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Gin Phillips

Wenn die Nacht
anbricht

Roman

Deutsch von Mechthild Barth

btb.eps

Alabama im Sommer 1931: Die neunjährige Tess Moore sitzt allein auf der hinteren Veranda des Hauses und genießt die laue Nachtluft, den Duft von frischem Maisbrot und die Gesprächsfetzen, die vom Haus herüberwehen, als sie beobachten muss, wie eine Frau wortlos ein Baby in den Brunnen der Familie wirft. Die Tat setzt eine Reihe von Ereignissen in Gang, die Tess und ihre ältere Schwester Virgie zwingen, den Blick auf das Leben jenseits der eigenen Haustür zu richten. Die Wirtschaftskrise hält die ganze Welt in Atem. Kohlebergbau, Hunger und Rassismus bestimmen den Alltag in Carbon Hill. Und während Tess und Virgie versuchen, den Mord aufzuklären, sind die Einwohner des Städtchens auf gegenseitige Hilfe angewiesen. Und allmählich rücken sie immer enger zusammen …

GIN PHILLIPS lebt in Birmingham, Alabama. Sie wuchs auf mit zahlreichen Geschichten über Carbon Hill aus den 20er und 30er Jahren, wo ihr Roman spielt. Ihr Urgroßvater arbeitete dort als Grubenarbeiter, ihre Großtante wohnt noch immer in dem Haus, das er damals gebaut hatte. Und dort verbrachte Gin Phillips viel Zeit, um an ihrem Roman zu schreiben. »Wenn die Nacht anbricht« ist ihr Debüt, das zunächst bei einem kleineren Verlag erschien. Dank Mundpropaganda eroberte das Buch die Herzen der Leser im Sturm, es wurde mit wichtigen Preisen ausgezeichnet und 2009 bei Riverhead erneut veröffentlicht. Der Roman erscheint in zahlreichen Ländern. Mehr zur Autorin unter: www.ginphillips.com

Die amerikanische Ausgabe erschien 2008 unter dem Titel
»The Well and the Mine« bei Hawthorne Books, Oregon,
und 2009 bei Riverhead / Penguin, New York.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Januar 2011

Copyright © 2007 by Gin Phillips

All rights reserved including the right of reproduction
in whole or in part in any form.

This edition published by arrangement with Riverhead Books,
a member of Penguin Group (USA) Inc.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2011
by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

UB · Herstellung: SK

ISBN 978-3-641-05310-9

Für Virginia Kirby, Clara Trimm, Roy Webb und Carson
Webb – ihr seid viel besser als jede Fiktion. Ich liebe euch.

Vorwort

Das erste Mal traf ich Gin Phillips 1997 in Birmingham in Alabama, als ich den Ko-Vorsitz des Birmingham-Southern College GALA Weekend Women of Distinction Awards innehatte. Gin Phillips war die Studentin, die mir für das Wochenende als Begleitung zugewiesen worden war. Während wir von einer Veranstaltung zur nächsten eilten, erwähnte sie, dass sie gern Schriftstellerin werden würde. Da Studenten diese Idee immer wieder äußern, wünschte ich ihr alles Gute und vergaß dann das Ganze wieder. Als ich einige Zeit später jedoch einen Brief von Hawthorne Books erhielt, in dem ich gebeten wurde, das Buch einer jungen Autorin aus Alabama zu lesen, durfte ich überrascht und erfreut feststellen, dass es sich um genau jene Gin Phillips handelte und sie offenbar nicht nur davon gesprochen und geträumt, sondern sich tatsächlich hingesetzt und ein Buch geschrieben hatte. Und nicht nur das: Es ist auch ein wunderbares Buch geworden!

