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Horst Bieber

...acht, neun, aus?

Cassiopeiapress Regio-Krimi/ Edition Bärenklau





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

...acht, neun, aus?

von Horst Bieber

REGIO-KRIMI

 

 

© dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress

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postmaster@alfredbekker.de

 

Die EDITION BÄRENKLAU wird herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

www.editionbaerenklau.de

 

ACHT, NEUN…AUS?, REGIO-KRIMI von Horst Bieber, 2010/2014

Cover & Layout: Steve Mayer, 2014

 

 

Peter Jenfeld ehemaliger Student der Musikwissenschaften wird gebeten nach einem vermeintlich musikalisch wertvollen Schatz in einer zugemüllten und zum Verkauf stehenden Villa zu suchen.

Doch nicht nur die Erben und Peter Jenfeld jagen den „Schatz“, auch Fremde aus aller Herren Länder suchen die wertvolle Beute, eine bislang unbekannte Beethoven-Symphonie.

Und die schrecken auch nicht vor der Entführung der Erbin zurück – doch richtig kompliziert wird es erst, als auch die aufgefundene Partitur von Dritten geraubt wird…

...acht, neun, aus? vermischt Fiktion und Fakten. Und auch der Leser muss rätseln, wo Fakten aufhören und die Fiktion anfängt.

Wo Bieber für „hardboiled Krimileser“ draufsteht, ist Bieber garantiert auch drin! Kein Vertun!

 

 

 

PERSONENVERZEICHNIS

Henriette Schilde: geborene Lührs, verwitwete Ries, hat viel zu vererben und stirbt mit fast 100 Jahren.

Marlene Lucius: Henriettes Tochter, stirbt mit 60 Jahren an Krebs, ist des Erbes nicht mehr froh geworden.

Dora Lucius: Marlenes Tochter und Henriettes einzige Enkelin, erbt im Alter von 25 Jahren alles.

Igor Borowitsch: vertritt eine Spedition und Reederei aus St.Petersburg und verfolgt noch andere Interessen.

Karin Feldmann: Sekretärin, arbeitet für Paul Lindauer; ist eine von Doras Schulfreundinnen.

Peter Jenfeld: hilft seiner Nachbarin Dora, einen Schatz zu heben und findet dabei seinen.

Paul Lindauer: verwaltet Henriettes Immobilien und sinnt dabei auf größere Einnahmen für sich.

Erwin Lindauer: Pauls Bruder, lebt in Paris und erfährt dort, dass es einen Schatz gibt.

Monika Schilde: flüchtet früh aus dem Elternhaus in die Arme ihres Freundes Erwin.

Anke Burmeister: Nachbarin von Dora Lucius und Peter Jenfeld. Blondiert sich zu stark.

Helen Cummings: hat deutsche Wurzeln, lebt in Paris und erfährt dort einiges.

Kuno Färber: entrümpelt und räumt gründlich auf.

Arlene Boulanger: in Kunos Firma und Leben unentbehrlich.

Barbara von Echte: in allen Situationen eine echte Hilfe

Lukas Ewold: liebt Heil- und Küchenkräuter und schätzt hilfsbereite Mädchen.

 

Alle Namen und Personen, Orte, Taten und Ereignisse sind frei erfunden. Ob und wie weit das auch auf die historischen Personen zutrifft, bleibt den geneigten Lesern und Musikfreunden überlassen.

 

 

1.

Henriette Schilde schreckte nach Mitternacht hoch, weil sie ein ungewöhnliches Geräusch gehört hatte, das sie alarmierte. Waren sie also doch gekommen? Seit sich die Sachen aus Dresden in der Villa befanden, hatte sie damit gerechnet. Wie hatte Gustav gemeint: "Sie schlagen nicht immer sofort zu, aber sie werden dann kommen, wenn du glaubst, jetzt bin ich sicher vor ihnen." Henriette tastete im Dunkeln nach der Schublade des Bettschränkchens, in der sie Gustavs alte Pistole aufbewahrte, und versuchte, sich zu erinnern, was er ihr erklärt hatte. Sie nahm die Pistole, entsicherte und lud durch, stand auf und tappte zur Tür. Angst kannte sie nicht. Warum auch? Entweder konnte sie Gustavs letzten Wunsch erfüllen oder das Schicksal hatte was anderes für sie vorgesehen. Und wenn man auf die hundert Jahre zuging, war der Gedanke an den Tod nicht mehr so erschreckend und furchterregend neu. Hauptsache, er kam plötzlich und sie musste nicht leiden.

