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Alfred Wallon, Marten Munsonius

Todeszone (Ben Corrigan - die Endzeit-Saga 1)

Cassiopeiapress SF





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

BEN CORRIGAN, die Endzeit-Serie

Band 1

TODESZONE

von Alfred Wallon & Marten Munsonius

 

ALTE RECHTSCHREIBUNG

 

Created by Alfred Wallon & Marten Munsonius

Exposé Marten Munsonius

© by Authors

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

AUS SULLIVANS TAGEBUCH

23.November:

 

Draußen regnet es schon den ganzen Morgen - und ich befürchte, das wird auch den Rest des Tages über so bleiben. New York gleicht einem brodelnden Hexenkessel. Die Menschen hier sind am Rande einer Panik, und unsere Truppen haben große Mühe, die aufgebrachten Zivilisten irgendwie zu beruhigen. Einige von ihnen mußten wir sogar mit Gewalt dazu bringen, die Sicherheitszone zu verlassen und sich ins Hinterland zurückzuziehen. Die Insel Manhattan ist jetzt nicht mehr sicher.

Mich überkommt ein komisches Gefühl, wenn ich mir die alte Freiheitsstatue vor diesem trüben und verregneten Himmel ansehe. Noch hält sie stolz die Fackel des Triumphes empor - aber ich frage mich, wie lange das noch der Fall sein wird. Wenn ich CNN Glauben schenken soll, dann ist nur noch ein winziger Funke nötig, um einen Krieg auszulösen. Es gärt auf der anderen Seite des Atlantiks, und die Nachrichten, die bis zu uns vordringen, werden immer spärlicher. Wahrscheinlich durchlaufen sie bereits etliche Zensuren, bevor sie freigegeben werden.

Die Kacke ist am Dampfen, Jake, hat Sergeant Meadows heute morgen zu mir gesagt. Und der muß es wissen - denn er war noch vor wenigen Monaten in Israel stationiert und hat das Chaos mit eigenen Augen erlebt, was sich von dort aus kontinuierlich ausgebreitet hat. Aber jedes mal, wenn ich ihn danach frage, schweigt er und seine Miene verdüstert sich. Aber in seinen Augen steht ein Schmerz geschrieben, den ich nur ahnen kann...

Unsere Einheiten sind in Manhattan zusammengezogen worden, weil man mit einem Angriff vom Meer aus rechnet. Aber die Strategen wissen nicht, wann und auf welche Weise es geschehen wird. Ich selbst würde eine Menge dafür geben, wenn ich mehr darüber wisse - aber uns einfachen Soldaten sagen sie nur das Notwendigste. Befehlen und Gehorchen heißt die Devise.

Ich spüre den salzigen Wind vom Meer, der in die Bucht getrieben wird - und irgendwo jenseits des Horizontes lauert die Gefahr. Eine Gefahr im Zeichen des ROTEN MONDES, wenn man den Berichten Glauben schenken darf. Fanatiker, Verbohrte und religiöse Narren nennen sie die Gazetten - ich dagegen glaube, sie kämpfen lediglich ums Überleben in einer Welt, die immer mehr auf einen gewaltigen Abgrund zutrudelt....

 

25.November:

 

Nach wie vor ist es ruhig geblieben - bis auf einen Zwischenfall, der sich am gestrigen Abend ereignete. Eine Gruppe Verzweifelter versuchte, New York auf dem Seeweg zu verlassen. Natürlich wurden die Männer und Frauen in ihrem schnittigen Yachtboot von den Küstenschiffen aufgegriffen. Es sind Schüsse gefallen, erzählte mir Sergeant Meadows - und es soll auch Tote gegeben haben.

 

26.November:

 

Der Regen hat endlich nachgelassen, und die Sonne zeigt sich wieder. Aber der Wind ist kälter und schneidender geworden. Meine Kameraden und ich sind gründlich durchgefroren, und wir haben Angst vor dem einsetzenden Winter. In den letzten Jahren über hat New York unter den klirrenden Temperaturen sehr gelitten, und ich habe Angst, wenn ich daran denke, das wir dann immer noch hier sind. Manchmal wünsche ich mir, es wäre schon alles vorbei, und wir alle könnten wieder nach Hause gehen. Aber das ist illusorisch. Hier ist nichts mehr normal auf dieser Welt. Dieser Kampf ums Öl hat zuviel ausgelöst und auf immer und ewig verändert. Und dabei dachten alle, das würde die USA kalt lassen. Nein, die Stunde für uns schlug nur ein wenig später als für alle anderen...

