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Werner Catrina
Der späte Frühling

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1. Auflage

Alle Rechte Vorbehalten

© Xanthippe Verlag, Zürich 2014

 

Lektorat: Katharina Blarer, katharinablarer.ch

Korrektorat: Thomas Basler, Winterthur

Umschlag, Gestaltung und Satz: Isabel Thalmann, buchundgrafik.ch

Umschlagfoto: colourbox

E-Book: mbassador GmbH

ISBN 978-3-905795-34-9

eISBN 978-3-905795-35-6

Werner Catrina
Der späte Frühling

Xanthippe

1. Kapitel

Sechzig ist Sebastian geworden, der Platzhirsch der Redaktion des renommierten Zürcher Wirtschaftsmagazins, noch nicht auf der Abschussliste, bildet er sich ein. Immerhin hat er den renommierten Preis für die beste Industriereportage bekommen, die Urkunde hängt bei der Garderobe. Doch seine grosse Erfahrung ist in Wirklichkeit ein Haufen Altpapier, vergilbte Artikel und Analysen, Prognosen, die sich nur zu oft als falsch erwiesen haben. In dieser schnelllebigen Branche interessiert sich keiner für Schnee von gestern. Beim Händewaschen auf der Toilette hält Sebastian resigniert inne und blickt in sein müdes Gesicht, als musterte er einen andern. Was kann er vom Leben noch erwarten?

Im Korridor begegnet er Hans, der Chefredaktor hat den jungen Aktienspezialisten aus einem Dutzend Bewerber ausgewählt. Er trägt heute einen rosa Schal und strebt mit diesem energischen Schritt, den ihm niemand abnimmt, zu seinem Arbeitsplatz. Seine Augen glänzen, sein Blick ist verschwommen. Leer gewaschen vom Kokain? Schon zweimal hat Sebastian beobachtet, wie ein junger Mann den neuen Redaktionskollegen in einem zyklamenroten Porsche zum Arbeitsplatz chauffiert hat, wohl sein Lover. Aber was gehen ihn dessen Affären an?

Plötzlich packt ihn eine seltsame Unruhe. Er wischt sich den Schweiss von der Stirne, es ist ihm zum Heulen, dabei müsste der Kommentar zur isländischen Schuldenkrise seit einer halben Stunde geschrieben sein. Sebastian tippt resigniert «Reykjavík» in den Computer. Doch hier endet sein Kommentar schon, denn wie eine Lichtgestalt erscheint jetzt Léon vor seinem inneren Auge. Ein junger Mann, mit dem er vier Stunden lang gesprochen hat und der ebenso abrupt aus seinem Leben verschwunden ist, wie er aufgetaucht war. «Er lässt mich hängen, er macht sich davon durch die Hintertür», murmelt Sebastian halblaut vor sich hin, «ich werde ihn nie wieder sehen.»

Ein quälender Schmerz in der Magengegend überfällt ihn, und Tränen schiessen ihm in die Augen. Sein Gesicht muss weiss wie Kreide sein, denn seine unterkühlte Sitznachbarin in der Bildschirmallee fragt, ob ihm nicht gut sei. Danke, nein, ihm fehle nichts. Er wankt an seinen Kollegen vorbei zum Ausgang. Wenn bloss Claudia da wäre, die gute Seele in der kalten Hölle der Redaktion. Sie hätte ihn am Arm genommen wie eine Mutter ihren schwierigen Sohn, ihn diskret vor neugierigen Blicken beschützt und hinausgeleitet.

Jetzt blickt Hans den noch fast unbekannten Kollegen prüfend an und fragt, ob er ein Taxi für ihn bestellen solle. So schlimm sieht er also aus! Sebastian bedankt sich beschämt und wankt am Arm des Jungen hinaus. «Jetzt reichts», murrt der Chefredaktor, der mit Palme, Ledersessel und Mahagonipult hinter Glas residiert. Er wünscht Sebastian kurz gute Besserung und rückt eilends einen Ersatzkommentar ins Blatt.

