Herstellung und Verlag:

BoD - Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN 978-3-7431-5874-0

Vorwort

Darwins Evolutionstheorie erscheint auch nach seinem 200ten Geburtstag immer wieder in den Schlagzeilen. Aber was sich hinter diesen verbirgt, sind häufig nur einige wenige Aspekte in einer Diskussion, die selbst heute noch heftig geführt wird, obwohl sie schon vor so langer Zeit begonnen wurde und obwohl Darwins Evolutionstheorie seit langem in unserer Gesellschaft die offizielle Lehrmeinung repräsentiert.

Die Ursachen hierfür liegen vorwiegend in einem auf den Naturwissenschaften aufbauenden Weltbild verankert, das in den letzten zwei Jahrhunderten das religiöse Weltbild und auch das vorausgegangenen Weltbild der Antike ersetzt hat. Darwins Evolutionstheorie bildet darin neben einer mechanistischen Erklärung der Welt eine zentrale Komponente. Dieses Weltbild bestimmt heute weitgehend was gelehrt wird, woran geforscht wird und wohin die Forschungsgelder fließen. Deshalb ist es gar nicht verwunderlich, das die Paradigmen der aktuellen offiziellen Wissenschaft von deren Vertreten vehement verteidigt werden. Man darf aber auch den Erfolg nicht in Abrede stellen, dass man auf der Basis dieser Paradigmen immer weiter zu neuen und wertvollen Ergebnissen gelangt.

Trotzdem ist speziell die Evolutionstheorie in manchen Kreisen nicht besonders beliebt. Das liegt zum Teil daran, dass das mechanistisch geprägte Weltbild die geistige Komponente immer weiter an den Rand gedrängt hat oder aus bestimmten Bereichen völlig ausgeschlossen hat. Eine Welt, in der der Geist keinen Platz mehr hat, stellt jedoch ein trauriges Bild dar, das darin gipfeln kann, dass das Leben weder Sinn und Zweck hat und dass das Universum nach den Gesetzten der Physik sowieso unaufhaltsam seinem Kältetod entgegenstrebt.

Aber es sind nicht nur die früheren Weltbilder die hierzu eine hoffnungsvollere Perspektive bieten. Moderne wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Quantenphysik, der Feldtheorie, der Astronomie oder anderen Forschungsgebieten können Alternativen aufzeigen, die nicht nur manchmal plausibler klingen sondern auch die düsteren Aspekte mit etwas Freundlicherem ersetzen können.

Immer wieder werden Versuche gemacht, die offiziellen Paradigmen in Frage zu stellen oder Gegenhypothesen zu etablieren. Diese kommen nicht nur von den „ewig Gestrigen“, sondern auch von modernen Wissenschaftlern, die neue Wege gehen. Aber egal von welcher Seite, die offizielle Wissenschaft wird vehement gegen vermeintliche „unwissenschaftliche“ Gegner zu verteidigt.

Populärwissenschaftliche Zeitschriften greifen dieses Thema mit bunten Farbreportagen immer wieder erfolgreich auf, ohne dass man dabei sehr viel Neues präsentiert. In einer Flut von Information aus Fachbeiträgen, populärwissenschaftlichen Artikeln, Argumenten, Gegenargumenten und Einzelbeiträgen, die meistens nur Teilaspekte beleuchten, ist man dann schnell bereit, auf eine eigene Meinungsbildung zu verzichten, und sich der offiziellen Lehrmeinung einfach anzuschließen.

Besonders interessant ist jedoch auch der Disput zwischen Wissenschaft und Religion, der im Hinterzimmer der Diskussion zu Darwins Evolutionstheorie ausgetragen wird. Hier scheinen die eigentlichen Gründe der Unbeliebtheit einer offensichtlich wissenschaftlich korrekten Theorie zu liegen.

Da ich mich seit Jahren mit diesem Thema aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln heraus beschäftige, hatte ich mir zunächst vorgenommen ein Sachbuch zu diesem Thema zu schreiben, dass auf logischen Analysen und Schlüssen aufbauen sollte, damit sich auch der etwas interessierte Laie ein eigenes Bild zur Evolution machen kann. Bei den Recherchen hierzu wurde mir jedoch zusehends klar, dass die Diskussion selbst und die Art und Weise wie sie geführt wird, entscheidenden Anteil am Verständnis dieser Theorie hat. All diese Argumente von Gegnern, Befürwortern, Professionellen und Laien in einem Sachbuch aufzulisten, zu analysieren und auszuwerten kann den Reiz dieser Diskussion nicht vermitteln. Deshalb kam mir der Gedanke, die Fakten und Argumente wie in einem Sachbuch zusammenzutragen und dann direkt aufeinanderprallen zu lassen. Hierzu eignet die Romanform wesentlich besser.

Dies ist natürlich nicht ganz meine eigene Erfindung. Schon Galileo Galilei hat diese Form in seinem berühmten Buch „Dialogo“ gewählt indem er sein revolutionäres neues Weltbild präsentierte.

Um es dem Leser einfach zu machen, werden keine größeren Fachkenntnisse vorausgesetzt, sondern diese werden im Roman selbst im Laufe der Handlung vermittelt, wodurch dann auch der Lerneffekt wie bei einem Sachbuch, aber eher unbewusst zum Tragen kommt. Andererseits ist die Handlung wie ein Kriminalroman strukturiert, der alle verdächtigen Personen mit ihren Eigenarten, Wünschen und Fehlern vorstellt, sie analysiert und schließlich ins Kreuzverhör nimmt. Am Ende können sich der Detektiv und der Leser anhand der Ermittlungsergebnisse ein Bild von der Wahrheit machen.

Ich verspreche die gleiche Spannung, wie bei einem Kriminalroman, selbst wenn wir hier nur wissenschaftliche Fakten und ihre mehr oder weniger wissenschaftlichen Gegenhypothesen miteinander konfrontieren, statt Täter und Opfer. Neben vielen teilweise bekannten Fakten ist es besonders eine Reihe für viele Leser unbekannter Fakten sowie neue Blickwinkel, die nach und nach auftauchen, und die Spannung bis zum Schluss aufrechterhalten.

Im Jahr 2009 erschien mein Buch „Evolution aus Sicht eines Vulkaniers“, das sich bis heute ganz erfolgreich verkauft hat. Inzwischen ist auch mein ursprünglich geplantes reines Sachbuch unter dem Titel „Was der blinde Uhrmacher nicht sah“ erschienen.

Anmerkung zur zweiten Auflage

In den vergangenen sieben Jahren seit Erscheinen der ersten Auflage ist die Forschung weitergegangen und ist zu neuen interessanten Ergebnissen und Hypothesen gelangt. Ich habe die Entwicklung aufmerksam weiter verfolgt. Dabei erschien es mir erforderlich mein Buch mit zusätzlichen Aspekten, Fakten und Erkenntnissen zu komplettieren. Auch Kritik und Anregungen meiner Leser sind dabei berücksichtigt worden.

