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Table of Contents

Die Mordsaison beginnt

Klappentext:

Bastians kaltblütiger Plan

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

Epilog

Der Handel mit dem Tod

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

Der Richter und das Biest

Der Autor

Donnerstag

Freitag

Samstag

Sonntag

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Montag

Dienstag

Freitag

Dienstag

Freitag

Die zweite Chance

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

Im Netz des Verbrechens – Verbrannte Spuren

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

Der Autor Wolfgang Menge

Von Wolfgang Menge bereits erschienen:

Eine Kogge aus Gotland

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Epilog

Folgende Krimi-Sondereditionen, zusammengestellt von Kerstin Peschel, sind bereits erschienen:

Die Mordsaison beginnt

Band 1

 

 

– Krimi-Sonderedition –

 

 

Eine Auswahl von 6 überaus spannenden Krimis verschiedener Autoren.

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: unsplash und Kathrin Peschel, 2019

Lektorat, Korrektorat, Zusammenstellung: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Wenn die Mordsaison beginnt, haben die Opfer nichts zu lachen …

Wilhelm Bastian ist ein überaus ehrgeiziger junger Mann. Für den Aufstieg auf der Karriereleiter tut er alles. Schließlich lässt er sich sogar dazu überreden, die unansehnliche und nicht gerade kluge aber einzige Tochter des Firmeninhabers zu heiraten, um neben seinem Schwiegervater gleichberechtigter Teilhaber zu werden. Von Anfang an ist seine Zuneigung ihr gegenüber nur gespielt – er kann sie nicht ausstehen. Mit der Zeit fängt er sogar an, sie zu hassen. Eine Scheidung kommt für ihn jedoch überhaupt nicht infrage, weil er damit seine Stellung in der Firma verlieren würde. Als er eines Tages von seinem Schwiegervater in aller Öffentlichkeit verlacht wird, steigert sich sein Hass seiner Frau Luise gegenüber ins unermessliche. Plötzlich steht sein Entschluss fest und es gibt kein Zurück mehr: Luise muss sterben …

Es dauerte nicht lange, und sein folgenreicher, kaltblütiger Plan, dies in die Tat umzusetzen, steht fest. Aber er macht seine Rechnung ohne einen ihm bekannten Widersacher, mit dem am Ende alles ganz anders kommt …

 

 

***

 

 

 

Dieser Band beinhaltet folgende 6überaus spannende Krimis:

 

› Bastians kaltblütiger Plan - von Walter G. Pfaus

› Der Handel mit dem Tod - von Hans-Jürgen Raben

› Der Richter und das Biest - Ein Fall für Abel- von Fred Breinersdorfer

› Die zweite Chance - von Thomas Andresen

› Im Netz des Verbrechens - Verbrannte Spuren - von Wolfgang Menge

› Eine Kogge aus Gotland - Ein Küsten-Krimi - von Rainer Keip

 

 

***

 

 

Bastians kaltblütiger Plan

 

 

von Walter G. Pfaus

 

 

Kriminalroman

 

 

 

1. Kapitel

 

Es war an einem Montag, als ich mich dazu entschloss, meine Frau zu töten. Mit dem Gedanken, Luise umzubringen, hatte ich schon oft gespielt. Wenn Gedanken töten könnten, wäre Luise schon tausend Tode gestorben. Aber Gedanken töten nicht, und ich konnte mich bis zu diesem Tag nicht dazu durchringen, Luise wirklich umzubringen. Obwohl ich schon seit Wochen an einem guten Plan arbeitete, hatte ich noch einen letzten Rest von Skrupel.

Und dann kam dieser Montag, und alles war plötzlich anders. Ich war fest entschlossen, meinen neuen Plan in die Tat umzusetzen. Und es ist schon eine Ironie des Schicksals, dass mir gerade mein Schwiegervater, der einzige Mann auf dieser Welt, der Luise wirklich liebte, meine letzten Skrupel nahm. Er gab mir sozusagen das Startzeichen.

Es war nicht viel, was die Lawine ins Rollen brachte. Es war nur ein Lachen, ein lautes, schallendes Gelächter, und es kam von meinem Schwiegervater. Er lachte über mich. Hans-Georg Grashofer lachte mich aus, und ich kann es auf den Tod nicht ausstehen, ausgelacht zu werden.

Wir saßen zusammen im Mövenpick beim Mittagessen, als mir das Malheur passierte.

Ich schob mir gerade den letzten Bissen meines Kalbsteaks in den Mund, als mir ein Zahn aus dem Mund auf den leeren Teller fiel. Es entstand ein helles, klingelndes Geräusch, und mein Schwiegervater blickte hoch, entdeckte den ausgebrochenen Zahn auf meinem leeren Teller, blickte in mein Gesicht und brach in schallendes Gelächter aus.

Er lachte fast eine halbe Minute lang, und die Leute um uns herum hoben die Köpfe und blickten zu uns herüber. Ich spürte, wie mir die Zornesröte ins Gesicht schoss.

Nachdem er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, fragte er laut: „He, Willi, wie alt bist du denn, dass dir schon die Zähne aus dem Gesicht fallen?“

Er lachte wieder schallend und schlug sich ununterbrochen mit den Händen auf die Oberschenkel.

Ich sagte nichts. Ich konnte nichts sagen. Ich saß nur da und starrte auf den Zahn auf meinem leeren Teller.

Der Zahn stammte aus meiner Brücke. Mir fehlten am Oberkiefer vorne rechts vier Zähne. Mein Zahnarzt hatte mir damals eine Brücke verpasst und die vier fehlenden Zähne ersetzt.

Das Ganze war mir vor sechs Jahren passiert. Damals kannte ich Luise und ihren Vater noch nicht. Ich hatte mich in einer Kneipe in der Altstadt aus einem mir bis heute unerklärlichen Grund sinnlos betrunken. Ich wusste, dass ich in betrunkenem Zustand zu Aggressionen neigte. Deshalb hatte ich mich in der Öffentlichkeit immer mit dem Trinken zurückgehalten. Aber an diesem Tag war mir so ziemlich alles egal gewesen. Mein alter VW hatte schon am frühen Morgen den Geist aufgegeben. Und ich verlor meinen Job, weil ich meiner damaligen Chefin sagte, dass sie keine Ahnung hätte, wie man einen Betrieb führte.

Und so landete ich in der Kneipe und schüttet eine Menge Alkohol in mich hinein.

Es kam wie es kommen musste. In betrunkenem Zustand war ich gern auf Streit aus. Ich stänkerte an der Theke einen jungen Mann an. Da ich immer sehr viel Wert auf ein sauberes, gepflegtes Äußeres legte, wirkte der Junge mit seinem fettigen, strähnigen Haar, seinen schmutzigen Händen und dem vor Dreck starrenden Hemdkragen wie ein rotes Tuch auf mich. Er saß neben mir, hielt in der einen Hand sein Bierglas und in der anderen eine dünne, selbstgedrehte Zigarette.

Ich stieß mit dem Ellenbogen gegen sein Glas, und das Bier schwappte über und tropfte über seine Hand auf seine schmutzige, geflickte Jeans.