Lautlos öffnete sie die Tür und schlich im Nachthemd, auf nackten Füßen die Treppe hinunter. Und wieder polterte es im Parterre. Das kam davon, wenn man unbefugt in ein Haus eindrang, kein Licht zu machen wagte und nicht wusste, wo die Möbel standen und was alles auf dem Fußboden lag. Ja, sie waren im Wohnzimmer. Henriette öffnete leise die Tür. Viel sehen konnte sie nicht, durch das große Fenster zur Straße fiel gerade genug Licht einer Straßenlaterne, um drei schattenhafte Umrisse zu erkennen.

"Hände hoch!", brüllte Henriette.

Alle drei Schatten fuhren zu ihr herum, und einer kam bedrohlich schnell näher. Sie nahm die Pistole hoch und schoss. Der Krach war schrecklich, so laut, als wolle er ihr die Trommelfelle zerreißen, Trotzdem hörte sie den Schmerzensschrei einer hohen Stimme. Doch keine Sekunde später hatten auch die beiden anderen Gestalten kehrt gemacht und stürmten auf sie zu. Henriette schoss noch einmal, aber diesmal traf sie wohl nicht. Einer der Einbrecher rempelte sie so an, dass sie nach rückwärts stürzte und mit dem Hinterkopf gegen eine Schrankecke knallte, sie fiel hin und ein gnädiges Dunkel umhüllte sie. Das letzte Geräusch, an das sie sich später noch zu erinnern glaubte, war das Zufallen der Haustür.

Wie lange sie ohnmächtig im Wohnzimmer gelegen hatte, wusste sie nicht. Als sie frierend aufwachte, schien es schon zu dämmern. Mühsam rappelte sie sich auf und stellte sich auf die Füße, humpelte aus dem Zimmer und wählte im Salon die 110.


Die beiden Streifenpolizisten warfen nur einen Blick ins Wohnzimmer, einen zweiten auf das große Fenster zur Straße - in der Scheibe zeichnete sich ein Spinnennetzmuster ab - und telefonierten mit der Zentrale. Gut eine Viertelstunde später rollten Kriminalpolizei, Arzt und Spurensicherung an. Zwei Frauen gingen auf Henriette zu, die grau, blass und erschöpft in einen Sessel sank.

"Frau Schilde? Guten Morgen, wir sind von der Kriminalpolizei, mein Name ist Caroline Heynen, das ist meine Kollegin Ellen König. Können Sie uns erzählen, was hier passiert ist?"

Bei Henriette machten sich jetzt Müdigkeit, Entspannung und Erschöpfung bemerkbar. Sie gähnte und hatte Mühe, die Kriminalhauptkommissarin zu verstehen. Die Kriminalkommissarin Ellen König sah sich derweil verstohlen um. Sie hatte noch nie ein Haus betreten, das so unordentlich und bis in den letzten Winkel mit Möbeln, Gerümpel, Säcken, Kisten und Kartons vollgestellt war. Ein Fall fürs Vormundschaftsgericht? Der Fußboden war nur noch in den schmalen Pfaden zu sehen, die zwischen den Sachen verliefen und gerade noch ein vorsichtiges Balancieren erlaubten. Aber die alte Frau schien noch bei klarem Verstand zu sein, wenn auch jetzt übermüdet und nicht mehr fähig, sich zu konzentrieren.

Der Arzt kam aus dem Wohnzimmer in den Salon und murmelte: "Menschenblut, Caro."

Die Haustür war aufgebrochen worden, was die Einbrecher sonst noch an Unordnung verursacht hatten, fiel in dem Durcheinander der über das ganze Erdgeschoss ausgebreiteten Gerümpelsammlung gar nicht auf.

