Samantha Young

Das Vermächtnis des Flammenmädchens

Roman

Aus dem Englischen von Ivonne Senn

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MIRA® TASCHENBÜCHER

MIRA® Taschenbücher

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Jürgen Welte

Copyright dieser Ausgabe © 2019 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der englischen Originalausgabe:

Darkness, Kindled

Copyright © 2013 by Samantha Young

Titelabbildung: sakkmesterke, cla78 / Getty Images

ISBN 9783745751734

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www.harpercollins.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

PROLOG

MÖGEN DIE REICHE UNS GNÄDIG SEIN

Während Ari auf seine Antwort wartete, versuchte sie erneut, die Blutspritzer am Rande ihres Gesichtsfeldes und das Stöhnen des sterbenden Mannes zu ignorieren, der in der Ecke des kleinen Raumes aufgeknüpft war. Der harte Boden unter ihren Füßen bestand aus festgetretenem Lehm, die nackten Wände waren bar jeder Smaragde und glänzten nasskalt. Das schwache Licht der Kerzen, die überall verteilt waren, verlieh der Höhle eine gruftige, unheilvolle Atmosphäre. Feuchte Erde, Schweiß und der kupfrige Geruch von Blut kitzelten Aris Nase.

Ihr eigenes Blut rauschte in ihren Ohren, als sie Azazil anschaute und auf seine Antwort wartete.

Seine schwarzen Augen richteten sich auf sie. Seine Miene war undurchdringlich. Dann wandte er den Blick ab und stieß einen tiefen Seufzer aus. Nachdenklich betrachtete er den Mann, den er vor Aris Eintreffen gefoltert hatte. Der Sultan war heute nicht so prachtvoll gekleidet wie sonst und trug auch keinen Schmuck – er hatte nur die dunkle Lederhose an und Lederbänder um die Handgelenke gewunden. Sein muskulöser, nackter Oberkörper glänzte vor Blut, in dem auch ein paar kleine Fleischfetzen klebten. Aris Magen zog sich vor Ekel zusammen, und sie schaute zu Boden.

„Ich habe die Konsequenzen deutlich dargelegt, Ari.“ Azazil sah sie wieder an, und ein beklemmendes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus. „Bist du sicher, dass du verstehst, was ich sage?“

Sie nickte. „Ich verstehe es. Heißt das, dass du mir den Gefallen gewährst, den du mir schuldest?“

Seine Mundwinkel hoben sich, seine Augen funkelten. „Ich sollte dich entweder töten oder dir applaudieren, weil du diesen Schwur gegen mich verwendest. Was du verlangst, ist kein normaler Gefallen. Es wird Auswirkungen auf uns alle haben … und ich bin ungewöhnlich blind, was diese Folgen betrifft. Ich sehe nur vage Bilder, auf die ich mir keinen Reim machen kann.“ Seine Miene verhärtete sich. „Aber ich spüre, dass etwas Gewaltiges, Unermessliches passieren wird, wenn ich dir diesen Gefallen erweise. Etwas, das nicht nur dich und mich betrifft, sondern mein Reich und das der Sterblichen.“

Diese Prophezeiung ließ sie nun doch kurz zögern. Es war eine Sache, andeutungsweise von möglichen Konsequenzen zu sprechen. Eine gigantische Veränderung vorherzusagen, die alle anging, war aber von ganz anderem Kaliber. „Auf welche Weise?“

„Wie gesagt, ich bin mir nicht sicher.“

„Also könnte es gut oder schlecht sein?“

„Ist denn irgendetwas jemals nur gut oder schlecht?“

Der Mann neben ihr stöhnte erneut, und Ari zuckte zusammen. „Ich schätze, ich kann dich nicht dazu überreden, auch diesen Mann als Teil des Gefallens freizulassen?“

Grimmig starrte Azazil sie an. „Wenn ich deinen Wunsch erfülle, werde ich danach vermutlich eine ganze Weile lang nicht mehr in der Lage sein, überhaupt noch irgendetwas zu tun.“

Das allein war schon Grund genug, darauf zu bestehen. Ari nickte. „Tu es.“

Der Sultan verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ich weiß nicht, was riskanter ist: Meinen Eid zu brechen und die Konsequenzen dafür zu tragen, oder bei diesem Wahnsinn mitzumachen.“

„Ich dachte, du stehst auf Wahnsinn? Immerhin verspricht das Ganze unterhaltsam zu werden, oder?“

Das entlockte ihrem Großvater ein kleines Lächeln. „Stimmt.“ Er ließ seine Arme sinken und trat auf sie zu. Die Würde und Macht, die er ausstrahlte, drohten sie umzuwerfen. „Du hast gewonnen, Ari. Ich gewähre dir deinen Gefallen.“ Er grinste. „Mögen die Reiche uns gnädig sein!“

1. TEIL

1. KAPITEL

DER HIMMEL IST DÜSTER IN DIESER NEUEN WELT

Ari, duck dich! rief Jai telepathisch, und Ari reagierte schnell. Sie warf sich auf den Boden, das Kinn an die Brust gepresst, den Blick erhoben, und sah zu, wie das Messer durch die Luft zischte und nur wenige Zentimeter neben Jais Kopf in der Wand stecken blieb. Sie rollte sich auf den Rücken und riss ihre Hände mit den Handflächen nach vorne hoch, um einen Energiestrahl auf den Qarin zu schleudern. Der unscheinbare Dschinn sprang zur Seite, um Aris Angriff auszuweichen, und trat damit direkt in Jais Magie hinein. Der bernsteinfarben glühende Ball, den Jai nur Sekunden nach Aris Attacke losgeschickt hatte, traf den Qarin mit der Wucht eines Güterzuges. Sein Körper wurde in die Luft gewirbelt und brach durch die papierdünnen Wände des Kleinstadthauses in Milwaukee.

Ari rappelte sich auf, um ihm zu folgen.

„Alles in Ordnung?“, fragte Jai scharf. Er ging neben ihr her und bewegte sich dabei so, dass sein Körper sie beschützend abschirmte, obwohl sie ihm schon tausendmal gesagt hatte, dass er das lassen solle.

„Mir geht’s gut“, murmelte sie und klopfte sich den Staub vom T-Shirt.

Jai schaute nicht mal zu ihr hin, was Ari nicht wirklich überraschte. Schließlich war das hier nicht der richtige Zeitpunkt, um herauszufinden, warum seine Freundin sauer auf ihn war.

Michael hatte ihnen erzählt, dass es der Jäger-Gruppe, die er auf den Doppelgänger-Dschinn des Kunstlehrers Sam Sheperd angesetzt hatte, nach zweimonatiger Fahndung gelungen war, den Gesuchten aufzustöbern. Ari und Jai waren gemeinsam aufgebrochen, um den Dschinn zu erledigen, und sie hatte diesen Moment der Nähe genutzt, um unmissverständlich zu zeigen, dass sie sauer auf ihren Freund war. Doch Jai hatte ihre einsilbigen Antworten und das vielsagende Schweigen mit keinem Wort gewürdigt, was sie nur noch mehr auf die Palme brachte. Das wiederum bedeutete, dass dieser Mistkerl von einem Doppelgänger sich auf einiges gefasst machen konnte, wenn das hier nicht bald zu Ende war.

