Dante Alighieri

Die Göttliche Komödie

4 deutsche Übersetzungen in einem Buch

Übersetzer: Karl Streckfuß, Philalethes, Richard Zoozmann und Stefan George



e-artnow, 2014

ISBN 978-80-268-0855-8

Editorische Notiz: Dieses eBuch folgt dem Originaltext.


Inhaltsverzeichnis


1824–26: Carl Streckfuß

1828; 1839–49: Philalethes, Pseudonym von Johann von Sachsen

1907: Richard Zoozmann

1909, 1912: Stefan George

1824–26: Carl Streckfuß

(Terzinen mit regelmäßig alternierenden männlichen und weiblichen Reimen)

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Die Hölle

Erster Gesang

Zweiter Gesang

Dritter Gesang

Vierter Gesang

Fünfter Gesang

Sechster Gesang

Siebenter Gesang

Achter Gesang

Neunter Gesang

Zehnter Gesang

Elfter Gesang

Zwölfter Gesang

Dreizehnter Gesang

Vierzehnter Gesang

Fünfzehnter Gesang

Sechzehnter Gesang

Siebzehnter Gesang

Achtzehnter Gesang

Neunzehnter Gesang

Zwanzigster Gesang

Einundzwanzigster Gesang

Zweiundzwanzigster Gesang

Dreiundzwanzigster Gesang

Vierundzwanzigster Gesang

Fünfundzwanzigster Gesang

Sechsundzwanzigster Gesang

Siebenundzwanzigster Gesang

Achtundzwanzigster Gesang

Neunundzwanzigster Gesang

Dreißigster Gesang

Einunddreißigster Gesang

Zweiunddreißigster Gesang

Dreiunddreißigster Gesang

Vierunddreißigster Gesang

Das Fegefeuer

Erster Gesang

Zweiter Gesang

Dritter Gesang

Vierter Gesang

Fünfter Gesang

Sechster Gesang

Siebenter Gesang

Achter Gesang

Neunter Gesang

Zehnter Gesang

Elfter Gesang

Zwölfter Gesang

Dreizehnter Gesang

Vierzehnter Gesang

Fünfzehnter Gesang

Sechzehnter Gesang

Siebzehnter Gesang

Achtzehnter Gesang

Neunzehnter Gesang

Zwanzigster Gesang

Einundzwanzigster Gesang

Zweiundzwanzigster Gesang

Dreiundzwanzigster Gesang

Vierundzwanzigster Gesang

Fünfundzwanzigster Gesang

Sechsundzwanzigster Gesang

Siebenundzwanzigster Gesang

Achtundzwanzigster Gesang

Neunundzwanzigster Gesang

Dreißigster Gesang

Einunddreißigster Gesang

Zweiunddreißigster Gesang

Dreiunddreißigster Gesang

Das Paradies

Erster Gesang

Zweiter Gesang

Dritter Gesang

Vierter Gesang

Fünfter Gesang

Sechster Gesang

Siebenter Gesang

Achter Gesang

Neunter Gesang

Zehnter Gesang

Elfter Gesang

Zwölfter Gesang

Dreizehnter Gesang

Vierzehnter Gesang

Fünfzehnter Gesang

Sechzehnter Gesang

Siebzehnter Gesang

Achtzehnter Gesang

Neunzehnter Gesang

Zwanzigster Gesang

Einundzwanzigster Gesang

Zweiundzwanzigster Gesang

Dreiundzwanzigster Gesang

Vierundzwanzigster Gesang

Fünfundzwanzigster Gesang

Sechsundzwanzigster Gesang

Siebenundzwanzigster Gesang

Achtundzwanzigster Gesang

Neunundzwanzigster Gesang

Dreißigster Gesang

Einunddreißigster Gesang

Zweiunddreißigster Gesang

Dreiunddreißigster Gesang

Dreiunddreißigster Gesang

Inhaltsverzeichnis

  1. "O Jungfrau Mutter, Tochter deines Sohns,
    Demüt’ger, höher, als was je gewesen,
    Ziel, ausersehn vom Herrn des ew’gen Throns,
  2. Geadelt hast du so des Menschen Wesen,
    Daß, der’s erschaffen hat, das höchste Gut,
    Um sein Geschöpf zu sein, dich auserIesen.
  3. In deinem Leib entglomm der Liebe Glut,
    An der die Blume hier äu ew’gen Wonnen
    Entsprossen ist, in ew’gem Frieden ruht.
  4. Die Lieb’ entflammst du, gleich der Mittagssonnen,
    In diesem Reich; dort, in der Sterblichkeit,
    Bist du der frommen Hoffnung Lebensbronnen.
  5. Du giltst so viel, ragst so in Herrlichkeit,
    Daß Gnade Suchen und zu dir nicht flehen,
    Wie Flug dem Unbeflügelten gedeiht.
  6. Du pflegst dem Armen huldreich beizustehen,
    Der zu dir fleht, ja öfters pflegt von dir
    Die Gabe frei dem FIeh’n vorauszugehen.
  7. In dir ist Huld, Erbarmen ist in dir,
    In dir der Gaben Fülle – ja, verbunden.
    Was Gutes das Geschöpf hat, ist in dir.
  8. Er, der vom tiefsten Schlund sich eingefunden
    Des Weltalls hat, der Geister Art und Sein,
    Von Reich zu Reich zu sehn und zu erkunden,
  9. Er fleht zu dir, ihm Kräfte zu verleih’n,
    Daß er die Augen höher heben könne,
    Und seinen Blick für’s höchste Heil zu weih’n.
  10. Und ich, der ich mehr für sein Schauen brenne,
    Als für mein eignes je, wie dir bewußt,
    Ich fleh’, und das, was ich gefleht, vergönne!
  11. Nimm ihm der Erde Nacht von Aug’ und Brust
    Und flehe du für ihn, daß sich entfalten
    Vor seinen Augen mag die höchste Lust.
  12. Noch bitt’ ich, Königin, dich, die du walten
    Kannst, wie du willst, in ihm und solchem Sehn,
    Gesund des Herzens Neigung zu erhalten.
  13. Laß ihn der ird’schen Regung widerstehn;
    Sieh Beatricen, sieh so viel Verklärte
    Mit mir zugleich, die Hände faltend, fleh’n!"
  14. Die Augen, die Gott liebt und wert halt, kehrte
    Sie fest dem Redner zu und zeigte drin,
    Ihr sei das fromme Fleh’n von hohem Werte.
  15. Dann blickten sie zum ew’gen Lichte hin;
    Und einen Blick so klar dorthin zu senden
    Wie sie, vermag nicht des Geschöpfes Sinn.