„He, Mann!“ Er sah mich lahm an. „Können Sie denn nicht aufpassen?“

„Was heißt hier aufpassen?“, fuhr ich ihn an. „Wenn hier jemand aufpassen muss, dann bist du das! Du fuchtelst hier doch dauernd mit deinen schmutzigen Fingern durch die Gegend. Wasch dich lieber erst, bevor du dich unter die Menschheit wagst. Du stinkst ja schon vor Dreck!“

Der Junge hatte mir mit unbewegtem Gesicht zugehört. Als ich fertig war, sagte er langsam: „Was geht dich das an, du Arsch?“

Ich schlug ihm eine harte Linke mitten ins Gesicht und ließ gleich darauf eine Rechte folgen.

Er flog vom Hocker und landete krachend auf dem Boden. Aus Mund und Nase quoll ihm das Blut über das Kinn, und seine großen Augen waren weit aufgerissen.

„Bist du verrückt?“, keuchte er wütend. „Was habe ich dir getan?“

„Das möchte ich auch gern wissen“, sagte ein Mann neben mir. „Er hat Ihnen doch wirklich nichts getan.“

„Der Kerl hat Arsch zu ihm gesagt“, mischte sich ein kleiner Mann mit einem Spitzmausgesicht und langer Nase mit ein. „Ich hab’s genau gehört. Er hat Arsch zu ihm gesagt … Wenn er es zu mir gesagt hätte, hätte ich ihm auch eine gelangt. Seht ihn euch doch an, den Schmutzfink. Der ist doch nur auf Streit aus.“

„Ich bin auf gar nichts aus“, verteidigte sich der Junge. „Ich habe hier friedlich mein Bier getrunken, und plötzlich kommt der Kerl und schlägt mich vom Hocker.“

Der Wirt kam hinter der Theke hervor. Er war ein großer, kräftiger Mann mit vollem, dunklem Haar. Mit einer kurzen Handbewegung schob er mich auf meinen Hocker und sagte: „Du bleibst hier sitzen.“

Ich trat einen Schritt zurück, aber ich setzte mich nicht. Ich blieb neben meinem Barhocker stehen, bereit, dem Kerl noch eine in die Fresse zu schlagen.

Der Wirt zog den Jungen vom Boden hoch. „Du zahlst jetzt dein Bier, und dann verschwindest du! Hast du mich verstanden? Ich dulde keine Streitereien in meinem Lokal.“

Der Junge wischte sich mit seinen schmutzigen Händen das Blut aus dem Gesicht, legte ein Geldstück auf die Theke und ging wortlos zur Tür. Dort wandte er sich noch einmal um und warf mir einen hasserfüllten Blick zu. Dann verließ er endlich das Lokal.

Der Mann, der vorher dem Jungen geholfen hatte, rückte ein Stück von mir ab. Einige andere Gäste klopften mir auf die Schulter und versicherten mir, ich wäre völlig im Recht gewesen.

Ich trank noch vier Bier und drei Schnäpse. Der Mann mit dem Spitzmausgesicht hatte sich neben mich gesetzt und klopfte mir auch nach dem vierten Bier noch auf die Schulter. Ich musste mich zusammennehmen, um ihn nicht auch noch vom Hocker zu schlagen. Der Kerl ging mir schrecklich auf die Nerven. Als ich vor Wut zu zittern anfing, zahlte ich und ging hinaus.

Ich kam keine zwanzig Meter weit.

Der Junge, den ich vom Hocker geschlagen hatte, hatte Verstärkung geholt. Jetzt waren sie zu fünft. Sie fingen mich vor dem Parkplatz ab, schleppten mich in eine nahegelegene dunkle Gasse und verprügelten mich nach allen Regeln der Kunst. Ich hatte nicht die geringste Chance.

Der schmutzige Bursche, dessentwegen ich die Prügel bezog, rächte sich auf seine Art. Er stand hinter mir und trat mir mit einer bewundernswerten Ausdauer mit aller Kraft in den Hintern. Diese Tritte blieben als Einzige in meinem Gedächtnis hängen. Der Kerl trat sogar noch zu, als ich längst am Boden lag. Irgendwann verlor ich dann das Bewusstsein, und ich spürte die Tritte nicht mehr.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich noch immer in der Seitengasse auf dem Pflaster. Ich brauchte fast eine halbe Stunde, um mich hochzurappeln und eine weitere Stunde, bis ich endlich zu Hause war. Vor dem Spiegel stellte ich dann fest, dass mir am Oberkiefer vorne rechts vier Zähne fehlten.

Ich heulte vor Wut, und wenn ich den Kerl in diesem Augenblick in die Finger bekommen hätte, hätte ich ihn erwürgt. Aber ich sah ihn nie wieder, und die Gesichter der anderen hatte ich in der Dunkelheit kaum erkennen können.

Die nächsten vier Tage und Nächte verbrachte ich fast ausschließlich in der Bauchlage. Ich stand nur zum Essen auf, und das unter großen Schmerzen. Als ich mich am vierten Tag von hinten im Spiegel betrachtete, wurde mir fast schlecht. Mein Rücken und mein Hintern waren übersät von grünen, blauen und gelben Flecken, und es dauerte ganze zwei Wochen, bis alle Blessuren verschwunden waren, und es vergingen drei Monate, bis meine Zahnlücke geschlossen war.

Da ich damals ziemlich knapp bei Kasse war, ließ ich mir eine einfache Brücke verpassen. Mein jetziger Zahnarzt hatte mich mehrmals gemahnt, mir einen besseren und haltbareren Zahnersatz anfertigen zu lassen. Ich hatte einfach keine Zeit dazu gehabt. Das Geschäft, Grashofers Strickwarenfabrik, die zur Hälfte schon mir gehörte, hatte mich in den letzten Jahren ziemlich stark in Anspruch genommen.

Und jetzt saß ich mitten in einem gut besuchten Speiselokal. Mein Kopf glühte vor Scham und Zorn, und mein Schwiegervater amüsierte sich köstlich über mein Missgeschick.

Ich saß noch immer stumm vor meinem leeren Teller und starrte auf den Zahn. Ich versuchte krampfhaft, mich in die Gewalt zu bekommen. Ich war schon immer sehr jähzornig gewesen, und ich wusste, dass ich in diesem Zustand dazu neigte, Dinge zu sagen, die ich später bereuen würde.

Also biss ich meine restlichen Zähne zusammen, atmete ein paar Mal tief durch und überlegte, wie ich ihm sein hämisches Lachen heimzahlen könnte.

Und plötzlich stand mein Entschluss fest. Hans-Georg Grashofer hatte mit seinem schrecklichen Lachen selbst das Todesurteil über seine Tochter ausgesprochen. Jetzt gab es für mich kein Zurück mehr.

Luise musste sterben.

 

 

2. Kapitel

 

Nachdem mein Entschluss feststand, war ich auf einmal ganz ruhig. Ich fischte den Zahn vom Teller, wickelte ihn in die Serviette und steckte ihn ein. Anschließend quälte ich mir ein Lächeln auf die Lippen, sah meinen Schwiegervater an und sagte: „Ich glaube, jetzt ist es an der Zeit, mir einen neuen Zahnersatz anfertigen zu lassen. Die Zeit werde ich mir eben nehmen müssen.“

„Du bist einfach köstlich“, lachte er abermals. „Ich schütte mich fast aus vor Lachen, und du tust so, als wäre überhaupt nichts passiert. Kann dich denn gar nichts aus der Ruhe bringen?“

„Nein, nichts.“

Ich behielt mein Lächeln bei.