Die Evolution wirkt also auch in der Literatur und hat für mein Buch mit „Evolution aus Sicht eines Vulkaniers 2.0“ ein neues höheres Niveau erreicht, das selbst den Leser des Vorgängers noch einmal begeistern könnte.

Inhalt

Kapitel 1 das Dilemma

Washington Post und USA Today lagen aufgeschlagen auf dem Frühstückstisch neben einem Teller mit Pfannkuchen, von denen der Ahornsirup tropfte und einem zweiten Teller, auf dem noch vor wenigen Minuten zwei Rühreier mit vier Streifen Bacon gelegen hatten. Aber was Andy Clayburn hier zu lesen bekam, konnte ihm den Appetit gründlich verderben.

Präsident Andrew Clayburn hatte vor wenigen Wochen sein Amt angetreten. Er hatte sich fest vorgenommen, seine Wahlversprechen, soweit es in seiner Macht stand, auch zu erfüllen, und das hatte er auch bei seiner Antrittsrede bekannt gegeben. Seit einigen Tagen war in der Presse die Diskussion aufgekommen, dass er der religiösen Lobby bei seiner Wahlreise durch die südlichen Bundesstaaten versprochen hatte, erneut zu prüfen, ob ”Intelligentes Design” neben ”Darwins Evolutionstheorie” an den Schulen in den Lehrplan aufgenommen werden könne. Genau das hatte die vorherige Regierung deutlich abgelehnt und als unvereinbar mit den Gesetzen des Landes erklärt. Die Diskussion in der Presse nahm täglich mehr Raum ein, und die Opposition wartete nur darauf zu sehen, ob Clayburn sich ohne Blamage aus der Sache herausziehen konnte.

Clayburn rief seine wichtigsten Berater zu sich: “Sie wissen, dass in der Presse mein Wahlversprechen heftig diskutiert wird, dass der Beschluss über Intelligentes Design an den Schulen neu geprüft werden soll. Auf der einen Seite will ich nicht als ein weiterer Politiker dastehen, der leere Versprechungen abgibt, um Stimmen für die Wahl zu sammeln.

Auf der anderen Seite kann ich es mir als Präsident nicht leisten, mich möglicherweise zum Fürsprecher einer Pseudowissenschaft zu machen. Was noch dazu kommt ist, dass ich es mir auch nicht leisten kann, eine wichtige Wählergruppe durch einen negativen Bescheid zu verprellen. Wie Sie sehen sitze ich in der Zwickmühle, und meine Frau ist der Ansicht, dass das einzige, was mich hieraus befreien kann, die Wahrheit ist. Aber wie finde ich die? Ich warte auf ihre Vorschläge.”

“Herr Präsident, Sie können uns glauben, diese ganze Intelligentes Design Sache hat überhaupt keinen wissenschaftlichen Hintergrund. Das ist nur der Versuch religiöser Fundamentalisten, den Kreationismus unter anderem Etikett an unsere Schulen zu bringen“, gab Clayburns wissenschaftlicher Berater zu bedenken. „Auf der anderen Seite dürfen Sie sich voll und ganz auf unsere Wissenschaftler verlassen. Das sind die besten Experten der Welt.“

„Der politische Schaden bei der normalen Bevölkerung wäre vermutlich größer als der Gewinn von Stimmen, die von einer Minderheit von weniger als 10% kommen“, legte der politische Berater hinzu. „Ich kann aus parteipolitischen Gründen nur dringend davon abraten, Intelligentes Design salonfähig zu machen.“

„Denken Sie nur an die Konsequenzen für die Forschung an unseren Universitäten, wenn die Forschungsmittel mit diesen Pseudowissenschaftlern geteilt werden müssen!“, warnt der Berater für Forschung.

„Genug!“ entgegnet Clayburn. „Ich soll glauben was Sie mir sagen, vertrauen auf das, was unsere Wissenschaftler publizieren, aus parteipolitischen Gründen Entscheidungen treffen oder Rücksicht nehmen auf den Forschungsetat unserer Universitäten. Meine Herren, das ist ganz und gar nicht das, was ich von Ihnen hören will! Ich will die Wahrheit, und ich will sie selbst verstehen! Ich werde nicht noch einmal den Fehler eines meiner Vorgänger machen und mich auf Ihre Versicherungen und die angeblichen sicheren Beweise der von Ihnen angeführten Experten verlassen.

Jeder Zweifel war doch ausgeschlossen, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitzen sollte. Der Präsident wurde aufgrund dessen zu eine entsetzliche Fehlentscheidung veranlasst, die zu einem Krieg mit vielen Toten führte, für den ihn nun viele verantwortlich machen wollen. Ein großer Teil seiner Schuld aber liegt einfach darin, Ihnen und den so genannten Experten zu glauben. Das werde ich nicht tun. Ich will mir meine eigene Meinung bilden, bevor ich meine Entscheidung treffe! “

”Herr Präsident”, ergriff der wissenschaftliche Berater Stevens das Wort. „Ich kann es in gewissem Umfang verstehen, dass Sie uns nicht so einfach glauben wollen, wenn es um wissenschaftliche Erkenntnisse geht. Ich möchte Ihnen deshalb vorschlagen, dass Sie einen unser führenden Biologen persönlich treffen. Der Biologe Dr. John Padfield ist einer unserer Topleute in der Forschung und hält sich zurzeit in unserer Stadt auf. Es ist mir sicher möglich, ein Treffen mit Ihm für morgen Nachmittag zu arrangieren.“

„Versuchen wir es!“, stimmte Clayburn zu.

Am darauffolgenden Tag gegen zwei Uhr erschien Dr. Padfield in Begleitung von Stevens bei Clayburn. Er war ein Mann Mitte 30, der so gar nicht dem Klischee eines wissenschaftlichen Gurus ähnelte, sondern mit seiner Astronautenfrisur, seinem blauen Anzug und dem weißen Hemd eher als einer der IBM Verkäufer durchgegangen wäre, die hier öfters im Haus waren.

„Darf ich Sie mit einem unserer führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Molekularbiologie, Dr. John Padfield bekannt machen?“, eröffnete Stevens das Gespräch. „Dr. Padfield wird Ihnen einen kurzen Überblick über den Stand der Forschung bei der Entwicklung des Lebens geben.“

„Seien Sie und herzlich willkommen!“, sagte Clayburn. „Fangen Sie einfach an mit Ihrem Bericht.“ Dr. Padfield ging nach vorn, baute sich vor dem Whiteboard des Raumes auf und begann seinen Vortrag:

„Herr Präsident., wir können heute ohne jeden Zweifel konstatieren, dass sich die Entwicklung des Lebens vollständig als eine Kette von Kausalfaktoren darstellen lässt, die einzig und allein bekannter physikalischer und biochemischer Prozesse zu ihrer Erklärung bedürfen. Begriffe wie Intelligenz, Vitalfaktoren, Design oder ein göttliches Mitwirken sind hier weder notwendig noch gefragt. Die chemischen Prozesse bei der Synthese organischer Grundsubstanzen, wie z.B. Aminosäuren und Nukleine, sind genauestens bekannt. Ebenso haben wird die chemische Natur der DNA und RNA, die das genetische Material eines lebenden Objektes beinhalten, genauestens analysiert.

