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ÜBER DIE AUTORIN

Åsne Seierstad, geboren 1970 in Oslo, arbeitete als Korrespondentin und Kriegsberichterstatterin für verschiedene internationale Zeitungen und ist Autorin mehrerer Sachbücher. Sowohl als Journalistin als auch für ihre weltweiten Bestseller Der Buchhändler aus Kabul und Einer von uns wurde sie vielfach ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihr Zwei Schwestern. Sie lebt in Oslo.

ÜBER DAS BUCH

Als die Journalistin Åsne Seierstad von Sultan Khan, einem Buchhändler aus Kabul, eingeladen wird, für fünf Monate bei ihm und seiner Familie zu leben, ahnt sie noch nicht, was sie erwartet. Seit mehr als zwanzig Jahren trotzt Sultan Khan den Behörden – ob Kommunisten oder Taliban –, um die Bevölkerung von Kabul mit Büchern zu versorgen. Er wurde verhaftet und musste mit ansehen, wie auf offener Straße seine Bücher verbrannt wurden. Dennoch hat er seine Leidenschaft für das Lesen nie aufgegeben und Licht in einen der dunkelsten Orte der Welt gebracht, während er gleichzeitig mit harter Hand seinen Haushalt führte. Dies ist das intime Porträt eines Mannes und seiner Familie – zwei Ehefrauen, fünf Kinder und viele Verwandte – und ein einzigartiger Einblick in ein Land der extremen Widersprüche.

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Migozarad!
[Es geht vorbei]

Graffito an einem Teehaus in Kabul

INHALT

Vorwort

Der Freier

Die Bücherverbrennung

Schuld und Sühne

Selbstmord und Gesang

Die Geschäftsreise

Willst du mich traurig machen?

Kein Zutritt zum Himmel

Bauschend, flatternd, wogend

Hochzeit dritter Klasse

Die Matriarchin

Versuchungen

Der Ruf von Ali

Der Geruch von Staub

Versuch

Kann Gott sterben?

Das traurige Zimmer

Der Tischler

Meine Mutter »Osama«

Das gebrochene Herz

Nachwort

Vorwort

Es war eine Zeit der Hoffnung. Endlich sollte es Frieden geben. Die Sowjets waren abgezogen, die Taliban gestürzt, die Warlords verjagt, der Bürgerkrieg war vorbei. Endlich schallte das Wort »Freiheit« durch die Straßen. Die Menschen mussten sich nicht mehr vor der Religionspolizei fürchten, Männer wurden nicht mehr schikaniert, weil ihr Bart zu kurz war, oder Frauen, weil ihre Kleidung zu bunt war. Sie konnten ihr Joch abwerfen, zusammen mit der Burka und der Angst. Die Mädchen sollten wieder zur Schule gehen, lernen und Träume verwirklichen dürfen.

Im Frühjahr 2002 schuf die internationale Gemeinschaft die Grundlage für eine friedliche Zukunft – Afghanistan sollte wieder aufblühen. Damals schrieb ich dieses Buch, weil ich herausfinden wollte, wie das Leben dort wirklich war.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 war bald klargeworden, dass die Vergeltungsschläge der USA sich auf das Bergland richten würden, wo Osama bin Laden sich versteckte. Ich hatte den Herbst mit Kommandanten der Nordallianz verbracht, in der Wüste an der tadschikischen Grenze, im Hindukusch, dem Pandschir-Tal und der Steppe nördlich von Kabul. Als Reporterin folgte ich der Offensive der Nordallianz gegen die Taliban in Richtung Süden. Ich schlief auf Steinböden, wohnte in Erdhütten an der Front und reiste auf Lastwagen, in Militärfahrzeugen, zu Pferd oder zu Fuß.

Mitte November 2001 stand ich auf dem Militärflugplatz Bagram, damals nicht mehr als eine löchrige Rollbahn und ein ausgebombter Tower. Doch er war die letzte Hürde vor der Einnahme Kabuls. Die Taliban waren so nah, dass ich sah, wie sie auf uns schossen. Hinter der Lehmwand eines Schuppens beobachtete ich die Schlacht, die die Nordallianz gewann. Am nächsten Morgen zogen wir nach Kabul weiter. Am Straßenrand lagen die Leichen der Taliban-Soldaten. Das Blut war kaum getrocknet, ihre Augen leer.

