Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist HORROR FACTORY?
  3. In dieser Reihe sind bisher erschienen
  4. Über dieses Buch
  5. Der Autor
  6. Hetzjagd
  7. Impressum
  8. 1 – Lockruf
  9. 2 – Fährte
  10. 3 – Revier
  11. 4 – Pirsch
  12. 5 – Hatz
  13. 6 – Waidwund
  14. 7 – Beute
  15. In der nächsten Ausgabe

Was ist HORROR FACTORY?

HORROR FACTORY ist eine Reihe von Horror-Kurzromanen – von der klassischen Geistergeschichte über den modernen Psychothriller bis hin zur Dark Fantasy. Alle Romane sind deutsche Erstveröffentlichungen. Unter den Autoren sind sowohl bekannte Namen als auch Newcomer. Die Geschichten sind jeweils in sich abgeschlossen, auch wenn sie in einzelnen Fällen mehrere Folgen umfassen.

HORROR FACTORY wird herausgegeben von Uwe Voehl.

HORROR FACTORY erscheint monatlich.

In dieser Reihe sind bisher erschienen

Wolfgang Hohlbein: Pakt mit dem Tod

Christian Endres: Crazy Wolf – Die Bestie in dir

Christian Montillon: Der Blutflüsterer

Timothy Stahl: Teufelsbrut

Uwe Voehl: Necroversum – Der Riss

Manfred Weinland: Das Grab – Bedenke, dass du sterben musst!

Michael Marcus Thurner: Die Herrin der Schmerzen

Malte S. Sembten: Der Behüter

Robert C. Marley: Die Todesuhr

Christian Endres: Rachegeist

Oliver Buslau: Glutherz

Christian Weis: Tief unter der Stadt

Michael Marrak: Epitaph

Timothy Stahl: Unheilige Nacht

Uwe Voehl: Necroversum – Der Friedhof

Michael Marrak: Ammonit

Malte S. Sembten: Nähte im Fleisch

Jörg Kleudgen: German Gothic

Vincenct Voss: Ich bin böse!

Christian Montillon: Höllenblick

Oliver Buslau: Die Akte Necropolis

Christian Endres: Crazy Wolf – Bestien auf der Flucht

Jens Schumacher: Hetzjagd

Über dieses Buch

Vier Millionäre aus den USA sind Mitglieder eines elitären Jagdclubs in New York. Sie haben in ihrem Leben schon alles gejagt, was sie auf dieser Welt erlegen können. Es scheint nichts mehr zu geben, was ihre Jagdlust noch befriedigen könnte. Bis zu dem Tag als ein unbekannter Doktor im Club auftaucht. Er macht ihnen ein verlockendes Angebot: eine Hatz auf ein Großwild, das keiner der vier Männer je zuvor im Visier hatte.

Neugierig begeben sich die Millionäre auf eine Reise mit unbekanntem Ziel. Zu ihrem Erstaunen landen sie in Deutschland. Dort führt sie der Doktor zu einem im Wald versteckt liegenden Bunker, in dem während des Zweiten Weltkriegs abscheuliche wissenschaftliche Experimente praktiziert wurden. Langsam dämmert es den Jägern: Diesmal werden sie kein gewöhnliches Wild jagen …

Der Autor

Jens Schumacher, geboren 1974, arbeitet seit Ende der neunziger Jahre als freier Autor. Bis heute verfasste er rund 70 Bücher und Spiele in unterschiedlichen Genres, darunter Horror- und Fantasyromane, Krimis, Jugend- und Sachbücher sowie mehrere Editionen der international erfolgreichen Kartenspielserie BLACK STORIES. Seine Werke wurden in 14 Sprachen übersetzt. Mehr Informationen auf WWW.JENSSCHUMACHER.EU

HORROR FACTORY

Hetzjagd

JENS SCHUMACHER

»Vater im Himmel! Das kann mir nicht geschehen! Es muss ein Albtraum sein … nur ein Traum. Ich schließe die Augen … Ich sehe diese Zähne nicht mehr.«