Neueste Forschungen bezüglich der MicoRNA werden uns in Kürze in die Lage versetzen, sogar menschliche Gene abzuschalten. Wir können heute mit unseren Supercomputern den vollständigen Code einer menschlichen DNA in nur drei Tagen analysieren, was zu Präsident Clintons Zeiten noch 12 Jahre dauerte.

Wir wissen bis ins Detail, wie die Polymerisation von Molekülketten zu Proteinen von statten geht und wie die Hydrolyse von ATP oder Polyphosphat die notwendige Energetisierung hierfür liefert. Als Alternative hierzu tauchte vor kurzen auch eine anaerobe Redoxreaktion mit Metallsulfiden in einem Black Smoker auf dem Grund des Meeres auf.

Proteine werden zu einem signifikanten Teil von Enzymen verkörpert. Die Enzyme katalysieren die biochemischen Stoffwechselreaktionen in einem lebenden Organismus. Die Kontrolle der Stoffwechselmechanismen erfolgt durch biochemisches Feedback, dass die Enzymaktivitätsrate kontrolliert. Eine Differenzierung bei der Entwicklung der Organismen erfolgt rein zufällig durch Mutation der DNA oder RNA, die eine differenzierte Proteinsynthese zur Folge haben kann.

Eine ausschließlich natürliche Selektion, die diejenigen Individuen bevorzugt, die sich am effektivsten reproduzieren können, manifestiert diese Veränderungen in der Art.“

„Welche Rolle spielt hierbei der Geist?“ fragte Clayburn.

„Herr Präsident“, setzte Dr. Padfield fort. „Die Evolution kennt kein Ziel. Geist, Intelligenz oder Verstand sind also nicht erforderlich. Falls diese Komponenten jedoch in irgend einer Weise die Reproduktionsfähigkeit des Individuums erhöhen, so muss ich zwar zugeben, dass wir bei der Erforschung des zentralen Nervensystems noch nicht ganz am Ziel sind, aber ich bin überzeugt, dass wir mit unseren neuen Simulationsmodellen in Kürze auch den Geist und die Intelligenz auf elektrophysiologischer und biochemischer Basis erklären können. Dann ist endlich der gesamte lebende Organismus mit Begriffen aus der Physik und Chemie erklärbar.“

„Dr. Padfield, wir danken Ihnen für Ihre interessanten Ausführungen“, beendete Clayburn den Vortrag, und Steven begleitete Dr. Padfield aus dem Raum.

Als die Tür wieder ins Schloss fiel meinte Clayburn: „Oh Gott, war der wirklich echt? Ich habe zwar selbst eine akademische Ausbildung, allerdings im Bereich Energietechnik, aber alles, was da kompakt angeführt wurde, habe ich vermutlich nicht vollständig verstanden, und den Wahrheitsgehalt des Gesagten kann ich schon gar nicht beurteilen. Ob es nun die Ehrfurcht vor der Fachkompetenz oder die Angst sich zu blamieren ist, weiß ich nicht, aber ich kann mich nicht auf eine Diskussion mit Padfield einlassen. Der überfährt mich mit seiner Argumentation in weniger als einer Minute, selbst wenn er Unrecht hat.“ Damit verließ Clayburn den Raum, um sich mit seiner Frau zum Tee zu treffen.

„Schöne Berater, habe ich mir da ausgesucht, Jessica. Bei der Wahrheitsfindung sind die aber auch zu gar nichts zu gebrauchen. Ich soll ihnen einfach glauben oder vertrauen, und meine Entscheidungen vorwiegend von politischen oder wirtschaftlichen Faktoren abhängig machen. Der Experte, den sie mir dann präsentiert haben, war eine wandelnde Enzyklopädie, aber mit ihm zu diskutieren schien mir auch irgendwie sinnlos, weil ich ihm fachlich nicht gewachsen war.

“ Jessica Clayburn lächelte: „ Ja so sind sie die Berater von heute, alles Lobbyisten, die keine unvoreingenommenen Aussagen mehr machen, weil sie immer bestimmten Interessengruppen angehören oder diesen verpflichtet sind. Wissenschaftliche Experten dagegen leben in ihrer eigenen Welt und können oft nur mit ihresgleichen diskutieren.

Gestern abends habe ich Startrek, Der Zorn des Khans im Fernsehen gesehen. Einen Mann wie Mr. Spock brauchst du, der seine Vorschläge auf rein logischer Basis macht, und weil er als Vulkanier kein Ego besitzt, das auf die eigenen Interessen oder die anderer Rücksicht nimmt.“

„Recht hast du!“, sagte Clayburn, trank seinen Tee aus, stand auf und begab sich zurück zu seinen Beratern.

„Meine Herren, Ihre Ratschläge sind für mich wertlos. Ich will nicht jemandem glauben oder vertrauen, sondern ich will die Materie und die unterschiedlichen Ansichten verstehen, um sie dann selbst auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Daraus gedenke ich dann die logischen Schlüsse zu ziehen, von denen ich allein meine Entscheidung abhängig mache.“

„Herr Präsident“, entgegnete der wissenschaftliche Berater Stevens. „Die Materie ist mittlerweile so komplex und auf einen Detailniveau angekommen, dass sie nur noch von spezialisierten Wissenschaftler verstanden wird. Sie würden Jahre brauchen, bis Sie …“

„Unsinn!“, unterbrach Clayburn. „Stellen Sie sich einen Mann wie Mr. Spock aus den Startrek Filmen vor. Spock gelingt es, sich in kurzer Zeit, auch von unbekannten Welten, ein brauchbares Bild zu machen und daraus die richtigen logischen Schlüsse zu ziehen. Dabei glaubt er nichts und braucht niemandem zu vertrauen, und er lässt sich nicht von seinem Ego leiten, so wie Sie, weil er als Vulkanier keines besitzt. Schaffen Sie mir einen solchen Mann als Berater in dieser Angelegenheit her!“

Clayburn war auf dem Weg das Büro zu verlassen, als sein Sicherheitsberater Alex Svan ihn ansprach: “Herr Präsident, darf ich Sie kurz unter vier Augen sprechen?“. Clayburn nickte und beide blieben allein im Büro zurück.