Ich kenne Alabama gut. Wenn die Nacht anbricht erschuf diese Landschaft für mich aufs Neue. Allerdings lässt der Roman nicht nur den Ort vor dem inneren Auge des Lesers aufsteigen, sondern auch das dortige Leben – beziehungsweise mehrere solcher Leben –, eine Kleinstadt und eine Familie voller Hoffnungen, Eigenarten und heimlicher Ängste. Das Dasein besteht für die Moores vor allem aus den wesentlichen Dingen: aus harter Arbeit, aus der Familie sowie dem Geschmack und dem Geruch des Landes und der Heimat. Ihre Welt kreist um Carbon Hill, eine Kleinstadt mit dreitausend Einwohnern. Damals gab es noch keine »Fireside Chats« (eine Serie von dreißig Radioansprachen Franklin D. Roosevelts, die zwischen 1933 und 1944 ausgestrahlt wurde – Anm. d. Ü.), kein übriges Geld für eine Zeitung und im Radio nur die gelegentliche »Grand Ole Opry« (seit 1925 die langlebigste Radioshow der USA). Das Alabama des Jahres 1931 wird in diesem Roman greifbar und lebendig. Das Gewebe dieser Geschichte besteht aus den häuslichen Details, der Art, wie eine Mutter damals die Böden wusch, bis hin zum Flackern der Lichter während eines Gewitters. Es ist ein Stoff, dicht gewebt aus dem Alltag und der erschöpfenden Tätigkeit beim Kohleabbau. Und es ist ein Stoff durchsetzt mit den Phantasien und Komplotten junger Mädchen.

Es besteht immer die Gefahr, die Vergangenheit zu idealisieren, sie nostalgisch zu verklären und eine solche Geschichte zu einem Abklatsch der Waltons zu machen. Denn zugegebenermaßen ist es eine verlockende Vergangenheit – mit unversperrten Haustüren, engen Familienbanden, gemeinsamen Abendessen voller Gespräche und Gelächter und noch ohne Fernsehapparat. Doch haben wir es hier keineswegs mit einer Verklärung zu tun. Es wird nämlich auch eine Vergangenheit voller Widrigkeiten dargestellt – mag es die Barriere zwischen den Ethnien oder eben ein Säugling in einem Brunnen sein. Hinter dem gesüßten Eistee und den langen Nächten auf der Veranda lauert stets die Tragödie, greifbar nahe und immer im Bereich des Möglichen. Für einen Bergarbeiter gehörte der Gedanke, dass er am Abend vielleicht nicht mehr nach Hause kommen könnte, ebenso zum Morgen wie ein Becher Kaffee. Die Moores leben ohne Sicherheiten, ohne Schutz vor dem Schlimmsten. Sie haben nur Albert Moores Gesundheit und seinen Lohn.

Der Roman beginnt mit einem Baby, das in einen Brunnen geworfen wird. Trotzdem ist er auch humorvoll und unterhaltsam. Es gibt darin keine vorhersehbaren Muster.

Wenn man Tess und Virgie dabei zusieht, wie sie Carbon Hill nach der Brunnenfrau durchsuchen, wenn man mit Albert in die Gruben hinabgeht oder Leta auf dem Weg in ein Birminghamer Krankenhaus begleitet, dann folgt man ihnen stets hautnah.

Sie werden die Figuren vermissen, sobald Sie dieses Buch zuklappen. Wenn die Nacht anbricht schenkt einem nicht nur Figuren, die man nicht mehr vergisst – es schenkt einem eine ganze Welt!

FANNIE FLAGG

Autorin von Grüne Tomaten

1 Der Ruf des Wassers

Tess

Nachdem sie das Baby hineingeworfen hatte, glaubte mir lange Zeit niemand ein Wort. Aber ich hörte immer wieder dieses Platschen.

Die hintere Veranda liegt direkt vor unserer Küche. Sie hat breite graubraune Dielen, zwischen denen man leicht einen Penny verlieren kann, wenn man nicht aufpasst. Die Bretter waren von der Augusthitze noch ganz warm, aber das Atmen fiel weniger schwer als während des Tages. Nach dem Abendessen befanden sich alle auf der vorderen Veranda, so dass ich für mich sein konnte – mit nichts als der Nacht und den Bäumen um mich und einem schmalen Mond, der aussah, als wäre er aus dem Himmel gestanzt. Der Garten duftete stärker als das übrig gebliebene geröstete Maisbrot und die Erbsen mit Zwiebeln. Eine leichte Brise schlich auf Zehenspitzen über die Veranda und trug die Gerüche von vergangenen und kommenden Mahlzeiten mit sich, ebenso wie einen Hauch von Papas Zigarette und Bruchstücke des Gesprächs auf der Veranda vor dem Haus. Es war die beste Zeit des Tages, um in der Nähe des Brunnens zu sitzen, dessen Holzbottich eine Ecke der Veranda einnahm, während ich in der anderen saß.