Ari und Jai hatten den Peripatos verwendet, damit sie zu den Koordinaten gelangten, die die Gildejäger ihnen gegeben hatten. Das war vor einer halben Stunde gewesen. Nachdem der Mensch Sam Sheperd ausgeknockt im ersten Stock lag (Jais Werk), hatten sie mit dem Dschinn viel zu lange Verstecken gespielt – zumindest nach Aris Geschmack. Sie hatte zwei verheilende Schnitte – einen auf der Stirn und einen tieferen an ihren Rippen, der höllisch schmerzte. Jai war natürlich unverletzt. Der Qarin spielte allerdings mit ihnen, und Ari hatte das dumpfe Gefühl, dass er entschlossen war, Jai mit mehr als nur einer leichten Schnittwunde in die Knie zu zwingen.

Nun, Ari hatte keine Lust mehr zu spielen.

Sie blieb neben Jai stehen und starrte auf die Stelle des schuttbedeckten Bodens, wo eigentlich der Qarin hätte sein sollen.

Aber da war niemand.

„Mist“, murmelte Jai zwischen zusammengebissenen Zähnen. „Ich werde …“

„Still“, befahl Ari und ignorierte Jais hochgezogene Augenbraue. Sie hätte über seine Miene gelacht, wenn sie nicht so genervt gewesen wäre. Gib mir eine Minute, versuchte sie, etwas weniger angespannt zu erklären.

Ari schloss die Augen. Damals, als sie und Onkel Red noch ein etwas besseres Verhältnis zueinander hatten, hatte er ihr versichert, dass sie selbst ohne die Fähigkeiten des Siegels ein mächtiger Dschinn war. Ihre Mutter Sala war eine alte und kraftvolle Ifrit gewesen, und ihr Vater war der White King, einer der mächtigsten existierenden Feuergeister. Mehr war kaum möglich. Unter Prominenzgesichtspunkten wäre sie quasi die Blair Waldorf von Mount Qaf, dem Reich der Dschinn. Red hatte angedeutet, dass sie sich ihre Talente noch längst nicht voll erschlossen hätte. Jai versuchte, sie durch Training dahin zu bringen. Sie waren ein paarmal gemeinsam auf die Jagd gegangen, wo sie mehr und mehr über sich gelernt hatte. Aber nun war es höchste Zeit, sich weiter zu öffnen. Verdammt, sie hatte schließlich miterlebt, wie ihr Onkel einen Dschinn in einem anderen Bundesstaat aufgespürt hatte. Da würde sie doch wohl diesen Mistkerl von einem Doppelgänger finden, damit sie und Jai die widerliche Aufgabe erledigen konnten, für die sie hergekommen waren, um dann so schnell wie möglich von hier zu verschwinden.

Ari konzentrierte sich. Sie spürte, wie der Schutt sich unter der sanften Brise, die durch ein offenes Fenster hereinwehte, leicht verschob. Sie fühlte, wie die Luft zu ihrer Linken davontanzte, als Jai sich ein winziges bisschen bewegte. Ihre Sinne klinkten sich in seine Macht ein, und sie ließ sich von der Kraft seiner Signatur überwältigen. Jais Anziehung war anders als die jedes anderen Dschinns, die sie je gefühlt hatte. Er war ein vollblütiger und extrem starker Ginnaye, ein Wächter-Dschinn. Seine Magie pulsierte in tiefen, pochenden Wellen. Aber anders als bei anderen verströmte sie auch eine allumfassende, üppige Wärme, die von seinem natürlichen Beschützerinstinkt stammte. Er würde diese machtvolle Energie entweder dazu nutzen, jemanden in Sicherheit zu bringen – oder jemanden zu zerstören.

Sie riss sich zusammen, verdrängte Jais Aura aus ihren Sinnen und tastete sich mental durch die dunklen Erinnerungen des Hauses. Sie durchsuchte jede Ecke, jede Nische, dann stieg sie schweigend die Stufen zum ersten Stock hinauf.

Da.

Im oberen Schlafzimmer.

Ari atmete tief durch. Die Entscheidung, jetzt entschlossen durchzugreifen, hinterließ ein brennendes Gefühl in ihrem Magen.

In Wahrheit hatte sie mit dem Qarin genauso gespielt wie er mit ihr. Hatte versucht, Zeit zu schinden.

Die zwei Jagden, an denen sie bisher teilgenommen hatte, waren mehr Training als alles andere gewesen. Es war im Grunde nur darum gegangen, Dschinn zu markieren und aus den Städten zu entfernen, in denen sie ihr Unwesen trieben.

Das hier war anders.

Der Doppelgänger wäre der erste Qarin, den sie töten würde.

Jai wollte das übernehmen. Er wollte nicht, dass das Gewicht dieser Tat auf ihren Schultern lag.

Aber da machte er sich – und ihr – etwas vor. Ari war die Tochter eines Dschinn-Königs, der es sich zur Mission gemacht hatte, die gefährlichste Kreatur sämtlicher Reiche aus ihrem Gefängnis zu befreien. Sie hatte seit Wochen kaum mit ihrem engsten Verbündeten (Red) gesprochen; ihr bester Freund war ein Staatsfeind, und dann gab es noch einen gewissen uralten Marid, der zufällig die rechte Hand des Sultans war – und sie in letzter Zeit ständig in ihren Träumen besuchte.

Schon aus Gründen der Selbstverteidigung würde sie nicht umhinkommen, irgendwann jemanden zu töten.

Wie es aussah, war heute der erste Tag in ihrer neuen Welt …

Die Magie kitzelte in ihren Händen, bis sie den geriffelten Griff des F-S-Kampfmessers spürte, das sie sich aus Michaels Waffenschrank genommen hatte.

Sie hörte Jai noch nach Luft schnappen, Sekunden, bevor sie sich in den Peripatos stürzte. Flammen umloderten sie, als sie im Badezimmer auftauchte und ihr Blick im Spiegel den des Qarins auffing – seiner war erstaunt, ihrer ausdruckslos.

Die Klinge ihres Messers drang ihm durch den Rücken in die Brust, angetrieben von Aris Dschinn-Magie und Kraft. Ein Stich ins Herz. Das hatte sie im Training an Dummys geübt.

Es fühlte sich jedoch anders an, durch Fleisch und Muskeln zu schneiden.

Die Augen des Doppelgängers weiteten sich entsetzt, Blut tropfte aus seinem Mundwinkel.

Und dann entspannte sich sein Körper, und er sank zu Boden wie eine Marionette ohne Spieler.

Das blutige Messer fiel aus Aris Hand klappernd auf den Fliesenboden. Sie starrte den toten Dschinn an, betrachtete einen Moment lang wie gelähmt die Leiche, um die sich eine Blutlache bildete. Sie hatte jemanden getötet. Ihr wurde schlecht.

Stolpernd trat sie über den leblosen Körper hinweg und stützte sich mit beiden Händen auf den Rand des Waschbeckens. Kalte Wellen der Übelkeit rollten durch sie hindurch, während sie das Grauen über das, was sie getan hatte, auskotzte.

Sie spürte seine Energie, bevor sie die Hand fühlte, die ihr die losen Haarsträhnen aus dem Gesicht strichen. „Baby“, flüsterte er rau, und sein Atem wehte warm über ihr Ohr.