 

27.November:

 

Ich habe draußen auf dem Mehr Kanonendonner gehört. Funker Harris ist eben aus der Kommandantur gestürmt und sucht Major Watkins. Sein Gesicht war ganz bleich - und das bedeutet nichts Gutes. Nur eine Stunde später eröffneten die Batterien dann das Feuer auf Jagdbomber, die in weitem Bogen an der Küste entlang fliegen. Aber die Geschosse treffen ihr Ziel nicht. Die Söhne Allahs verfügen anscheinend über ein gutes Abwehrsystem. Zumindest hat das Sergeant Medaows behauptet. Noch blieb es bei den Aufklärungsflügen des Gegners, der unsere Truppen wohl nur einschüchtern will. Und das scheint auch gelungen zu sein, denn eines der in den Hafen einlaufenden Schiffe wurde von Geschossen arg in Mitleidenschaft gezogen. Was zum Teufel bedeutet das alles? Wir haben doch die stärksten Truppen auf dieser Welt? Keiner kann uns in die Knie zwingen, nachdem die Russen den Schwanz eingezogen haben...

 

28.November:

 

Es war eine unruhige Nacht. Ich habe das Feuer die Abwehrbatterien gesehen, die für Stunden die Nacht zum Tag machten. Sie haben eines der gegnerischen Flugzeuge getroffen - und es stürzte in einer gewaltigen Explosion in unmittelbarer Nähe der Freiheitsstatue in den Hafen. Wir triumphierten über diesen Sieg, und ich spürte die Euphorie mit jeder Faser meines Körpers. Nur ist jetzt nichts mehr davon vorhanden, denn die Nachrichten, die sich jetzt fast stündlich überschlagen, verheißen nichts Gutes...

 

29.November:

 

Draußen auf offener See kam es zu einem heftigen Schlagabtausch. Ich kann und will es nicht glauben - aber diese Bastarde haben tatsächlich die USS VICTORY versenkt - einen unserer größten Flugzeugträger. All die Luftmanöver waren nur eine gigantische Ablenkung - und in der Zwischenzeit kamen sie unbemerkt mit ihrer U-Boot-Flotte bis an die Küste heran. Keines unserer Systeme hat davon etwas bemerkt - die elektronische Tarnung muß perfekt gewesen sein. Noch bis spät in die Nacht sehe ich draußen auf dem Meer ein großes Wetterleuchten - aber ich weiß, das es nicht natürlichen Ursprungs ist.

 

30.November:

 

Ich kann nicht schreiben - es ist etwas passiert, das...

Ich muß aufhören, sie greifen an!

 

1.Dezember:

 

Wir sind auf dem Rückzug. Am Hafen tobt ein erbarmungsloser Kampf. Elitetruppen des ROTEN MONDES sind gelandet - unter dem ständigen Feuerschutz vom Kampfhubschraubern, die über der Stadt schweben. Sie haben die Computernetze lahmgelegt - oder besser gesagt, sie wurden so manipuliert, daß selbst das Headquarter nichts bemerkte.

Einige meiner Kameraden sind tot - ich habe sie sterben sehen. Mir ist klar, das dies der Anfang vom Ende ist, aber noch geben wir nicht auf - weil wir es nicht einsehen wollen, das unsere stolze Nation auf der Verliererseite steht. Aber jeder findet irgendwann einen würdigen Gegner - und dieser hier arbeitet mit List und Tücke, wie ich es noch niemals zuvor erlebt habe.

 

2.Dezember:

 

In der Nacht hat es zu schneien begonnen, und die Sicht verschlechterte sich zusehends. Ein Teil unserer Truppen wurde eingekesselt und erbarmungslos niedergemacht. Aus diesem Hexenkessel ist sicher niemand mehr entkommen. Aus zwei Meilen Entfernung sehe ich, wie New York an mehreren Stellen zu brennen beginnt. Die Todesstunde des Big Apple hat begonnen - und ich will nicht an die Menschen denken, die dort zurückgeblieben sind...