An einem der ersten Tage zwischen den ausgebombten Ruinen der afghanischen Hauptstadt kam ich an einem Haus vorbei, an dem ein großes Schild mit der Aufschrift Book Shop hing. Ich stutzte. Bücher? In Kabul? Ich ging hinein. Im Laden stand ein elegant gekleideter grauhaariger Mann. Nach vielen Wochen unter Soldaten, deren Gespräche sich um Waffen, Raketeneinschläge und militärische Vorstöße gedreht hatten, war es befreiend, wieder in Büchern zu blättern. Die Regale quollen über von Werken in vielen Sprachen: Gedichtsammlungen, afghanische Legenden, Geschichtsbücher, Romane und vieles mehr. Bei meinem ersten Besuch verließ ich das Geschäft mit sieben Büchern in der Tasche.

Ich kam oft wieder, wenn ich Zeit hatte, um in den Regalen zu stöbern und mehr mit dem Afghanen zu reden, der unter den wechselnden Herrschern seines Landes gelitten hatte.

»Zuerst haben die Kommunisten meine Bücher verbrannt, dann haben die Mudschaheddin meinen Laden geplündert, und dann haben die Taliban wieder meine Bücher verbrannt«, erzählte er.

Eines Tages lud er mich zum Abendessen ein. Seine Familie saß auf dem Boden um eine reich gedeckte Tafel: eine seiner Frauen, seine Söhne und Schwestern, sein Bruder, seine Mutter sowie einige Cousins. Shah Mohammad Rais erzählte Geschichten, seine Söhne lachten und machten Witze. Die Stimmung war ausgelassen, ein großer Kontrast zu den einfachen Mahlzeiten mit den Kommandanten in den Bergen. Aber mir fiel gleich auf, dass die Frauen sehr wenig sprachen. Die hübsche zweite Frau – noch ein Teenager – saß mit ihrem Baby bei der Tür und sagte kein Wort. Seine erste Frau war an diesem Abend nicht anwesend. Die anderen Frauen antworteten höflich auf Fragen, nahmen Lob für das Essen entgegen, begannen aber nie selbst ein Gespräch.

Als ich an diesem Abend heimging, sagte ich zu mir selbst: »Das ist Afghanistan. Es wäre interessant, ein Buch über diese Familie zu schreiben.«

Am Tag darauf suchte ich Herrn Rais in seinem Buchladen auf und erzählte ihm von meiner Idee.

»Vielen Dank«, sagte er nur.

»Aber das bedeutet, dass ich bei Ihnen wohnen müsste.«

»Willkommen.«

»Ich müsste die ganze Zeit bei Ihnen sein und leben wie Sie. Mit Ihnen, Ihren Frauen, Schwestern und Söhnen.«

»Willkommen«, wiederholte er.

An einem nebligen Tag im Februar zog ich bei der Familie ein. Alles, was ich dabeihatte, war mein Laptop, Notizblöcke, Stifte, ein Satellitentelefon und was ich am Leib trug. Alles andere war im Lauf meiner Reise verschwunden. Ich wurde mit offenen Armen aufgenommen und fühlte mich wohl in den afghanischen Kleidern, die ich ausleihen durfte. Ich bekam eine Matte auf dem Boden neben Leila, deren Aufgabe es war, für mein Wohlergehen zu sorgen.

»Du bist mein kleines Baby«, sagte die Neunzehnjährige am ersten Abend zu mir. »Ich werde mich um dich kümmern«, versicherte sie. Jedes Mal, wenn ich aufstand, sprang sie ebenfalls auf, denn mir sollte jeder Wunsch erfüllt werden. Das hatte Shah seiner Familie befohlen. Dass er jedem, der dies nicht respektierte, mit Strafen gedroht hatte, erfuhr ich erst später.

