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Impressum

Verlag Friedrich Oetinger GmbH, Hamburg 2009

© Verlag Friedrich Oetinger GmbH, Hamburg 1959

 

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

Alle Rechte vorbehalten

Illustrationen von Jochen Bartsch

Coverillustration von Heiner Rothfuchs

Covergestaltung von Jan Buchholz

E-Book-Umsetzung: 2013

 

ISBN 978-3-86274-429-9

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Der erste Tag, an dem ich meine Schwestern Anneken und Johanneken, meine Obergroßmutter, meinen Urgroßvater und mich selbst vorstelle. Zeigt, wie Abc-Gedichte entstehen, und gibt zwei Beispiele. Enthält nützliche Hinweise über das Alphabet, über unsere Art zu reden und über erste Hilfe bei abgebrochenen Absätzen.

Mein Urgroßvater war ein weiser Mann. Als er fünfundsechzig Jahre alt war, zog er das Boot und die Fangkörbe, mit denen er sein Leben lang Hummer gefangen hatte, an Land und fing zu drechseln an. Er drechselte Drehkreisel und Gedichte für Kinder, was – wie jeder zugeben muss – eine weise Beschäftigung ist.

Zu meiner Zeit, das heißt, als ich zehn Jahre zählte, war mein Urgroßvater schon vierundachtzig. Aber er drechselte immer noch – allerdings mehr Gedichte als Drehkreisel.

Er wohnte auf dem Oberland der Insel Helgoland bei seiner Tochter, die meine Großmutter war und die ich, weil sie oben auf dem Felsen Helgolands wohnte, die Obergroßmutter nannte.

Meine andere Großmutter, die auf dem Unterland am Fuße des Felsens wohnte, nannte ich Untergroßmutter, aber die kommt erst später dran. Jetzt will ich von meiner Obergroßmutter reden, bei der mein Urgroßvater wohnte. Sie hatten ein Haus in der Trafalgarstraße auf dem Oberland. Aber mein Urgroßvater verbrachte fast alle Tage vom frühen Morgen bis zum späten Abend in der Hummerbude, die dem Wohnhaus gegenüber auf der anderen Straßenseite stand. Hier besuchte ich ihn, so oft ich konnte. Wir drechselten dort zusammen, aber keine Kreisel, sondern Reime.

Mein Urgroßvater hatte auch dafür gesorgt, dass ich zwei Jahre vorher, als Achtjähriger, zum Leuchtturm auf den Hummerklippen hatte fahren dürfen. Dort hatte ich eine ganze Woche lang Geschichten gehört.

Und nun, als ich zehn Jahre alt war, kam wieder so eine Geschichtenwoche auf mich zu, weil meine Schwestern Anneken und Johanneken die Masern hatten. Das ist zwar eine ärgerliche Krankheit, aber Anneken und Johanneken, die bald kein Fieber und gar keine Schmerzen mehr hatten, fanden die Masern am Ende ganz hübsch. Sie brauchten nicht zur Schule zu gehen, konnten den lieben langen Tag mit ihren Puppen spielen und bekamen obendrein noch Leckereien von den Nachbarn und Verwandten.

Den größten Vorteil von den Masern aber hatte ich. Weil es nämlich eine ansteckende Krankheit ist, wurde ich umquartiert.

Und so kam ich in die Trafalgarstraße zu meiner Obergroßmutter und meinem Urgroßvater.

»Hallo, Boy!«, rief der, als ich mit Sack und Pack dort angezogen kam. »Willst du das Schiff wechseln?«

»Jawoll, Käptn!«, antwortete ich und legte die linke Hand an die Pudelmütze.

»Man grüßt mit der rechten Hand«, sagte mein Urgroßvater. »Außerdem bin ich nicht der Kapitän. Der steht dort in der Tür.« Er zeigte auf meine Obergroßmutter, die darüber verdrießlich den Kopf schüttelte und »dummes Zeug« brummte.

Meine Obergroßmutter, die oben auf dem Inselfelsen wohnte, war eine ernste Frau. Seitdem ihr Mann, mein Großvater, einen richtigen Motorkutter gekauft hatte und damit zwischen unserer Insel und dem Festland hin- und herfuhr, war sie noch viel ernster geworden.

»Der Kutter frisst uns noch die Haare vom Kopf«, sagte sie, als wir nach dem Mittagessen in der Küche saßen. »Früher, als wir bloß die Schaluppe hatten, brauchten wir jedes Jahr ein Knäuel Tauwerk, ein paar Planken, zwei Eimer Farbe und ein paar Flicken für das Segel. Aber was wir jetzt alles brauchen, du meine Güte, das kostet jeden Monat ein Vermögen!«

»Dafür verdient ihr fünfmal so viel wie früher«, lachte mein Urgroßvater.

