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ImageUNTIL US: Judge

 

Layla Frost

 

© Die Originalausgabe wurde 2019 unter dem

Titel UNTIL MAYHEM von Layla Frost in Zusammenarbeit mit Bookcase Literary Agency veröffentlicht.

 

© 2021 Romance Edition Verlagsgesellschaft mbH

8700 Leoben, Austria

 

Aus dem Amerikanischen von Friederike Bruhn

 

Covergestaltung: © Sturmmöwen

Titelabbildung: © Sara Eirew

Redaktion & Korrektorat: Romance Edition

 

ISBN-Taschenbuch: 978-3-903278-57-8

ISBN-EPUB: 978-3-903278-58-5

 

www.romance-edition.com

Vorwort aus der perversen Seele der Autorin

 

Zuallererst möchte ich Aurora Rose Reynolds dafür danken, dass sie mir erneut ein paar Maysons geliehen hat. Ich habe ihre Until-Reihe von der ersten Sekunde an gelesen, und ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich mal an einem Punkt ankommen würde, an dem ihre Welt mit einem Teil meiner eigenen verschmilzt. Es ist eine große Ehre, ein wahr gewordener Traum, und ich kneife mich selbst regelmäßig, weil ich es immer noch nicht glauben kann.

Außerdem danke ich jedem bei Boom Factory Publishing dafür, dass ihr alle Dinge so perfekt und reibungslos organisiert.

An meine Betas, ARC LeserInnen, BloggerInnen und AutorInnen ... Ihr haltet meine verdammte Welt am Laufen! Eure Unterstützung, Hingabe und Liebe ist unbezahlbar. Ich bin so dankbar und geehrt, ein Teil von etwas so Wundervollem zu sein. Ich danke euch aus tiefstem Herzen.

Alexandria H., Jenny R.E., Jamie W., Kimberly B., Sandy D., Kimberly D., und Elizabeth T., Tausend Dank für eure Hilfe bei der Namensgebung meiner Biker. Ihr habt mir wirklich geholfen, ihre Charaktere und Geschichten zu formen. Ich schätze euch so sehr!

Künstlerischen Dank an Tracie Douglas von Dark Water Covers. Du bist eine Covergöttin, und ich bin verliebt in die Magie, die du aus meinem begrenzten und wenig hilfreichen Input erschaffst.

Und meine Naughty Cupcakes ... Womit verdiene ich so viel Glück? Ich bin so begeistert von dieser Gruppe und so dankbar über die tiefen Bande zu Menschen, die ich noch nie persönlich getroffen habe, aber zu meinen engsten Freunden zähle – zu meiner Familie. Ich fühle mich so geehrt und berührt, wann immer ihr einen Post teilt, bei dem ihr an mich denken musstet. Ich bin nicht ganz sicher, was es über mich aussagt, dass neunundneunzig Prozent dieser Postings über Alkohol, heiße Typen, Tacos oder Penisse sind ... Wartet, streicht das. Ich weiß genau, was es über mich aussagt. Es heißt, ihr denkt, dass ich toll bin!

Spaß beiseite, ich bin so dankbar, dass ihr eure wertvolle Zeit damit verbringt, in meiner Gruppe abzuhängen. Ihr seid meine Inspiration und mein Antrieb zu schreiben, wenn ich eigentlich lieber schlafen würde. Was, um ehrlich zu sein, immer ist. Ich liebe euch und ich hoffe, ihr liebt all die OTT Herzensgüte, die ich für euch in die Geschichte von Judge und Ophelia geschrieben habe.

 

Ich widme dieses Buch ...

 

Den Keimen und all dem anderen medizinischen Scheiß, die versucht haben, mich runterzuziehen.

Fickt euch!

 

Okay, ich widme dieses Buch wirklich ...

 

Brynne Asher und Sarah Curtis. Ohne eure Hilfe und Unterstützung hätten diese verdammten Rückschläge – physisch und psychisch – vermutlich gewonnen. Danke, dass ihr mein Resonanzboden wart, meine Therapeuten, meine besten Freunde.

 

ARR, weil du deine wunderschöne Welt mit uns teilst, sowohl die fiktive als auch die wirkliche. Danke, dass ich sie mir ausborgen darf.

 

In den Worten von jemand weitaus Eloquenterem als mir: Hinter jeder erfolgreichen Frau steht ein ganzer Squad anderer erfolgreicher Frauen, die ihr den Rücken stärkt.

 

Und außerdem: für M...

Danke, dass du mich immer wie eine Prinzessin behandelst, selbst wenn mich die langen Stunden am Computer in einen Sumpfdämon verwandeln. Du bist meine Muse.

Ich liebe dich bis zum Mond und zurück.

 

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1

 

 

Psycho

 

Ophelia

 

Milch.

Zuckerfreie Lutschbonbons.

Rubbellose.

Katzenfutter.

Ich ging meine Liste im Kopf durch – von der ich mit Sicherheit dennoch etwas vergessen würde – und ergänzte ein mentales Stöhnen, als ich auf den überfüllten Parkplatz einbog.

Ich wusste, ich hätte gestern Abend vorbeikommen sollen. Samstagmorgens war es stets gerappelt voll, das liebliche Frühlingswetter lockte noch mehr Menschen als üblich aus dem Haus. Ich hatte keine Zeit, mich durch dicht gedrängte Massen, Schnecken-Marschierer und Gang-Blockierer zu quetschen.

Nachdem ich ein paar Runden gedreht hatte, fand ich einen schmalen Parkplatz entlang der Seite des Gebäudes. Ich schnappte mir meine Handtasche und kletterte aus meinem Wagen, als röhrende Motoren meine Aufmerksamkeit auf sich zogen.

Ich war bereits spät dran, blieb aber dennoch stehen, um zu beobachten, wie drei Motorräder auf den Parkplatz einbogen. Ich wusste nichts über Biker, abgesehen von dem, was man im Fernsehen sah, aber der Look gefiel mir – jener der Bikes und der Biker. Mein Erstaunen verwandelte sich in Entzücken, als einer der Typen in vollendeter Mistkerl-Anmut von seinem Motorrad stieg und den Helm abzog.

