Der dritte Tempel

Roman

Albrecht Gralle


ISBN: 978-3-944257-37-2
1. Auflage 2013, Altenau (Deutschland)
© 2013 Hallenberger Media GmbH, Altenau

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Umschlagabbildung: Unter Verwendung des Bildes 109061225 von menorah (Shutterstock).
Alle Rechte vorbehalten.

Inhalt

Die Personen und die Handlung in diesem Roman sind frei erfunden, die politischen, kulturellen und religiösen Verhältnisse und Hintergründe sowie die im Buch genannten Institutionen existieren wirklich.

Diese Geschichte könnte also eines Tages Wirklichkeit werden.

Prolog

96 n. Chr., Damaskus, Provinz Syria

 

Die alte Frau tastete nach der Tischkante. Der rasche Wechsel vom grellen Nachmittagslicht in das kühle Dämmerlicht des Lehmhauses ließ die Gegenstände im Dunkeln verschwimmen. Sie hatte diesen Zeitpunkt gewählt, weil alle draußen auf ihrem Stück Land vor der Stadt arbeiteten und sie in Ruhe ließen. Denn Ruhe brauchte sie bei dieser Arbeit.

 

Hoffentlich ist noch niemandem aufgefallen, dass mein Name auf der Liste fehlt!

 

Sie setzte sich. Ihre Augen gewöhnten sich allmählich an das Zwielicht.

Langsam atmete sie aus und ein, als wappnete sie sich für eine wichtige Handlung.

„Ich habe das viel zu lange hinausgeschoben“, murmelte sie, stand auf und kniete sich ächzend neben die Wand, vor der eine einfache Strohmatratze lag.

Sie schob sie zur Seite, hob den Bastteppich an und wischte mit der Hand über den Boden. Unter dem Lehmstaub wurde etwas Rundes sichtbar: ein verrosteter Metalldeckel, den sie jetzt hochhob. Darunter stand in einem quadratischen Loch ein Holzkästchen, so groß wie eine Männerfaust. Sie hob es heraus, blies den Staub vom Deckel und stellte es auf den Tisch.

Im Ofen, der zwar von außen befeuert wurde, aber eine Öffnung nach innen hatte, fand sie noch Glut und zündete damit die Öllampe an, die an einer Kette von einem Deckenbalken hing.

Sie setzte sich wieder, öffnete das Kästchen und entnahm ihm ein schmales Goldblech, so dick wie ein Stück Pergament, eine Scherbe geschliffenes Glas und eine Eisennadel. Sie legte das Gold vorsichtig auf den Tisch, hielt das Glasteil vor ihre Augen und fing an, winzige Buchstaben in das Blech zu ritzen, während sich ihre Lippen bewegten.

Von draußen hörte sie Lärm, laute Männerstimmen. Sie horchte erschrocken auf.

 

Ob sie jetzt kommen?

 

Leise stand sie auf und schob den Riegel von innen vor. Sie musste zuerst ihre Arbeit zu Ende bringen.

Hastig schrieb sie weiter, las halblaut die Worte, die sie in das Gold geritzt hatte, und nickte dabei.Mit der rechten Hand griff sie sich an den Hals und zog ein Schmuckstück unter dem Brusttuch hervor, das an einem Lederband hing. Mit zitternden Händen löste sie die Lederschnur und betrachtete die blinkende Silberkapsel, die so lang war wie ihr Zeigefinger. Wachs verschloss die untere Seite des Kleinods. Am oberen Teil war eine Öse für die Schnur angebracht. Rings um die Kapsel zogen sich feine Verzierungen.

Sie kratzte das Wachs ab, holte eine kleine Kugel aus Blei heraus, schob das leicht eingerollte Goldblech in die Kapsel hinein, das den Innenraum ganz ausfüllte, hakte die Öllampe aus und stellte sie auf den Tisch.

 

Plötzlich hämmerte jemand gegen die Tür. Die alte Frau zuckte zusammen und arbeitete fieberhaft weiter: Sie nahm die Bleikugel, klopfte sie mit einem Stein etwas breiter und drückte sie mit zitternden Händen in die Öffnung der Kapsel.

Mit dem Zipfel ihres Kopftuchs am einen Ende drehte sie das andere Ende der Kapsel mit dem Bleiverschluss so lange über der Flammenspitze, bis der Pfropfen schließlich mit der Kapsel verschmolz.

 

Gott segne meinen Vater, den Silberschmied, der mir dieses Gold überlassen und mir einiges beigebracht hat!

 

Das Klopfen wiederholte sich und wurde drängender.

Hastig fädelte sie die Lederschnur durch die Öse und hing sich die Kapsel um den Hals.

„Reclude!“, brüllte jemand auf Latein.

„Ja, ja, ich schließe gleich auf!“

Die Nadel legte sie in den Holzkasten und stellte das Ganze wieder in das Versteck, über das sie den Teppich und die Matratze legte.

„Geschafft“, sagte sie zu sich selbst, blies die Lampe aus und ging zur Tür.

 

Ich muss so tun, als ob ich keine Angst hätte.

 

Grelles Licht empfing sie. Für einen Augenblick war sie geblendet und sah nur den Umriss zweier Gestalten. Bevor sie etwas sagen konnte, rief der eine schon auf Latein: „He! Frau! Heißt du Rabea?“

Sie richtete sich auf und sah den Mann an. Er war ein römischer Soldat. Auf seiner roten Stirn unter dem Lederhelm standen Schweißperlen. Er war es wohl, der die Sätze geschrien hatte. Der andere, ein Mann mit zwei Papyrusrollen unter dem Arm, war einen Kopf kleiner und blickte zu Boden. Ein paar Nachbarn mit halbwüchsigen Kindern hatten sich eingefunden.

Sie nickte, sagte: „ Rabea sum“, und trat aus dem Haus.

 

Mein Gott, das sind sie. Sie haben es also doch gemerkt!

