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Cover

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Vorwort

NEO-Story 1 – Die Frau im Mond

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Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

Epilog

NEO-Story 2 – Das Juwel im Lotus

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1.

2.

3.

4.

5.

6.

NEO-Story 3 – Rhodans Geschenk

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Ouvertüre: Die weiße Stadt

Befehl des Präsidenten

Coda: Weiße Steine

NEO-Story 4 – Gemeinsame Geschichten

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Gemeinsame Geschichten

NEO-Story 5 – Whistlers Vision

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Erster Teil

Zweiter Teil

Dritter Teil

Vierter Teil

Fünfter Teil

NEO-Story 6 – Im System des Roten Riesen

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Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Epilog

NEO-Story 7 – Das Schiff

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

NEO-Story 8 – Die Graulinge

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

NEO-Story 9 – Allein und verlassen

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Prolog

Tag 1 – 14.22 Uhr Schiffszeit

Tag minus 12.802

Tag 1+x

Tag minus 11.899

Tag 1+2x

Tag minus 9235

Tag 1+3x

Tag minus 14.702

Tag 1+4x

Tag minus 5

Tag 1+5x

Tag minus 99

Tag 1+6x

Tag minus 2

Tag 1+7x

Tag minus 600

Tag 1+8x

6. Januar 2037

4. Februar 2037

NEO-Story 10 – Der Traum von Chittagong

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Der Traum von Chittagong

NEO-Story 11 – Der Held von Siron

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Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Epilog

NEO-Story 12 – Jespers Reise

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

NEO-Story 13 – Sachiko

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Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Epilog

NEO-Story 14 – Casino Imperial

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

NEO-Story 15 – Der Untergang des Hauses Zoltral

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Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Epilog

NEO-Story 16 – Palast der Intrigen

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Prolog: Atlan

Kapitel 1 – Der strahlendste Stern des Imperiums

Kapitel 2 – Das Spiel der Kelche

Kapitel 3 – Blumenkind

Kapitel 4 – Fesseln aus Kristall

Kapitel 5 – Die Macht der Kurtisane

Epilog: Atlan

NEO-Story 17 – Das sanfte Flüstern der Zukunft

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Kapitel 1 – Das sanfte Flüstern ...

Kapitel 2 – Kriegsgeschrei

Kapitel 3 – Abklingendes Schweigen

Kapitel 4 – Countdown zur Stille

Kapitel 5 – Auf null

Kapitel 6 – ... der Zukunft

NEO-Story 18 – Der Riss im Kern der Welt

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

Die phantastische Welt einer nahen Zukunft: Die PERRY RHODAN NEO-Storys erzählen von einer Menschheit, die ihren Traum vom All zu verwirklichen versucht. Jede Geschichte ist in sich abgeschlossen, jede von ihnen bietet eine zusätzliche Facette zum großen Universum von PERRY RHODAN NEO.

Die Geschichten spielen auf fremden Welten, auf dem Mond und auf der Erde. Sie setzen Menschen und Außerirdische in Szene, sie erzählen von großen Ereignissen und kleinen Heldentaten, von schrecklichen Dramen und ergreifenden Entwicklungen.

Sie sind das, was moderne Science Fiction sein sollte: ein Blick in eine mögliche Zukunft und zugleich ein Spiegelbild für die Leser, das ihnen wiederum einen Blick auf ihre eigene Welt erlaubt …

 

Folgende Autoren sind in dieser Sammlung mit ihren Geschichten vertreten:

Marc A. Herren, Kai Hirdt, Alexander Huiskes, Christian Montillon, Oliver Plaschka, Hermann Ritter, Rüdiger Schäfer, Rainer Schorm, Michelle Stern und Michael Marcus Thurner.

Vorwort

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

seit dem Herbst 2011 gibt es die Science-Fiction-Serie PERRY RHODAN NEO. In den Romanen erzählen die Autorinnen und Autoren seitdem vom Aufbruch der Menschheit ins All, beginnend mit der Mondlandung im Jahr 2036. Auf dem Mond trifft Perry Rhodan die menschenähnlichen Arkoniden und beginnt dank ihrer Technik damit, die Menschheit zu einigen.

Die Geschichte entwickelt sich weiter: In den Tiefen des Alls treffen die Menschen auf fremdartige Außerirdische, teilweise erschreckend menschenähnlich, teilweise unglaublich fremdartig. Sie kommen mit denkenden Robotern und sprechenden Pflanzenwesen in Kontakt, treffen auf untergegangene Zivilisationen und Welten, die von Katastrophen heimgesucht werden.

PERRY RHODAN NEO ist, wie der Name schon andeutet, eine Art »neue Version« der klassischen PERRY RHODAN-Serie. Ideen der seit 1961 bestehenden Serie werden aufgegriffen und in eine moderne Zeit übertragen, verfasst von einem engagierten Autorenteam. Dabei geht das Team immer stärker seine eigenen Wege und verlässt die Ideen der klassischen Serie.

Im Verlauf der Zeit schrieben die Autorinnen und Autoren auch kürzere Geschichten. Diese erschienen als Teil der sogenannten Platin Edition, in der die ersten paar Dutzend Romane der Serie in dicken Hardcover-Bänden zusammengefasst wurden, sowie als eigenständige E-Books. Sie stehen jeweils für sich, man benötigt nicht die Kenntnisse der ganzen Serie, um sie zu verstehen. Wer PERRY RHODAN NEO gelesen hat, weiß natürlich die Texte besser einzuordnen.

Übrigens dürften die Geschichten auch für jene Leser von größtem Interesse sein, die bisher »nur« die klassische Serie kennen und von PERRY RHODAN NEO nur wenig wissen. Sie dürften bei der unterhaltsamen Lektüre manches »Aha«-Erlebnis haben.

Die vorliegende Storysammlung fasst alle 18 Geschichten in einem Sammelband zusammen. Dabei präsentiert das Team eine Vielzahl an Themen: Die Geschichten spielen auf dem Erdmond oder auf der fernen Welt Naat, an einem ölverschmutzten Strand auf der Erde oder auf der Kristallwelt Arkon. Sie sind mal amüsant, mal todtraurig, sie erzählen vom Untergang einer Familie oder vom Aufstieg eines Computerspezialisten.

Sie zeigen vor allem: In der Science Fiction ist praktisch alles möglich – man muss sich nur an die Grenzen halten, die einem die Phantasie einerseits und die »Regeln« eines fiktiven Roman-Universums andererseits fixieren.

Viel Vergnügen mit den Erzählungen und Kurzgeschichten wünsche ich Ihnen!

 

Klaus N. Frick

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NEO-Story 1

 

Die Frau im Mond

 

 

 

Eine PERRY RHODAN NEO-Erzählung

 

von Marc A. Herren

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

Im Frühsommer 2036: Die Menschheit steht vor dem Abgrund – Kriege und Terror toben, die Umweltzerstörung hat alarmierende Ausmaße angenommen, es scheint kein Ausweg in Sicht.

Das glauben auch die Menschen an Bord der finnischen Mondstation, die sich bereits auf den Untergang der Menschheit einstellen vorbereiten. Unter ihnen ist der Raumfahrer Matti Mikkola, der ausgerechnet auf dem Mond eine unheimliche Begegnung hat: Er trifft auf »die Frau im Mond«.

