebt es, auf Arbeitspferden zu reiten. Sie ist mit Pferden aufgewachsen. Um sie herum gab es schon immer Pferde.

Vaters Pferde können ein Boot, das auf einen Karren geladen ist, über den Sandstrand ins Meer ziehen. Sobald der Karren ins Wasser gerollt ist, löst sich das Boot und fängt an zu schwimmen. Es fährt zu Menschen, die auf ihrem Segelboot über Bord gegangen sind und Hilfe brauchen. Oder zu denen, die im Meer treiben, weil ihr Schiff ein Leck hatte und gesunken ist. Das Boot, das Vaters Pferde ins Wasser ziehen, rettet Menschen.

Das Ganze geht so: Vater kriegt einen Anruf, dass seine Pferde gebraucht werden. Kurz darauf ziehen die Pferde den Karren mit dem Boot über den Sandstrand ins Meer, wo mehrere Männer schnell ins Boot springen. Wenn das Boot weit genug im Wasser ist, löst es sich vom Karren und schwimmt los. Dann rudern die Helfer mit dem Boot zu den Menschen in Not.

Manche Arbeitspferde ziehen auch Heukarren. Oder Wagen mit Bierfässern.

 

»Theo braucht ein Pferd«, sagt Vater.

Vaters Bruder Theo wohnt in einem großen Wald. Schwarzer Wald heißt er, obwohl es eigentlich ein ganz normaler Wald ist, nicht schwarz, sondern grün, gelb und braun.

Im Wald werden Bäume gefällt. Nicht alle Bäume auf einmal, sondern nur etwa jeder fünfte. Das ist gut für die anderen Bäume, denn dann können sie besser wachsen. Die gefällten Bäume werden zu Brettern zersägt. Dafür müssen sie aber erst mal aus dem Wald zum Sägewerk geschafft werden.

Das Waldstück, aus dem Vaters Bruder die Bäume abtransportieren will, liegt hoch oben in den Bergen. Selbst Traktoren mit großen Rädern kommen hier nicht hin. Und für Menschen ist so ein Baum zu schwer. Man kann so einen Baum nicht mit zwei Händen hochheben, und auch nicht mit vier oder acht.

Aber ein Pferd kann ihn zwischen den dicht stehenden Bäumen aus dem Wald ziehen. Und genau dafür braucht Annes Onkel Theo ein Arbeitspferd.

 

Als Teun neunzehn und Theo einundzwanzig Jahre alt waren, wollten sie von zu Hause weg. Sie wollten fort von dem kleinen Bauernhof auf dem Hügel, in dem sie geboren worden waren. Die zwei wollten damals etwas Neues beginnen und sich ein eigenes Haus suchen. Aber sie wussten nicht, wie sie das anstellen sollten. Sie hatten keine Ahnung, wo so ein Haus zu finden war.

»Ich gehe in diese Richtung«, hatte Teun gesagt und nach Westen gezeigt.

»Ich gehe in diese Richtung«, hatte Theo gesagt und nach Osten gezeigt.

»Meld’ dich mal«, hatten sie einander zum Abschied gesagt.

»Ja, aber das kann eine Weile dauern.«

 

Ein paar Jahre später hörte Teun, dass Theo im Schwarzen Wald Arbeit gefunden und sich ein Holzhaus gebaut hatte.

Und Theo hörte, dass Teun bis zum Meer gegangen war und dort, hinter den Dünen, eine Scheune gekauft hatte. Aus der einen Hälfte der Scheune hatte er ein Wohnhaus gemacht und aus der anderen einen Stall. Einen Stall mit starken Arbeitspferden.

Erst waren es zwei Pferde, dann bekamen sie Fohlen, und schließlich wurden es immer mehr Pferde.