»Verdienen?«, schrie meine Obergroßmutter. »Nennst du das verdienen, wenn ich jede Mark, die er mir bringt, gleich wieder hergeben muss für Proviant? Ich möchte wissen, wer diese Berge von Proviant auf dem Schiff eigentlich verzehrt! Davon könnten siebenundsiebzig ausgehungerte Klabautermänner satt werden!«

»Oje«, flüsterte mein Urgroßvater mir zu. »Wenn sie von Klabautermännern anfängt, dann hört sie erst beim Jüngsten Gericht wieder auf. Komm, wir verdrücken uns!«

Er stand auf und sagte: »Ich geh drechseln, Margaretha, und den Kleinen nehme ich mit.«

»Ja, macht ihr euch nur aus dem Staub und lasst mich mit meinen Sorgen allein«, rief sie. »Das verstehen alle Männer. Und bring das dem Jungen nur zeitig bei, damit er auch so ein Taugenichts wird wie du!«

Ich mischte mich in den Streit der Alten nie ein. Ich sagte: »Tschüs, Obergroßmutter!«, und wutschte hinter dem Urgroßvater zur Küchentür hinaus.

»Wenn ihr Kaffee mit heißen Wecken haben wollt, müsst ihr um vier Uhr rüberkommen!«, schallte es hinter uns her. »Ich setze keinen Fuß in euer Sodom und Gomorrha.«

»Was ist denn Sodom und Gomorrha, Urgroßvater?«

»Das waren zwei Städte, in denen alles drunter und drüber ging, Boy. Du kannst es in der Bibel nachlesen.«

»Aber was meint denn die Obergroßmutter mit Sodom und Gomorrha?«, fragte ich.

»So nennt sie meine Werkstatt, Boy. Und nun setz deine Pudelmütze auf. Wir müssen über die Straße.«

Auf der Insel war immer Wind, und in die Trafalgarstraße konnten die Winde vom Meer her ohne Umwege hineinpusten.

Im Herbst, wenn die Nordoststürme über die Insel fegten, war der Wind in den Gassen so stark, dass ein Kind wie ich sich bequem dagegenlehnen konnte, ohne umzufallen.

An diesem Tag allerdings war es nicht so schlimm, denn wir hatten – obwohl es Ende September war – mildes Wetter. Trotzdem waren meine Backen windgerötet, als ich die vier Schritte über die Straße gegangen und mit dem Urgroßvater in seine Hummerbude eingetreten war.

Ich wollte gleich die kleine Holztreppe hinaufklettern zur Drechselwerkstatt im ersten Stock. Aber mein Urgroßvater sagte: »Zurück, Boy! Wir bleiben unten.«

»Ich will mir nur ein paar Kreisel zum Spielen holen«, rief ich und kletterte weiter die Leiter hinauf.

»Vorsicht! Die Lederne Lisbeth ist oben!«, sagte mein Urgroßvater.

»Die Lederne Lisbeth?«, rief ich erschrocken. Und Schritt für Schritt stieg ich wieder abwärts.

»Du weißt doch, dass unser Hummerboot am Strand liegt«, sagte mein Urgroßvater. »Und wenn das Boot nicht auf dem Wasser ist, wird die Lederne Lisbeth in der Hummerbude untergebracht. Stimmt’s?«

»Ach ja«, sagte ich und kletterte schnell die letzten Sprossen hinunter.

Die Lederne Lisbeth war eigentlich keine schlimme Frau. Sie war eine lebensgroße Puppe aus Leder, die mein Urgroßvater auf dem Hamburger Dom, dem Jahrmarkt, für viel Geld gekauft hatte. Sie lag seit vielen, vielen Jahren in der kleinen Kajüte des Hummerbootes, das natürlich auch Lederne Lisbeth hieß. Die Puppe war so eine Art Schutzgeist für das Boot und daher eine achtbare Person. Aber die Erwachsenen erzählten uns Kindern oft so gruselige Geschichten von ihr, dass sie uns nicht ganz geheuer schien. Nur mein Urgroßvater erzählte keine unheimlichen Geschichten. Er sagte: »Das ist lauter dummer Schnickschnack. Das Ding ist eine Puppe und weiter nichts. Basta!«

Trotzdem hatte er mir eben, als ich auf der Leiter stand, ein bisschen Bange machen wollen. Aber ich wusste schon, warum: Er wollte mich in die Tienerbude locken. Denn wenn ich einmal oben in der Drechselwerkstatt war, ließ ich mich so leicht nicht wieder herunterholen.