„Was bist du nur für ein Mensch?“ Er lachte jetzt nicht mehr. „Du hast eine Ruhe, die schon fast beängstigend ist.“

„Für das Geschäft wirkt sich meine Ruhe jedenfalls nur positiv aus“, gab ich Grashofer leise zu verstehen und zündete mir eine Zigarette an.

„Da hast du allerdings recht“, stimmte mir mein Schwiegervater zu. Jetzt lächelte er wieder, und er holte aus einem ledernen Etui eine Al Capone. „Aber ich wusste ja, warum ich gerade dich haben wollte.“

Das hatte er wirklich gewusst. Als ich damals mit zwanzig Jahren bei ihm als Strickmaschinenführer angefangen hatte, steckte ich schon voller Elan und Ehrgeiz, und Worte wie Rücksichtslosigkeit und Korruption waren mir nicht fremd. Ich wusste damals schon, dass ich, wenn es die Situation erforderte, in der Lage sein würde, rücksichtslos von meinen Ellenbogen Gebrauch zu machen. Ich hätte alles getan, um mein Ziel zu erreichen, und mein Ziel war es, einmal ganz oben zu stehen. Und bei Grashofer standen meine Chancen ausgezeichnet; das wusste ich von Anfang an.

Hans-Georg Grashofer hatte sofort erkannt, dass ich es im Leben zu etwas bringen wollte, und er machte mir das Vorwärtskommen ziemlich leicht. Ich musste nur selten meine Ellenbogen zu Hilfe nehmen.

Schon sehr bald hatte mich Grashofer in sein Herz geschlossen. Er liebte mich fast wie einen Sohn, und es war nicht sehr schwer zu erraten, dass er gerne einen Sohn gehabt hätte. Aber er hatte keinen Sohn, nur eine nicht gerade hübsche Tochter, die er jedoch abgöttisch liebte.

Und deshalb wollte er auch selbst den Mann für seine Tochter aussuchen. Seine Wahl fiel auf mich.

Ich nutzte Grashofers offensichtliches Wohlwollen sofort kaltblütig aus. Während mein Ehrgeiz und mein Streben nach oben absolut echt waren, war meine Zuneigung zu Luise nur gespielt. Ich wusste, der schnellste Weg zum Ziel führte über Luise, und ich tat alles, um so schnell wie möglich mein Ziel zu erreichen.

Luise war die einzige Tochter von Hans-Georg Grashofer, und sie war auch der einzige Erbe. Es gab keine Verwandten, die bei einem eventuellen Ableben der beiden Ansprüche hätten anmelden können.

Es war eine einmalige Chance, und ich war fest entschlossen, sie zu nutzen.

Ich begann, Luise den Hof zu machen. Ich hatte kaum Erfahrung mit Frauen. Sie hatten bis dahin in meinem Leben nur eine ganz geringe Rolle gespielt. Ich hatte andere, viel wichtigere Interessen. Mein erstes Liebeserlebnis hatte ich mit dreiundzwanzig Jahren, und es war keineswegs berauschend gewesen. Ich hatte im Bett versagt, und ich hätte die Frau vor Wut und Scham fast umgebracht. Drei Monate später sprach mich ein Mädchen in einem Lokal an. Wir gingen sechs Wochen miteinander. Bei ihr klappte es auch im Bett. Aber dann ließ sie mich einfach sitzen. Und das wegen einem Kerl, der offensichtlich mehr Geld hatte und ihr mehr bieten konnte. Ich war sehr enttäuscht und danach wollte ich von Frauen nichts mehr wissen. Die große Liebe kam für mich erst viel später; erst nachdem ich mit Luise verheiratet war.

Ich war gerade sechsundzwanzig Jahre alt, als ich meinen ganzen Mut zusammennahm und Luise den Hof machte. Obwohl ich bei Frauen immer große Hemmungen hatte, ging es bei Luise ganz leicht. Wenn es um meine sehr hoch gesteckten Ziele ging, konnte ich alles.

Trotzdem kostete es mich sehr viel Überwindung, Luise Komplimente zu machen. Ich musste sehr lange vor dem Spiegel üben, bis es mir überzeugend gelang. Aber ich schaffte es. Ich ging mit Luise aus, führte sie in gute Lokale zum Essen und zum Tanzen. Ich besuchte mit ihr Konzerte und ging regelmäßig mit ihr ins Theater, weil sie Theater liebte.

Luise war selig. Sie himmelte mich an, und ich wunderte mich manchmal selbst, wie leicht es mir fiel, den vollendeten Kavalier zu spielen. Aber bei Luise war das nicht allzu schwer. Sie war keine besonders gut aussehende Frau. Und die Intelligenz hatte sie auch nicht gepachtet. Ich war ihr in allem überlegen, und was immer ich auch vorschlug, es war Luise recht.

Ich war der erste wirklich attraktive Mann, der sich ernsthaft für sie zu interessieren schien und nicht nur ihr Geld im Auge hatte. Und ich war der erste Mann, der von ihrem Vater akzeptiert wurde. Er wusste auch, dass ich inzwischen in seinem Betrieb unentbehrlich war.

Luise merkte nichts. Sie merkte nicht, dass mein Interesse für sie nur gespielt war, und dass ich sie im Grunde genommen manchmal zum Kotzen fand. Ich verglich sie oft mit einer dummen, plumpen Kuh, und so lag es für mich nahe, den Handel, den Grashofer damals mit mir abschloss, nicht anders als einen Kuhhandel zu nennen.

Im Gegensatz zu Luise war ihr Vater nicht mit Blindheit geschlagen. Er hatte mich durchschaut, wenn auch nicht ganz. Ein wenig glaubte er doch daran, dass ich seine Tochter zumindest ein bisschen mochte. Aber dass mein Interesse in erster Linie der Firma galt und den Millionen, die Luise einmal erben würde, das wusste er. Diese Erkenntnis schien ihm jedoch keineswegs unangenehm zu sein. Es schien ihm sogar völlig normal zu sein, denn anders konnte ich mir den Handel, den er mir damals vorschlug, nicht erklären.

Das war vor ziemlich genau vier Jahren. Inzwischen arbeitete ich schon längst nicht mehr als Strickmaschinenführer. Ich merkte schon als Lehrling, dass ich das Zeug zum Designer hatte, und ich arbeitete abends in meinem Zimmer an Entwürfen für die jeweils neue Kollektion und legte sie anschließend Grashofer vor. Hans-Georg Grashofer gefielen die Entwürfe. Den Kunden gefielen sie auch, und so rutschte ich ein paar Stufen höher.

Aber das genügte mir noch nicht. Susanne Möwig, der Leiterin der Abteilung, konnte ich nichts recht machen. Sie hasste mich, und sie sah in mir den Mann, der ihr den Job streitig machen könnte.

Ich bewies ihr, dass sie damit völlig recht hatte. Ich tat alles, um sie mir vom Hals zu schaffen. Zum ersten Mal musste ich meine Ellenbogen einsetzen, und ich machte rücksichtslos davon Gebrauch. Ich brauchte acht Wochen, um sie aus der Firma zu ekeln. Dann kündigte sie von selbst, und Grashofer gab mir den Posten.