Was er ebensowenig ahnen kann wie seine Kameraden: Während sie ums Überleben kämpfen, verändert der Flug des Astronauten Perry Rhodan das Leben aller Menschen auf der Erde ...

»Die Frau im Mond« ist eine traurig-melancholische Science-Fiction-Geschichte, verfasst von dem PERRY RHODAN-Autor Marc A. Herren.

Prolog

Montag, 26. Mai 2036

 

Matti Mikkola blickte hoch zur Erde. Die blau-grün-braun-weiße Kugel schwebte über ihren Köpfen. Lautlos, beständig. Sie würde sich weiterdrehen, egal, was nun geschah. Egal, wie er sich entscheiden würde.

Er holte tief Luft.

1.

Fünf Tage zuvor

 

Matti ergriff mit einem leisen Seufzer das Kunststofftablett. Tagelang hatten die Essensdrucker nicht richtig funktioniert. Nun taten sie es wieder – offiziell zumindest. Was nun in den vier unterschiedlich geformten Mulden des Tabletts lag, hatte nicht viel gemeinsam mit dem Essen, wie er es kannte und schätzte.

Grüner Brei, wahrscheinlich Erbsen, orangefarbener Brei – etwa Karotten? –, gelbes Gelee und in der Mitte, als Pièce de Résistance, ein brauner, zerzauster Haufen, der offensichtlich das von Matti bestellte Steak darstellen sollte.

Hannu Tichainen aus der Technikercrew trat neben ihn, nahm sein Tablett entgegen und stieß einen Fluch aus.

Matti Mikkola nickte ihm verständnisvoll zu. »Fast wünscht man sich die Proteinriegel zurück.«

»Die konnte man zumindest mit einem Glas Wodka hinunterspülen«, gab Tichainen zurück und trottete zu dem Tisch, an dem die anderen Techniker saßen.

Matti sah sich um, entschied sich für einen leeren Vierertisch an der Panoramawand und setzte sich demonstrativ mit dem Rücken zu der vier Finger dicken Scheibe aus Panzerglas. Als Sicherheitsmann hatte er den Mond so oft gesehen, dass ihm schon übel wurde, wenn er nur an die staubige, zerklüftete Oberfläche dachte.

Widerwillig ergriff er den Löffel und schaufelte den grünen und orangen Brei in den Mund. Es schmeckte zumindest nicht so schlimm, wie es aussah.

Er seufzte.

Matti Mikkola hatte lange gebraucht, um es zuzugeben, aber die angespannte Situation zerrte an seinen Nerven.

Die immer heftigeren Wetterkapriolen auf der Erde, die immer wieder zu großflächigen Zerstörungen führten. Menschen auf der Flucht vor der Natur, auf der Suche nach Wohnraum, nach neuen Nahrungsquellen.

Terroristische Gruppierungen, die anscheinend keine Gelegenheit ausließen, um die Lage weiter zu destabilisieren. Seit Jahresbeginn waren nicht weniger als sieben zivile Flugzeuge in der Luft gesprengt worden. Bisher hatte sich niemand zu den Taten bekannt. Die Angst griff um sich, das Chaos wuchs.

Das führte zu noch komplizierteren diplomatischen Kontakten zwischen den Machtblöcken. Und dies zu einem Zeitpunkt, an dem der Menschheit eigentlich daran gelegen sein sollte, zusammenzustehen und nach globalen Lösungen zu suchen.

All diese Probleme hatten ihn dazu gebracht, auf dem Mond einen Neuanfang zu suchen.

War er schlicht zu naiv gewesen in der Hoffnung, vom Mond aus ein Zeichen zu setzen? Bereits die ersten Monate in der finnischen Mondstation Rauha hatten ihm gezeigt, dass die knapp 350.000 Kilometer zwischen der Erde und ihrem Mond nicht ausreichten, um die nationalen, kulturellen und religiösen Grenzen vergessen zu machen.

Es gab kaum übergreifende Forschungsprojekte. Dafür wurden die zugeteilten Abbaugebiete für Bodenschätze peinlich genau überwacht. Und wenn ein einzelner Schürfroboter in fremdem oder neutralem Territorium gesichtet wurde, konnte man davon ausgehen, dass nur Stunden später auf der Erde ein diplomatischer Mitarbeiter zu der jeweiligen Regierung zitiert oder eine Beschwerde bei der Mondbehörde der UN platziert wurde.

Nein, vom Mond aus waren die Probleme der Menschheit nicht zu lösen.

Aus Mattis Sicht bestand der einzige Vorteil des Lebens auf dem Mond darin, dass nicht mehr alles unmittelbar vor der eigenen Haustür geschah.

Wenn in den Podnachrichten von Überschwemmungen oder von aufflammenden Konflikten in den Krisengebieten die Rede war, so fanden sie weit, weit weg statt.

Es hatte etwas ungeheuerlich Tröstliches an sich, aus den transparenten Dachkuppeln auf den Erdball zu blicken und zu wissen, dass der Wahnsinn dort oben stattfand. Auf dieser wunderbar marmorierten Kugel, die sich auch dann noch majestätisch weiterdrehen würde, wenn sich die Menschheit endgültig ausgerottet hatte.

Das war gewesen, bevor die Probleme auf dem Mond begonnen hatten.

Zuerst war da dieses seltsame Beben gewesen, über dessen Ursache sich die Forscher seit Tagen stritten. Dann hatten plötzlich rätselhafte Technikprobleme um sich gegriffen. Zeitweilig waren die Ortungsanlagen ausgestiegen. Apparaturen wie der Essensdrucker waren unvermittelt ausgefallen.

Irgendetwas ging auf dem Mond vor. Irgendetwas, das gar nicht gut war.

Manche Wissenschaftler mutmaßten, dass ein von allen Überwachungssatelliten unbemerkter Himmelskörper auf dem Mond eingeschlagen war, andere gingen davon aus, dass die Probleme durch Cyberangriffe der Russen, Chinesen oder gar Inder ausgelöst worden waren.

Die anderen europäischen Stationen hatten die Probleme bestätigt. Das vorsichtige Nachfragen bei den nichteuropäischen Mondbasen hatte aber keine brauchbaren Ergebnisse geliefert. Matti hatte die Funkgespräche analysiert und war zum Schluss gekommen, dass auch bei diesen Forschungs- und Industriebasen Fehlfunktionen auftraten. Die nervösen, kurz angebundenen Antworten von der Armstrong Base und der Tereschkowka-Basis hatten Bände gesprochen. Selbst die Vyomanauten von der indischen Basis, zu denen sie größtenteils gute Verbindungen unterhielten, hatten offen argwöhnisch geklungen.

Matti Mikkola blickte finster auf sein Abendessen. Den Brei und das Gelee würde er sich noch geben. Den Rest würde die Verrückte erhalten.

Mit Verachtung löffelte er die Mulden leer. Dann blickte er sich um.

In der Kantine herrschte das übliche Schweigen. Finnen waren von Natur aus ruhig. Jedenfalls solange die Schichten andauerten und nicht eine Flasche Wodka oder Minttu die Gemüter erwärmte und Zungen lockerte.

Niemand beachtete ihn.

Der Sicherheitsmann zog eine Plastiktüte aus der Brusttasche seines Trainingsanzuges, ließ das Fleischstück hineingleiten und verschloss die Tüte sorgfältig. Dann stopfte er sie in den Overall, brachte das Tablett zur Rückgabestation und verließ die Kantine, ohne sich ein weiteres Mal umzusehen.