Damals liebte ich den Brunnen.

Ich lehnte mich an die Küchentür und blickte durch die Holzstäbe des Geländers, auch wenn ich nichts außer Schwarz sah. Obwohl keine Wolken den Mond oder die funkelnden Sterne verdeckten, war es dunkel. Durch das Licht, das aus der Küchentür fiel, konnte ich den äußeren Rand der Veranda erkennen. Die Frau bemerkte mich jedoch nicht. Manchmal holten sich die Hudsons von unten ihr Trinkwasser bei uns – sie hatten keinen eigenen Brunnen –, und so glaubte ich zuerst, dass es Mrs. Hudson sein müsse. Aber Mrs. Hudson war wie ein Vogel, und diese Frau war groß und schwer und hatte Schultern wie ein Mann. Sie nahm jeweils zwei Stufen auf einmal. Dann wuchtete sie den schweren Deckel vom Brunnen, wie das sonst nur ein Mann tat – ohne Schwierigkeiten.

Zuerst bemerkte ich den Säugling nicht, weil er unter ihrem Mantel versteckt war. Doch dann holte sie ihn heraus, ein regungsloses, bohnenförmiges Bündel, das so dick eingewickelt war, als ob Januar wäre. Ich hätte sie mit fünf, sechs Schritten erreichen können – wenn ich mich von der Stelle gerührt hätte.

Einen Moment lang hielt sie das Bündel wie ein Baby unter ihr Kinn gedrückt, als wollte sie es in den Schlaf wiegen. Sie flüsterte etwas. Die Decke rutschte vom Köpfchen herab, und ich konnte ein Stück Haut sehen. Dann warf sie es hinein. Einfach so. Kurz nach dem Aufschlag im Wasser – es war ein leises, schwaches Geräusch – wuchtete sie den eckigen Deckel wieder hoch und schob ihn mit sicheren Bewegungen genau an die dafür vorgesehene Stelle. Trotz ihres Gewichts ächzten die Verandabretter nicht, als sie danach verschwand.

Das Platschen war weniger das Geräusch des Kindes, wie es im Wasser aufschlug, als vielmehr ein kurzer Aufschrei, den mein Brunnen von sich gab. Er klang entsetzt und aufgewühlt, als wüsste er, dass sich etwas Schreckliches in seinem Inneren befand.

Als riefe er mich um Hilfe.

Ich spürte, wie meine Zähne in meine Unterlippe bissen – vielleicht sogar so heftig, dass Blut kam. Aber ich war trotzdem leiser als eine Maus und auch regloser. Mäuse rascheln wie Murmeln, wenn sie davonflitzen.

Nach langer Zeit – ich weiß nicht wie lange – drückte Virgie von innen gegen die Tür. Ich erkannte das Geräusch ihrer Schritte auf den Dielen und rutschte zur Seite, so dass sie den Kopf aus der Küche strecken konnte. Virgie hatte einige Zikadenhüllen wie Broschen an ihrem Kragen befestigt. Früher trugen wir sie den ganzen Sommer über in Reihen wie Knöpfe an unseren Blusen. Aber da sie im nächsten Jahr auf die Oberschule kommen sollte, würde sie die Zikaden bald nicht mehr tragen. Sie war dann endgültig zu groß dafür.

»Wir sind alle vorn. Warum versteckst du dich hier hinten?« Sie schaute zu mir hinunter und dann zum Brunnen. »Ich wette, du tätst den Brunnen heiraten, wenn er dir einen Ring anstecken würde.«

Hinter dem Brunnen war es pechschwarz. Jene Art von Dunkelheit, die einen glauben lässt, man würde gegen eine Wand prallen, wenn man hineinliefe. Die Frau war verschwunden.

»Eine Frau hat da grad ein Kind reingeworfen«, erklärte ich.

