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Nicole Wilde

LASS MICH NICHT ALLEIN!

Strategien gegen Trennungsangst bei Hunden

Konrad-Zuse-Straße 3 • D-54552 Nerdlen/Daun

Telefon: +49 (0) 6592 957389-0

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Titel der amerikanischen Originalausgabe: Don't Leave Me! Step-by-Step Help for Your Dog's Separation Anxiety.
© 2010 by Nicole Wilde, Phantom Publishing

Übersetzung: Martina Schoppe

Titelfoto: Daniela Hofer/Karsten Werner

Die Informationen und Vorschläge in diesem Buch sind nicht dazu gedacht, den fachlichen Rat eines Tierarztes oder eines Verhaltensberaters zu ersetzen.

ebook-Ausgabe der Printauflage 2011

ISBN 978-3-942335-44-7

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FÜR SIERRA

INHALTSANGABE

EINLEITUNG

Hunde sind, genau wie Menschen, hoch soziale Lebewesen. Sie lieben die Gesellschaft anderer, entwickeln starke emotionale Bindungen und leben in gemeinschaftlichen Gruppen. In der modernen Gesellschaft sind wir zum Rudel des Hundes geworden – zu seiner Familie. Dieses Arrangement hat viele Vorteile für Hunde und Menschen und bietet die Gelegenheit, enge Bindungen zu knüpfen, die von Liebe und Vertrauen geprägt sind. Aber genau wie einige Kinder nervös werden, wenn ihre Eltern alleine weggehen, empfinden auch viele Hunde Angst, wenn ihre Menschen sie alleine lassen.

Der Stress, den ein Hund empfindet, wenn er isoliert oder von einer bestimmten Person getrennt wird, ist individuell verschieden und kann sich in leichter oder mittlerer Unruhe auswirken. In manchen Fällen ist der Stress jedoch so intensiv, dass man von einer regelrechten Panik sprechen kann. Mit diesem Problem konfrontiert zu werden, kann auch für den Besitzer sehr belastend sein. Für den Hundehalter dagegen ist es meist frustrierend und schmerzhaft zu wissen, dass der Hund leidet, man ihm jedoch nicht vermitteln kann, dass man bald wiederkommt oder dass das Alleinebleiben nicht das Ende der Welt bedeutet.

Sie haben vielleicht Artikel über Trennungsangst gelesen, Freunde um Rat gefragt oder sogar einen professionellen Hundetrainer oder Verhaltensberater konsultiert. Vielleicht klangen die vorgeschlagenen Trainingspläne vernünftig, aber die Umsetzung war nicht realisierbar. Oder vielleicht waren die Informationen, die Sie erhalten haben, verwirrend, da sie anderen Vorschlägen aus anderen Quellen widersprachen. Vielleicht haben Sie einige Techniken ausprobiert oder sogar ein langwieriges Verhaltensänderungsprogramm in Angriff genommen, um dann aber entmutigt aufzugeben. Egal ob Ihr aktueller Versuch, die Schwierigkeiten Ihres Hundes zu lösen, der Beginn einer neuen Reise ist oder nur ein Kapitel einer unendlichen Geschichte – ich habe zwei gute Nachrichten für Sie: erstens, Sie stehen mit diesem Problem nicht alleine da.

Als professionelle Hundetrainerin, die sich auf Verhaltensprobleme spezialisiert hat, habe ich vielen meiner Kunden und ihren Hunden bei Trennungsangstproblemen geholfen. Ich habe mit ihnen jeden Schritt erarbeitet, bis ihre Hunde problemlos alleine gelassen werden konnten, sei es für fünf Minuten oder für fünf Stunden. Zudem bin ich selbst eine »Hunde-Mama«. Als mein Mann und ich uns ein Jahr nach dem Tod unseres letzten Hundes endlich entschieden hatten, einen neuen Hund zu uns zu holen, streifte ich durch die regionalen Tierheime und Tierschutzorganisationen. Nach drei Monaten intensiver Suche fand sich der Hund, der perfekt zu uns passte: eine liebenswerte, sanfte, eineinhalb-jährige Siberian Husky-Keeshond-Mix Hündin. Während der Übergabe-Prozedur eröffnete uns die Tierheimmitarbeiterin, die unsere Formalitäten erledigte, dass der Hund jetzt schon zum vierten Mal im Tierheim gelandet war. Wir fanden schnell heraus warum. Sierra, wie wir sie tauften, hatte nicht nur die Fähigkeiten eines Entfesselungskünstlers, sondern zudem auch ernstzunehmende Trennungsängste.