  16. Dem Ziel, zu dem sich alle Wünsche wenden,
    Mich nähernd, fühlt’ in meinem Innern ich
    So, wie ich mußte, jede Sehnsucht enden.
  17. Und lächelnd winkte Bernhard mir, daß sich
    Mein Auge nun empor zum Höchsten richte;
    Doch, wie er wollte, war ich schon durch mich.
  18. Denn stets ward’s klarer mir vorm Angesichte,
    Und mehr und mehr drang durch den Glanz hinan
    Mein Blick zum hohen, in sich wahren Lichte.
  19. Und tiefer, größer war mein Schau’n fortan,
    Daß solchen Blick die Sprache nicht bekunden,
    Nicht die Erinnerung ihn fassen kann.
  20. Wie der, dem nach dem Traum, was er empfunden,
    Tief eingeprägt, das Herz noch lang erfüllt,
    Wenn das, was er geträumt, ihm schon entschwunden;
  21. So bin ich, dem beinah sein Traumgebild
    Entschwunden ist, und dem die Lust, geboren
    Aus jenem Traum, noch stets im Herzen quillt.
  22. So schmilzt der Schnee, wenn aus des Ostens Toren
    Die Sonn’ erwärmend steigt; so war beim Wind
    In leichtem Staub Sibyllas Spruch verloren. –
  23. O höchstes Licht, das, was der Mensch ersinnt,
    So weit zurückläßt, leih itzt meiner Seele
    Ein wenig nur von dem, was ihr verrinnt.
  24. Mach’ itzt, daß Kraft die Zunge mir beseele,
    Damit ein Funke deiner Glorie nur
    Der Nachwelt bleib’ in dem, was ich erzähle.
  25. Wenn deine Huld von dem, was ich erfuhr,
    Nur schwachen Nachhall diesem Liede spendet,
    Dann sieht man klarer deiner Siege Spur.
  26. Mich hätte, glaub’ ich, ganz der Blitz geblendet,
    Den ich von dem lebend’gen Strahl empfand,
    Hätt’ ich von ihm die Augen abgewendet.
  27. Und ich erinnre mich: mein Mut erstand
    Durch ihn, die Blitze kühner zu ertragen,
    Bis sich mein Blick der ew’gen Kraft verband.
  28. O überreiche Gnad’! Ich dürft’ es wagen,
    Fest zu durchschau’n des ew’gen Lichtes Schein
    Und ins Unendliche den Blick zu tragen.
  29. Er drang bis zu den tiefsten Tiefen ein;
    Die Dinge, die im Weltall sich entfalten,
    Sah ich durch Lieb’ im innigsten Verein.
  30. Wesen und Zufall, ihre Weis’, ihr Walten,
    Dies alles war in eines Lichtes GIanz,
    In eines unvermischten Lichts, enthalten.
  31. Die Form, die allgemeine, dieses Bands,
    Ich sah sie, glaub’ ich; denn den Schatten gleichen
    Die Bilder nur, und Wonne füllt mich ganz.
  32. Mehr macht mein Bild ein Augenblick erbleichen,
    Als drittehalb Jahrtausende die Fahrt
    Der Argo nach Neptunus’ fernsten Reichen.
  33. Scharf, unbeweglich schaut’ in solcher Art
    Die Seele nach dem göttlichen Gesichte,
    Drob sie stets mehr im Schau’n entzündet ward.
  34. Und also wird man dort bei jenem Lichte,
    Daß es nicht sein kann, daß man, abgewandt
    Von ihm, je anderwärts die Augen richte,
  35. Weil es das Gut, des Wollens Gegenstand,
    Ganz in sich faßt und ärmlich und voll Schwächen
    All andres zeigt, was man vollkommen fand.
  36. Kurz werd’ ich nun von dem Geschauten sprechen,
    Und sprechend stell’ ich mich als Kindlein dar,
    Dem noch Erinnerung und Wort gebrechen.
  37. Nicht weil ein andrer jetzt, als einfach klar,
    Der Schimmer ward, zu dem mein Blick sich kehrte;
    Denn jener bleibt so, wie er immer war,
  38. Nur weil im Schau’n sich meine Sehkraft mehrte,
    Schien’s, daß verwandelt jener eine Schein,
    Sich mir, der selbst verwandelt war, verklärte.
  39. Zum tiefen, klaren Lichtstoff drang ich ein,
    Da schienen mir drei Kreise, dort zu sehen,
    Dreifarbig und an Umfang gleich zu sein.
  40. Wie Iris in der Iris glänzt, so zween
    Im Widerschein – der dritte, Glut und Licht,
    Schien gleich von hier aus und von dort zu wehen.
  41. Wie kurz, wie rauh mein Wort für solch Gesicht!
    Und dem, was zu erschau’n mir ward beschieden,
    Genügen wenig schwache Worte nicht.
  42. O ew’ges Licht, allein in dir in Frieden,
    Allein dich kennend und von dir erkannt,
    Dir selber lächelnd und mit dir zufrieden,
  43. Als ich zur Kreisform, die in dir entstand,
    Wie widerscheinend Licht, die Augen wandte,
    Und sie verfolgend mit den Blicken stand,
  44. Da schien’s, gemalt in seiner Mitt’ erkannte,
    Mit eigner Farb’, ich unser Ebenbild,
    Drob ich nach ihm die Blicke gierig spannte.
  45. Wie eifrig strebend, aber nie gestillt,
    Der Geometer forscht, den Kreis zu messen,
    Und nie den Grundsatz findet, welcher gilt;
  46. So ich beim neuen Schau’n – ich wollt’ ermessen,
    Wie sich das Bild zum Kreis verhielt’, und wie
    Die Züge mit dem Licht zufammenflössen.
  47. Doch dies erflog der eigne Fittich nie,
    Ward nicht mein Geist von einem Blitz durchdrungen,
    Der, was die Seel’ ersehnt hatt’, ihr verlieh.
  48. Hier war die Macht der Phantasie bezwungen,
    Doch Wunsch und Will’, in Kraft aus ew’ger Ferne,
    Ward, wie ein Rad, gleichmäßig umgeschwungen,
  49. Durch Liebe, die beweget Sonn’ und Sterne.