Der Mikropod an seinem Handgelenk zeigte den 21. Mai 2036 an. Es war kurz vor 19 Uhr. Seine letzte Schicht an diesem Mittwochabend würde um 22 Uhr beginnen und bis Mitternacht dauern.

Er hatte drei Stunden Zeit, um die verrückte Alte zu besuchen und ihr das Essen zu bringen.

Matti setzte seinen Status auf privat und machte sich auf den Weg.

Die von der finnischen Regierung betriebene Mondstation Rauha setzte sich aus fünf unterschiedlich großen Kuppelgebäuden und zwölf turmartigen Forschungskomplexen zusammen. Seit den drei Jahre zurückliegenden Budgetkürzungen war davon nicht einmal mehr die Hälfte in Betrieb. Turm-9 hatte man als Ersten eingemottet. In dessen Observatorium hatte er die verrückte Alte untergebracht. Dort würde sie ungestört ihre letzten Monate verbringen können. Bis sie endlich der gnädige Tod ereilen konnte, den er ihr durch seine Rettungsaktion verwehrt hatte.

In lockerem Laufschritt joggte Matti durch die Kuppeln eins und zwei, nickte den Frauen und Männern zu, die ihm entgegenkamen oder in ihre Routinetätigkeiten vertieft waren.

Der Sicherheitsmann hatte sich kurz nach seiner Ankunft in Rauha angewöhnt, neben den schweißtreibenden Trainingseinheiten im Fitnessraum jeden Abend eine halbe Stunde zu joggen. Trotz der überschweren Laufschuhe gestattete ihm die mindere Schwerkraft Schritte von mehreren Metern Weite.

Er erreichte das Schott zum Verbindungsgang, der zum stillgelegten Bereich führte. Sein Mikropod fiepte leise, und das Schott öffnete sich.

Leicht abgestandene, kühle Luft schlug ihm entgegen. Die rötliche Notbeleuchtung flackerte auf, und Matti setzte seinen Weg fort.

Er liebte diese einsamen Läufe durch die menschenleeren Gänge der Kuppeln drei bis fünf. Hier war er mit sich und seinen Gedanken allein.

Seine Vorgesetzte, Saana Salmalainen, hatte ihm die Zutrittsgenehmigung für diese Räume gegeben. Als Gegenleistung würde er nach seiner Joggingtour melden, dass im stillgelegten Bereich alles in Ordnung war.

Wie an jedem Abend.

Falls einer seiner Kollegen zufälligerweise eine der Überwachungskameras in Betrieb nahm, würde er den einsamen Läufer im Halbdunkeln sehen. Zu dem Zeitpunkt, an dem Matti Turm-9 betrat, würde automatisch eine der Videokonserven eingespielt, die er in den vergangenen Wochen angelegt hatte. Sie würde ihn zeigen, wie er das Observatorium betrat, sich in einen der Sessel legte, hinauf zu der Erde blickte, ein Buch las oder sich seinem Pod widmete.

Finnen mochten die Einsamkeit. Niemand würde sich fragen, weshalb Matti Mikkola nicht einen der normalen Freizeiträume aufsuchte oder die Abendstunden in seiner eigenen Kabine verbrachte.

Der Sicherheitsmann verschloss das Schott zum Turm-9 und stieg die gewundene Treppe zum Observatorium empor.

Bevor er die letzten zehn Stufen genommen hatte, hörte er die Alte.

»Hier ist niemand. Gar niemand!« Sie sprach Englisch, wie sie es seit ihrem Unfall immer tat.

Matti grinste. »Das ist gut so«, gab er in Englisch zurück. »Denn hier kommt dich auch niemand besuchen.«

Er öffnete die Tür.

Die Alte stand mit dem Rücken zu ihm. Den Kopf hatte sie in den Nacken gelegt, so blickte sie zur transparenten Kuppel empor, hinter der sich der blau-weiße Erdball abzeichnete. Ihr wirres, graues Haar hing wie ein zotteliger Bart über seine alte Arbeitskombination hinab, die für ihren klapprigen Körper um mindestens vier Nummern zu groß war.

»Hier ist niemand«, krächzte sie erneut.

Matti holte die Plastiktüte mit dem Steak hervor und öffnete sie. »Schade«, sagte er. »Dann habe ich das leckere Fleisch umsonst mitgebracht.«

Die Alte fuhr herum. »Fleisch?«, hauchte sie. »Du hast Fleisch?«

Er nickte. »Die Essensdrucker funktionieren wieder. Zumindest fast.«

»Ich habe seit Jahren kein Fleisch mehr gegessen. Du wolltest mich bestimmt verhungern lassen!«

»Na, na«, gab Matti zurück. »Es ist gerade mal eine Woche her, seit die Drucker ausgestiegen sind. Und davor habe ich fast jeden Abend ein Stück Fleisch oder Fisch zu dir geschmuggelt.«

Er blickte sich um. Die Alte hatte den Tag genutzt, um die Pflanzenkübel neu anzuordnen und weitere Fettstiftzeichnungen anzufertigen.

Trotz ihres verwirrten Zustandes war sie äußerst geschickt beim Zeichnen von irdischen Landschaften, Tieren und Menschen. Es war ihre Art, mit der Einsamkeit im Observatorium umzugehen. Das Zeichnen beruhigte die Alte, gab ihr eine Möglichkeit, sich mit ihrem Schicksal zu beschäftigen und sich damit abzufinden.

Sie bückte sich, zog einen fleckigen Teller zwischen einem Stapel Zeichnungen hervor und wischte ihn an der Kombination sauber.

»Mmh, Fleisch!«, krächzte die Alte, während sie ihm den Teller erwartungsvoll entgegenstreckte.

Matti ließ das zerzauste Steak aus der Tüte in den Teller gleiten.

Das Lächeln verschwand aus ihrem runzligen Gesicht. »Hmm!«, machte sie, während sie das künstlich hergestellte Fleischstück aus zusammengekniffenen Augen betrachtete. »Das ist Fleisch? Das sieht wie ein Stück Pupu aus.«

Er seufzte. Die Alte bediente sich einer Vielzahl von eigenen Wörtern. Ob sie aus ihrer Kindheit stammten oder einfach erfunden waren, wusste er nicht.

»Es sieht wirklich nicht sehr appetitlich aus«, räumte er ein. »Aber ich gehe davon aus, dass es einigermaßen schmeckt.«

»Gut, gut«, murmelte die Alte. Sie setzte sich auf eine der Liegen, platzierte den Teller auf ihren knochigen Knien, zog ein Messer und eine Gabel aus dem Overall und widmete sich dem Steak.

Matti grinste.

Die verrückte Mrs. Delaware hatte man sie früher genannt. Schon vor ihrem Unfall hatte die alte Frau ihre zahlreichen Marotten gepflegt. Ihr richtiger Name lautete Dr. Frances Donovan. Aber nachdem sie bei allen meist unpassenden Gelegenheiten behauptet hatte, dass sie in den jungen, knackigen Jahren bei einer Schönheitskonkurrenz den Titel Miss Delaware errungen hatte, hatte man sie nur noch »Mrs. Delaware« genannt – mit dem Präfix »die verrückte«, wenn sie außer Hörweite gewesen war.

Die Alte war so etwas wie der gute Geist von Rauha gewesen, die der meist etwas wortkargen finnischen Besatzung etwas Leben und Farbe eingehaucht hatte.

