Michael K. Iwoleit & Michael Haitel (Hrsg.)

NOVA Science-Fiction 28

 


Michael K. Iwoleit & Michael Haitel (Hrsg.)

NOVA Science-Fiction

Ausgabe 28


 

NOVA ist ein Projekt des World Culture Hub:

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

© dieser Ausgabe: Dezember 2019

p.machinery Michael Haitel

 

Titelbild: Albert Hulm

Redaktion Storys: Michael K. Iwoleit, mkiwoleit@nova-sf.de

Redaktion Artikel/Essays: Thomas A. Sieber, thomas.a.sieber@gmail.com

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat: Michael K. Iwoleit, mkiwoleit@nova-sf.de

Korrektorat: Dirk Alt, Michael Haitel

Herstellung: Schaltungsdienst Lange oHG, Berlin

 

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

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ISSN: 1864 2829

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 180 8

ISBN des E-Books: 978 3 95765 905 7

 

 


Dirk Alt: Erwartungen. Editorial

 

 

In Zeiten sich zuspitzender Konflikte ist es faszinierend zu verfolgen, welche Wünsche, Ängste und Erwartungen die Zeitgenossen in ihre Vorstellung von der Zukunft projizieren, und die Versuchung ist groß, diese Erwartungen mit der literarischen Produktion der Science-Fiction abzugleichen. Natürlich stellen sich bei der Erfassung kollektiver Befindlichkeiten methodische Probleme: So ist man zwangsläufig auf ein medial vermitteltes Bild angewiesen, das, da die Medien selbst Meinungsproduzenten sind, blinde Flecken und Verzerrungen aufweist, mit dem man jedoch – mangels eigener Feldstudien – vorliebnehmen muss.

Wenig überraschend ist zunächst, dass sich nicht nur die Science-Fiction, sondern auch die gesellschaftlichen Erwartungen wesentlich auf die Weiterentwicklung technischer Möglichkeiten konzentrierten, die im Übrigen ja niemals nur Möglichkeiten, sondern stets auch Verpflichtungen sind. Nimmt man nun allerdings an, dass sich die Aufmerksamkeit einer Gesellschaft, die ihren klimatisch-ökologisch bedingten Untergang fürchtet, in erster Linie den dämonischen Seiten der technischen Entwicklung zuwenden müsste, so erweist sich diese Annahme als ein Irrtum, auf den wir noch näher eingehen werden. Genauso wenig trifft sie, legt man beispielhaft die in dieser Ausgabe versammelten Erzählungen zugrunde, auf die Science-Fiction zu. Denn selbst da, wo sich – in Tom Turtschis Beitrag – künstliche Intelligenz und Waffensysteme gegen die Menschheit verschwören, erscheinen die Ersteren nur als Kontinuation des Zerstörungswillens der Letzteren, bis beide gar ununterscheidbar ineinander aufgehen. Auch in anderen Texten, sei es die Selbstvervielfältigungsposse von Tino Falke, der Mehrfach-Weltenbrand bei Victor Boden oder die Unterwerfung unter eine autoritär gelenkte Bürokratie bei Marcus Hammerschmitt, ist die Katastrophe nicht in der Fehlerhaftigkeit der Technik, sondern in der Fehlerhaftigkeit, wenn nicht Abgründigkeit des Menschen angelegt.

Dieser Befund korrespondiert mit dem verbreiteten Gegenwartsphänomen, dass die negativen Zukunftsentwürfe, angefangen beim Klimawandel, sämtlich als menschengemacht apostrophiert werden – auch in dem Sinne, dass sich mit ihnen menschliche Gesichter verbinden wie das des US-amerikanischen Präsidenten, des russischen Autokraten, des nordkoreanischen Diktators oder der europäischen Populisten von Orbán bis Salvini. Wie stark ist dagegen das Ensemble geschrumpft, das die positiven Entwürfe bevölkert – und zurzeit von einer minderjährigen Schwedin angeführt wird. Diese positiven Entwürfe setzen ihre Hoffnungen in zweierlei: erstens in eine technische Evolution, die auf wundersame Weise den Preis unseres Wohlstandes herabsetzt, und zweitens in die globale Durchsetzung von Individualismus, Liberalismus und Menschenrechten, wobei die westlichen Verhältnisse zum unverhandelbaren Minimum erklärt werden.

Bleiben wir zunächst bei der technischen Evolution. Die oben beschriebene Erwartungshaltung trägt insofern schizophrene Züge, als die Industrienationen den Grad ihrer Technisierung zu einem wesentlichen Teil jener rücksichtslosen Ausbeutung natürlicher Ressourcen verdanken, die derzeit wie nie zuvor am medialen Pranger steht. Dass ökologische Ausbeutung und Technisierung jedoch meist nur dann miteinander in Verbindung gebracht werden, wenn dies politischen Interessen dient, lässt sich anschaulich an unserem bedenkenlosen, von allen Seiten forcierten Umgang mit dem Digitalen zeigen, den auch der Clemens-Brentano-Preisträger Philipp Schönthaler in Werken wie Der Weg aller Wellen problematisiert hat. Christian Steinbacher widmet dem Autor im Sekundär-Teil dieser Ausgabe einen Schwerpunkt.

Allen punktuellen Einwänden und Befürchtungen zum Trotz: Eine entdigitalisierte Zukunft mag sich heute kaum jemand vorstellen – am wenigsten jene übersättigte junge Generation, die sich von Eltern und Lehrern zum »Protestieren« geleiten lässt. Diese Generation gebraucht das Digitale wie ein gleichermaßen magisches und selbstverständliches Werkzeug, ohne sich um dessen stoffliche Grundlagen zu scheren. Die Heilserwartungen, die aus dieser Geisteshaltung erwachsen, reichen von der Energieversorgung zum Nulltarif über transhumanistische Unsterblichkeit und virtuelle Himmelreiche bis hin zur Erlösung durch die künstliche Intelligenz, die vollbringen soll, wozu die menschliche nicht imstande war. In diesem Bereich von einer großen Schnittmenge mit der Science-Fiction zu sprechen, wäre eine Untertreibung. Hier herrscht Deckungsgleichheit, und das bedeutet: wenn diese technophil-konsumistisch ausgerichteten Neigungen ihre literarische Entsprechung finden, dann zweifellos in der Science-Fiction.