Die Hölle

Erster Gesang

Inhaltsverzeichnis

  1. Auf halbem Weg des Menschenlebens fand
    ich mich in einen finstern Wald verschlagen,
    Weil ich vom rechten Weg mich abgewandt.
  2. Wie schwer ist’s doch, von diesem Wald zu sagen,
    Wie wild, rauh, dicht er war, voll Angst und Not;
    Schon der Gedank’ erneuert noch mein Zagen.
  3. Nur wenig bitterer ist selbst der Tod;
    Doch um vom Heil, das ich drin fand, zu künden,
    Sag’ ich, was sonst sich dort den Blicken bot.
  4. Nicht weiß ich, wie ich mich hineingewunden,
    So ganz war ich von tiefem Schlaf berückt,
    Zur Zeit, da mir der wahre Weg verschwunden.
  5. Doch bis zum Fuß des Hügels vorgerückt,
    Der an dem Ende lag von jenem Tale,
    Das mir mit schwerer Furcht das Herz gedrückt,
  6. Schaut’ ich empor und sah, den Rücken male
    Ihm der Planet, der uns auf jeder Bahn
    Gerad zum Ziele führt mit feinem Strahle.
  7. Da fingen Angst und Furcht zu Schwinden an,
    Die mir des Herzens Blut erstarren machten,
    In jener Nacht, da Grausen mich umfah’n.
  8. Und so wie atemlos, nach Angst und Schmachten,
    Schiffbrüchige vom Strand, entfloh’n der Flut,
    Starr rückwärts schauend, ihren Grimm betrachten;
  9. So kehrt’ ich, noch mit halberstorbnem Mut,
    Mich jetzt zurück, nach jenem Passe sehend,
    Der jeglichem verlöscht des Lebens Glut.
  10. Und, etwas ausgerastet, weitergehend,
    Wählt’ ich bergan den Weg der Wildnis mir,
    Fest immer auf dem tiefern Fuße stehend.
  11. Sieh, beim Beginn des steilen Weges schier,
    Bedeckt mit buntgeflecktem Fell die Glieder,
    Gewandt und sehr behend ein Panthertier.
  12. Nicht wich’s von meinem Angesichte wieder,
    Und also hemmt es meinen weitern Lauf,
    Daß ich mich öfters wandt’ ins Tal hernieder.
  13. Am Morgen war’s, die Sonne stieg itzt auf,
    Von jenen Sternen, so wie einst, umgeben,
    Als Gottes Lieb’ aus ödem Nichts herauf
  14. Die schöne Welt berief zu Sein und Leben;
    So ward mir Grund zu guter Hoffnung zwar
    Durch jenes Tieres heitres Fell gegeben
  15. Und durch die Frühstund’ und das junge Jahr
    Doch so nicht, daß in mir nicht Furcht sich regte,
    Als furchtbar mir ein Leu erschienen war.
  16. Es schien, daß er sich gegen mich bewegte,
    Mit hohem Haupt und mit des Hungers Wut,
    So daß er Schrecken, schien’s, der Luft erregte.
  17. Auch eine Wölfin, welche jede Glut
    Der Gier durch Magerkeit mir schien zu zeigen,
    Die schon auf viele schweren Jammer lud.
  18. Vor dieser mußte so mein Mut sich neigen
    Aus Furcht, die bei dem Anblick mich durchbebt,
    Daß mir die Hoffnung schwand, zur Höh’n zu steigen.
  19. Wie der, der eifrig zu gewinnen strebt,
    Wenn zum Verlieren nun die Zeit gekommen,
    In Kümmernis und tiefem Bangen lebt;
  20. So machte dieses Untier mich beklommen;
    Von ihm gedrängt, mußt’ ich mich rückwärts zieh’n
    Dorthin, wo nimmer noch der Tag entkommen.
  21. Als ich zur Tiefe niederstürzt’ im Flieh’n,
    Da war ein Wesen dorten zu erkennen,
    Das durch zu langes Schweigen heiser schien.
  22. Ich rief, sobald ich’s nur gewahren können
    In großer Wildnis: "O erbarme dich,
    Du, seist du Schatten, seist du Mensch zu nennen."
  23. Und jener sprach: "Nicht bin, doch Mensch war ich;
    Lombarden waren die, so mich erzeugten,
    Und beide priesen Mantuaner sich.
  24. Eh’, spät, die Römer sich dem Julius beugten,
    Sah ich das Licht, sah des Augustus Thron,
    Zur Zeit der Götter, jener Trugerzeugten.
  25. Ich war Poet und sang Anchises’ Sohn,
    Der Troja floh, besiegt durch Feindestücke,
    Als, einst so stolz, in Staub sank Ilion.
  26. Und du – du kehrst zu solchem Gram zurücke?
    Was bleibt die freud’ge Höhe nicht dein Ziel,
    Die Anfang ist und Grund zum vollen Glücke?"
  27. "So bist du," rief ich, "bist du der Virgil,
    Der Quell, dem reich der Rede Strom entflossen?"
    Ich sprach’s mit Scham, die meine Stirn befiel.
  28. "O Ehr’ und Licht der andern Kunstgenossen,
    Mir gelt’ itzt große Lieb’ und langer Fleiß,
    Die meinem Forschen dein Gedicht erschlossen.
  29. Mein Meister, Vorbild! dir gebührt der Preis,
    Den ich durch schönen Stil davongetragen,
    Denn dir entnahm ich, was ich kann und weiß.
  30. Sieh dieses Tier, o sieh’ mich’s rückwärts jagen,
    Berühmter Weiser, sei vor ihm mein Hort.
    Es macht mir zitternd Puls’ und Adern schlagen."
  31. "Du mußt auf einem andern Wege fort,"
    Sprach er zu mir, den ganz der Schmerz bezwungen,
    "Willst du entfliehn aus diesem wilden Ort,
  32. Denn dieses Tier, das dich mit Graun durchdrungen,
    Läßt keinen zieh’n auf seines Weges Spur,
    Hemmt jeden, bis es endlich ihn verschlungen.
  33. Es ist von böser, tückischer Natur
    Und nimmer fühlt’s die wilde Gier ermatten,
    Ja, jeder Fraß schärft seinen Hunger nur.
  34. Mit vielen Tieren wird sich’s noch begatten,
    Bis daß die edle Dogge kommt, die kühn
    Es würgt und hinstürzt in die ew’gen Schatten.
  35. Nicht wird nach Land und Erz ihr Hunger glüh’n,
    Doch wird sie nie an Lieb’ und Weisheit darben;
    Inmitten Feltr’ und Feltro wird sie blüh’n,
  36. Zu Welschlands Heil, des Ruhm und Glück verdarben,
    Obwohl vordem Camilla für dies Land,
    Eurialus, Turnus und Nisus starben.
  37. Nicht wird sie ruh’n, bis sie dies Tier verbannt;
    Sie wird es wieder in die Hölle senken,
    Von wo’s zuerst der Neid heraufgesandt.
  38. Du folg’ itzt mir zu deinem Heil – mein Denken
    Und Urteil ist’s – ich will dein Führer sein,
    Und dich durch ew’gen Ort von hinnen lenken.
  39. Dort wirst du hören der Verzweiflung Schrei’n,
    Wirst alte Geister schau’n, die brünstig flehen
    Um zweiten Tod in ihrer langen Pein.
  40. Wirst jene dann im Feu’r zufrieden sehen,
    Weil sie verhoffen, zu dem sel’gen Chor,
    Sei’s wann es immer sei, noch einzugehen.
  41. Und willst du auch zu diesem dann empor,
    Würd’ger als ich, wird eine Seel’ erscheinen,
    Die geht, schied ich, als Führerin dir vor.
  42. Denn jener, der dort oben herrscht, läßt keinen
    Eingehn, von mir geführt, in seine Stadt,
    Weil ich mich nicht verbunden mit den Seinen.
  43. Er herrscht im All, dort ist die Herrscherstatt,
    Sein Thron und seine Burg in jener Höhe.
    Heil dem, den er erwählt dort oben hat"
  44. "O Dichter," Sprach ich jetzt zu ihm, "ich flehe
    Bei jenem Gotte, den du nicht erkannt,
    Daß diesem Leid und schlimmerm ich entgehe,
  45. Bring’ an die Orte mich, die du genannt,
    So, daß ich Petri Tor erschauen möge
    Und jene, wie du sprachst, zur Qual verbannt."