 

„Du fehlst auf der Opfergabenliste für den Kaiser und ein paar andere auch. Wahrscheinlich hast du es vergessen?“

 

Nun ist es also so weit, Herr!

 

Ihr Unterkiefer zitterte und sie musste gewaltsam die wenigen Zähne, die ihr geblieben waren, aufeinanderbeißen.

„Wir haben hier deinen Namen, Rabea, aber es fehlt das Zeichen auf der Liste, dass du ordnungsgemäß im kleinen Tempel oberhalb der Stadt dem Kaiser geopfert hast. Wenn du mit uns zum Tempel hinaufgehst, dann kannst du das Versäumte nachholen.“

Das Latein war zu schnell für sie und der andere Mann musste es ihr ins Aramäische übersetzen.

„Non ascendo“, sagte die alte Frau leise, aber bestimmt.

„Was? Wie? Du gehst nicht mit hinauf? Sollen wir dich etwa hintragen?“ Der Soldat stieß ein bellendes Lachen aus, bei dem Rabea zusammenzuckte.

„Ich opfere dem Kaiser nicht, weil ich Christin bin.“

Der Satz kam langsam, stockend, aber deutlich auf Latein, damit es keine Missverständnisse gab.

Einer der Jungen, die dabeistanden, drehte sich um und rannte zielstrebig in eine Richtung davon.

Der Mann mit den Papyrusrollen unter dem Arm, offenbar ein Schreiber, stöhnte. „Schon wieder jemand! Es werden immer mehr.“ Er beugte sich zu Rabea hinüber und sagte schnell auf Aramäisch: „Hör mal, ich bin auch Christ. Das ist ein neues Gebot unseres Kaisers. Es ist doch nur ein kleiner, formeller Akt, nichts weiter. Was du in deinem Herzen glaubst, bleibt dir überlassen und geht niemanden etwas an.“

„He, Mann! Was flüsterst du da?“, rief der Soldat und stieß den Schreiber in die Seite.

„Ich habe ihr nur gut zugeredet, sonst nichts.“

„Also!“, der Soldat sah Rabea an. „Willst du nun die Opferung durchführen oder nicht? Es dauert so lange, wie du brauchst, um deinen Bauch zu erleichtern.“

„Nein. Ich werde nicht opfern.“

„Dann müssen wir dich festnehmen.“

Er nickte dem Schreiber zu, der Rabeas Hand ergriff und sie festhielt. Offenbar dachte er, es sei überflüssig, eine alte Frau zu fesseln.

„Tut mir leid, aber es geht nicht anders.“

„Ich möchte mich noch von meiner Familie verabschieden“, sagte Rabea langsam.

„Bei Mercurius, wir können uns hier nicht tagelang aufhalten“, brummte der Soldat. „Wo sind deine Leute?“

Rabea blickte sich hilfesuchend um, da sah sie ein paar Menschen, die auf sie zukamen. Ihr Gesicht hellte sich auf. „Da kommen sie schon!“

 

Der Junge hat wohl allen Bescheid gesagt.

 

Bald waren die beiden Männer von wild gestikulierenden Menschen umringt, die alle durcheinanderredeten. Der Schreiber ließ Rabeas Hand los, weil er nicht damit rechnete, dass sie weglaufen würde. Es wäre sowieso sinnlos gewesen.

In der allgemeinen Aufregung machte Rabea einem jungen Mädchen ein Zeichen und es trat schüchtern neben sie.

Unter ihrem Gewand holte Rabea ihre kleine Kapsel am Lederband hervor und drückte sie mitsamt dem Lederriemen ihrer Enkelin in die Hand. Dann blickte sie sie durchdringend an und flüsterte: „Bewahre den Schmuck gut auf und gib ihn deiner Tochter, bevor du stirbst, und sage ihr, sie solle ihn dann ihrer Tochter geben, bevor sie stirbt. Er soll unter den Frauen von Generation zu Generation weitergegeben werden. Verstehst du mich? Das ist wichtig.“

Das Mädchen nickte ernsthaft ein paar Mal, dann ging es zu den anderen.

 

Seufzend fuhr sich der römische Soldat über die schweißnasse Stirn.

„Ich glaube, Krispus, wir haben es hier mit Verrückten zu tun. Sie wollen alle nicht dem Kaiser opfern. Wegen einer lächerlichen Opfergabe setzen sie ihr Leben aufs Spiel. Was ist das für eine Religion, die so etwas fordert?“

Er nahm seinen Helm ab, fuhr sich über die feuchten Haare und setzte lachend hinzu: „Bevor sich die neue Religion durchsetzt, sind ihre Anhänger ausgestorben! Aus lauter Korrektheit. Komisch, nicht?“

Krispus, der Schreiber, verzog den Mund zu einem Lächeln, aber seine Augen lachten nicht mit.

„Stupidi sunt!“, brummte der Soldat und setzte seinen Helm wieder auf.

Kapitel 1: Jerusalem, 11. April 2002

Rabbi Aharon Gildenau und Rabbi Jaakov Rekinski kämpften sich durch die Altstadt von Jerusalem. Sie brauchten dazu keine Waffen, sondern nur ihre Hände und Schultern. Der Kampf bestand in dem schwierigen Unterfangen, sich durch eine entgegenkommende Menschenmasse zu drängen. Die Stände an den Seiten, die sie für ein Ausweichmanöver hätten nutzen können, waren mit Körben, Geschirr und jetzt sogar mit herabhängenden Fleischstücken versperrt, auf denen sich Schmeißfliegen niedergelassen hatten.

Um die beiden Männer herum erklang ein Akkord, der aus Eselsgeschrei, dem kehligen Rufen der Händler und dem Quaken eines Transistorradios bestand. Und jetzt war auch das scheppernde Geräusch von Blech zu hören. Wahrscheinlich war ein Turm aus Töpfen umgefallen.

„Warum sind die Straßen der Altstadt nur so irrsinnig schmal?“, fragte Aharon. Und es war klar, dass er keine Antwort erwartete.