2. Kapitel

Zwei Tage war es her, Sebastian wollte nichts anderes, als am lauen Frühsommerabend draussen vor seinem Lieblingslokal «Andorra» im Zürcher Niederdorf sein Glas Roten geniessen, abschalten, den Arbeitstag vergessen. Die geliebte Apéro-Zeit in der Altstadt, vielleicht ein Gespräch mit einem Bekannten oder einem Unbekannten anfangen, die Seele im schwerelosen Zustand, alles und nichts erwartend. Anders als damals zu Studentenzeiten, als er nach der letzten Vorlesung manchmal durch das Niederdorf streifte wie ein Raubtier auf Beutezug. Schnell, durch einen komplizenhaften Blick verständigt, war man sich einig, wortlos zuweilen, strebte man der Studentenbude zu und fiel elektrisiert übereinander her.

Früher als viele schwule Männer seiner Generation hatte er seinen Eltern reinen Wein eingeschenkt. Es war im Frühjahr 1966, er erinnert sich an diesen Tag so genau wie an den Tag der ersten Mondlandung. Mutter Maria und Vater Conrad reagierten sprachlos, wie versteinert, ihr gut aussehender Sohn galt im Dorf als Frauenschwarm; ja die Mutter plagte insgeheim die Angst, er könnte ungeplant Vater werden.

Sebastian arbeitete in den Semesterferien als Aushilfslehrer, um sein Pädagogik-Studium zu finanzieren. «Lass bloss deine Schüler in Ruhe», stiess die Mutter nach seinem brutalen Geständnis hervor, erschreckt klopfte ihr der Vater auf die Hände und senkte mit verkniffenem Mund den Blick.

Doch der Lehrerberuf lockte den missratenen Sohn nicht, was die aufgewühlten Eltern nur wenig beruhigte. In jenen Wochen hatte ihm ein Zufallsbekannter ein zerlesenes Exemplar von Quentin Crisps «The Naked Civil Servant» geschenkt. «Man muss sich entscheiden, wer man ist, und diese Chemie dann wie verrückt leben!», las er in der Autobiografie dieses schrillen und mutigen Gays, während er selbst um seinen Weg rang. Crisp schrieb aber auch verstörende Sätze: «Wenn wir das bekommen würden, was wir verdienen, dann würden wir sterben.»

Doch warum steigt der Geist des exzentrischen Schwulen gerade jetzt an diesem lauen, ereignislosen Feierabend aus seiner Erinnerung auf? Der dramatische Film aus der Zeit seines persönlichen Befreiungsschlages läuft unerbittlich weiter, die Lust, die Ängste, die Schuldgefühle kochen hoch, während heiteres Volk auf den Pflastersteinen der Altstadtgasse vorüberflaniert, glücklich, den Büros, Schulzimmern, Ladengeschäften, Auditorien und Baustellen entflohen zu sein.

Abwesend bestellt Sebastian einen weiteren Rioja. Sein Blick geht in die Ferne, doch dort, auf der anderen Seite der Gasse, ist nur das Schaufenster des Kolonialwarengeschäfts Schwarzenbach zu sehen, mit den teuren Smyrna-Feigen und dem feinen Kaffee aus Kolumbien im Schaufenster.

In Sebastian sprudelten in jenen fernen Jahren verschüttete Quellen, Kräfte für das Studium wurden frei; denn seine Abwehrschlacht gegen die Homosexualität hatte Energien aufgezehrt und liess die Gedanken oft sinnlos um das scheinbar Unerreichbare kreisen. Jetzt, nach dem Dammbruch, als die Angehörigen wussten, wer Sebastian wirklich war, fühlte er sich ungeheuer befreit. Doch da war auch die stetige Angst, bei den verstohlenen, nächtlichen Abenteuern unvermittelt in den Lichtkegel eines Scheinwerfers zu geraten, in eine Razzia der Zürcher Polizei mit Verhör und Eintrag im berüchtigten Schwulenregister.