Laurence Manning, »Die Höhlen des Schreckens«

1

Lockruf

Als ich den Club gegen fünf betrat, war noch nicht viel los. Höchstens ein Dutzend Männer bevölkerten den weitläufigen Lounge-Bereich oder hockten an der langen Bar aus künstlichem Bambus. Ich hörte Denningers dröhnendes Lachen bereits, bevor ich ihn oder die anderen sah. Kurz entschlossen hielt ich auf unsere angestammte Sitznische zu.

Im Vorbeigehen bestellte ich bei einem der Mädchen einen Gin Tonic. Passend zur Clubeinrichtung, die einer rustikalen Jagdhütte nachempfunden war, trugen die Bedienungen im Hunting Gentleman karierte Hemden und Bluejeans, beides allerdings durchaus vorteilhaft geschnitten.

Über dicke Lagen Tierfelle – Spenden von Clubmitgliedern, ebenso wie die Jagdtrophäen, Pokale und historischen Flinten an den holzvertäfelten Wänden – umrundete ich den Kamin. Es war ein Koloss aus roh behauenem Naturstein, und wie zu jeder Tages- und Nachtzeit flackerte ein anheimelndes Feuerchen darin – ein künstliches, jedoch mit einem höchst realistischen Prasselgeräusch, das als Endlos-Loop aus unsichtbaren Lautsprechern drang. Die Brandschutzbestimmungen erlaubten kein offenes Feuer – wenig verwunderlich, immerhin befanden wir uns nicht in den Tiefen der kanadischen Wälder, sondern vierundzwanzig Stockwerke über den smogverseuchten Straßenschluchten New Yorks.

Jenseits der Feuerstelle saßen, genau wie ich erwartet hatte, Denninger, Lacroix und Christensen in den dick gepolsterten Kolonialstil-Sofas unserer Nische und tranken Whisky oder Brandy. Daneben stand ein zweieinhalb Meter hoher, in Angriffsposition präparierter Kodiakbär. Bei ihnen war ein kleiner, blasser Mann in einem zerknitterten Sakko, den ich noch nie gesehen hatte.

Lacroix hielt ein iPad in der Hand und war offenbar gerade dabei, irgendwelche Bilder oder Videos vorzuführen. Die anderen beugten sich aufmerksam über den Tisch, um nichts zu verpassen.

»Ah, Scroaty!« Denninger hob grüßend die Hand, als ich mich der Sitzgruppe näherte. »Sie kommen genau richtig. Lacroix zeigt Aufnahmen von seinem Trip nach Namibia.«

Jetzt sahen auch die anderen auf. Ich grüßte in die Runde, bedachte den Fremden mit einem unverbindlichen Nicken und ließ mich neben Christensens schlaksiger Gestalt in die Polster fallen. Augenblicke später erschien das Mädchen und stellte lächelnd einen Gin Tonic vor mir auf das polierte Mahagoni.

Ich erinnerte mich: Lacroix war nach Afrika geflogen, vor knapp zwei Wochen. Da er dort, genau wie der Rest von uns, längst alles zur Strecke gebracht hatte, was man für Geld und gute Worte schießen konnte, war er ohne bestimmtes Ziel aufgebrochen. »Mal sehen, was mir vor die Flinte läuft«, waren die letzten Worte gewesen, die ich von ihm gehört hatte.

»Und?«, erkundigte ich mich und nippte an meinem Drink. Er war stark, wie ich es schätzte, mit genau der richtigen Menge zerstoßenem Eis. »Erfolgreich gewesen?«

»Comme ci, comme ça.« Robert Lacroix, ein drahtiger, kaum einen Meter siebzig großer Frankokanadier, zwirbelte mit einer Hand seinen akkurat gestutzten Oberlippenbart. Mit der anderen hielt er mir das iPad hin.