Heilige.

Biker.

Schärfe.

Er wandte sich zur Seite, um mit dem Fahrer eines großen weißen Vans zu sprechen, was mir sein Profil offenbarte. Dunkle Stoppeln bedeckten seinen kantigen Kiefer – länger als ein Dreitagebart, aber noch kein Vollbart. Seine Haare waren dunkelbraun und wunderbar dicht. Er gestikulierte mit den Händen und mein Blick fiel auf die kunstvollen Tattoos, die seine Unterarme bedeckten. Details konnte ich allerdings keine ausmachen.

Dann knallte eine Tür zu, und ich erschrak so heftig, dass ich das letzte Stück geradezu aus meinem Wagen stolperte. Über mich selbst den Kopf schüttelnd, schloss ich mein Auto ab und ging zum Eingang des Supermarkts. Zu meiner angenehmen Überraschung – und zum Leidwesen meines Zeitplans – steuerten die drei Biker und der Fahrer des Vans in dieselbe Richtung.

Es ist nichts unredlich daran, den Anblick meiner Umgebung zu genießen, während ich gehe.

Wir waren fast am Eingang angelangt, als sich der Jüngste der Männer – derjenige, der den Van gefahren hatte – plötzlich umdrehte.

Um nicht dabei ertappt zu werden, wie ich seinen Freund anstarrte, war ich kurz versucht, mich hinter einen der dekorativen Ständer zu werfen. Doch in letzter Sekunde konnten mein Stolz und ich aufatmen. Er hob lediglich den Arm, um mit dem Funkschlüssel den Wagen abzuschließen, während er rückwärts weiterging.

Ich beschloss, von nun an vorsichtiger zu sein, und täuschte größtes Interesse an den saisonalen Schnittblumen auf dem Stand neben mir vor. Na ja, eine halbe Minute lang. Sobald er sich wieder umgedreht hatte, kehrte meine Aufmerksamkeit zurück zu dem Mann neben ihm. Und seinen vielen Tattoos. Ich wünschte, ich hätte Ninja-Fähigkeiten, um heimlich ein Bild von ihm zu schießen, meine Mädels auf der Arbeit hätten bestimmt einen Heidenspaß bei diesem Anblick. Wobei, wenn ich einen solchen Wunsch frei hätte, würde ich die Kühnheit vorziehen, auf ihn zuzumarschieren und mich selbst zu einem Ritt auf seinem Bike einzuladen.

Oder zu einem Ritt auf etwas anderem.

Ich betrat den Laden, griff nach einem Einkaufskorb und setzte meine heimliche Verfolgung fort. Nicht wie eine verrückte Stalkerin – zumindest redete ich mir das ein – sondern wie jemand, der rein zufällig in dieselbe Richtung musste. Was zutraf, bis sie in einen Gang einbogen, aus dem ich nichts brauchte, und jedes weitere Hinterhergehen tatsächlich Stalking gewesen wäre. An diesem Punkt ließ ich die Knackärsche schweren Herzens ziehen.

Um die verlorene Zeit wiedergutzumachen, beschleunigte ich meine Schritte und packte Milch sowie Katzenfutter in meinen Einkaufskorb. Ich bog in den Süßigkeiten-Gang ein – und fand mich wieder vor den Bikern, die ihre Arme mit Junkfood beluden. Um sie aus dem Augenwinkel zu beobachten, verlangsamte ich meine Schritte zu einem Schneckentempo, während ich mich an ihnen vorbeischob. Das bedeutete, hauptsächlich an ihm, den tätowierten Halbgott.

Um eins klarzustellen: Die anderen drei waren auch nicht zum Von-der-Bettkante-Schubsen. Einer schien älter und sah aus wie der Inbegriff eines Oldschool Bikers. Neben ihm stand der junge Kerl, der den Van gefahren hatte. Er dürfte in meinem Alter sein und war jungenhaft niedlich. Unter ihnen war auch ein gutaussehender Typ, der selbst in dem unvorteilhaften Licht der Halogenröhren unerklärlich attraktiv wirkte.

Oh, und unmöglich zu übersehen: der tätowierte Halbgott. Von der anderen Seite des Parkplatzes aus betrachtet, war er ... nun ja, heiß gewesen. Aber aus nächster Nähe war er ein geradezu brodelnder Vulkan von einem Mann, den ich fast ein wenig erschreckend fand. Aber vor allem erregend. Als ich sein Profil mit dem des gutaussehenden Typen verglich, war ich mir sicher, dass die beiden verwandt sein mussten. Und wow, hatte diese Familie gute Gene!

Mit viel zu vielen Bonbontüten in meinem Einkaufskorb warf ich den vieren einen letzten anerkennenden Blick zu, bevor ich zur Kasse ging und anschließend bei den Lotto-Automaten hielt. Als ich dabei war, mich für meine Lose zu entscheiden, richteten sich plötzlich die feinen Härchen in meinem Nacken auf. Ich warf einen kurzen Blick über meine Schulter und entdeckte die Biker in der Kassenschlange, aber keiner von ihnen sah zu mir herüber.

Heilige Scheiße, habe ich einen sechsten Biker-Sinn?

Nicht so nützlich wie der von Spiderman, aber trotzdem cool.

Ich entschied mich für gemischte Rubbellose, packte sie in meine Tasche und ging in Richtung meines Autos. Als ich um die Ecke bog, blickte ich zu meiner Tasche hinunter, um meine Schlüssel rauszukramen, und stieß mit jemandem zusammen.

Hart.

Mein Rücken prallte gegen raue Ziegelsteine, und ich wappnete mich dafür, mit dem Hinterkopf gegen die unnachgiebige Gebäudewand zu schlagen. Stattdessen stieß er gegen etwas Nachgiebiges. In meiner Kehle bildeten sich zugleich eine Entschuldigung für meine Unachtsamkeit und ein Fluch, da die andere Person genauso wenig aufgepasst hatte. Aus meinem Mund kam jedoch nicht mehr als ein ersticktes Entschuldige mal!