Mit einem tiefen Schluck Rotwein durchströmt ihn plötzlich diese archaische, bedrohte Freiheit von damals, dieser Geschmack von Leben, von Aufbruch und Kraft eines Guerillakämpfers in einer feindlichen Welt. Schon vier Jahrzehnte ist es her, seit er sich in das neue Terrain vorwagte, fasziniert aufgestaute Energien abfackelte und doch im Tiefsten unbefriedigt durch sein Leben taumelte.

Während der bunte Strom der Freizeitmenschen an ihm vorüberzieht, kommt Sebastian ins Grübeln. Sind diese furiosen Erinnerungen eine Selbsttäuschung, gar seine bewusste Geschichtsklitterung? Hat er die Leere damals und die immer wieder hochkommende Angst, «einen Käfer» aufgelesen zu haben, einfach ausgeblendet? Den Schrecken, als es passierte und er panisch zum Dermatologen rannte, der mit einer Spritze den Brand im sensibelsten aller männlichen Körperteile löschte?

Frank Sinatras «Stranger in the Night», mit erotischer Stimme gesungen, war damals seine Hymne, auch «Non, je ne regrette rien», unglaublich herausgeschrien von der winzigen Piaf, «What a Wonderful World», rau schmelzend zelebriert von Louis Armstrong. Wie von einem Magneten angezogen kreisen seine Gedanken an diesem Abend um jene Zeitspanne der Selbstfindung.

Als der Kummerbube in der Endphase seines Studiums als Teilzeitkorrektor bei einem Gourmet-Magazin anheuerte, verzog sich die Angst der besorgten Mutter, der Vater hatte sich rascher mit dem Unabänderlichen arrangiert. Sebastian konnte sich mit dem mageren Salär nicht viel mehr als Rösti aus der Büchse und dazu manchmal eine Bratwurst brutzeln, dabei redigierte er Rezepte für gefüllte Entenbrust mit sautierten Bambussprossen an einer Sojasauce nach Bocuse. Die Eltern waren erleichtert, dass das Sorgenkind seinen Weg gefunden hatte, doch sie ahnten nicht, wo sich ihr Sohn im fernen Zürich nach der Geistesarbeit herumtrieb. Sein Studium schloss er zügig ab, ein befreiter Mensch leistet mehr.

* * *

Sebastian bestellt ein weiteres Glas und spürt eine diffuse Erwartung. Etwas Beunruhigendes liegt in der Luft. Es ist dunkler geworden an diesem lauen Abend, plaudernd schlendert ein Paar vorüber, dann torkelt ein Betrunkener vorbei, jetzt trippelt eine japanische Touristengruppe vorüber, wohl erstaunt über die Altstadt, die sie an Disneyland erinnern mag.

Überrascht blickt Sebastian auf. Ein junger, gross gewachsener Mann mit schwarzem, kurz geschnittenem Haar setzt sich auf den gerade frei gewordenen Logenplatz neben ihn. Sebastian schielt zum neuen Nachbarn in der langen, nicht voll besetzten Stuhlreihe hinüber. Dieser wippt jetzt mit den Knien, räuspert sich und schaut mit einem umwerfenden, verlegenen Lächeln kurz zu Sebastian. Sucht er das Gespräch mit einem Mann, der sein Vater sein könnte?

Sebastian legt die Lektüre beiseite. «Sind Sie Tourist?», fragt er auf Englisch, wohl eine Intuition, denn der Unbekannte kommt wirklich aus dem Ausland. Als abgebrühter Interviewer weiss Sebastian, dass man ein Gespräch am besten mit etwas Naheliegendem beginnt, das aber Interesse am Gegenüber signalisiert.