 

3.Dezember:

 

Sergeant Meadows ist tot! Er und ein Stoßtrupp von Soldaten sollten das Gelände erkunden und gerieten in einen Hinterhalt. Ich empfinde Haß auf diese verdammten Bastarde aus dem Orient. Was haben wir ihnen eigentlich getan, daß sie mit allen Mitteln versuchen, unsere Nation in Schutt und Asche zu legen?

 

4.Dezember:

 

Irgend jemand hat gesagt, daß in Washington die Dinge auf der Kippe stehen. Der Präsident ist nicht erreichbar, und irgend ein General, dessen Namen ich vergessen habe, hat den roten Knopf gedrückt. In diesem Moment sind die Cruise Missiles mit Atomsprengköpfen auf dem Weg in den Nahen Osten.

 

5.Dezember:

 

Wir sind am Ende und wissen das jetzt! Es gibt kein Entkommen mehr für unsere Truppen. Die Soldaten des ROTEN MONDES riskieren alles. New York ist in ihrer Hand, und keiner stellt sich den Invasionstruppen mehr in den Weg, die nun auch an anderen Stellen der Ostküste gelandet sind. Unsere Nation wird quasi im Handstreich erobert. Es ist bitter, das mit ansehen zu müssen, und ich ertappe mich bei dem Gedanken, daß ich immer häufiger den Tod herbeisehne.

 

6.Dezember:

 

Ich habe zwei grelle Blitze gesehen, die den Himmel so erhellt haben, daß es in den Augen schmerzte. Dann bildete sich zwei gewaltige Rauchpilze am Horizont, die den Himmel verdüsterten. Ich weiß, was das bedeutet, und in mir ist ein Gefühl der Trauer. Seltsam, ich denke jetzt an einen Song der Doors aus dem Film APOKALYPSE NOW. Aber die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer.

 

7.Dezember:

 

Schwarze rußige Flocken fallen vom Himmel. Irgendwo jenseits des trüben Horizontes liegt New York - aber jeder von uns weiß, daß die Stadt nicht mehr existiert. Alles Leben ist ausgelöscht. In der Luft liegt ein Gestank von Blut und Tod, der mir den Magen umdreht.

Von unserer Truppe sind nur noch 20 Mann zusammen. Wo die anderen sind, weiß ich nicht - und es spielt auch keine Rolle mehr. Vielleicht haben sie es schon hinter sich. In diesen Stunden ist der Tod eine Erlösung, denke ich - aber noch behalte ich diese Gedanken für mich. Obwohl ich weiß, daß die anderen ähnliche Gedanken haben.

 

8.Dezember:

 

Ich kann nicht mehr. Ich bin leer und ausgebrannt, und in meinem Kopf ist ein furchtbares Stechen, das mich mit jeder weiteren Stunde immer mehr quält. Meine Glieder schmerzen - ich kann kaum noch gehen. Und der Ascheregen ist jetzt noch stärker geworden. Ich will das Ende nicht mehr mit ansehen. Ich werde meinem Kameraden Cross jetzt diese Aufzeichnungen geben und ihn bitten, sie aufzubewahren. Vielleicht liest sie ja irgendwann jemand - in einer besseren Welt.

Es heißt, daß eine Kugel schnell töten kann, aber es soll eine Ewigkeit dauern, den Lauf gegen sich selbst zu richten. Nun werde ich herausfinden müssen, was an dieser Behauptung dran ist...

 

 

Gedankensplitter...

Der unendliche Tunnel verwandelte sich in ein Meer aus Farben und Tönen, die so unbegreiflich waren, daß sie das Auge in Bruchteilen von Sekunden nur vorbeihuschen sah. Bilderfetzen, Klangtöne - und immer wieder neue schillernde Farben. Und inmitten dieses Tunnels ein Mensch, schwebend, der auf einen hellen Punkt zutrieb, der an Größe und Intensität mit jeder verstreichenden Sekunde zunahm.

Stimmen, Konturen, leise Worte. Zunächst nur ein Flüstern, dann wurden daraus Worte, die das Gehör des im Gedankentunnel treibenden Menschen aufnahm und verarbeitete.

"Komm mit mir - ich zeige dir die Wahrheit..."

Die Wahrheit? Was empfand der Mann bei diesen Worten? Wieder und wieder richtete er seine Blicke in die Farbschleier und erkannte dann die Umrisse einer immer deutlicher werdenden Gestalt, die ihm mit der rechten Hand ein unmißverständliches Zeichen zu geben schien. Das Zeichen, ihr zu folgen!