Aber er bekam trotzdem eine: „Damit die Diebe nicht so schnell durchkommen“, lachte sein Kollege und fuhr fort: „Zum Glück dauert es nicht mehr lange.“

 

Das Machon Hamikdasch, das Tempelinstitut, zu dem sie unterwegs waren, befand sich nicht weit von hier im jüdischen Viertel der Altstadt. Sie würden zu spät kommen, aber die Nachricht, die sie mitbrachten, war einfach sensationell. Was machte es da schon aus, verspätet einzutreffen? Sie würden von einem historischen Ereignis berichten! Oder noch besser: von einem Wunder!

 

Den Geruchsmix aus Schweiß, Olivenöl und ausgelaufenem Benzin, der von einem süßlichen Duft gekrönt wurde, nahmen sie kaum noch wahr. Vermutlich wäre ihnen die frische Luft am Meer bei Aschkelon seltsam leer vorgekommen.

Rabbi Aharon bog als Erster in die Tiferet-Jisrael-Straße ein, die etwas ruhiger war, ließ den Bagel-Shop, von dem es verführerisch duftete, rechts liegen und wandte sich am Ende der Straße nach links in die Misgav-Ladach-Straße. Eine Gruppe von amerikanischen Touristen, unvermeidlich in Jerusalem, die von einem Mann mit einer schmalen Fahnenstange in der Hand angeführt wurde, drängte sich an ihm vorbei.

Bei der Nummer 36, die schon leicht angeschlagen war, prangte ein Schild, auf dem auf Ivrit, dem modernen Hebräisch, und auf Englisch Tempel Institut stand.

Er wartete, bis Jaakov ihn eingeholt hatte, dann betätigte er die altersschwache Klingel. Als sich nichts rührte, ließ er den Metallklopfer gegen die Holztür fallen.

Schließlich öffnete ein Mann die Tür, nickte, als er die beiden Männer sah, murmelte „Schalom“ und ging den Flur entlang, die Treppen zum ersten Stock hinauf in ein Zimmer, das mit einem halben Dutzend Männer gefüllt war. Die meisten davon trugen Vollbart. Unter manchen Jacken hingen die Fransen des Gebetsschals heraus.

Ein zustimmendes Begrüßungsgemurmel war zu hören und jemand sagte: „Wir haben schon mal angefangen. Ich hoffe, ihr habt etwas Neues zu berichten.“

Aharon setzte sich nicht hin, sondern rief: „Etwas Neues? Wir haben eine Sensation mitgebracht, Brüder!“

Alle drehten sich überrascht dem Sprecher zu.

„Nun? Dann sind wir gespannt!“

Jetzt ergriff Rabbi Rekinski das Wort. „Ihr wisst, dass wir Kontakt zu einer Farm aufgenommen haben, die von einem Kibbuz betrieben wird.“

„Habt ihr etwa …?“, fing jemand an.

„Nur ruhig. Wir kommen gleich dazu. Wir brauchen ein Notebook.“

Ein dürrer, blasser Mann ohne Bart stand auf, ging ins Nebenzimmer und kam mit einem Notebook zurück, klappte es auf, stellte es an und alle warteten. Keiner sagte etwas.

Jaakov griff in seine Jackentasche, holte eine kleine Digitalkamera heraus und schloss sie mit dem mitgebrachten Kabel an den tragbaren Computer an, drückte ein paar Tasten und richtete sich auf, während die Kamera die Bilder auf das Notebook lud. Er blickte lächelnd zu Aharon, der jetzt das Wort ergriff: „Brüder! Voller Stolz möchten wir euch die ersten Bilder einer jungen roten Kuh zeigen, die in Ärätz Jisrael gezüchtet wurde und nach unseren Untersuchungen koscher ist.“

 

Der Satz schlug ein, als wäre ein leibhaftiger Engel ins Zimmer getreten. Ein Seufzen und Raunen ging durch den Raum. Einer der Männer fing an, einen Psalm zu beten. Ein anderer stützte den Kopf auf und weinte leise vor sich hin. Nur ein Mann mit weißem Bart lehnte sich zurück und betrachtete kühl die anderen in der Runde.

„Hier sind die ersten Bilder.“

Auf dem Monitor wurde es kurz dunkel, dann erschien im Vordergrund Rabbi Aharon, der, die Hände auf die Hüften gestützt, lachend vor einem hölzernen Pferch stand, während im Hintergrund eine Kuh mit ihrem rötlichen Kalb dumpf in die Kamera blickte.

Es folgten Großaufnahmen von dem jungen Tier. Die Farbe war tatsächlich Rot. Auf dem nächsten Bild hingen ein paar Gestalten über dem Gatter, in dem die Tiere waren, und hatten zur Begrüßung die Hand gehoben. Einer machte grinsend ein Victoryzeichen mit Zeige- und Mittelfinger.

Jaakov schaltete das Notebook auf „Diashow“ und ließ es aufgeklappt stehen, während die Bilder der roten Kuh alle fünf Sekunden wechselten.

Lange Zeit sagte niemand etwas.

„Ein historischer Moment“, fing der junge Mann an, der das Notebook geholt hatte.

„Möge Adonai es schenken, dass der Bau des dritten Tempels während unserer Lebenszeit geschieht“, flüsterte ein alter Mann, der sich mit den knotigen Händen durch seinen grauen Bart fuhr.

„Adonai segne den Farmer“, murmelte ein anderer. „Er ist ein Werkzeug des Höchsten! Ja, das ist er!“

„Ich denke“, sagte der Alte mit dem weißen Bart zögernd, „es ist zunächst einmal eine rote Kuh. Es kommt darauf an, was man damit macht.“

„Es ist nicht nur eine rote Kuh, Jizchak“, rief der junge Mann. „Es ist die rote Kuh, die wir brauchen, und das weißt du.“

Ein paar verstörte Blicke flogen zu dem Weißbärtigen hin, aber die meisten ließen sich durch den Wortwechsel nicht beeindrucken, sondern betrachteten weiter ehrfürchtig und stumm die Bilder der roten Kuh, von der sie wussten, dass sie ihr Leben verändern würde.