Eines Abends kam Grashofer zu mir ins Büro. Es war schon fast acht Uhr. Ich saß allein im Raum und arbeitete an der neuen Frühjahrskollektion. Er setzte sich neben mich und sah mir eine Weile stumm bei der Arbeit zu.

Plötzlich fragte er: „Lieben Sie meine Tochter, Bastian?“

Der Ton, der in seiner Stimme lag, ließ mich aufhorchen. Instinktiv spürte ich, dass jetzt meine Stunde gekommen war. Darauf hatte ich lange gewartet, und ich hatte mich auf diesen Moment vorbereitet. Ich hatte mir genau überlegt, was ich ihm darauf antworten würde.

Ich blickte auf und sah ihm gerade in die Augen.

„Ich weiß nicht“, sagte ich vorsichtig. „Ich glaube nicht. Aber sie ist ein nettes und liebes Mädchen, und ich bin gern mit ihr zusammen.“

Die Antwort schien ihm gefallen zu haben, genau wie ich es erwartet hatte. Seine Augen bekamen einen seltsamen Glanz, er begann nervös mit einem Kugelschreiber zu spielen und blickte verlegen auf die Schreibtischplatte.

„Könnten Sie sich vorstellen …“ Er brach ab und malte kleine Strichmännchen auf ein leeres Blatt Papier.

Ich sagte nichts. Ich wartete.

Nach einer Weile fing er wieder von vorne an.

„Könnten Sie sich vorstellen … mit meiner Tochter verheiratet zu sein.“

„Verheiratet? Mit Luise?“ Ich tat sehr erstaunt, obwohl ich genau das erwartet hatte. „Ich weiß nicht. Luise ist wirklich ein sehr sympathisches Mädchen, und ehrlich gesagt, irgendwie mag ich sie. Aber an Heirat habe ich eigentlich nicht gedacht. Und Luise sicher auch nicht.“

„Luise denkt nur ans Heiraten“, platzte er heraus.

„Was?“ Diesmal war ich wirklich erstaunt. „Dann hat sie es aber meisterhaft vor mir verborgen.“

„Ich habe es ihr lange genug eingetrichtert“, erklärte Grashofer. „Ich mache mir nichts vor. Wenn ein Mann meine Tochter heiraten will, denkt er doch nur an mein Geld.“

„Und Sie glauben, ich denke nicht an Ihr Geld?“, fragte ich langsam.

„Von Ihnen erwarte ich sogar, dass Sie an mein Geld denken“, sagte er ernst.

Ich legte meinen Bleistift aus der Hand, lehnte mich im Stuhl zurück und sah ihn an.

„Wie soll ich das verstehen?“

„So wie ich es gesagt habe. Ich möchte, dass Sie meine Tochter heiraten. Und wenn Sie dabei an mein Geld denken, dann ist mir das sogar recht.“

Ich hätte jetzt ja sagen können und alles wäre gelaufen. Aber so einfach wollte ich es ihm nicht machen. Ich wollte sehen, wie weit er gehen würde.

„Vielleicht habe ich mich nicht richtig ausgedrückt“, sagte ich ruhig. „Ich dachte überhaupt noch nicht ans Heiraten. Das hat nichts mit Ihrer Tochter zu tun. Ich würde auch keine andere heiraten. Ich glaube, dass es für mich einfach noch zu früh ist. Sie wissen, ich bin sehr ehrgeizig, und ich möchte es im Leben zu etwas bringen. Eine Frau würde mich nur hindern …“

„Mein lieber Junge“, unterbrach mich Grashofer grinsend. „Es dürfte Ihnen sicher nicht entgangen sein, dass ich Sie mag. Sie haben nicht nur ungewöhnlich viel Ehrgeiz. Sie sind obendrein auch sehr intelligent, sehen gut aus und haben ausgezeichnete Manieren. Wenn ich einen Sohn gehabt hätte, hätte ich mir gewünscht, er wäre so wie Sie. Aber ich habe nur eine Tochter, die auf Männer nicht gerade anziehend wirkt. Deshalb habe ich mir vorgenommen, dass ich den Mann für meine Tochter selbst aussuche. Ich möchte, dass Sie mein Schwiegersohn werden. Heiraten Sie meine Tochter, und Sie werden es nicht bereuen. Ich mache Sie sofort nach der Hochzeit zu meinem gleichberechtigten Partner.“

Ich hätte vor Freude an die Decke springen können. Aber ich konnte mich gerade noch zurückhalten. Ich glaube sogar, dass es mir gelang, äußerlich kühl und ruhig zu bleiben.

Ich sagte auch nicht sofort zu. Ich zögerte noch eine Weile und redete von Prinzipien und so. Aber Grashofer zerstreute alle meine angeblichen Bedenken, und schließlich stimmte ich zu. Ich machte ihm jedoch unmissverständlich klar, dass ich sein Geld zwar nicht verachte, dass es aber keinesfalls ausschlaggebend war.

Grashofer freute sich, mit mir handelseinig geworden zu sein. Er war offensichtlich glücklich darüber, einen Schwiegersohn nach Maß bekommen zu haben, und gleichzeitig war er die Sorge um seine Tochter los.

Lachend verließ er mein Büro und kam fünf Minuten später mit zwei Flaschen Sekt zurück. Ich räumte meinen Tisch ab, und wir tranken auf Luise und die bevorstehende Hochzeit. Er bat mich Hans-Georg zu ihm zu sagen, und er nannte mich fortan Willi. Ich hasste den Namen, den mir meine Mutter gab, aber noch mehr hasste ich es, Willi gerufen zu werden. Willi nannte man einen Ochsen oder einen Esel. Aber ich war keins von beiden, und ich hatte immer darauf bestanden, dass man meinen Vornamen voll aussprach.

Grashofer scherte sich einen Dreck darum wie ich angesprochen werden wollte. Den Namen Wilhelm fand er erstens zu lang, und zweitens passe er nicht zu mir. Willi wäre besser, also nannte er mich stur Willi, ohne auf meine Proteste einzugehen.

Nach zwei Stunden Kampf gab ich es auf, und Hans-Georg Grashofer freute sich diebisch über seinen Sieg. Wenn ich gewusst hätte, was das für Folgen nach sich ziehen würde, hätte ich so lange weitergemacht, bis ich meinen Willen durchgesetzt hätte.

So aber nahm alles seinen Lauf. Die Leute, mit denen ich mich geduzt hatte, gingen nach und nach auch auf Willi über, und ich musste es geschehen lassen, weil ich sonst Gefahr gelaufen wäre, mich lächerlich zu machen. Aber ich kochte vor Wut, und ich schwor mir, es ihm eines Tages heimzuzahlen. Hinzu kam dann noch, dass die Arbeiter und Angestellten, mit denen ich früher zusammengearbeitet hatte, und die ich ebenfalls geduzt hatte, nun auch Willi zu mir sagten. Da platzte mir dann endgültig der Kragen.