Es dauerte einen Augenblick, bis ich begriff, dass ich nicht mit jemandem zusammengestoßen und gegen die Wand geknallt war.

Ich war gestoßen worden.

Was ich wusste, weil der Rempler noch vor mir stand.

Viel zu nah.

Nah genug, um die winzigen Fältchen in den Winkeln seiner hellbraunen Augen zu erkennen. »Entschuldige mal? Du musst dringend an deinem Trash-talk arbeiten, Prinzessin.«

Der tätowierte Halbgott.

Aus nächster Nähe sah er noch heißer aus. Als er mich jedoch gegen die Wand drückte, war nicht der geeignete Moment, mich in seinen sahnebonbonfarbenen Augen zu verlieren. Oder in dem hinreißenden Anblick seines kantigen Kiefers. Stattdessen versuchte ich zu begreifen, was zur Hölle passierte, und gab mir Mühe, eine Lösung zu finden, um hier rauszukommen. Leider schien kein Weg an seinen Armen vorbeizuführen, die meine Fluchtmöglichkeiten zu beiden Seiten blockierten. Ich hatte allerdings keine Lust, herauszufinden, wie leicht mich diese definierten Muskeln zerquetschen könnten.

»Sorry, ich wollte nicht in dich reinlaufen«, sagte ich mit einem gezwungenen Lächeln. Vielleicht ließe er mich gehen, wenn ich tat, als wäre es ein Unfall gewesen. Ich versuchte, seinem Körper auszuweichen, aber er spiegelte meine Bewegung.

»Bist du nicht. Ich habe dich geschubst.«

»Was gemein war«, entgegnete ich empört.

»Dein Trash-talk, Prinzessin«, er schüttelte den Kopf, »ist für die Tonne.«

»Danke für den Hinweis, ich werde daran arbeiten. Warum hast du mich geschubst?« Ich spähte zur Seite, in der Hoffnung, eine weitere Menschenseele zu entdecken, aber es war schier unmöglich, an dem Biker vorbeizusehen. Der einzige andere Kerl, den ich entdecken konnte, war einer seiner Freunde.

Das hier ist weder eine TV-Serie noch ein Film.

Nicht alle Biker sind Kriminelle.

Dieser hier hat nur ... Probleme mit persönlichen Distanzzonen.

Er neigte den Kopf in mein Sichtfeld. »Warum bist du uns gefolgt?«

Oh, lieber Abgrund, bitte tu dich unter mir auf und verschling mich! »W-was?«, stotterte ich.

»Du hast mich gehört. Warum schnüffelst du uns hinterher?«

»Habe ich doch gar ...«

»Doch, hast du. Und verdammt schlecht, nebenbei bemerkt. Mir ist dein Starren schon aufgefallen, als wir hier angekommen sind. Da du dich so brennend für uns interessierst: Ich habe einen Waffenschein, völlig legal. Den ich jederzeit gern vorzeigen werde, falls du die Bullen gerufen hast.«

Meine Brauen zogen sich zusammen. »Warum sollte ich die Polizei rufen?«

Er lächelte, ein freudloses Lächeln mit bitterem Beigeschmack. »Du wärst überrascht, wie oft uns einer die Bullen auf den Hals hetzt, bloß weil wir atmen.«

Meine Brust zog sich in ängstlicher Vorahnung zusammen, als auch der Rest seiner Worte in mein Bewusstsein sickerte. »Ich habe keine Waffe gesehen.«

Er studierte mein Gesicht, doch was er sah, schien ihn nicht zufrieden zu stimmen, denn er verengte die Augen und spannte seinen Kiefer an. »Warum hast du uns verfolgt?«

»Habe ich nicht«, wiederholte ich, auch wenn es nur die halbe Wahrheit war. Egal.

»Hat dich jemand geschickt?«

»Mich? Wer? Und warum?«

»Ja, dich, weil du verflucht heiß bist und jeden Mann mit Leichtigkeit um deinen kleinen Finger wickeln könntest. Die Kerle brauchen sich nur vorzustellen, wie du diese verdammten Lippen um ihre Schwänze schließt. Wer? Keine Ahnung, daher meine Frage. Und das Warum hängt von dem Wer ab.«

Den ersten Teil seiner Aussage übersprang ich, um zu einem späteren Zeitpunkt darüber nachzudenken. In der Sicherheit meiner eigenen vier Wände und weit weg von dem tätowierten Halbgott. Jetzt und hier konzentrierte ich mich nur auf die Worte, die wichtig waren. »Niemand hat mich aus irgendeinem Grund geschickt«, beharrte ich. »Und ich muss jetzt wirklich weiter.«

»Erwartet dich jemand?«

»Ja.«

Ich dachte, meine Antwort wäre clever und würde ihm zeigen, dass es jemanden gab, der meine Verspätung bemerken würde, wenn er mich hier noch länger festhielt. Aber mir wurde schnell bewusst, dass ich falsch lag, als sein schwelender Blick noch eindringlicher wurde.

»Wer?«, blaffte er.

»Das geht dich überhaupt nichts an«, schnappte ich zurück.

»Das tut es, wenn du uns wegen ihm verfolgst«, knurrte er.

Bei diesem absurden Gedanken hätte ich beinah laut aufgelacht. »Glaub mir, ich folge euch nicht. Jetzt geh zur Seite, bevor ich schreie.«

Ein verdorbenes Lächeln umspielte seine anziehenden Lippen. »Oh, Prinzessin, ich hoffe sehr, dass du das wirst.«

Das leise Prickeln der Angst verwandelte sich in einen brodelnden Sturm. Ich hatte meinen Stolz, aber mein Überlebenstrieb war stärker. Mein Ego war das Risiko nicht wert, dass mich diese Typen für eine Spionin hielten. »Fein. Ich dachte, ihr wärt heiß«, gab ich schließlich zu. »Deswegen habe ich zu euch rübergeschaut.«

Sein angsteinflößendes Lächeln verwandelte sich in ein selbstgefälliges Grinsen. »Du denkst, ich wäre heiß?«

Mein Überlebenstrieb verpuffte schneller als alles andere, und ich schüttelte den Kopf. »Ich dachte, ihr wärt heiß. Ihr alle. Vergangenheitsform

Er stieß einen warnenden Laut aus. »Nein, Prinzessin. Dein Blick lag auf mir. Nur auf mir.«

Bevor ich mich noch tiefer ins Fettnäpfchen stürzen konnte, mischte sich plötzlich einer der anderen Typen ein. »N...«, begann er, pausierte dann aber kurz. »Er hat geschrieben. Wir müssen los.«

Der Kerl vor mir starrte mich weiter unverwandt an und betrachtete eingehend mein Gesicht.