Ich nahm es und warf einen Blick darauf. Zu sehen war Lacroix, über einem erlegten Kudu kniend, seine geliebte Browning Bar Zenith Ultimate im Arm. Die Flinte war seinem persönlichen Geschmack entsprechend umgerüstet, Verschluss, Brücke, Spanner sowie sämtliche Applikationen waren mit Echtgold überzogen und mit aufwendigen Gravuren versehen. Ich wechselte zum nächsten Bild: Lacroix mit einem Oryx-Bock mittlerer Größe. Das Gehörn war gut entwickelt, jedoch nichts Außergewöhnliches. Das dritte Foto zeigte Lacroix über drei Springböcken.

»So weit ich mich erinnere, hängen in Ihrem Landhaus bereits mehrere Kudu-Geweihe, alter Freund«, bemerkte ich.

»Oui. Das ist korrekt.«

»Und mindestens drei Oryx-Gazellen.«

Nicken.

»Von unzähligen Springböcken ganz zu schweigen.«

Lacroix schwieg. Seine Miene war kühl, nahezu emotionslos. Nicht unbedingt der Gesichtsausdruck eines Mannes, der von einer zweiwöchigen Pirsch zurückkommt und mehrere ansehnliche Jagdtrophäen im Gepäck hat.

Ich wusste, wie er sich fühlte.

Denninger, Christensen, Lacroix und ich hatten in den letzten sieben Jahren in wechselnden Konstellationen, meist jedoch zu viert, auf alles Jagd gemacht, was man auf diesem Planeten schießen konnte. Wir hatten Zwergbüffel und Bongos in Kamerun erlegt, Löwen in Tansania, Kap-Büffel und Gnus in Mosambik, Flusspferde in Simbabwe. Wir waren zur Kodiak-Insel gereist, um den größten Braunbären der Welt zu schießen, und nach Kanada, wo sein nächster Verwandter lebte, der Grizzly. In erstaunlich kurzer Zeit hatten wir die komplette Liste jagbaren Großwilds abgehakt – und stellten fest, dass es nicht übermäßig schwierig war, auch die nicht freigegebenen Arten zu bejagen, wenn man das wollte. Geld öffnete, wie in den meisten anderen Bereichen des Lebens auch, alle Türen. Und an Barmitteln fehlte es keinem von uns. Die Jahresmitgliedschaft im Hunting Gentleman betrug allein 30.000 US-Dollar, darüber hinaus wurde der Nachweis mindestens einer Großsafari pro Jahr gefordert. Peanuts für Lacroix, Denninger, Christensen und mich.

So kam es, dass wir uns bald erneut in Simbabwe wiederfanden, diesmal auf Leopardenjagd. Wir kehrten nach Mosambik zurück, um Krokodile zu jagen, erlegten Elefanten in Kamerun. Wir reisten nach Sambia und schossen Nashörner, stellten im fernen Bhutan dem seltenen bengalischen Tiger nach. Wir hetzten Bisons in der nordamerikanischen Prärie und erkundeten die Arktis auf der Jagd nach dem großen Polarbären.

Und dann, vor etwa einem Jahr, war das Ende der Fahnenstange erreicht. Wir waren durch, endgültig. Es gab nichts mehr, was wir noch hätten erlegen können.

Ich reichte Lacroix das iPad zurück und leerte meinen Gin Tonic. Auch die anderen griffen instinktiv zu den Gläsern, als könnte der Alkohol irgendwie das Gefühl der Leere fortspülen, das unser Leben seit einem Jahr erfüllte. Als eines der Mädchen am Tisch vorbeikam, bestellten wir mit Handzeichen weitere Drinks.

»Navrant.« Sinnend klappte Lacroix das Etui aus braunem Straußenleder zu und legte das Tablet beiseite. Sein Blick war in die Ferne gerichtet. Ich wusste, dass er an früher dachte.