Henriette Schilde hatte zweimal geschossen, einmal einen Menschen getroffen und verwundet, der viel Blut verloren hatte, und mit dem zweiten Schuss die Scheibe des Wohnzimmerfensters zerstört.

"Was können die Einbrecher hier gesucht haben?"

"Ich weiß es nicht." Henriette Schilde gähnte herzzerreißend und der Art brummelte warnend vor sich hin. Caro Heynen hörte auf ihn.

"Gut, Frau Schilde, alles andere verschieben wir auf morgen. Gibt es jemanden, den wir benachrichtigen sollen, damit Sie heute nicht alleine in der Villa bleiben müssen?"

Henriette schüttelte energisch den Kopf: "Nein, danke. Meine Tochter arbeitet und braucht ihren Schlaf. Meine Enkelin würde sich nur fürchten."

"Oder sollen wir Sie in ein Hotel bringen?"

"Nein, danke, auch nicht, wenn Sie so nett wären und mir die Treppe hinaufhelfen könnten. Ich komme dann gut allein zurecht."

Fast hätte sie es geschafft, die Pistole an sich zu bringen, aber Caroline Heynen war schneller. "Tut mir leid, Frau Schilde, die müssen wir beschlagnahmen."


Die dralle Blondine und der ältere Mann mit den eisengrauen Drahthaaren hatten von seinem Auto aus die Villa beobachtet. Als es zweimal knallte, richtete sie sie sich auf und fragte besorgt: "Was war denn das?"

"Zwei Schüsse", erwiderte er gleichmütig.

"Schüsse? Wer soll denn da geschossen haben?"

"Ich habe doch gewarnt, die Alte ist zäh und unberechenbar."

Mehrere Minuten später wurde die Haustür von innen geöffnet. Ein schlanker, tief gebräunter Mann mit schlohweißen Haaren kam heraus, gefolgt von einem glatzköpfigen Riesen, der eine Gestalt auf seinen Armen trug. Im Licht der nächsten Straßenlaterne konnten die Blondine und der Eisengraue sehen, wie das Trio zu einem großen, neben der Einfahrt geparkten Schlitten ging. Der Riese legte die Gestalt vorsichtig auf die Rückbank, die Männer stiegen ein und fuhren los.

"Gehen wir rein?",erkundigte sich die Blondine etwas später.

"Nach der Schießerei? Bist du verrückt? Willst du dir auch eine Kugel einfangen?"


Die Blondine schien enttäuscht, sagte aber nichts mehr. Zwei Minuten später drehte auch er den Zündschlüssel und fuhr los. Sobald sie die dunkleren Straßen der Außenbezirke erreicht hatten, legte er eine Hand auf ihren Schoß. Sie seufzte und zog ihr kurzes Röckchen so weit hoch, dass er ungehindert seine Hand zwischen ihre Oberschenkel zwängen konnte.


Der Arzt nickte und der Weißhaarige legte noch einen weiteren Schein auf den kleinen Stapel, den er bereits hingeblättert hatte.

"Sie können sie mitnehmen, sobald sie aufgewacht ist", sagte der Arzt. "Aber die Wunde muss spätestens alle zwei Tage kontrolliert werden, sie darf sich auf keinen Fall entzünden. Haben Sie ärztliche Hilfe in ihrem Versteck?"

Der Weißhaarige, der trotz seiner Haare erst Anfang vierzig sein mochte, nickte nur wortlos. Zwei Stunden später konnten sie losfahren. Der Riese mit der spiegelblanken Glatze saß am Steuer und fuhr zum Hauptbahnhof. Dort stieg er aus und würde auf einen Zug ins Ausland warten müssen, der Weißhaarige rückte hinter das Steuer. Er fuhr zum Flughafen, wo sein Privatjet auf ihn wartete. Die beiden Piloten halfen ihm, die Verwundete auf eine Sitzreihe zu betten und anzuschnallen. Der Jet war die erste Maschine, die nach Endes de Nachtflugsperre abhob.