„Herr Präsident, Sie können es noch nicht wissen, weil Sie erst so kurz im Amt sind und die Sache streng geheim ist“, begann Svan zu berichten. „Der Geheimdienst hat seit einigen Wochen Kontakt zu einer Person, die behauptet von einem anderen Planeten zu sein, und nach eingehender Prüfung und aus Gründen, die wir später diskutieren können, haben wir allen Anlass zu der Annahme, dass er kein Betrüger oder Verrückter ist. Wir haben ihn Mr. Spock getauft, da er der Filmfigur etwas ähnlich sieht und die gleichen Verhaltensmuster zeigt, die sich ausschließlich auf Logik gründen, wie dieser Spock im Film. Außerdem ist sein wirklicher Name ziemlich unaussprechlich. Er versucht seit Ihrem Amtsantritt mit Ihnen in Kontakt zu kommen, was wir jedoch erfolgreich zu verhindern wussten. Jetzt habe ich das Gefühl, dass genau dieser Mann Ihnen helfen könnte.“

“Klingt unglaublich Svan, aber schaffen Sie mir diesen Mann her!“, antwortete Clayburn.

Vier Tage später erschienen Svan und eine Person, die Leonard Nimoy fast wie aus dem Gesicht geschnitten war - allerdings so wie er in den 70ern aussah – zu einem Termin bei Clayburn. Er hätte Nimoys Sohn sein können.

„Wenn ich nicht wüsste, dass Nimoy vor einiger Zeit gestorben ist, würde ich denken, er ist es persönlich“, begrüßte sie Clayburn. „Wie heißen Sie?“

„Meinen richtigen Namen würden Sie kaum aussprechen können. Einige Ihrer Geheimdienstleute sagen Mr. Spock zu mir“, entgegnet der Fremde. „Der Name gefällt mir, und nach allem, was ich über diese Filmfigur in den letzten drei Wochen erfahren habe, so scheint dieser Spock aus den Filmen fast ein Abbild von mir zu sein. Andererseits hat die Evolution bei uns offensichtlich das Aussehen von Leonard Nimoy aus irgendwelchen Gründen als so vorteilhaft erkannt, dass hierbei für uns nur noch geringfügige Variationen erfolgen. Das erklärt die Ähnlichkeit.“

„Merkwürdig“, staunte Clayburn.

„Eigentlich gar nicht“, antwortet der Fremde. „Auf alles was der Mensch sich für einen Film ausdenken kann, kann auch die Natur kommen. Das ist logisch, denn der Mensch ist ein Teil der Natur. Um eines möchte ich Sie aber trotzdem bitten: Wegen der hohen Ähnlichkeiten in unserer Rasse wird für uns ein individueller Name für die Persönlichkeit umso wichtiger. Deshalb würde ich es vorziehen, bei allem Respekt, nicht Spock genannt zu werden. Denken Sie sich einfach einen einfachen für Sie verständlichen Namen für mich aus. “

Betretenes Schweigen, und man sah wie Clayburn überlegte.

„Vulko!“ sagte Clayburn plötzlich. „Dürfen wir Sie Mr. Vulko nennen? Das ist leicht zu merken und passt gut zu Ihrer Herkunft.“

„Einverstanden!“ sagte der Fremde, der damit ab sofort für alle Mr. Vulko war.

Clayburn und Vulko unterhielten sich eine ganze Weile und fingen dabei an, Ansätze von Vertrauen und Sympathie füreinander zu entwickeln. „Ich könnte Ihre Hilfe gebrauchen, Vulko!“ kam Clayburn schließlich zur Sache und erklärte sein Dilemma mit dem Wahlversprechen und wie schwer es war, brauchbare Ratschläge zum Thema Evolution und Intelligentes Design zu bekommen. „Ich brauche hierfür eine unvoreingenommene, logisch denkende Person, die möglichst keine persönlichen Interessen in ihre Analysen mit einbezieht. Wenn Sie derjenige sind, für den ich angefangen habe Sie zu halten, dann sind Sie der ideale Mann für den Job.“

„Ich werde Ihnen helfen!“ antwortete Vulko. „Die Eigenschaften, die Sie suchen, habe ich. Dagegen kenne ich mich mit der Materie im Moment noch recht wenig aus.“

„Haben Sie einen Vorschlag, wie wir vorgehen könnten?“ fragte Clayburn.

„Ich könnte mir folgendes vorstellen“, antwortete Vulko. „Zunächst einmal brauche ich eine gewisse Grundausbildung zu dem, was auf der Erde zu dem Thema bekannt ist oder behauptet wird. Das umfasst die naturgegebenen Rahmenbedingungen, geltende Paradigmen, Lehren, Theorien und Hypothesen, aber auch konträre nicht akzeptierte Theorien, Hypothesen und Behauptungen, sowie religiöse Ansichten. Aber keine Angst, ich lerne sehr schnell.

Alle wichtigen Leute, die an der aktuellen Lehrmeinung mitgewirkt haben oder die eine populäre andere Meinung vertreten, laden wir zu einem Workshop ein, das wir anschließend unter rein logischen Gesichtspunkten auswerten.“

„Das wird leider so nicht funktionieren“, wandte Clayburn ein. „Viele dieser Personen, sind bereits seit langem tot. Darwin wäre heute bereits über 200 Jahre alt.“

“Das lassen Sie mal meine Sorge sein!“ antwortete Vulko. „Die Technologie der Vulkanier beherrscht die Teleportation über alle vier Dimensionen des Raumzeitkontinuums, oder wie Sie es vielleicht ausdrücken würden, wir können Personen nicht nur über Entfernungen sondern auch über die Zeit beamen. Aber das wäre auch nur eine Alternative, dieses Problem zu lösen.“

„Kaum zu glauben!“, entgegnete Clayburn. „Wie funktioniert denn so was?“

„Das erkläre ich Ihnen vielleicht später irgendwann einmal“, lachte Vulko. „Zunächst einmal konzentrieren wir uns nur auf Ihren Planeten.“

„Okay!“ lenkte Clayburn ein. „Ich überlasse es ganz Ihnen, die Teilnehmer herbeizuschaffen, auch wenn ich da so meine Zweifel habe. Den Workshop können wir auf meinem Landsitz abhalten. Meine Farm in den Catskills ist vorbereitet für Konferenzen bis zu 60 Teilnehmern. Das andere Problem ist Ihre Ausbildung. Wir müssen unbedingt sicherstellen, dass Sie objektive Information erhalten.“

„Das ist entscheidend für das ganze Unternehmen“, bestätigte Vulko. “Wir brauchen eine Person, die 100% auf Ihrer Seite steht, der Sie voll vertrauen, die eine gewisse Bildung besitzt und deren Interessen sich genau mit den unsrigen decken.“

„Sie machen Witze!“ antwortete Clayburn. „Ich kenne niemanden, dem ich all das zutrauen würde. – Nein – das ist nicht ganz richtig. Eine – eine einzige Person kenne ich, auf die genau das alles zutrifft: Meine Frau Jessica! Jessica hat sogar eine Universitätsausbildung in Biologie, aber sie übt ihren Beruf seit einiger Zeit nicht mehr aus. Ja Jessica wäre der perfekte Ausbilder für Sie.“

Clayburn griff zum Telefon und drückte die oberste Speichertaste. „Jessica, könntest du bitte in mein Büro kommen? Ich muss dir unbedingt jemanden vorstellen, der dich sehr interessieren wird.“

Zwei Minuten später ging die Tür auf und Jessica Clayburn trat ein.