«Ferien hier wären besser», antwortet der junge Mann auf Englisch mit französischem Akzent, er arbeite seit drei Monaten in Zürich. Er wohne im Hotel, da er von der Logistikfirma einmal in Genf, dann wieder in Osaka, Rotterdam oder New York eingesetzt werde.

So viel Information in drei Sätzen! Ein Zeichen von Vertrauen? Ein Springer, denkt Sebastian, sicher unverheiratet und flexibel, perfekt zweisprachig, Französisch und Englisch und vielleicht auch Chinesisch, begehrt bei international arbeitenden Firmen.

«Léon», stellt sich der Mann vor, er sei in Marseille aufgewachsen. Sebastian kann ihn jetzt genauer betrachten, in seinem klar geschnittenen, offenen Gesicht zwei dunkle Augen und helle Zähne, sicher kein Raucher. Er wohne im «St. Gotthard», sagt er wie nebenbei. Ist Sebastian auf Auslandreise, logiert er in Dreisternhäusern, das sind genügend Sterne für ein Zimmer, das man nachts nur wenige Stunden nutzt. Léon hingegen residiert in einem der teuersten Hotels von Zürich.

«Ich habe Sie schon letzten Freitag hier sitzen sehen», sagt er unvermittelt, jetzt auf Französisch, eine Sprache, die Sebastian geläufig ist, «aber Sie haben mich nicht beachtet. Hélas!»

Léon kam also nochmals hierher, wegen ihm? Eine Finte, eine Falle?

«Ich habe eine Erinnerung an dieses Lokal», sagt er mit einem vielsagenden Lächeln, «hier hat mich einmal eine Frau abgeschleppt.»

Sebastian stutzt, will ihn der Junge auf eine falsche Fährte lotsen? Die Fata Morgana eines attraktiven, schwulen Galliers, der sich für ihn interessiert, scheint sich im Nichts aufzulösen. Spielt er mit Frauen, spielt er mit mir? Sebastian gehört nicht zu den Männern, die in schummrigen Niederdorfbars einen Jungen aus Albanien oder Marokko aufgabeln und sich einen schäbigen Abrieb in einem billigen Hotelzimmer genehmigen würde, nach Hause nimmt man diese Strassenjungen besser nicht mit.

Der clevere Léon passt absolut nicht in dieses Schema. Dass ihm dieser Gedanke überhaupt durch den Kopf geht! Über einen Meter achtzig gross, schlank, mit einer Brust wie ein Schild – das jedenfalls lässt das gestreifte, kurzärmlige Hemd erahnen –, fesselt der Mann Sebastian trotz der kalten Dusche. Er ist elektrisiert, hellwach, dieser Franzose hat seinen inneren Schalter wieder angeknipst. Er habe vier Jahre mit einer Madeleine zusammengelebt, erzählt er jetzt. Ein weiterer Dämpfer, Sebastian faltet abrupt seine Zeitung zusammen und wechselt über zu Small Talk. Nach ein paar peinlichen Momenten findet er den Faden wieder mit der französischen Gastronomie, die er ja von seinem Studentenjob kennt, die beiden reden über gedämpften Lauch und pochierte Hechte und landen schliesslich bei Froschschenkeln und Gänseleber. Sie sprechen jetzt Französisch, unwillkürlich schleicht sich das «toi» ein, sie duzen sich, als würden sie einander schon lange kennen. Sebastian fühlt sich auf seltsame Art eingesponnen von diesem Franzosen, zunehmend verzaubert von Léons offenem Gesicht mit den wachen, zuweilen schalkhaften und doch irgendwie traurigen Augen. Die Puzzlesteine seines Lebens, die der junge Mann überraschend auspackt, wollen aber nicht zusammenpassen.

«Ich habe Pech mit Frauen», bemerkt Léon nach einer längeren Pause, als sei ihm dieses Geständnis schwer gefallen.

«Ich auch», antwortet Sebastian geistesgegenwärtig und fügt hinzu, dass er in einer langjährigen Freundschaft lebe. «Mit einem Mann.»