Andere gesellschaftliche Themenfelder sind demgegenüber unterbelichtet. Die literarische Auseinandersetzung mit dem westlichen Universalismus und Werteimperialismus, mit widerstreitenden Gerechtigkeits-, Gleichheits- und Teilhabekonzepten scheint mir meist abstrakt, gleichnishaft oder in allzu fantastischer Überformung geführt zu werden. Groß ist jedoch die Anzahl der Akteure, die im Fandom eine politische Agenda im Zeichen von Antirassismus, Antisexismus etc. verfolgen. In den Kontext ihres Wirkens ist auch die jüngst erfolgte bzw. angekündigte Umbenennung zweier US-amerikanischer Literaturpreise, des John W. Campbell Award und des James Tiptree Jr. Award, einzuordnen, die wir im Sekundär-Teil dieser Ausgabe kommentieren.

Ich schrieb eingangs von sich zuspitzenden Konflikten – dies ist nur einer davon. Dem Eskalationsprinzip folgend, werden sie in den kommenden Jahren noch eine ganz andere Dynamik gewinnen, von der ich erwarte, dass sie auch in der popkulturellen Nische der deutschen Science-Fiction und hier bei Nova fühlbare Wellen auslösen wird.

Schnallen Sie sich besser schon mal an.

 

Dirk Alt

für die Nova-Redaktion

Oktober 2019

 

 


NOVAstorys

 


NOVA Science-Fiction 28

 

Dirk Alt [unter Verwendung einer Schöpfung von Ray Harryhausen aus dem Film »First men in the moon« (UK 1964)]

 


Dirk Alt: Meine insektoiden Nachbarn

 

 

Sie mögen mich für undankbar halten, doch frage ich mich häufig, ob mich ein schlimmeres Schicksal hätte treffen können als jenes, das ich Ihnen nun schildern will. Vielleicht, so beantworte ich meine Frage, wenn meine Rakete über einem Vulkan- oder Eisplaneten oder einem namenlosen, vagabundierenden Gesteinsbrocken havariert wäre. Stattdessen habe ich einen geologisch reizvollen, wenn auch nicht übermäßig artenreichen Planeten mit erträglichem Klima und zur Sauerstoffgewinnung tauglicher Atmosphäre erwischt. In diesem Quadranten hätte es sicher keinen geeigneteren Ort für eine Notlandung gegeben. Und doch: Wenn ich nach einer weiteren durchwachten Nacht meinen trüben, feindseligen Blick durch die Panoramafenster der Rakete über die starre Wüstenlandschaft von Insula V schweifen lasse, überfällt mich eine Wehmut, die sich mit Worten kaum beschreiben lässt. Es zerreißt mir das Herz, wenn ich an die Fliederbüsche, die Rosenstöcke und Hortensien in der Heimat denke. Um ehrlich zu sein, zerreißt es mir schon das Herz, wenn ich an Brennnesseln denke oder an Kletten oder an Pilze, die am Waldboden faulen.

Das weitgehende Fehlen von Vegetation gehört zu den weniger ansprechenden Eigenschaften des Planeten, auf den es mich verschlagen hat. Als Hinterlassenschaft der Jahrtausende währenden Erosionszyklen seiner Jugend dehnt sich über den Großteil seiner Oberfläche ein gleichförmiges Dünenmeer, aus dem sich hier und dort mehr oder weniger einfallsreiche Felsformationen erheben und, wesentlich seltener, geduckte, eigenartig gewachsene Bäume, die stets in Grüppchen zusammenstehen, als verschaffte ihnen die Gemeinschaft Schutz. Bemerkenswert – ein Touristenführer würde vielleicht sagen: von unvergesslicher Schönheit – ist die Färbung des Himmels, der sich morgens mit einem violetten Dämmerschein überzieht. Während die beiden unterschiedlich großen Monde emporsteigen, erstrahlt er in stechendem Purpur, um schließlich ein mit fortschreitender Tageszeit eindunkelndes Rot anzunehmen, das in den relativ kurzen Nachtstunden der von der Erde vertrauten Finsternis weicht. Ohne Frage, für den Neuankömmling stellt der Himmel von Insula V eine Attraktion dar. Wenn man sich an seinem Farbenspiel einmal sattgesehen hat – wie ja alles sättigt, was im Überfluss vorhanden ist –, findet man es bald ermüdend, um nicht zu sagen: penetrant. Da die einzige markante Wetterveränderung in den unaufgeregt fallenden Niederschlägen besteht, bleiben als Abwechslung, die man dankbar zur Kenntnis nimmt, lediglich die Lichtphänomene, deren bunte Reflexe gelegentlich über dem Dünenmeer eine flüchtige Gestalt annehmen. Das Licht scheint sich am Himmel als farbenfroher Dunst zu sammeln und allmählich zu einem Gewirr pulsierender Schlangen zu verdichten, die einander wie flüssige Amethyste, Rubine, Smaragde und Türkise in kaleidoskopartiger Weise umspielen, bis – nach Minuten oder auch Stunden – ihre Leuchtkraft versiegt. Dann zerfließen sie, zerstreuen sich funkelnd über das Firmament, glühen aus oder verblassen wie die Erinnerung an ein einstiges Königreich – ein Anblick, vergleichbar mit jenem, der im 18. Jahrhundert die Pioniere der Polarforschung in Ehrfurcht und Erstaunen versetzte.

Auch die Bewohner von Insula V scheinen diesem Schauspiel zugetan zu sein, denn sie kommen häufig in Gruppen zusammen, um den sich in der Ferne entspinnenden Lichterzauber zu beobachten, und gehen, sobald er verebbt, wieder auseinander. Das ist nicht verwunderlich, denn sie befinden sich zweifellos auf einer recht niedrigen Entwicklungsstufe und zeigen auch keine Ansätze, in den kommenden Jahrmillionen darüber hinauszuwachsen. Ich will sie nicht schlechter machen, als sie sind. Auch wenn sie aufrecht gehen, bleiben sie Insektoiden, und an Insektoide sollte man grundsätzlich keine gesteigerten zivilisatorischen Ansprüche stellen. Ihre Spezies erreicht eine Größe von bis zu einem Meter fünfzig, hat einen schmalen, schwarz gepanzerten Körper, an dem die beiden oberen Gliedmaßenpaare meist untätig hinabbaumeln, und einen überdimensionierten Wulstschädel, der von einem Paar über der Stirn gefalteter Fühler gekrönt wird und eine beunruhigende Ähnlichkeit mit einem menschlichen Totenschädel aufweist. Unterhalb der Augen, die tief in den Höhlen verborgen sind, befinden sich gefährlich aussehende Mundwerkzeuge, die sich mechanisch öffnen und schließen, wenn die Insektoiden etwas erkunden oder unerwartet auf einen Artgenossen stoßen. Auf ihren etwas zu lang geratenen Hinterbeinen stolzieren sie mehr, als dass sie gehen. Wenn zwei von ihnen gegeneinanderprallen, kommt es oft vor, dass beide das Gleichgewicht verlieren, umkippen und dann sämtliche Gliedmaßen einsetzen müssen, um sich wieder auf die Hinterbeine zu hieven.