Kapitel 2: Berlin, Annenstraße, 20. Mai

Als Selma von der Party zurückfuhr und gerade von einem Minibus überholt wurde, wirbelte der Wind die trockenen, rosafarbenen Blüten der Zierkirschen am Straßenrand auf und ließ sie wie Konfetti auf ihren blauen Golf fallen. Für eine Sekunde wurde ihre Windschutzscheibe mit Blüten bedeckt und sie war gezwungen, langsamer zu fahren und den Scheibenwischer einzuschalten, bis die Bäume und Häuser der Annenstraße wieder vollständig sichtbar wurden.

Diese Straße, das fiel ihr wieder einmal auf, sah gar nicht so aus, als sei sie Teil einer Weltmetropole. Sie wirkte eher so, als gehörte sie zu einem gewöhnlichen Vorort irgendeiner Stadt in Deutschland. Aber sobald man abbog, das blaue U-Bahn-Schild in der Heinrich-Heine-Straße entdeckte, einen Doppeldeckerbus vorbeirauschen sah oder hundert Meter weiter im orientalisch anmutenden Stadtteil Kreuzberg durch die Straßen ging und holländische, englische oder arabische Sprachfetzen hörte, wusste man, dass man in einer Weltstadt wohnte.

Als Selma weiterfuhr und zusah, wie die Wischblätter die zarten Blätter hin- und herschoben wie roten Schnee, lächelte sie unwillkürlich über die tapferen Bemühungen des Scheibenwischers, der eigentlich nicht für Blüten konstruiert war. Aber dann verlor sich ihr Lächeln, als ihr Wohnblock in Sicht kam.

Im Wohnzimmer brannte Licht. Und sie meinte, dass sie das Licht aus- und das Flurlicht angemacht hatte, als sie gegangen war.

 

Oder habe ich es umgekehrt gemacht?

Ein Glück, dass Fabi bei seinem Freund übernachtet hat. Wenn ihm etwas zugestoßen wäre …

 

Sie bremste und schaltete in den zweiten Gang zurück, der immer etwas hakte. Eigentlich hätte sie den Golf schon längst in die Werkstatt bringen müssen. Es war überhaupt die Frage, wie lange sie sich den Wagen noch leisten konnte.

Aber das war jetzt nicht entscheidend. Wichtig erschien ihr nur das eine: ob jemand in der Wohnung war oder nicht.

 

Mit einem mulmigen Gefühl schob sie sich in eine Parklücke, stieg aus und nahm gedankenverloren eine Handvoll des Kirschblütenkonfettis von der Motorhaube. Langsam ließ sie die Blüten auf den Gehweg rieseln.

 

Warum sollte ein Einbrecher das Licht im Flur ausmachen und es im Wohnzimmer anmachen?

 

Sie gab sich selbst die Antwort.

 

Damit er im Hellen bequem nach Wertsachen suchen kann.

 

Im Gehen fischte sie nach ihrem Schlüssel, der in der Innentasche ihrer Jacke klimperte. Ein paar Blüten, die von ihrem Jackenärmel abgefallen waren, hatten sich auf den Schlüsselanhänger gelegt.

Als das Licht vor der Haustür automatisch anging, zögerte sie mit dem Aufschließen.

 

Und wenn dieser … dieser Unbekannte jetzt noch in der Wohnung ist? Gut, dann werde ich als Erstes in die Küche gehen, mir die alte Pfanne mit dem dicken Metallboden schnappen und alles absuchen …

 

Sie ging die Stufen hinauf in den ersten Stock und legte ihr Ohr an die Wohnungstür.

Nichts.

Leise steckte sie den Schlüssel in das Schloss und drehte ihn um. Vor Schreck schloss sie die Augen, als die Tür in den Angeln quietschte. Sie lauschte. Wieder nichts.

 

Es wäre nicht schlecht, jetzt einen Mann dabeizuhaben, der …

Nein! Nein! Nicht diese Mitleidstour! Arme, alleinstehende Mutter sucht starken Mann, um sie vor Einbrechern zu beschützen. Bitte melden Sie sich umgehend bei Selma Ravenberger-Schmittke!

Ich habe es schließlich selbst gewollt und Ron aus der Wohnung geschmissen, mitsamt seinen diversen Flaschen. Also, beklag dich nicht, Selma. Sei tapfer und schlage um dich. Wäre das neue Brotmesser nicht sogar besser als eine Pfanne?

 

Sie machte das Flurlicht an, sah im Spiegel kurz ihr schmales, angespanntes Gesicht mit den halblangen, dunklen Haaren, die von einer hellen Strähne aufgelockert waren, und schnupperte. Kam es ihr nur so vor oder hing eine neue Geruchsnote in der Luft? Irgendetwas Rauchiges …

 

Der Kerl hat in meiner Wohnung Zigaretten geraucht!

 

Diese Erkenntnis, verbunden mit einer aufkeimenden Wut gegen den unbekannten Raucher, ließ ihre Angst plötzlich zusammenschrumpfen. Jetzt überwog der Zorn auf diesen Eindringling, der es gewagt hatte, ihr Refugium mit Zigarettenqualm zu verpesten.

 

Oder war es vielleicht Ron, der noch einen alten Schlüssel von der Wohnung hat? Natürlich! Es kann nur Ron sein. Vielleicht hat er nur ein paar Papiere geholt, die er braucht. Alles ganz harmlos. Trotzdem kann er nicht einfach so in meine Wohnung hineinspazieren, ohne mich zu fragen. Ich muss das Schloss auswechseln!