Léon zögert einen Moment und sagt dann: «Mit Schwulen habe ich einfach die besseren Gespräche, sie können zuhören.»

Sebastian lächelt geschmeichelt. «Jürg und ich führen keine Ehe ...»

Der junge Mann zieht die Augenbrauen hoch. «Aha, man grast da und dort – und was ist mit Aids?» Auch er habe mit mehreren Frauen geschlafen, aber nacheinander.

«Seriell monogam», wirft Sebastian altklug ein.

Léon lacht verlegen, die Wendung des Gesprächs ist ihm offenbar nicht geheuer. Aber wieso hat er so rasch Aids ins Spiel gebracht?, fragt sich Sebastian. Vielleicht weil er ein kleiner Oberlehrer ist oder aus Angst, sich selbst in Gefahr zu bringen? Ist Léon schwul und will es nicht sein? Warum spricht er einen Mann an, der fast doppelt so alt ist wie er? Viele Männer vom andern Ufer haben diese Leichtigkeit, Kontakt aufzunehmen, mit der auch Léon auf besondere, undurchschaubare Art spielt. Sebastian sieht sich schon im Bett mit dem Recken, um gleich darauf über diesen lächerlichen Gedanken zu schmunzeln. Léon wechselt das Thema.

«Zürich ist ganz angenehm», kommentiert er gespielt harmlos, «verglichen mit Marseille eine Idylle. Ich bin in der Nähe des Quartier Nord aufgewachsen, ein Einwandererviertel mit vielen Algeriern, mit Drogen, Kriminalität, Mord.»

«Dagegen war mein Bergdorf eine heile Welt.»

«Wir haben eine Gang gegründet, als Antwort auf die Schlägerbanden.» Er zeigt Sebastian eine lange Narbe am rechten Oberarm. «Ein Andenken an einen Strassenkampf.»

Er habe seine Kindheit und Jugendzeit mit zwei Geschwistern verbracht, der älteren Schwester Dorothea und dem Nesthäkchen Heinz, erzählt nun Sebastian, der Vater habe eine Dorfschreinerei betrieben, die Mutter zu Hause genäht, die Grosseltern hätten am Dorfrand auf einem bescheidenen Bauernhof gelebt.

«Da sind wohl höchstens einmal ein paar Zigeuner vorbeigezogen», wirft Léon ein. «Ich bin mit einem Bruder und zwei Schwestern aufgewachsen. Von meinen Grossvätern hatte ich leider nicht viel, der eine starb früh an Lungenkrebs, zu viele Glimmstengel, der andere in der Fremdenlegion.»

Sebastian stutzt. «Vermisster Grossvater», sofort blinkt ein Signal auf wie ein Bookmark im Computer. Schon mit zwanzig hatte er Sigmund Freuds «Abhandlungen zur Sexualtheorie» verschämt im Antiquariat gekauft, das Buch jedoch bald ratlos zur Seite gelegt. Das Interesse an der Seelenforschung jedoch blieb, seine Küchenpsychologie kommt ihm auch jetzt zupass. «Vaterfiguren sind wichtig.»

Léon überhört den Gemeinplatz und fährt ernsthaft fort: «Ältere Männer fehlten irgendwie in meiner Jugend, Papa war als Vertreter oft unterwegs.»

Sebastian fragt sich, wohin dieser Abend wohl noch führen wird, und wirft nach einer Pause ein:

«Bei mir fehlten keine männlichen Leitfiguren.»

«Da warst du ja rundum glücklich.»

«Als Jüngling fühlte ich mich wie im falschen Film», kontert Sebastian.

«Jetzt wirkst du jedenfalls ganz gemütlich.»

«Ich empfand mich mit meiner verbotenen Neigung droben in den rauen Bergen als eine Art Aussätziger, dabei hatte ich Chancen bei den schönsten Dorfmädchen.»

