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Unni Lindell

Der Trauermantel - Ein Norwegen-Krimi

 

Saga

Für Anne und Maja

Das Wort einer Schnecke auf dem Teller eines Blattes?

Es ist nicht von mir. Nehmt es nicht an.

Essigsäure in einer Konservendose?

Nehmt es nicht an. Es ist nicht wirklich.

Ein Goldring, durch den die Sonne scheint?

Lügen. Lügen und Trauer.

Sylvia Plath

Nur das Menschliche kann wirklich fremd sein.

Der Rest ist Mischwald, Maulwurfsarbeit und Wind.

 

Wislawa Szymborska

Sie hatte sich hinausgewagt. Es war dunkel, doch die Geschäfte hatten lange geöffnet. Sie kaufte etwas zu essen und zwei Illustrierte. Als sie danach über die Straße ging, stellte sich das ekelhafte Gefühl wieder ein. Das Gefühl, dass jemand sie beobachtete.

Sie drehte sich um. Sie hörte Geräusche, die keine Sprache besaßen. Eine Frau in einem tristen schwarzen Mantel, die sich bückte, um in ein Auto einzusteigen, erregte für einen Moment ihre Aufmerksamkeit. Das Gefühl, dass jemand hinter ihr stand, war unerträglich. Ihr brach der kalte Schweiß aus. Einmal wäre sie fast auf einem Eisbuckel ausgerutscht.

Alle Geräusche in ihrer Umgebung verstärkten sich. Sie wusste genau, dass das hier nicht nur ein Gefühl war. Und so war es nun schon lange. Ab und zu, wenn sie das Haus verließ und durch die Straßen lief, dann passierte das hier. Jemand ging ein Stück hinter ihr, versteckte sich in Hauseingängen, in Geschäften, wenn welche offen waren, fuhr langsam in fremden Wagen an ihr vorbei. Sie wandte sich immer ab, trat so dicht an die Häuser heran, wie sie nur konnte.

In ihrer Wohnung dann, hinter der violetten Tür, zog sie die Vorhänge vor und verriegelte das Sicherheitsschloss. Oft schaltete sie auch das Licht aus, stand hinter den Stoffbahnen und lugte auf die Straße hinaus, hinüber zu den großen Bäumen im Park. Den tanzenden Zweigen, die sich bewegten und das Bild störten. Die Unruhe wollte sich nicht legen. Der Himmel draußen war nur ein schwarzes Loch über den Dächern. Und der Mond war ein großes starrendes Auge, das ihr mit seinem gelben Blick folgte.

Der Mord an Ester Synnøve Lønn wurde der Osloer Wache am Donnerstag, dem 6. Januar, um 5.21 Uhr gemeldet. Die Dunkelheit klebte wie eine schwarze Haut an den Glasfassaden des riesigen Polizeigebäudes. Die Straßen waren menschenleer. Das Tageslicht war noch Stunden entfernt. Die Stadt schien zu Silvester den Atem angehalten zu haben und es noch immer zu tun. Aber jetzt setzte die Welt sich lärmend wieder in Bewegung, hinein in das neue Jahrtausend. Der vierte Werktag warf Risse, bald würde das armselige Winterlicht über die Dächer kriechen und in die geschäftigen Straßen hinunterfließen.

Ein sehr müder Beamter notierte die Mitteilung über, wie es sich herausstellen sollte, den ersten Mord des neuen Jahrtausends. Noch bis acht Uhr hatte er Dienst. Er hatte diese Nachtschicht übernommen, um sein Einkommen etwas aufzubessern. Jetzt arbeitete er schon seit fast sechzehn Stunden. Und wie immer hatte er mehr als genug zu tun gehabt. Familienstreitigkeiten, Messerstechereien und vernachlässigte Kinder, die vom Jugendamt abgeholt werden mussten. Und jetzt – dieser Mord.

Die Anruferin war ungewöhnlich ruhig. Sie stellte sich vor und gab an, sie sei siebzehn Jahre alt und Zeitungsbotin. Sie drehte vor Unterrichtsbeginn ihre Runde und war wie immer in das Haus in der Odinsgate gegangen, um die Zeitungen vor die Wohnungen zu legen. Im ersten Stock war ihr eine offene Tür aufgefallen. Vermutlich hatte der Wind die offene Haustür weiter aufgedrückt. Sie hatte die Frau auf dem Wohnzimmerboden einfach nicht übersehen können. Sie sah zwar nur die Füße, ging aber wegen der roten Zehennägel davon aus, dass sie eine Frau vor sich hatte. Die Zeitungsbotin hatte zuerst versucht, die am Boden Liegende durch Zuruf aufzuwecken, doch als diese nicht reagiert hatte, war sie in die Wohnung gegangen und hatte das viele Blut gesehen. Die Frau hatte außerdem schlimme Wunden an Stirn und Hals. Es war nicht schwer zu begreifen gewesen, dass die Frau auf dem Boden tot war.

Der Beamte bat die Zeitungsbotin, nichts anzufassen und bis zum Eintreffen der Polizei am Tatort zu bleiben. Danach löste er Mordalarm aus. Das Herz des Polizeigebäudes erwachte in den Zimmern und den leeren Gängen zum Leben. Lampen und Computer wurden eingeschaltet. Bald waren überall klingelnde Telefone, eilige Schritte und Papiergeraschel zu hören. Nur eine Dreiviertelstunde später stand ein junger Journalist von der Tageszeitung VG unten im Foyer und starrte bewundernd zu den vielen Etagen hoch, die sich unter der hohen Decke öffneten.

Draußen in Asker schellte das Telefon auf dem Nachttisch von Cato Isaksen, während der tief in einem unruhigen Traum feststeckte. Er sah ein graues, schäumendes Meer, Menschen, die am Strand hin und her liefen. Der Wind glitt unsichtbar durch die farblose Luft. Seine drei Söhne, Gard, Vetle und Georg, versteckten sich hinter einem umgedrehten Boot. Die Schaumkronen erreichten fast ihre nackten Füße. Das Bild zerriss, wurde zu einem schrillen Geräusch, aus dem sich ein scharfer Schmerz in seinem Ohr entwickelte. Das Telefon. Verwirrt griff er nach dem Hörer und meldete sich mit belegter Stimme.

Bente bewegte sich neben ihm im Bett, öffnete die Augen und stöhnte leise. Es war nichts Neues für sie, dass ihr Mann zu allen Zeiten angerufen wurde. Die bloße Gewissheit, dass es passieren könnte, ließ ihren Schlaf oft sehr seicht werden und nahm ihm die Tiefe, die sie gebraucht hätte, um sich wirklich auszuruhen.