 

Aber es hätte auch ein Fremder sein können, der immer noch in der Wohnung war und sich nur versteckt hatte. Sie ging zügig in die Küche, holte das Brotmesser, das in der Spülmaschine lag, leicht verkrustet vom Schwarzbrotschneiden, und ging mit entschlossenem Gesichtsausdruck ins Wohnzimmer.

Auf dem Holzboden lagen noch Fabians diverse Stofftiere wild zerstreut, als hätte ein Kampf stattgefunden. Und ein Karton stand daneben, der zu einem Spielhaus umfunktioniert worden war und über ein grob ausgeschnittenes Fenster verfügte.

Aber sonst konnte sie nichts entdecken. Sie rannte in den Flur zurück und betrat das Badezimmer. Nichts. Und da konnte sich bestimmt niemand verstecken, außer er hätte magische Kräfte und würde wie Supermann unter der Decke schweben.

Vorsichtshalber blickte sie nach oben, sah aber nur den Fleck, der sie schon seit Ewigkeiten ärgerte.

Kinderzimmer, Schlafzimmer. Unter dem Bett nachschauen, die Schranktüren aufmachen. Wieder nichts. Also niemand.

„Meine Güte, Selma! Was regst du dich so auf! Wahrscheinlich hast du dich getäuscht.“ Sie redete, seit ihr Mann ausgezogen war, ab und zu laut mit sich selbst.

Erleichtert zog sie die Jacke aus, legte das Messer wieder in die Spülmaschine und ließ sich im erleuchteten Wohnzimmer auf den Sessel fallen.

Und dann sah sie es. Die mittlere Schublade der von ihr selbst abgebeizten Jugendstilkommode war nicht ganz geschlossen.

Untypisch für sie. Das würde sie nie machen. Sie schob immer alle Schubladen hundertprozentig zu, weil sie es hasste, wenn etwas halb offen stand.

Mit einem leichten Kribbeln unter der Kopfhaut erhob sie sich und zog an dem Messinggriff. Rasch wischte sie die Bedienungsanleitungen ihrer technischen Geräte zur Seite, die dort aufbewahrt lagen, und tastete nach der länglichen Blechdose mit der Aufschrift Nürnberger Lebkuchen. Selma schloss die Augen, weil sich die Dose viel zu leicht anfühlte. Und als sie den Deckel öffnete, war klar, dass jemand hier gewesen sein musste.

Eine Halskette aus falschen Perlen lag einsam und wie verloren auf dem Grund der Dose: der kümmerliche Rest ihres Schmucks.

 

„Verdammt“, fluchte sie, warf die Dose in die Schublade, knallte sie zu, schwankte auf die Couch zu und ließ sich auf die Polster fallen.

Sie hätte gerne geweint, aber sie konnte noch nicht weinen, weil sie in Gedanken allen Schmuck durchging, der gestohlen worden war. Der goldene Ring mit dem Bernstein, die kostbare Brosche ihrer Mutter, die für ihren Geschmack zu klobig war. Der Stoffsack mit den kanadischen Goldmünzen. Der war allein schon achttausend Euro wert. Die Korallenketten, das silberne Armband, der Diamantring, die Kette mit der Silberrolle und eine ähnlich aussehende Kapsel, ein Mitbringsel aus Griechenland Alles Dinge, die sie beruhigt hatten, weil sie einen gewissen Wert darstellten, den man im Notfall zu Geld machen konnte. Die Silberrolle eher nicht und auch nicht das griechische Souvenir. Sicher, die Silberrolle hatte auch ihren Wert, aber sie erinnerte sie mehr an ihre Großmutter. Diesen Schmuck hätte sie niemals verkauft. Warum hatte sie nicht schon vor Jahren in ihrer Bank ein Schließfach gemietet?

Sie stand auf, weil ihr ein Gedanke gekommen war. Vielleicht hatte der Dieb etwas verloren, als er die Dose geleert hatte? Und jetzt fiel ihr ein, dass sie möglicherweise seine Fingerabdrücke verwischt hatte. Aber nein. Er hatte bestimmt Handschuhe getragen.

Wenn Ron das gewesen war, dann … dann würde sie ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, anzeigen! Sie war fertig mit ihm.

 

Selma machte auch die Stehlampe an, kniete sich auf den Boden und suchte auf dem Teppich und dann unter der Kommode.

Mit der Hand stieß sie gegen etwas Rundes. Sie griff danach und hielt eine halb volle Flasche Wodka in der Hand. Ein Überbleibsel aus dem Kampf mit dem Alkohol. Und sie hatte gedacht, dass ihr alle Verstecke Rons bekannt gewesen wären und dass sie alles vernichtet hätte, was sie an Ron erinnerte.

Wieder legte sie sich auf den Boden und tastete weiter. Nichts.

Doch, jetzt fühlte sie eine dünne Kette. Was konnte das sein? Richtig, das uralte Erbstück ihrer Großmutter, die Silberrolle, die eigentlich zu nichts passte. Selma zog, aber irgendwie schien sich das Teil verkantet zu haben und saß fest.

Also die Kommode zur Seite rücken und darauf achten, dass die Kabel nicht von den Lautsprechern abgingen!

Es gab ein leises, aber unschönes Geräusch, ein Knirschen, als ob etwas zerdrückt worden wäre. Noch einmal hob sie die Kommode hoch und drückte sie zur Seite.

Als Selma sich jetzt wieder hinkniete und mit ihrer Hand das frei gewordene Teil herausholte, sah sie die Bescherung: Die kleine Silberrolle war zerquetscht worden und das Metall an der dunklen Unterseite war aufgerissen.

„Auch das noch!“, seufzte Selma, nahm das Schmuckstück wie einen verletzten Vogel in die Hand und setzte sich damit wieder auf die Couch.

Während sie den Schmuck genauer betrachtete, um den Schaden festzustellen, sah sie, dass das Silberstück zu ihrer Überraschung eigentlich hohl war. Ihre Aktion hatte den Boden aufgerissen. Als Selma die Rolle, die in Wirklichkeit eine Kapsel war, hin und her drehte, entdeckte sie, dass sich drinnen etwas bewegte. Das war vorher nie zu hören gewesen.