Zweiter Gesang

Inhaltsverzeichnis

  1. Der Tag verging, das Dunkel brach herein,
    Und Nacht entzog die Wesen auf der Erden
    All ihren Müh’n; da rüstet’ ich allein
  2. Mich zu dem harten Krieg und den Beschwerden
    Des Wegs und Mitleids, und jetzt soll ihr Bild
    Gemalt aus sicherer Erinn’rung werden.
  3. O Mus’, o hoher Geist, jetzt helft mir mild!
    Erinn’rung, die du schriebst, was ich gesehen,
    Hier wird sich’s zeigen, ob dein Adel gilt!
  4. "Jetzt, Dichter," fing ich an, "bevor wir gehen,
    Erwäge meine Kraft und Tüchtigkeit,
    Kann sie die große Reise wohl bestehen?
  5. Du sagst, daß Silvius’ Vater in der Zeit,
    im Körper noch und noch ein sterblich Wesen,
    Sei eingedrungen zur Unsterblichkeit.
  6. Doch da der ew’ge Gegner alles Bösen
    in seinen Empire’n zum Stifter ihn
    Der Mutter Roma und des Reichs erlesen,
  7. Kann jeder, dem Vernunft ihr Licht verlieh’n,
    Beim hocherhabnen Zweck es wohl ergründen,
    Daß er nicht unwert solcher Huld erschien.
  8. Denn Rom und Reich, um Wahres zu verkünden,
    Gestiftet wurden sie, die heil’ge Stadt
    Zum Sitz für Petri Folger zu begründen.
  9. Durch diesen Gang, den du ihm nachrühmst, hat
    Er Kunde des, wodurch er siegt’, empfangen
    Und Grund gelegt zur heil’gen Herrscherstatt.
  10. Ist das erwählte Rüstzeug hingegangen,
    So stärkt’ es in dem Glauben dann die Welt,
    In dem der Weg des Heiles angefangen.
  11. Doch ich? Warum? Wer hat mir’s freigestellt?
    Äneas nicht noch Paul, ich, dessen Schwäche
    Nicht ich, noch jemand dessen würdig hält,
  12. Wenn ich dorthin zu kommen mich erfreche,
    So fürcht’ ich, daß mein Kommen töricht sei.
    Du, Weiser, weißt es besser, als ich spreche."
  13. Und wie wer will und nicht will, mancherlei
    Erwägt und prüft und fühlt im bangen Schwanken,
    Mit dem, was er begonnen, sei’s vorbei;
  14. So ich – das, was ich leicht und ohne Wanken
    Begonnen hatte, gab ich wieder auf,
    Entmutigt von den wechselnden Gedanken.
  15. "Verstand ich dich," so sprach der Schatten drauf,
    "So fühlst du Angst und Schrecken sich erneuen,
    Und Feigheit nur hemmt deinen weitern Lauf.
  16. Das Beste macht sie oft den Mann bereuen,
    Daß er zurückespringt von hoher Tat,
    Gleich Rossen, die vor Truggebilden scheuen.
  17. Doch hindre sie dich nicht am weitern Pfad,
    Drum höre jetzt, was ich zuerst vernommen,
    Da mir’s um dich im Herzen wehe tat.
  18. Mich, nicht in Höll’ und Himmel aufgenommen,
    Rief eine Frau, so selig und so schön,
    Daß ihr Geheiß mir wert war und willkommen.
  19. Mit Augen, gleich dem Licht an Himmelshöhn
    Begann sie gegen mich gelind und Ieise,
    Und jeder Laut war englisches Getön:
  20. O Geist, geboren einst zu Mantuas Preise,
    Des Ruhm gedauert hat und dauern wird,
    Solang die Sterne zieh’n in ihrem Kreise,
  21. Mein Freund, doch nicht der Freund des Glückes, irrt
    In Wildnis dort, weil Wahn im Weg’ ihn störte,
    So daß er sich gewandt, von Furcht verwirrt.
  22. Schon irrte, fürcht’ ich, also der Betörte,
    Daß ich zu spät zum Schutz mich aufgerafft,
    Nach dem, was ich von ihm im Himmel hörte.
  23. Du geh; es sei durch deiner Rede Kraft,
    Durch das, was sonst ihm Not, sein Leid geendet,
    So sei ihm Hilf und Ruhe mir verschafft.
  24. Beatrix; bin ich, die ich dich gesendet;
    Mich trieb die Lieb’ und spricht aus meinem Wort.
    Vom Ort komm’ ich, wohin mein Wunsch sich wendet.
  25. Und steh’ ich erst vor meinem König dort,
    So werd ich oft dich loben und ihm preisen –
    Sie sprach’s und schwieg, und ich begann sofort:
  26. O Weib voll Kraft, du Lehrerin der Weisen,
    Durch das die Menschheit alles überragt,
    Was lebt in jenes Himmels kleinern Kreisen!
  27. Spät dächt’ ich, wie mir dein Befehl behagt,
    Zu tun, tat’ ich sogleich, was du gebietest.
    Wohl deutlich haft du deinen Wunsch gesagt,
  28. Doch sage mir, warum du dich nicht hütest
    Herabzugeh’n zum Mittelpunkt vom Licht,
    Wohin du schon zurückzukehren glühtest.
  29. Willst du es denn so tief ergründen, spricht
    Die Hohe darauf, so will ich’s kürzlich sagen.
    Ich fürchte mich vor diesem Dunkel nicht.
  30. Vor solchem Übel ziemt sich wohl zu zagen,
    Das mächtig ist und leicht uns Schaden tut,
    Vor solchem nicht, bei welchem nichts zu wagen.
  31. Gott schuf mich so, daß ich in seiner Hut
    Frei von den Nöten bin, die euch durchschauern,
    Und nicht ergreift mich dieses Brandes Glut.
  32. Ein edles Weib im Himmel sieht mit Trauern
    Das Hindernis, zu dem ich dich gesandt,
    Drum kann der harte Spruch nicht länger dauern.
  33. Sie flehte, zu Lucien hingewandt:
    Dein Treuer braucht dich jetzt im harten Streite,
    Darum empfehl’ ich ihn in deine Hand.
  34. Lucia, die sich ganz dem Mitleid weihte,
    Bewegte sich zum Orte, wo ich war,
    In Ruhe sitzend an der Rahel Seite.
  35. Sie sprach: Beatrix, Gottes Preis fürwahr!
    Hilfst du ihm nicht, ihm, der aus großer Liebe
    Für dich entrann aus der gemeinen Schar,
  36. Als ob dein Ohr taub seinen Klagen bliebe,
    Als sähest du ihn nicht im Wirbel dort,
    Bedroht, mehr als ob Meeressturm ihn triebe?
  37. Nicht eilt so schnell auf Erden einer fort,
    Den Gier nach Glück und Furcht vor Leid betören,
    Wie ich herabgeeilt bei solchem Wort,
  38. Von meinem Sitz in jenen sel’gen Chören,
    Vertrau’nd auf deiner würd’gen Rede Macht,
    Die Ruhm dir bringt und allen, die sie hören –
  39. Als nun Beatrix solches vorgebracht,
    Da wandte sie die Augenstern’ in Zähren,
    Und dies hat mich nur schneller hergebracht.
  40. So komm’ ich denn daher auf ihr Begehren,
    Das Untier von dir scheuchend, dem’s gelang,
    Den kurzen Weg des schönen Bergs zu wehren.
  41. Was also ist dir? Warum weilst du bang?
    Was herbergst du die Feigheit im Gemüte?
    Was weicht dein Mut, dein kühner Tatendrang,
  42. Da sich drei heil’ge Himmelsfrau’n voll Güte
    Für dich bemüh’n und dir mein Mund verspricht,
    Daß ihre treue Sorge dich behüte?"
  43. Gleichwie die Blum’ im ersten Sonnenlicht,
    Beim nächt’gen Reif gesunken und verschlossen,
    Den Stiel erhebt und ihren Kelch entflicht;
  44. So hob die Kraft, erst schmachtend und verdrossen,
    In meinem Herzen sich zu gutem Mut,
    Und ich begann, frohsinnig und entschlossen:
  45. "O wie ist sie, die für mich sorgte, gut!
    Wie freundlich bist auch du, der den Befehlen
    Der Herrlichen so schnell Genüge tut l
  46. Schon fühl’ ich mich zu heißer Sehnsucht stählen
    Von deinem Wort, schon fühl’ ich, nicht mehr bang,
    Vom ersten Vorsatz wieder mich beseelen.
  47. Drum auf, in beiden ist ein gleicher Drang,
    Herr, Führer, Meister, auf zum großen Wege!"
    Ich sprach’s zu ihm, und, folgend seinem Gang,
  48. Schritt ich daher auf waldig rauhem Stege.