Ich folgte meinem Urgroßvater nun in die Tienerbude, in der runde oder viereckige Körbe aus Holz und Tau standen, die mir damals bis fast an die Brust reichten. Das waren die Tiener, mit denen man Hummer fängt. Sie werden an langen Schnüren auf den Meeresgrund hinuntergelassen, und dort bleiben sie eine Nacht lang stehen. Durch die lange Leine, an der sie sozusagen hängen, findet man sie leicht wieder. Die Leine ist nämlich mit lauter Korkstücken besetzt. Sie sieht aus wie eine Kette, auf der man Kümmelbrötchen aus Kork aufgereiht hat. Oben über Wasser läuft die Leine in einen großen runden Korken aus, auf dem ein bunter Wimpel flattert.

Mein Urgroßvater hat in seinem Leben viele Tiener angefertigt. Er hat sie auch oft repariert, wenn die Stürme sie beschädigt hatten. Die Werkstatt, in der er sie herstellte und ausbesserte, hieß die Tienerbude, und hier machten wir es uns jetzt gemütlich.

»Setz dich auf die Korken, Boy!«, sagte mein Urgroßvater.

Da ließ ich mich auf die länglichen aufgestapelten Korkplatten nieder, aus denen man die Kümmelbrötchen für die Tienerleinen schnitzt. Mein Urgroßvater nahm eine andere Korkplatte, die an der Wand lehnte, holte sich das kurze, breite Messer und begann Korken zu schnitzen, die er in einen Wäschekorb warf.

»Ich habe Krischon Hinker einen Korb voll Tienerkorken versprochen«, sagte er. »Dabei können wir uns unterhalten und meinetwegen auch reimen, wenn du willst.«

»Oh ja, reimen wir was!«, sagte ich.

»Erst erzähle ich dir eine Geschichte«, sagte mein Urgroßvater. »Anschließend reimen wir zur Erholung ein bisschen. Du hast doch Lust auf eine Geschichte?«

Oh ja, die hatte ich! Mein Urgroßvater konnte nämlich hübsch erzählen. Er fragte mich zuerst, wie Krischon Hinker mit richtigem Namen hieße. Aber das wusste ich nicht. Ich kannte die meisten Leute unserer Insel nur bei ihren Spitznamen.

»Also Krischon Hinker heißt eigentlich Christian Broders. Aber die ganze Familie wird seit hundert Jahren ›Hinker‹ genannt. Und weißt du, warum?«

»Nein, Urgroßvater.«

»Gut. Dann sollst du es aus meiner Geschichte erfahren.«

Und nun erzählte mir mein Urgroßvater die Geschichte:

Der hinkende Jonathan

Jonathan Broders war ein Hummerfischer, der – so weit man zurückdenken konnte – hinkte und stotterte und deshalb nicht gern unter die Leute ging, sondern froh war, wenn man ihn mit sich und seinem Boot allein ließ.

Eines Tages im Mai, als er vom Hummer-Fangplatz zur Insel Helgoland zurückruderte, meinte er vom offenen Meer her eine klagende Stimme zu vernehmen. Er legte eine Hand über die Augen, weil die Sonne ihn blendete, und sah in einiger Entfernung einen langen schwarzen Strich auf dem Wasser. Nach einem Menschen sah das nicht aus, eher nach einer Seeschlange. Aber Jonathan glaubte nicht an Seeschlangen. So wendete er kurz entschlossen sein Boot und ruderte auf den schwarzen Strich zu.

Er erkannte bald, dass es sich um einen treibenden Baumstamm handelte, und das war ihm sehr angenehm; denn auf der Insel Helgoland ist das Holz knapp und teuer.

Je näher Jonathan aber dem Baumstamm kam, umso deutlicher vermeinte er wieder den klagenden Ruf zu hören. Da er mit dem Rücken in Fahrtrichtung saß, drehte er sich noch einmal um und sah nun zu seinem Schrecken, wie ein Kopf aus dem Wasser auftauchte und wie zwei schmale, weiße Hände nach dem Baumstamm griffen, aber sofort wieder abglitten, weil das treibende Holz sich drehte.