„Hallo Jessica, hier ist der Mann, den du mir als Berater empfohlen hattest.“

Jessica Clayburn starrte den Fremden verwundert an: „Mr. Spock? Den gibt’s doch nicht wirklich? Oder?“

„Er sieht fast so aus wie Mr. Spock, denkt wie Mr. Spock, aber er möchte nicht, dass wir ihn Mr. Spock nennen. Darf ich dir Mr. Vulko vorstellen. Er hat mit unserem Geheimdienst in Kontakt gestanden, und als unser Sicherheitsberater Svan von deiner Idee hörte, hat er uns miteinander bekannt gemacht“, lachte Clayburn.

„Entschuldigen Sie mein merkwürdiges Benehmen, aber auf das war ich nicht vorbereitet“, wandte sich Jessica an Vulko. „Auf jeden Fall ist es mir eine Freude, Sie kennen zu lernen!“

„Die Freude ist ganz auf meiner Seite!“ antwortete Vulko.

„Jessica, wir beide hätten eine große Bitte an dich“, begann Clayburn. „Wie du weißt, brauche ich einen unvoreingenommenen Berater in Sachen Evolution und Intelligentes Design. Mr. Vulko ist auf diesem Gebiet, was speziell unsere Erde betrifft und alles was hier darüber gelehrt oder diskutiert wird, ein vollkommener Anfänger. Aber genau das werden wir uns nun zu Nutze machen. Um die unterschiedlichen Ansichten und Lehren beurteilen zu können, benötigt er dringend eine Grundausbildung in Sachen Evolution, was die allgemeine Lehrmeinung ist, geltende Theorien, Kritik und konträre Behauptungen. Wir brauchen dafür eine Person, der wir 100% vertrauen können, damit Vulko nicht durch die Auswahl der vermittelten Information in irgendeine Richtung beeinflusst wird. Die einzige Person, zu der ich ein so hohes Vertrauen habe, bist du!

Könntest du dir vorstellen, Mr. Vulko in den nächsten drei Wochen die nötigen Grundkenntnisse zu vermitteln?“.

„Danke Andy, dass du eine so hohe Meinung von mir hast!“ lachte Jessica. „Das kommt jetzt zwar etwas überraschend, aber du weißt ja, dass ich früher auf diesem Gebiet, gearbeitet habe, und es würde mir wirklich große Freude machen, Mr. Vulko in die Natur unserer Erde einzuweisen.“

„Großartig!“ strahlte Clayburn. „Beginnen wir gleich nächsten Montag 10:00 Uhr nach dem zweiten Kaffee hier bei uns in Konferenzraum B2. Natürlich nur, wenn Ihnen der Termin passt, Mr. Vulko.“

„Passt ausgezeichnet!“, bestätigte Vulko. Damit war das Gespräch beendet, und Jessica Clayburn konnte es kaum erwarten, Montag mit Vulkos Ausbildung zu beginnen.

Kapitel 2 Die Ausbildung

Jessica Clayburn wartete schon im Ausbildungslokal, als die Tür aufging und Vulko begleitet von Sicherheitsberater Svan herein trat.

„Sie können uns allein lassen, Svan!“ sagte Jessica. „Nehmen Sie Platz Mr. Vulko und lassen Sie uns überlegen, wie wir vorgehen könnten. Ich will es Ihnen aber gleich vornweg sagen: Unsere Wissenschaft ist so umfangreich, dass Sie in der kurzen Zeit, die uns zur Verfügung steht, maximal das Niveau eines gebildeten interessierten Laien erreichen können. Zu mehr braucht es ein jahrelanges Studium, und dabei müssten Sie sich auf ein Fachgebiet spezialisieren. Kein Mensch kann heut zu Tage alles wissen. Aber zusammen mit Ihrem Spezialgebiet der Mathematik und der Logik können Sie hoffentlich bei den Kenntnissen, die ich Ihnen nun vermitteln will, einen Beitrag zur Diskussion leisten und meinem Mann bei seinen Entscheidungen behilflich sein.“

„Natürlich sind mir die Begrenzungen einer solchen Kurzausbildung bewusst“, sagte Vulko und nahm in der Sofaecke des Raumes Platz. „Aber vermutlich dient es besser der Sache, bei logischen Entscheidungen, die ein breites Umfeld betreffen, die Sicht des normalen Mannes zu haben, als dass man von der Überlegenheit seines eigenen Wissens aufgrund einer Spezialisierung in einem begrenzten Fachgebiet völlig überzeugt ist.

Wissenschaft

Als erstes würden mich einige Hintergründe zu Ihrer Wissenschaft interessieren, wie lange sie existiert, woher sie kommt, ob es Rahmenbedingungen gibt in denen sie angewandt wird und wer sie geprägt hat. Letzteres ist von besonderem Interesse, da wir ja die Personen, die hinter den Argumenten der aktuellen Diskussion stehen, für die Wahrheitsfindung ausfindig machen wollen.

Insgesamt brauche ich dann einen Exkurs der ausgehend von den physikalischen Rahmenbedingungen die Entstehung des Universums beschreibt, auf die Entstehungsgeschichte der Erde eingeht und dann mit der Entstehung und Weiterentwicklung des Lebens fortsetzt. Dabei sollten wir den Schwerpunkt auf die allgemeine Lehrmeinung legen, aber ich möchte auch mit anderen Ideen und Argumenten, die nicht offiziell anerkannt aber diskutiert werden, vertraut gemacht werden. “

„Das ist ein ganz schön großer Komplex“, entgegnete Jessica. „Aber wie verspeist man einen Elefanten? Ein Stück nach dem anderen! Fangen wir also einfach mit den Ursprüngen unserer Wissenschaft an.

Kultur und Wissenschaft

Wissenschaft ist immer eng an eine Kultur gebunden. Uns sind unterschiedliche Kulturen bekannt, die kommen und gehen. Verschiedene Kulturen existierten gleichzeitig. Die älteste bekannte Kultur ist die ca. 8000 Jahre alte Kultur der Sumerer, die im heutigen Irak beheimatet war. Bis auf den heutigen Tag sind Teile dieser Kultur an nachfolgende Kulturen weitergegangen wie z.B. die Tierkreiszeichen, die Einteilung des Tages in 24 Stunden zu 60 Sekunden, oder des Kreises in 360 Grad. Während wir heute das Dezimalsystem für alle geläufigen Berechnungen verwenden, hatten die Sumerer das Sexagesimalsystem, und das lebt in diesen Bereichen weiter.