Corrigan wußte nicht, was das zu bedeuten hatte. Viel zu viele unterschiedliche Gefühle und Empfindungen strömten auf ihn ein. Er war ein Gefangener des Tunnels, kannte nicht dessen Anfang und dessen Ende - und er wußte auch nicht, wie lange er schon auf den hellen Punkt zuschwebte.

"Komm mit..." Die Stimme der Gestalt, deren Namen er nicht kannte ( und die ihm doch auf eine eigenartige Weise seltsam vertraut erschien ) wurde jetzt eine Spur drängender.

Die Toten leben, dachte Corrigan und zermarterte sich das Hirn darüber. Aber so sehr er auch darüber nachgrübelte - er sah nur die Einzelheiten, niemals aber die Summe dessen, was den Toten einst ausgemacht haben mochte.

'Warte - nicht so schnell!" rief er - hörte ihn die Gestalt überhaupt? - "Verrate mir noch eins! Was kann denn überhaupt noch geschehen, wo du doch tot bist? Nicht einmal die Geister...

Noch ehe er die Worte zu Ende gebracht hatte, nahm das Unheil auch schon seinen Lauf. Denn er hörte jetzt die Worte der Gestalt, die vor ihm schwebte und auf einen bestimmten Flecken am Rande des Tunnels zusteuerte.

So beginnt es immer... immer, immer wieder - und jedes Mal ist es ein bißchen schrecklicher.

Der Tunnel verschwand von einer Sekunde zur anderen. Plötzlich fand sich Corrigan in einem offenen Wagen wieder, spürte die pralle Sonne, die von einem stahlblauen Himmel schien. Nirgendwo war eine Wolke zu sehen. Fast wie gemalt, dachte Corrigan.

Der Wagen fuhr auf einer zweispurigen Straße. Links und rechts große, glänzende Hochhäuser. In der Entfernung schimmerte das breite Band eines Highways, und er sah die zahlreichen Autos. Irgend etwas an dieser Stadt erinnerte ihn an einen Teil der Vergangenheit, aber er konnte sich nicht besinnen, was es genau war.

Ist das Amerika? fragte er sich mehr als nur einmal. Zwar bemühte er sich, die Schilder am Straßenrand zu lesen, aber irgendwie gelang ihm das nicht. Unbehagen ergriff ihn, ließ ihn frösteln. Links neben ihm saß der Mann, den er kannte und doch nicht erkennen konnte Vor ihnen saßen ein Fahrer und ein korpulenter Beifahrer, sowie ein dritter Mann zwischen den beiden, der beide Hände vor das Gesicht geschlagen hatte und dabei lachte. Der Mann auf dem Beifahrersitz vor ihm winkte Das war auch der Augenblick, wo Corrigan die vielen jubelnden Menschen am linken und rechten Straßenrand sah.

"Was bedeutet das alles?" fragte er den Mann neben sich.

"So ist es immer", erklang die seltsam hohle Stimme des Mannes, dessen Gesicht Corrigan immer noch nicht erkennen konnte. "Die Strafe - meine Läuterung..."

"Was meinst du damit?" fragte Corrigan, dessen Verwirrung zunahm. "Ich verstehe das alles nicht. Ich bin doch..."

Trotzdem wurde die gesamte Szene immer vertrauter, denn der Wagen näherte sich jetzt einer Allee mit einem kleinen Hügel. Hier säumten zwar immer noch etliche Menschen die Straße - aber sie standen nicht so dicht wie bei den Häuserschluchten. Einen winzigen Moment, bevor ein Schild den Blick auf den Mann mit der Kamera verdeckte, wußte Corrigan plötzlich, mit wem er es zu tun hatte.

In panischem Entsetzen fuhr er herum, während seine Blicke umherschweiften. Er suchte den Mann mit dem Gewehr im Schulbuchhaus! Als er ihn ausfindig gemacht hatte, war es aber schon zu spät, denn bereits in dieser Sekunde blitzte ein Gewehrlauf in der Nachmittagssonne auf!

Der Mann neben Corrigan zuckte zusammen - als wenn ihn plötzlich eine Wespe gestochen hätte. Ehe Corrigan ihm eine Warnung zurufen konnte, verwandelte sich die unmittelbare Umgebung in Blut. Der Mann neben ihm hatte auf einmal ein Loch in der Schläfe!!