Ihrem unheimlichen Aussehen zum Trotz ist ihnen ein friedfertiges Naturell zu eigen. Das habe ich bereits unmittelbar nach meiner Ankunft feststellen können, als ich die Schotten öffnete und einen ersten Erkundungsgang vorbereitete. Ein Dutzend von ihnen hatte sich unweit der Absturzstelle versammelt und schien darauf zu warten, dass sich der Zweck jenes ungewohnten Objektes enthüllte, das sich in die Oberfläche ihres Planeten gebohrt hatte. Als ich mit gezückter Strahlenpistole die ausgefahrene Rampe herunterkam, war ich unsicher, ob ich das plötzliche Aufrichten ihrer Fühler als Zeichen von Furcht oder von Angriffslust deuten sollte. Sobald ich meinen Fuß auf den Boden gesetzt hatte, wichen sie jedoch geschlossen vor mir zurück. Erst nachdem ich stehen geblieben war und eine Weile beschwichtigend auf sie eingeredet hatte, wagten sie sich näher und schließlich ganz nah heran, um mich von allen Seiten mit ihren Fühlern abzutasten. Anscheinend sind sie dabei zu dem Schluss gekommen, dass meine Anwesenheit für sie weder eine Gefahr noch eine Bereicherung darstellt, denn sie gingen nach dieser ersten Begegnung dazu über, mich konsequent zu ignorieren. Nur wenn ich mich sehr weit von der Rakete entferne, kommt es noch gelegentlich vor, dass ich mich von den Fühlern eines Insektoiden abtasten lassen darf, der meine Bekanntschaft noch nicht gemacht hat, aber umgehend das Interesse verliert, sobald dieser Vorgang abgeschlossen ist. Während der gesamten Zeit, die ich hier zugebracht habe, ist es mir nicht gelungen, irgendeine nennenswerte Kommunikation aufzubauen: Sofern ich ihnen nicht im Weg stehe, bin ich praktisch Luft für sie. Das ist von meinem Standpunkt aus natürlich sehr zu bedauern, denn die Zeit auf Insula V verginge schneller, wenn sie mir irgendeine Art von Gesellschaft bieten würden.

Zeit habe ich nämlich im Überfluss. Zunächst habe ich sie mit der Fortsetzung meiner wissenschaftlichen Studien zugebracht, derentwillen ich in den Kosmos aufgebrochen war – ein ziemlich dummer Ehrgeiz, wie ich inzwischen finde, aber das ändert nichts daran, dass meine Neugierde und Abenteuerlust seit Jugendtagen der Raumfahrt gegolten hatten. Sollten Sie zufällig Kinder haben, deren Fantasie ebenfalls von den romantischen Stereotypen unerforschter Weiten und kühner Raumfahrer verseucht wurde, so rate ich Ihnen dringend, alles zu unterlassen, was diese Schwärmerei nähren könnte – dazu gehören auch Verbote. Versuchen Sie stattdessen unaufdringlich, Ihren Sprösslingen bewusst zu machen, dass nur der allergeringste Teil jener fremden Welten, deren Zahl dem Meersand entspricht, überhaupt die Erforschung lohnt. Was dazwischen liegt, sind finstere Tiefen, über die ihr Schöpfer selbst erschrecken müsste. So wie ich erschrak, als ich durch einen unbehebbaren technischen Defekt aus dem Kurs geworfen wurde und mir der Bordrechner eine Anzahl möglicher Zielplaneten vorschlug, auf denen ich in der kurzen, noch zur Verfügung stehenden Zeit eine manuelle Notlandung versuchen konnte. Meine Alternativen hatten darin bestanden, das vollständige Versagen der Antriebssysteme und den infolge meiner dann einsetzenden Irrfahrt unabwendbaren Tod durch Ersticken oder Langeweile abzuwarten – oder aber mich in Kryostasis versetzen und im stählernen Sarg einer Rettungskapsel dorthin schießen zu lassen, wo schon mancher Schiffbrüchige sein Heil gesucht hatte: in der eiskalten, ewigen Nacht, in der die Gestirne ihre Bahnen ziehen und die Chancen, einer solchen Bahn jemals wieder entzogen zu werden, bei einer Million zu eins stehen. Vielleicht auch etwas besser: Ich erinnere mich dunkel an einen brabbelnden Greis aus dem vorvergangenen Jahrhundert, den sie aus dem Weltraummüll gefischt und mittels Frischzellenkur ins, euphemistisch gesprochen, Leben zurückgeholt hatten. Nein, diese Option war mir unheimlich, obwohl mir im Rückblick scheint, ich hätte in der Kryostasis erholsamer geschlafen als hier. Damals war ich jedenfalls noch der Meinung, etwas Besseres als den Tod überall finden zu können. Also versuchte ich mich zunächst an der Notlandung und, nachdem ich diese gemeistert hatte, an den Herausforderungen des Robinson-Schicksals, dem ich mich auf Insula V ausgeliefert sah. In den ersten Wochen imponierte ich mir selbst mit heroischer Gelassenheit. Als Entdecker war ich aufgebrochen, und wenn mir der Weg zurück in den Weltraum versperrt war, so wollte ich mich wenigstens als Ergründer und Bezwinger meines Gastplaneten verewigen. Ich ging sofort an die Arbeit, machte Beobachtungen, Messungen und Aufzeichnungen aller Art und berichtete darüber so gewissenhaft und umfassend in die Heimat, wie es die dürre Datenübertragung erlaubte. Unter anderem fand ich heraus, dass es mindestens dreißig verschiedene Unterarten der insektoiden Spezies gibt, deren Unterschiede allerdings so geringfügig sind, dass ich sie hier nicht aufzählen muss. Das Interessanteste an ihnen ist wahrscheinlich ihr Lebenszyklus, der eine recht originelle Pointe hat. Zunächst beginnen sie, nachdem sie aus den Eiern geschlüpft sind, als eine Art großer, schwarzer Ameisen, die auf den Felsen herumwuseln. Wenn sie etwa die Länge eines menschlichen Unterarmes erreicht haben, bilden sich ihre Hinterbeine aus, sodass sie sich nach einer Weile darauf erheben und aufrecht fortbewegen können. Neben allerlei unscheinbaren Moosen und Flechten kennt die Flora des Planeten eine einzige größere Pflanze, die ich Schattenpalme getauft habe, weil sie die ungefähre Wuchsform einer niedrigen Palme mit einem sehr bauchigen Stamm aufweist, aber von oben bis unten schwarz und knorrig ist, als hätte sie jemand aus erkaltender Lava geformt. Solche Schattenpalmen trifft man in verstreut stehenden Gruppen von je drei oder vier Exemplaren an. Sie produzieren aus ihrem Stamm eine gallertartige, türkisblaue Masse, die von den Insektoiden verspeist wird. Bemerkenswert ist, dass die Schattenpalme nun ihrerseits jene Insektoiden verspeist, die ein gewisses Alter erreicht haben oder sich aus anderen, dem irdischen Betrachter verborgenen Gründen der Pflanze zum Fraß anbieten. Sie tun das, indem sie ihre wulstigen Schädel mit den tief hängenden, starren Ästen der Pflanze in Kontakt bringen, worauf sie in einem langwierigen, von mir ausgiebig dokumentierten Prozess ausgesogen werden, bis die getrocknete Körperhülle schließlich in sich zusammenfällt. Nur die geschrumpften Schädel hängen noch eine Weile von den Astenden herab, was der Schattenpalme im Allgemeinen ein ziemlich gruseliges Aussehen verleiht. Wir haben es hier also mit dem zwar nicht singulären, aber bizarren Fall einer Pflanze zu tun, die eine primitive tierische Lebensform nährt und mästet, um sie anschließend selbst, und zwar in beiderseitigem Einverständnis, zu verzehren. Ich habe endlose Stunden stereoskopischer Filme von diesen Vorgängen aufgenommen, bis mir zu Bewusstsein kam, dass ich den verdienten Forscherpreis vermutlich nie zu Gesicht bekommen, geschweige denn persönlich entgegennehmen werde. Dieser Gedanke hat die Freude an meiner Arbeit nachhaltig getrübt.