Wenige Tage nach der Hochzeit mit Luise führte mich Grashofer in der Firma als sein Partner ein. Anschließend ging ich zu meinen früheren Arbeitskollegen und machte ihnen klar, dass ich nun ihr Chef war und deshalb von ihnen nicht mehr geduzt werden möchte. Die meisten nahmen es mit einem Achselzucken auf, und einige grinsten hämisch. Aber das störte mich nicht. Ich ärgerte mich nur über zwei Männer und über den Partnerschaftsvertrag, den Grashofer mir zur Unterschrift vorlegte.

Bei den beiden Männern handelte es sich um Klaus Pawelka und Martin Bienert. Pawelka war ein mieser Typ. Er war ein Raufbold und ein Trinker, und er trieb sich die meiste Zeit in zwielichtigen Kneipen herum.

Ich wusste das so genau, weil ich selbst schon ein paar Mal mit ihm weggegangen war. Das war damals, als ich bei Grashofer angefangen hatte. Als ich jedoch merkte, in welche Gesellschaft ich da geraten war, setzte ich mich sofort von Pawelka ab.

Er hat mir das sehr übel genommen, und wir gerieten uns daraufhin ein paar Mal in die Haare. Aber ich blieb bei meinem Entschluss und zog mich von ihm zurück.

Als ich an diesem Tag zu ihm kam und ihm sagte, dass ich sein Chef wäre und künftig nicht mehr von ihm geduzt werden möchte, spuckte er auf meine Schuhe und sagte: „Du dreckiges, korruptes Schwein. Du bist noch schlimmer, als all die Leute, mit denen du nichts zu tun haben wolltest.“

Meine erste Reaktion war, ihm die Faust mitten ins Gesicht zu setzen. Aber ich konnte mich gerade noch beherrschen. Als Chef konnte ich mir das nicht leisten.

Ich trat einen Schritt zurück, atmete tief durch die Nase ein und sagte so laut, dass es auch die anderen hören konnten: „Sie packen sofort Ihre Sachen, Pawelka! Sie sind fristlos entlassen!“

„Du hast mir überhaupt nichts zu sagen, du Drecksack!“, fauchte Pawelka wütend. „Und rauswerfen lasse ich mich von dir ganz bestimmt nicht …“

„Wenn Sie nicht augenblicklich den Betrieb verlassen, lasse ich Sie von der Polizei abholen“, unterbrach ich ihn ruhig. „Ich gebe Ihnen genau fünfzehn Minuten Zeit. Ihre Papiere und der restliche Lohn werden Ihnen zugestellt.“

Klaus Pawelka blickte mich hasserfüllt an. „Das wirst du eines Tages noch bereuen“, sagte er leise. Dann wandte er sich um und ging hinüber zu den Waschräumen.

Ich nahm seine Drohung nicht ernst. Ich hätte mich höchstens gewundert, wenn er mir nicht gedroht hätte.

Martin Bienert machte ebenfalls Schwierigkeiten. Aber ihn konnte ich nicht einfach entlassen. Er war einer der wichtigsten Männer im Betrieb, und er hatte bei Grashofer einen Stein im Brett.

Und dann kam Grashofer dazu und nahm mich zur Seite. Er erklärte mir, dass es sicher nur von Vorteil für mich wäre, einen Freund wie Bienert im Betrieb zu haben. Ich sah das zwar überhaupt nicht ein, und ich wusste auch, dass Bienert und ich ganz bestimmt nie Freunde werden würden, aber ich wagte nicht zu widersprechen. Ich nickte zustimmend, und wir gingen in sein Büro.

Die ganze Säuberungsaktion, wie ich es für mich nannte, hatte mich bei den rund siebenhundert Arbeitern und Angestellten noch unbeliebter gemacht, als ich es vorher ohnehin schon war. Aber das störte mich nicht im Geringsten. Für mich war wichtig, dass mich niemand von den Arbeitern und Angestellten mehr Willi rief. Außerdem hatte ich bemerkt, dass es Grashofer gefallen hatte, und nur das zählte für mich. Alles andere war mir egal.

Und dann kam der Tritt vors Schienbein. Mein Schwiegervater legte mir den Partnerschaftsvertrag vor. Ich las ihn aufmerksam durch, und ich war sehr zufrieden, bis ich zur letzten Seite kam.

Dort stand in dicken, fetten Buchstaben, dass dieser Vertrag nur so lange Gültigkeit hat, solange ich Luise ein guter Ehemann wäre. Sollte ich sie einmal schlecht behandeln oder mich gar mit Scheidungsgedanken tragen, könnte der Vertrag mit sofortiger Wirkung für ungültig erklärt werden.

Mir blieb für einen Augenblick vor Wut die Luft weg. Es war schon eine Unverschämtheit, mir nach der Hochzeit und nachdem er mich in den Betrieb eingeführt hatte, einen solchen Vertrag vorzulegen. Wenn ich diesen Vertrag unterschrieb, konnte er mich jederzeit wieder auf die Straße setzen.

Aber ich konnte jetzt nicht mehr zurück, und ich konnte auch nichts gegen diesen Zusatz im Vertrag sagen, sonst wäre alles aus gewesen.

Ich riss mich zusammen und ließ mir nichts anmerken. Ich fühlte Grashofers Blick förmlich auf der Haut, und ich nickte, als ich die letzte Seite durchgelesen hatte und blätterte noch einmal vor und tat so, als wollte ich auf der zweiten Seite noch einmal etwas nachlesen. In Wirklichkeit versuchte ich einfach Zeit zu gewinnen. Ich hob erst den Blick, als ich sicher war, dass man mir nichts ansehen würde.

„Gut“, nickte ich. „Einverstanden.“

Dann nahm ich meinen goldenen Füllfederhalter heraus und unterschrieb.

„Und damit du klar siehst“, fügte Grashofer noch hinzu. „Dieser Zusatz gilt auch, wenn ich erfahren sollte, dass du Luise betrügst.“

Ich sagte nichts. Ich blickte ihm geradewegs in die Augen, bis er den Blick abwandte.

 

 

3. Kapitel

 

Als wir nach dem Essen zum Parkplatz gingen, lachte Grashofer immer noch.

„Weißt du, wie du aussiehst?“

„Nein.“

„Du siehst aus wie ein Vampir.“

Er lachte wieder laut und schallend.

Ich schloss den Wagen auf.

„Ich werde gleich meinen Zahnarzt anrufen“, sagte ich ruhig und ließ ihn einsteigen.

„Tu das, mein Junge“, sagte er grinsend und lehnte sich im Sitz zurück. „Mit dem Gesicht taugst du nicht für den Außendienst.“

Ich grinste ihn an und zeigte ihm meine Zahnlücke, und er lachte wieder aus vollem Hals. Diesmal hatte ich sein Lachen herausgefordert. Es war mir zwar völlig unerklärlich, wie sich ein Mensch so gut und so ausdauernd über das Missgeschick eines anderen amüsieren konnte, aber im Moment kam es mir sehr gelegen. Ich wollte etwas von meinem Schwiegervater, und wenn er fröhlich war, war er zugänglicher.

Als wir vor dem Bürogebäude anhielten, sagte ich: „Hör mal, Hans-Georg, brauchst du mich heute unbedingt im Büro?“

„Warum? Willst du einen blauen Montag machen?“

„Nein“, sagte ich geduldig und zeigte ihm wieder meine Zahnlücke. „Ich möchte mich nur nicht so im Büro zeigen.“

„Das würde ich an deiner Stelle auch nicht tun.“

Er lachte wieder.