»Hast du gehört, Mann?«, fragte Wer-auch-immer.

Der furchteinflößende tätowierte Halbgott hob bloß das Kinn in stummer Bestätigung, ohne den Blick von mir zu nehmen. Ein winziger Teil meiner Angst verschwand, je länger er so nah vor mir stand, aber ich würde meine Wachsamkeit erst ablegen, wenn ich wieder sicher in meinem Auto saß und die Biker aus meinem Rückspiegel verschwunden wären.

Nach einem langen Moment der Stille räusperte sich jemand. »Was ist mit der Kleinen?«

Eine weitere schier endlose Minute später richtete der tätowierte Halbgott seine Aufmerksamkeit wieder auf und machte einen Schritt zurück.

Ich spannte meine Knie an, damit sie nicht vor Erleichterung unter mir nachgaben, aber meine Erlösung währte nur kurz.

»Sie könnte die Wahrheit sagen. Allerdings könnte sie uns auch verscheißern. Vielleicht kommen bloß Lügen aus diesem verdammten Mund. Bis wir das wissen ...«, der tätowierte Halbgott hielt inne und sah mich aus eisigen Augen an, »gehört sie mir.«

Bevor ich reagieren konnte, berührte seine Schulter meinen Bauch, und er hob mich hoch, indem er meine Welt buchstäblich auf den Kopf stellte. Meine Einkäufe – und zu allem Unglück auch der gesamte Inhalt meiner Handtasche – verteilten sich auf dem Boden. Ich brauchte einen Moment, um meine Lunge wieder mit Luft zu füllen, die seine harte Schulter restlos aus mir herausgepresst hatte. Sobald ich wieder bei Atem war, nutzte ich diesen: »Lass mich runter. Hilfe! Lass mich auf der Stelle runter, du verrückter Bastard!«

Während er den Parkplatz überquerte, trat ich aus, schrie und schlug um mich. Ich versuchte sogar, ihn zu beißen, aber nicht mal das half. Mein Gleichgewichtssinn kam nochmals durcheinander, als er mich kopfüber aus seinem Griff wuchtete. Sobald ich wieder wusste, wo oben war, kroch ich auf die Hecktüren des Vans zu – die vor meiner Nase zuknallten. Was mich nicht daran hinderte, mit Armen und Beinen dagegen zu hämmern. »Ihr seid verrückt! Auf dem verdammten Parkplatz hängen überall Kameras. Lasst mich raus!«

Ich sah mich um, konnte aber nichts erkennen. Es gab keine Fenster und das Fahrerhaus war völlig abgeschlossen. Nicht ein einziger Sonnenstrahl drang ins Innere des Laderaums. Ich fühlte nach einem Griff, einer Waffe, einer Haarnadel ... irgendetwas!

Mit leeren Händen richtete ich mich auf und tastete mit den Fingern das Dach ab, in der Hoffnung eine Luke oder ein Sonnendach zu entdecken, über das ich entkommen könnte. Wieder nichts.

Das muss ein Scherz sein.

Ein Scherz, der gewaltig zu weit ging.

Mein Hoffnungsschimmer wurde jäh ausgelöscht, als der Motor des Vans röhrend zum Leben erwachte, gefolgt von dem ohrenbetäubenden Aufheulen der Motorräder. Dann setzten wir uns in Bewegung. Die Beschleunigung warf mich beinahe um, und meine wackligen Knie taten ihr Übriges, um mich auf meinen ohnehin schon wunden Hintern zu befördern.

In Dunkelheit eingehüllt, kreisten meine Gedanken um den fremden Kerl. Sein glühender Blick brannte sich durch die Schwärze des Vans, während sich seine Worte unablässig in meinem Kopf wiederholten.

Sie gehört mir.

Er war kein furchteinflößender tätowierter Halbgott.

Er war ein beschissener tätowierter Psycho-Arsch.

Ich kroch nach vorn in Richtung des Führerhauses und tastete erneut nach irgendetwas. Aber da befand sich nichts im Laderaum des Vans.

Das heißt. Außer mir.

Meine Knie schlugen schmerzhaft auf dem Boden auf, und ich wurde heftig gegen die Wand geworfen, ohne Halt zu finden. Als ich keinen anderen Ausweg sah, stemmte ich mich stabilisierend gegen die Wände und versuchte, meinen Atem unter Kontrolle zu bringen. Dann schrie ich mir die verdammte Seele aus dem Leib, und schlug um mich wie eine Wahnsinnige.

 

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2

 

 

Vorübergehend festgehalten

 

Judge

 

»Was zur Hölle machst du, Mann?«

Zum Teufel, ich wünschte, ich wüsste es.

Mein Nacken war bis zum Anschlag verdreht, seit ich auf den verfluchten Parkplatz eingebogen war. Ich hatte sie bemerkt, noch bevor ich mir den Helm abgezogen hatte. Nie zuvor in meinem Leben hatte mein Körper schneller auf die Anwesenheit einer Frau reagiert. Ihre blonden Haare waren zu einem unordentlichen Knoten gebunden, aus dem sich vereinzelte Strähnen verirrt hatten und ihr Gesicht umrahmten. Ihre Leggings schmiegten sich wie eine zweite Haut um ihren fantastischen Knackarsch, den selbst ihr übergroßes Shirt nicht verbergen konnte. Sie war ein zartes Ding, hatte aber mit einer Courage um sich getreten, als wäre sie doppelt so groß wie ich.