Nach und nach wurde ich in das Leben der Familie eingeführt. Sie erzählten mir Dinge, wenn sie Lust dazu hatten, nicht, wenn ich sie fragte. Dies geschah selten, wenn ich den Notizblock bereit hatte, sondern eher beim Einkaufen auf dem Basar, im Bus oder spätabends auf der Matte. Die besten Antworten kamen von selbst, ohne dass ich es gewagt hätte, die Frage zu stellen.

Ich lebte das Leben der Familie. Ich wachte in der Morgendämmerung vom Schreien der Kinder und den Befehlen der Männer auf, dann stand ich vor dem Badezimmer Schlange. Ich lernte rasch, dass eine Tasse Wasser im Gesicht auch erfrischt. Den Rest des Tages verbrachte ich entweder daheim bei den Frauen, besuchte mit ihnen Verwandte oder den Basar, oder ich ging mit dem Buchhändler und seinen Söhnen ins Geschäft, in die Stadt oder auf Reisen. Am Abend aß ich gemeinsam mit der Familie und trank grünen Tee, bis es Zeit zum Schlafengehen war.

Ich war ein Gast, wurde aber schnell mit allem vertraut. Die Familie kümmerte sich gut um mich, alle waren großzügig und offen. Trotzdem war ich oft auch wütend auf sie. Es war immer dasselbe, das mich provozierte, nämlich wie die Frauen behandelt wurden. Die scheinbare Überlegenheit der Männer wurde von allen stillschweigend hingenommen. Bei Diskussionen schien es selbstverständlich, dass Frauen dümmer als Männer seien, dass sie weniger Hirnmasse hätten und nicht so klar wie Männer denken könnten.

Ich hingegen galt offenbar als eine Art Zwitterwesen. Als westliche Frau durfte ich sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern sitzen. Als Mann hätte ich das Leben der Familie nicht auf die gleiche Weise teilen können, besonders den Frauen von Shah wäre ich nie so nahegekommen. In der Welt der Männer war mein Geschlecht (oder mein Zwittertum) nie ein Hindernis. Wenn Frauen und Männer auf Festen getrennt waren, durfte ich mich als Einzige zwischen den Gruppen hin- und herbewegen.

Ich musste mich nicht an die strengen Kleidervorschriften halten, die in Afghanistan für Frauen gelten, und konnte mich frei bewegen. Dennoch trug ich oft eine Burka, ganz einfach, um meine Ruhe zu haben. Eine westliche Frau erregt in den Straßen von Kabul viel unerwünschte Aufmerksamkeit. Unter der Burka konnte ich beobachten, ohne selbst beobachtet zu werden. Wenn wir gemeinsam das Haus verließen, hatte ich die anderen im Blick, ohne dass alle Augen auf mich gerichtet waren. Die Anonymität wurde zur Befreiung, es war mein einziger Rückzugsort, denn in Kabul gibt es kaum Orte, an denen man allein sein kann.

Außerdem erfuhr ich unter der Burka selbst, was es bedeutet, als Frau in Afghanistan zu leben. Wie es ist, sich in die drei hinteren, knallvollen Reihen zu quetschen, die für Frauen vorgesehen sind, obwohl der Bus nur halb voll ist. Im Kofferraum eines Taxis zu kauern, weil auf der Rückbank ein Mann sitzt. Sein erstes Burka-Kompliment von einem Mann auf der Straße zu bekommen. Wie ich die Burka immer mehr hasste. Wie sie auf den Kopf drückt und einem Kopfschmerzen bereitet, wie schlecht man durch das Stoffgitter sieht, wie wenig Luft man darunter bekommt, wie sehr man schwitzt und ständig aufpassen muss, wohin man tritt, weil man seine Füße nicht sieht. Wie viel Abfall sie vom Boden auffegt und wie schmutzig sie wird. Wie befreiend es war, sie abzulegen, wenn wir nach Hause kamen.

Manchmal trug ich sie auch zur eigenen Sicherheit, zum Beispiel, wenn ich mit dem Buchhändler auf der gefährlichen Straße nach Dschalalabad oder mit seinem Sohn nach Masar-e Scharif fuhr, wenn wir in einer schmutzigen Grenzstation übernachten mussten oder spätabends unterwegs waren.