Die verrückte Mrs. Delaware hatte sich um die umfangreichen Pflanzenanlagen in der Kuppel drei gekümmert. Aufgrund ihrer fortschreitenden Osteoporose und ihrer standhaften Weigerung, die körperliche Fitness zu pflegen, war relativ schnell klar geworden, dass sie den Mond nie wieder verlassen würde. Die irdische Schwerkraft hätte sie sofort zu einem vollständigen Pflegefall werden lassen.

Matti Mikkola hatte sich schnell mit dem ältesten Besatzungsmitglied von Rauha angefreundet. Die verrückte Mrs. Delaware hatte ihm ihre Geschichte erzählt, wie sie sich als junge Biologiestudentin in einen finnischen Diplomaten verliebt hatte und nach Helsinki gezogen war. Jahre später hatte sie ihre Faszination für die Raumfahrt entdeckt. An Bord der MIR und später der Internationalen Raumstation hatte sie Grundlagenforschung im Bereich des Pflanzenwachstums in der Schwerelosigkeit betrieben. Nach dem Tod ihres Gatten hatte sie sich für eine Anstellung in Rauha beworben und war angenommen worden.

»Schmeckt es?«

»Wie Pupu«, gab sie unbeeindruckt zurück.

»Dann ist ja gut.« Matti sah sich um, fand nach kurzer Suche den Wasserkanister und schenkte ihr eine Tasse ein.

»Kein Wodka?«

Er schüttelte den Kopf. »Wodka gibt es erst am Sonntag. Solange die Essensdrucker nicht richtig funktionieren, wurde die Herstellung von Wodka ausgesetzt. Da müssen wir alle durch.«

Die Alte kniff die Augen zusammen. »Heute ist Sonntag.«

Matti feixte. »Heute ist Mittwoch. In vier Tagen bringe ich dir eine Tasse Wodka. Vorher müssen wir sparen.«

»Wenn das Essen nicht schmeckt, sollte wenigstens genug Wodka vorhanden sein«, sagte sie mit gerunzelter Stirn.

»Ja, da hast du absolut recht. Aber ...«

Matti stutzte. Sein Blick war auf eine Zeichnung gefallen, die er zuvor noch nie gesehen hatte. Die Alte hatte sie mit einer Schnur an einer Tomatenranke befestigt.

»Hast du diese Zeichnung heute gemacht?«

Die Alte blickte kauend zu ihm auf, blickte kurz auf die Zeichnung und nickte dann. »Ja. Gefällt er dir?«

Matti hob das Blatt leicht an, um es besser betrachten zu können. Im Gegensatz zu den anderen Zeichnungen, die sie stets mit klaren Strichen und satten Farben anfertigte, wirkte dieses Porträt eines jungen Mannes eher wie ein Aquarell. Die Alte hatte die Linien und Flächen offenbar mit den Fingern verstrichen. Dadurch erhielt der junge Mann ein fast schemenhaftes Aussehen. Die kurzen, dunkelbraunen Haare und der Schnauzbart waren nur erahnbar. Einzig der verträumte Blick der Augen stach aus dem Porträt heraus, als hätte sich die Alte um dieses Detail mit besonderer Hingabe gekümmert, bis sie damit zufrieden gewesen war.

»Wer ist das?«, fragte Matti. »Dein verstorbener Mann?«

»Ich habe keinen Mann, der verstorben ist«, protestierte die Alte. »Das da ...« Sie zeigte mit der Gabel auf die Zeichnung. »Das ist mein Besucher.«

»Dein Besucher?«, echote er. »Du meinst mich?«

Sie stieß ein meckerndes Lachen aus. »Du bist nicht mein Besucher. Du bist nicht hier. Niemand ist hier.«

Matti ließ die Zeichnung los, setzte sich neben die Alte. Behutsam legte er eine Hand auf ihre Schulter. »Wir sind beide hier, Frances. Du und ich. Wir sagen nur manchmal, dass niemand hier ist, weil du dich in diesem Observatorium versteckst. Erinnerst du dich? Du wolltest, dass ich dich hier verstecke.«

Die Alte blickte ihn an. Für einen Moment schien es, als sähen ihn die stumpfen, blaubraunen Augen mit erwachendem Verstehen an.

»Weißt du noch, Frances? Du warst allein in der stillgelegten hydroponischen Anlage. Du bist von einer Leiter gefallen und hast die Zunge verschluckt. Ich habe dich im letzten Moment gefunden und wiederbelebt. Daraufhin wolltest du, dass ich dich zwischen deinen Pflanzen sterben lasse. Als ich dir sagte, dass ich das nicht kann, hast du mir das Versprechen abgenommen, dich hierher zu bringen, damit du für dich allein sein kannst. Mit deinen Pflanzen, mit deinen Zeichnungen.«

Seine Stimme brach. Mit verschleiertem Blick sah er sie an, wartete auf ein Zeichen, dass sie ihn verstand. Dass sie ihm entweder das Versprechen und seine Pflicht von ihm nahm oder bekräftigte, dass alles, was er für sie tat, seine Richtigkeit besaß.

Aber der Moment des Verstehens, der Klarheit, zog vorbei. Machte der Stumpfheit Platz, in der sie lebte.

»Niemand ist hier«, flüsterte sie. »Nur mein Besucher ist es. Manchmal, wenn die Zeit es ihm erlaubt.«

Matti schluckte. Den letzten Satz hatte sie sanft, fast liebevoll ausgesprochen. Wenn die Zeit es ihm erlaubt.

Er spürte, wie ihre Schulter unter seiner Handfläche sachte zitterte. »Was meinst du damit?«

»Womit?«

Matti wischte sich den Tränenschleier von den Augen. Es hatte keinen Sinn.

Er würde ihre Absolution nicht erhalten. Nicht heute. Nicht hier.

Und der Mann gehörte wahrscheinlich zu ihrer fernen Vergangenheit als Schönheitskönigin von Delaware oder als Biologiestudentin. Wie die Begriffe aus ihrer Kindheit tauchten immer wieder Ereignisse und Personen aus dem tiefen Brunnen ihrer Erinnerung auf. Das hatte nichts zu bedeuten, selbst wenn das Porträt dieses jungen Mannes Matti seltsam berührte.

»Hast du genug gegessen?«, fragte er. »Morgen bringe ich dir mehr. Du hast ja immer noch von den Proteinriegeln ... Und die Tomaten sind ja auch bald reif.«

»Genug gegessen.« Sie präsentierte ihren leeren Teller. »Genug Pupu für heute.«

»Dann ist ja gut.«

Der Sicherheitsmann verabschiedete sich von der Alten, warf einen letzten Blick auf das Porträt und verließ das Observatorium.

2.

Donnerstag, 22. Mai 2036

 

»Hast du es schon gehört?«, fragte Onni Virtuula. »Die Scheißterroristen haben schon wieder ein Flugzeug abstürzen lassen.«

Matti blickte von der Liste der Hilfsmittel auf, die sie von der Oulu-Basis auf der Erde bestellt hatten. »Wirklich?«, fragte er.