Und es machte mich hart wie sonst was.

Zudem heizte ihr Verhalten meine Wut an, denn nach allem, was ich wusste, war das ein geplanter Akt von Nash – örtlicher Club-Besitzer, gieriger Bastard, Sack voll Scheiße.

Nash nutzte seinen Stall ausgelaugter, entbehrlicher Weiber als Währung, die ihre Körper und Seelen verkauften, um ihm alles zu verschaffen, was er wollte.

Geld.

Macht.

Autos.

Einen Palast von Haus, den Nox die Festung des Fickens nannte. Auch Politiker hatte Nash in seiner Westentasche. Sowie ein ziemlich beachtliches Territorium, um Drogen und Waffen zu lagern und zu verticken. Aber nichts von alledem war genug. Er brauchte mehr, und würde jeden seiner Rivalen ausschalten, um mehr zu bekommen. Einige der kleineren Clubs waren schon aus dem Weg geschafft; nun hatte er es auf das Wicked abgesehen, ein Striplokal, das Lars gehörte, einem von Nox’ Freunden und ehemaligen Zellengenossen.

Nash hatte versucht, einige seiner Mädchen abzuwerben und Krieg anzuzetteln, aber bisher erfolglos. Als er Lars’ Cousin noch in die Sache mitreinzog, liefen die Dinge endgültig aus dem Ruder. Wir waren sicher, dass er jemanden ins Mayhem eingeschleust hatte, um Informationen abzugreifen, doch die Aktion endete in einer Sauerei.

Nachdem einer seiner idiotischen Handlanger der falschen Frau nachgestellt hatte, versuchte Nash eine Weile, freundlich zu bleiben. Da er Nox’ Aufenthaltsort nicht kannte – nur wenige taten das –, schickte er dem Wicked Gefälligkeiten: Tänzerinnen und teuren Alkohol. Er kaufte kubanische Zigarren und den teuersten Scotch, alles Geschenke für Nox.

Ein weiteres seiner Präsente war ein SUV gewesen, vollgepackt mit Frauen, Kokain und höchst illegalen Feuerwaffen – Lieferung frei Haus direkt an das Mayhem Clubhaus. Natürlich wollte keiner von uns seinen Schwanz in verdorbene Muschis stecken oder einer Waffe von Nash vertrauen. Kokain nahmen wir ohnehin nicht. Also schickten wir die Ladung postwendend zurück an den Absender.

In Anbetracht der ganzen Scheiße, die dieser Mistkerl schon abgezogen hatte, war es alles andere als abwegig, dass er nun eines seiner besten Mädchen geschickt hatte, um mich an den Haken zu kriegen. Um mich mit ihrem Sirenengesang ins Wasser zu locken und zu ertränken, sobald sie die Informationen aus mir herausgeholt hatte, wegen derer Nash sie auf mich angesetzt hatte. Jeder Mann mit Augen im Kopf würde der blonden Schönheit blindlinks in die wilden Fluten folgen, bis er von dem großen, blauen Nichts verschlungen wurde.

Nachdem Haze und Schwede – mit unserer ungeplanten Ladung im Gepäck – losgefahren waren, sammelten Jury und ich ihre Sachen ein. Ihre Handtasche beinhaltete nichts als die üblichen Kassenzettel, diverses Make-up und Minzbonbons. Ich hatte ihren Ausweis und ihr Handy eingesteckt und würde mir beides genauer ansehen, sobald wir Zeit hatten. Den Rest ließ ich im Auto zurück. Dann liefen wir in die entgegengesetzte Richtung des Ortes, an dem wir eigentlich längst hätten sein sollen.

 

 

Als wir das Haus erreichen, nahm ich ihren Führerschein erneut unter die Lupe. Die Adresse stimmte.

 

Ophelia Jade Kline.

737 East Clay, Apartment 5C, Danvers, Massachusetts.

Graue Augen.

Blonde Haare.

Zweiundzwanzig Jahre alt.

 

Heilige Scheiße.

»Wir können da nicht einfach reinspazieren«, sagte Jury.

Grinsend hielt ich ihren Schlüssel hoch. »Doch, genau das werden wir tun.«

Den lautstarken Protest meines Bruders ignorierend, betrat ich das Gebäude und warf einen kurzen Blick auf die Briefkästen, an denen wir vorbeigingen.

Kline, 5C.

Niemand kam auf die Idee, mich anzuquatschen, während ich durch die Lobby zu den Aufzügen ging. Zum einen, weil mich Leute grundsätzlich nicht ansprachen. Zum anderen, weil ich mich selbstsicher bewegte. Als gehörte ich hierher.

Nebenbei bemerkt: Für ein so schickes Wohnhaus ist die Security ziemlich beschissen.

Jury holte mich erst wieder ein, als die Aufzugtüren bereits auseinanderglitten. »Du hast sie doch nicht mehr alle«, knurrte er, während er mir in die Kabine folgte.

»Jepp.« Ich lehnte mich gegen die Wand, sorgsam darauf achtend, dass mein Gesicht von der Kamera abgewandt blieb.

Jury tat es mir gleich. »Wie genau sieht dein Plan aus?«

»Wir gehen rein und durchsuchen ihre Wohnung.«

»Und wenn sie sauber ist? Lässt du sie dann gehen?«

Niemals.