Die Monate vergingen. Im Frühjahr 2002, als ich das Buch schrieb, herrschte großer Optimismus, die Verhältnisse im Land waren mehr oder weniger friedlich. Die Menschen schmiedeten Zukunftspläne, immer mehr Frauen ließen die Burka daheim hängen und nahmen eine Arbeit an, Flüchtlinge kehrten zurück.

Doch die neue Regierung schwankte wie zuvor zwischen Tradition und Moderne, zwischen Kriegsherren und lokalen Stammesoberhäuptern. Präsident Hamid Karzai versuchte, einen politischen Kurs in diesem Chaos abzustecken, doch er hatte weder eine Partei noch eine Armee auf seiner Seite – in einem Land voller verfeindeter, waffenstarrender Fraktionen. Viele richteten ihre Hoffnung auf die ausländischen Soldaten, die in den Straßen patrouillierten. »Ohne sie gibt es wieder Bürgerkrieg«, sagten die Leute.

Ich dachte damals, ich müsse mich mit dem Buch beeilen, weil alles sich verändern würde. Schon im Herbst 2002 erschien Der Buchhändler aus Kabul in Norwegen. Auf der Frankfurter Buchmesse wurden im selben Jahr die Übersetzungsrechte für viele Sprachen verkauft. Viele wollten lesen, wie sich das Leben einer ganz normalen afghanischen Familie gestaltete. Das Land war lange Zeit von der Außenwelt abgeriegelt gewesen. Am Ende wurde das Buch in über vierzig Sprachen übersetzt.

Als es auf Englisch erschien, konnte es der Buchhändler endlich lesen. Das Buch über ihn. Endlich würde er meine Perspektive verstehen – glaubte ich.

Eines Abends im Sommer 2003 bekam ich einen Anruf. Es war Shah Mohammad Rais (der im Buch Sultan Khan hieß – ich hatte alle Namen geändert). Er war enttäuscht und verärgert, genauer gesagt, schäumte er vor Wut. Ich hätte ihn völlig falsch dargestellt, meinte er. Ich antwortete, dass ich eventuelle Fehler verbessern und klarstellen würde. Alles sei falsch, lautete seine Antwort. Er wolle nach Norwegen kommen, damit wir uns ein paar Wochen zusammensetzen und ein neues Buch schreiben könnten.

Diesen Plan setzte er in die Tat um, aber wir wurden uns nicht einig. Ich war weiterhin bereit, mögliche Fehler zu berichtigen, wenn er sie mir aufzeigte, aber er bestand auf einem neuen Buch. Wir führten viele Gespräche, auch mit meiner Familie, dem Verlag und am Ende mit Anwälten.

Wir wurden uns nicht einig. Der Buchhändler lehnte unseren Vorschlag eines Vergleichs ab, und schließlich zog er gegen mich und den Verlag vor Gericht. Eine zähe Verhandlung mit etlichen Runden begann, und erst dreizehn Jahre, nachdem er mich zum ersten Mal angerufen hatte, gewannen wir den entscheidenden Prozess vor dem obersten norwegischen Gericht. Letzteres entschied einstimmig, dass ich ihn nicht gekränkt und seine Privatsphäre nicht verletzt hatte.

Ein solcher Gerichtsprozess verändert einen, man überdenkt seine Arbeitsweise. Das Problem liegt zum einen in den unterschiedlichen Erwartungen des Autors und der Menschen, über die er schreibt. Was will ich als Autorin aussagen, und wie wünscht die betreffende Person, dargestellt zu werden? Zum anderen liegt es in kulturellen Unterschieden. Hatte ich ausreichend berücksichtigt, dass mein Buch irgendwann auch Afghanistan erreichen würde? Hätte ich vorsichtiger sein und bestimmte Dinge nur andeuten sollen?