Mit aller Kraft legte Jonathan sich jetzt in die Ruder und erreichte nach vielleicht hundert Schlägen die Stelle, an der der Schiffbrüchige in immer längeren Abständen aus dem Wasser auftauchte. Gerade als er die Ruder eingezogen hatte, erschien der Kopf wieder über Wasser. Jonathan packte ihn mit der Rechten einfach bei den Haaren, beugte sich dann tief über den Bootsrand, fasste den Ertrinkenden mit der linken Hand unter einer Achsel, griff dann mit der rechten Hand unter die andere Achsel und zog mit großer Anstrengung und unter heftigem Schnaufen eine junge Frau ins Boot, die die Lippen bewegte, als ob sie sprechen wolle, aber nur ein Stöhnen hervorbrachte.

»N...n...nicht reden!«, stotterte Jonathan. »D...d...d...das strengt zu s...s...s...sehr an.«

Die junge Frau schien trotz ihrer halben Ohnmacht über den stotternden Jonathan zu lächeln und der Hummerfischer merkte das wohl. Er errötete und sagte kein Wort mehr. Schweigend zog er seine dicke Jacke aus, faltete sie zusammen, legte sie der Frau unter den Kopf und deckte sie mit einem Ölmantel zu.

Dann ging er an den Bug, holte unter den Bodenplanken ein Tau hervor, machte eine Schlinge, warf sie um den Baumstamm, zog die Schlaufe fest an, stakste über die liegende Frau und die beiden Ruderbänke ans Heck des Bootes und machte hier das andere Ende des Taus mit einem Schifferknoten fest.

Die junge Frau ließ die großen Augen in dem blassen Gesicht immer mit dem Fischer mitwandern, und wenn er sie zufällig einmal ansah, verzog sich ihr Mund zu einem ganz kleinen Lächeln. Aber Jonathan, der mit Frauen wenig Umgang hatte, setzte vor lauter Schüchternheit eine ärgerliche Miene auf und war froh, als er endlich wieder auf der Ruderbank sitzen und der Frau den Rücken zukehren konnte.

Angestrengt und mit gleichmäßigen Schlägen ruderte er nun zur Insel, was gut und gern drei Stunden dauerte, weil er ja den langen Baumstamm im Schlepptau hatte. Manchmal drehte er sich vorsichtig nach seinem seltsamen Fahrgast um. Aber die Frau hatte die Augen geschlossen. Sie schlief.

Als das Boot am Spätnachmittag auf den Strand der Insel aufknirschte, erwachte die fremde Frau von dem Ruck, öffnete die Augen und sagte mit schwacher Stimme: »I...i...i...ich d...d...danke Ihnen!«

Jonathan fuhr bei diesen Worten verblüfft herum. »W...was sagten Sie?«, fragte er schnell.

»I...i...ich sagte d...d...danke schön«, stotterte die junge Frau. Dann schien die Schwäche sie wieder zu überkommen, denn sie schloss die Augen und öffnete sie lange Zeit nicht wieder.

Der Hummerfischer betrachtete sie jetzt mit ganz anderen Augen. Ihr Stottern war in seinen Ohren Engelsmusik. Denn auf dieser Insel stotterte niemand außer ihm, und nun trug das Schicksal ihm auf den Wellen eine hübsche junge Frau zu, die – genau wie er – stotterte. Das regte ihn ungeheuerlich auf. Sein Herz pochte wild und seine Hände flogen. Zitternd nahm er die ohnmächtige Frau auf beide Arme, stieg spreizbeinig über den Bootsrand auf den Strand und trug das nasse fremde Fräulein zu seinem Häuschen, das im Norden am Fuße des hohen Inselfelsens stand. Allen Leuten, denen er unterwegs begegnete, rief er zu: »Ei...ei...eine Schiffbrüchige!«

Jonathans Haus war weiß gekalkt, hatte grüne Türen und Fensterläden und obendrauf ein knallrotes Ziegeldach. Er wohnte hier mit seiner Schwester Gintje, die große Augen machte, als ihr Bruder mit einer nassen ohnmächtigen Frau daherkam.

»Was bedeutet denn das?«, rief sie erschrocken.

»Ei...ei...eine Schiffbrüchige«, sagte Jonathan und legte die Fremde vorsichtig auf das Sofa. Dann dehnte und streckte er sich und sagte mit seiner allerfröhlichsten Stimme: »S...s...sie stottert a...a...auch!«

»Was?«, fragte Gintje verdutzt. »Sie stottert? Wieso? Was soll das heißen? Sie ist ja halb tot. Hast du sie aufgefischt?«

Jonathan nickte.