„Dann kann ich also gehen?“

„Willst du gleich zum Zahnarzt?“, wollte er wissen.

„Nein. Ich rufe vorher an.“

„Und wenn er dich nicht gleich drannehmen kann?“

„Dann gehe ich nach Hause.“

„Und zeigst dich Luise.“

„Ja.“

Er begann erneut zu lachen, und diesmal klang sein Lachen wie das Wiehern eines Pferdes, und mein Hass gegen ihn flammte wieder auf. Aber ich hatte mich gut in der Gewalt, und er merkte nichts.

„Dann fahr nach Hause zu Luise und grüß sie schön von mir“, sagte er.

„Werde ich machen.“

Er stieg aus und warf die Tür zu. Aber dann riss er sie wieder auf und beugte sich in den Wagen herein.

„Und wenn ihr schon mal ein bisschen Zeit habt … Denkt daran, dass ich gerne Opa werden möchte.“

Auch das noch, dachte ich. Mir bleibt auch nichts erspart.

„Du möchtest Opa werden?“, tat ich erstaunt.

„Tu nicht so, als ob du das nicht wüsstest“, entgegnete er etwas verlegen. „Du weißt ganz genau, dass das schon lange mein Wunsch ist.“

Ich zwang mir ein Lächeln auf die Lippen. „Ich will mal sehen, was sich machen lässt.“

Ich legte den Rückwärtsgang ein, und mein Schwiegervater warf die Tür zu. Er blieb vor dem Bürogebäude stehen und sah mir nach, bis ich auf der Straße war.

Ich rief meinen Zahnarzt an. Seine Sprechstundenhilfe war am Apparat, und ich sagte ihr, dass ich ihren Chef sprechen wollte. Ich musste drei Minuten warten, bis er sich endlich meldete.

„Sterzel.“

„Bastian.“

„Hallo, Willi! Nett, dass du wieder einmal was von dir hören lässt. Weißt du, wann wir das letzte Mal zusammen Tennis gespielt haben?“

„Ich weiß nicht. Vielleicht vor sechs oder acht Wochen.“

„Es ist fast ein halbes Jahr her.“

„Jetzt übertreibst du aber“, sagte ich.

„Nein, bestimmt nicht. Ich erinnere mich noch genau. Es war im Januar, und wir haben in der Halle gespielt.“

„Dann wird es Zeit, dass wir wieder mal miteinander spielen“, ergänzte ich.

„Ich würde mich freuen. Rufst du deshalb an?“

„Nein, ich rufe eigentlich als Patient an.“

„Was ist? Hast du Zahnschmerzen?“

„Nein. Mir ist heute beim Mittagessen ein Malheur passiert. Mir ist ein Zahn ausgebrochen …“

„Was habe ich dir gesagt?“, triumphierte er. „Ich habe dir immer gesagt, du sollst dir etwas Ordentliches machen lassen. Aber du hattest ja nie Zeit.“

„Hättest du heute noch Zeit für mich? Mein Schwiegervater sagt, ich sehe aus wie ein Vampir.“

„Das kann ich mir vorstellen“, lachte Bernd Sterzel. „Aber heute geht es wirklich nicht mehr. Ich bin ausgebucht bis in die späten Abendstunden. Komm doch gleich morgen früh um acht Uhr. Dann können wir auch gleich einen Termin für unser nächstes Match vereinbaren.“

Das kam mir sehr gelegen. Ich hatte noch einige Vorbereitungen zu treffen, und das musste sofort erledigt werden. Ich musste den Stein ins Rollen bringen, damit ich es mir morgen nicht wieder anders überlegen konnte.

„Einverstanden“, sagte ich. „Dann bis morgen.“

Ich legte auf, ging zu meinem Wagen und setzte mich hinters Steuer. Ich bog den Innenspiegel herum, blickte hinein und zog ein paar Grimassen. Wenn ich normal sprach und nicht lachte oder die Zähne fletschte, sah man die Zahnlücke gar nicht.

Bei dem was ich vorhatte, gab es nichts zu lachen. Also würde auch niemand meine Zahnlücke entdecken. Und selbst wenn es jemandem auffallen würde, würde das nichts ausmachen. An meinem Plan würde es nichts ändern.

Ich fuhr zu meiner Bank, hob fünftausend Euro ab und fuhr anschließend in die Altstadt.

Nach einigem Suchen fand ich das alte, heruntergekommene Haus. Es lag etwas versteckt hinter einem Fachwerkhaus und war nur über einen mit altem Gerümpel vollgestellten Hof zu erreichen.

Ich fuhr an dem Haus vorbei und lenkte den Wagen aus der schmalen Gasse auf die Straße hinaus. Gut fünfhundert Meter von dem Haus entfernt, stellte ich meinen Wagen vor einer Kneipe ab. Ich fuhr einen BMW, das zurzeit neuste Model. Der Wagen wäre sicher aufgefallen, wenn er längere Zeit vor dem heruntergekommenen Haus gestanden hätte.

Ich ging die schmale Gasse zurück und blieb vor der Haustür stehen. Von der Tür blätterte die braune Farbe ab, und der helle Türrahmen wies eine Menge tiefe Kerben und Kratzer auf. Auf der linken Seite befanden sich zwei Klingeln. Neben der unteren Klingel stand irgendein polnischer oder ungarischer Name. Oben stand in verschnörkelter Schrift: Alex Blum.

Ich drückte auf den oberen Klingelknopf und wartete. Nach einer Weile ertönte der Summer, und ich ging ins Haus. Ich stand in einem halbdunklen, muffig riechenden Gang, von dem eine schmale, steile Holztreppe nach oben führte. Langsam stieg ich hinauf.

Am Ende der Treppe stand ein magerer, nicht mehr ganz junger Mann, mit lockigem, dunklem Haar, das bereits einen Anflug von Grau aufwies. Er war mit einem schäbigen hellen Hemd und einer verwaschenen, mit einer Unzahl von Farbspritzern bedeckten Jeans bekleidet. Tiefe Falten der Entbehrung und Mutlosigkeit durchfurchten sein langes hageres Gesicht.

Ich blieb auf dem letzten Treppenabsatz stehen.

„Alex Blum?“

„Ja?“

Er sah mich mit zusammengekniffenen Augen an, wie jemand, der einen Freund erwartet hat und einen Unbekannten sieht. Irgendwie hatte ich auch den Eindruck, als fürchte er sich vor etwas.

Ich kannte den Grund seiner Furcht, und ich hätte fast gelacht. Aber ich blieb ernst und sagte: „Mein Name ist Wilhelm Bastian.“

„Bastian?“ Ich sah, wie der gespannte Ausdruck aus seinen wässrigen dunklen Augen wich. „Sie müssen Luises Mann sein, nicht wahr?“

„Ich bin Luises Mann“, bestätigte ich.

„Nett, Sie einmal kennenzulernen.“ Freude und gleichzeitig Überraschung schwang in seiner sanften, ruhigen Stimme mit. „Was kann ich für Sie tun?“

Er streckte mir die Hand entgegen, und ich drückte sie.