Georg, der zwischen ihnen schlief, setzte sich auf und gähnte. Der Vierjährige rieb sich die Augen. Im Licht der Nachttischlampe sah er wie eine Traumgestalt aus, mit seinen halblangen, zerzausten Haaren und den zusammengekniffenen Augen, die sich noch nicht an die Helligkeit gewöhnt hatten. Sein schläfriger Blick glitt über das weiße Muster der blauen Tapete. Bente drückte ihn mit sanfter Gewalt wieder aufs Kissen und sagte, es sei noch mitten in der Nacht.

Cato Isaksen saß auf der Bettkante, während die kühle Schlafzimmerluft über seinen nackten Körper glitt. Dabei bekam er eine Gänsehaut.

»Ja«, sagte er kurz. »Ist in Ordnung, ich komme.«

Er knipste die Nachttischlampe aus, drückte auf den kleinen Knopf des Weckers, verließ leise das Zimmer und schloss hinter sich die Tür.

»Komm ich nachher zu Mama?«, fragte Georg in die Dunkelheit hinein und gähnte noch einmal. In seinen Augen tanzte noch immer das scharfe Drachenzahnmuster der Tapete.

»Ja«, sagte Bente. »Heute Abend kommst du zu Mama.«

»Und zu Hamza«, meinte der Junge zufrieden.

»Ja.« Bente deckte ihn richtig zu und merkte, wie sich die Irritation durch ihren Körper fraß.

»Jetzt bist du still«, sagte sie mit einer Stimme, die so niemals klang, wenn Cato dabei war. Der Geruch des Kindes, das nicht ihr eigenes war, brachte sie dazu, ihm den Rücken zuzukehren.

 

Die Nacht ruhte noch immer in ihren eigenen Schatten. Es war fünf Grad unter Null und noch stockdunkel, als Cato Isaksen fröstelnd zu seinem vor den Garagen geparkten Auto ging. Er bereute, es nicht hineingestellt zu haben. Jetzt musste er erst das Eis von den Scheiben kratzen, ehe er losfahren konnte.

Hinten bei den Mülltonnen lagen mehrere mit Bindfäden umwickelte und aufeinander getürmte Zeitungsstapel. Jeden Donnerstag wurde Altpapier geholt. Er hatte vergessen, den großen Kasten mit dem zusammengefalteten Weihnachtspapier hinauszustellen. Einen Moment spielte er mit dem Gedanken, wieder ins Haus zu gehen und ihn zu holen, überlegte sich dann aber, dass ihm dazu die Zeit fehlte. Sein Atem ließ Dampfwolken in der schwarzen, eiskalten Luft aufsteigen. Die Tage zu dieser Jahreszeit waren eine einzige lange Reise von einer Dunkelheit zur nächsten.

Auf dem Weg zur Stadt dachte er an die Ereignisse der letzten Tage und an den Traum von seinen Söhnen. An das aufgewühlte Meer und den Strand. Der Traum war seltsamerweise nicht, wie Träume sonst, weggeglitten und zu einer abstrakten grauen Gedankenmasse geworden. Er hatte ihn noch immer klar in Erinnerung.

Cato Isaksen hatte am letzten Tag des alten Jahrhunderts geheiratet. Das war gut und richtig gewesen. Endlich war sein Leben wieder in Ordnung, so empfand er es zumindest. Es bedeutete eine ungeheure Erleichterung, wieder zu Hause zu sein. Er hatte seine Exfrau Bente geheiratet und seine beiden ältesten Söhne waren dabei gewesen.

Ein befreundetes Paar hatte als Trauzeugen fungiert, wie schon damals vor zwanzig Jahren, bei ihrer ersten Hochzeit. Danach hatten sie im Hotel Leangkollen gefeiert. Der älteste Sohn, Gard, und seine Freundin Tone hatten sie später am Abend verlassen, um ein anderes Silvesterfest zu besuchen.

Bente hatte ein schlichtes graues Kostüm getragen, er selbst einen dunklen Anzug. Einen Brautstrauß hatte sie nicht gewollt, er hatte ihr aber trotzdem einen gekauft, rote Rosen, wie beim ersten Mal.

Georg, sein vierjähriger Sohn aus seiner Beziehung zu Sigrid Velde, war nicht dabei gewesen. Der Junge war der sichtbare Beweis für sein tragisches Versagen von damals. Er war die Frucht eines kurzen und hektischen Seitensprungs, der zur Scheidung und anderthalb Jahren Zusammenlebens mit Sigrid geführt hatte. Seinen Alltag hatte der Kommissar nun wieder in den Griff bekommen, obwohl es immer allerlei Probleme gab, wenn Georg jedes zweite Wochenende und jeden Mittwoch zu Besuch kam. Vor allem, wenn er mit großen, schwierigen Fällen zu tun hatte und Zeit und Gedanken ihm davonliefen. Die Weihnachtsferien hatten ihnen allen gut getan, aber jetzt war der Alltag wieder eingekehrt. Ein neuer Fall wartete. Wie ein großer grauer Windstoß war er ins Schlafzimmer eingedrungen und hatte ihn aus seinem Traum gerissen.

 

Die junge Frau, welche die Leiche gefunden hatte, war vernommen und entlassen worden. Jetzt wurden Spuren sichergestellt und das Treppenhaus durchsucht. Die Wohnungsnachbarn schauten immer wieder aus ihren Türen, um ja nichts zu versäumen. Und draußen vor dem Haus hatten sich bereits Presseleute und Fotografen eingefunden.

Ester Synnøve Lønn lag auf der Seite, einen Arm am Körper, den anderen über den Kopf gestreckt. Sie lag auf einem Bett aus Glassplittern, die von einer zerbrochenen Vase stammten. Und noch immer, nach all diesen Jahren, durchjagte Cato Isaksen beim Anblick eines Opfers ein Gefühl der Kälte. Er konnte sich an viele ausdruckslose Totenmasken aus lange zurückliegenden Fällen erinnern. An halb verweste Leichen, an entsetzliche Gesichtsausdrücke. Ein toter Mensch war von einer ganz besonderen Aura aus Stille und Leere umgeben. Sein Beruf erinnerte den Kommissar immer wieder daran, wie einzigartig und gefährlich es ist, ein Mensch zu sein.

Er war umgeben vom Stimmengewirr der Kollegen von der Spurensicherung. Sie trugen Papieranzüge und dünne Gummihandschuhe, hatten die Aufgaben unter sich aufgeteilt und versuchten jetzt, möglichst viele Spuren zu finden. »Entschuldige mal kurz.« Jemand stieß Cato Isaksen an, der daraufhin um die Leiche herumging. Der erfahrene Mordermittler beugte sich über die Reste dessen, was noch vor wenigen Stunden eine lebendige Frau gewesen war, und betrachtete die Wunden, die ihr zugefügt worden waren. An der einen Schläfe waren ihr die blonden Haare ausgerissen worden. Auf ihrer Stirn prangte ein blauer Fleck. Die Stichwunden am Hals sprachen für sich. Soweit der Kommissar sehen konnte, gab es davon drei. Doch wegen des ausgetretenen Blutes waren sie nur schwer voneinander zu unterscheiden.