Onni schlug mit der Faust auf sein Pult. »Perkele!«, fluchte sein Kollege. »Meinst du, ich erfinde so was?«

»Perkele!«, gab er zurück. »Ich kann es nur nicht mehr hören. Was für eine Maschine war es?«

»Eine srilankische. Flug UL844 nach Singapur. Explodierte in der Luft und stürzte ins Meer. Über hundert Tote«

Matti rieb sich das Gesicht. »Diese sinnlose Gewalt. Wo führt die noch hin?«

»Nirgends«, murmelte Onni düster. »Die Menschheit rottet sich aus.«

Matti schüttelte den Kopf. Er suchte nach passenden Worten, aber die waren in den vergangenen Monaten und Jahren bereits alle gesagt, verbraucht worden. Onni hatte recht. Die Menschheit schien tatsächlich darauf aus zu sein, alle Errungenschaften die Toilette hinunterzuspülen.

»Wann kommt endlich einer und sagt, dass es nicht mehr so weitergeht?«, fragte Virtuula. »Es sind nur eine Handvoll Verrückte, die das Schlechte vorantreiben. Neunundneunzig Prozent der Menschheit will doch nur im Frieden leben, ein paar Kinder in die Welt setzen und ein gutes Eishockeyspiel sehen.«

»Ist das deine Vision von einem glücklichen Leben?«

»Perkele!«, fuhr ihn Onni an. »Ja, das ist es! Und vielleicht noch ein oder zwei Gläser Wodka trinken. Ist das zu viel verlangt?«

Matti seufzte. »Nein, ist es nicht. Du hast recht.«

»Ich sage dir: Wenn endlich einer kommt und kräftig auf den Tisch haut, hat er den größten Teil der Menschen hinter sich.«

»Du meinst so was wie einen Diktator?«

»Ich meine so was wie einen mit einer Vision.«

»Denkst du wirklich, die Menschen folgen der Vision eines Einzelnen?«

Onni blickte ihn prüfend an. »Würdest du es denn nicht?«

Er zuckte mit den Schultern. »Sicher. Aber ich denke nicht, dass alle Gräben, die in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten ausgehoben worden sind, durch eine Vision zugeschüttet werden. Selbst wenn sich die meisten Menschen danach sehnen.«

»Vielleicht jetzt noch nicht«, murrte Onni. »Vielleicht muss es tatsächlich fünf nach zwölf sein, bis auch die Verkapptesten merken, dass eine Zukunft nur im Miteinander möglich ist. Vielleicht braucht es sie tatsächlich, die große Katastrophe. Einen Game Changer.«

»Einen was?«

»Einen Game Changer«, erklärte Onni. »Etwas Unerwartetes, das die Spielregeln verändert. Wie zum Beispiel als sie begonnen haben, im Sport Dopingkontrollen einzuführen. Das hat bei manchen Sportarten über Nacht zu einer völlig neuen Ausgangslage geführt.«

Matti schob die Liste zur Seite und erhob sich.

»Wohin gehst du?«

Er deutete auf die Zeitanzeige an der Wand. »Schichtende. Ich gehe noch eine Runde Laufen. Auf andere Gedanken kommen. Das ist mein Game Changer.«

»Fein«, sagte Onni. »Kommst du anschließend das Spiel schauen? Großrussland gegen die Kanadier.«

Matti schüttelte den Kopf. »Mir ist nicht nach Hockey zumute.«

»Wie du willst.«

Matti verließ ihr Büro, ging in seine Kabine und zog sich den Trainingsanzug und die Laufschuhe an. Den Beutel für die Alte steckte er ein.

 

»Wie geht es dir, Frances?«

»Wer ist Frances?«

Matti hatte keine richtige Lust, auf das Spiel der Alten einzusteigen. Wortlos suchte er ihren Teller, wusch ihn am kleinen Spülbecken in der Toilette und ließ den Beutelinhalt daraufgleiten. Braten und Speck mit Bohnen.

Nach offiziellem Wortlaut.

Er ging zum Arbeitstisch und räumte die Zeichnungen zur Seite. »Hier ist dein Essen, Frances«, sagte er.

Mit kleinen, vorsichtigen Trippelschritten kam sie auf ihn zu. »Es riecht gut. Was ist es?«

Er seufzte. »Abendessen.«

Die Alte fingerte ihr Besteck aus dem Overall, setzte sich an den Tisch und begann schmatzend zu essen. »Du bist böse-böse«, sagte sie zwischen zwei Bissen. »Hat sie was falsch gemacht, die verrückte Mrs. Delaware?«

Er rang sich ein Lächeln ab. »Ich bin nicht böse. Zumindest nicht auf dich. Ich habe nur etwas erfahren, das mich ... traurig machte.«

»Er war auch traurig. Aber er hat gesagt, dass er uns helfen wird.«

»Wer will uns helfen?«

Die Alte blickte ihn erstaunt an. »Mein Besucher. Er wird uns helfen.«

»Der Mann von deiner Zeichnung? Er war da und sagt, dass er uns helfen will?«

»Dass er uns helfen wird«, korrigierte sie ihn kauend.

»Wobei will ... wird er uns denn helfen, dein geheimnisvoller Besucher?«

Die Alte zuckte mit den Schultern. »Das hat er nicht gesagt. Aber er hat mir alle Zahlen gegeben, die wir brauchen.«

Matti rieb sich die Nasenwurzel. Kopfschmerzen kündigten sich an. Der Stress. Und die verdammten Gedanken.

Die Alte legte das Besteck neben den Teller. Aus einer Tasche ihres Overalls fingerte sie einen mehrfach gefalteten Zettel hervor und streckte ihn Matti entgegen.

»Was ist das?«

»Die Zahlen.«

Er seufzte, entfaltete den Zettel. In ihrer zittrigen Handschrift hatte sie mehrere Reihen mit Zeichen gefüllt.

»Das sind nicht nur Zahlen«, konstatierte er. »Da sind auch Buchstaben dabei. Gehören die mit dazu?«

»Manchmal sind auch Buchstaben Zahlen«, sagte sie schulterzuckend und widmete sich wieder dem Braten.

»A B 4 8 8 2 3 F«, las er vor. »Ist das Hexadezimal? A bedeutet zehn, B elf und F ... fünfzehn?«

»Das hat er nicht gesagt.«

Matti zog einen Stuhl zum Tisch und setzte sich neben die Alte. »Frances«, sagte er so sanft wie möglich. »Ich weiß wirklich nicht, was ich davon halten soll. Wäre es möglich, dass dein geheimnisvoller Besucher kommt, wenn ich hier bin? Dann könnte er es mir sicher erklären.«

Sie sah ihn aus ihren trüben Augen an. »Er kommt nur, wenn es ihm die Zeit erlaubt«, sagte sie. »Manchmal hat er die Zeit nicht.«

Was für eine seltsame Formulierung, dachte er.

Er faltete den Zettel zusammen und legte ihn auf den Tisch. »Wir werden uns an einem anderen Tag darüber unterhalten. Ich muss leider gehen, ich bekomme Kopfschmerzen.«

Ihre feingliedrige, von Altersflecken übersäte Hand schnellte vor und krallte sich um seine Finger. »Du musst den Zettel nehmen«, krächzte sie. »Er kann uns nur helfen, wenn du die Zahlen hast!«

Matti blickte in ihre wässrigen Augen, in denen die nackte Angst stand. »In Ordnung«, flüsterte er. »Ich werde den Zettel nehmen und überlegen, wie uns dein Besucher helfen will.«

»Nicht will!«, korrigierte sie umgehend. »Er hat schon geholfen.«

Er nickte. »Ich werde das Rätsel lösen.«

3.