„Ich werd verrückt, da ist etwas drin“, murmelte sie, rannte in die Küche und holte aus der Werkzeugschublade eine kleine Flachzange.

Mit ein paar Griffen bog sie die eine Seite weiter auf, schüttelte das Schmuckstück und sah mit großen Augen etwas Gebogenes, Goldenes herausgleiten.

Mit dem Zipfel ihrer Jacke nahm sie das Gold behutsam auf und betrachtete es. Sie wagte nicht, das gerollte Teil geradezubiegen, aus Angst, es zu zerbrechen. Es war so dick wie starkes Papier und mit irgendetwas bekritzelt. Sie drehte es vorsichtig hin und her und sah eine unbekannte Schrift, die teilweise unterbrochen war:

 

 

Die Schrift kannte sie nicht. Sie sah aus, als hätte sie jemand ohne Kunstverständnis geschrieben, und während sie ihren Fund betrachtete, hatte Selma den Eindruck, dass dieses Stück Gold, das schon so lange im Familienbesitz war, eine Botschaft enthielt, die weit zurückreichte. Ein paar Buchstaben waren unleserlich. Etwas Dunkles hatte sich über das Gold gelegt.

„Okay“, sagte sie sich. „Zuerst die Polizei und dann ein Lexikon oder jemand vom Museum oder … oder irgendein Archäologe.“

Sie drehte das Gold hin und her, das unter dem Licht einen sanften Glanz entfaltete.

 

Aber von dem Gold werde ich der Polizei nichts erzählen, sonst nehmen sie es mir womöglich ab.

Kapitel 3: Regensburg, 11. Oktober 1762

Tagebuchaufzeichnungen des Pfarrers Andreas Hermlinger

 

So sich nun mein Leben mählich dem Ende nahet, will ich es unterfangen, einige Geheimnisse, die mir auf dem Herzen brennen, niederzuschreiben. Da ich durch mein Beichtversprechen gebunden bin, es nicht mit meinem Munde zu thun, so thue ich es mit Gänsefeder und Tinte und werde dieses, mein Buch, so zu verstecken wissen, auf daß es nur durch die Vorsehung Gottes eines Tages gefunden werden mag.

 

Erstens, betreffend der Magd Gudrun, die mir gestanden, dass sie in ihrer großen Noth ihr Neugeborenes, welches sie die ganze Zeit ihrer Schwangerschaft verstecket gehalten unter viel Gewänder, nach der Geburt aus ihrem Schoße zu Tode gebracht habe. Dies aber nicht aus Mißachtung des Kindes, sondern aus großer Angst vor ihrem Herrn, der ihr gedrohet habe, sie zu verjagen, wollete sie die Schwangerschaft publico offenbaren.

Mit viel Weinen und Klagen habe ich selbiger Magd nach großer Reue und Buße und nach Sprechen vieler Vaterunser endlich durch Gottes Güte ihr Gewissen gereiniget und geläutert durch die Lossagung ihrer großen Schuld. Der Herr erbarme sich ihrer auch ferner.

Kapitel 4: Berlin Mitte, 22. Mai

Vincent blickte auf die Uhr in seinem braunen Lieferwagen: Fünf Minuten hinter seinem Zeitplan! Und jetzt verengte sich die Fahrbahn auch noch auf eine Spur.

Er blickte auf seinen Zettel am Armaturenbrett und stellte am Navigationsgerät eine neue Adresse ein. Von dem Lichtspiel, das die Sonne in der Krone eines frisch belaubten Lindenbaumes zauberte, der eben rechts an ihm vorbeischwebte und dabei Hunderte von Grüntönen aufleuchten ließ, bemerkte er nichts.

„Nach hundert Metern an der nächsten Straße links abbiegen“, sagte die sanfte Frauenstimme aus dem Navigator.

„Und wie soll ich das bitte schön machen, wenn hier alles verstopft ist?“

Aber die Frauenstimme reagierte nicht und wiederholte nur geduldig ihre Anweisung. Sie stand über den Dingen. Vincent bremste, weil der Opel vor ihm langsamer fuhr und schließlich ganz hielt.

„Ein Scheißjob, dieser Paketdienst“, brummte Vincent und sah zum Beifahrersitz hinüber, auf dem eine offene Pappschachtel lag. Eine kleine Figur aus Bronze, halb ausgewickelt, schimmerte aus dem Seidenpapier.

 

Plötzlich klopfte es an die Scheibe und Vincent sah das Gesicht seines Mitbewohners Nick, der die Beifahrertür öffnete.

„Wo kommst du denn her?“, fragte Vincent überrascht.

„Einkaufen.“

„Der nächste Weg!“

„Es gibt hier einen guten Laden für herabgesetzte Klaviernoten. Kannst du mich ein Stück mitnehmen?“

„Klar. Aber im Augenblick stecken wir fest.“

Nick reagierte nicht auf Vincents Bemerkung und wollte sich auf den Beifahrersitz schwingen, zögerte aber, als er die Schachtel sah. Vincent griff danach und legte sie auf die Ablage vor der Windschutzscheibe.

„Was ist das denn?“, fragte Nick.

„Eine kleine Götterfigur.“

Nick griff danach und nahm sie neugierig in die Hand.

„Eine Göttin!“, stellte er fest, als er die überproportionierten Brüste sah.

„Ja“, antwortete Vincent leicht genervt, „es ist eine babylonische Ischtar. Ich habe sie in einem Trödelladen gefunden.“

„Wow! Ist die echt?“

Vincent schnaubte durch die Nase. „Quatsch. Eine Nachbildung, sonst hätte ich sie wohl kaum bezahlen können.“

„Und warum …? Ich meine, so furchtbar animierend wirkt sie nicht auf mich.“

Vincent wurde ärgerlich. Es widerstrebte ihm, seine Kostbarkeit mit diesem … diesem Kunstbanausen zu teilen, der zwar ganz gut Klavier spielte, aber das war auch schon alles. Andererseits wollte er auch ganz gerne darüber reden.