Die Augenlider der Toten waren halb geschlossen, nur ein graugrüner Halbkreis war zu sehen. Über der Nasenwurzel tanzten einige kleine Sommersprossen.

Ellen Grue ging neben Cato Isaksen in die Hocke. Ein Gefühl von Wärme durchfuhr ihn. Ihr Papieranzug raschelte leise. Sie rückte ihre Plastikhandschuhe zurecht und schaute aus ihren dunklen Augen schräg zu ihm hoch. »Ich glaube nicht, dass sie schon lange tot ist«, sagte sie. »Ein paar Stunden vielleicht, aber es muss irgendwann heute Nacht passiert sein.«

»Die Halsschlagader ist quer durchtrennt worden«, sagte Cato Isaksen und musterte noch einmal die dünnen Wunden in der Halshaut und die Lache aus halbgeronnenem Blut, die als rotbrauner Kreis neben der Toten den Boden bedeckte. Ein Teil des Blutes war in einen hellen Teppich eingesickert und bildete ein groteskes Tupfenmuster. Das Opfer trug einen kurzen blauen Morgenrock.

»Sie war vielleicht schon schlafen gegangen und ist dann wieder aufgestanden«, murmelte er vor sich hin. Sie trug keine Strümpfe, ihre Füße waren nackt. Ihm fiel auf, dass das Opfer auch an den Beinen einige kleine helle Sommersprossen hatte.

»Es gibt mehrere Hinweise auf einen Kampf.« Ellen Grue richtete sich wieder auf. Sie zeigte auf eine aus der Wand gerissene Lampe. Sie lag halb zerbrochen unter einem Holzstuhl. Vom Esstisch war die Decke herunterrissen worden, ein kupferner Leuchter war umgekippt. Allerlei Papiere lagen über den Tisch und den Fußboden verstreut. »Aber es war nicht besonders schwer, sie umzubringen. Ein solcher Schnitt in den Hals und du bist tot. Wir versuchen, die Papiere wieder so hinzulegen, wie sie gelegen haben müssen«, sagte sie dann und nickte zu einem Kollegen hinüber, der das Beweismaterial vorsichtig in einem Plastikordner verstaute.

Ein weiterer Kollege, ein großer, etwas träger Mann mit rötlichen Haaren, fotografierte gründlich das Zimmer in allen Einzelheiten. Ellen Grue wandte sich für einen Moment von Cato Isaksen ab und sprach ein paar Sätze in ein kleines Diktafon.

»Herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit«, rief der Rothaarige Cato Isaksen zu.

Ellen Grue drehte sich wieder um und warf einen Blick auf seine Füße. »Bitte, zieh Plastiksocken an, wenn du weiter hier herumtrampeln willst.« Ihre Miene veränderte sich. Ihre Augen wurden dunkel. Der Rothaarige lächelte kurz. »Alles klar«, sagte er.

Die Wohnung war schlicht, aber doch auf besondere Weise eingerichtet. Farben und Textilien waren sorgfältig ausgewählt worden. Die groß gemusterten Vorhänge vor den hohen, altmodischen Fenstern waren auf den Seiten zu viel zu wuchtigen Arrangements drapiert. Die Wände waren von einem kräftigen Gelb und über dem abgenutzten weinroten Ledersofa hing ein gerahmtes Bild eines kleinen Hofes. Daneben war ein großes Foto eines hübschen lächelnden Jungen mit dunklen Haaren angebracht. Ihm fehlten beide Vorderzähne, und er trug eine blaue Windjacke.

Die Kollegen hatten die vom Boden aufgelesenen Papiere auf dem gläsernen Couchtisch zu einem kleinen, durchnummerierten Stapel sortiert. Neben zwei Kinderzeichnungen und einigen Prospekten war auch ein aus einer Zeitung herausgerissener Artikel über ein vor dem Tod gerettetes Kätzchen dabei. Cato Isaksen streifte sich einen Plastikhandschuh über und griff vorsichtig danach. Das große Bild einer Katze in den Händen eines Mannes leuchtete ihm entgegen. Der Besitzer wollte es gerade an die U-Bahn-Schienen binden, als ein junger Jugoslawe auftauchte und ihn in letzter Sekunde wegstieß. Er entriss ihm das Kätzchen, rannte davon und konnte dem Tier auf diese Weise das Leben retten.

 

Plötzlich stand Kommissar Roger Høibakk in der Tür, er füllte fast den gesamten Türrahmen aus. »Ferien zu Ende, wie mir scheint. Nie hat man Ruhe.« Er nickte kurz zu Cato Isaksen hinüber, schüttelte den Kopf und fuhr sich durch die glatten dunklen Haare. Dann zog er ein Paar Plastiksocken an, kam zu seinem Chef herüber, stützte die Hände auf die Knie und beugte sich über das Opfer.

»Hübsche Frau«, sagte er. »Wer zum Henker kann das getan haben, was meinst du?«

»Sie ist wohl erst seit ein paar Stunden tot«, sagte Cato Isaksen und entdeckte in einem großen Spiegel mit schwerem Goldrahmen sein helles Gesicht. Hinter sich sah er den Rücken von Ellen Grue.

»Was wissen wir?« Roger Høibakk richtete sich wieder auf.

»Noch gar nichts. Sie wurde gegen halb sechs von einer Zeitungsbotin gefunden«, sagte Cato Isaksen und zuckte mit den Schultern.

»Ich habe die Wache angerufen und gebeten, Personalien und andere wichtige Auskünfte zu besorgen, aber ich gehe davon aus, dass es sich bei der Toten um Ester Synnøve Lønn handelt. In einer Kommodenschublade lag ein alter Pass.«

»Wie alt ist sie?«

»Geboren 1968, also fast zweiunddreißig.«

In dem einzigen und recht großen Schlafzimmer standen an der einen Wand ein großes, zerwühltes Einzelbett, an der anderen ein blau angestrichenes Kinderbett. Die mit Dinosauriern bedruckte Steppdecke war sorgfältig glatt gestrichen. Am einen Ende saß ein großes, abgegriffenen Stoffkaninchen mit langen Ohren und schwarzen Gummistiefeln an den Füßen. Die Luft roch süßlich und stickig. Aus der altmodischen Kugellampe unter der Decke strömte tristes, dunkelgelbes Licht. Unter dem Fenster mit den vorgezogenen Vorhängen stand ein Schreibtisch mit einem Computer. Über der Stuhllehne hingen achtlos hingeworfene Kleider, eine schwarze Hose und ein dicker Pullover. Auf dem Boden lagen eine dünne Strumpfhose und zwei abgenutzte Pantoffeln.

»Sie war eindeutig schon schlafen gegangen«, sagte Cato Isaksen mit einem Blick auf Roger Høibakk, der durch einen Vorhangspalt lugte.