Dies sind schwierige Fragen. Nach dem Rechtsstreit hatte ich keinen Kontakt mehr zu dem Buchhändler. Bei späteren Buchprojekten habe ich das Konfliktpotenzial gemindert, indem ich die Personen, über die ich schrieb, den Text vor der Publikation habe lesen lassen. Nicht, um meine Autorschaft einzuschränken, sondern damit die Bücher besser, wahrer und differenzierter wurden. Im Fall des Buchhändlers hatte es keine solche Abmachung gegeben. Diese Version ist allein meine Version, die ich nach meinen Vorstellungen geschrieben habe. Shah Mohammad Rais hat inzwischen seine eigene Version der Ereignisse veröffentlicht, die auf Englisch unter dem Titel Once Upon a Time There Was a Bookseller in Kabul vorliegt. Wenn man ihn in seinem Buchladen in Kabul besucht, redet er gern über die Sache.

Ich habe beim Schreiben eine literarische Form gewählt. Man kann das Buch wie einen Roman lesen, doch ihm liegen wahre Begebenheiten zugrunde, die ich selbst erlebt habe, oder Geschichten, die mir von persönlich Beteiligten erzählt wurden. Wenn ich beschreibe, was eine Person denkt oder fühlt, beruht dies auf den persönlichen Schilderungen dieser Person.

Bei den meisten Ereignissen war ich selbst dabei: das Leben in der Wohnung, die Reisen nach Peschawar und Lahore, die Pilgerfahrt, die Einkäufe auf dem Basar, Hochzeiten und deren Vorbereitung, der Hamam, die Schule, das Unterrichtsministerium, die Jagd auf die al-Qaida, die Polizeistation und das Gefängnis. Andere Dinge habe ich nicht selbst miterlebt, zum Beispiel Jamilas Schicksal und Rahimullahs Eskapaden, oder als Mansur sich mit seinen Freundinnen im Laden traf. Diese Geschichten wurden mir von anderen erzählt.

Ich möchte betonen, dass dies die Geschichte einer afghanischen Familie ist. Es gibt Millionen andere. Meine Familie ist nicht einmal typisch. Sie gehört der Mittelklasse an, insofern diese in Afghanistan überhaupt existiert. Einige Familienmitglieder hatten eine Schulbildung, viele konnten lesen und schreiben. Sie hatten genug Geld und litten keinen Hunger. Hätte ich eine typisch afghanische Familie gesucht, wäre dies eine Großfamilie auf dem Land gewesen, in der keiner lesen und schreiben kann, und für die jeder Tag ein Kampf ums Überleben bedeutet.

In den Jahren, nachdem mein Buch erschien, ist es Afghanistan wieder deutlich schlechter ergangen. Die Taliban kamen wieder aus ihren Verstecken. Lokale Kriegsherren kämpften weiter um die Kontrolle ihrer Landesteile. Viele Männer hatten nichts anderes als Kämpfen gelernt. Die Gewalt eskalierte von Jahr zu Jahr, die Zahl der Todesopfer stieg an. Die vielen Fraktionen, Warlords und ausländische Truppen bekämpfen einander, Bombenanschläge sind an der Tagesordnung. Zwar sind das Gesundheitswesen und das Schulsystem weiterhin besser als früher, aber auf dem Land haben sich die Lebensbedingungen kaum geändert. In den Städten haben einige wenige es geschafft, sich ein Mittelklasse-Leben aufzubauen. Doch es ist ironisch und tragisch, dass die internationale Gemeinschaft sich nun an die Taliban wendet, um Frieden zu erreichen. Die Terrorgruppe ist zum einzigen wirklichen Verhandlungspartner geworden.

Bei der Arbeit an diesem Buch war ich Zeugin eines kurzen Frühlings nach einem langen Krieg. Ich schrieb auf, was ich sah und hörte. Viele hofften damals, die zarten Triebe des Friedens und der Versöhnung würden wachsen und aufblühen, doch leider wurden sie mit der Wurzel ausgerissen. Ich dachte, ich müsse mich mit der Arbeit beeilen, weil alles sich verändern würde. Heute, achtzehn Jahre später, kann man sagen, dass dieses Buch über Familienverhältnisse genauso gut in der Gegenwart spielen könnte, denn Afghanistan lebt weiterhin im Zeitalter der Patriarchen.