Dritter Gesang

Inhaltsverzeichnis

  1. Durch mich geht’s ein zur Stadt der Qualerkornen,
    Durch mich geht’s ein zum ew’gen Weheschlund,
    Durch mich geht’s ein zum Volke der Verlornen.
  2. Das Recht war meines hohen Schöpfers Grund;
    Die Allmacht wollt’ in mir sich offenbaren;
    Allweisheit ward und erste Liebe kund.
  3. Die schon vor mir erschaffnen Dinge waren
    Nur ewige; und ewig daur’ auch ich.
    Laßt, die ihr eingeht jede Hoffnung fahren.
  4. Die Inschrift zeigt’ in dunkler Farbe sich
    Geschrieben dort am Gipfel einer Pforte,
    Drum ich: Hart, Meister, ist ihr Sinn für mich.
  5. Er, als Erfahrner, sprach dann diese Worte:
    "Hier sei jedweder Argwohn weggebannt,
    Und jede Feigheit sterb’ an diesem Orte.
  6. Wir sind zur Stelle, die ich dir genannt,
    Hier wirst du jene JammervoIIen schauen,
    Für die das Heil des wahren Lichtes schwand."
  7. Er faßte meine Hand, daher Vertrauen
    Durch sein Gesicht voll Mut auch ich gewann.
    Drauf führt’ er mich in das geheime Grauen.
  8. Dort hob Geächz, Geschrei und Klagen an,
    Laut durch die sternenlose Luft ertönend,
    So daß ich selber weinte, da’s begann.
  9. Verschiedne Sprachen, Worte, gräßlich dröhnend,
    Handschläge, Klänge heiseren Geschreis,
    Die Wut, aufkreischend, und der Schmerz, erstöhnend –
  10. Dies alles wogte tosend stets, als sei’s
    Im Wirbel Sand, durch Lüfte, die zu schwärzen
    Es keiner Nacht bedarf, im ew’gen Kreis.
  11. Und, ich vom Wahn umstrickt und bang im Herzen,
    Sprach: Meister, welch Geschrei, das sich erhebt?
    Wer ist doch hier so ganz besiegt von Schmerzen?
  12. Und er: "Der Klang, der durch die Lüfte bebt,
    Kommt von den JammerseeIen jener Wesen,
    Die ohne Schimpf und ohne Lob gelebt.
  13. Gemischt find die Nicht-Guten und Nicht-Bösen
    Den Engeln, die nicht Gott getreu im Strauß,
    Auch Meutrer nicht und nur für sich gewesen.
  14. Die Himmel trieben sie als Mißzier aus,
    Und da durch sie der Sünder Stolz erstünde,
    Nimmt sie nicht ein der tiefen Hölle Graus."
  15. Ich drauf: Was füllt ihr Wehlaut diese Gründe?
    Was ist das Leiden, das so hart sie drückt?
    Und er: "Vernimm, was ich dir kurz verkünde.
  16. Des Todes Hoffnung ist dem Volk entrückt.
    Im blinden Leben, trüb und immer trüber,
    Scheint ihrem Neid jed’ andres Los beglückt.
  17. Sie kamen lautlos aus der Welt herüber,
    Von Recht und Gnade werden sie verschmäht.
    Doch still von ihnen – Schau’ und geh vorüber."
  18. Ich schaute hin und sah im Kreis geweht,
    Ein Fähnlein zieh’n, so eilig umgeschwungen,
    Daß sich’s zum Ruh’n, so schien mir’s, nie versteht.
  19. In langer Reihe folgten ihm, gezwungen,
    So viele Leute, daß ich kaum geglaubt,
    Daß je der Tod so vieles Volk verschlungen.
  20. Und hier erblickt’ ich manch bekanntes Haupt,
    Auch jenes Schatten, der aus Angst und Zagen
    Sich den Verzicht, den großen, feig erlaubt.
  21. Ich war sogleich gewiß, auch hört’ ich sagen,
    Dies sei der Schlechten jämmerliche Schar,
    Die Gott und seinen Feinden mißbehagen.
  22. Dies Jammervolk, das niemals lebend war,
    War nackend und von Flieg’ und Wesp’ umflogen,
    Und ward gestachelt viel und immerdar.
  23. Tränen und Blut aus ihren Wunden zogen
    In Streifen durch das Antlitz bis zum Grund,
    Wo ekle Würmer draus sich Nahrung sogen.
  24. Drauf, als ich weiter blickt’ im düstern Schlund,
    Erblickt’ ich Leut’ an einem Stromgestade
    Und sprach: "Jetzt tu, ich bitte, Herr, mir kund,
  25. Von welcher Art sind die, die so gerade,
    Wie ich beim düstern Dämmerlicht ersehn,
    So eilig weiterzieh’n auf ihrem Pfade?"
  26. Und er darauf: "Dir wird genug gescheh’n
    Am Acheron – dort wird sich alles zeigen,
    Wenn wir am traur’gen Ufer stillestehn."
  27. Da zwang mich Scham, die Augen tief zu neigen,
    Aus Furcht, daß ihm mein Fragen lästig sei,
    Und ich gebot mir bis zum Strome Schweigen.
  28. Und sieh, es kam ein Mann zu Schiff herbei,
    Ein Greis, bedeckt mit schneeig weißen Haaren.
    "Weh euch, Verworfne!" tönte sein Geschrei.
  29. "Nicht hofft, den Himmel jemals zu gewahren.
    Ich komm’, euch jenseits hin an das Gestad’
    In ew’ge Nacht, in Hitz’ und Frost zu fahren.
  30. Und du, lebend’ge Seele, die genaht,
    Mußt dich von diesen, die gestorben, trennen!" –
    Dann, da er sah, daß ich nicht rückwärts trat:
  31. "Hier kann ich dir den Übergang nicht gönnen,
    Für dich geziemen andre Wege sich,
    Ein leichtrer Kahn nur wird dich tragen können."
  32. Virgil drauf: "Charon, nicht erbose dich.
    Dort, wo der Wille Macht ist, ward’s verhangen;
    Dies sei genug, nicht weiter frage mich."
  33. Hierauf ließ ruhen die bewollten Wangen
    Des fahlen Sumpfs erzürnter Steuermann,
    Des Augen Flammenräder rings umschlangen.
  34. Da hob grau’nvolles Zähneklappen an,
    Und es entfärbten sich die Tiefgebeugten,
    Seit Charon jenen grausen Spruch begann.
  35. Sie fluchten Gott und denen, die sie zeugten,
    Dem menschlichen Geschlecht, dem Vaterland,
    Dem ersten Licht, den Brüsten, die sie säugten.
  36. Dann drängten sie zusammen sich am Strand,
    Dem Schrecklichen, zu welchem alle kommen,
    Die Gott nicht scheu’n, und laut Geheul entstand.
  37. Charon, mit Augen, die wie Kohlen glommen,
    Winkt’ ihnen und schlug mit dem Ruder los,
    Wenn einer sich zum Warten Zeit genommen.
  38. Gleich wie im Herbste bei des Nordwinds Stoß
    Ein Blatt zum ändern fällt, bis daß sie alle
    Der Baum erstattet hat dem Erdenschoß;
  39. So stürzen, hergewinkt, in jähem Falle
    Sich Adams schlechte Sprossen in den Kahn,
    Wie angelockte Vögel in die Falle.
  40. Durch schwarze Fluten geht des Nachens Bahn,
    Und eh’ sie noch das Ufer dort erreichen,
    Drängt hier schon eine neue Schar heran.
  41. "Mein Sohn," sprach mild der Meister, "die erbleichen
    In Gottes Zorne, werden alle hier
    Am Strand vereint aus allen Erdenreichen.
  42. Man scheint zur Überfahrt sehr eilig dir,
    Doch die Gerechtigkeit treibt diese Leute
    Und wandelt ihre bange Furcht in Gier.
  43. Kein guter Geist macht diese Fahrt; und dräute
    Dir Charon, weil du hier dich eingestellt,
    So kannst du wissen, was sein Wort bedeute" –
  44. Hier wankte so mit Macht das dunkle Feld,
    Daß mich noch jetzt Schweißtropfen übertauen,
    Sooft dies Schreckensbild mich überfällt.
  45. Ein Windstoß fuhr aus den betränten Auen,
    Und blitzt’ ein rotes Licht, das jeden Sinn
    Bewältigte mit ungeheurem Grauen,
  46. Und, wie vom Schlaf befallen, stürzt’ ich hin –