«Hört, hört, auch Don Juan soll schwul gewesen sein.»

«Ich mochte die Gesellschaft junger Frauen, aber ich bekam es mit der Angst zu tun, wenn sie sich auszogen.»

«So viele Gelegenheiten gab es bei mir nicht», kommentiert Léon.

Das Gespräch gleicht jetzt einem Tennismatch mit harten Aufschlägen, die dann zunehmend ins Leere gehen. Aus der benachbarten Bodega Española weht der Wind die Düfte von frischer Paella herüber.

Nach einem verdächtigen Zögern will Léon etwas sagen, stockt, und würgt dann heraus:

«Wenn ich mit meiner letzten Freundin zusammen war, stellte ich mir manchmal einen Typ wie Clark Gable vor, der als Dritter im Bett mit dabei war.»

«Bei mir wär’s eher der Apoll von Belvedere gewesen», frotzelt Sebastian.

«Du hättest aber gut in einen Hitchcock-Film gepasst ...»

«Wie wär’s mit Gérard Depardieu?»

Léon lacht so ausgelassen, als sei ein Überdruckventil hochgegangen. «Du bist Obelix, und ich bin Asterix ...»

«... ein pfiffiger Gallier im Kampf gegen die tolpatschigen Römer ...»

«Eher Don Quijote.»

«Ich sehe keine Windmühlen.»

Der junge Mann rührt Sebastian tief, ja er fragt sich, ob Léon bald zum neuen Sohn in seiner Wahlfamilie wird. Sebastians Beziehungsgeflecht ist aus Freunden, Freundinnen, Ex-Lovern komponiert, mit oder ohne leibliche Kinder, Eltern und Geschwistern; ein wahrer Affenfelsen mit Sebastian auf seinem Ausguck, inzwischen zum Weissrückenmännchen gealtert. Ein Pascha mit schwindender Kraft.

Léon hat seinen häufig abwesenden Vater also vermisst, aber er sagt kein ungerades Wort über ihn, und der Papa führt wohl eine passable Ehe mit der Maman, wie der Sohn sie mit fast zärtlichem Schmelz nennt. Als Sekretärin an der Universität Marseille ist auch sie oft nicht da gewesen. Léon ist das zweite Kind nach einem Mädchen, also die exakt gleiche Geschwisterfolge wie bei Sebastian. Er ist, so reimt es sich Sebastian zusammen, in der Familie Mercier behütet aufgewachsen mit einer genügenden Minimalportion an Mutterund Vaterliebe. Auch sein Familienname war Léon ungewollt entschlüpft, und er schien es zu bereuen.

Sebastian schliesst aus der Schilderung, dass Léon wohl der freudig begrüsste Stammhalter war. Er versucht die Teile des Bilderrätsels zu einem Ganzen zusammenzufügen und kann sich dennoch nicht erklären, warum er sich diesem Mann so nahe fühlt.

Léon fährt Achterbahn, denkt er und wird doch nicht klug aus ihm. Um ein Abenteuer geht es dem Franzosen nicht, ist Sebastian jetzt überzeugt. Doch was kann er glauben? Kommt der Mann tatsächlich aus Marseille oder vielleicht aus einem Vorort von Lausanne, will er seine Spuren verwischen? Ist er, mit seinem fantasierten Filmhelden, schwul? Oder am Ende zwar ein Asterix, aber ein durchtriebener?

Léon wirkt plötzlich nervös, blickt Sebastian immer wieder prüfend an. Dieser schaut auf die Uhr, schon fast drei Stunden sitzen sie beisammen, er will die ganze Zeche, vier Runden, zahlen und aufbrechen, denn morgen ist Abschlusstag auf der Redaktion, da ist wie immer die Hölle los.

