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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 

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Vorwort
Große Augen blicken von unten herauf, der Kopf ist leicht geneigt, die Lippen sind schmollend verzogen. Eine Sekunde dauert es, bis die Wirkung einsetzt. Wir werden weicher. Unser Mund verzieht sich zu einem Lächeln. Die Lippen des Kindes werden weich und lächeln, die Augen strahlen. Eine Kommunikation ohne Worte findet statt. Gefühle und Bedürfnisse werden auf diese Art vermittelt. Wer von uns kennt diese Situation nicht?
Körpersprache spricht in uns direkt unsere Empfindungswelt an und löst so direkt unsere Taten aus. Babys und kleine Kinder sind abhängig von ihren erwachsenen Eltern oder ihren Versorgern. Sie haben nur eine Chance, ihre Bedürfnisse zu befriedigen: Kommunikation. Dafür steht ihnen, außer Schreien, nur ein Kanal zur Verfügung – die Körpersprache. Das Kind erwartet von seinen Eltern, dass sie seine eigene Körpersprache verstehen. Es geht davon aus, dass es seine Bedürfnisse und Gefühle klar ausgedrückt hat, aber die Eltern diese nicht wahrnehmen wollen. Das Kind versteht sich als Ganzes und will auch so wahrgenommen werden. Die Welt der Erwachsenen ist überwiegend eine verbale Welt mit sachlichen Informationen, und so übersehen wir oft die Aussagen und Bedürfnisse unserer geliebten Kinder.
Babys und Kinder haben eine vollkommene Persönlichkeit in jeder Phase und in jedem Stadium ihres Lebens, und zwar mit Bedürfnissen, Gefühlen und Wünschen. Ihr Selbstbewusstsein ist abhängig davon, wie gut sie mit ihrer Umwelt kommunizieren können. Das Feedback auf ihre Signale ist der Beweis für »Du bist da, und wir nehmen dich wahr!«.
Wenn Kinder eine Umgebung erleben, die sie versteht, sind sie selbstbewusst und ausgeglichen. Nur das garantiert uns eine harmonische und gesunde Zukunft. Dieses Buch soll ein Licht im Labyrinth der komplexen Beziehungswelt zwischen uns und unseren Kindern sein.
Verständnis ist der erste Schritt zur Liebe.

Einführung: Die 1:1-Formel

Die Körpersprache von Kindern ist nicht, wie man meinen könnte, reicher als die von Erwachsenen. Im Gegenteil, sie ist elementar, einfacher und damit auch ärmer. Kinder brauchen auch keinen komplizierten Wortschatz, um ihre alltäglichen Bedürfnisse auszudrücken.
Das Kind folgt noch den fünf Grundverhaltensformen: Nach vorne rennen oder attackieren, wegrennen (Flucht), verstecken, Hilfe suchen oder sich unterordnen.
Bevor Kinder von Verboten und Geboten geprägt werden, gilt die 1:1-Formel. Wollen sie etwas nicht, rennen sie weg. Fühlen sie sich bedroht, verstecken sie sich unter dem Stuhl, dem Tisch oder unter Mutters Rock. Ort und Situation haben keinen Einfluss auf das Verhalten, ob zu Hause, im Lokal, bei fremden Leuten, die Reaktion ist stets die gleiche. Kinder folgen 1:1 ihrem inneren Impuls. Insofern ist es leicht, ihre Körpersprache zu dechiffrieren und zu verstehen. Kompliziert ist allein die Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen, die in die simple Empfindung Verwirrung bringen. Erwachsene geben oft nicht das richtige Feedback auf kindliche Signale.
Wenn wir unmittelbar auf die elementaren Bewegungen unserer Kinder, auf ihre Bedürfnisse antworten, so schaffen wir ihnen beinahe so etwas wie eine heile Welt. Kinder, die sich sicher fühlen können, die offen mit ihrer Umgebung kommunizieren, weil sie Antwort erhalten auf ihre Signale, werden später die Widersprüche, die sie erfahren, besser bewältigen können.