Schlecht gelaunt, zuckte ich mit den Schultern. »Du weißt, was man sagt: Alles zu seiner Zeit. Wir überlegen erst, ob wir die Brücke überqueren, wenn wir davorstehen.«

»Wohl eher, ob wir die Brücke niederbrennen.«

Als die Lifttüren aufglitten, stiegen wir aus und fanden wenig später ihre Wohnung. Ich zog ihren Schlüsselbund hervor, schob den Autoschlüssel zur Seite und probierte einen anderen. Er blieb auf halbem Weg im Schloss stecken. »Shit.« Ich griff nach dem Knauf, um den Schlüssel wieder rauszuziehen, aber zu meiner Verwunderung drehte sich dieser, und die Tür sprang auf. »Was zum Teufel ...?«

Jury gab einen leisen Pfiff von sich und trat ein. »Entweder ist die Kleine ein ziemlicher Schussel oder sie hatte verdammtes Glück, außer Haus gewesen zu sein, weil wir heute nicht die ersten Einbrecher sind.«

Ich ging in die Hocke, um den Rahmen und die Tür zu inspizieren. Da waren Kerben und abgesplitterte Scharten im Holz. Der Schaden war kaum sichtbar, aber gemessen an ihrem beschissenen Schloss, hätte es ohnehin nicht viel gebraucht, um die Tür aufzuhebeln. Meine Pistole aus meinem Stiefel ziehend, erhob ich mich, bevor uns jemand erwischen konnte und falsche Schlüsse zog – na ja, die halb falschen. Dann folgte ich Jury in die Wohnung und schloss die Tür hinter uns.

Scheiße, das ist noch schlimmer als befürchtet!

An einem gewöhnlichen Tag hätte ihre Wohnung vermutlich hübsch ausgesehen. Aber ganz eindeutig war heute keiner dieser Tage. In der Küche war jeder einzelne Schrank geöffnet und geleert worden, der Fußboden und die Anrichte mit Lebensmitteln, Geschirr und zerbrochenem Glas übersät. Das Wohnzimmer sah noch schlimmer aus. Als hätte ein verdammter Tornado durch das Zimmer gefegt, lag jedes einzelne Buch, jedes Kissen und jedes Bild verstreut auf dem Boden.

Ich schob die Unordnung mit dem Fuß beiseite und drehte einige der zerbrochenen Rahmen um, damit ich die Fotos betrachten konnte. Weitere Frauen, vermutlich Freundinnen, in ihrem Alter lachten mir entgegen. Da war eines von einem älteren Paar vor dem Grand Canyon. Ein anderes zeigte Ophelia mit zwei Frauen vor einem Club oder einer Bar. Ich zog es hervor, um es mir genauer anzusehen. Das Haar der Frauen war zerzaust, ihre Wangen gerötet und ihr Make-up verwischt. Ophelia stand in der Mitte, die Arme um ihre Freundinnen gelegt, während alle in die Kamera grinsten. Ich wollte es zurücklegen, warf dann jedoch einen Blick über meine Schulter. Jury war völlig auf den Wandschrank fokussiert, also zog ich das Bild aus dem Rahmen und steckte es ein.

Da sonst nichts in diesem Raum meine Aufmerksamkeit erregte, ging ich den kurzen Flur entlang. Das Badezimmer war genauso verwüstet. Es gab nur ein einziges Schlafzimmer, das nicht so schlimm aussah, was mich überraschte. Zwei Kommoden standen offen, der Rest wirkte unberührt. Vielleicht waren die Eindringlinge unterbrochen worden, bevor sie ihre Arbeit erledigen konnten.

Sobald ich ein paar Schritte in den Raum gegangen war, änderte ich meine Meinung schlagartig. Von allen Räumen hatte es ihr Schlafzimmer am übelsten erwischt. Der Hurensohn – oder die Hurensöhne – hatten sich auf ihre Unterwäsche konzentriert und diese auf ihrem Bett arrangiert. BHs und Höschen in einer Mischung aus Neon-Prints, hübscher Spitze und sexy Strapsen formten ein Wort.

BOO!

Nur der Strich des Ausrufezeichens war nicht aus Stoff. Er bestand aus etwas weitaus Intimerem. Und Plastischerem.

»Ich muss zugeben«, sagte Jury, als er zu mir stieß, »das hier macht keinen Sinn. Wenn sie mit diesem Arschloch arbeitet, müsste sie ... Alter!« Sein Blick war ebenfalls auf dem Bett gelandet, denn er lief geradezu in mich hinein. »Das sieht ziemlich persönlich aus.«

Und wie.

Scheiße.

Während ich ihm bedeutete, still zu sein, bewegte ich mich zu ihrem Kleiderschrank und drückte mich seitlich dagegen. Ich zielte mit der Waffe auf die Tür, bevor ich diese aufriss.

»Ich bin sicher, dass sich ihre Klamotten vor Angst anpissen«, scherzte Jury, als ich die Waffe wieder einsteckte.

»Ich bin bloß vorsichtig, du Pfeife.«

»Klar doch, das Tutu wirkt verdammt mordlüstern.«

Ich warf einen Blick auf das hellrosa Röckchen mit den vielen Lagen dünnen Tülls. Es war lächerlich, aber allein der Gedanke daran, wie Ophelia darin aussehen würde, ließ meinen Schwanz zucken. Als ich die Metallbügel überflog, erkannte ich mehr Kleidungsstücke in diesem Stil. Das war definitiv die Garderobe einer Frau, die sich gerne hübsch machte.

»Das gibt uns immer noch keine heißere Spur«, bemerkte Jury.

Nein, tat es nicht.

Er kam näher, hob einen BH am Träger hoch und ließ ihn von seinem Finger baumeln. Der cremefarbene Stoff war mit rosafarbenen Blumen bedruckt und schwarzer Spitze umhüllt.

Süß und sexy.

Genau wie seine Besitzerin.

Jury ließ den BH fallen, um ein Wäsche-Set hervorzuziehen, das mehr aus Bändern denn Stoff bestand. »Ich frage mich, was sie heute drunter trägt ...«

»Hör auf«, knurrte ich, riss ihm den Slip aus der Hand und warf ihn zurück aufs Bett. Ein weiterer Kommentar kam ihm nicht über die Lippen, allerdings sprach seine erhobene Augenbraue Bände. »Ich meinte, hör auf, ihre Sachen anzufassen«, korrigierte ich mich. »Wenn sie eine Nutte ist, könnte wer weiß was dran kleben. Sieht mir auch eher nach aufgelöstem Oma-Schlüpfer aus, wenn du mich fragst.« Natürlich war das ein Haufen Bullshit, und mein Schwanz wusste das.