«Bitte noch nicht, warte noch», sagt Léon mit überraschend fester Stimme, in der gar ein Flehen mitschwingt. Léon bestellt eine weitere Runde. Sebastian hat das Gefühl, den Franzosen schon seit langer Zeit zu kennen, doch er will jetzt weg, er braucht Abstand und Schlaf. Das Gespräch dreht sich inzwischen um Containertransporte und die europäische Logistikbranche, Léon vermeidet jetzt Persönliches, ja es scheint, als wolle er mit diesem Fachdiskurs den kurz gewährten Einblick in sein Seelenleben verwischen.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht steht Sebastian mit einem Ruck auf und sagt mit fast zu lauter Stimme, er müsse jetzt wirklich gehen, man treffe sich ein andermal, vielleicht schon morgen. Léon insistiert, Sebastian müsse auf jeden Fall bis Mitternacht bleiben: «Morgen ist mein 31. Geburtstag.»

«Zwilling, schiesst es Sebastian durch den Kopf, das erklärt einiges. Er glaubt nicht an den Hokuspokus mit den Sternzeichen, doch sein eigenes Sternbild, Steinbock, passt verblüffend gut zu seinem Charakter: mit beiden Beinen auf dem Boden, mit den Hörnern in der Luft, was offenbar Fantasie und Unternehmergeist bedeutet, Zielstrebigkeit, manchmal auch Sturheit. Marlene Dietrich war ein Steinbock, Stalin allerdings auch.

Zwei seiner Bekannten sind im Sternzeichen Zwilling geboren, sie sind neugierig, hat er festgestellt, aber auch ruhelos und zuweilen launisch und labil. Oder würde er ohne Kenntnis ihres Sternzeichens vielleicht anders urteilen? Hélas. Mit dem ersten Glockenschlag vom Grossmünster prostet Sebastian seinem ungleichen Kumpel zu, gratuliert ihm zum Geburtstag und wünscht ihm das Allerbeste für die Zukunft. Er steckt ihm seine Visitenkarte zu und schlägt vor, das Geburtstagskind noch zum Hotel zu begleiten.

«Non, mon dieu, non!», entfährt es Léon in Panik, und er verabschiedet sich mit einem seltsamen Zucken um den Mund abrupt in Richtung See, dabei steht das Hotel Gotthard beim Hauptbahnhof. Benommen steigt Sebastian in das letzte Tram zum Universitätsquartier. Als er durch die von Vandalen mit dem Wort «Fuck» zerkratzte Scheibe zurückblickt, ist der Mann längst weg.

* * *

Ist Léon ein Blender, ein Lügner, ein Phantom gar? Er kennt von dem Franzosen, wenn er denn aus Marseille kommt, nur den Vornamen und den wohl ungewollt preisgegebenen Familiennamen, sicher falsch! Eine Mischung aus Enttäuschung und Zorn steigt in Sebastian auf. Er sitzt in der Küche seiner Wohnung, später Jugendstil, 1904, leicht renovationsbedürftig, und giesst lange nach Mitternacht einen Cognac in ein Weissweinglas.

Wie ein Film ziehen die letzten Stunden nochmals an ihm vorbei, Sebastian irrt im Halbschlaf durch ein Labyrinth, taumelt angeheitert wie in einem Spiegelsaal gegen das eigene Konterfei. Er muss Léon so rasch wie möglich wieder sehen, um endgültig Klarheit zu schaffen, dabei sind seine Sinne jetzt alles andere als klar. Sebastian will ihn am Morgen im St. Gotthard anrufen, diesen verwöhnten Schnösel, der wohl gerade beim Schlummertrunk in der Hummer-Bar sitzt, die Zeche kommt auf die Hotelrechnung, die Firma bezahlt’s. Will er ihn alten Trottel umgarnen und in den Abgrund ziehen? Die Wohnung erscheint Sebastian plötzlich seltsam öde, wie eine verlassene Kabine in einem Schiff, das einen Felsen gerammt hat und dessen Bauch sich mit Wasser füllt. Soll er in ein Rettungsboot klettern und einen dicken Strich unter diesen Abend machen?

