Ton Jansen

‘Alle wollen den Krieg von Dir!’

Das Attentat vom 12. Juli 1914

Wie die russische Kriegspartei den Vertrauten des Zaren aus dem
Weg räumte und den Weltkrieg entfesselte

Grigori Jefimowitsch Rasputin (um 1910)

Ton Jansen

‘Alle wollen den Krieg von Dir’

Das Attentat auf Rasputin vom 12. Juli 1914

Wie die russische Kriegspartei den Vertrauten des Zaren
aus dem Weg räumte und den Weltkrieg entfesselte

‘Rasputin ist absolut ein ehrlicher und guter Mensch, der immer Gutes tun will und gerne Bedürftigen Geld gibt.’

Graf Sergei Witte

‘Die Berge sind schön und hoch, aber meine Liebe ist höher und schöner, denn Liebe ist Gott.’

Rasputin
In: Douglas Smith, Kap. 42, S. 484

‘Die allgemeine russische Mobilmachung war somit eine bewusste und beabsichtigte Herausforderung Deutschlands, welches den Krieg nicht wollte, um diesen Krieg, der vielleicht sonst noch zu vermeiden gewesen wäre, herbeizuführen.’

Graf Friedrich von Pourtalès
Am Scheidewege zwischen Krieg und Frieden,
Vorwort, S. 6

Es kann sich als vorteilhaft erweisen, die Konzentrierung der Truppen ‘zu vollziehen, ohne die Feindseligkeiten zu beginnen, damit dem Gegner nicht unwiderbringlich die Hoffnung genommen wird, der Krieg könne noch vermieden werden. Unsere Maßnahmen müssen hierbei durch diplomatische Scheinverhandlungen maskiert werden, um die Befürchtungen des Gegners möglichst einzuschläfern. Wenn derartige Maßnahmen die Möglichkeit geben einige Tage zu gewinnen, so müssen sie unbedingt ergriffen werden’.

Protokoll der Spezialmilitärkommission vom 8./21. November 1912

Inhalt

Inhalt

Vorwort zur ersten deutschen Ausgabe

Kalender

Übersicht der wichtigsten Personen

Einleitung

1 Ein verhängnisvoller Sonntag

2 ‘C’est la guerre européenne!’

3 Ein Hoffnungsschimmer

4 Die Würfel fallen

5 ‘Ich habe den Antichrist getötet’

6 Frieden, Land und Brot’

7 Der Graf und der Bauer

8 Auf Messers Schneide

9 Drei Mal der Balkan

10 Ein schmutziges Geschäft

11 Hass und Liebe

12 ‘Ich will’s und damit basta!’

13 Ein rätselhafter Journalist

14 Epilog

Schlussbetrachtung

Verantwortung

Kurzer Überblick über das Leben Rasputins

Literaturverzeichnis

Anmerkungen

Register

Vorwort zur ersten deutschen Ausgabe

Samstag, 28. Juni 1919, der große Spiegelsaal im Schloss von Versailles. Durch die meterhohen Fenster dringt ein gedämpftes, gräuliches Licht in den Saal ein. An einem langen, mit einem grünblauen Tuch bekleideten Tisch sitzen drei altehrwürdige Herren, in makellosen Anzügen mit weißem Hemd und schwarzer Krawatte: der amerikanische Präsident Woodrow Wilson, mit zu seiner Linken der französische Premierminister Georges Clemenceau und dessen britischer Kollege David Lloyd George. Neben und hinter ihnen befinden sich mehrere andere, ebenfalls in makellosen schwarzen Anzügen und weißen Hemden gekleidete Personen, sowie drei hohe Militär in Uniform, von denen einer einen Turban trägt.

Alle schauen ernst, den Blick auf den einsamen Mann gerichtet, der – tief über das vor ihm liegende Blatt Papier gebeugt – ihnen gegenüber auf der anderen Seite des Tisches sitzt. Es ist der deutsche Verkehrsminister, Johannes Bell. Schräg hinter ihm steht ein zweiter, äußerst hagerer, bebrillter Mann mit einem auffallend spitzen, hervorstehenden Kinn: Bells Landsmann, Außenminister Hermann Müller. Während Müller – halb über den Stuhl gebeugt, seine Hand auf der Stuhllehne – über Bells Schulter zuschaut, setzt dieser seine Unterschrift auf das Papier vor ihm. Der Vertrag von Versailles, der erste der sogenannten ‘Pariser Vorortsverträge’, wodurch der Erste Weltkrieg formell beendet wurde, ist eine Tatsache!