»Und wo sind die Hummer?«

»Im B...b...boot, Gintje.«

»Dann los, geh und hol die Hummer!«, befahl Gintje. »Ich kümmere mich inzwischen um die arme Frau. Der scheint das Meer schlimm mitgespielt zu haben.«

Jonathan ging gehorsam hinaus, drehte aber in der Tür noch einmal den Kopf nach der Fremden um und stieß dadurch mit zwei Nachbarinnen zusammen, die gerade mit Decken, Kissen, Pillen und Fläschchen hereinkamen.

»Immer derselbe Tollpatsch!«, sagten die beiden ärgerlich. Dann huschten sie an dem Fischer vorbei ins Zimmer und berichteten Gintje flüsternd, dass die ganze Insel schon über die Schiffbrüchige rede. Jonathan konnte nun vor lauter Kissen, Decken und Weiberröcken nichts mehr sehen und ging seufzend hinaus. Er wanderte zurück zum Strand, um die Hummer und den Baumstamm zu holen.

In den folgenden Tagen erholte die Frau sich allmählich und erzählte, dass sie von einer Nachbarinsel stamme und dass sie mit ihrem Bruder in einem Boot gesessen habe, das bei schönstem Frühlingswetter von einer tückischen Grundwelle umgeworfen worden sei. Was mit ihrem Bruder geschehen war, wusste sie nicht; denn der Sog des sinkenden Bootes hatte sie in die Tiefe gezogen. Erst nach einiger Zeit war sie halb ohnmächtig wieder aufgetaucht und hatte sich an den treibenden Baumstamm geklammert, bis ihre Kräfte erlahmten. Da war zum Glück Jonathan gekommen.

Bei den Erzählungen der Frau stellte sich heraus, dass sie wirklich stotterte und dass sie außerdem ein Auge auf Jonathan geworfen hatte; denn immer, wenn er ins Haus kam, wurde sie besonders munter und gesprächig.

Die Nachbarinnen fanden das seltsam. »Sie scheint noch nicht richtig im Kopf zu sein«, sagte die linke Nachbarin.

»Sonst könnte sie keinen Gefallen finden an einem Manne, der stottert und hinkt«, fügte die Nachbarin von rechts hinzu.

»Aber wer weiß, vielleicht hinkt sie auch«, kicherte die von links.

Und tatsächlich: Als die fremde Frau zum ersten Mal aufstehen konnte, da hinkte sie.

»Ich hab’s ja gesagt«, lachte die linke Nachbarin.

Und die rechte flüsterte hinter der vorgehaltenen Hand: »Gleich und Gleich gesellt sich gern!«

Nun war es aber in Wirklichkeit so, dass die fremde Frau vorher weder gestottert noch gehinkt hatte, beides war vielmehr eine Folge des Schiffbruchs. Sie bemühte sich daher nach Kräften, diese Gebrechen wieder loszuwerden. Zuerst versuchte sie sich das Stottern wieder abzugewöhnen. Sie sprach nur noch ganz langsam und stellte sich manchmal mit einem Kieselstein im Mund an den Strand, wo die Brandung ihre Stimme übertönte, und sagte dort lange Gedichte auf.

Bei dieser Kur gegen das Stottern nahm sie den Jonathan oft mit. Sie sagte: »Dann kann er sich auch gleich das Stottern abgewöhnen. Das ist ein Aufwaschen!«

Und Jonathan, der zeit seines Lebens geglaubt hatte, dass er bis an sein Ende stottern werde, der menschenscheue, hinkende Jonathan, war plötzlich davon überzeugt, dass er sich das Stottern abgewöhnen könne. Überhaupt war der Hummerfischer jetzt nicht wiederzuerkennen. Er machte Scherze, was früher nie vorgekommen war, er lachte Gintje einfach aus, wenn sie wie üblich zu schimpfen anfing, und er führte die junge Frau, die er jetzt bei ihrem Namen Peerke nennen durfte, an seinem Arm über die Insel, da sie zum Alleingehen noch zu schwach war.

Die beiden Nachbarinnen zerrissen sich tagtäglich die Mäuler über die beiden. Aber sie konnten nicht leugnen, dass das Stottern von Peerke und Jonathan wirklich mit jedem Tage schwächer wurde.

Anfang Juni stotterten sie fast nur noch, wenn sie aufgeregt waren, und Ende des Monats stotterten sie überhaupt nicht mehr.

Das Merkwürdigste aber war, dass sich mit dem Stottern auch das Hinken verloren hatte. Das wollte den beiden Nachbarinnen einfach nicht in den Kopf.

»Das ist Hexerei!«, sagten sie.