»Sie hatte nicht einmal Zeit, sich die Pantoffeln anzuziehen.«

»Unten auf der Straße ist schon die Hölle los«, sagte Roger Høibakk. »Das finden wir morgen dann in den Schlagzeilen, stell ich mir vor.«

Auf der Wand über dem ungemachten Bett hing ein gerahmtes Zitat: Das Glück kommt zu denen, die es sich mit Gewalt holen.

Ellen Grue trat ins Zimmer. »Den Computer nehmen wir sofort mit«, sagte sie und bat Roger Høibakk, die Leitungen zu überprüfen und das Gerät zum Auto hinunterzutragen.

Die Küche war aufgeräumt. Als Cato Isaksen eine Schranktür öffnete, stand sofort Ellen Grue neben ihm und forderte ihn mit Leidensmiene auf, das zu lassen. Entwaffnend hob er beide Hände und ging seitwärts aus dem kleinen Raum hinaus. »Schon gut, schon gut«, sagte er und bedachte seine Kollegin mit einem warmen Lächeln. Ihre kurzen dunklen Haare waren auf der einen Seite zerzaust. Plötzlich fühlte er sich müde und wach und aufgewühlt zugleich. Er dachte an den Tag, vor einem Jahr, als es zwischen ihnen zum ersten Mal zum Äußersten gekommen war. Sein Mund an ihren Brustwarzen. Ihre glatte braune Haut in der Badewanne. Plötzlich fühlte er sich weit weg von den Menschen, den Gegenständen und den schrecklichen Dingen, die vor kurzer Zeit in dieser Wohnung passiert waren.

»Ellen«, sagte er, aber sie ließ ihn nicht ausreden.

»Gib uns zwei Tage«, sagte sie kurz. »Danach könnt ihr machen, was ihr wollt.«

 

Der Morgenverkehr war dichter geworden, als Cato Isaksen wieder im Auto saß und zur Wache am Grønlandleiret 44 fuhr. Er hupte gereizt, als ein anderer Wagen sich vor ihn in die Schlange zwängte, und hatte zugleich das bekannte ungute Gefühl im Bauch, eine Mischung aus Erwartung und Ohnmacht. Der Zeitdruck, alles eilte so sehr.

Auf der Wache hatten sie sich vor der Neujahrsnacht gefürchtet. Die Kastastrophenerwartungen beim Übergang ins neue Jahrtausend waren sehr groß gewesen. Aber dann war alles unerwartet glatt verlaufen. Die Computer hatten sich exemplarisch verhalten. Alle Register und Listen, alle Systeme waren weiterhin einsatzbereit.

Dass bei dem großen Waffendiebstahl im Villmarkhus auf Grønland in der Neujahrsnacht auf fünf Kollegen geschossen worden war, zählte hingegen zu den unangenehmen Ereignissen. Einer war verletzt worden, würde jedoch überleben. Von Cato Isaksens Männern hatten nur Roger Høibakk, der zum Kommissar befördert worden war, und der immerzu ruhige, joviale Asle Tengs in jener Nacht Dienst gehabt.

Wie lange dieser neue Fall sie in Anspruch nehmen würde? Welches Schicksal sie diesmal bloßlegen würden? Er dachte an die Leiche der zweiunddreißig Jahre alten Frau mit den blonden Haaren. Welche düsteren Schatten sich wohl hinter diesem Verbrechen verbargen? Welches Leben hatte sie gelebt – oder nicht gelebt? Er holte tief Luft. Sie mussten einfach an die Arbeit gehen. Er würde den Mörder finden. Intuitiv wusste er, dass dieser Mord aufgeklärt werden würde, aber er wusste auch, dass es töricht wäre, sich blind darauf zu verlassen. Doch die vertraute Unruhe mischte sich bald mit einem Gefühl von Ruhe. In sein Leben war Ordnung eingekehrt. Er barst vor Energie und wollte sich jetzt auf seine Arbeit konzentrieren und sich nicht auf weitere Frauen einlassen. Wenngleich »einlassen« vielleicht übertrieben wäre, das mit Ellen war reine erotische Anziehung gewesen, der sie plötzlich freien Lauf gelassen hatten. Auch Ellen hatte das so gesehen, hatte sie gesagt. Sie hatte ihm versichert, dass es zwischen ihnen nur um Sex gegangen war. Und deshalb hatte er sie geliebt. Es gab nur selten Frauen, die so rasch zur Sache kamen wie sie und die danach nicht alles mögliche erfanden, sich die abstrusesten Dinge einbildeten und einen Höllenärger machten. Sie reizte ihn noch immer, aber jetzt musste Schluss sein.

Für einen Moment überlegte er sich, wer eigentlich die Richtige war. Und ob wirklich eine Einzige die Richtige sein konnte oder ob man Stellung beziehen, sich entscheiden musste. Er glaubte wohl eher an Letzteres. Er fühlte sich erleichtert. Er hatte Stellung bezogen. Bente war die Richtige. Er wollte sich an sie halten, an sie und an die Jungen.

 

Vor und nach dem Wort gibt es das Zeichen und im Zeichen den Leerraum, in dem wir wachsen. So, wie eine Wunde, ist nur das Zeichen sichtbar. Aber das Auge lügt.

Diese Sätze, die er vor Jahren, als in seinem Leben das Chaos herrschte, in einem Buch gelesen hatte, hatten sich ihm aus irgendeinem Grund eingeprägt. Sonst vergaß er fast sofort alles, was er gelesen hatte. Warum aber dachte er jetzt gerade an diesen Satz? So, wie eine Wunde, ist nur das Zeichen sichtbar.

Oft war es so, dass ein einziges Detail in einem verwickelten Mordfall die Lösung bringen konnte. Er dachte daran, als er in die Tiefgarage der Wache einfuhr und seinen Wagen auf seinen festen Parkplatz stellte. Die kleinen Zeichen waren wichtig, schon von Anfang an. Dass das Opfer einen Bademantel getragen hatte, zum Beispiel. Das konnte bedeuten, dass die Frau wieder aufgestanden war, um einem Bekannten die Tür zu öffnen. Aber warum hatte der Mörder die Tür offen stehen lassen, nachdem er den Mord begangen hatte?

Abteilungsleiterin Ingeborg Myklebust rief am selben Nachmittag um 15.30 Uhr alle zu sich ins Büro. Inzwischen hatten die Mordermittler alle Hände voll zu tun gehabt. Die Minuten und Stunden waren nur so verflogen. Sie hatten wichtige Informationen eingeholt, hatten die Nachbarn befragt und Kontakt zu den Angehörigen aufgenommen. Cato Isaksen hatte das Kommando übernommen und seine Leute hin und her geschickt, hatte ihnen Aufgaben erteilt und sich kontinuierlich Bericht erstatten lassen. Hauptkommissarin Ingeborg Myklebust fühlte sich, ganz im Gegensatz zu Fahndungsleiter Cato Isaksen, überhaupt nicht in Form. Ihre prachtvollen roten Haare waren während der letzten Monate grau geworden. Sie fuhr sich mit der gepflegten Hand über den schottisch karierten Rock, zog einen Stuhl hervor und ließ sich darauf sinken. Irgendetwas stimmte nicht, das spürte sie schon lange. Und jetzt hatte sie die Konsequenzen gezogen und sich an ihren Arzt gewandt, der sie sofort zu einer gründlichen Untersuchung ins Krankenhaus überwiesen hatte. Die Ergebnisse würde sie einen Tag später erhalten.