„Können wir hineingehen?“

Ich deutete auf die offene Tür.

„Natürlich“, beeilte er sich zu sagen. „Bitte kommen Sie doch herein.“

Ich trat hinter ihm in ein Zimmer. Abstrakte Gemälde und Kohlezeichnungen hingen an den Wänden, und alle Bilder waren mit einem geschwungenen Alex signiert. Die meisten waren sogar noch datiert mit Monat und Jahreszahl. In der Zimmermitte stand auf ausgebreiteten Zeitungen eine Staffelei. Eine frische Leinwand war aufgespannt, die darauf wartete, zum Leben erweckt zu werden.

Die Gemälde an den Wänden wiesen strahlende, fast pulsierende Farben auf. Ich verstehe etwas von Kunst, und Alex Blum verstand zweifellos etwas von seinem Handwerk. Was da an den Wänden hing, waren die Werke einen begnadeten Künstlers. Ich war offen gesagt, sehr beeindruckt.

Luise hatte mir viel von Alex Blum erzählt, und was sie nicht gewusst hatte, hatte ich durch meine Beziehungen in Erfahrung gebracht.

Alex Blum war vierunddreißig Jahre alt und ein ewiger Student der Kunst. Er hatte in München Kunst studiert, hat dann einige Zeit in Oberstdorf gelebt und wohnte nun seit fünf Jahren in Ulm in diesem alten, halb verfallenen Haus. Hier in Ulm gab es nicht so viele Kunststudenten, die Unterricht erteilten, und Alex Blum hatte gehofft, hier Fuß fassen zu können. Aber er hatte es nicht geschafft, obwohl er gut war. In Ulm kannten ihn nur Eingeweihte, die bei ihm Stunden nahmen und seine Bilder bewunderten. Verkauft hatte er jedoch kaum etwas, und er lebte von dem Geld seiner Schüler und von dem gelegentlichen Verkauf eines seiner Bilder, das er zudem noch weit unter seinem Wert hergab.

Man kann gut sein und sein Handwerk verstehen und gute Arbeit machen und trotzdem nicht reich werden. Alex Blum verstand sein Handwerk, aber er war ein armer Schlucker geblieben. Er hatte sogar Schulden machen müssen, um seine Miete bezahlen zu können.

Luise hatte dem Maler mehr Geld zugesteckt, als er für die Unterrichtsstunden verlangt hatte. Sie hatte es mir selbst erzählt, und sie berichtete mir auch von den Schulden. Und von ihr hatte ich auch erfahren, dass Blum beabsichtigte, nach Berlin zu ziehen, dass ihm aber noch das nötige Geld dazu fehlen würde.

Das hatte mich schließlich auf die Idee gebracht, wie ich Luise loswerden könnte. Aber ich brauchte den Maler dazu, und so wie er vor mir stand, war ich sicher, dass er mitmachen würde. Er würde die Chance beim Schopfe packen. Ich musste ihn nur richtig nehmen, und ich glaubte, das richtige Rezept für ihn zu haben.

Alex Blum sagte: „Ich kann Ihnen leider nichts anbieten. Ich habe nichts.“

Ich winkte ab. „Nicht nötig. Ich möchte nur etwas mit Ihnen besprechen.“

„Ja?“

„Darf ich mich setzen?“, fragte ich freundlich. „Es wird vielleicht eine Weile dauern.“

Es gab zwei Stühle in dem Atelier. Ein schwarz gestrichener Holzstuhl und ein Gepolsterter. Blum deutete auf den gepolsterten Stuhl, und ich setzte mich. Er selbst zog sich den schwarzen Stuhl heran und ließ sich mir gegenüber darauf nieder.

Ich hielt ihm meine Zigarettenpackung hin, und er nahm sich eine heraus. Nachdem ich uns beiden angezündet hatte, sagte ich: „Meine Frau hat kürzlich einmal erwähnt, dass Sie nach Berlin umziehen wollen.“

„Das ist richtig.“ Er sah mich nachdenklich an, während er umständlich an seiner Zigarette zog. „Als Künstler hat man dort einfach bessere Möglichkeiten.“

„Aber Sie haben kein Geld, nicht wahr?“ Ich lächelte ihn wissend an. „Sie könnten den Umzug nicht bezahlen. Sie könnten noch nicht einmal Ihre Schulden, die Sie hier an vielen Stellen haben, begleichen.“

„Ist das nicht meine Angelegenheit?“, fragte er mit finsterem Gesicht.

„Natürlich“, lachte ich. „Aber es ist doch so: Wenn man den Problemen auf den Grund geht, ist es immer eine Frage des Geldes.“

„Worauf wollen Sie hinaus?“ Die Stimme des Malers klang scharf, und ich sah, wie seine Hand leicht zitterte. Jetzt hatte ich ihn dort, wo ich ihn haben wollte.

„Finden Sie meine Frau wenigstens nett oder ein bisschen attraktiv?“, fragte ich ruhig.

„Wie bitte?“ Er sah mich völlig verwirrt an.

„Ich will Sie nicht herausfordern.“ Ich lächelte ihn an. „Ich frage nur.“

Alex Blum stand auf und suchte nach einem Aschenbecher. Er brachte eine zurechtgeschnittene Farbdose und stellte sie zwischen uns auf den Boden.

„Hören Sie zu, Herr Bastian.“ Seine Augen wanderten unruhig hin und her. „Ich habe Ihre Frau nicht mehr gesehen, seit sie vor vier Wochen den Kurs beendet hat.“

„Warum verteidigen Sie sich?“, erkundigte ich mich. „Ich habe Ihnen doch nichts vorgeworfen.“

„Es klang aber so. Sie war eine meiner Schülerinnen, das ist alles. Wenn Sie hierher ins Atelier kam, war immer noch eine andere Schülerin hier. Eine ältere Frau. Ich kann Ihnen Name und Adresse der Frau geben, und Sie können sie fragen.“

„Ich habe nicht die Absicht, irgendjemanden zu fragen“, erklärte ich und grinste ihn an. „Und ich kann mich auch nicht erinnern, Ihnen etwas unterstellt zu haben.“

„Was wollen Sie dann?“

„Ich versuche nur herauszufinden, ob Sie Luise abstoßend finden.“

„Abstoßend?“ Er sah mich verblüfft an. „Keine Frau wirkt abstoßend oder hässlich.“

„Sehen Sie, hier gehen unsere Meinungen schon auseinander. Ich finde meine Frau abstoßend, hässlich und widerwärtig. Dieses runde Vollmondgesicht mit den Kuhaugen und der Rattenfrisur kotzt mich an. Ich kann sie nicht mehr sehen. Wenn sie vor mir steht, wird mir übel.“

„Haben Sie getrunken?“, fragte mich der Maler. Er sah mich an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank.

„Ich habe nicht getrunken“, erklärte ich ruhig. „Ich bin stocknüchtern.“

„Dann verstehe ich nicht …“ Er brach ab und zuckte mit den Schultern.

„Aber das ist doch ganz einfach“, sagte ich. „Ich wollte Ihnen damit nur sagen, dass meine Frau nicht mein Typ ist und es auch nie war. Ich weiß, welcher Typ mir liegt, und ich werde ihn auch bekommen. Ich habe noch immer bekommen, was ich mir in den Kopf gesetzt habe.“

„Und was wollen Sie dann von mir?“, fragte er und sah mich verständnislos an.