»Also, für mich sehen diese Sachen ziemlich heiß aus. Ich kann mir die Braut auch verdammt gut in diesem Riemchen-Set vorstellen, wie sie Spaß mit ihrem Ausrufezeichen hat.« Mein Bruder konnte meine Gedanken schon immer viel zu leicht lesen. Als er die Hand erneut ausstreckte, sah ich einen herausfordernden Ausdruck in seinen Augen aufblitzen. »Ich frage mich, ob ihr Geruch immer noch ...«

Ich stieß ihn zur Seite, bevor er den Vibrator erreichen konnte. »Denk nicht mal dran, verdammt! Krieg den Gedanken aus deinem verfluchten Schädel und warte draußen.«

Jury lachte. Er machte keinerlei Anstalten, zu gehen, trat aber einen Schritt zurück. »Klar. Du bist also mit einem Mal den Mysophobiern beigetreten.«

Ich zeigte ihm den Mittelfinger – als plötzlich von irgendwoher eine sanfte Melodie erklang. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass das Geräusch aus meiner Hosentasche kam. Ich zog das Mobiltelefon heraus, das ich aus Ophelias Tasche entwendet hatte, und fand zwei Nachrichten auf dem Display. »Keine PIN? Wer zum Teufel sichert sein Handy nicht mit einer PIN?«

»Jemand, der nichts zu verbergen hat.« Jury dachte kurz nach, bevor er ergänzte: »Oder jemand mit Kontrollwahn, der das Handy nur benutzt, um mit Freiern zu kommunizieren.«

Mit finsterem Gesichtsausdruck öffnete ich die Nachrichten.

 

Megan:       

hey, du stehst für heute auf dem plan

Megan:       

alles ok bei dir?

 

Scheiße.

Ich überflog den Chatverlauf, um ein Gespür für Ophelias Schreibweise zu bekommen. Es gab nicht viele Nachrichten, nur ein paar über getauschte Schichten. Ich hielt inne, als ich eine Nachricht vom letzten Monat las.

 

Megan:       

sorry, ich weiß, heute ist dein freier abend, aber mr henderson fragt nach dir. er weigert sich, ein anderes mädchen zu sehen

 

Ophelia:       

Er war letztes Mal bei Gigi.

 

Megan:       

scheinbar hat sie was gemacht, was er nicht mochte. hat darauf bestanden, dass du kommst. sorry

 

Ophelia:       

Kein Problem. Ich ziehe mich kurz um und mache mich in fünfzehn Minuten auf den Weg.

 

Ungewöhnliche Eifersucht und Wut brannten in mir wie Feuer.

Vielleicht hatte Jury recht mit den Freiern.

Ich scrollte wieder nach unten und tippte eine Antwort, wobei ich Ophelias korrekte Groß- und Kleinschreibung verwendete.

 

Ophelia:       

Es tut mir leid, ich bin krank. Ich glaube, ich habe eine Lebensmittelvergiftung. Ich wollte anrufen, aber ich konnte das Telefon nicht in die Hand nehmen. Ich hänge immer noch über der Toilettenschüssel.

 

Megan:       

armes ding. ich nehme dich heute und morgen aus dem plan. sag bescheid, wenn du länger krank bist

 

Das war einfach.

 

Ophelia:       

Danke! Ich melde mich.

 

Ich überflog die restlichen Nachrichten, aber nichts erregte meine Aufmerksamkeit. Sie schrieben über ihre Schichten, Partys, Serienempfehlungen. Der übliche Tratsch.

Ich zog eine Tasche aus dem oberen Regal und warf sie aufs Bett.

»Was machst du?«

»Vielleicht hat sie uns heute nachspioniert. Vielleicht auch nicht und der ganze Scheiß hier ist reiner Zufall. So oder so, sie bleibt bei mir, bis wir das herausgefunden haben. Ich lasse sie nicht zurück zu Nash rennen. Oder zu dem Scheiß, der auch immer hier passiert ist.« Ich gestikulierte durch den Raum.

Jury verschränkte die Arme. »Und das ist alles? Du bist bloß ein guter Samariter, der sie in Sicherheit wissen will?« Auf mein knappes Nicken hin, lächelte er. »Gut. Dann sollte sie mit zu mir kommen. Mein Haus liegt ziemlich abgeschieden.«

»Versuch es, wenn du dich traust«, knurrte ich.

Er schüttelte den Kopf. »Ernsthaft, Mann. Was zur Hölle passiert hier? Ich frage dich nicht als dein Mayhem Bruder, ich frage dich als dein leiblicher Bruder. Ich verstehe, dass wir vorsichtig sein müssen bei all dem Mist, der hier abgeht. Aber Kidnapping ist eine Nummer zu heftig, selbst für dich. Du weißt, ich stehe immer hinter dir. Doch ich muss wissen, was zum Teufel du vorhast. Geht es hier darum, uns den Rücken freizuhalten. Oder ihr?«

Ich rieb mir mit der Hand über das Gesicht. »Herrgott, ich weiß es nicht«, gab ich zu. »Ich habe sie sofort bemerkt, als wir auf dem Parkplatz ankamen, und es war wie ... boom! Als hätte mich etwas getroffen. Doch dann ... ist sie uns gefolgt, und bei allem, was gerade abgeht, weiß ich nicht, wem ich vertrauen kann.«

Jury erwiderte nichts, also begann ich, einige ihrer Klamotten einzupacken. Angefangen bei diesem verdammten Tüll-Röckchen.

Mein Bruder brach die Stille – und zeigte mir abermals, dass er mir immer den Rücken freihalten würde – indem er mit dem Kinn Richtung Bett wies. »Soll ich irgendwas davon mitnehmen?«

»Nein, ich kaufe neue, sobald ich bei Nox war.«

»Du gehst freiwillig shoppen?«

»Sie wird dieses Zeug sicherlich nicht mehr anziehen wollen, sobald sie herausfindet, was damit passiert ist.«

Er hob eine Augenbraue. »Aber du glaubst, sie würde Unterwäsche von dem Arschloch tragen, das sie gekidnappt hat?«

»Vorübergehend festhält.«

»Oh ja, die Formulierung wird sie bestimmt beruhigen.«

»Wenn sie ohne Unterwäsche rumlaufen will, ist mir das auch egal. Ich verwette allerdings meinen Arsch, dass sie lieber neue trägt, als das Zeug, das irgendein Wichser angegrabscht hat.«

»Oder Schlimmeres«, ergänzte Jury und verzog das Gesicht.