Aber Kulturen kommen und gehen, und es ist nicht immer die am weitesten entwickelte Kultur mit der fortschrittlichsten Wissenschaft, dem größten Reichtum oder einer überlegenen Technologie, die sich auf Dauer durchsetzt. Schon der arabische Wissenschaftler Ibn Khaldun hatte im 13 Jahrhundert erkannt, dass der entscheidende Faktor für das Überleben einer Kultur die soziale Solidarität innerhalb der Gemeinschaft der zugehörigen Individuen ist. Wenn diese im Laufe der Zeit schwindet, kann die Kultur von einer anderen Gruppe auf einer niedrigeren Kulturstufe aber mit höherer sozialer Solidarität überrannt werden. Dies ist dann auch im Laufe der Geschichte häufig geschehen und hat dazu geführt, dass viele kulturelle und wissenschaftliche Erkenntnisse, vergessen, verdrängt oder von der nachfolgenden Kultur sogar absichtlich vernichtet wurden.

Häufig waren die Kulturen religiös geprägt, was sich auch in deren Wissenschaft widerspiegelte. Liest man wissenschaftliche Werke aus unserem Kulturkreis, die mehr als 300 Jahre alt sind, so stellt man fest, dass die Existenz eines Gottes, der alles geschaffen hat, für die Menschen dieser Zeit eine Selbstverständlichkeit war, und häufig in wissenschaftliche Erklärungen mit einbezogen wurde. Die heiligen Schriften von Judentum, Christentum und Islam, wurden dabei als von Gott geoffenbarte Wahrheit angesehen, und keinesfalls in Frage gestellt.

Das änderte sich für unsere sogenannte westliche Kultur erst vor wenigen hundert Jahren. Erst da wurde eine Wissenschaft begründet, die sich ausschließlich auf mathematische und physikalische Regeln stützt, und Gott oder andere unbekannte Kräfte als Erklärung nicht zulässt.“

„Vielen Dank, das erklärt einiges“, unterbrach Vulko. „Immerhin ist es Ihnen in der kurzen Zeit Ihrer modernen Wissenschaft gelungen, eine Technologie zu entwickeln, die es Ihnen erlaubt, sieben Milliarden Menschen auf Ihrem relativ begrenzten Lebensraum zu ernähren, einen großen Teil davon sogar mit annehmbarer Lebensqualität. Allerdings haben Sie noch eine Reihe großer Probleme zu lösen, und auf vielen Gebieten gibt es für Sie noch viel zu tun. Aber ich bin nicht hier um zu kritisieren oder Ratschläge zu geben. Ich will lernen. Also machen wir weiter und sehen uns Ihre Wissenschaft etwas näher an. Aus welchen Disziplinen besteht sie, und welche Methoden benutzt man zu ihrer Entwicklung?“

Die Wissenschaft und ihre Fachgebiete

„Kommen wir zum ersten Teil Ihrer Frage“, begann Jessica Clayburn. „Unsere Wissenschaft kann man im Prinzip in zwei Teile gliedern. Der erste Teil ist die Formale Wissenschaft. Hierzu zählen – und das wird Sie sicher besonders freuen – die Mathematik und die Logik. Diese Wissenschaft baut auf Axiomen auf, die per Definition richtig bzw. wahr sind. Hieraus werden weitere Regeln abgeleitet, indem man Hypothesen aufstellt, die mit Hilfe der Axiome mathematisch bewiesen oder falsifiziert werden können.

Bewiesene Hypothesen sind mathematische Sätze, die ihrerseits zum Beweis neuer Hypothesen herangezogen werden dürfen. Für die Logik gilt das Gleiche. Es gibt nämlich eine Äquivalenz zwischen der mathematischen Mengen- und Relationenalgebra und der Aussagen- und Prädikatenlogik. Damit ist in diesem Zweig der Wissenschaft jede Hypothese oder Behauptung eindeutig beweisbar oder falsifizierbar. Spielraum für eine Diskussion oder Interpretation gibt es nicht.“

„Faszinierend!“, bemerkte Vulko. „Da haben wir ja eine gemeinsame Basis. Nur eines wundert mich: Wenn Sie doch diese perfekte Wissenschaft besitzen, warum machen Sie dann in Ihrem täglichen Leben so wenig Gebrauch davon und streiten permanent miteinander unter Verwendung unlogischer oder eigennütziger Argumente oder führen sogar Krieg miteinander? Aber wir wollen diese Diskussion zunächst beiseitelassen und uns auf das Thema Wissenschaft konzentrieren.“

„Gut, machen wir mit der zweiten Hälfte, der realen Wissenschaft, weiter“, ergriff Jessica Clayburn wieder das Wort. „Die Reale Wissenschaft beschäftigt sich, wie der Name schon sagt, mit der realen Welt. Sie kann in die Gebiete Erfahrungswissenschaften und Geisteswissenschaften eingeteilt werden, wobei die Erfahrungswissenschaften nochmals in Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften unterteilt werden können. Auch hier werden Hypothesen über die reale Welt aufgestellt, die unter Zuhilfenahme der formalen Wissenschaft und Beobachtungen der realen Welt überprüft werden. Nur wenn eine Hypothese experimentell überprüft werden kann und das Experiment bei gleichem Resultat wiederholbar ist, gilt sie als bestätigt.

Bestätigte Hypothesen bilden die Bestandteile von Theorien und Lehren, die weiterverbreitet werden. Mit Hilfe der Lehre können dann Vorhersagen für die Wirklichkeit getroffen werden, deren Eintreffen die Richtigkeit der Lehre bestätigen kann. Ungenaue Vorhersagen sind Indikatoren für die Ungenauigkeit der Lehre. Ungenauigkeiten könne dann durch weitere Beobachtungen oder Experimente zu einer Verbesserung der Theorie und der Lehre führen, wodurch wiederum bessere Vorhersagen für die Wirklichkeit möglich werden.

Ich sehe da in Ihrem Gesicht irgendwie die zweifelnde Miene des Logikers, Mr. Vulko!“ lächelte Jessica Clayburn Mr. Vulko an. „Natürlich birgt diese Methode eine Reihe von Gefahren in sich. Ich höre noch im Unterbewusstsein die Kritik meiner Universitätskollegen aus dem Fachbereich Mathematik in den Ohren: Einmal ist keinmal – zweimal ist dreimal – und viermal ist immer!

Natürlich kommt es manchmal vor, dass der Experimentator die Messwerte ein wenig manipuliert, wenn er das erhoffte Ergebnis bereits kennt oder die zu bestätigende Hypothese selbst aufgestellt hat. Ebenso kann eine ungenaue aktuelle Lehre von Ihren Vertretern aus unterschiedlichen Gründen mit allen möglichen Mitteln gegen anders lautende Argumente und neue Erkenntnisse verteidigt werden. Aber im Grunde genommen hat sich diese Methode bewährt, und eine bessere Alternative kenne ich persönlich nicht.“

Physik

Naturgesetze

„Wie sieht es mit Entsprechungen in der Physik zu den Axiomen in der Mathematik aus? Gibt es gewisse per Definition geltende Rahmenbedingungen, an die sich eine Hypothese halten muss?“ fragte Vulko weiter.