Ich antwortete nicht gleich. Ich zog langsam an meiner Zigarette und musterte ihn von oben bis unten. Vor diesem Gespräch hatte ich ein wenig Angst gehabt. Aber jetzt stellte ich plötzlich fest, dass es mir sogar Spaß machte. Ich genoss es richtig, und deshalb zögerte ich es noch hinaus.

Nach einigen Sekunden des Schweigens sagte ich: „Sie werden mein Scheidungsgrund sein.“

 

 

4. Kapitel

 

Sein ohnehin fahles Gesicht wurde noch blasser, und seine Augen öffneten sich weit, und an seinem linken Mundwinkel zuckte ein Nerv. Es dauerte eine Weile, bis er sich zu einer Antwort durchgerungen hatte.

„Hören Sie, Herr Bastian“, sagte er mit leicht zitternder Stimme. „Ich habe Ihnen doch vorher schon gesagt, dass zwischen Ihrer Frau und mir überhaupt nichts war. Gar nichts. Sie war meine Schülerin. Ich hatte eine Menge Schülerinnen. Ich lebe davon. Also werde ich doch nicht …“

„Nun regen Sie sich doch nicht auf“, unterbrach ich ihn. „Ich habe mit keinem Wort behauptet, dass Sie mit meiner Frau ein Verhältnis hatten. Aber ich meine, es hätte ja sein können. Schließlich sind Sie ein recht gut aussehender Mann. Ich könnte meine Frau sogar verstehen.“

Sein Körper straffte sich unwillkürlich. „Ich würde niemals mit einer meiner Schülerinnen etwas anfangen.“

„Aber meine Frau hat von Ihnen geschwärmt.“

„Davon habe ich nichts bemerkt.“

„Aber ich. Und mein Schwiegervater auch. Und deshalb habe ich Sie ausgesucht.“

„Ich wüsste nicht …“

„Sehen Sie“, erklärte ich ihm. „Wenn ich noch länger mit Luise verheiratet bin, werde ich noch verrückt. Schon der Gedanke daran macht mich ganz krank. Aber ich sitze in der Falle. Und wissen Sie warum?“

„Nein. Wie sollte ich?“

„Ich werde es Ihnen erklären. Der Vater meiner Frau, Hans-Georg Grashofer, besitzt eine der größten Fabriken hier in Ulm. Nach der Hochzeit mit seiner Tochter hat er mich zu seinem gleichberechtigten Partner gemacht. Ich bin jetzt der Chef von über siebenhundert Arbeitern und Angestellten. Ich habe mein Ziel erreicht. Ich habe alles, was ich mir gewünscht hatte: Geld, Ansehen, Macht und gute Beziehungen zu den höchsten Stellen. Aber ich habe keine Frau, die zu mir passt. Ich habe ein Schreckgespenst, eine dumme Kuh, mit der ich mich nirgends sehen lassen kann. Und das möchte ich ändern. Ich kann mich jedoch nicht scheiden lassen, ohne einen verdammt guten Grund, weil mich mein Schwiegervater sonst auf die Straße setzen würde, und meine ganzen Bemühungen wären umsonst gewesen. Aber mein Schwiegervater ist in manchen Dingen sehr altmodisch, und deshalb brauche ich auch einen altmodischen Scheidungsgrund. Kapieren Sie langsam?“

„Ich kapiere überhaupt nichts“, erklärte er abweisend. „Ich verstehe kein Wort.“

„Ich will eine richtig attraktive Frau, nicht so einen alten, hässlichen Putzlumpen, und ich möchte eine Scheidung, ohne mich mit ihrem Vater zu verfeinden. Und dazu brauche ich einen schönen altmodischen Scheidungsgrund. Das würde mein Schwiegervater akzeptieren. Er würde mich nicht feuern. Luises Verhältnis mit Ihnen …“

„Sie hat kein Verhältnis mit mir!“

„Na schön, dann eben ein ehemaliges Verhältnis. Als Schülerin.“ Ich drückte meine Zigarette im Aschenbecher aus und betrachtete den Künstler. „Sie hat von Ihnen geschwärmt. Es passiert oft, dass Schüler für ihren Lehrer schwärmen. Und es entsteht nicht selten ein Verhältnis daraus.“

Alex Blum erhob sich, hob den Aschenbecher vom Boden auf und sagte in einem eisigen Ton: „Es wäre besser, wenn Sie jetzt gehen würden. Ich habe noch zu tun.“

Mit dieser Reaktion hatte ich gerechnet. Es war an der Zeit, auf die harte Tour umzuschalten. Ich hatte ihm jetzt genug Honig um den Mund geschmiert.

Die Unterhaltung machte mir immer mehr Spaß. Es freute mich sogar, dass er auf die sanfte Tour nicht reagiert hatte. Jetzt würde er mich von einer anderen Seite kennenlernen, und das beherrschte ich noch besser. Es machte mir eine geradezu diabolische Freude, ihn die Macht des Geldes spüren zu lassen.

„Setzen Sie sich wieder!“, fuhr ich ihn an.

Er blickte mir in die Augen und blieb stehen.

„Sie sollen sich setzen, habe ich gesagt!“

„In meiner Wohnung gebe ich den Ton an!“, versetzte er. Aber ich stellte mit Genugtuung fest, dass in seiner Stimme eine Spur von Unsicherheit mitschwang.

„Nicht, solange ich hier bin!“, erwiderte ich hart. „Also nehmen Sie wieder Platz.“

Er ließ sich zögernd auf seinen Stuhl nieder. Die zum Aschenbecher umfunktionierte Farbdose behielt er in der Hand.

Ich zündete mir eine neue Zigarette an und streckte die Hand aus. Er reichte mir den Aschenbecher, und ich stellte ihn auf der Lehne meines Stuhls ab.

„Es ist kein netter Plan“, sagte ich dann kalt. „Aber ich bin auch kein netter Mensch. Das mögen Sie bereits bemerkt haben. Ich kann ziemlich skrupellos sein, wenn es darum geht, ein gestecktes Ziel zu erreichen: sogar rücksichtslos, hart, skrupellos und korrupt, wie es die Situation gerade erfordert. Es war zum Beispiel auch eine Art von Korruption, als ich mich bereit erklärte, Luise zu heiraten. Hans-Georg Grashofer hat mich als Schwiegersohn gekauft, und ich habe mich kaufen lassen. Jeder ist käuflich. Auch Sie. Es kommt nur auf den Preis an.“

Ich legte meine Zigarette im Aschenbecher ab und nahm meine Brieftasche heraus. Sie war prall gefüllt mit Scheinen, und ich merkte, wie er Stielaugen bekam.

„Viertausend sofort, und weitere zehntausend, wenn der Job erledigt ist.“ Ich nahm die viertausend Euro in die linke, und die restlichen tausend Euro in die rechte Hand. „Plus tausend Euro Spesen. Sie werden eine Menge Spesen haben. Aber Tausend sind mehr als genug.

Ich hielt ihm das Geld unter die Nase. Er starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die Scheine, und tiefe Falten zeigten sich neben seinem verzerrten Mund.