Mit zitternden Fingern drehte Ari den Kaltwasserhahn auf, beugte sich vor und trank einen Schluck, dessen Kühle sie kaum wahrnahm. Dann spritzte sie sich Wasser ins Gesicht, richtete sich auf und lehnte sich mit dem Rücken gegen Jais Brust.

„Ich habe dir doch gesagt, dass ich das mache. Es wäre nicht das erste Mal. Du hättest es nicht tun müssen.“

Sie schüttelte leicht den Kopf und versuchte, bei der Erinnerung daran, wie die Klinge durch die Brust des Qarins geglitten war, nicht zusammenzuzucken. Die Aussicht, einen dieser Schurken zu töten, hatte sie schon nervös gemacht. Aber sie hätte nie damit gerechnet, dass es sie derart mitnehmen würde, ein Leben auszulöschen. Sie hätte es besser wissen müssen. „Ich musste es irgendwann tun. Ich wollte es endlich hinter mich bringen.“

Jais Hände strichen über ihre Oberarme, umfassten sie. Er zog Ari näher an sich. „Das hast du gut gemacht.“

„Wirklich?“, fragte sie.

Er küsste sie auf den Scheitel. „Du wärst nicht du, wenn du dich deswegen nicht schlecht fühlen würdest. Denk immer daran, er hat den Menschen schlimme Dinge angetan, Ari. Demütigende, grauenhafte, mörderische Dinge.“

Das wusste sie. Ihr war auch klar, dass sie einen von den Bösen von der Straße geholt hatte. Sie musste nur noch ihr schlechtes Gewissen dazu bringen, das auch so zu sehen. Ari drehte sich in Jais Armen herum. Seine Hände glitten zu ihren Hüften, er wollte die Umarmung noch nicht lösen. „Verrate niemandem, dass ich mich übergeben habe, okay?“

„Niemand würde deswegen schlecht von dir denken.“

„Trotzdem … lass es einfach.“ Michael und Caroline mochten sie akzeptieren, aber einige der anderen Gildenjäger waren immer noch misstrauisch. Sie musste sich ihnen gegenüber beweisen. Wenn sie herausfanden, dass sie nach ihrem ersten toten Dschinn gekotzt hatte … tja … Ari wusste nicht, was sie davon halten würden.

„Ich werde es niemandem erzählen“, versicherte Jai, doch der Muskel in seinem Kiefer zuckte. „Es gibt nichts, wofür du dich schämen müsstest. Das Töten gehört nicht zur Jobbeschreibung eines Jägers, sie haben also keine Ahnung, wie es sich anfühlt, ein Leben zu nehmen. Sie haben kein Recht, dich zu verurteilen.“

Sie drückte dankbar seine Hand, nicht länger sauer auf ihn. Was Jai sagte, stimmte. Die Gildenjäger waren halbblütige Dschinn – halb Mensch, halb Dschinn, erschaffen vom Gilder King als Gegengewicht zu den bösen Dschinn. Gildenjäger konnten jagen und böse Dschinn markieren, aber wenn sie je einen töteten, würden die Gesetzesschöpfer von Mount Qaf es erfahren und den Betreffenden vor Gericht stellen. Es war zwar unfair, aber in Mount Qaf konnte das Töten eines Vollblut-Dschinns durch ein Halbblut mit der Todesstrafe geahndet werden. Es hieß außerdem, dass Vollblüter sich nicht gegenseitig töten durften, ohne zu riskieren, vor Gericht gestellt zu werden, aber Red hatte durchblicken lassen, dass es sich dabei nicht um ein Gesetz handelte, das von den Gesetzesschöpfern erlassen worden war, und nur aus Gründen der Abschreckung ab und zu Prozesse abgehalten wurden, um die Kämpfe untereinander weitestmöglich zu unterbinden.

Michael Roe, der Anführer der Roe-Gilde der Jäger, hatte drei Vollblut-Dschinn in seinen Reihen – Ari, Jai und Jais besten Freund Trey. Als Charlie nach der Tötung von Akasha (der Labartu, die seinen kleinen Bruder ermordet hatte) verschwunden war, hatte Ari beschlossen, dass es wohl am besten für sie wäre, sich zusammen mit Jai und Trey der Gilde anzuschließen. Michael wiederum kam zu dem Schluss, dass es durchaus von Vorteil war, Jäger in seiner Gilde zu haben, die einen der Bösen notfalls auch töten konnten. Außerdem hatte er ihnen mitgeteilt, dass Charlie nun, da er ein durchgeknallter Zauberer war, der zudem über eine gefährliche Menge Smaragdenergie von Mount Qaf verfügte, die seine Macht um ein Vielfaches verstärkte, auf ihrer Tötungsliste ganz oben stand. Zu Aris großer Erleichterung war Charlie die letzten beiden Monate untergetaucht, und niemand aus der Gilde hatte ihn bisher aufspüren können. Sie hoffte, dass er dort blieb, wo er war.

„Du hast recht.“ Sie lächelte schwach. „Ich habe ihnen einen Gefallen getan. Mir doch egal, was sie denken.“

„Gut.“ Jai nickte, dann verhärtete seine Miene sich wieder. „So, jetzt lass mich diesen Kerl hier entsorgen und die Gilde anrufen, damit sie sich um den menschlichen Sam Shepherd kümmern. Dann bringen wir dich nach Hause. Was macht deine Rippe?“

Ari schaute den Qarin an. Ihr Magen hatte sich beruhigt. „Fast wieder in Ordnung. Mir geht’s … gut.“

Zu Aris Erleichterung hatten sie und Jai reichlich damit zu tun, das Chaos zu beseitigen und den echten Sam Shepherd der Gilde zu übergeben, damit die ihn entsprechend vorbereiten konnten, bevor er in die Menschenwelt zurückgeschickt wurde. Danach mussten sie bei Michael antreten, um ihm Bericht zu erstatten. Darüber zu sprechen tat Ari gut; es half ihr, mit dem, was sie getan hatte, klarzukommen. Michaels Blick wurde ganz väterlich und besorgt, als er erfuhr, dass Ari den Qarin getötet hatte. Am liebsten hätte sie ihn gefragt, was für ein Spiel er da eigentlich trieb. Einerseits wollte er, dass sie Dschinn tötete, und wenn sie es dann tat, wurde er auf einmal ganz weich? Es war ja nett, dass er um sie besorgt war … aber auch verwirrend.

Doch sie verkniff sich jede Bemerkung. Nachdem Michael seine Tochter Fallon in Charlies Krieg gegen die Labartu verloren hatte, brachte Ari es nicht übers Herz, ihm seine verdrehten Führungsqualitäten vorzuwerfen.

Caroline brachte ihnen etwas zu essen, während sie mit Michael konferierten. Als sie fertig waren, wurden Ari und Jai mit einem letzten bedenklichen Blick entlassen. Es war den beiden nicht ganz recht, dass Ari zu Jai und Trey gezogen war, die sich nur ein paar Straßen weiter ein Haus gekauft hatten. Ja, Ari war achtzehn und damit ganz offiziell Herrin ihrer Entscheidungen. Doch Michael und Caroline machten sich Sorgen, was ihre Mitarbeiter wohl darüber denken mochten, dass ein junges Mädchen mit zwei extrem heißen Männern zusammenwohnte.

Sollten sie doch denken, was sie wollten.

Trey war jetzt einer ihrer besten Freunde. Und Jai … nun, Jai benahm sich merkwürdig.

Daher ihr Ärger vorhin.