Man konnte sich leicht vorstellen, wie sie ihren Besitzern nachschaute, wenn diese das Haus verließen, und sie dann einen verzweifelten Ausbruchsversuch startete, um ihnen zu folgen.

Während der ersten zwei Wochen mit unserem neuen Mädchen fand ich sie stark hechelnd und mit wilden Augen vor, wenn ich nach einigen Erledigungen nach Hause kam. Obwohl sie nichts kaputt gemacht hatte, war sie ganz offensichtlich sehr verstört.

Um die Intensität ihres Stresses zu ermitteln, baute ich eine Videokamera auf und verließ das Haus für 45 Minuten. Die Durchsicht der Aufnahme offenbarte, dass Sierra winselnd zwischen Tür und Fenster hin und her lief und die Gegend absuchte, in der sie uns hatte verschwinden sehen.

In ihr Winseln mischten sich einzelne Beller, was sich zu einer verzweifelten Bell-Arie und schließlich zu einem traurigen, mitleiderregendem Heulen steigerte, das mir das Herz zerriss.

So emotional schwierig Sierras Rehabilitations-Prozess auch zeitweise für mich war, bin ich dadurch, dass ich mich sowohl als Trainer als auch als persönlich betroffener Hundehalter mit dem Thema Trennungsangst beschäftigt habe, in der idealen Position, um Sie bei der Behandlung Ihres Hundes unterstützen zu können. Sie werden im Laufe des Buches noch mehr über Sierras Weg hören, da ich die Techniken mit Ihnen teilen werde, mit denen ich ihr erfolgreich helfen konnte.

Die zweite gute Nachricht ist, dass es für Trennungsangstprobleme inzwischen bessere Trainingspläne und mehr unterstützende Hilfsmittel gibt als je zuvor.

Sie werden die Beschreibungen dazu in diesem Buch finden.

Wie lange es dauert, bis Ihr Hund keine Angst mehr hat, wenn Sie ihn alleine lassen, hängt von dem Schweregrad der Probleme, vom Temperament Ihres Hundes, Ihrer häuslichen Umgebung und den Anstrengungen ab, die Sie unternehmen. Aber Sie sollten wissen, dass die Mehrzahl der Fälle lösbar oder zumindest handlebar ist.

Wenn der Trennungsstress Ihres Hundes nur leicht ist, können schon innerhalb von ein bis drei Wochen enorme Fortschritte erzielt werden. In mittelstarken Fällen sollte man jedoch eher mit ein paar Monaten oder länger rechnen, um das Problem zu lösen. In Extremfällen kann es zwischen mehreren Monaten und einem Jahr dauern, aber sogar dann kann man realistisch innerhalb weniger Monate die ersten Fortschritte erwarten. Die wichtigste Stütze, die Ihr Hund während des Rehabilitationsprozesses hat, sind Sie. Für Sie als liebender, sich kümmernder Halter, der seinem Hund helfen will, sich sicher zu fühlen und eine bessere Lebensqualität zu erreichen, ist es besonders wichtig, dass Sie geduldig sind und sich realistische, erreichbare Ziele setzen.

Ein Nullachtfünfzehn-Ansatz kann nicht für jeden Hund funktionieren und jedes Verhaltensproblem lösen. Die Informationen und die sorgfältige Beschreibung der Details in jedem Kapitel dieses Buches werden es Ihnen ermöglichen, einen maßgeschneiderten Trainingsplan zu entwerfen, der den individuellen Problemen Ihres Hundes und Ihrem persönlichen Lebensstil gerecht wird. Das interaktive Format ist dazu gedacht, Sie zu ermutigen, ein engagierter Mitwirkender bei der Behandlung Ihres Hundes zu sein. Anstatt sich von dem Problem überwältigen zu lassen, werden Sie in der Lage sein, die notwendige Zuversicht und Fertigkeit zu entwickeln, damit Ihr Hund sich wohlzufühlen lernt.

Zuerst lernen Sie, was Trennungsangst überhaupt ist – und was es nicht ist. Die Unterscheidung ist sehr wichtig, denn wenn die Symptome bei Ihrem Hund zum Beispiel auf Langeweile zurückzuführen sind oder auf mangelnder Auslastung beruhen, wird ein auf Trennungsangst ausgerichteter Ansatz das Problem nicht lösen.

Mithilfe sorgfältig formulierter Fragen und einiger schneller, einfacher Tests können Sie herausfinden, ob Ihr Hund eine echte Trennungsangst hat und wenn ja, um welche Form es sich handelt.