Dass eine Rettungsmission für mich zusammengestellt wird, ist aufgrund der hohen Kosten leider sehr unwahrscheinlich. Ich habe auf meine Anfragen bislang nur ausweichende Antworten erhalten. Überhaupt macht mich das ausgedehnte Schweigen der Kommunikationssysteme glauben, die Erde hätte mich längst vergessen, wenn ich mich ihr nicht durch meine Statusberichte beharrlich ins Gedächtnis rufen würde. Ich versuche, solche Gedanken nicht zuzulassen. Es gibt wahrscheinlich viele Dutzend Gestrandete wie mich, die in allen Winkeln des menschlicher Raumfahrttechnik zugänglichen Universums ihr einsames Dasein fristen, und unter ihnen wiederum nicht wenige, die dringender als ich der praktischen Ratschläge oder psychologischen Betreuung aus der Ferne bedürfen. In meinem Fall hat die Basis die Gewissheit, dass ich durchhalte, solange die Apparate ihre Energiezellen erneuern und die Replikatoren für mein leibliches Wohl Sorge tragen. Noch funktioniert alles einwandfrei – wenn man vom Antrieb absieht, der mir in der jetzigen Lage der Rakete ohnehin keinen Start ermöglichen würde. Ihr Bug ist tief im sandigen Untergrund versunken, der Rumpf wird von einer sich glücklicherweise an dieser Stelle erhebenden Felsenkette gestützt, und das Heck ragt als futuristisches Denkmal in den Himmel hinein, vor dem sich meine ausgefahrenen Triebwerke abzeichnen wie nutzlose Geschützrohre.