Vierter Gesang

Inhaltsverzeichnis

  1. Mir brach den Schlaf im Haupt ein Donnerkrachen,
    So schwer, daß ich zusammenfuhr dabei,
    Wie einer, den Gewalt zwingt, zu erwachen.
  2. Ich warf umher das Auge wach und frei,
    Emporgerichtet spähend, daß ich sähe
    Und unterschied’, an welchem Ort ich sei.
  3. So fand ich mich am Talrand, in der Nähe
    Des qualenvollen Abgrunds, dessen Kluft
    Zum Donnerhall vereint unendlich Wehe.
  4. Tief war er, dunkel, nebelhaft die Luft,
    Drum wollte nichts sich klar dem Blicke zeigen,
    Den ich geheftet an den Grund der Gruft.
  5. "Laß uns zur blinden Welt hinunter steigen,
    Ich bin der Erste, du der Zweite dann."
    So sprach Virgil, um drauf erblaßt zu schweigen.
  6. Ich, sehend, wie die Bläss’ ihn überrann,
    Sprach: Scheust du selber dich, wie kann ich’s wagen
    Der Trost im Zweifel nur durch dich gewann?
  7. Und er zu mir: "Des tiefen Abgrunds Plagen
    Entfärben mir durch Mitleid das Gesicht,
    Und nicht, so wie du meinst, durch feiges Zagen.
  8. Fort, zaudern läßt des Weges Läng’ uns nicht."
    So ging er fort und rief zum ersten Kreise
    Mich auch hinein, der jene Kluft umflicht.
  9. Mir schien, nach meinem Ohr, des Klanges Weise,
    Der durch die Luft hier bebt’ im ew’gen Tal,
    Nicht Klaggeschrei, nur Seufzer dumpf und leise.
  10. Und dieses kam vom Leiden ohne Qual
    Der Kinder, Männer und der Frau’n, in Scharen,
    Die viele waren und von großer Zahl-
  11. Da sprach der Meister: "Willst du nicht erfahren,
    Zu welchen Geistern du gekommen bist?
    Bevor wir fortgehn, will ich offenbaren,
  12. Daß sie nicht sündigten; doch g’nügend mißt
    Nicht ihr Verdienst, da sie der Tauf entbehrten,
    Die Pfort’ und Eingang deines Glaubens ist.
  13. Und lebten sie vor Christo auch, so ehrten
    Sie doch den Höchsten nicht, wie sich’s gebührt;
    Und diese Geister nenn’ ich selbst Gefährten.
  14. Nur dies, nichts andres hat uns hergeführt.
    Daß wir in Sehnsucht ohne Hoffnung leben,
    Ward uns Verlornen nur als Straf erkürt."
  15. Groß war mein Schmerz, als er dies kundgegeben,
    Denn Leute großen Wertes zeigten sich,
    Die unentschieden hier im Vorhof schweben.
  16. Und ich begann: Mein Herr und Meister, sprich
    (Ich wollte mich in jenem Glauben stärken,
    Vor dessen Licht des Irrtums Nacht entwich),
  17. Kam keiner je durch Kraft von eignen Werken,
    Durch fremd Verdienst von hier zur Seligkeit? –
    Er schien des Worts versteckten Sinn zu merken
  18. Und sprach: "Ich war noch neu in diesem Leid,
    Da ist ein Mächtiger hereingedrungen.
    Bekrönt mit Siegesglanz und Herrlichkeit.
  19. Der hat des Urahns Geist der Höll" entrungen,
    Auch Abels, Noahs; und auch Moses hat,
    Der Gott gehorcht, mit ihm sich aufgeschwungen.
  20. Abram und David folgten seinem Pfad,
    Jakob, sein Vater, seine Söhne schieden,
    Und Rahel auch, für die so viel er tat.
  21. Sie und viel andre führt’ er ein zum Frieden,
    Und wissen sollst du nun: Vor diesen war
    Erlösung keinem Menschengeist beschieden."
  22. Obwohl er sprach, ging’s vorwärts immerdar,
    So daß wir unterdes den Wald durchdrangen,
    Den Wald, mein’ ich, der dichten Geisterschar.
  23. Nicht weit von oben waren wir gegangen,
    Als ich ein Feu’r in lichten Flammen sah,
    Die rings im halben Kreis die Nacht bezwangen.
  24. Zwar waren wir dem Ort nicht völlig nah,
    Doch einen Kreis von ehrenhaften Leuten,
    Die diesen Platz besetzt, erkannt’ ich da.
  25. "Du, des sich Wissenschaft und Kunst erfreuten,
    Beliebe, wer sie sind, und was sie ehrt