Corrigan verlor die Fassung, und seine Gesichtszüge verzerrten sich. Er versuchte, aufzustehen, während ein weiterer Schuß fiel. Er war sich nicht einmal sicher, ob er überhaupt das Echo des ersten Schusses gehört hatte?

Ein Mann sprang auf den langsam weiterrollenden Wagen und versuchte Corrigan wieder hinunterzudrücken. Der Kopf des Sterbenden sank an Corrigans Brust der in diesem Moment nichts mehr fühlte.

Keinen Ekel, kein Entsetzen - nur eine unbeschreibliche Trauer, die ihn auszufüllen begann, wie Wasser, das schnell in ein leeres Gefäß fließt.

"Oh nein", kam es mit zitternder Stimme über seine Lippen, als er sah, wie die Augen des Mannes ihr Leben aufzugeben begannen. "Ich habe dich immer bewundert. Du hättest der Welt noch soviel geben können. Doch wo Licht ist, muß wohl auch Schatten sein..."

Der Sterbende blickte ihn im Moment seines Todes an. Schmerz stand in seinen Augen.

"Tut so weh - tut immer wieder so weh", flüsterte er ganz leise. Ein dünner Blutfaden sickerte aus seinem Mundwinkel. "Niemand kann mir helfen...meine Strafe...mir wird kalt, schnell..." Aus dem F1üstern wurde jetzt ein grauenhaftes Gurgeln. Corrigan war erschüttert, als er mit ansah, wie das Leben aus dem Mann wich.

"Ein Jammer", sagte er kopfschüttelnd. "Soviel stand noch an. Warum nur so früh?... Er hielt den Mann aus der fernen Vergangenheit, zu dem er einst voller Bewunderung aufgeschaut hatte, fest in den Armen. Er wußte, daß er ihm nicht mehr helfen konnte. Niemand hätte das gekonnt.

Und dann schwirrten plötzlich einige Zeilen aus der Bibel durch seinen Kopf.

 

"Der Herr sei unser Hirte. An nichts soll es uns mangeln. Er weidet uns auf einer grünen Aue und führet uns an frischem Wasser. Er erquicket unsere Seelen. Führe er

seine Seele auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob wir schon wanderten im finsteren Tal, fürchten wir kein Unglück - denn Du bist bei uns..."

 

Der Sterbende röchelte ein letztes Mal, dann war alles schlagartig vorbei - innerhalb weniger Minuten, die Corrigan doch wie eine Ewigkeit erschienen waren. Er legte den Toten vorsichtig zurück und konnte dabei nicht den Blick von der blutigen, immer noch pulsierenden Wunde nehmen. Zwischen den Haut- und Haarfetzen schimmerte graues Hirn hervor.

Corrigan fühlte sich wie leer und ausgebrannt. Er war selbst noch gar nicht geboren, als diese Szene über die Bildschirme der ganzen Welt gelaufen war. Dallas in Texas - ein blutiges Fanal des Schreckens, und das Ende eines Mannes, dessen Familie auch weiterhin vom Tod verfolgt werden sollte. Später, als Student, hatte er die Bilder immer wieder in Büchern und Filmberichten gesehen und sich gleichzeitig nach dem Sinn dieses Attentates gefragt. Es waren aufwühlende Tage für den jungen Corrigan gewesen. Er besorgte sich später alle verfügbaren Daten in den Netzwerken und ließ zuhause immer wieder die holographisch aufgearbeiteten Bilder des historischen Films ablaufen - und das unzählige Male.

Damals versteifte er sich in die bekannten Tatsachen über die historische Gestalt und die schreckliche Bluttat. Er las Tag und Nacht, und schließlich bekam er Halluzinationen. In jenen Tagen streifte er ziellos und völlig hohl - innerlich und äußerlich verstört - über den Campus. Nur jetzt - jetzt war das Gefühl stärker. Aber er war auch älter geworden, und etwas von der Energie des Ermordeten war für immer in seinem Herzen geblieben.