Damals, als wir dem Club beigetreten waren, schien die Großwildjagd das zu versprechen, was uns im Geschäftsleben schon lange fehlte: einen letzten Rest von Unwägbarkeit und Risiko. Jeder von uns hatte festgestellt, wie langweilig es irgendwann wurde, ständig den neuesten Sportwagen zu fahren, zu wohnen, wo man gerade wollte, und jede Frau haben zu können, deren Selbstwertgefühl sich mit einem Brillantcollier oder einem halben Dutzend Louis-Vuitton-Taschen aushebeln ließ – eine Spezies, von der es erstaunlich viele gab. Es war die Sehnsucht nach Erfahrungen außerhalb der alltäglichen sicheren Routine gewesen, die Lacroix, Denninger, Christensen und mich seinerzeit hier zusammengeführt hatte – und wir hatten gefunden, wonach wir suchten. Tage-, manchmal wochenlang mutterseelenallein auf der Pirsch in den entlegensten Regionen der Erde, fernab aller Zivilisation, ohne Handyempfang, fließendes Wasser oder sonstige Annehmlichkeiten, spürten wir endlich wieder, worauf es im Leben ankam – worauf es schon vor Jahrmillionen angekommen war: Schaffst du die Beute, oder schafft die Beute dich?

Seit einem Jahr war die Zeit der Ausflüge in eine einfachere, urtümlichere Welt allerdings vorüber. Der unnachahmliche Nervenkitzel, ob man seinen ersten Jaguar oder Wolf oder Tiger zur Strecke bringen würde, war Geschichte. Und ohne eine neue Herausforderung würde er sich nie wieder einstellen.

Die Bedienung kam mit neuen Getränken, bevor wir uns noch weiter in Selbstmitleid ergehen konnten. Als alle versorgt waren, hob Denninger eine fleischige Hand und deutete auf den Fremden, der neben ihm saß. »Ich denke, es ist an der Zeit, euch bekannt zu machen.« Er nickte in meine Richtung. »Burton Scroat – der Richard Branson von New York City, wenn Sie so wollen.« Er lachte heiser. »Begrüßen Sie unseren Gast aus Deutschland, Scroaty: Dr. Siegmund Reinhardt aus Berlin.«

Seine witzig gemeinte Einführung entlockte mir nur ein müdes Lächeln. Den Vergleich mit Richard Branson, dem Inhaber der legendären Virgin Group, hatte ich in den letzten zehn Jahren ein paarmal zu oft gehört. Außer dem blonden, halblangen Haar bestand unsere einzige Gemeinsamkeit darin, dass auch in den Filialen meiner Tonträgerkette CDs, DVDs und Computerspiele verkauft wurden. Darüber hinaus trennten uns, vorsichtig geschätzt, rund vier Milliarden Dollar Privatvermögen. Hinzu kam, dass Branson im Privatleben ein borniertes Arschloch war, was ich für meinen Teil zu vermeiden versuchte. Ich fand, es klappte auch ganz gut, wenngleich meine Ex-Frau diesbezüglich vermutlich anderer Ansicht war.

»Freut mich, Sie kennenzulernen.« Ich beugte mich über den Tisch und schüttelte Reinhardt die Hand. Sie fühlte sich kalt und schlaff an, wie ein toter Fisch. Generell schien der Mann nicht gerade ein Ausbund an Vitalität zu sein: Er war blass, von birnenförmiger Statur, und sein Haar, das er zu einem dünnen Pferdeschwanz gebündelt trug, war schmutzfarben und so licht, dass man die Kopfhaut durchschimmern sehen konnte. Auf seiner Nase saß eine Drahtgestellbrille mit ziemlich dicken Gläsern, wodurch seine Augen überdimensional groß wirkten. Zusammen mit den wulstigen Lippen, die seiner Mimik etwas Schmollendes verliehen, erinnerte mich Dr. Reinhardt auffallend an einen Karpfen. Er trank Mineralwasser.