Freitag, 23. Mai 2036

 

»Setz dich!«, befahl Saana Salmalainen schroff.

Sofort schrillten in Matti sämtliche Alarmglocken auf. Saana war hinter sein Geheimnis gekommen! Seit sie die Funktion von ihrem Vorgänger übernommen hatte, war seine Vorgesetzte nie so schroff und kurz angebunden gewesen. Er sah ihr die Nervosität deutlich an.

Mit zitternden Knien ließ er sich auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch nieder. Was würde nun geschehen?

Wahrscheinlich würde seine letzte Amtshandlung darin bestehen, die verrückte Alte behutsam in die Krankenabteilung zu bringen. Danach konnte er seine Dienstwaffe zurückgeben und sich in die Arrestzelle begeben, bevor er zurück zur Erde geflogen würde.

Matti Mikkola schluckte. Dieses dumme Versprechen, dachte er verzweifelt. Dieses dumme, dumme Versprechen an eine alte kranke Frau, die sich schon am folgenden Tag nicht mehr daran erinnern konnte!

»Was ... was gibt es?«, fragte er mit zitternder Stimme.

»Es ist etwas geschehen«, sagte Saana düster. »Etwas, das mich vollkommen aus der Fassung gebracht hat.«

Matti senkte den Kopf. Er ertrug ihren Blick nicht. Saana Salmalainen war stets eine gute Chefin gewesen. Korrekt, vorbildlich, aber auch mitfühlend, wenn er oder einer seiner Kollegen den Mondkoller gehabt hatten.

Und wie hatte er ihr Vertrauen in ihn gerechtfertigt? Indem er schamlos hinter ihrem Rücken gewaltet hatte. Indem er damals alle Register gezogen hatte, als er das Feuer in der hydroponischen Anlage gelegt und den Tod der verrückten Mrs. Delaware vorgetäuscht hatte. Die Manipulation des Analysegerätes, das in den verbrannten Überresten der Anlage Zellrückstände von Dr. Frances Donovan angezeigt hatte.

Seine dumme Rede in der kleinen Kapelle bei der Zeremonie, die man zu Ehren der Toten abgehalten hatte. Schamlose Lügen.

Wofür?

»Matti!«

Er blickte auf.

»Hör mir genau zu«, sagte Saana mit sanfterer Stimme. »Das, was ich dir gleich zeigen werde, muss unter uns bleiben, hörst du? Es ist eine Frage von nationaler ... was sage ich? ... Internationaler Bedeutung!«

Er runzelte die Stirn. Wovon sprach sie? Weshalb sollte sein Versteckspiel mit der verrückten Mrs. Delaware von internationaler Bedeutung sein?

»Ich verstehe nicht ganz ...«

Saana Salmalainen schob ihm ihren Arbeitspod zu. »Wir haben einen Funkspruch der Armstrong Base abgefangen. Er war zwar stark verschlüsselt, aber wie mir scheint, wurde er in großer Eile verfasst und gesendet. Die Dekodierung haben wir schon vor mehreren Monaten geknackt. Die Amerikaner sollten ihn längst geändert haben. Jedenfalls ... Aber sieh selbst.«

Mit zitternden Fingern ergriff Matti den Pod. Der Bildschirm zeigte ein Bild in grauschwarzen Schattierungen.

»Das Bild ist vor einer halben Stunde von einer autonomen Sonde der Amerikaner gemacht worden«, sagte seine Vorgesetzte. »Von der erdabgewandten Seite des Mondes. Es erklärt die seismischen Erschütterungen, die unsere Geräte aufgezeichnet haben.«

Matti starrte auf das Bild, benötigte mehrere Sekunden, um zu begreifen, was er da sah. Tränen schossen ihm in die Augen.

Es ging nicht um ihn und die verrückte Mrs. Delaware. Im Vergleich zu dem, was er da sah, verkam diese Geschichte zu einem dummen Lausbubenstreich. Zu irrelevant, als dass man überhaupt noch darüber sprechen müsste.

Das Bild zeigte einen Krater. Die Größenangabe am unteren Rand des Bildes wies ihm einen Durchmesser von über drei Kilometern zu.

In der Mitte des Kraters wuchs eine riesige Kugel empor. Symmetrisch und glatt wie eine nachtschwarze Seifenblase.

Keine Kuppel. Keine Maschine. Nichts, das von allein auf dem Mond hätte entstehen können.

Nichts, das von Menschenhand hätte erbaut werden können. Nicht hier, nicht auf dem Mond. Und schon gar nicht in aller Heimlichkeit.

Matti blickte Saana an. Die Tränen liefen ihm unkontrolliert über die Wangen. »Ein ... ein ...«, stammelte er.

»Ein Raumschiff«, sprach seine Vorgesetzte die Worte aus, zu denen er nicht fähig war. »Ein außerirdisches Raumschiff.«

 

»Wer weiß davon?«

»Nur du und ich«, sagte Saana. »Die Funkstation hat mir die Nachricht protokollgemäß verschlüsselt weitergeleitet.«

Matti atmete tief durch, während sich in seinem Kopf die Gedanken überschlugen.

Außerirdische!

Er hatte nie ernsthaft an sie geglaubt, wenngleich sie rein mathematisch betrachtet existieren mussten. Das All war schlicht zu groß und zu alt, als dass die Erde der einzige Planet sein könnte, auf dem höheres Leben entstanden war.

Und welchen Sinn hätte das Leben, wenn die selbstzerstörerische Menschheit tatsächlich die Krone der Schöpfung wäre, wie viele das glaubten?

Aber nun ... Was bedeutete es, dass der Beweis von außerirdischer Existenz direkt vor ihrer Haustüre aufgetaucht war?

»Das ... das ist der Game Changer«, stieß er aus. »Wenn die Kugel tatsächlich ein außerirdisches Raumschiff ist, könnte das die Menschheit einen! Dann muss sie doch erkennen, dass wir nicht ein Konglomerat an Nationen sind, sondern eine Menschheit.«

Saana blickte ihn skeptisch an. »Oder einfach nur eine Massenpanik auslösen.«

»Was hast du vor?«

Saana hob die Schultern. »Das wollte ich mit dir besprechen. In einem ersten Reflex wollte ich das Bild an die Oulu-Basis weiterleiten. Aber irgendwie schrecke ich davor zurück. Dieses Wissen sollte nicht an eine einzige Nation gelangen.«

»Denkst du, dass die finnische Regierung damit nicht umgehen könnte?«

»Ich weiß es nicht.«

Matti deutete auf das Bild, das nach wie vor auf dem Bildschirm des Pods stand. »Zumindest die Amerikaner wissen bereits davon.«

»Das ist genau das, was ich meine. Sie haben bereits einen Wissensvorsprung, vor dem mir ehrlich gesagt graust.«

Er runzelte die Stirn. »Dann sagst du, dass es an uns ist, das Wissen um die Außerirdischen so weiterzuleiten, dass alle Staaten gleichzeitig davon erfahren? Aber könnte nicht gerade eine so breite Informationsstreuung zu dieser Massenpanik führen, von der du gesprochen hast?«

»Wahrscheinlich. Deshalb muss das Wissen an jemanden gehen, der verantwortungsvoll damit umgehen kann.«

»Den Generalsekretär der Vereinten Nationen?«

Saana nickte. »Wenn nicht er – wer dann?«

»Wann willst du ihn informieren?«

Saana berührte einen Sensor auf ihrer Schreibtischplatte. »So schnell wie möglich.«

Sie erhob sich. Wartete. Als nach zehn Sekunden noch immer nichts geschah, betätigte sie den Sensor erneut. »Oona«, sagte sie laut. »Hörst du mich?«

Stille.