„Axiome? Ja so etwas Ähnliches gibt es für die Reale Wissenschaft auch“, fuhr Jessica Clayburn fort mit ihren Erklärungen. „Im Volksmund nennt man sie auch Naturgesetze, aber im Grunde genommen ist es die Beschreibung von vier in der Natur vorkommenden Kräften, die zur Erklärung von Beobachtungen in der Realität herangezogen werden. Hierzu zählen: Die Starke Wechselwirkung, die Elektromagnetische Wechselwirkung, die Schwache Wechselwirkung und die Gravitation.

Die Starke und die Schwache Wechselwirkung haben nur sehr kurze Reichweite und treten nur innerhalb von Atomen oder zwischen verschiedenen Elementarteilchen auf. In der sichtbaren Welt oder besser gesagt in der klassischen Physik haben wir es deshalb vorwiegend mit der Gravitation und der Elektromagnetischen Wechselwirkung zu tun. Mit diesen beiden Kräften lassen sich alle Beobachtungen im Makrobereich erklären. Besonders wichtig für unsere Aufgabe ist jedoch die Tatsache, dass keine weitere Kraft festgestellt werden konnte, die in irgendeiner Form auf reale Dinge wirkt. Deshalb werden Behauptungen und Hypothesen, die eine weitere nicht nachgewiesene Kraft voraussetzen, als unwissenschaftlich angesehen.“

„Wunder als Erklärung sind also nicht zulässig“, stellte Vulko pragmatisch fest.

„Genauso ist es“, sagte Jessica. „Wenn man versucht mit dem Hinweis auf Gottes Allmacht zu erklären, dass Jesus auf dem Wasser wandelte, so ist dies unwissenschaftlich. Man muss schon eine zulässige Kraft finden, die der Gravitation entgegenwirkt, wie z.B. die Kohäsionskraft einer Eisdecke, um vom wissenschaftlichen Standpunkt die Behauptung zu akzeptieren, dass Jesus auf dem Wasser schritt.“

„Da wir ja bei dieser Ausbildung die wichtigsten Personen identifizieren wollen, die hinter der modernen Wissenschaft stehen, würde es mich nun interessieren, wer eigentlich die Begründer der Lehren der Physik sind“, meinte Vulko.

Newton und die klassische Physik

Jessica begann: „Eine der zentralen Figuren ist hierbei zweifellos Isaac Newton, einer der Begründer der klassischen Physik. Unter klassischer Physik versteht man die Theorie, die bis Anfang des 20ten Jahrhunderts ausschließlich gelehrt wurde. Erst danach wurde sie durch die Relativitätstheorie und die Quantenmechanik ergänzt. Newtons klassische Physik ging von einer Reihe Annahmen aus, die, wie sich später zeigte, nur in einem begrenzten Bereich gültig sind. Dieser Bereich deckt jedoch vollständig unser alltägliches Leben ab, sodass Abweichungen von diesen Annahmen normalerweise nicht auffallen.

Hierzu gehören, dass die Zeit absolut ist und überall gleichförmig abläuft, dass der Raum drei lineare Dimensionen hat, das Licht als elektromagnetische Welle angesehen werden kann und dass Ort und Bewegungsimpuls eines physikalischen Objektes jederzeit messbar und für jeden Zeitpunkt berechenbar sind.

Die anfangs des 20ten Jahrhunderts von Albert Einstein entwickelte Relativitätstheorie konnte jedoch nachweisen, dass die Zeit nicht absolut ist, dass der Raum gekrümmt ist und mit der Zeit zusammen als vierte Dimension ein Raumzeitkontinuum bildet.

Max Plank und Werner Heisenberg konnten mit Hilfe der Quantenmechanik nachweisen, dass unter gewissen Bedingungen entweder nur der Ort oder nur der Bewegungsimpuls eines Elementarteilchens gemessen werden können, aber niemals beides gleichzeitig.

Diese Abweichungen sind zwar von der offiziellen Lehrmeinung akzeptiert, aber da die neuen Theorien für den Nichtfachmann schwer zu verstehen sind, hält man sich in sehr vielen Bereichen an die klassische Physik, die hier immer noch gute Ergebnisse liefert.

Newton ist besonders bekannt für seine vier Bewegungsgesetze, die sogar Newtonsche Axiome genannt werden. Diese werden Trägheitsprinzip, Aktionsprinzip, Reaktionsprinzip und Superpositionsprinzip genannt und beschreiben das Verhalten und die Bewegung einer Masse unter dem Einfluss von Kräften, die auf sie ausgeübt werden. Damit war es möglich die Bewegung einer Masse unter dem Einfluss von Kräften bzw. Impulsen, die auf sie einwirken, genau vorherzusagen, also an welchem Ort, zu welcher Zeit, in welcher Richtung und mit welcher Geschwindigkeit sich die Masse bewegen würde.

Ein anderes sehr wichtiges Gesetz ist das von Newton formulierte Gravitationsgesetz. Dieses basiert auf Newtons Beobachtungen, dass zwei verschiedene Massen sich gegenseitig anziehen, und es gelang ihm, die Anziehungskräfte mit Hilfe von diesem Gesetz berechenbar zu machen. Unzählige weitere Erkenntnisse sind seitdem aus diesen Gesetzen abgeleitet worden. Es ließ sich sogar die Himmelsmechanik unseres Sonnensystems damit berechnen, wodurch auf Beobachtungen beruhende Gesetze, wie z.B. Keplers Gesetze zur Planetenbewegung, bestätigt wurden.“

„Ja“, sagte Vulko. „Mit dieser alten Lehre gelingt es Ihnen sogar heutzutage, Satelliten auf komplexen Bahnen durch Ihr Sonnensystem zu schicken.“

„Diese neue Berechenbarkeit und Erklärbarkeit der Welt“, fuhr Jessica fort, „ließ das Universum als mechanisches System erscheinen, das präzise wie ein Uhrwerk abläuft, und zum ersten Male war es damit möglich, ohne die Forderung nach einem überirdischen Wesen auszukommen, das Kontrolle ausübt oder eingreift. Dies führte dazu, dass die konservative Seite versuchte zu beweisen, dass es Bereiche gibt, die weiterhin die Existenz Gottes voraussetzen müssen, während die andere Seite die Nichtexistenz Gottes beweisen wollte. Keiner Seite ist der Beweis bisher gelungen. Während die moderne Wissenschaft ihr Terrain, in dem es keinen Gott braucht, fortlaufend erweiterte, zogen sich die Religionen auf ein Terrain zurück, das von der Wissenschaft nicht beansprucht und von dieser als unwissenschaftlich betrachtet wird. Damit haben wir heute eine Art Waffenstillstand, bei dem unterschiedliche Wahrheiten auf verschiedenen Seiten zugelassen werden.“