Wenn ich dieses Bild astronautischen Bankrotts betrachte, erscheint es mir immer unverständlicher, weshalb die Menschheit überhaupt in den Kosmos drängt. Ausbeutbare Bodenschätze mögen ein Anreiz sein, gewiss, aber doch in erster Linie für die Daheimgebliebenen … und ganz besonders für diejenigen, die von marmorweißen Karibikstränden aus die Aufwärtskurven ihrer Wertpapiere beobachten, während eine Bikininixe ihnen die Nägel manikürt. Aber Sie und ich, die wir diesen exklusiven Kreisen nicht angehören? Was treibt uns an, trotzdem die Begegnung mit der Leere, mit der Unendlichkeit zu suchen? Ich glaube inzwischen, dass die Sehnsüchte, die wir daran knüpfen mögen oder geknüpft haben, auf falschen Vorstellungen beruhen, auf einer Mischung kulturell vererbter Heilserwartung, die in Jahrtausenden der Entbehrung wurzelt, und jener Bewährungslust, die junge Männer schon immer dazu trieb, als Matrosen und Legionäre anzuheuern. Uns davon freizumachen, dürfte unsere Kräfte wohl übersteigen. Nichtsdestoweniger bin ich der Überzeugung, wir sollten, statt Eroberer, Entdecker und Feldherren zu bewundern, einmal die Überlegung zulassen, ob die menschliche Zivilisation nicht in Wahrheit unserer Faulheit mehr zu verdanken hat als unserem Wagemut, der beständig nach einer Verschiebung der Grenzen und Möglichkeiten strebt … Lange, bevor wir die Schwelle zur Weltraumfahrt überschritten hatten, kolonisierten wir schon leblose Räume mit unseren Gedanken und vertrauten dabei blind auf den Sieg unserer Einbildungskraft. Kein Zweifel, dass sich darin der Größenwahn ausdrückte, der sich unübersehbar in unsere geschichtliche Signatur eingeschrieben hat. Gewinnen können wir nämlich, zumindest meiner Einsicht nach, einzig solche Erkenntnisse, die ebenso gut auf der Erde zu erlangen wären. Das glauben Sie nicht? Dann versuchen Sie mal, einer Ameise Ihre seelischen Nöte zu vermitteln … Oder werben Sie von mir aus um die Anteilnahme von Korallen, Krähen und Kaulquappen. Und kommen Sie mir bitte nicht mit Haus- oder Nutztieren, mit denen uns eine Jahrtausende überspannende gemeinsame Geschichte verbindet! Lassen wir die Säugetiere, in deren Verhalten und Lebensweise sich unsere Spezies spiegelt, einmal aus dem Spiel und konzentrieren uns auf den großen Rest, der bleibt. Ich frage Sie, wenn selbst die industriell malträtierte Fauna und Flora unseres Heimatplaneten mangels Befähigung, aber auch mangels Interesses keine Anstalten macht, eine Verständigung mit uns anzustreben, mit welchem Recht erwarten wir diese Bereitschaft dann von den Bewohnern fremder Gestirne? Ehrlicherweise sollten wir uns eingestehen, dass auch wir uns erst dann ernsthaft um Verständigung bemühen, wenn wir von unseren Artgenossen abgeschnitten sind. Dann zählen auf einmal alle Faktoren, die von außen auf uns einwirken. Ich musste erkennen, dass man sich gegen das Außen nicht wirksam abschotten kann, selbst wenn man sich zurückzieht und – wie ich nach einem arbeitsreichen Jahr auf Insula V – tagelang Musik hört, Filme schaut, virtuelle Museen besucht und sich mithilfe der Replikatoren betrinkt. Sie ahnen es schon: Allen Versuchen, mich in mein irdisches Dasein zurückzuversetzen, folgte ein böses Erwachen. Zunächst studierte ich philosophische, religiöse und weltanschauliche Schriften und suchte Zerstreuung in den Werken der Weltliteratur, bis sie mich zu langweilen begannen – denn es erwies sich bald als unbefriedigend, dass mich kaum ein Buch zur Identifikation mit seinen Figuren bewegen konnte. Dies galt auch für den Klassiker von Defoe, dessen Lektüre ich als nahezu unvermeidliche Enttäuschung vor mir hergeschoben hatte, bis ich ihn letztlich doch aufschlug und zunächst mit Befremden, dann mit Verärgerung zur Kenntnis nahm, wie der schiffbrüchige Ich-Erzähler nach zwei Jahren der Einsamkeit seinem Schöpfer »aus tiefstem Herzen« für dessen »viele wunderbare Gnadenerweisungen« dankte! Eingeschlossen »durch die ewigen Riegel und Schlösser des Ozeans, in einer öden Wildnis, ohne Hoffnung auf Erlösung«, habe ihm Gott die Entbehrungen seiner Lage und den »Mangel an menschlichem Verkehr durch seine Gegenwart und durch seine gnädige Offenbarung reichlich ersetzt«. Sollte ich bedauernswerter Atheist, den die gleiche Bibel nur in intellektuelle Schläfrigkeit versetzte, über den 1632 gebürtigen Leidensgenossen nun lachen oder weinen? Nun, weder noch: Tatsächlich zürnte ich ihm dafür, dass er Gott anrief und sich erhört fühlte, weil ich erkannte, dass ich ihm gegenüber im Nachteil war. Ihm war es, als Angehöriger und Teil einer noch nicht wissenschaftlich enträtselten Welt, leichter gemacht worden … Ich dagegen hatte das Nichts gesehen, das ihm erspart geblieben war, mehr noch, ich hatte es durchquert, und nun war ich umringt davon: Deus est nihil. Aus der spirituellen Sackgasse zurückgekehrt, ließ ich mich in den Schlamm virtuell-interaktiver Pornografie herab, deren ablenkende Wirkung ebenfalls nicht lange anhielt und sich seitdem auch nicht mehr erneuert hat. Mein Interesse an Frauenkörpern hat sich im Gegenteil verflüchtigt.

Mich überkommt daher zunehmend das Gefühl, dass meine geistige Verbindung in das heimatliche Sonnensystem abgerissen ist. Ich muss mich in einer Welt zurechtfinden, die von Sand, Felsen, einem ständig die Farbe wechselnden Himmel und aufrecht gehenden Insekten beherrscht wird. Sie sind meine schweigenden Nachbarn: allgegenwärtig, austauschbar und vollkommen unzugänglich. Kein Wunder, dass mich manchmal zerstörerische Bedürfnisse überkommen, denen ich zweifellos nachgeben könnte. Zum Beispiel könnte ich mit der Strahlenpistole Jagd auf die Insektoiden machen und einige von ihnen zischeln, um sie für meine hoffnungslose Lage zu bestrafen. Aber ich weiß, dass ich damit die Kluft zwischen uns nur vergrößern würde. So ziehe ich es stattdessen vor, mich unauffällig zu ihnen auf eine Felskante zu setzen, während die bunten Lichtreflexe am Horizont ihre Aufmerksamkeit bannen. Wenigstens in diesen Minuten stiller Andacht darf ich mich als Teil ihrer Gemeinschaft fühlen. Ich wünschte nur, von ihnen in irgendeiner Weise beachtet zu werden, und sei es durch ein nachsichtiges Nicken ihrer Fühler.