»Was ist los?«, fragte Matti.

Saana eilte zur Tür und blickte hinaus. »Wir haben eine technische Störung!«, rief sie. »Könntest du mit der Kommunikationszentrale schauen, dass ...«

Matti hörte die Antwort der Assistentin nicht, aber als Saana an ihren Schreibtisch zurückkehrte, war sie kreidebleich.

Matti schoss in die Höhe. »Was hat sie gesagt?«

»Die internen Funkkanäle sind ausgefallen. Nicht einmal mehr ein Rauschen kommt herein.«

Er hob sein Handgelenk. Wo am Mikropod normalerweise das Funknetzzeichen leuchtete, zeigte ein roter Punkt an, dass keine Verbindung bestand. Mit fieberhafter Eile öffnete er die Nachrichtenseiten, aber weder das Rauha- noch das irdische Podnetz war erreichbar. Als hätten alle Netzwerke gleichzeitig den Geist aufgegeben.

Die letzte Aktualisierung der Nachrichteninhalte hatte um 19.28 Uhr stattgefunden.

»Das ist nicht gut«, murmelte er. »Das ist gar nicht gut.« Er blickte auf Saanas Arbeitspod. »Ich werde versuchen, die Botschaft direkt von der Kommunikationszentrale aus an die UN in New York zu senden. Ist es okay, wenn ich mir eine Kopie von der Nachricht auf meinen Pod ziehe?«

»Selbstverständlich.« Sie nahm den Pod, betätigte den Weiterleiten-Knopf, stieß rasselnd Luft aus. »Es geht nicht.«

»Die Nachricht hat die höchste Sicherheitsklassifizierung«, sagte er hastig. »Versuch das Weiterleiten mit dem Fingerabdruck zu authentisieren!«

Saana presste den Daumen auf den Fingersensor. »Das Feld für die möglichen Empfänger ist leer. Dein Pod wird mir nicht angezeigt.«

Matti blickte auf sein Handgelenk. »Die Pods sollten sich direkt miteinander verbinden können, auch wenn das Rauha-Netz nicht aktiv ist! Was geht da vor sich?«

An Saanas Hals bildeten sich hektische rote Flecken. »Wie kann der Gerätefunk ausfallen?«

»Gar nicht«, gab er zur Antwort. »Jedenfalls nicht einfach so. Jemand unterdrückt die Funkwellen.«

»Die Außerirdischen?«

Mit einem Mal fiel die Aufregung von Matti ab wie Herbstlaub bei einer Windböe. »Sie wollen nicht, dass wir mit der Heimbasis Kontakt aufnehmen können. Ihre Technologie ist der unseren meilenweit überlegen.«

»Dann sind wir verloren.« Saana wankte zurück zu ihrem Sessel und ließ sich hineinfallen.

Matti schüttelte den Kopf. »Wir dürfen nicht den Fehler machen und davon ausgehen, dass die Aliens in böser Absicht kommen. Ich habe von der Theorie gelesen, dass eine außerirdische Zivilisation eine gewisse moralische Stufe erreicht haben muss, um überhaupt den Schritt ins All zu schaffen.«

Saana lächelte verzweifelt. »Was wissen wir schon von deren Moral? In ihren Augen sind wir höchstwahrscheinlich nur ein paar Primitive, die ihren Absichten im Wege stehen.«

»Daran glaube ich nicht«, sagte Matti. Er zog das haarfeine Datenkabel aus dem Mikropod und steckte es in die Buchse von Saanas Arbeitsgerät. »Jetzt musst du den Datenaustausch erneut freigeben, dann klappt es.«

Widerwillig drückte sie ihren Daumen erneut auf das Sensorfeld. »Was bringt es, wenn du die Nachricht hast? Du kannst sie ja doch nicht weiterleiten.«

Matti kontrollierte, ob er alle Daten erhalten hatte. »Nicht über Funk«, gab er zu. »Aber auf optischem Weg sollte die Kommunikation mit der Erde funktionieren.«

Seine Vorgesetzte runzelte die Stirn. »Willst du eine Taschenlampe anknipsen und morsen?«

Er grinste schief. »Das würde nicht ganz reichen. Ich werde einen Laser benutzen.«

Hoffnung keimte in ihren Augen auf. »Das bekommst du hin?«

»Kinderspiel.«

Er zwinkerte ihr aufmunternd zu und eilte aus ihrem Arbeitszimmer. Der Laser, den er zu benutzen gedachte, war in Turm-3 installiert. Matti hatte mehreren Experimenten der Wissenschaftler beigewohnt und wusste, dass eine Kommunikation mit der Erde via Laser problemlos möglich war. Die einzige Schwierigkeit würde darin bestehen, die Empfangsstation in der Oulu-Basis über das anstehende Gespräch in Kenntnis zu setzen.

Aber das würde irgendwie klappen, es musste ganz einfach klappen.

Eine seltsame Euphorie hatte von ihm Besitz ergriffen.

Nach Jahren der leisen, typisch finnischen Depression hatte er zum ersten Mal das Gefühl, eine wichtige Rolle im gesamtirdischen Trauerspiel einnehmen zu können.

Und vielleicht würde es ja tatsächlich sein verzweifelter Laserfunkspruch sein, der den Game Changer auslöste. Je mehr er darüber nachdachte, umso sicherer wurde er.

Mit weiten Sätzen eilte er durch das Gewirr von Gängen der Hauptkuppel. Die anderen Besatzungsmitglieder, die entweder mit hochroten oder kalkweißen Gesichtern herumirrten, beachtete er nicht. Im Gegensatz zu ihnen wusste er genau, was da draußen im Mondstaub aufragte und ihre Funknetze zum Erliegen gebracht hatte.

Matti Mikkola hatte den Turm-3 beinahe erreicht, als plötzlich das Licht ausfiel. Vereinzelte panische Schreie erklangen.

Der Sicherheitsmann blieb stehen, lauschte. Abgesehen von den erschrockenen Menschen war es unnatürlich still in der Anlage.

Er wartete darauf, dass das Notlicht einsetzte, aber es kam nicht. In der völligen Dunkelheit hob er das Handgelenk vor das Gesicht, aber das Display des Mikropods war schwarz wie alles um ihn herum.

Matti fühlte, wie die soeben wahrgenommene Euphorie verpuffte, als wäre sie nie da gewesen. Die Angst seiner Kollegen griff auf ihn über.

»Ihr könnt also nicht nur unsere Funknetze stören, sondern such sämtliche Energiequellen lahmlegen«, flüsterte er. »Nicht sehr nett von euch.«

Damit war der Plan, den Laser in Turm-3 zu aktivieren, bereits wieder gestorben.

Und dann, endlich, verstand er.

Diese unnatürliche Stille, die er wahrnahm ... Sie rührte daher, dass die Luftaufbereitungsanlagen nicht mehr arbeiteten.

Falls tatsächlich die Außerirdischen hinter dem Energieausfall steckten und sie nicht daran dachten, Gnade walten zu lassen, würden die Menschen in Rauha über kurz oder lang ersticken.