"Du hast das nicht verdient", murmelte er, während sich der Tote und der Wagen aufzulösen begannen. Corrigan hatte plötzlich das Gefühl, nach Luft schnappen zu müssen. Er fror, während er wieder ein Teil des farbenschillernden Tunnels wurde und erneut von einer unsichtbaren Hand in Richtung des hellen Fleckes gezogen wurde dessen Ränder nun gelblich waberten. Er drehte sich um sich selbst, suchte nach einem Halt - und fand ihn nicht. Aber nur wenige Sekunden später schälten sich erneut wieder Konturen aus dem Tunnel diesmal ein Himmel und darunter eine blühende Wiese. Gleichzeitig fand er sich auf einem Stuhl wieder und wollte sich bewegen. Aber das gelang ihm nicht, denn seine Hände waren gefesselt. Schuld daran waren wohl die drei Männer, die um ihn herum saßen und ihn mit ausdruckslosen Augen ansahen.

Augen, denen jegliche menschliche Regung fremd war.

Der Tote aus dem Wagen hatte sich auf einmal in eine Frau verwandelt, die mitten im lebhaft blühenden Gras lag, so als betrachte sie unschuldig und voller Vergnügen den sommerlichen Himmel.

Sie hatte die Beine im Gras gespreizt und die Arme ausgebreitet. Wie aus weiter Ferne konnte Corrigan ihr kehliges Lachen hören, und der Klang ihrer Stimme erweckte etwas in ihm, etwas, das irgendwie seltsam lange zurück lag...

Eine unangenehme Ahnung überkam ihn. Wieder sah er die drei Männer ganz undeutlich und verschwommen, ganz klar waren nur die monotonen Stimmen, die in sein Hirn hämmerten.

Töte die Frau, schrie etwas in seinem Kopf. Wenn er es nicht tat, versprach die Stimme, würde er tausend andere Tode sterben. Er konnte die drei Männer ( oder was waren sie in Wirklichkeit? ) nicht genau sehen und erst recht nicht mit den Händen zu fassen bekommen - aber er wußte instinktiv, daß sie es ernst meinten - tödlich ernst! Corrigan könnte das Böse an ihnen förmlich riechen.

Sein Blick glitt zu der nackten Frau im Gras. Als sie sich jetzt erhob und mit dem Ellenbogen abstützte, ergriff ihn ein unbeschreibliches Verlangen aus seinen Lenden. Er sah ihre formvollendeten Brüste, blickte auf das dunkle Dreieck zwischen ihren Beinen, spürte die Gier, die jede Faser seines Körpers zugleich erfaßte. Gleichzeitig hämmerten die monotonen Stimmen wieder auf ihn ein.

Komm, bring es rasch hinter dich. Nur ein, zwei Schläge auf den Schädel. Es wird kaum Blut fließen. Du kannst später alles haben, was dein Herz begehrt - Macht, Frauen und Geld, soviel, daß dir schwindlig davon wird!

Nur ein paar Schläge auf den Kopf! Schrei doch, wenn es dir hilft, denn dann hörst Du den Schädel nicht knacken. Ach, welches Glück du doch hast!

"Scheiß auf euer Glück!" schrie Corrigan mit weit vor Entsetzen aufgerissenen Augen und versuchte sich gleichzeitig von seinen Fesseln zu befreien ( und von denen seines Traumes - wenn es einer war... ).

Er schloß die Augen - sah aber dennoch den blauen Himmel über sich und er spürte den Drang tief im Inneren, der immer stärker wurde. Wenn er die Frau auf der Wiese nicht sofort tötete, würde die Hölle der immerwährende Kreislauf dieses Alptraums sein - das versprachen die monotonen Stimmen.

Ich schaffe es nicht!

Du kannst...

Ich kann es wirklich nicht!

Du mußt es aber tun, in Gottes Namen. Versage nicht! Wenn...

Ich werde ohnmächtig - ich spüre es. Merkt ihr es denn nicht auch?

Schwächling, kreischten die Stimmen. Hurensohn, verspotteten ihn die Stimmen. Feigling, wisperten die Stimmen.

Jetzt wo du gebraucht wirst, zeige Stärke - das Universum wird es dir danken!

JE - die Frau öffnete den Mund zu einem lautlosen Schrei - T - sie warf die Arme schützend nach oben - Z - Blut spritzt überall - T!

Dann nur noch Dunkelheit, gnädig, alles bedeckend, die all die leuchtenden Farben des Himmels und der Wiese einfach verschluckt. Tiefe, tiefste und unergründbare Schwärze, die bis zu den Grundfesten der Seele reicht und dann ... dann endlich LICHT!