Randi Johansen, die gerade nach nur sechs Monaten Mutterschaftsurlaub in den Dienst zurückgekehrt war, brachte für alle Kaffee auf einem Tablett, während Asle Tengs zwei Stühle von der Wand abdrückte und vor den ovalen Besprechungstisch stellte. Roger Høibakk und das Papasöhnchen aus Stabekk, Preben Ulriksen, waren ebenfalls anwesend. Preben Ulriksen konnte fast als Doppelgänger des Fußballspielers David Beckham durchgehen und wurde deshalb immer wieder aufgezogen.

Als alle am Tisch Platz genommen hatten, ergriff Cato Isaksen das Wort und teilte mit, die Tote, Ester Synnøve Lønn, sei zur Obduktion ins gerichtsmedizinische Institut gebracht worden. Dort sollte dem Fall Priorität eingeräumt werden und er hatte die Kollegen gebeten, innerhalb weniger Tage einen vorläufigen Bericht vorzulegen. Er trank einen Schluck Kaffee und fuhr dann fort: »Das Opfer hatte Wunden an Kopf und Stirn und drei tiefe, längliche Stichwunden im Hals. Das viele ausgetretene Blut lässt annehmen, dass der Tod rasch eingetreten ist. Sie war fast zweiunddreißig Jahre alt, geboren am 5. Februar 1968, und bei der Post angestellt. Sie hat in der Briefsortierabteilung in Skøyum gearbeitet. Und zwar seit einem Jahr. Unseres Wissens wohnte sie ebenso lange in der Wohnung, in der sie gefunden worden ist. Außerdem hat sie einen siebenjährigen Sohn, Markus Svendsen.«

Roger Høibakk, der diese Informationen eingeholt hatte, redete jetzt weiter. »Der Sohn wohnt bei den Eltern des Opfers, seinen Großeltern also, auf einem kleinen Hof bei Fredrikstad.«

Randi Johansen trank auch einen Schluck Kaffee und schaute rasch auf die Uhr. An diesem Tag musste sie ihr Kind aus der Krippe holen. »Warum hat der Kleine nicht bei seiner Mutter gewohnt?«, fragte sie neugierig. Seit sie selbst Mutter der kleinen Synne war, kam es ihr unvorstellbar vor, sich von ihrem Kind zu trennen. Sie hatte ja schon ein schlechtes Gewissen, weil sie den Mutterschaftsurlaub nicht voll ausgenutzt hatte, sondern schon nach so kurzer Zeit wieder zum Dienst erschienen war.

»Das wissen wir bisher noch nicht«, sagte Cato Isaksen. »Die Eltern der Toten wurden vor einigen Stunden benachrichtigt und um Namen von Leuten gebeten, die das Opfer identifizieren können. Ich möchte nicht, dass sie ihre Tochter in diesem übel zugerichteten Zustand sehen. Die beiden haben ihren Sohn darum gebeten, den Bruder der Ermordeten, Bjørn Tore Lønn. Er wohnt hier in Oslo.«

»Ich habe mit ihm gesprochen«, sagte Asle Tengs ruhig. »Er müsste jetzt gerade bei der Gerichtsmedizin sein und kommt danach her. Ich habe Anne Grethe Juvik mit ihm hingeschickt.«

»Gut«, sagte Cato Isaksen und machte sich eine Notiz. Roger Høibakk trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte herum.

»Es muss doch einen Grund dafür geben, dass ihr Sohn nicht bei ihr lebt.« Randi Johansen ließ nicht locker.

»Das werden wir erfahren, wenn wir ihren Bruder und die Eltern vernommen haben«, sagte Cato Isaksen rasch. Er dachte kurz nach, dann fügte er hinzu: »Sie trug einen dünnen kurzen Morgenrock, als sie gefunden wurde.«

»Sie schien schon schlafen gegangen zu sein«, folgerte Roger Høibakk. »Und ist dann wieder aufgestanden.«

»Das Bett war benutzt«, sagte Cato Isaksen. »Im Schlafzimmer lagen allerlei Kleidungsstücke. Eine Hose und ein Pullover, unter anderem. Und ein Paar Pantoffeln. Sie war einwandfrei schon schlafen gegangen.«

»Und sie hatte nicht einmal Zeit, sich die Pantoffeln anzuziehen.« Roger Høibakk sah sich um. »Das Problem ist, dass die Nachbarn allesamt nichts gehört haben.«

»Dazu komme ich gleich«, sagte Cato Isaksen und blätterte in den Notizen, die vor ihm lagen.

Ingeborg Myklebust verspürte hinter ihrer Stirn einen bohrenden Schmerz. Die glühenden Stiche in ihrer Brust raubten ihr die Konzentration. Sie hatte Angst, Angst vor einer ernstlichen Erkrankung.

»Es ist wohl das Wahrscheinlichste, dass sie den Mörder gekannt hat«, stellte Asle Tengs gelassen fest. »Dass er gekommen ist, als sie schon schlafen gegangen war, dass sie ihm die Tür aufgemacht hat.«

Ingeborg Myklebust musterte ihn müde. »Wir wollen keine voreiligen Schlüsse ziehen«, sagte sie in schärferem Tonfall, als sie gewollt hatte. »In Oslo wird so viel eingebrochen. Denkt doch nur an die Frau in Majorstua, die von einem Mann verfolgt worden ist, der sich dann mit ihr in die Wohnung gedrängt hat, als sie die Tür aufschließen wollte.«

Cato Isaksen warf seiner Chefin einen verärgerten Seitenblick zu. Warum musste sie die Leute immer so abkanzeln? »Ester Synnøve Lønn war geschieden.« Er zog ein Blatt aus dem vor ihm liegenden Stapel. »Und zwar erst seit ziemlich kurzer Zeit. Die Scheidungspapiere lagen auf dem Wohnzimmertisch. Und ihr Exmann heißt Johnny Svendsen und ist ebenfalls zweiunddreißig.«

»Die Nachbarin von gegenüber, eine alte Dame, behauptet, gestern Nacht auf der Straße einen Mann gesehen zu haben. Und der war auch oben bei der Wohnungstür«, sagte Preben Ulriksen.

»Hat sie ihn nicht hereingelassen?« Randi Johansen war aufgestanden, um die Heizung höher zu drehen.

»Doch.«

»Aber dann haben wir doch etwas.«

»Vielleicht«, sagte Cato Isaksen.