In der Hoffnung auf einen neuen Frühling,

Åsne Seierstad
Oslo im Juni 2020

Der Freier

Als Sultan Khan die Zeit für gekommen hielt, eine neue Frau zu finden, wollte ihm niemand helfen. Als Erstes ging er zu seiner Mutter.

»Die du hast, muss reichen«, sagte sie.

Dann ging er zu seiner ältesten Schwester. »Ich mag deine erste Frau so«, sagte sie. Dieselbe Antwort bekam er von seinen anderen Schwestern.

»Das ist eine Schande für Sharifa«, meinte seine Tante.

Sultan brauchte Hilfe. Der Freier kann nicht selbst um die Hand eines Mädchens anhalten. In Afghanistan ist es Sitte, dass eine der Frauen der Familie den Heiratswunsch vorbringt und das Mädchen näher in Augenschein nimmt, um zu sehen, ob sie tugendhaft und wohlerzogen ist und eine gute Ehefrau abgibt. Aber keine der Frauen in Sultans Nähe wollte etwas mit seiner Brautwerbung zu tun haben.

Sultan hatte drei junge Mädchen ausgewählt, die für ihn als neue Frau infrage kamen. Sie waren alle gesund und schön und aus seinem eigenen Clan. In Sultans Familie heiratet man nur ausnahmsweise außerhalb des eigenen Clans. Es gilt als das Klügste und Sicherste, Verwandte zu heiraten, vorzugsweise Cousins und Cousinen.

Als Erstes versuchte es Sultan mit der sechzehnjährigen Sonya. Sie hatte dunkle, mandelförmige Augen und schwarz glänzendes Haar. Eine gute Figur besaß sie auch, üppig, und war überdies, so hieß es, geschickt bei der Hausarbeit. Ihre Familie war arm und ausreichend nah verwandt. Die Großmutter ihrer Mutter und die von Sultans Mutter waren Schwestern.

Während Sultan noch überlegte, wie er ohne Hilfe der Frauen um die Hand seiner Auserwählten anhalten sollte, war seine erste Frau glücklicherweise ahnungslos, dass ein junges Mädchen, das in dem Jahr zur Welt gekommen war, in dem sie und Sultan geheiratet hatten, jetzt die Gedanken ihres Mannes vollkommen in Anspruch nahm. Sharifa begann, wie auch Sultan selbst, alt zu werden, sie war über fünfzig. Drei Söhne und eine Tochter hatte sie ihm geboren. Für einen Mann in Sultans Position war es an der Zeit, eine neue Frau zu finden.

»Geh halt selbst«, meinte sein Bruder zum Schluss.

Nachdem er nachgedacht hatte, befand Sultan, dass das die einzige Lösung war. Eines Morgens ging er zum Haus der Sechzehnjährigen. Ihre Eltern empfingen ihren Verwandten mit offenen Armen. Sultan galt als großzügig, und ein Besuch von ihm war immer willkommen. Sonyas Mutter machte Wasser heiß und servierte Tee. Sie saßen in dem einen Zimmer des Lehmhauses auf flachen Kissen an der Wand und tauschten Höflichkeiten und Grüße aus, bis Sultan fand, es sei an der Zeit, sein Anliegen vorzutragen.

»Ich habe einen Freund, der Sonya heiraten will«, sagte er zu den Eltern.

Es war nicht das erste Mal, dass jemand um die Hand der Tochter anhielt. Sie war schön und fleißig, aber die Eltern fanden, dass sie noch zu jung sei. Sonyas Vater konnte nicht mehr arbeiten. Er hinkte, seit bei einer Messerstecherei mehrere seiner Rückennerven durchtrennt worden waren. Die schöne Tochter konnte einen hohen Brautpreis einbringen, und die Eltern warteten die ganze Zeit auf ein höheres Gebot als die, die ihnen bisher unterbreitet worden waren.