Dann folgt eine kurze Abhandlung der möglichen Gründe. Anschließend geht es mit dem »Grundlagenprogramm« weiter, das Ihnen hilft eine solide Basis zu legen, auf der Sie ein vernünftiges Verhaltenstrainings-Programm aufbauen können. Der erste Pfeiler dieses Programms ist Management. Sie erhalten viele kreative »Allein Zuhaus«-Ideen für Situationen, in denen Sie das Haus verlassen müssen, egal ob für eine kürzere oder eine längere Zeit. Eine Vielzahl verschiedener Möglichkeiten zu haben, ist entscheidend, weil es nichts Frustrierenderes gibt, als das Gefühl, Gefangener im eigenen Haus zu sein!

Die nächsten beiden Pfeiler des Programms sind Ernährung und Auslastung. Ich kann nicht stark genug betonen, welche enorm wichtige Rolle diese beiden Punkte dabei spielen, dass Ihr Hund ruhig und entspannt bleiben kann. Auch wenn Sie sich mit diesen beiden Themen schon gut auskennen, werden Sie von manchen Dingen, die Sie entdecken, überrascht sein.

Der Aufbau von Selbstvertrauen ist die letzte und zugleich grundlegende Säule des Programms. Sie werden lernen, wie Sie das Selbstvertrauen Ihres Hundes auf eine Art und Weise stärken können, die Ihnen beiden Spaß macht. Gestärktes Selbstvertrauen wird Ihren Hund befähigen, leichter mit schwierigen Situationen klarzukommen, einschließlich dem Alleinebleiben.

Die potenziellen Vorteile von medikamentöser Unterstützung bei der Behandlung von Trennungsangst werden ebenso behandelt. Während viele Hunde in der Therapie ohne Medikamentengabe auskommen, kann für andere die Unterstützung durch Medikamente der Schlüssel zu einem erfolgreichen Verhaltenstraining sein.

Wenn die Fundamente gelegt sind, geht es mit dem Abschnitt der Verhaltensänderung weiter, in welchem wir einen Trainingsplan für Ihren Hund maßschneidern, der seinen individuellen Bedürfnissen angepasst ist.

Sie werden entscheiden können, wie Sie beginnen, in welchem Tempo Sie arbeiten, und wann Sie mit dem nächsten Schritt fortfahren können. Haben Sie keine Angst, dass der Prozess zu kompliziert sein könnte; er ist es nicht. Tagebuch über die Trainingsfortschritte zu führen wird Ihnen helfen, motiviert und bei der Sache zu bleiben.

Um komplexen Verhaltensproblemen Herr zu werden, ist es manchmal notwendig, kreative Lösungswege zu suchen. Deswegen behandelt der letzte Abschnitt dieses Buches Werkzeuge und Produkte, von denen Sie bisher vielleicht noch nie gehört haben, die aber möglicherweise genau Ihrem Hund helfen können. In den Quellenangaben finden Sie sowohl Informationen darüber, wo Sie diese Hilfsmittel beziehen können, als auch umfangreiche Informationen über weitere hilfreiche Bücher, Organisationen und Produkte.

Im ganzen Buch werden Sie Schilderungen finden, die von professionellen HundeVerhaltensspezialisten beigesteuert wurden. Jede Geschichte erzählt, wie die Trennungsangst eines bestimmten Hundes behandelt wurde. Bei manchen Fällen handelt es sich um Kundenhunde, bei anderen um die eigenen Hunde der Trainer. Die Probleme reichen von leichten oder mittelschweren bis hin zu schwerwiegenden Fällen, einschließlich einer Hündin, deren Angst sie auf ein Fenstersims im dritten Stock hinaus trieb! Was all diese Berichte gemeinsam haben, ist, dass Sie eine bessere Vorstellung davon bekommen, wie Trainingspläne aussehen, wenn man sie im realen Leben einsetzt und welche Resultate man erreichen kann.

Die Arbeit an den Trennungsangstproblemen Ihres Hundes erfordert Geduld und Engagement, aber seien Sie versichert, Sie bekommen das hin. Schließlich sind Sie ja ausgerüstet mit einer starken Liebe für Ihren Hund und allen Informationen, die Sie brauchen. Die Belohnung für Ihre Anstrengungen wird ein Hund sein, der alleine zu Hause bleiben kann und sich dabei ruhig und entspannt fühlt – so wird das innere Gleichgewicht für Sie beide wieder hergestellt werden.

 

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