Doch nach dem, was sie heute alles durchgemacht hatte, war Ari zu erledigt, um sich auch noch um ihren Frust bezüglich Jai zu kümmern. Schweigend betraten sie das stille Haus. Trey glänzte durch Abwesenheit, was weder Ari noch Jai überraschte. Da er als Kampfausbilder für die Gilde arbeitete – und weil er Trey und mit überwältigendem Charme gesegnet war –, hatte er unter den Jägern schnell Freunde gefunden. Vermutlich hockte er gerade mit ein paar von den Jungs in irgendeiner Bar.

„Du solltest noch etwas essen“, empfahl Jai, während sie auf die breite Treppe zuging.

Sie schleppte sich die Stufen hinauf und schüttelte den Kopf. „Ich habe keinen Hunger.“

„Ari …“

„Ich esse morgen früh etwas.“ Als sie ihre Tür erreichte, drehte sie sich zu ihm um. Treys Schlafzimmer lag am anderen Ende des Flurs, ihres befand sich direkt gegenüber dem von Jai.

War das womöglich die Wurzel ihrer schlechten Laune?

Bei ihrem Einzug vor zwei Monaten hatte Jais Fürsorge sie berührt, als er die Tür zu dem größten Zimmer im Haus öffnete und versicherte, es gehöre ganz allein ihr. Dadurch gab er ihr zu verstehen, dass er sie nicht drängen würde, Sex mit ihm zu haben oder die Beziehung zu schnell voranzutreiben. Das war rücksichtsvoll und überlegt und so süß.

Aber so langsam trieb seine Zurückhaltung sie zur Weißglut. In zwei Monaten hatte er sie nur selten geküsst, und er war nicht ein einziges Mal nachts in ihr Zimmer geschlichen. Okay, die Küsse waren nicht zu verachten, doch jedes Mal, wenn es zwischen ihnen heißer wurde, zog er sich zurück und schickte sie schlafen, als wäre sie noch ein Kind. Es war nie wieder zu diesen atemberaubenden Dingen gekommen, mit denen er sie damals nach Charlies Prozess in Mount Qaf fast um den Verstand brachte. Verdammt, Jai hatte sie seitdem kaum mehr berührt, und sie fühlte sich allmählich wie eine Aussätzige.

Als sie seine Fingerknöchel sanft an ihrem Kinn spürte, lichtete sich der Nebel in ihrem Kopf. Sie nahm seine Hand und suchte seinen Blick. Jai blickte sie fragend und besorgt an. Sofort überfiel sie eine Mischung aus Liebe, Lust und Verwirrung.

Doch sie war jetzt nicht in der Stimmung, sich damit auseinanderzusetzen.

Immerhin hatte sie gerade einen bösen Dschinn getötet. Da mussten Probleme mit dem Freund vorerst warten. „Wir sehen uns morgen früh.“ Sie trat einen Schritt zurück und ließ seine Hand los.

„Hey.“ Seine Finger umfassten ihren Oberarm ein wenig fester. Er presste Ari kurz an sich und schaute sie stirnrunzelnd an. „Soll ich heute Nacht bei dir bleiben?“

Ausgerechnet heute Nacht? Wo ich so erschöpft bin, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten kann?

Ari schüttelte den Kopf und unterdrückte ihren Frust. „Es geht mir gut. Ich will einfach nur schlafen.“

Er verstärkte seinen Griff um ihren Arm und trat noch näher, sodass seine Brust gegen ihre stieß. Dann schenkte er ihr ein bekümmertes, unsicheres Lächeln, das nicht ganz über die Verwundbarkeit in seinen wunderschönen Augen hinwegtäuschen konnte. „Darf ich dir wenigstens noch einen Gutenachtkuss geben?“

In ihrer Brust pochte es schmerzhaft, und Ari spürte, wie ihre Mundwinkel sich ein wenig hoben. „Fürs Protokoll: Das ist eine absolut überflüssige Frage. Die Antwort lautet ein für alle Mal ja.“

Jai lächelte, und Ari schmolz dahin. „Gut zu wissen“, murmelte er dicht an ihrem Mund, bevor er sanft seine Lippen auf ihre drückte. Sie erwartete einen kurzen, süßen Kuss. Doch stattdessen war er … sehr emotional.

Jai hielt sie fest, eine Hand an ihren Nacken gelegt, und strich mit der Zunge zart über ihren Mund, der sich unter seinen Liebkosungen öffnete. Jais Zunge umtanzte ihre mit schnellen, kurzen Bewegungen, die ihren Atem stocken ließen und alle Müdigkeit aus ihrem Körper vertrieben. Ari schmiegte sich an ihn, atmete seinen Duft ein, schmeckte sein heißes Aroma. Ihr Herz schlug schneller.

Doch Jai weigerte sich, den Kuss zu vertiefen. Er streichelte, knabberte, lockte, erkundete ihren Mund … verführte sie, prägte sich ihr ein. Es war ein besitzergreifender Kuss, aber ohne Aggression. Ganz sanft sagte er ihr damit, dass sie zu ihm gehörte.

Nachdem er sich schließlich widerstrebend von ihr gelöst hatte, legte Ari ihre zitternden Hände an seinen Oberkörper. Ihre Augen waren geschlossen, ihre geschwollenen Lippen prickelten. „Wir sehen uns morgen“, murmelte er heiser. Seine raue Stimme verriet, dass der Kuss auf ihn die gleiche Wirkung gehabt hatte wie auf sie.

Ari atmete tief durch. Da war es wieder. Jedes Mal, wenn sie sich küssten, bis Jai diesen brennenden Blick bekam, der sagte, Ich will dich flachlegen, und zwar jetzt gleich, zog er sich zurück.

Mit nervtötender Vorhersehbarkeit rückte er von ihr ab und trat zwei Schritte zurück. „Gute Nacht.“

Sie lächelte halbherzig und verschwand in ihr Zimmer. Ein paar Sekunden später hörte sie Jais Schritte und das Öffnen und Schließen seiner Tür. Sie seufzte und schaltete das Licht an.

Der Raum, den Jai ihr überlassen hatte, war nicht nur groß, sondern auch schön. Ein riesiges Himmelbett stand in der Mitte, flankiert von einer großen Kommode, einem Schminktisch und passenden Nachttischen. Die Möbel waren schick und modern, mit einem leicht marokkanischen Touch. Ari hatte ihr eigenes Badezimmer und sogar einen begehbaren Kleiderschrank. Jai versuchte, ihr wieder ein Zuhause zu geben, und meistens hatte er damit Erfolg. Wenn nur diese seltsame, zermürbende Distanz zwischen ihnen nicht wäre. Es ging nicht nur um Sex. Sondern auch um seine Familie. Jedes Mal, wenn sie versuchte, mit Jai darüber zu reden, dass sein Vater ihn für den White King in diese Flasche eingesperrt hatte, machte er dicht und behauptete, es ginge ihm gut. Sie wusste aber, dass das nicht stimmte. Wie konnte es einem nach einem so monumentalen Verrat gut gehen?