»Er ist reich«, begann Sultan. »Er ist in derselben Branche wie ich. Er hat eine gute Ausbildung und drei Söhne. Aber seine Frau wird allmählich alt.«

»Wie sind seine Zähne?«, fragten die Eltern rasch, auf das Alter dieses Freundes anspielend.

»So wie meine«, antwortete Sultan. »Beurteilt die.«

»Alt«, dachten die Eltern. Aber das musste nicht unbedingt ein Nachteil sein. Je älter der Mann, desto höher der Preis, den sie für die Tochter erzielen konnten. Der Preis für eine Braut setzt sich aus Alter, Schönheit, Fähigkeiten und aus dem Status der Familie zusammen.

Als Sultan Khan sein Anliegen vorgebracht hatte, sagten die Eltern, wie es von ihnen erwartet wurde: »Sie ist zu jung.«

Es wäre ein Fehler gewesen, sie billig diesem reichen, unbekannten Freier zu verkaufen, von dem Sultan so warm sprach. Man durfte nicht zu interessiert erscheinen. Aber sie wussten, dass Sultan wiederkommen würde, denn Sonya war jung und schön.

Am Tag darauf erschien er wieder, um die Brautwerbung zu wiederholen. Dasselbe Gespräch, dieselbe Antwort. Aber jetzt durfte er auch Sonya treffen, die er nicht mehr gesehen hatte, seit sie ein Kind gewesen war.

Sie küsste aus Respekt vor ihrem älteren Verwandten seine Hand, und er segnete ihr Haar mit einem Kuss. Sonya bemerkte die geladene Stimmung und duckte sich unter dem prüfenden Blick Onkel Sultans.

»Ich habe einen reichen Mann für dich gefunden, was hältst du davon?«, fragte er. Sonya starrte auf den Fußboden. Zu antworten hätte gegen alle Regeln verstoßen. Ein junges Mädchen hatte zu einem Freier keine Ansicht zu haben.

Am dritten Tag erschien Sultan erneut, und dieses Mal unterbreitete er das Gebot des Freiers. Ein Ring, eine Kette, Ohrringe und Armband – alles aus Rotgold. So viele Kleider, wie sie wollte. Dreihundert Kilogramm Reis, hundertfünfzig Liter Speiseöl, eine Kuh, ein paar Schafe und fünfzehn Millionen Afghani, etwa dreihundert Euro.

Sonyas Vater war mit dem Brautpreis mehr als zufrieden und bat, den geheimnisvollen Mann treffen zu dürfen, der so viel für seine Tochter biete. Sultan hatte ihnen sogar versichert, dass der Mann zum Clan gehöre, ohne dass es ihnen gelungen wäre, ihn einzuordnen oder sich daran zu erinnern, ihm schon einmal begegnet zu sein.

»Morgen«, sagte Sultan, »sollt ihr ein Bild von ihm sehen.«

Am Tag darauf erklärte sich Sultans Tante, nach einer kleinen Bestechung, einverstanden, den Eltern Sonyas zu enthüllen, wer der wirkliche Freier sei. Sie nahm ein Bild mit – ein Foto von Sultan Khan – und gab ihnen den strengen Bescheid, dass sie eine Stunde Zeit hätten, sich zu entscheiden. Wenn sie Ja sagen würden, dann sei er sehr dankbar, aber falls sie Nein sagten, würde es deswegen auch kein böses Blut zwischen ihnen geben. Das Einzige, was er nicht wünsche, seien ewig dauernde Verhandlungen nach dem Muster: vielleicht doch, vielleicht nicht.

Die Eltern waren einverstanden, noch bevor die Stunde um war. Beiden gefiel Sultan Khan, sein Geld und seine Stellung. Sonya saß weinend auf dem Speicher. Als das Geheimnis, das den Bräutigam umgeben hatte, gelüftet war und sich die Eltern entschlossen hatten, zuzustimmen, kam der Bruder ihres Vaters zu ihr hoch. »Onkel Sultan ist der Freier«, sagte er. »Stimmst du zu?«

Kein Laut kam über Sonyas Lippen. Sie saß mit Tränen in den Augen und gebeugtem Haupt da, versteckt hinter ihrem langen Schleier.