„Wie ich bereits früher sagte, ist die Wahrheit unteilbar“, gab Vulko zu bedenken. „Das lässt sich mit Hilfe der Logik beweisen, und es ist deshalb sinnvoll nach einer gemeinsamen Wahrheit zu suchen.“

Einstein und die Relativitätstheorie

„Machen wir noch ein klein wenig weiter mit der Physik!“ schlug Jessica vor. „Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts präsentierte Einstein seine Relativitätstheorie. Er konnte damit zeigen, dass die Zeit nicht, wie von Newton vorausgesetzt, absolut ist, sondern von anderen Parametern wie der Gravitation abhängt. Dies widersprach der allgemeinen Lehrmeinung und allen Erfahrungen und Beobachtungen so stark, dass es selbst heute noch für viele Menschen unverständlich ist. Einsteins Hypothese über die nicht absolute Zeit konnte jedoch experimentell nachgewiesen werden, indem man z.B. eine von zwei aufeinander abgestimmte Atomuhren in einem Flugzeug in großer Höhe transportierte. Bei erneutem Vergleich wurde eine deutliche Abweichung der beiden Uhren festgestellt. Weitere abweichende Erkenntnisse in Einsteins Theorie waren, dass die Masse eines Objektes bei zunehmender Geschwindigkeit zunimmt und bei Annäherung an die Lichtgeschwindigkeit unendlich groß wird. Daraus ließ sich der Schluss ziehen, dass eine Masse die Lichtgeschwindigkeit nicht überschreiten kann.“

„Damit geraten Sie nun aber in Schwierigkeiten zu erklären, wie sich ein Vulkanier von einem Lichtjahre entfernten Planeten hierher begeben kann“, lachte Vulko.

„Vielleicht verraten Sie mir das später einmal!“ erwiderte Jessica. „Aber umgekehrt wird ein Schuh daraus. Mit diesem Lehrsatz können wir die Behauptung unterstützen, das es denkbaren Zivilisationen in abgelegenen Planetensystemen, kaum möglich ist uns zu besuchen, da die Reise zu lange dauert.“

„Das gilt aber nur vom Standpunkt der Daheimgebliebenen oder der Besuchten“, erklärte Vulko. “Für den Reisenden vergeht die Zeit in der Nähe der Lichtgeschwindigkeit sehr langsam, sodass er damit keine Probleme hätte. Aber zugegeben, nach diesem Modell hätte er wohl keine Gelegenheit mehr, den Daheimgebliebenen zu berichten, was er gesehen hat. Ich könnte es aber auch so formulieren: Bei dem Stand Ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse ist es Ihrer Zivilisation im Rahmen der für Sie bekannten physikalischen Gesetze nicht möglich, weit entfernte Planetensysteme zu besuchen, selbst wenn Sie die Technologie dafür hätten.“

„Ich schließe mich Ihrer Formulierung an“, lachte Jessica.

„Aber zum Schluss noch eine weitere bahnbrechende Erkenntnis von Einstein. Er konnte einen Zusammenhang von Masse und Energie durch seine berühmte Formel E=MChoch2 herstellen. Die Formel besagt, dass die Energie, die in einer Masse enthalten ist, dem Produkt der Masse mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit entspricht. Hierdurch konnte man den Schluss ziehen, dass unvorstellbare Energie in der Materie steckt.“

„Mir ist bekannt, dass die Menschheit die Richtigkeit auch dieser Formel experimentell bewiesen hat, allerdings auf sehr schmerzhafte Weise durch die Entwicklung und den Einsatz der Atombombe“, legte Vulko ein.

„Ja die Physik ist ein aufregendes Gebiet“, meinte Jessica Clayburn. „Es gäbe tausende interessanter Details zu berichten und zu diskutieren, aber wir haben noch eine Reihe unterschiedlicher Bereiche unserer Wissenschaft, die ebenfalls für Ihre kurze Ausbildung äußerst relevant sind, sodass wir uns nur kurz bei dem Kapitel Physik aufhalten können, und Bereiche wie Elektrodynamik, Thermodynamik oder Optik zunächst beiseitelassen.

Quantenphysik und die Welt im Kleinen

„Ein Gebiet der Physik dürfen wir aber keinesfalls vergessen!“ sagte Jessica. „Das ist die Quantenphysik. Während wir bei Einstein bereits die Physik in Extrembereichen an den oberen Grenzen diskutiert haben, so müssen wir uns unbedingt mit den Bereichen an der unteren Grenze beschäftigen, also im atomaren und subatomaren Bereich. Natürlich ist es schwer, die Objekte und ihr Verhalten direkt zu beobachten. Man ist vielmehr darauf angewiesen aus der Wirkung dieser Objekte auf ihre Umwelt Schlüsse auf deren Natur zu ziehen. Hieraus leiten die Wissenschaftler theoretische Modelle ab, mit Hilfe derer sie weitere Schlüsse auf die Natur und das Verhalten der elementaren Bauteile unseres Universums ableiten.

Schon die alten Griechen gingen davon aus, dass es elementare Bausteine der Materie geben müsse, die nicht weiter teilbar sind. Sie prägten den Begriff Atome. Heute stellen wir uns vor, dass auch diese Atome aus weiteren Komponenten wie Neutronen und Protonen bestehen, die von Elektronen umkreist werden, ungefähr so wie es die Planeten in unserem Sonnensystem tun. Elementare Kräfte, wie die Starke und die Schwache Wechselwirkung, halten diese Atome zusammen.

Auf der weiteren Suche nach den Grundbausteinen der Materie stieß man in seinen Modellen auf die Quarks. Es gibt eine ganze Reihe von Quarks mit unterschiedlichen Eigenschaften. Eine Eigenschaft ist die elektrische Ladung. Zu jedem Teilchen gibt es ein Antiteilchen mit entgegengesetzter Ladung. Neben der Ladung gibt es eine weitere Eigenschaft, die als Farbe bezeichnet wird. Man hat die drei Farben rot, grün und blau. Für das zugehörige Antiteilchen gibt es antirot, antigrün und antiblau.

Neben Ladung und Farbe gibt es zusätzliche Eigenschaften wie Flavour die Ausprägungen wie UP, DOWN, STRANGE, TOP, BOTTOM oder CHARM haben.

Um diese Eigenschaften herum hat man nun ein ganzes Modell von Regeln für Beziehungen aufgestellt, wie diese Teilchen aufeinander reagieren und sich zu anderen Teilchen zusammensetzen können oder ob sie überhaupt existieren können.

So bilden z.B. zwei Up-Quarks und ein Down-Quark ein Proton.