Ohne Energie funktionierten nicht einmal die Rückfallsysteme, mit denen sie in Kapseln zur Erde flüchten könnten.

Die Erkenntnis ließ das Blut in seinen Adern gefrieren. Die verrückte Mrs. Delaware!

Er musste so schnell wie möglich zu ihr gelangen. Es stand außer Frage, dass auch in ihrem Bereich die Energie ausgefallen war. Tappte sie in der Dunkelheit durch die Tür, würde sie möglicherweise die Treppe hinunterfallen und sich alle Knochen brechen.

Selbst wenn die Alte auf den Tag wartete, an dem sie endlich sterben konnte, so war dies kein Ende, wie sie es verdiente.

Matti tastete sich durch die Gänge, bis er das Büro des Sicherheitsdienstes erreichte. Onni Virtuula war bereits vor Ort. Auf den Schreibtischen lagen mehrere aktivierte Leuchtstäbe, die ihr chemoluminiszentes gelbgrünes Licht verbreiteten.

»Ausgezeichnet«, sagte Matti. »Die habe ich gesucht.«

»Weißt du, was geschehen ist?«, fragte Onni. »Werden wir angegriffen?«

»Saana und ich hegen einen Verdacht. Geh zu ihr! Sie entscheidet darüber, was die Besatzung erfahren darf.«

Onnis breites, zerfurchtes Gesicht sah im Schein der Knicklichter furchterregend aus. »Was für einen Verdacht?«, fragte er argwöhnisch. »Die Amis oder die Russen?«

»Keiner von denen«, sagte Matti schnell, während er sich eine Tasche umhängte und sie mit Leuchtstäben füllte. »Verteile die Lichter an die Besatzung und versammle sie in der Kantine. Anschließend besprichst du dich mit Saana und unterstütze sie, während sie die Leute informiert.«

Virtuula nickte. Matti war zwar nicht sein Vorgesetzter, aber er war froh, wenn ihm klare Anweisungen erteilt wurden.

»Und was machst du?«

»Ich habe einen Spezialauftrag von der Chefin persönlich.« Das war zwar mindestens zu fünfzig Prozent gelogen, aber dies war nun wahrlich nicht der Ort und die Zeit, die Geschichte der verrückten Mrs. Delaware zu erzählen.

Wenn es ihm die Zeit erlaubt, vernahm er ihre sanfte Stimme in seinen Gedanken. Weshalb musste er ausgerechnet jetzt an diese seltsame Formulierung der Alten denken?

»Wo ist der mechanische Impulsgeber für die Schotts?«

Onni griff in seine Gürteltasche und holte den schwarzen Griff mit dem silbernen Stab hervor. »Ich habe ihn zur Sicherheit mal mitgenommen, falls wir eine Tür öffnen müssen.«

»Gib ihn mir!«, sagte Matti. »Ich muss in einen der Türme im stillgelegten Bereich.«

Sein Kollege reichte ihm das Instrument, und Matti packte es zu den Leuchtstäben in die Tasche. Dann zögerte er kurz, öffnete schließlich doch die Schublade seines Arbeitspultes, nahm das Halfter mit der SIG P3000 heraus und befestigte es an seinem Gurt.

»Was hast du vor, Matti?«

»Ich werde es dir später erzählen«, gab er zurück. »Versprochen.«

Onni gab sich damit zufrieden. Während er die Leuchtstäbe in eine große Tasche packte, raunte ihm Matti einen Abschiedsgruß zu und verließ das gemeinsame Büro.

 

Mit erhobenem Leuchtstab rannte er los. Das Licht reichte gerade aus, um sich zu orientieren und plötzlich auftauchenden Besatzungsmitgliedern auszuweichen. Ein paar der Knicklichter verteilte er und ordnete an, dass sich die Leute gemeinsam in die Kantine zurückzogen, wo sie über die Vorgänge ins Bild gesetzt werden würden.

Matti benötigte unangenehm lange, bis er endlich das Schott erreichte, das zum stillgelegten Bereich führte. Als er den mechanischen Impulsgeber hervorholte und das Stabende in die Notfallöffnung einführte, schickte er ein rasches Stoßgebet zum Himmel. Nicht, dass er an den biblischen Gott glauben würde – aber schaden konnte ein wenig Beten ja auch nicht.

Erleichtert vernahm er das leise Klicken aus dem Innern des Schotts; die Verriegelung öffnete sich. Er schlüpfte hindurch und schloss das Schott hinter sich. Dann eilte er zum Eingang von Turm-9 und rannte – immer drei bis vier Stufen auf einmal nehmend – die Treppe hoch.

»Frances!«, rief er. »Ich bin gleich bei dir!«

Oben angekommen, blieb Matti wie angewurzelt stehen. Irrte er sich oder drang ein sanfter Lichtschimmer durch den Spalt der nur angelehnten Tür?

Matti zog die Pistole aus dem Halfter, überprüfte, ob sie geladen war, und stieß die Tür auf.

Das Leuchten war entweder verschwunden oder wurde durch den Schein seines Knicklichtes übertönt.

Die verrückte Mrs. Delaware stand inmitten ihrer Pflanzen und Zeichnungen und hielt ihre zweigdürren Arme in die Luft gestreckt. »Nicht schießen!«, krächzte sie.

»Ich bin es nur, Frances. Hast du mich nicht gehört? Ich habe die halbe Treppe hochgebrüllt.«

Vorsichtig nahm sie die Arme herunter. »Ich habe dich nicht gehört. Ich war in ein Gespräch vertieft.«

»In ein Gespräch?«, echote Matti. »Sag nicht, dass dein Besucher wieder da war und ausgerechnet dann verschwand, als ich durch die Tür trat.«

Sie zuckte ergeben mit den Achseln. »Dann sage ich es halt nicht. Aber weshalb ist das Licht weg? Und die Zeitanzeige der Wanduhr geht auch nicht mehr.« Sie deutete in Richtung Wand.

»Wir haben ein Problem in der Station, Frances. Ich bin hier, um dich mitzunehmen.«

»Wohin gehen wir?«

»Nach draußen.«

»In die Kuppelstadt?«

»Nein. Nach ganz draußen. Wir werden einen Mondspaziergang unternehmen.«

»Oh«, sagte die Alte verzückt. »Ein Spaziergang im Mondschein? Wie romantisch.«

»Na ja – fast. Komm jetzt, ich helfe dir, die Treppe hinunterzusteigen. Unten schlüpfen wir dann in einen Schutzanzug und machen uns auf den Weg.«

»Unter einer Bedingung.«

Er seufzte. »Was, Frances?«

»Hast du die Liste mit den Zahlen dabei?«

Matti klopfte auf die Tasche, in die er ihren vollgekritzelten Zettel gesteckt hatte. Dann stutzte er. Einer plötzlichen Eingebung folgend, holte er den Zettel hervor und entfaltete ihn. Zeile für Zeile ging er ihn durch, in der irrsinnigen Hoffnung, einen Hinweis darauf zu finden, wie sie der Station wieder zu Energie verhelfen konnten.

Aber wie sollte das funktionieren? Ganz offensichtlich hatte die unbekannte Gegenseite höhere Technik im Einsatz. Die konnte mit Sicherheit nicht durch ein paar Zeilen Kode ausgehebelt werden.

»Der Independence Day findet nicht statt«, murmelte er und steckte den Zettel wieder weg.