Wenn Sie an meiner Stelle wären, ginge es Ihnen ebenso. Wir sind auf die Reaktionen anderer angewiesen, um uns unser selbst zu vergewissern – wobei es nicht darauf ankommt, ob die anderen ebenfalls Raumfahrer sind oder Insekten oder sprechende Steine, wobei ich mich über die Gesellschaft sprechender Steine keinesfalls beklagen würde. Sehen Sie, Kommunikation ist das Entscheidende! Ohne sie bleiben wir Fremdlinge bis an unser physisches Ende, und darum hat die Kommunikationslosigkeit längst begonnen, meinen Lebenswillen aufzuzehren. Ohne Beruhigungsmittel finde ich kaum noch Schlaf, und wenn ich schlafe, suchen mich Träume heim, derer ich mich am nächsten Morgen kopfschüttelnd erinnere. Kürzlich träumte ich beispielsweise von der Verleihung des Forscherpreises, den ich oben erwähnte. Das ist ein Anlass, den ich mit kindischer Beharrlichkeit herbeigesehnt und mir immer als den Höhepunkt meiner Laufbahn vorgestellt habe … vielleicht auch als späte Rache an meinem Vater, der mich gedrängt hatte, es ihm gleichzutun und mein Leben der Optimierung von Antriebssystemen zu widmen, einem Berufszweig, dem ich damals bereits eine, wie sich zeigen sollte, nur zu begründete Geringschätzung entgegengebracht hatte. Im Traum trug ich einen Smoking, der nicht richtig saß und mit dem ich daher die ganze Zeit über sehr unzufrieden war. Meine Unsicherheit wurde besonders quälend, als ich, begleitet vom Blitzlichtgewitter, die Bühne betrat, in deren Mittelpunkt sich ein Sprecherpult befand und, in einer Glasvitrine ausgestellt, der Preis, bei dem es sich um die vergoldete Nachbildung meiner havarierten Rakete handelte. Als ich an das Pult trat, um die vorbereiteten Dankesworte zu sprechen, griff anstelle von Applaus eine peinliche Stille um sich. Ich sah, dass die Zuschauerränge bis weit in die Tiefen des Saales hinein nicht mit Menschen, sondern mit Insektoiden besetzt waren, und erst dann begriff ich zu meinem Schrecken, dass der Makel meines Auftritts nicht in dem schlecht sitzenden Smoking bestand, sondern im Fehlen von Fühlern und zusätzlichen Beinpaaren … Schweißgebadet wachte ich auf.

Wenn ich keine Ruhe finde, unternehme ich in den Nachtstunden immer ausgedehntere Wanderungen. Dabei ist der zwiespältige Gedanke, mich zu verirren und ohne die lebenserhaltenden Systeme der Rakete zugrunde gehen zu müssen, mein ständiger Begleiter. Letzte Nacht endete meine Wanderung bei einer Gruppe Schattenpalmen. Lange betrachtete ich die insektoiden Schrumpfköpfe, die als traurige Trophäen die niedrig hängenden Äste beschwerten. Schließlich nahm ich meinen Mut zusammen, suchte mir einen Ast, der frei und demnach aufnahmefähig war, und brachte ihn mit meinem Schädel in Berührung, in der Hoffnung, mich wenigstens auf diese Weise in den natürlichen Kreislauf des Planeten einbringen zu können. Ich kam mir dabei vor wie ein Betrüger, und die Pflanze erkannte den Betrug natürlich.

 

Es hätte schlimmer kommen können, versuche ich mich noch manchmal mit Blick auf die lebensfeindlichen Vulkan- und Eisplaneten zu trösten, auf die es mich genauso gut hätte verschlagen können. Inzwischen fehlt diesem Vergleich jedoch die Überzeugungskraft, und so komme ich zu dem Schluss, dass einem der unsrigen kein grausameres Schicksal zugedacht werden kann, als an einen Ort verbannt zu werden, an dem er keinen Zweck hat, keine Bestimmung und keinen Mehrwert, einen Ort, an dem ihm sein gemeinschaftsgebundener Charakter das Fortleben zur Qual macht. Fällt er unter die Insekten, wünscht er sich bald nichts sehnlicher, als selbst zum Insekt zu werden. Der Beantwortung der Frage, ob man darin nun eine Stärke oder eine Schwäche unserer Spezies sehen muss, überlasse ich Ihnen.

 

 


Marcus Hammerschmitt: Die Befragung

 

 

Die Fahrt mit dem Kometen genoss er, da gab es keine Zweifel. Frank hatte immer geglaubt, dass es ein Fehler der alten Republik gewesen war, den damals so genannten »Transrapid« nicht zur Serienreife zu entwickeln. Jeder Realist hatte gewusst, dass Innovationen Opfer kosteten, und die Opfer auf der Transrapid-Teststrecke hatten einen Abbruch des ganzen Projekts niemals gerechtfertigt. Mein Gott, wie lange war das schon her? Zwanzig Jahre? Dreißig? Es konnte ihn immer noch ärgern, dass ihm manchmal im Kopf die Jahrzehnte durcheinandergingen. Wie viele Tote waren es gewesen? Er konnte sich nicht erinnern. Egal, sie waren nicht umsonst gestorben. Dafür gab es keinen besseren Beweis als seine eigene Fahrt jetzt. Es fühlte sich immer noch wie Fliegen an, ein erdnahes, traumhaftes Fliegen. Natürlich war das ganze Kometennetz nur durch die großtechnische Entwicklung der Thorium-Technologie möglich geworden; ein weiteres ihrer Versprechen, das die Partei pünktlich gehalten hatte. Frank nahm die hauptsächlich ausländische Kritik an der immer noch ungelösten Endlagerfrage und dem Anwachsen des deutschen Kernwaffenarsenals nicht auf die leichte Schulter. Wenn er eins nicht war, dann ein blinder Parteigänger der aktuellen Regierung. Aber er wollte sich von der Politik den Spaß an der Bahnfahrt nicht verderben lassen. Was für ein schöner, sonniger Morgen. Franks Kopf fühlte sich ein wenig zu leicht an. Auf der Geschwindigkeitsanzeige über der Abteiltür stand: »440 km/h«.

 

Seine Laune ließ nach, als er in der Glasscheibe, durch die er auf das morgendliche Süddeutschland hinaus sah, eine Stelle an seinem Unterkiefer entdeckte, die er nicht ordentlich rasiert hatte. Ärgerlich. Er prüfte, ob das der einzige Fehler in seinem Gesicht war. »Alter Mann«, dachte er, wegen der vielen Falten, und ärgerte sich noch mehr. Um sich abzulenken, schaute er in dem Abteil umher, und er entdeckte schräg gegenüber eine attraktive Frau im grauen Hosenanzug, die ihm bekannt vorkam. Unvermittelt drehte sie ihren Kopf und sah ihn an. Er schaute weg, ertappt wie ein Schüler. Natürlich!, ging es ihm auf. Zwei Wochen vorher, bei seiner Fahrt zur letzten Befragung, hatte sie auch schon in seinem Abteil gesessen. Eine Berufspendlerin, wahrscheinlich. Er wagte noch einen kurzen, verstohlenen Blick. Ihre selbstsichere Ausstrahlung schüchterte Frank ein. Als Fotograf war ihm seine Schreckhaftigkeit immer ein Antrieb gewesen. Weil er seinen Beruf aber nicht mehr ausübte, konnte die Schreckhaftigkeit nur noch seine Gedanken antreiben. Früher hatte er an Leute wie diese Frau seine Visitenkarten verteilt. Jetzt fiel ihm nur noch auf, dass sie irgendwo eine Nische gefunden haben musste, in der weibliches Selbstbewusstsein noch eine Rolle spielte. Das aktuelle Weiblichkeitsideal legte keinen großen Wert auf Selbstbewusstsein. Was auch erklärte, warum eine Frau wie sie öffentliche Verkehrsmittel benutzte. Als der Zug in den Bahnhof einschwebte, sah Frank gleich die grauschwarz uniformierten Beamten der Sicherung. Zwei von ihnen an jeder Ausstiegstür des Zuges. Niemand drängelte beim Aussteigen, weil Drängler gern für verdächtig gehalten wurden. Frank wartete genau hinter der Frau im grauen Hosenanzug. Ein teurer Duft umgab sie. Ihre dunklen Haare glänzten.