Mit dröhnendem Schädel und schweren Lidern beschloss Ari, dass morgen auch noch ein guter Tag war, um sich über diese Dinge den Kopf zu zerbrechen. Zum Glück war sie viel zu müde, um über den Qarin nachzudenken, den sie getötet hatte. Sie zog sich mit ungelenken Bewegungen aus und griff nach ihrem seidenen Nachthemd. Sobald sie es angezogen hatte, schlüpfte sie unter die Bettdecke und vergrub ihren Kopf tief in den Kissen, die tröstlich nach ihrem Parfüm rochen. Dann ließ sie die Welt verschwinden …

Der Teich lag still im Mondschein. Die umstehenden Berge be schützten die mystische Höhle. Nachdem Ari sich umgeschaut und den rauen Sand an ihrer Haut gespürt hatte, stöhnte sie auf. Sie war schon einmal hier gewesen.

Verdammt.

„Asmodeus“, rief sie und drehte sich auf ihrem Platz im Sand einmal um sich selbst, um in die Dunkelheit zu spähen.

Wie erwartet, löste er sich aus den Schatten und kam auf sie zu. Er trug eine weite schwarze Hose, obenrum war er nackt. Zwei bronzene Reifen schmückten seine kräftigen Oberarme. Das lange dunkle Haar fiel lose über seine breiten Schultern. Ari riss den Blick von seinem Körper los und schaute in sein verstörend schönes Gesicht.

Es war total unfair, dass jemand, der so psychotisch war, derart fantastisch aussah.

Asmodeus kam grinsend auf sie zu. Seine Füße wirbelten bei je dem Schritt Sand auf. Ari stand auf und blickte finster an sich herab, um das aufreizende weiße Kleid zu begutachten, in das er sie gesteckt hatte. Es zeigte sehr viel Dekolleté und noch mehr Bein. Angewidert verschränkte sie die Arme vor der Brust und legte den Kopf in den Nacken, um zu dem attraktiven Riesen aufzusehen.

„Zum hundertsten Mal. Hör auf, in meine Träume hineinzupfuschen, und lass mich hier raus.“

Sein Lächeln wurde breiter, und seine weißen Zähne blitzten in der Dunkelheit. Er ging um sie herum und strich ihr mit zwei Fingern über den Arm.

Ari erschauderte und entzog sich ihm. „Ich meine es ernst.“

„Ich weiß“, erwiderte er nonchalant und blieb stehen.

„Warum hörst du nicht auf, mich zu quälen?“

In den letzten zwei Monaten hatte Prinz Asmodeus sie immer wieder aus ihrer eigenen Traumwelt gerissen und in seine hineingezogen. Zunächst, um herauszufinden, warum das Siegel des Salomon ihr keine Befehle erteilen konnte, aber bald hatte er gemerkt, dass sie genauso wenig Ahnung hatte wie er, warum die Macht des Siegels bei ihr nicht wirkte. Und Ari wurde klar, dass Asmodeus auch nicht wusste, wieso das Siegel bei ihm nicht funktionierte. Ansonsten hätte er nicht so verzweifelt versucht, eine Antwort von ihr zu kriegen.

Doch auch nachdem er begriffen hatte, dass sie ihm nicht weiter helfen konnte, holte Asmodeus sie weiter hierher. Seine Besuche in ihren Träumen schienen keinen anderen Zweck zu haben, als sie zu ärgern, zu versuchen, sie mit seinem Charme einzuwickeln – und ab und zu Jais Leben zu bedrohen.

„Weil es Spaß bringt.“

„Spaß?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Ich bin dafür zu müde. Jedes Mal, wenn du meine Träume heim suchst, bin ich am nächsten Morgen total erledigt.“

Seine sündhaft dunklen Augen funkelten mutwillig. „Also, wenn du schon erschöpft sein wirst, dann doch wohl besser aus gutem Grund, oder? Und da der Ginnaye ja offenbar nicht bereit ist, dir zu Diensten zu sein, wäre es mir ein Vergnügen, mich um deine … Bedürfnisse zu kümmern.“

„Nicht mal in deinen Träumen.“

Asmodeus lachte leise und verschränkte die Arme vor der Brust. Dann musterte er Ari prüfend. Eine Weile starrten sie einander schweigend an. Sein Lächeln verschwand. „Du hast heute getötet.“

Ari fuhr erschrocken zusammen. „Woher weißt du …?“

„Weil ich es mir zur Aufgabe mache, diese Dinge zu wissen.“

„Beobachtest du mich?“

„Ja, wann immer ich mich langweile.“

Angewidert schüttelte Ari den Kopf. „Du bist echt ein gruseliger Mistkerl.“

Seine bislang entspannte Miene verfinsterte sich. „Sei vorsichtig.“

Ein kleiner Angstschauder überlief sie und sie musste sich auf die Lippe beißen, um nicht etwas noch Dümmeres von sich zu geben.

Befriedigt drehte er sich um und setzte sich in den Sand, die Arme locker auf die angezogenen Knie gelegt. „Hinsetzen!“

„Du hast überhaupt keine Manieren, weißt du das?“, grummelte Ari und ließ sich in sicherer Distanz zu ihm nieder.

Der Marid warf ihr einen belustigten Blick zu. „Hör auf, abzulenken. Du hast heute getötet.“

Ari seufzte. „Ja, das habe ich. Bekomme ich jetzt Schwierigkeiten?“

„Nicht mit mir.“

„Mit sonst jemandem?“

„Es gibt niemanden, den das Ableben des Qarins interessiert.“

Ari seufzte erleichtert auf. „Gut zu wissen.“

Einen Moment lang sagte keiner etwas. Dann nahm Asmodeus einen kleinen Stein auf und ließ ihn mit einer schnellen Bewegung seines Handgelenks über das Wasser flitschen. „Du solltest das nicht tun.“

„Für die Gilde arbeiten?“

„Dich selbst zu einer Attentäterin machen.“

Ari versuchte, bei dem Wort nicht zusammenzuzucken. „Warum nicht? Ich tue etwas Gutes. Ich befreie die Welt von bösen Dschinn.“

Er hob eine Augenbraue. „Ist das den Verlust deiner Reinheit wert?“

„Ich bin nicht rein, Asmodeus.“

„Deine Seele war rein, Ari. Du schädigst sie mit deinem Bedürfnis, Dschinn zu jagen.“

„Das ist kein Bedürfnis“, log sie. „Es ist ein Wunsch. Vor alldem hier …“, sie zeigte auf ihre Umgebung, „war ich eine Highschoolabsolventin mit einer ernsthaften Identitätskrise. Ich wusste nicht, was ich vom Leben wollte. Ich wusste nicht, wo ich hingehörte. Und nun habe ich, trotz all der schlimmen Dinge, die damit einhergegangen sind, herauszufinden, wer ich bin, endlich meinen Platz in der Welt gefunden.“

„Mit dem Ginnaye zusammen Dschinn zu töten?“

„Mit Jai die Bösen zu jagen.“

Er schnaubte. „Du bist so naiv, dass es mir körperliche Schmerzen bereitet.“

„Dann hör auf, mich in deine Träume zu zerren.“

„Nein.“

„Nein?“

„Nein.“

Ari versuchte, ihren Zorn zu zügeln. „Was willst du, Asmodeus?“

Seine Miene war dunkel und unergründlich. Ari konnte ihren Blick nicht von seinem Gesicht losreißen. Dunkle Augen, die von langen Wimpern umrahmt wurden, gebräunte, makellose Haut, scharfe Wangenknochen, eine starke, gerade Nase und ein perfekter Mund – eine volle Unterlippe und eine etwas dünnere Oberlippe. Sollte ein ahnungsloser Mensch Asmodeus begegnen, dann würde er ihn für einen exotischen jungen Mann von Mitte zwanzig halten, nicht für einen verkorksten uralten Marid, der seit Gott weiß wie vielen Jahrhunderten auf der Erde weilte.