»Die Nachbarin konnte ihn ziemlich gut beschreiben«, sagte Roger Høibakk. »Gut aussehender, dunkler Typ. Genauso hat sie sich ausgedrückt.«

Preben Ulriksen nickte. »Wir sind noch nicht fertig, zwei Kollegen reden mit den restlichen Leuten im Haus. Und mit denen aus den anderen Aufgängen. Erkundigen sich, ob jemand etwas bemerkt hat. Aber ein bisschen seltsam ist es schon, dass die Leute aus der Wohnung darunter nichts gehört haben. Nach all dem Chaos zu urteilen, der zerbrochenen Vase, dem umgekippten Stuhl und so, dann muss es bei dem Mord doch ziemlich laut hergegangen sein.«

»Aber niemand hat etwas bemerkt, niemand hat etwas gehört, ist das nicht oft so?« Roger Høibakk beugte sich über den Tisch und nahm einen braungefleckten Apfel aus einer Schüssel.

Wieder nickte Preben Ulriksen. »Nichts gehört, nichts gesehen.«

Ingeborg Myklebust spielte an der blanken Brosche auf ihrer blauen Seidenbluse. »Diese zerbrochene Vase, kann das vielleicht die Mordwaffe gewesen sein?«

Cato Isaksen schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht«, sagte er. »Aber die Glasscherben werden von der Spurensicherung natürlich auch untersucht.«

»Ihre Familie, wer spricht mit der?« Die Abteilungsleiterin kämpfte gegen ihre Lust auf eine Zigarette an.

»Ich schicke gleich jemanden los«, sagte Cato Isaksen und schaute auf die Uhr. »Die Kollegen aus Fredrikstad haben ihre Hilfe angeboten, aber ich glaube, wir behalten die Sache erst mal hier im Haus. Ich habe bisher nur kurz mit den Eltern der Toten telefoniert. Der Vater wollte sofort herkommen, doch das habe ich verhindern können. Er hat aber erzählt, dass der Exmann der Ermordeten, Johnny Svendsen, bei den Osloer Verkehrsbetrieben arbeitet. Sie wissen allerdings nicht, wo er jetzt wohnt. Außerdem haben wir vielleicht schon eine Trumpfkarte. Ivar Lønn hat nämlich erzählt, dass seine Tochter Angst vor ihrem Exmann hatte und ihre Adresse geheimhielt, weil sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte.«

»Kann das der Grund sein, warum ihr Sohn nicht bei ihr gewohnt hat?«, fragte Randi Johansen.

»Das ist gut möglich.«

»Johnny Svendsen ist nicht vorbestraft«, sagte Asle Tengs. »Das habe ich schon überprüft.«

Ingeborg Myklebust setzte sich aufrecht hin. »Dann wird das vielleicht ja doch eine leichte Arbeit.«

»Wir wollen nicht zu früh hurra schreien«, mahnte Cato Isaksen. »Aber das ist klar, auf uns warten schon ein paar brauchbare Hinweise.«

»Ich habe bei seinem Arbeitgeber angerufen, wie du gebeten hattest«, sagte Randi Johansen und machte sich energisch an einem Flecken auf ihrem Pullover zu schaffen. Getrockneter Babybrei. Sie lächelte resigniert über sich selbst, da sie das Gefühl hatte, nie mehr richtig sauber zu sein. »Johnny Svendsen hat keine eigene Adresse. Er hat das letzte halbe Jahr offenbar bei einem Freund verbracht. Und da weiß auch niemand, wo er jetzt steckt. Die haben nur eine Postfachnummer von ihm.«

»Na gut«, erklärte Fahndungsleiter Cato Isaksen. »Roger und ich schauen noch einmal in der Odinsgate vorbei und reden mit den unmittelbaren Nachbarn des Opfers. Ich glaube, das schaffen wir, ehe in einer Stunde ihr Bruder kommt. Was meinst du, Roger?«

»Alles klar«, bestätigte Roger Høibakk und erhob sich.

»Und du, Randi, fährst mit Preben nach Østfold und sprichst mit den Eltern.«

Randi Johansens Gesicht verdüsterte sich. »Ich muss Synne abholen«, sagte sie flehend. »Bitte, kannst du nicht jemand anders schicken?«

»Ich kann das übernehmen«, schaltete Asle Tengs sich ein.

»Na gut, aber dann kommst du später zurück«, sagte Cato Isaksen und sah verstimmt zu Randi Johansen hinüber. »Und nimmst an der Vernehmung des Bruders teil.«

Johnny Svendse eß die Kippe auf den glatten Bürgersteig fallen. Mit raschen Schritten ging er durch die Theresesgate. Einer alten Frau fiel vor einem kleinen Gemüseladen eine Tüte mit Apfelsinen aus der Hand. Die Autos jagten vorbei und hinterließen Abgase und einen kalten Windhauch. Die Reifen rollten mit einem glitschigen Geräusch über den blanken Asphalt.

Johnny Svendsen war einsneunundsiebzig groß und hatte leichte O-Beine. Seine Haare waren mit Gel glatt gestrichen und er trug ausgelatschte Cowboystiefel. Die Hände tief in die Taschen gebohrt, bewegte er seinen Körper energisch hin und her. Es war kalt. Er zog seine dünne Lederjacke fester um sich zusammen, aber die Kälte kroch trotzdem durch seine Hosenbeine hoch.

Johnny Svendsen holte tief Luft. Plötzlich brach es wieder über ihn herein, dieses düstere Gefühl, dieses entsetzliche, alles zerfressende Gefühl, dass es vorbei war. Die ganze Sache war nicht gut für ihn. Er war nervlich am Ende. Sein Leben schien sich in einen dunklen Umhang gehüllt zu haben. Wie viel konnte ein Mensch ertragen?

Nach Hause konnte er nicht. Bjørn Tore hatte auf seinem Handy eine Nachricht hinterlassen. Die Bullen waren hinter ihm her. Nun wusste er nicht so recht, wie er sich verhalten sollte. Und Bjørn Tore war auch nicht gerade in einer guten Lage.

Aber der war kein Vater. Wenn Johnny verhaftet würde, könnte ihm der Kontakt zu dem Kleinen noch schwerer gemacht werden. Der Siebenjährige hatte große Ähnlichkeit mit ihm, war fast ein Abbild von ihm, damals, in diesem Alter. Die dunklen Haare, die grauen Augen, die Wangenknochen, die langen Arme.

 

Er bog in den Stenspark ab. Der Turm der Fagerborgkirche ragte wie ein kräftiger Speer in den Himmel. An einigen Stellen war es sehr glatt. Das Gras unter seinen Füßen war bedeckt von einer dünnen Eishaut, fast wie ein Leichentuch. Unbarmherzig waren die blutlosen und verwelkten Herbstblätter von Eis und Kälte bezwungen worden. Alles strahlte Leere aus, der Park, die Straßen, die hin und her sausenden Autos. Die Stille, die ihn erfüllte, war unerträglich. Er spürte, wie sein Magen sich vor Hunger zusammenkrampfte.