»Pack alles in eine Tüte und verbrenn den Scheiß.« Ich ballte die Hände zu Fäusten, so heftig, dass meine Knöchel weiß hervortraten, während ich gegen den Drang ankämpfte, den Raum noch mehr zu verwüsten.

Jurys Blick fiel auf meine angespannten Finger, aber er war klug genug, sich jeden Kommentar zu verkneifen, ehe er den Raum verließ.

Ich ging zur Kommode und stopfte weitere ihrer Habseligkeiten in die Reisetasche. Als Jury zurückkam, nahm ich ihm den Müllsack ab, den er geholt hatte. Ich wollte nicht, dass er ihre Sachen berührte, selbst wenn Ophelia nichts davon jemals wieder anziehen würde. Innerlich kochend stopfte ich alles in den Sack. »Ich werde es nicht verbrennen – noch nicht. Nox hat ein paar Verbindungen zur Polizei. Lass uns abwarten, was er dazu sagt, sobald er alle Einzelheiten kennt.«

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Jury erstarrte und sich in meine Richtung wandte. »Du willst Nox davon erzählen?«

»Ja.« Er würde es ohnehin rausfinden. Das tat er immer.

»Er soll alles erfahren?«

»Ja«, wiederholte ich.

»Der durchgeknallte Bastard wird ausrasten.«

Womit Jury wohl recht hatte. Zumindest hätte Nox das noch vor einem Jahr getan.

Ich zuckte mit den Achseln. »Du vergisst, dass er jetzt eine schwangere Ehefrau hat, nach der er verrückt ist. In Anbetracht all der Dinge, die er gedreht hat, um sie in sein Bett zu kriegen – und dort zu halten ...«

Einige ziemlich abgefuckte, aber verdammt günstige Umstände hatten dazu geführt, dass Nox seine hübsche Frau in sein Apartment bekommen hatte – zehn Minuten, nachdem er ihr zum ersten Mal begegnet war. Als die Dinge ernsthaft bedrohlich für sie wurden, hatte er seinen Kopf aus seinem Arsch gezogen und dafür gesorgt, dass sie dort war, wo sie hingehörte: an seiner Seite. Eine Woche später hatten sie sich verlobt und ein paar Monate darauf war sie schwanger geworden.

»Gekidnappt hatte er sie aber nicht«, erinnerte mich Jury.

»Vorübergehend festgehalten. Und wir beide wissen, dass er es getan hätte, wäre es nötig gewesen.«

Eine Sekunde herrschte Stille. Dann nickte Jury. »Stimmt.«

»Ich erzähle ihm alles, und wir werden sehen, was er davon hält. Ich sage nicht, dass ich von seinen Vorschlägen begeistert sein werde, aber ich habe vor, zuzuhören.« Ich schloss den Reißverschluss der Reisetasche und schwang sie mir über die Schulter. »Hast du die Katze gefunden?«

Er schüttelte den Kopf. »Keine Katze.«

»Fuck. Hoffentlich haben sie das Vieh rausgelassen und keinen anderen Scheiß abgezogen.«

»Nein, ich meine: Es gibt keine Anzeichen einer Katze. Kein Futter, kein Napf, kein Katzenklo. Nichts.«

»Warum hat sie dann Katzenfutter gekauft?«

»Keine Ahnung. Vielleicht hat ihr Freund eine?«

Das Feuer der Eifersucht fraß mich von innen auf. Augenscheinlich spiegelte sich dieser Vorgang auf meinem Gesicht wider, denn Jury begann zu glucksen. »Alter, was auch immer deine Eier im Schraubstock hat, ich hoffe, es bleibt so. Ich habe mich lange nicht mehr so köstlich amüsiert wie bei deinem Anblick heute.«

Abermals zeigte ich ihm den Mittelfinger, während ich den Raum verließ. Doch wenn es bedeutete, dass Ophelia bei mir war, hoffte ich ebenfalls, dass es so bleiben würde.

 

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»Verdammte Scheiße, Mann, bist du high?«, fragte Nox, während er sich eine Zigarre anzündete.

»Du wolltest damit aufhören«, erinnerte ihn Beck, einer seiner Männer, nahm die Zigarre aus Nox’ Mund und versenkte sie in einem Glas Wasser.

Nox zuckte mit den Schultern, zog eine neue aus seiner Jackentasche und zündete sie an. »Das war, bevor dieser Bastard hier reinmarschierte und mir im Plauderton eröffnete, dass er ein unschuldiges Mädchen entführen musste, bloß weil er dicke Eier hat.«

Killian Nox war halb Schotte, halb Ire, und ganz und gar Arschloch. Nachdem er ein paar Jahre gesessen hatte – dank einer miesen Falle, die ihm gestellt worden war –, hatte er sich seine Freiheit zurückerkämpft. Und sich die Fähigkeit angeeignet, unter dem Radar zu agieren. Also gründete er sein eigenes Business. Soll heißen: Man heuerte ihn an, um Dinge aufzuspüren ...

Oder Menschen.

Er nannte sich einen freischaffenden Privatdetektiv, weil es nicht so abgefuckt klang wie gesetzloser, aber prinzipientreuer Hurensohn, der keine Angst hat, sich die Hände schmutzig zu machen.

Jury und ich arbeiteten für ihn, seit wir in der High School waren. Damals hatte er verschreibungspflichtige Medikamente für Leute beschafft, die sich diese nicht leisten konnten. Wenn er und seine Crew mehr Hände für größere Lieferungen gebraucht hatten, waren Jury und ich eingesprungen. Heute, viele Jahre und noch mehr Bullshit später, waren wir immer noch seine Männer, wenn er mal Hilfe brauchte. Und umgekehrt.