Er schläft rasch ein, im Traum wandert er über einen steilen Abhang, der plötzlich abrutscht, wie auf einer grünen Lawine taumelt er in die Tiefe, bis der bedrohliche Ritt an einem Wasserlauf zu stehen kommt. Léon erscheint kurz aus dem Unterholz, lacht geheimnisvoll und verschwindet mit Sebastians Visitenkarte in der Hand. Er schreckt auf, reibt sich verwirrt die Augen und fällt dann nochmals in tiefen Schlaf.

Ohne Wecker, wie immer, erwacht er kurz nach halb sieben Uhr und kann sich nicht entscheiden, ob er sich gut oder schlecht fühlen soll. Sein normales Programm wäre: zügiges Aufstehen, dann «Fünf Tibeter», eine Übung, die er in einem Meditationskurs gelernt hat, ein paar Minuten, um den Tag zu begrüssen und sich fit zu machen für das Inferno der Redaktion. Warm duschen mit Palmöl, darauf ein kalter Strahl für ein paar Sekunden oder – je nach geistiger Verfassung – länger, bis zur tiefen Abschreckung.

Heute lässt er die Tibeter aus, wankt nach kurzem Kaltstrahl über die Duschvorlage. Er schaut in den beschlagenen Spiegel in ein Gesicht, das ihm fremd und verstört erscheint, er wischt den Dampfschleier weg und blickt abweisend in sein Konterfei. Was hat dieser Léon in mir gesehen? In den Rasierschaum zieht er mit der Klinge eine erste Schneise über die linke Backe, schabt weiter und ist nach wenigen traumwandlerischen Zügen glatt rasiert, aber nicht zufriedener mit sich selbst.

Wieso hat er sich auf dieses Gespräch überhaupt eingelassen, warum stundenlang mit einem Mann geredet, der möglicherweise nicht mit offenen Karten spielt? Vielleicht bin ich schon bald tot, umgelegt von einer kriminellen Gang aus Marseille, steigert sich Sebastian in immer neue Horrorszenarien hinein. Ist er jetzt vollends durchgeknallt? Abwesend lässt er einen dritten Kaffee aus der Kapsel-Maschine blubbern, die aussieht wie ein trauriger Pinguin.

* * *

Léon sitzt derweil auf dem unbenutzten Bett in einem Zimmer im Hotel Ascot beim Bahnhof Enge, wo er gerade eingezogen ist. Neben sich zwei Koffer mit wild eingepackten Hemden, Anzügen, Unterwäsche und Krawatten. Es ist acht Uhr morgens an seinem Geburtstag, er ist nach einer schlaflosen Nacht im St. Gotthard aufgewühlt und fühlt sich wie auf der Flucht.

Nachdem er sich von Sebastian verabschiedet hatte, fuhr er mit dem letzten Tram in die falsche Richtung und ging dann die gespenstisch leere Bahnhofstrasse hinunter zum Hotel, vorbei an heruntergelassenen Scherengittern, hinter denen teure Uhren im fahlen Licht der Strassenlampen schimmerten, die Beleuchtung in den Schaufenstern war ausgeschaltet, die Puppen mit den neusten Modekreationen für den kommenden Herbst und Winter wirkten auf Léon wie Vogelscheuchen in der Dämmerung. Da und dort huschte ein Securitas-Mann in blauer Uniform über die verwaiste Luxusmeile.

Léon hatte das Gefühl, neben den Schuhen zu stehen, und fragte sich unablässig, warum er diesem unbekannten Sebastian sein grösstes Geheimnis anvertraut hatte. Er wollte keinen Kontakt mehr zu diesem Mann, war entschlossen, das Hotel St. Gotthard, das er im Feuer des Gesprächs ja erwähnt hatte, und vielleicht schon bald auch die Stadt zu verlassen, damit ihm dieser Sebastian niemals mehr über den Weg laufen konnte.