 

Der Beamte am Ausgang musterte ihn. Er hatte dabei diesen starren Blick, der den Grauschwarzen den Spitznamen »Makis« eingebracht hatte. Es galt als sicher, dass die Makis Kameras in ihren Augen hatten, mit denen sie jeden Deutschen und viele Nichtdeutsche auf einen Blick identifizieren konnten. Die Technik dafür war angeblich zuerst aus China gekommen. Und angeblich kaufte China jetzt von deutschen Herstellern, die die ursprünglichen Kameramodelle verbessert und verbilligt hatten. Unter dem Blick des Makis fing Frank automatisch zu lächeln an. Fotos direkt mit seinen Augen machen, ohne Kamera, das war früher einer seiner Wunschträume gewesen. Aber niemand außer den Makis verfügte über die Technologie. Der Beamte winkte ihn weiter. Es war gut möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass er ganz genau wusste, wo Frank hinwollte.

 

Die Rheinlandstraße kam ihm wieder so sauber vor. Früher war sie voll Kneipen, Nagelstudios, Gemüseläden und Handyshops gewesen. »Migrantisch geprägt« – eine typische Bahnhofsgegend. Das geschmacklose Geflimmer der Auslagen, die vielen Leute, die sich auf der Straße bewegt hatten, die Gemüse- und Obsthaufen hatten ihn überfordert, wenn er früher hier unterwegs gewesen war. Für ihn als Künstler keine fruchtbare Umgebung – weil er fürs Fotografieren immer Ruhe gebraucht hatte. Bilder mussten komponiert werden. Eine gewisse Statik war sein Markenzeichen gewesen. Heutzutage allerdings kam ihm die Straße immer wie ein weißer Canyon vor, an dessen Grund kein Wasser floss, sondern Autos. Keine Shisha-Bars, keine Gemüseauslagen, keine Nagelstudios. Stattdessen ein stetiger Strom von leisen, elektrischen Wagen, vorbei an den hellen, neoklassizistischen Fassaden, für die das neue Deutschland überall in der Welt bekannt war. Alles erstaunlich sauber. Jedes Gebäude produzierte seine eigene Energie. Zusammen mit der Thorium-Technologie machte das Deutschland zum Hauptenergielieferanten Europas. Werbung unterlag aus ästhetischen Gründen strenger Regulierung. Als die Migranten gegangen waren, hatte im Ausland das böse Wort von der »Arisierung« die Runde gemacht. Aber wie jeder wusste, waren hohe Ausgleichszahlungen geflossen. Die massiven Remigrationsanreize hatten sogar für Unruhe in der deutschen Bevölkerung gesorgt. Die Pogrome, vor allem im Osten, hatten im Ausland für Übertreibungen gesorgt. Unverantwortliche Gerüchtemacher hatten von Tausenden, wenn nicht Zehntausenden Toten geredet und natürlich von »Vertreibung«, »ethnischen Säuberungen« und dergleichen. Frank glaubte, dass da ein gewisser Neid eine Rolle spielte. Die Remigrationsprogramme anderer europäischer Länder waren nicht so erfolgreich gewesen, wie das deutsche.

 

Er hielt ruckartig an. Die große Werbetafel an der Abzweigung zur Bismarckallee, die immer eine stumm wehende Deutschlandfahne zeigte, war anscheinend Opfer eines Angriffs geworden. Auf dem Bürgersteig lagen Scherben. Nahe dem unteren Rand der Anzeigetafel verdunkelte eine getrocknete Flüssigkeit das wehende Rot der Flagge leicht. Frank fragte sich, warum überhaupt noch Bier in Glasflaschen verkauft wurde, wenn es doch Leute gab, die offensichtlich nicht damit umgehen konnten. Aber das war ja auch so ein Zug des neuen Deutschlands, über den er sich schon öfter Gedanken gemacht hatte: Bei aller Innovation konnte man viele unsinnige Traditionen nicht loslassen. Bier in Glasflaschen gehörte anscheinend dazu. Sein Link glänzte in der Sonne. Er war über zehn Jahre alt, aber sehr gut gepflegt, das Glas kratzerfrei. »Eins-eins-fünf«, sagte er und wurde sofort mit einer Stimme verbunden, die ganz wie ein Mensch klang. Er schilderte die Sachlage, erklärte, warum er nicht bleiben konnte, um auf die Sicherung zu warten, lief weiter. Er hoffte bloß, dass man ihn nicht noch für einen Verdächtigen halten würde. Andererseits war das recht unwahrscheinlich. Es gab das Gerücht, dass diese »Informationstafeln«, wie sie offiziell hießen, alles aufzeichneten, was um sie herum vorging, und zwar mit einer unglaublichen Auflösung, weil ihre Bildschirme gleichzeitig riesige Kameras waren.

 

Ein paar Meter weiter zweigte die Bismarckallee nach rechts von der Rheinlandstraße ab. Frank hatte die Alleebäume immer gemocht, und er wollte wenigstens einen schnellen Blick auf ihr frisches Frühjahrsgrün werfen. Allerdings war das Erste, was ihm auffiel, ein Trupp der Parteijugend, der die Allee im Gleichschritt entlang marschierte. Sie hatten ihre gelbschwarze Fahne dabei, ihre Arme bewegten sich im Takt, und sie sangen laut und falsch. Den Text konnte Frank glücklicherweise nicht verstehen. Er hatte Radikalität noch immer abgelehnt, und mit ihren schrillen Phrasen und ihrem militanten Auftreten war die Parteijugend der Teil des neuen Deutschlands, den Frank am wenigsten mochte. Geäußert hatte er seine Ablehnung noch nie. Die Parteijugend war für ihre Aktionen gegen »Volksverräter« bekannt. Er überquerte die Straße in gedämpfter Laune.