Die Stufen der Entwicklung

Der Unterschied zwischen der Körpersprache von Erwachsenen und der kindlichen Körpersprache liegt zunächst einmal darin, dass der Körper dem erwachsenen Menschen als Instrument voll ausgebildet zur Verfügung steht, dem Kind jedoch nicht. Der Erwachsene ist in der Lage, damit umzugehen, hat gelernt, mit dem Körper zu agieren.
Es lassen sich verschiedene Entwicklungsstufen ausmachen, über die der Weg zur Beherrschung des Körpers geht. Mit der Entwicklung seines Körpers und der wachsenden Fähigkeit, mit ihm umzugehen, ihn zu benutzen, erfährt das Kind, dass es etwas bewirken kann in der Welt durch seine Bewegungen, den Signalen seines Körpers. Die pränatale Phase ist in dieser Beziehung noch zu wenig erforscht, doch kann man von ihr sagen, dass sie Signal und Gegensignal, eine Zwiesprache zwischen Mutter und Kind kennt. Es ist zugleich die Phase, in der alles Kommunikative sich ausschließlich körpersprachlich – im engsten Sinne des Wortes – vollzieht.
Jede Phase, die des Sitzens, Krabbelns, Gehens, bringt neue Bewegungserfahrungen und damit neue Möglichkeiten der Kommunikation, das heißt des Signal-Gebens und des Signal-Tauschs. Es sei darauf hingewiesen, dass sich die Darstellungen dieses Buches auf gesunde Kinder beziehen, die in Familien leben, die man als intakt bezeichnen kann. Es ist mir bewusst, dass viele Kinder in weniger glücklichen Verhältnissen ihr Dasein beginnen und weniger gute Ausgangspositionen hinnehmen müssen.
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Die Geburt
Während der Geburt hat das Kind eine eindeutige Aufgabe, die genetisch programmiert ist und einer Erwartung der Mutter gegenüber ihrem Kind entspricht: Es muss mithelfen, aus dem Mutterleib herauszukommen. Ich spreche auch hier von einem Signalaustausch zwischen Mutter und Kind. Das erste Signal empfängt es von der Mutter, erteilt durch die ersten Wehen. Durch die Kontraktionen signalisiert sie dem Kind: Jetzt dränge dich hinaus! Das Kind empfängt das Signal und beginnt sogleich – wenn es nicht besonders faul ist -, die ihm zugewiesene Aufgabe zu übernehmen. Es bewegt sich langsam zum Gebärmutterhals und beantwortet die Signale der Mutter durch die Tat. Damit das Ungeborene nicht gedrängt wird, hat die Natur Zeitabschnitte zwischen die Wehen gelegt.

Die Aktiven und die Bequemen

Viele Mütter können darüber berichten, wie sich Charaktereigenschaften der Neugeborenen in dieser Phase zu enthüllen scheinen: Das Kind hilft aktiv mit, es ist etwas bequem und braucht Hilfe von außen, es hält sich ganz zurück, will sich nicht bewegen, will überhaupt nicht herauskommen – massive Nachhilfe wird nötig.
Solche frühen Äußerungen des Charakters konnten wir, meine Frau und ich, auch bei unseren vier Söhnen beobachten. Ich habe ihre Geburt gefilmt und es ist sehr aufschlussreich, im Vergleich zwischen dieser ersten Beobachtung und der weiteren Entwicklung festzustellen, dass die Grundzüge von Charaktereigenschaften sich tatsächlich wieder bemerkbar machten. Der erste unserer Söhne kam schnell, wie von einer Kanone geschossen. Es schien ihm wichtig, schnell ans Licht zu kommen. Er war groß und kräftig. Unser Ältester ist heute genauso wie bei seiner Geburt; er ist ein Blitz. Er ist schnell, er ist dynamisch, alles muss bei ihm sofort und ohne Verzögerung geschehen. Der zweite Sohn war etwas ruhiger, es ging bei der Geburt etwas langsamer, aber er erwies sich als selbstständig. So hat er bei der Geburt einen Arm selbst herausgebracht, nachdem sein Köpfchen draußen war. Er hat sich selbst geholfen. Er ist auch heute so, viel selbstständiger als die Brüder; er braucht wenig Hilfe von anderen, er arrangiert sich selbst mit der Welt.
Immerhin lässt sich nach unseren Erfahrungen sagen, dass der Prozess der Geburt, für den das Kind von der Natur programmiert ist, und zwar im Sinne seiner aktiven Mithilfe, als aussagekräftig angesehen werden kann für Grundzüge des sich nun herausbildenden Charakters; denn ein Kind gibt durch sein Verhalten, ob aktiv, selbstständig, passiv, sanft, schnell usw., Antworten auf erste Anforderungen, die an es gestellt werden.
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Das Kind breitet die Arme aus und seine Zunge schiebt etwas fort. So nimmt es das unangenehme Gefühl des Nach-hinten-Fallens vorweg.

Nach der Geburt

Das Neugeborene erlebt völlig neue Reize, ist ihnen zum ersten Mal ausgesetzt. Es ist von seiner Mutter getrennt. Zum ersten Mal spürt das Kind Hunger und der Hunger wird nicht auf der Stelle gestillt durch eine stets Nahrung spendende Leitung wie im Mutterleib, sondern es werden Signale notwendig. Licht fällt auf die Netzhaut seiner Augen, Lichtunterschiede werden wahrnehmbar, seine Ohren empfangen Geräusche.