„Meine Güte! Es kommt doch nicht darauf an, ob sie mich anmacht! Dann hätte ich mir irgendwelche Pornos besorgt. Sie stellt eher … die Heiligkeit des Lebens dar, so eine Art ehrfürchtige Fruchtbarkeit.“

Nick blickte zweifelnd auf die Bronzefigur.

„Sieht eher derb und … und etwas brutal aus.“

„Tja, das Leben ist auch manchmal brutal.“

„Und was machst du damit? Stellst du sie in dein Regal?“

„Mal sehen. Ich will sie auf jeden Fall zu unserer Gruppe mitnehmen. Sie passt zu unserem neuen Thema: Heiligkeit.“

Der Opel vor ihnen fuhr weiter. Vincent schaltete in den ersten Gang und ließ die Kupplung kommen.

„Ach, deine neue religiöse Gruppe …“

„Ja, so ist es.“

„Pass auf, Vincent!“, sagte Nick und in seinen Worten schwang ein leiser Spott mit. „Eines Tages gründest du noch eine neue Religion und …“

„Bei der nächsten Kreuzung links abbiegen“, sagte die Stimme aus dem Navigationsgerät.

Vincent stellte den Lautsprecher aus. „Ja, ja, spotte nur. Was du sagst, ist gar nicht so weit hergeholt. Wir haben schon einen neuen Namen für Gott: Allja. Eine Mischung aus Allah und Jahwe.“

„Wer ist Jahwe?“

„Mann, du hast ja wirklich keine Ahnung. Jahwe ist der jüdische Name für Gott.“

„Und was macht ihr da so? Singt ihr Lieder und werft euch vor dieser nackten Hängebrustgöttin auf den Boden?“

Vincent seufzte innerlich. Es war mühsam, mit einem Menschen zu reden, dem jede Antenne für Religion fehlte.

„Quatsch. Ich werde einen Vortrag halten über die Heiligkeit in den Religionen. Wir suchen etwas Verbindendes und …“

„Übrigens, mal was ganz anderes“, unterbrach ihn Nick. „In welche Richtung fährst du ungefähr?“

Vincent erklärte es ihm.

„Dann lass mich bei der nächsten U-Bahn-Station raus.“

„Gerne.“

 

Gegen halb fünf stieg Vincent müde aus der S-Bahn Nordbahnhof und ging die wenigen Schritte zu seiner Wohnung in der Invalidenstraße. Er wohnte verkehrsgünstig und hatte sich deshalb kein Auto angeschafft. Die zentrale Lage hatte aber auch Nachteile: das Kreischen der Straßenbahn, das Vibrieren der S-Bahn und die Lautsprecherstimmen. Aber die Wohnung, die er mit Nick teilte, hatte einen Südbalkon und in Sichtweite lag ein kleiner Park mit Bänken und einem Miniteich.

Als Vincent die Tür aufschloss, empfing ihn der Sauerkrautgeruch, der seit gestern in den Räumen hing, weil Nick die Küchentür nicht zugemacht hatte und die Küche keinen richtigen Abzug besaß. Nur ein Gebläse mit Filterpapier.

Dass Sauerkraut auch so durchdringend riechen musste!

Mit Nachdruck machte Vincent die Küchentür zu, zog die Schuhe aus und ließ sich auf den altersschwachen Sessel fallen. Mit den Zehen angelte er nach dem Beistelltischchen und legte die Füße darauf.

Erschöpft schloss er die Augen. Er nickte kurz ein, schreckte auf und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Dann stutzte er, als er in seiner Jackentasche etwas fühlte.

Es war die kleine Götterfigur, die er heute erstanden hatte. Er holte sie heraus und stellte sie neben seine Füße.

Unbewegt starrte ihn die nackte Frau mit den übertrieben weiblichen Formen an.

„Fruchtbare Heiligkeit“, murmelte Vincent und nahm seine Beine herunter, weil ihm einfiel, dass eine Göttin wahrscheinlich nicht neben stinkenden Männersocken stehen wollte.

 

In der Küche schob er eine lauwarme Tasse Kaffee in die Mikrowelle und blickte, während der Motor summte, aus dem Fenster: Ein Stück Brachland mit ungemähten Halmen und brauner Erde war zu sehen und weiter hinten eine Baustelle. Seine Augen wanderten zu der Reproduktion einer Ikone, die seit Neuestem über dem Küchenfenster hing. Sie stellte den heiligen Antonius dar, in dessen Oberkörper Pfeile steckten und der seltsam entspannt an einem Baum festgebunden war. Sein Gesicht mit der schmalen Nase, dem dünnen Bart und den großen Augen blickte streng und erhaben den Betrachter an. Er schien keine Schmerzen zu spüren.

„Heiligkeit“, murmelte Vincent. „Es ist seine Heiligkeit, die ihn so schmerzfrei werden lässt und die …“

Der Klingelton der Mikrowelle unterbrach seine Gedanken. Er nahm die heiße Tasse heraus, die irgendwo einen feinen Riss haben musste, sonst wäre sie nicht heiß geworden.

Es genügt ein feiner Riss in der Heiligkeit und du spürst die Hitze der Schmerzen, sinnierte Vincent und war selbst erstaunt über diesen Gedanken.

 

Beim nächsten Versammlungstermin würde er mit den anderen zusammen an einer neuen Grundlage ihrer eigenen Religionen weiterbauen.

Wozu brauchte man die starren Formen der kirchlichen Frömmigkeit, wenn man ein neues religiöses Gebäude errichten konnte?

 

Wir leben im Zeitalter der Baumärkte.

 

„Religion im Zeitalter der Baumärkte“, sagte er laut. Ja, das klang gut. Das klang modern, ungewöhnlich und praktisch.