Aber niemand gab auf ihr Geschwätz Acht, nicht einmal Jonathans abergläubische Schwester Gintje, mit der die zwei Nachbarinnen sich bald für alle Ewigkeit verfeindeten.

Während ihrer Genesung bekam Peerke Nachricht von ihrer Heimatinsel und erfuhr, dass ihr Bruder noch am Leben sei. Er hatte sich nach dem Schiffbruch schwimmend an Land gerettet und seine Schwester, da sie vor seinen eigenen Augen versunken war, für tot gehalten. Als er nun von ihrer wunderbaren Rettung erfuhr, kam er eines Tages, Mitte Juli, in einem Segelboot von der Nachbarinsel herüber, um seine Schwester heimzuholen.

Dem Jonathan, der sich an die muntere junge Frau gewöhnt hatte, war das gar nicht recht. Auch seine Schwester Gintje knurrte, weil sie – ehrlich gesagt – ein bisschen faul und schlampig war und weil Peerke ihr allmählich fast die ganze Arbeit im Haus abgenommen hatte.

»Aber des Menschen Wille ist sein Himmelreich«, sagten die beiden, und so ließen sie Peerke mit ihrem Bruder davonsegeln, obwohl die junge Frau ein tief betrübtes Gesicht machte.

»Weg ist sie«, sagte Jonathan seufzend, als er nach dem Abschied mit Gintje in der Küche saß.

»Traurig sah sie aus«, brummte Gintje. »Ich glaube, sie hat geweint.«

»Warum ist sie dann nicht hiergeblieben?«, fragte Jonathan.

»Das hätte keinen Schick gehabt«, antwortete Gintje. »Wenn sie deine Frau gewesen wäre, ja, dann hätte sie bleiben können, aber so ...«

»Ob sie denn meine Frau werden möchte?«, rief Jonathan verblüfft.

»Wieso, hast du sie denn nie danach gefragt, Jonathan?«

»Nein, Gintje, nie!«

»Oh du Dummkopf! Jetzt aber rasch hinterher und frag sie! Leih dir das Segelboot von unserem Schwager! Du Esel, du Tollpatsch, du Nichtsnutz, du Trampel!«

Während Gintje wie gewöhnlich weiterzeterte, raste Jonathan zum Schwager, um sich den Schuppenschlüssel zu erbitten, rannte vom Schwager zum Segelschuppen, um sich das Steuerruder zu holen, jagte vom Schuppen zum Strand und schob hier das schwere Boot ganz allein ins Wasser. Dann setzte er alle Segel auf und fuhr mit flottem Winde hinter Peerke und ihrem Bruder her.

Nach etwa einer Stunde kamen die beiden in Sicht und nach zwei Stunden erkannten sie ihn durch das Fernrohr und refften die Segel. Eine halbe Stunde später fuhr Jonathans Segler rauschend neben den ihren, worauf sie einander die Taue herüberwarfen und die Boote gegenseitig festmachten.

Kaum war dies geschehen, da sprang Jonathan ins andere Boot und fragte – wobei er vor Aufregung wieder zu stottern anfing: »P...p...peerke, willst du m...m...meine Frau w... w...werden?«

Die junge Frau wurde blass wie das Segel ihres Bootes und antwortete – wobei sie leider auch wieder zu stottern begann: »J...j...ja, J...j...jonathan!«

Der Bruder Peerkes lachte Tränen über die stotternden Heiratskandidaten. Aber das störte die beiden überhaupt nicht. Denn dies war das letzte Mal in ihrem Leben, dass sie stotterten.

Später, nach der Hochzeit, haben sie nie wieder gestottert oder gehinkt, und ihre Kinder, sieben Buben und vier Mädchen, waren alle gesund und kräftig. Nur den Namen »Hinker«, den hat die Familie auf der Insel behalten, obwohl sie ja eigentlich Broders heißt.

 

Mein Urgroßvater schwieg, sah mich eine Weile an und sagte endlich: »Nun weißt du, warum Krischon, für den ich hier die Korken schnitze, ›Hinker‹ heißt, nämlich nach seinem Großvater Jonathan.«

»Und warum hinkte Jonathan nicht mehr, als er das Stottern verlor?«

»Das ist eine gute Frage, Boy!«, sagte mein Urgroßvater. »In dieser Frage liegt nämlich die Moral von unserer Geschichte.«

»Wieso, Urgroßvater?«

»Weil du aus dieser Geschichte lernen kannst, dass ein Mensch meistens so ist, wie er spricht und wie er geht und sich benimmt. Zuerst war Jonathan schüchtern und scheu und vor lauter Schüchternheit stotterte und hinkte er. Als er diese Scheu verlor, verlor er zugleich das Stottern und das Hinken, denn er hatte gesunde Beine. In unserer Art zu reden zeigen sich unsere Eigenheiten. Unsere Sprache gehört zu uns wie unser Blick und unser Gang. Das ist die Moral von unserer Geschichte.«

»Du, Urgroßvater, machen wir jetzt Gedichte?«, fragte ich.