    Und von den andern trennt, mir auszudeuten."
  26. Ich sprach’s, und er: "Für hochgepriesnen Wert,
    Der oben widerklingt in deinem Leben,
    Ward ihnen hier vom Himmel Huld gewährt."
  27. Da hört’ ich eine Stimme sich erheben:
    Der hohe Dichter, auf jetzt zum Empfang!
    Sein Schatten kehrt, der jüngst sich fortbegeben.
  28. Sobald die Stimme, die dies sprach, verklang,
    Sah ich heran vier große Geister schreiten,
    Im Angesicht nicht fröhlich und nicht bang.
  29. Da sprach der gute Meister mir zur Seiten:
    "Sieh diesen, in der Hand das Schwert, voran
    Den andern gehn, um sie als Fürst zu leiten.
  30. Du siehst Homer, den Dichterkönig, nah’n;
    Ihm folgt Horaz, berühmt durch Spott dort oben
    Ovid der Dritt’, als letzter kommt Lukan.
  31. Im Namen, den die eine Stimm’ erhoben,
    Kommt mit mir selber jeder überein,
    Drum ehren sie mich, und dies ist zu loben."
  32. So war die schöne Schul’ hier im Verein
    Des hohen Herrn der höchsten Sangesweise,
    Der ob den andern fliegt, ein Aar, allein.
  33. Ein Weilchen sprachen sie im trauten Greise,
    Doch als sie grüßend sich zu mir gekehrt,
    Da lächelte Virgtl zu solchem Preise.
  34. Allein noch höher ward ich dort geehrt,
    Indem sie mich in ihrer Schar empfingen
    Als Sechsten unter solchem Geist und Wert,
  35. Wobei wir hin bis zu dem Lichte gingen,
    Sprechend, wovon ich schicklich schweigen muß,
    Wie man dort schicklich sprach von solchen Dingen.
  36. Bald kamen wir an eines Schlosses Fuß,
    Von siebenfacher hoher Mau’r umfangen,
    Und rings beschützt von einem schönen Fluß.
  37. Als wir mit trocknem Fuße durchgegangen,
    Ging’s weiter dann durch sieben Tore fort,
    Und eine Wiese sah ich grünend prangen.
  38. Wir fanden Leute strengen Blickes dort,
    Mit großer Würd’ in Ansehn, Gang und Mienen
    Und wenig sprechend, doch mit sanftem Wort.
  39. Und wir ersah’n dort seitwärts nah bei ihnen
    Frei eine Höh’ hellem Lichte glüh’n,
    Vor welcher alle klar vor uns erschienen.
  40. Dort gegenüber auf dem samtnen Grün
    Sah ich die Großen, ewig Denkenswerten,
    Die heut mir noch in solzer Seele blüh’n.
  41. Elektren sah ich dort mit viel Gefährten,
    Äneas, Hektorn hatt’ ich bald erkannt,
    Cäsarn, den mit dem Adlerblick bewehrten.
  42. Penthesilea war auf grünem Land;
    Zur andern Seite sah ich auch Latinen,
    Der bei Lavinien, seiner Tochter, stand.
  43. Ich sah den Brutus, der verjagt Tarquinen,
    Lucrezien, Julien, Marzien, und, allein
    Beiseite sitzend, sah ich Saladinen.
  44. Dann, höher blickend, sah im hellen Schein
    Ich auch den Meister derer, welche wissen,
    Der von den Seinen schien umringt zu sein,
  45. Sie all ihn hochzuehren sehr beflissen;
    Den Plato ihm zunächst und Sokrates,
    Die dort den Sitz vor andern an sich rissen.
  46. Den Anaxagoras, Diogenes,
    Den Demokrit, des Welt der Zufall machte,
    Den Zeno, Heraklit, Empedokles.
  47. Ihn, der ans Licht der Pflanzen Kräfte brachte,
    Den Dioskorides, den Orpheus dann,
    Den Seneka, der Schmerz und Luft verlachte.
  48. Auch Ptolemäus kam, Euklid heran,
    So auch Averroes, der, seinen Weisen
    Erklärend, selbst der Weisheit Ruhm gewann.
  49. Doch nicht vermag ich jeden hier zu greifen,
    Denn also drängt des Stoffes Größe mich,
    Daß ihren Dienst mir kaum die Wort’ erweisen.
  50. Hier teilten nun die sechs Gefährten sich.
    Mich führt’ auf anderm Weg mein weiser Leiter
    Dahin, wo Stille lautem Tosen wich,
  51. Und dorthin, wo nichts leuchtet, schritt ich weiter.