Er setzte sich auf den Balkon und stand schon wieder auf, weil ihn der ungeleerte Aschenbecher von Nick störte.

„Dieses Schwein!“, murmelte Vincent, brachte den Aschenbecher in die Küche und schüttete die Kippen in den Abfalleimer. Dann ging er zurück, nahm einen Zettel und schrieb seine Gedanken auf: „Ischtar – heilige Fruchtbarkeit – altbabylonische Rituale erklären – die Heiligkeit als Baustein einer neuen Religion – wir leben im Zeitalter der Baumärkte – Tasse mit feinem, fast unsichtbarem Riss in der Mikrowelle lässt Hitze spüren – deshalb auf vollkommene Heiligkeit achten – Porzellan ohne Riss hat einen klaren, hellen Klang – der helle Klang der Heiligkeit …“

 

Vincent blickte auf und sah auf das große, weiße S auf grünem Grund, das die S-Bahn-Station wie eine Standarte krönte. „S wie Sanktus“, murmelte er.

War es nicht seltsam, dass das S weiß war, wie die Farbe der Heiligkeit, und der Hintergrund grün, wie die Farbe der Hoffnung und des Lebens? Ob das nur Zufall war? Wohl kaum. Er fühlte sich, als ob er von irgendwoher inspiriert worden wäre. Und war er das nicht auch? War es denn Zufall, dass er andere begeistern konnte von seiner Idee einer neuen Religion, die wie ein bunter Regenbogen die Farben aller Religionen enthielt?

Er sah es förmlich vor sich, wie immer mehr Menschen zusammenströmten, um zu ihrer neuen Gemeinschaft zu gehören und ihm zuzuhören. Bald würden sie ein Haus bauen müssen, um die Massen unterzubringen. Ein Haus mit Säulen. Und er würde erhöht auf einem Podium stehen, angestrahlt von unsichtbaren Scheinwerfern, die wie zufällig über seinem Kopf eine Art Strahlenkranz aufleuchten ließen …

Vincent nippte an seinem Kaffee und verlor sich ein wenig in Allmachtsgefühlen. Dann hatte er eine Idee. Er stand auf, ging in sein Zimmer und stellte sein Notebook an. Er öffnete eine Internetsuchmaschine, überlegte kurz und tippte dann die Wörter Heilige Gegenstände ein. Von der Fülle an Informationen wurde er fast erschlagen. Staunend las er einen Artikel.

 

Zu den geheimnisvollsten heiligen Gegenständen, deren Heiligkeit sogar fühlbar war, gehörte die sogenannte Bundeslade, die Aron Haberit (Schrein des Bundes) oder Aron Hakadosch (Heiliger Schrein). In ihr wurden während der Blütezeit des Salomonischen Tempels die Zehn Gebote aufbewahrt. Die Aron Haberit war ein Kasten aus vergoldetem Akazienholz, auf dem zwei Cherubimengel aus Gold knieten, deren Flügel sich an den Spitzen berührten.

Irgendwann zwischen dem 9. Jahrhundert und dem Jahr 587 v. Chr., das die erste Zerstörung Jerusalems einleitete, muss die Bundeslade verschwunden sein. Es gibt verschiedene Theorien darüber, wo sie sich befinden könnte.

Im Zusammenhang mit dem Aufbau eines dritten jüdischen Tempels wäre dieser heilige Gegenstand von unschätzbarem Wert.

Es gibt Gruppierungen innerhalb des Judentums, die jetzt dabei sind, heilige Gegenstände zu sammeln, um bereit zu sein, sie in diesem neuen Tempel zu weihen. Unter anderem wurde schon im Jahr 2002 in Israel eine rote Kuh gezüchtet, die …“

 

Vincent schüttelte verwundert den Kopf, als er weiterlas.

 

Eine rote Kuh? Was für seltsame Sachen es doch gibt … Aber die Geschichte von der Bundeslade sollte ich weiter ausbauen.

 

Langsam schlenderte er wieder zum Balkon und zu seinen Notizen und fügte hinzu: „Einer der geheimnisvollsten Gegenstände ist die hebräische Bundeslade – verschwunden – unauffindbar – ein unschätzbarer heiliger Gegenstand für einen möglichen dritten Tempel.“

 

Versonnen betrachtete er die Straßenbahn, die unten vorbeifuhr, ging nach ein paar Minuten zum Kleiderschrank und suchte zwischen den Kleiderbügeln, bis er sein helles Sakko gefunden hatte, das zu dem schwarzen Hemd und der dunklen Hose sehr gut passte. Er wollte sicher sein, dass alles sauber war und er nichts reinigen oder waschen musste. In ein paar Tagen wollte er bei Iris Eindruck schinden und sie dazu bewegen, seinem religiösen Club beizutreten. Sie hatte sich ein paar Tage freigenommen, um ihn in Berlin zu besuchen.

Und diese … diese Sache mit der Bundeslade würde er weiterverfolgen. Gab es nicht sogar einen Film darüber, in dem Indiana Jones und die Nazis hinter der Bundeslade her waren?

 

Der Jäger des heiligen … nein, des verlorenen Schatzes. Richtig.

 

Sollte er duschen? Zu viel Aufwand. Heute würde ja doch niemand mehr bei ihm vorbeikommen und Nick störte es nicht. Und zu einem Besuch in der Eckkneipe musste man nicht frisch gewaschen sein. Er würde mit dem Waschlappen schnell seinen Oberkörper erfrischen und ein Deo nehmen. Das genügte. Vor allen Dingen: alte Klamotten. Der Kneipengeruch hielt sich sonst zu lange in den guten Kleidern. Aber die Zähne würde er putzen. Das war immer gut.

 

Religion im Zeitalter der Baumärkte! Ein wunderbarer Satz. So nüchtern und klar. Und gleichzeitig wegweisend, vorwärtsdrängend!