Soweit man überhaupt von ‘historischen Fehlern’ sprechen kann, ist der Versailler Vertrag unbedingt als ein riesenhafter historischer Fehler zu bezeichnen. Im Artikel 231 wurde nämlich festgelegt, dass Deutschland und seine Verbündeten als Einzige für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verantwortlich waren, eine offenkundige Unwahrheit. Nur dadurch, dass die Siegermächte drohten, die Feindseligkeiten wieder aufzunehmen, sowie durch die Fortsetzung der Wirtschaftsblockade, die seit Oktober 1914 bereits Hunderttausenden von unschuldigen Menschen das Leben gekostet hatte, konnte die deutsche Regierung – unter heftigem Protest – zur Unterzeichnung des Vertrags gezwungen werden. Auf der Grundlage dieses erpressten ‘Schuldbekenntnisses’ wurde Deutschland dann nicht nur zu Gebietsabtretungen und Abrüstung verpflichtet, sondern wurden ihm auch immense Reparationszahlungen auferlegt, die die Wirtschaft völlig zerrütteten und – zusammen mit der Demütigung und dem untergrabenen Vertrauen in die Weimarer Republik, die Deutschland mit diesem ‘Karthagischen Frieden’ aufgehalst hatte – den Nährboden bildeten, auf dem der Nationalsozialismus wuchern konnte. So trug – wie Viele damals und heute betont haben – der ‘Frieden von Versailles’, der in Wirklichkeit kein Frieden, sondern ein zwanzigjähriger Waffenstillstand war, von Anfang an den Keim für den Zweiten Weltkrieg schon in sich.

Es ist diese Frage der Verantwortlichkeit des Beginns des Ersten Weltkrieges, die das Hauptthema dieses Buches bildet. Dabei steht besonders die russische Mobilisierung, ein Thema, dem in der reichhaltigen Literatur zum Ersten Weltkrieg relativ wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden ist, im Mittelpunkt. Bis auf den heutigen Tag gibt es nur wenige Menschen, die erkennen wie wichtig der Entscheid zur Mobilisierung der russischen Armee war. Hierdurch wurde nämlich eine Kettenreaktion ausgelöst, die den allgemeinen europäischen Krieg nahezu unvermeidlich machte. Hätte Russland sich jedoch damals vom Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien abseits gehalten und seine Armeen nicht mobilisiert, dann wäre die Geschichte ganz anders verlaufen.

Wie der Titel dieses Buches schon andeutet, wird neben diesem Thema der russischen Mobilisierung noch ein zweites, ganz anderes Thema angesprochen: das Attentat auf den berühmten russischen ‘Mönch’ Grigori Rasputin im Sommer 1914, wenige Wochen vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Es mag verwundern, dass ein dergleiches Thema in diesem Buch erörtert wird, da es auf den ersten Blick keinerlei Verbindung zum ersten Thema hat. Dies ist jedoch nur anscheinend so. Wie in diesem Buch versucht wird zu zeigen, standen hinter dem Mordanschlag auf Rasputin zum Teil dieselben Personen, die hinter den Kulissen auf jede erdenkliche Weise probierten, den Zaren zum Krieg zu bewegen. Mit dem Ziel zu verhindern, dass Rasputin den russischen Herrscher im entscheidenden Moment davon abhalten würde, den Befehl zur Mobilisierung der russischen Armee zu unterzeichnen. Vollständig zu beweisen ist das natürlich nicht, da Verschwörer ja in der Regel ihre Spuren so gut wie möglich auszuwischen suchen, so wie es auch die Anstifter des Ersten Weltkriegs taten.

Wie dem auch sei, ob das Attentat auf Rasputin aus rein religiösen Motiven von einer halbwahnsinnigen Frau verübt wurde, oder eine bewusst vorgenommene politische Tat war, – fest steht jedenfalls, dass Rasputins Einfluss nicht so verhängnisvoll war, wie viele damals glaubten und immer noch glauben. Denn hätte der Zar seinen weisen Rat befolgt, dass ‘der Balkan keinen Krieg wert ist’, so wäre Russland, und damit Europa und der Welt, unsägliches Leid erspart geblieben!

Gleichzeitig geht aus den beschriebenen Ereignissen unumstößlich hervor, dass es in Russland – wie übrigens in allen anderen beteiligten Ländern – eine mächtige Kriegspartei gab, die in einem Krieg mit Deutschland das einzige Mittel sah, bestimmte politische Ziele zu erreichen. Hierdurch wird ein völlig anderes Licht auf den Beginn des Ersten Weltkriegs und damit auch auf die Schuldfrage geworfen. Im Gegensatz zu dem, was 1919 im berüchtigten Artikel 231 des Versailler Vertrags festgelegt worden ist, sind nämlich nicht so sehr Deutschland und seine Verbündeten am Ausbruch dieses großen europäischen Völkerkriegs schuld, sondern eher Russland und sein Verbündeter Frankreich, mit dem ‘perfiden Albion’ als ‘Dritter im Bunde’.

Inzwischen sind mehr als hundert Jahre verflossen seit Europa von den Schrecken des Ersten Weltkrieges heimgesucht worden ist. Überschattet von jener anderen großen Katastrophe, dem Zweiten Weltkrieg, sind die Ereignisse der Jahre 1914-1918 in unserer Zeit aber weitgehend in den Hintergrund gedrängt worden. Leider haben heute nur noch wenige Menschen ein Wissen davon, ein gravierender Mangel, denn die Ereignisse jener verhängnisvollen Jahre bestimmen noch immer in hohem Maße die Welt, in der wir jetzt leben. Denn durch den Ersten Weltkrieg und den daraus resultierende Zweiten Weltkrieg wurde nicht nur die Gestalt des heutigen Deutschlands und damit auch Europas geprägt, sondern auch das Bild des deutschen Volkes als kriegerische Nation.