»Meinetwegen, Boy. Aber mir kommt eben ein Gedanke. Die Geschichte von Jonathan hat, wie ich dir eben erklärte, mit der Sprache zu tun. Wie wär’s, wenn wir in dieser Woche, die du bei uns zubringst, lauter Geschichten und Gedichte zum Besten gäben, die auch mit der Sprache zu tun haben?«

»Oooch«, sagte ich, »das ist aber langweilig. Das ist ja wie Grammatik in der Schule.«

»Wieso, Boy? Fandest du die Geschichte von Jonathan langweilig?«

»Nein, das nicht, Urgroßvater.«

»Na bitte, dann sind wir uns einig. Also abgemacht: nur über die Sprache?«

»Abgemacht!«, sagte ich.

Nun bereiteten wir uns auf das Gedichtemachen vor. Das heißt, wir kletterten hinauf in die Drechselwerkstatt zur Ledernen Lisbeth, nahmen uns jeder ein Kiefernbrett und einen dicken Zimmermannsbleistift und setzten uns in verschiedene Ecken, sodass wir einander nicht aufs Holz gucken konnten.

»Was dichten wir?«, fragte mein Urgroßvater aus seiner Ecke.

»Abc-Gedichte«, antwortete ich.

Mein Urgroßvater war einverstanden, denn das Abc hatte etwas mit der Sprache zu tun. Es ist genau genommen sogar der Baukasten, aus dessen Steinen man die Sprache zusammensetzt. Darum war es klug, am Anfang der Woche Abc-Gedichte zu reimen.

Wir hatten schon öfter Abc-Gedichte verfasst. Darum brauchten wir uns nur noch die Überschriften zu überlegen.

Mein Urgroßvater sagte: »Ich mache ein Männer-Abc auf schwierige Art.«

»Gut«, sagte ich. »Dann mache ich ein Frauen-Abc – aber auf die einfache Art.«

»Einverstanden, Boy!«

Und schon fingen wir an zu reimen.

Mein Urgroßvater dichtete natürlich schneller und besser als ich. Aber weil er das schwierige Abc machte und ich das einfache, waren wir ungefähr zur gleichen Zeit fertig.

Wir knobelten, wer zuerst vorlesen dürfe, und ich gewann. So las ich mein Frauen-Abc von dem Kiefernbrett ab:

Das Frauen-Abc

A, Be, Ce, die schönen Damen

Aus dem Frauen-Alphabet

Haben wunderhübsche Namen,

Aufgezählt von A bis Zett.

 

Alma, Berta und Cäcilie,

Dora, Emma, Florentin’

Sind die Töchter der Familie

Schinkelmann aus Neuruppin.

 

Gina, Herta, Inge, Jutta,

Karin, Lisa, Margaret

Kriegen manchmal aus Kalkutta

Von dem Onkel ein Paket.

 

Nelly, Olga und Paulinchen,

Die Quirina und die Ruth

Backen Kuchen mit Rosinchen,

Denn der schmeckt besonders gut.

 

Suse, Thea und die Ute,

Vera und Walpurga sind

Fast so artig wie der gute,

Sanfte, leise Abendwind.

 

Xenia, Yvonn’ und Zilla

Wohnen, wo kein Regen fällt,

Nämlich in der Wolkenvilla

Ganz am Ende dieser Welt.

 

A, Be, Ce, die schönen Damen

Aus dem Frauen-Alphabet

Und die wunderhübschen Namen

Enden leider mit dem Zett!

»Ganz ausgezeichnet, Boy«, sagte mein Urgroßvater. »Diesmal hast du ein besseres Gedicht gereimt als ich.«

Über diese Bemerkung war ich sehr stolz, wenn ich sie auch nicht glaubte. Ich hatte ja nur ein einfaches Abc-Gedicht geschrieben. Mein Urgroßvater aber hatte sich die schwierige Art ausgesucht. Das heißt, er musste hübsch nach dem Abc lauter Männer aufzählen, die es wirklich oder doch in Büchern gegeben hat, und das ist schwer.