Fünfter Gesang

Inhaltsverzeichnis

  1. So ging’s hinab vom ersten Kreis zum zweiten,
    Der kleinern Raum, doch größres Weh umringt, :
    Das antreibt, Klag’ und Winseln zu verbreiten.
  2. Graus steht dort Minos, fletscht die Zähn’ und bringt
    Die Schuld ans Licht, wie tief sie sich verfehle,
    Urteilt, schickt fort, je wie er sich umschlingt.
  3. Ich sage, wenn die schlechtgeborne Seele
    Ihm vorkommt, beichtet sie der Sünden Last;
    Und jener Kenner aller Menschenfehle,
  4. Sieht, welcher Ort des Abgrunds für die paßt,
    Und schickt sie soviel Grad’ hinab zur Hölle,
    Als oft er sich mit seinem Schweif umfaßt.
  5. Von vielem Volk ist stets besetzt die Schwelle,
    Und nach und nach kommt jeder zum Gericht,
    Spricht, hört und eilt zu der bestimmten Stelle.
  6. "Du, der in diese Qualbehausung bricht,"
    So rief mir Minos, als er mich ersehen,
    Und ließ indes die Übung großer Pflicht;
  7. "Schau’, wem du traust! Leicht ist’s hineinzugehen,
    Doch täusche nicht dich ein verwegner Drang."
    Mein Führer drauf: "Laß dir den Groll vergehen!
  8. Nicht hindre den von Gott gebotnen Gang,
    Dort will man’s, wo das Können gleicht dem Wollen.
    Nicht mehr gefragt, denn unser Weg ist lang."
  9. Bald hört’ ich nun, wie Jammertön’ erschollen,
    Denn ich gelangte nieder zu dem Haus,
    Zur Klag’ und dem Geheul der Unglückvollen.
  10. Jedwedes Licht verstummt’ im dunkeln Graus,
    Das brüllte, wie wenn sich der Sturm erhoben,
    Beim Kampf der Winde lautes Meergebraus.
  11. Nie ruht der Höllenwirbelwind vom Toben
    Und reißt zu ihrer Qual die Geister fort
    Und dreht sie um nach unten und nach oben.
  12. Ihr Jammerschrei, Geheul und Klagewort,
    Nah’n sie den trümmervollen Felsenklüften,
    Verlästern fluchend Gottes Tugend dort.
  13. Daß Fleischessünder dies erdulden müßten,
    Vernahm ich, die, verlockt vom Sinnentrug,
    Einst unterwarfen die Vernunft den Lüsten.
  14. So wie zur Winterszeit mit irrem Flug
    Ein dichtgedrängter breiter Troß von Staren,
    So sah ich hier im Sturm der Sünder Zug
  15. Hierhin und dort, hinauf’, hinunterfahren,
    Gestärkt von keiner Hoffnung, mindres Leid,
    Geschweige jemals Ruhe zu erfahren.
  16. Wie Kraniche, zum Streifen lang gereiht
    In hoher Luft die Klagelieder krächzen,
    So sah ich von des Sturms Gewaltsamkeit
  17. Die Schatten hergeweht mit bangem Ächzen.
    "Wer sind die, Meister, welche her und hin
    Der Sturmwind treibt, und die nach Ruhe lechzen?"
  18. So ich – und er: "Des Zuges Führerin,
    Von welchem du gewünscht, Bericht zu hören,
    War vieler Zungen große Kaiserin.
  19. Sie ließ von WoIlust also sich betören,
    Daß sie für das Gelüst Gesetz’ erfand.
    Um nur der tiefen Schmach sich zu erwehren.
  20. Sie ist Semiramis, wie allbekannt,
    Nachfolgerin des Ninus, ihres Gatten,
    Einst herrschend in des Sultans Stadt und Land.
  21. Dann Sie, die, ungetreu Sichäus’ Schatten,
    Aus Liebe selber sich geweiht dem Tod"
    Sieh dann Kleopatra im Flug ermatten."
  22. Auch Helena, die Ursach’ großer Not,
    Im Sturme sah ich den Achill sich heben,
    Der allem Trotz, nur nicht der Liebe, bot.
  23. Den Paris sah ich dort, den Tristan schweben,
    Und tausend andre zeigt’ und nannt’ er dann,
    Die Liebe fortgejagt aus unserm Leben.
  24. Lang hört’ ich den Bericht des Lehrers an,
    Von diesen Rittern und den Frau’n der Alten,
    Voll Mitleid und voll Angst, bis ich begann:
  25. Mit diesen Zwei’n, die sich zusammenhalten,
    Die, wie es scheint, so leicht im Sturme sind,
    Möcht’ ich, o Dichter, gern mich unterhalten.
  26. Und er darauf: "Gib Achtung, wenn der Wind
    Sie näher führt, dann bei der Liebe flehe,
    Die beide führt, da kommen sie geschwind."
  27. Kaum waren sie geweht in unsre Nähe,
    Als ich begann: Gequälte Geister, weilt,
    Wenn’s niemand wehrt, und sagt uns euer Wehe.
  28. Gleich wie ein Taubenpaar die Lüfte teilt,
    Wenn’s mit weitausgespreizten steten Schwingen
    Zum süßen Nest herab voll Sehnsucht eilt;
  29. So sah ich sie dem Schwarme sich entringen,
    Bewegt vom Ruf der heißen Ungeduld,
    Und durch den Sturm sich zu uns niederschwingen.
  30. "Du, der du uns besuchst voll Gut’ und Huld
    In purpurschwarzer Nacht, uns, die die Erde
    Vordem mit Blut getüncht durch unsre Schuld,
  31. Gern bäten wir, daß Fried’ und Ruh’ dir werde,
    War’ uns der Fürst des Weltenalls geneigt,
    Denn dich erbarmt der seltsamen Beschwerde.
  32. Wie ihr zu Red’ und Hören Lust bezeigt,
    So reden wir, so leih’n wir euch die Ohren,
    Wenn nur, wie eben jetzt, der Sturmwind schweigt.
  33. Ich ward am Meerstrand in der Stadt geboren,
    Wo Seinen Lauf der Po zur Ruhe lenkt,
    Bald mit dem Flußgefolg im Meer verloren.
  34. Die Liebe, die in edles Herz sich senkt,
    Fing diesen durch den Leib, den Liebreiz schmückte,
    Der mir geraubt ward, wie’s noch jetzt mich kränkt.
  35. Die Liebe, die Geliebte stets berückte,
    Ergriff für diesen mich mit solchem Brand,
    Daß, wie du stehst, kein Leid ihn unterdrückte.
  36. Die Liebe hat uns in ein Grab gesandt –
    Kaina harret des, der uns erschlagen."
    Der Schatten sprach’s, uns kläglich zugewandt.
  37. Vernehmend der bedrängten Seelen Klagen,
    Neigt’ ich mein Angesicht und stand gebückt.
    Was denkst du? hört’ ich drauf den Dichter fragen.
  38. Weh, sprach ich, welche Glut, die sie durchzückt,
    Welch süßes Sinnen, liebliches Begehren
    Hat sie in dieses Qualenland entrückt?
  39. Drauf säumt’ ich nicht, zu jener mich zu kehren.
    "Franziska," So begann ich nun, "dein Leid
    Drängt mir ins Auge fromme Mitleidszähren.
  40. Doch sage mir: In süßer Seufzer Zeit,
    Wodurch und wie verriet die Lieb’ euch beiden
    Den zweifelhaften Wunsch der Zärtlichkeit."
  41. Und sie zu mir: Wer fühlt wohl größres Leiden
    Als der, dem schöner Zeiten Bild erscheint
    Im Mißgeschick? Dein Lehrer mag’s entscheiden.
  42. Doch da dein Wunsch so warm und eifrig scheint,
    Zu wissen, was hervor die Liebe brachte,
    So will ich tun, wie wer da spricht und weint.
  43. Wir lasen einst, weil’s beiden Kurzweil machte,
    Von Lanzelot, wie ihn die Lieb’ umschlang.
    Wir waren einsam, ferne von Verdachte.
  44. Das Buch regt’ in uns auf des Herzens Drang,
    Trieb unsre Blick’ und macht’ uns oft erblassen,
    Doch eine Stelle war’s, die uns bezwang,
  45. Als das ersehnte Lächeln küssen lassen,
    Der, so dies schrieb, vom Buhlen schön und hehr.
    Da naht’ er, der mich nimmer wird verlassen,
  46. da küßte zitternd meinen Mund auch er –
    Galeotto war das Buch, und der’s verfaßte –
    An jenem Tage lasen wir nicht mehr.
  47. Der eine Schatten sprach’s, der andre faßte
    Sich kaum vor Weinen, und mir schwand der Sinn
    Vor Mitleid, daß ich wie im Tod erblaßte,
  48. Und wie ein Leichnam hinfällt, fiel ich hin.