 

Der Publikumsverkehr auf den Bürgersteigen hatte leicht zugenommen. Mittagspause. Die Pausen wurden nur noch in wenigen Wirtschaftszweigen bezahlt, hauptsächlich bei den höheren Angestellten, deswegen musste man sich nicht durch Menschenmassen wühlen. Es gab ein paar Mittagstische und Gaststätten, die von den mittäglichen Essern leben konnten. »Bistro« und »Restaurant« sagte man nicht mehr. Karierte Decken wurden mit speziellen Klammern an den Tischen festgehalten. Und – ein Eisstand! Frank hatte hier schon lange keinen Eisstand mehr gesehen, und er beschloss spontan, sich was zu gönnen. Er musste immer auf sein Geld achten, und es gab auch Probleme mit dem Cholesterin, aber man konnte sich ja nicht den ganzen Spaß am Leben verderben lassen. Vor dem appetitlichen Wagen stehend, besah er sich das Angebot und den frisch und sauber angezogenen Eismann. »Einmal Erdbeer, einmal Vanille«, sagte er, und der eifrige Eismann machte sich sofort ans Werk. Als er fertig war, sahen die Eiskugeln auf der Tüte wie gemeißelt aus. Frank nahm sie freudig in Empfang, zog den Link und sagte dabei die exakte Summe an, eine uralte Gewohnheit von ihm.

»Also zwölf Euro achtzig dann.«

Der Eisverkäufer zuckte zusammen.

»D-Mark«, meinte er, eindringlich wie ein Theatersouffleur. »Sie meinen D-Mark.«

»Natürlich«, sagte Frank, und versuchte zu lächeln. »Natürlich!« Sein Gehirn raste. »Alt werden ist kein Spaß, junger Mann«, sagte er dann. Die Jovialität klang falsch. Billig und durchsichtig. »Man vergisst die einfachsten Sachen!«

Der Eisverkäufer lächelte schief. Frank verabschiedete sich hastig. Das Eis, an dem er im Gehen lustlos zu lecken begann, half ihm nicht.

 

Das Geschrei machte ihn schon nervös, als er die Schreier noch gar nicht sehen konnte. Die wütenden Männerstimmen verleideten ihm das Eis vollends, sodass er es in einen Mülleimer bei dem schon lange geschlossenen Spielplatz warf. Natürlich nicht, ohne sich zu bekleckern.

»Das hat man dann von seinen Spontanentschlüssen«, dachte er grimmig, als er sich mit der kleinen, nutzlosen Serviette zu reinigen versuchte, die er von dem Eisstand mitgenommen hatte, was den Fleck an seinem Ärmel natürlich nur vergrößerte. Angeekelt warf er auch die Serviette in den Mülleimer. Die alte, grün-orangefarbene Markise an dem heruntergekommenen Kiosk, der auch zu dem Spielplatz gehört hatte, widerte ihn geradezu an.

Prisma?

Frank stutzte. Irgendwas war da gewesen. Eine Episode, an die er Jahrzehnte nicht gedacht hatte. Die grüne, mechanische Schreibmaschine seines Vaters mit ihrem Geruch nach altem Maschinenöl und Vernachlässigung. Das schemenhafte Gesicht einer Schulfreundin, die das Prisma wohl redigiert hatte und in die er vielleicht verliebt gewesen war.

»Ich erinnere mich ganz blass«, sagte er zögerlich. »Da war was.«

»Sehen Sie!«, rief Fritsch. »Sehen Sie!«

»Aber was ich da genau geschrieben habe, weiß ich nicht mehr. Beim besten Willen nicht.«

»Macht gar nichts«, meinte Fritsch, der jetzt richtig fröhlich wirkte. »Ich habe den Text bereits an Ihre Bürgeradresse geschickt. Und bis nächste Woche schreiben Sie mir mal auf, wie sich Ihre Haltung zur Meinungsfreiheit seit Ihrem kleinen Schülerzeitungsartikel geändert hat. Muss nichts Langes sein. Vier oder fünf Seiten.«

»Bis nächste Woche?«, konnte Frank nur stammeln. »Wieso nächste Woche?«

»Verkürztes Intervall. Ich will Sie ein bisschen besser kennenlernen. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Mein nächster Fall wartet schon.«

Tipp-tipp-tipp machten seine Hände auf dem Tisch. Frank saß da wie betäubt. Als er sich zu lange nicht bewegte, schaute Fritsch noch einmal auf und sagte: »Husch, husch!«

 

Frank verließ das Amtszimmer eilig. Draußen, genau da, wo er selbst noch eine Viertelstunde früher gewartet hatte, saß jetzt die Frau mit dem grauen Hosenanzug. Sie las in einem Buch, und auch dabei wirkte sie überlegen und kühl. Als Frank an ihr vorbeiging, zeigte sie keinerlei Reaktion.

Auf dem Rückweg zum Bahnhof war Frank aufgewühlt. Wie konnte sich doch die Änderung eines einzigen, kleinen Details auf sein Leben auswirken! Mit Semmler, das war nicht angenehm gewesen, aber über die Jahre hatte sich doch Routine eingestellt. Dieser Fritsch würde sich auf Routine nicht einlassen wollen. Der liebte, was er tat, wenn er damit andere in Schwierigkeiten bringen konnte. Frank musste aufpassen. Er musste eine gute, ehrliche Art finden, seinen Aufsatz von vor über fünfzig Jahren einzuordnen. Es ging jetzt darum, dass er seine Haltung zur Meinungsfreiheit glaubhaft klärte.

An dem seltsamen kleinen Haus im Park hatte sich auch etwas getan. Gleich daneben stand jetzt einer dieser weißen, mobilen Pavillons mit Stoffdach, die sonst gerne als Sonnenschutz benutzt wurden. Wie auf dem Hinweg sah Frank nicht zu genau hin; jetzt noch zusätzlich dumm aufzufallen, wäre fatal gewesen.

Als der Komet an Bahnsteig 3 einschwebte, fiel ihm plötzlich der Name der Schulfreundin ein, die er damals hatte beeindrucken wollen.