Aber für meinen Urgroßvater war das eine Kleinigkeit. Er hielt also sein Kiefernbrett etwas von sich ab, weil er weitsichtig war, und las dann langsam sein Männer-Abc vor:

Das Männer-Abc

Adam war der erste Mann.

Also fang ich mit ihm an.

Brutus fand es gar nicht fein,

Zweiter Mann in Rom zu sein.

Cäsar hatte alle Macht.

Brutus hat ihn umgebracht.

Dickens schrieb (wie ihr wohl wisst)

Den Roman »Oliver Twist«.

Einstein trieb Mathematik

Und zuweilen auch Musik.

Franklins Name stimmt uns heiter:

Er erfand den Blitzableiter.

Gulliver fuhr einst umher

Zwischen Inseln, fern im Meer.

Herkules, der große Held,

Steht des Nachts am Sternenzelt.

Iwan aus dem Kreml war

Russlands allerschlimmster Zar.

Jonas saß mit trübem Sinn

In dem Bauch des Walfischs drin.

Knigge sagt uns würdevoll,

Wie man sich benehmen soll.

Lohengrin kam mit dem Schwan

Prompt zu Elsas Rettung an.

Mozart, der berühmte Mann,

Schrieb die Oper »Don Juan«.

Noah rettete im Boot

Tiere vor der Wassernot.

Onkel Tom, der Neger, ward

Oft geschlagen, bös und hart.

Peter Pan, der Bube klein,

Wollte nie erwachsen sein.

Querkopf nennt man einen Mann,

Den man nicht belehren kann.

Riesen sind auch Männer. Bloß –

Sie sind unwahrscheinlich groß.

Sindbad hatte ungeheuer

Viele Meeresabenteuer.

Tutanchamon (wie bekannt)

Herrschte im Ägypterland.

Urian fuhr ohne Geld

Ganz alleine um die Welt.

Varus starb, besiegt und alt,

In dem Teutoburger Wald.

Wilhelm von Oranien

Kämpfte gegen Spanien.

Xerxes war ein König, der

Peitschte einst aus Zorn das Meer.

Yankees gibt’s in USA,

Also in Amerika.

Zeus, vergib mir (wenn es geht)

Dieses Männer-Alphabet!

Ich wollte gerade in die Hände klatschen, da rief es von draußen: »Der Kaffee wird kalt!«

»Das ist die Obergroßmutter, Boy«, sagte mein Urgroßvater. »Sie wartet mit den heißen Wecken auf uns. Gehen wir.«

Da nahmen wir jeder unser Brett unter den Arm, setzten für den Gang über die Straße unsere Mützen auf, sagten der Ledernen Lisbeth höflich Auf Wiedersehen und gingen hinüber ins Haus, wo die Obergroßmutter zur Ehre meines Besuches im Wohnzimmer gedeckt hatte.

Die heißen Wecken rochen wunderbar. Aber bevor ich sie verschmauste, las ich der Obergroßmutter unsere beiden Gedichte vor und erklärte ihr die besonderen Schwierigkeiten der Abc-Gedichte. Doch sie sagte nur: »Iss und trink, sonst werden die Wecken kalt!« Dann trug sie mit spitzen Fingern die beiden Bretter auf den Flur hinaus.

»Siehst du«, sagte mein Urgroßvater schmunzelnd, »sie versteht nichts von Poesie. Das habe ich ja immer gesagt, obwohl sie meine Tochter ist.«

»Das wird sie schon noch lernen«, sagte ich. Dann fing ich auch zu essen an.

Nach dem Kaffeetrinken, von dem die Obergroßmutter sich in die Küche zurückgezogen hatte, nahmen wir unsere Bretter wieder unter die Arme, riefen der Obergroßmutter zu, dass die Wecken ausgezeichnet gewesen wären, und zottelten über die Straße in die Hummerbude zurück. Mein Urgroßvater war dabei erstaunlich schweigsam. Außerdem kniff er die Augen zusammen und schob die Unterlippe vor. Da wusste ich, dass er über eine neue Geschichte nachdachte.

Und tatsächlich: Kaum waren wir in der Tienerbude, da sagte mein Urgroßvater: »Setz dich hin, Boy. Ich erzähle dir jetzt die zweite Geschichte.«

Ich setzte mich also auf die Korkplatten und mein Urgroßvater hockte sich auf einen Tiener und erzählte mir die Geschichte:

Si und io oder: Die schönen Tage von Neapel

Diese Geschichte ist vor mehr als hundert Jahren passiert. Also wird sie wohl wahr sein. Außerdem hat ein Seemann sie berichtet. Und Seeleute – das weiß man ja – schwindeln nie oder selten.