Er hatte erst kürzlich herausgefunden, wo Markus steckte. Er hätte sich ja denken könnten, dass der Junge unten auf Enger war, aber er hatte keinen Kontakt zu alten Freunden und Bekannten. Jetzt nicht mehr. Nicht einmal bei der Tante, bei der er aufgewachsen war, brachte er es seit einem Jahr noch fertig, sich zu melden. Aber jetzt wusste er, dass Markus auf dem Hof war. Das war immerhin etwas oder im Grunde sogar alles. Und er wusste endlich, wo Ester Synnøve jetzt wohnte. Er hatte über ein Jahr gebraucht, um das in Erfahrung zu bringen. Es hatte ihn viel Zeit und Kraft gekostet. Glaubte sie wirklich, einfach so von der Erdoberfläche verschwinden zu können? Dafür würde sie bezahlen. Sie war Schuld daran, dass sein Leben ruiniert war.

Ester hatte ihn gedemütigt. Die Wut, die er empfand, konnte er nicht beschreiben. Eigentlich war seine Exfrau verdammt verwöhnt, ja, das war sie. Alles sollte immer nach ihrem Kopf gehen. Was erwartete sie eigentlich? Dass er die ganze Zeit nach ihrer Pfeife tanzte? Dass er sich benahm, wie sie das nannte. Ja, verdammt, und wie er sich benehmen würde. Sie sollte nicht über ihn entscheiden.

Wenn er an Markus dachte, dann spürte er diesen wahnwitzigen Hass, der hinter seiner Stirn losschlagen wollte. Er wurde zum Tier. Er wusste nicht mehr, was er tat, vergaß, was er aß und wann. Schlief fast nie. Das Ganze ging ihm immer wieder durch den Kopf, wie ein böser Refrain, der kein Ende nehmen wollte. Wie sollte er sich rächen, wie sollte er ihr klarmachen, dass sie keine Wahl hatte, dass sie zu ihm zurückkommen musste? Er hatte nicht aufgegeben. Er würde niemals aufgeben. Nun zog er die Hände aus den Taschen und rieb sie aneinander, als wollte er dadurch die Kälte vertreiben.

Er hatte es fast immer schwer gehabt, aber die Zeit mit Ester war anders gewesen. Bei ihr war er zu Hause. War jemand. In ihrem Licht war seine Einsamkeit nicht so schlimm gewesen. Denn sie waren zusammen gewesen, zu zweit. Allein zu sein, das war unerträglich. Sie waren mit vierzehn zusammengekommen und zusammengeblieben, bis sie ihn vor zwei Jahren verlassen hatte. Er hatte geglaubt, dass sie eine gute Beziehung gehabt hätten. Das hatte er wirklich geglaubt. Natürlich wusste er, dass er manchmal ungerecht sein konnte, aber er hatte nicht gedacht, dass ihr das so viel ausmachte. Er meinte es doch nicht so ernst. Und sie war auch nicht immer pflegeleicht. Manchmal hatte er geglaubt, sie spiele sich für andere Männer auf. Er hatte keine handfesten Beweise gehabt, es war eher ein Gefühl gewesen. Er wusste es nicht, vielleicht hatte er übertrieben. Aber sie war so hübsch.

Der junge Mann biss die Zähne zusammen. Dieses Miststück hatte ihm so viel kaputtgemacht. Hatte ihn in die finstere Einsamkeit hinausgestoßen, ihm den Jungen weggenommen, ihn heimatlos und arm gemacht. Jetzt schmarotzte er bei einem entfernten Bekannten, lieh eine Wohnung von jemanden, der im Grunde nicht einmal ein Freund war.

Johnny Svendsen bog in die Stensgate ab. In der Luft hing ein kalter Wind. Zwei Frauen kamen an ihm vorbei, völlig in ihr Gespräch vertieft. Gesprächsfetzen trieben ihm entgegen. ... nichtnur das, aber weißt du, was er gesagt hat ...es ist einfach unglaublich.

Jetzt war Markus sein eigentliches Ziel. Er durfte nicht zur Arbeit gehen, da die Bullen ihn suchten. An sich hätte er an diesem Tag Frühschicht gehabt.

Er schob die Hand in die Tasche und fischte die Zigaretten hervor, steckte sich eine zwischen die Lippen und zündete sie mit einem Wegwerffeuerzeug an. Dann überquerte er die Straße und steuerte das Haus Nummer 21 an. Die Tür war natürlich abgeschlossen. Er musste Lises Namen auf dem Klingelbrett erst suchen. Er war schon oft hier gewesen, konnte sich aber nie daran erinnern, wo ihr Name stand. Er musste sie dazu bringen, ihm mit dem Summer die Tür aufzumachen. Diesmal musste sie ihn einfach hereinlassen. Er studierte die Namen, die neben den Klingeln standen. Am Ende fand er den Gesuchten. Sommer, stand auf dem Messingschild zwischen den vielen anderen Namen. Energisch drückte er auf den Knopf und trat zwei Schritte zurück. Er konnte nicht stillstehen, die Kälte hatte sich schon längst durch seine Stiefel und in seine Füße gefressen.

Die Stille ragte vor ihm auf. Wieder und wieder drückte er auf die Klingel. Er wusste nicht, ob sie bei der Arbeit war. Er wusste nicht einmal, wo sie arbeitete oder ob sie überhaupt Arbeit hatte. Er hatte sie verdammt lange nicht mehr gesehen.

Ein letztes Mal drückte er auf den Knopf und wollte gerade gehen, als die Gegensprechanlage knackte. Eine müde, belegte Stimme sagte: »Hallo.«

»Hier ist Johnny, ich muss mit Lise sprechen.«

Einen Moment blieb alles still. »Ich will dich nicht sehen«, flüsterte sie dann.

Die Gegensprechanlage rauschte leise, dann hörte er ein metallisches Klicken. Sie hatte das Gespräch beendet, ohne die Tür zu öffnen. Wütend drückte er noch einmal auf den Klingelknopf.

»Ich will nicht mit dir sprechen.« Lise Sommer war sofort da. Ihre Stimme zitterte. »Nie mehr, habe ich gesagt.«

»Aber was zum Teufel ist los? Ich habe dir nichts getan. Auch wenn Ester und ich ... wir können doch trotzdem befreundet sein!«

Er wusste natürlich, dass sie zu Ester hielt, aber trotzdem. Früher hatte er auch über Lise eine gewisse Macht ausgeübt. In den alten Tagen, als er im Mittelpunkt der Clique gestanden hatte. Im Grunde hatte er über alle Macht gehabt. Aber was war dann eigentlich passiert? Was passierte hier mit ihm? Er drückte noch einmal auf den Klingelknopf. Dieses Mal würde er nicht aufgeben, verdammt. Er warf die Kippe auf den Boden und trat sie aus. Dann donnerte er mit der Faust gegen die Messingplatte mit den Klingelknöpfen.