„Heute wollte ich sehen, wie es dir nach deiner ersten Tötung geht.“ Überrascht hob sie den Kopf. Seine Augen glitzerten, als er ihre Reaktion sah. „Ich spiele keine Spiele mit dir.“

Ari ignorierte die Neugierde, die in ihr tobte, und grinste ihn zynisch an. „Was auch immer das hier ist, können wir wenigstens ehrlich miteinander sein?“

„Okay.“ Er nickte. „Ich spiele gerne mit dir. Aber heute Nacht nicht.“

Das Geständnis kam über ihre Lippen, bevor sie darüber nach denken konnte. „Anfangs ist mir schlecht geworden. Es war grausam. Ich hatte nicht erwartet, mich so zu schämen.“

„Und jetzt?“

„Jai hat mich an all die Dinge erinnert, die der Qarin getan hat. Jetzt bin ich stolz darauf, dass ich stark genug war, etwas dagegen zu unternehmen.“

„Also keine Schuldgefühle?“

Sie wandte den Blick ab. „Ich werde immer Schuldgefühle haben, Asmodeus. Aber ich lerne ziemlich schnell, sie zum Wohle der Allgemeinheit beiseitezuschieben.“

Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, und er stand auf. „So fängt es immer an. Man schiebt persönliche Dinge zum Wohle der Allgemeinheit beiseite.“

Ari erhob sich ebenfalls, so verwirrt wie nach jeder Begegnung mit ihm.

Er streckte eine Hand nach ihr aus, und Ari zwang sich dazu, nicht zurückzuzucken. Sie wusste aus Erfahrung, dass er Zurückweisungen nicht gut ertrug. Seine Finger strichen sanft über ihre Wange. „Ich weiß einfach nicht, ob ich möchte, dass du dich änderst.“

Sie funkelte ihn grimmig an. „Das ist nun wirklich nicht deine Angelegenheit.“

Plötzlich strahlte er eine dunkle Hitze und wilden Ärger aus. Aris ganzer Körper verspannte sich. Als er sich näher zu ihr beugte, stockte ihr der Atem. Sie spürte, wie seine Lippen über ihr Ohr strichen. „Ich mache es zu meiner Angelegenheit.“

Ari riss die Augen auf und rang nach Luft. Keuchend vor Angst und etwas anderem, das sie nicht bestimmen konnte, starrte sie an die Decke ihres Zimmers. Dann drehte sie sich auf die Seite und zog das Laken fester um sich. Sie wusste nicht, was sie Asmodeus antworten sollte. Sie hatte Jai noch nicht erzählt, dass der Marid sie in ihren Träumen besuchte. Sie hatte es überhaupt niemandem erzählt. Aber sie wusste, dass Asmodeus’ wachsende Aufmerksamkeit ein Grund zur Sorge war, und es gab nur einen, mit dem sie darüber reden wollte: Onkel Red. Er würde wissen, was zu tun war. Gesetzt den Fall, dass Red überhaupt mit ihr sprechen wollte … und wenn ja, dass er ihr dann auch helfen würde.

2. KAPITEL

DAS ICH, DAS ICH BIN, BIN NICHT ICH

Ari schaffte es irgendwie, wieder einzuschlafen, doch ihr Unterbewusstsein schien nicht zur Ruhe zu kommen. Um sechs Uhr morgens wachte sie auf – wesentlich früher als sonst. Ihr Mund war trocken. Verschlafen schlurfte sie über den Flur, um sich unten in der Küche ein Glas Wasser zu holen. Es wäre leichter gewesen, einfach eines herzuzaubern, aber Trey und Jai waren dazu erzogen worden, ihre Dschinn-Fähigkeiten nur zu benutzen, wenn es wichtig war oder es keine andere vernünftige Möglichkeit gab. Ansonsten lebten sie so wie Menschen. Zum Teil war das eine Frage der Einstellung – die Ginnaye betrachteten es als Zeichen der Faulheit, Dschinn-Magie im Alltag zu benutzen –, zum Teil einfach eine praktische Übung. Wer gelernt hatte, wie die Menschen zu leben, würde sich vor ihnen nicht verraten.

Den müden Blick auf den Boden geheftet, hatte Ari gerade die Treppe erreicht, als sie hörte, wie die Tür zu Treys Zimmer sich öffnete. Sie schaute auf und blieb beim Anblick eines umwerfend attraktiven, blauhaarigen Manns in Jeans und hautengem T-Shirt wie angewurzelt stehen. „Glass?“, sagte sie laut und leicht schockiert, ihn hier zu sehen. Sie wusste zwar, dass der Glass King – alias einer ihrer Onkel, alias ein allmächtiger, Furcht einflößender Dschinn-König – auf romantische Weise mit Trey verbunden war. Aber sie hatte ihn nie zuvor in der Nähe von Treys Zimmer gesehen.

Leichte Panik stieg in ihr auf – um Treys willen. Sie wollte nicht, dass ihr Freund sich zu tief in die gefährliche Welt der Dschinn-Könige hineinziehen ließ, aber er schien von seinem neuen Liebhaber ganz hingerissen zu sein. Wobei, ehrlich gesagt, die Tatsache, dass Glass ebenfalls hin und weg zu sein schien, noch weit alarmierender war.

Glass legte mahnend einen Finger an die Lippen, und Ari wand sich entschuldigend. Dann zeigte er auf die Treppe, und Ari huschte rasch über die Stufen nach unten. Sie spürte die Macht des Dschinns hinter sich, hörte aber keine seiner Bewegungen. Sie betrat die Küche im hinteren Bereich des Hauses – ein großer Raum mit einer Kochinsel in der Mitte und einem großen Esstisch zur Linken. Glastüren führten in einen schönen Garten hinaus.

„Möchtest du einen Schluck Wasser?“, fragte sie höflich und holte eine Flasche eiskaltes Mineralwasser aus dem Kühlschrank.

Glass schüttelte den Kopf. „Ich hole mir rasch einen Kaffee.“

Das war so seltsam.

Ari nickte stumm.

Sie mochte Glass. Aber sie fühlte sich mit ihm nie so wohl wie mit Red. Red lächelte und alberte mit ihr herum, wohingegen sie Glass nie hatte lächeln sehen, außer, wenn er etwas Finsteres im Schilde führte. Trey war in jeglicher Hinsicht das totale Gegenteil von ihm.

Der Gedanke an Red brachte Ari dazu, Glass zum fünfzehnten Mal zu fragen: „Hast du was von Red gehört?“

Der Dschinn-König hob den Kaffeebecher, den er sich hergezaubert hatte (er hatte eindeutig keine Probleme damit, im Leben Abkürzungen zu nehmen, wo sie sich boten), und nippte daran. Dann musterte er sie mit konzentrierter Miene. „Ja, das habe ich.“

Sie unterdrückte den Drang, die Augen zu verdrehen. Das war so typisch für Dschinn-Könige … sie antworteten nie auf unausgesprochene, aber offensichtliche Fragen. „Wie geht es ihm?“

„Es geht ihm gut, Ari.“

„Wirst du ihm sagen, dass ich nach ihm gefragt habe?“ Wieder einmal.