Bis auf den heutigen Tag sieht sich das deutsche Volk mit diesem Stigma konfrontiert, insbesondere in den Momenten, wo es versucht, die Vergangenheit abzuschütteln und wieder einen vollwertigen Platz unter den Nationen fordert. Hierdurch kann das deutsche Volk, das Volk von Goethe und Schiller, von Hegel, Fichte und Schelling, von Bach, Beethoven, Mozart, Händel, Brahms, Haydn, Mahler, Bruckner, und vielen, vielen anderen Größen, tatsächlich nicht die Rolle spielen, wozu es berufen ist, nämlich die Völker Europas zu vereinen und eine Brücke zu bilden zwischen den so gegensätzlichen Kräften von Ost und West, Nord und Süd. Mit anderen Worten: das warm schlagende Herz Europas zu sein, in einer wahren, menschenwürdigen ‘europäischen Union’.

Stattdessen wurde die europäische Mitte vom Ersten und Zweiten Weltkrieg weggefegt: Deutschland, und damit auch Europa, ist zu einer Kolonie der Vereinigten Staaten geworden, während die Beziehungen zu Russland stark korrumpiert worden sind. Seit dem Jahr 1917, so schreibt die deutsche Historikerin Renate Riemeck in ihrem bahnbrechenden Buch Mitteleuropa. Bilanz eines Jahrhunderts, wird die Politik Europas nicht mehr in Berlin, sondern in Washington und Moskau bestimmt. Europa als unabhängige wirtschaftliche, politische und geistige Entität existiert als solche nicht.

Obwohl die im Versailler Vertrag in Stein gemeißelte Lüge der ‘Alleinschuld’ Deutschlands schon lang und breit von vielen Historikern widerlegt wurde, gilt Deutschland in der Praxis nach wie vor als Anstifter des Ersten Weltkriegs, der damals das Unheil über Europa und die Welt gebracht hat. Und wird Rasputin von Vielen noch immer betrachtet als der leibhafte Teufel, der Russland zugrunde gerichtet hat. Die Wahrheit ist jedoch in beiden Fällen gerade umgekehrt. Dafür Bewusstsein zu wecken, in der Hoffnung, eine Veränderung zum Besseren zu bewirken, ist das Ziel, das der Autor beim Schreiben dieses Buches vor Augen stand. Dies, damit die Menschheit aus den Fehlern der Vergangenheit lernt und nicht wieder in denselben Fehler verfällt. Denn ohne ein gewisses Verständnis der Vergangenheit werden wir niemals eine bessere Zukunft bekommen!

Bleibt mir zum Schluss nur noch, allen Menschen, die an der Entstehung dieses Buches beigetragen haben, meinen aufrichtigen Dank auszusprechen. Ohne Andere zu benachteiligen, möchte ich der Übersetzerin Elsbeth Lutz herzlichst danken für den unermüdlichen Einsatz und die Geduld, womit sie den ursprünglichen niederländischen Text der deutschen Leserschaft zugänglich gemacht hat. Zu großem Dank verpflichtet bin ich auch Ro Naastepad, die mir mit ihren begeisterten Reaktionen immer wieder neuen Mut gegeben hat, weiterzumachen. Und last but not least gilt mein Dank Rudy de Casseres im finnischen Espoo, der mit seinem umfangreichen Wissen über Rasputins Leben völlig selbstlos dazu beigetragen hat, verschiedene kleinere und größere Rätsel zu lösen. Ohne all diese Hilfe wäre dieses Buch nicht zu dem geworden, was es heute ist.

Rotterdam, 15. Oktober 2020

Ton Jansen

Kalender

In Russland war damals der alte Stil der Datumsangabe in Kraft (Julianischer Kalender). Dieser stand dem westlichen (Gregorianischen) Kalender bis 1900 um zwölf, 1900-1917 um dreizehn Tage nach. Am 1. Februar 1918 wurde von den Bolschewisten auch in Russland der Gregorianische Kalender übernommen, wobei dreizehn Tage übersprungen wurden. So wurde aus dem 1. Februar (alter Stil) der 14. Februar. Der Gregorianische Kalender war zu dieser Zeit in allen europäischen Ländern eingeführt. – In diesem Buch sind die Daten, sofern nicht anderes vermerkt, nach beiden Kalendern angegeben, wobei zuerst das russische Datum nach dem Julianischen Kalender und dann das westliche Datum nach dem Gregorianischen Kalender erwähnt wird, von einem Schrägstrich (‘/’) getrennt. In einigen Fällen ist dabei nicht nur der Tag, sondern auch der Monat und manchmal sogar das Jahr verschieden, z.B. beim Sterbedatum des heiligen Johanns von Kronstadt am 20. Dezember 1908/2. Januar 1909.