Seine Fingerknöchel schmerzten. Aus einer kleinen Wunde sickerte Blut. Mehrere Klingeln waren ruiniert. Er zog an zweien und riss daran, bis sie nur noch an ihren roten und schwarzen Leitungen hingen. »Das hast du nun davon, du blöde Kuh!«, brüllte er, dann schlug er den Kragen seiner Lederjacke hoch, drehte sich um und lief zitternd vor Wut und Kälte die Straße hinunter.

Die nächste Nachbarin der Ermordeten hieß Rakel Mandal. Sie war eine ältere Dame mit grauen Dauerwellen und einem zu rosa Lippenstift auf ihren schmalen Lippen. Durch die dünne Haut ihrer Wangen schimmerten lila Adern. Sie sah durch den Türspalt zu, wie Cato Isaksen aus Ester Synnøve Lønns Wohnung kam.

Die Kommissare hatten sich nur nach möglichen neuen Beweismitteln erkundigen wollen. Die Spurensicherung war noch immer am Werk. Roger Høibakk war geblieben, um einige Details zu klären.

Cato Isaksen nickte Rakel Mandal zu und bedeutete ihr, die Tür zu öffnen. »Guten Tag«, sagte er. »Ich würde gern kurz mit Ihnen sprechen, wenn das möglich ist.«

Sofort riss die Frau die Tür weit auf. »Kommen Sie herein«, sagte sie hektisch. »Kommen Sie doch einfach herein. Ich sehe ja, dass Sie wieder in ihrer Wohnung waren. Es ist einfach so grauenhaft. Ich kann es fast nicht glauben.«

»Wir werden wohl noch den ganzen Abend und auch die kommenden Tage in der Wohnung bleiben.« Cato Isaksen merkte plötzlich, dass ihm vor Hunger schwindlig war. In seiner Tasche klingelte das Telefon. Bente sagte, Sigrid habe soeben Georg geholt und gefragt, ob sie sein nächstes Besuchswochenende um eine Woche verschieben könnten.

»Sehr gut«, sagte Cato Isaksen beim Gedanken an den neuen Fall, der ihn sicher noch eine ganze Weile hindurch Tag und Nacht beschäftigen würde. Er versprach, später anzurufen, und beendete das Gespräch.

»Mir ist gesagt worden, ich solle nicht so viel durch das Treppenhaus laufen«, klagte die alte Dame empört. »Ein Kollege von Ihnen war hier und hat mich aufgefordert, meine Wohnung so wenig zu verlassen wie möglich.«

»Wir müssen Spuren sichern«, erklärte Cato Isaksen und steckte sein Telefon wieder in die Tasche. »Wenn zu viel hin und her gelaufen wird, können wichtige Beweise verschwinden. Und wir möchten den Mörder doch wirklich ausfindig machen.«

»Ja, das sehe ich ja ein. Aber es ist alles so unheimlich, jetzt, wo vor der Tür die rotweißen Bänder angebracht worden sind. Das ist ja wie im Fernsehen«, jammerte Rakel Mandel und klatschte leise in ihre dünnen Hände. Die Worte strömten nur so aus ihr heraus. Sie redete noch immer weiter, als sie beide das Wohnzimmer betraten. Die ganze Zeit wiederholte sie, wie entsetzlich doch alles sei.

»Meine Nachbarin war sehr ruhig. Wir waren nicht gerade befreundet, aber es gab nie Ärger mit ihr. Ich weiß eigentlich nicht einmal, wie sie mit Vornamen hieß. An ihrer Tür steht ja noch immer Bergheim. So heißen ihre Vermieter, wissen Sie.«

Cato Isaksen schaute sich in dem düsteren, zu stark möblierten Zimmer um. Zu große Gemälde bedeckten die Wände. Die Tapete wies an mehreren Stellen feuchte Flecken auf.

»Und sie war so hübsch!« Noch einmal klatschte Rakel Mandal mit einem demonstrativen kleinen Knall in die Hände. »Ich setze nur eben Kaffee auf. Nehmen Sie doch schon einmal Platz.«

Die alte Frau verschwand mit raschen Schritten in der Küche und machte sich dort an Tassen und Untertassen zu schaffen. Cato Isaksen ging währenddessen hinaus auf den Flur und öffnete die Wohnungstür einen Spaltbreit. Roger Høibakk war noch immer bei der Spurensicherung beschäftigt.

Dann folgte der Kommissar der alten Frau in die Küche. »Das mit dem Kaffee ist nicht so wichtig, wir haben im Moment nicht so schrecklich viel Zeit«, erklärte er. »Wir müssen hundert Einzelheiten überprüfen. Ich muss in einer halben Stunde wieder auf der Wache sein.«

»Gerade deshalb brauchen Sie einen Schluck. Natürlich bekommen Sie einen Kaffee«, sagte die Frau rasch und drehte sich zu ihm um. »So hart, wie Sie arbeiten müssen.« Sie schickte ihn wieder ins Wohnzimmer. Er gehorchte und ließ sich in einen viel zu weichen Sessel sinken. Gleich darauf erschien sie mit einem großen Tablett. »Das geht doch so schnell, und sicher brauchen Sie jetzt eine Tasse Kaffee«, sagte sie noch einmal und stellte die Tassen auf den abgenutzten Couchtisch. Dann fasste sie sich an ihren dünnen Hals. »Tut mir Leid«, sagte sie, »ich werde damit einfach nicht fertig. Ausgerechnet sie, sie war doch immer so reizend. Und fröhlich, aber sehr still und zurückhaltend. Ja, so habe ich sie zumindest erlebt. Wir haben uns manchmal im Treppenhaus unterhalten. Ihr Sohn hat sich ab und zu Bücher bei mir ausgeliehen. Und wir haben Halma gespielt. Ich habe ein sehr altes Spiel, das mein Mann einmal auf einer Dienstreise gekauft hat. Ja, er ist leider vor fünfzehn Jahren gestorben.«

Rakel Mandal füllte die Kaffeetassen und reichte dem Fahnder die Plätzchenschale. »Der arme, arme Junge«, sagte sie. »Er ist doch so reizend.«

»Markus«, sagte Cato Isaksen.

»Ja, Markus. Ein feiner Junge. Glänzende dunkle Haare, hübsches Gesicht. Schöne Augen.«

Der Kommissar richtete sich in seinem tiefen, unbequemen Sessel auf und kam gleich zur Sache. »Ich hörte, dass Sie gestern hier in der Gegend eine verdächtige Person gesehen haben.«

Er merkte selbst, wie unbeholfen er sich ausdrückte. Wie ein Ermittler in einem alten Kriminalroman, aber das sollte auch so sein. Alte Damen hatten solche Fragen gern.