Er neigte den Kopf und ließ sie damit wissen, dass er ihrer Bitte Folge leisten würde. So bekümmert sie auch über die Verstimmung zwischen ihr und Red war, konnte Ari doch nicht umhin, festzustellen, wie cool und würdevoll es wirkte, jemandem mit einem schlichten Neigen des Kopfes zu antworten.

Bevor das unbehagliche Schweigen sich weiter ausbreiten konnte, hörte Ari Schritte auf der Treppe. Zwei Sekunden später schlenderte Trey in die Küche. Wie immer stieg ein warmes Gefühl der Zuneigung in Ari auf, angereichert mit ehrlicher Bewunderung für seine männliche Schönheit. Trey war groß, mit einem athletischen, langgliedrigen Körper, zerzausten dunkelblonden Haaren und leicht schräg stehenden grauen Augen. Sein Gesicht war der Traum eines jeden Künstlers, und er kleidete sich wie ein moderner James Dean. Mit anderen Worten: Er war megaheiß.

Treys Aufmerksamkeit war sofort auf Glass gerichtet. „Morgen“, sagte er und grinste.

Glass erwiderte die Begrüßung murmelnd, wobei zu Aris Überraschung ein Zucken um seine Lippen spielte, bevor er wieder von seinem Kaffee trank. Dann stellte er den Becher weg, der umgehend verschwand. Mit einem lässigen Nicken in Aris Richtung ging er an ihr vorbei und blieb neben Trey stehen. „Bis später.“ Glass drückte Treys Schulter, und Trey nickte. In seinen Augen brannte ein solches Feuer, dass Ari sich ein wenig unbehaglich fühlte. Sie störte hier einen sehr intimen und privaten Moment. Dann neigte Glass zu ihrer grenzenlosen Verblüffung den Kopf und drückte seinen Mund auf Treys, der darüber ebenso schockiert zu sein schien wie Ari. Dann zog der Dschinn-König sich ohne ein weiteres Wort in den Peripatos zurück.

Trey sah für einen Moment anbetungswürdig verwirrt aus. Beinahe jungenhaft grinsend schaute er Ari an. „Er fängt definitiv langsam an, mich zu mögen.“

Ari lachte. „Ja, das glaube ich auch.“

So schnell, wie er eben gelächelt hatte, wurde Trey wieder ernst. Mit langen Schritten durchquerte er die Küche, bis er Ari fest in den Armen hielt. Sie spürte seine Lippen, die einen Kuss auf ihren Kopf drückten, und schlang ihre Arme um ihn. Sie fühlte sich sicher und geliebt. Nach allem, was ihr passiert war, war das ein wundervolles Gefühl.

„Jai hat mir von eurer Jagd erzählt. Bist du sicher, dass es dir gut geht?“

Sie nickte an seiner Brust, noch nicht bereit, ihn loszulassen. „Mir geht es gut, ehrlich. Anfangs hatte ich einen Schock, aber jetzt bin ich darüber hinweg.“

„Nun, wenigstens hast du mich, was das betrifft, nicht angelogen.“ Jais Stimme drang durch den warmen Nebel von Treys Umarmung.

Sie lösten sich voneinander und sahen Jai an der Wand lehnen. Seine Miene war hart, seine grauen Augen versprühten wütende goldene Blitze. „Lässt du uns für eine Minute allein?“, fragte er Trey, ohne den Blick von Ari zu lösen.

Ihr Herz schlug schneller. Was hatte sie getan?

„Klar.“ Trey hob ergeben die Hände. „Ich muss heute Morgen sowieso trainieren. Wir sehen uns später.“

Sobald die Haustür ins Schloss gefallen war, stemmte Ari die Hände in die Hüften. „Was sollte das denn?“, fauchte sie.

Jai drückte sich von der Wand ab und kam auf sie zu, offenbar kochend vor Wut. Er ließ seinen Blick über ihren Körper gleiten, bevor er ihr ins Gesicht schaute. „Was hast du da an?“

Überrascht schaute Ari an sich hinunter. „Äh … ein Nachthemd?“ „Wo ist dein Pyjama?“ Sein Ton war beißend.

Ungerührt hob sie eine Augenbraue. „Vermutlich in meiner Kommode.“

„Warum trägst du stattdessen das da?“

„Weil ich es gekauft habe und es mir gefällt.“ Sie zuckte mit den Schultern. Um ehrlich zu sein, hatte sie sich das Teil zugelegt, um Jai zu verführen. Es war ein kurzes, violettes Nachthemd mit einem tiefen, von Spitze umrahmten Ausschnitt. Der Saum, der kaum ihren Hintern bedeckte, war ebenfalls mit Spitze besetzt. Sie hatte das Ding in fünf verschiedenen Farben gekauft.

Doch das würde sie ihm natürlich nicht verraten.

Ein unbehagliches Gefühl stieg in ihr auf, als Jais Miene sich noch weiter verfinsterte. Sie hatte das Nachthemd gestern Abend angezogen, weil es zufällig in Griffweite lag, und heute Morgen war sie zu müde gewesen, um sich Gedanken darüber zu machen, was sie anhatte. Mist.

„Mein Gott, Ari, das bedeckt ja beinahe nichts“, brachte er angespannt hervor. „Kannst du es bitte nicht vor meinem besten Freund tragen?“

Doppelt Mist.

„Es ist doch nur Trey“, versuchte sie abzuwiegeln. „Er ist wie ein Bruder für mich.“

„Abgesehen davon, dass er nicht dein Bruder ist. Und ich weiß zufällig genau, dass er dich nicht als Schwester betrachtet.“ Er biss die Zähne zusammen. „Ihr mögt ja Freunde sein, aber das bedeutet nicht, dass er ein heißes Mädchen nicht zu schätzen weiß, wenn er es in seinen Armen hält.“

Gereizt wandte sich Ari von ihm ab, um die Wasserflasche wieder in den Kühlschrank zu stellen. „Wenigstens einer, der mich heiß findet“, murmelte sie leise.

„Was hast du gesagt?“

„Nichts.“

„Oh nein, ich habe es genau gehört.“ Er klang zornig. „Was zum Teufel soll das heißen?“

Aris Schultern sackten zusammen. Sie wusste nicht, ob sie bereit war, diese Unterhaltung jetzt mit ihm zu führen, aber zum Glück rettete sie das Klingeln von Jais Handy. Er fluchte kurz, bevor er ranging.

Sie drehte sich wieder zu ihm um, aber seine einsilbigen Antworten verrieten ihr nichts. „Ich bin gleich da“, sagte er schließlich. Dann legte er auf und sah sie düster an. „Das war Michael. Er braucht bei irgendetwas meine Hilfe, aber wenn ich zurück bin, reden wir.“

Na super. „Ich kann es kaum erwarten“, erwiderte sie sarkastisch.

Genervt seufzend trat Jai in den Peripatos.