»Deine Eltern haben den Freier gutgeheißen«, sagte der Onkel. »Jetzt ist die einzige Gelegenheit, zu sagen, was du willst.«

Sie saß da wie ein Stein, in Todesangst gelähmt. Sie wusste, dass sie den Mann nicht wollte, aber sie wusste auch, dass sie sich dem Wunsch der Eltern beugen musste. Als Sultans Frau würde sie mehrere Stufen in der afghanischen Gesellschaft nach oben steigen. Der hohe Brautpreis würde viele Probleme der Familie lösen. Das Geld, das die Eltern bekamen, würde den Brüdern helfen, sich gute Frauen zu kaufen.

Sonya schwieg. Und damit war ihr Schicksal besiegelt: Schweigen bedeutete Zustimmung. Die Vereinbarung wurde getroffen und das Hochzeitsdatum festgesetzt.

Sultan ging nach Hause, um der Familie die große Neuigkeit mitzuteilen. Seine Frau Sharifa, seine Mutter und Schwestern saßen auf dem Fußboden um eine Schüssel Reis und Spinat. Sharifa glaubte, er mache Witze, und lachte und scherzte. Auch seine Mutter lachte über Sultans Scherz. Sie konnte es sich nicht im Traum vorstellen, dass er ohne ihre Zustimmung gefreit hatte.

Seine Schwestern waren sprachlos.

Niemand wollte ihm glauben, bis er das Taschentuch und die Süßigkeiten vorzeigte, die der Freier von den Eltern als Beweis der Verlobung erhält.

Sharifa weinte zwanzig Tage lang. »Was habe ich nur falsch gemacht? Was für eine Schande! Warum bist du mit mir nicht zufrieden?«

Sultan bat sie, sich zusammenzunehmen. Niemand aus der Familie war auf Sultans Seite, nicht einmal seine Söhne. Trotzdem wagte niemand, etwas zu sagen. Sultans Wille war oberstes Gebot.

Sharifa war untröstlich. Ein schwerer Schlag für sie war, dass ihr Mann eine Analphabetin gewählt hatte, die nicht einmal die erste Klasse beendet hatte. Sie selbst war Lehrerin für Persisch.

»Was hat sie, was ich nicht habe?«, schluchzte sie.

Sultan ignorierte die Tränen seiner Frau.

Keiner hatte Lust, zum Verlobungsfest zu kommen. Aber Sharifa musste tapfer die Scham herunterschlucken und sich für die Gesellschaft feinmachen.

»Ich will, dass alle sehen, dass du zustimmst und mir beistehst. In Zukunft wohnen wir alle zusammen, und du musst zeigen, dass Sonya willkommen ist«, befahl er. Sharifa hatte sich immer ihrem Mann gefügt, und auch jetzt tat sie das wieder, in der für sie schlimmsten Stunde, ihn einer anderen zu geben. Er verlangte sogar, dass Sharifa ihm und Sonya die Ringe auf die Finger stecken sollte.

Zwanzig Tage nach der Brautwerbung folgte die feierliche Verlobung. Sharifa riss sich zusammen und verzog keine Miene. Ihre weiblichen Verwandten taten alles, um ihre Gesichtszüge entgleisen zu sehen. »Wie schrecklich für dich«, sagten sie. »Wie gemein von ihm. Dir muss es fürchterlich gehen.«

Zwei Monate nach der Verlobung fand am mohammedanischen Silvesterabend die Hochzeit statt. Aber jetzt weigerte sich Sharifa zu erscheinen.

»Ich ertrage das nicht«, sagte sie zu ihrem Mann.

Die Frauen der Familie unterstützten sie. Keine kaufte neue Kleider oder schminkte sich so stark, wie es eine Hochzeit erforderte. Sie trugen einfache Frisuren und lächelten gezwungen – aus Respekt für die Abgedankte, die ihr Bett nicht mehr mit Sultan Khan teilen würde. Das war jetzt der jungen, total verängstigten Braut vorbehalten. Aber das Dach würden sie alle teilen, bis zum Tod.