Ihr Streit lag Ari wie ein Stein im Magen. Schnell eilte sie nach oben und unter die Dusche. Da sie vor ein paar Monaten schon einmal kurzzeitig mit Jai zusammengewohnt hatte, wusste sie ein paar Dinge über ihn. Er war unglaublich organisiert und ordentlich und besaß nicht viel. Ari hingegen mochte es, sich ein Nest zu bauen, also hatte sie von ihrem Gildenjägergeld einige Einrichtungsgegenstände und Wohnaccessoires gekauft. Jai hatte nichts gesagt, als sie nach und nach das moderne, aber sehr maskulin eingerichtete Haus mit Mädchenschnickschnack dekorierte – Kissen, Kerzen, Dekosachen, Vasen …

Sie hatten damals nicht das Badezimmer geteilt, also war ihr diese Intimität noch fremd, aber sie hatte ab und zu gesehen, wie er sich rasierte. Sie wusste, dass er jeden Morgen wie ein Soldat sein Bett machte, dass es in seinem Zimmer nur zwei Sachen gab – Uhren und Bücher – und dass er sich gesund ernährte: Proteinshakes, Früchte, Nüsse, Haferflocken, Gemüse, gebratenes Hühnchen, Fisch. Er verdrehte jedes Mal die Augen, wenn er Aris und Treys Seite des Kühlschranks betrachtete – Pizza, Burger, Pudding, Cola light.

Sie wusste, dass er jeden Tag zwei Stunden Sport trieb, es sei denn, ihn trieb etwas um, dann trainierte er länger. Manchmal gelang es ihr, dieses Etwas aus ihm herauszukitzeln, und manchmal zog er sie einfach zu sich aufs Sofa und sie schauten zusammen einen Film. All das wusste sie, und doch hatte sie das Gefühl, ihn nicht wirklich zu kennen. Er hielt etwas vor ihr zurück, und sie hatte keine Ahnung, warum. Aber die Vorstellung, ihn darauf anzusprechen, bereitete ihr panische Angst, weil sie fürchtete, er würde ihr dann sagen, das mit ihnen wäre alles ein großer Fehler gewesen.

Allein der Gedanke brachte sie zum Zittern. Ari stieg aus der Dusche und wickelte sich ein Handtuch um. Als sie ihr Zimmer betrat, lichtete sich der Dampf, und was sie sah, ließ ihr den Atem stocken.

„Du siehst gut aus, Ari.“ Charlie grinste sie vom Bett aus an. Das Grinsen war breit, aber nicht breit genug, um bis zu seinen Augen zu reichen. „Schickes Handtuch.“

Sobald Ari ihren Mund wieder schließen konnte, spürte Charlie ein leichtes magisches Kribbeln in der Luft, Sekunden, bevor das Handtuch verschwand und durch Jeans und ein T-Shirt ersetzt wurde. Es nervte ihn ein bisschen, dass sie das Gefühl hatte, sich in seiner Gegenwart bedecken zu müssen – als wenn sie vor ihm nicht sicher wäre. Er schnaubte innerlich. Wem wollte er was vormachen? Natürlich war sie vor ihm nicht sicher.

Es gelang ihm, eine ausdruckslose Miene beizubehalten, als Ari einen Schritt auf ihn zu machte und seinen Namen flüsterte. Er verspürte den vertrauten Schmerz in der Brust, den er in ihrer Nähe immer empfand. Würde es sie wirklich umbringen, nicht mehr so wunderschön zu sein und so besorgt um ihn, wenigstens so lange, bis er das hier hinter sich gebracht hatte? Er wollte nicht, dass sie sich seinetwegen Sorgen machte. Fallon war daran gestorben.

Er spürte, wie die Wut in seinem Blut hochkochte, und senkte schnell den Blick, um diesen Zorn unter Kontrolle zu kriegen.

Was Fallon zugestoßen war, würde Ari nicht zustoßen.

Er hatte vorgehabt, den Ball zunächst flach zu halten und seinen nächsten Schritt in Ruhe zu planen, jetzt, wo er ein Flüchtiger war und ein großes Stück Mount-Qaf-Smaragd in seinem Besitz hatte. Es gab Optionen. Nachdem er die Labartu getötet hatte, war er in der Dunkelheit verschwunden und hatte angefangen, ziemlich hässliche Sachen über Ari zu denken. Nach einer Woche im Verborgenen hatte er sich langsam wieder ein wenig normaler gefühlt und erkannt, dass sie alle recht gehabt hatten. Der Smaragd hatte ihn tatsächlich verändert. Aber er würde ihn nicht aufgeben. Er war jedoch gewillt, Ari aufzugeben. Er hegte einige tiefe Ressentiments gegen sie, eine Verbitterung, von der er fürchtete, sie würde ihn eines Tages überwältigen. Deshalb hatte keine der Optionen, die er sich für sein künftiges Leben vorstellen konnte, sie eingeschlossen.

Aber dann hatte die Ghulah ihn gefunden.

„Charlie, was machst du hier?“, fragte Ari leicht panisch.

Er seufzte, als wäre er gelangweilt, als würde es ihn nicht berühren, mit ihr in einem Zimmer zu sein, ihr Parfüm zu riechen, ihren Slip auf dem Fußboden liegen zu sehen. Nur, weil er ihr grollte, hieß das nicht, dass er sich nicht immer noch zu ihr hingezogen fühlte.

Was für ein Schlamassel!

„Mich hat eine Ghulah angesprochen. Offensichtlich haben du und Jai sie in Roswell angegriffen.“

Ari erbleichte und nickte langsam. „Ich erinnere mich. Ich habe bei ihr das Siegel benutzt.“

„Ja.“ Er grinste. „Deswegen ist sie immer noch ziemlich sauer auf dich. Und rate mal? Sie weiß, dass du nicht länger das Siegel bist und keine Macht mehr über sie hast. Sie will, dass ich ihr helfe, dich zu erledigen.“ Er sah zu, wie Ari aschfahl wurde. Ein Teil von ihm wollte sie trösten. Doch er zerquetschte das Gefühl wie eine Ameise unter seinem Daumen. „Sie denkt, dass ich vielleicht für einen kleinen Präventivschlag zu haben bin, da du mich ja offenbar mit dem Ziel jagst, mich zu töten.“

„Charlie, ich …“

„Entspann dich, Ari. Wenn ich dächte, dass du mich umbringen willst, wäre ich nicht hier.“

Er bemerkte ihr Misstrauen und musste seine wachsende Verärgerung zügeln. Sie würde ihm nie wieder trauen, oder?

„Warum bist du hier?“

Er glitt vom Bett und stand auf. Er war ein paar Zentimeter größer als sie. „Um mit dir zu verhandeln. Ich helfe dir, dich um die Ghulah zu kümmern, wenn du mir die Gilde vom Leib hältst.“

„Wie?“

Sie hatte die Idee nicht gleich verworfen. Charlie versuchte, nicht zu stöhnen. Verdammt, sie sollte endlich aufhören, sich um ihn zu sorgen. Und doch … er brauchte ihre Besorgnis, wenn sein Plan funktionieren sollte. Es war so ein Schlamassel. „Jedes Mal, wenn sie glauben, mich zu haben, veranstaltest du ein Chaos. Du vermasselst es, verursachst Probleme, tust alles, was nötig ist, um mir die Zeit zu geben, zu verschwinden. Als Gegenleistung helfe ich dir, die Ghulah zur Strecke zu bringen.“

Augenscheinlich hegte sie Bedenken gegen seinen Plan – und gegen seinen Vorschlag, Menschen zu hintergehen, an denen ihr inzwischen etwas lag. „Ich brauche keinen Beistand, um eine Ghulah zu erledigen. Ihretwegen mache ich mir keine Gedanken.“