Virgie sah mich eine Weile an. »In den Brunnen?«

Ich nickte.

Sie lachte, und ich wusste, ohne sie anzusehen, dass sie mit den Augen rollte. »Red keinen Unsinn, und komm lieber rüber.«

»Es stimmt aber!« Mein Mund war der einzige Teil meines Körpers, den ich noch zu bewegen vermochte. Es kam mir vor, als hätte ich in den Verandabrettern Wurzeln geschlagen.

»Niemand ist in der Nähe des Brunnens gewesen. Hör auf, Geschichten zu erzählen.«

Sie wusste genau, dass ich keine Geschichten erzählte. Ich schluckte, und das löste meine Füße vom Boden. Also schob ich mich mit dem Rücken an der Tür nach oben und machte einen Schritt auf den Brunnen zu. »Aber sie war hier! Eine große Frau mit einem Baby im Arm. Und dann hat sie das Baby einfach reingeworfen.«

»Warum sollte sie so was tun, während du ihr zusiehst?« Sie sagte das, als wäre sie erwachsen und nicht erst vierzehn und damit nur fünf Jahre älter als ich.

»Sie hat mich nicht gesehen.« Meine Stimme klang schrill, und in meiner Brust schmerzte es, so sehr wollte ich, dass sie mir glaubte. Ich trat an den Brunnen und versuchte, den Deckel wegzuschieben, aber er war zu schwer. »Schau selbst rein.«

»Du spinnst.«

»Virgie«, flehte ich.

Es schien ihr leidzutun, und sie trat zu mir, um mir über die Haare zu streichen, wie Mama das immer tat, wenn ich mich über etwas aufregte. »Vielleicht hast du’s geträumt. Vielleicht hast du beobachtet, wie jemand an der Veranda vorbeigeht, und dann hast du’s dir vorgestellt.«

»Nein, hab ich nicht. Wir müssen in den Brunnen schauen.«

»Woher weißt du, dass es ein Baby war?«

»Es war eins.«

»Hat’s geweint?«

»Nein.«

Jetzt wirkte sie doch etwas beunruhigt und starrte in die Nacht hinaus, anstatt mich anzuschauen. »Vielleicht hat jemand seinen Abfall reingeworfen, um uns zu ärgern. Aber wer würde so was tun?«

»Das war kein Abfall. Es war ein Baby. Und jetzt sag ich’s Papa.«

Ich drehte mich um, ging ins Haus und marschierte zur vorderen Veranda. Virgie folgte mir dicht auf den Fersen. In dieser letzten Augustwoche gab es abends genug Wind, um das Gesicht zu kühlen, aber nicht genug, um einen Tag voll heißem Sonnenschein wegzupusten. Gegen Ende des Sommers war die Sonne immer doppelt so groß wie sonst. Wir blieben alle im Freien, bis es Zeit war, ins Bett zu gehen. Papa und Mama saßen in ihren Schaukelstühlen. Mama schälte Erbsen, und Papa rauchte eine Zigarette. Sie wurden von den Lampen im Wohnzimmer angestrahlt. Papa war noch immer rußig, obwohl er schon mehrmals sein Gesicht und seine Hände gewaschen hatte. Er war mehr bläulich als rabenschwarz.

Virgie sagte es, bevor ich dazu kam. »Tess sagt, sie hat gesehen, wie jemand was in den Brunnen geworfen hat.«

Papa nahm mich an der Hand und zog mich zu sich. Er legte einen Arm um meine Taille und setzte mich auf seinen Schoß. Ich fasste nach seiner ledrigen Hand, ehe ich mich enger an ihn schmiegte.

»Was hast du gesehen, Tessie?«

»Da war eine Frau, Papa. Und sie hatte ein Baby in einer Decke im Arm, und dann hat sie’s in den Brunnen geworfen.« Ich sprach langsam und bedächtig.

Papa hob mit seinem Fingerknöchel mein Kinn an. »Da draußen ist’s dunkel. Vielleicht hast du nur Schatten gesehen.«

Ich schüttelte den Kopf, bis sich eine Haarsträhne aus meiner Schleife löste. Meine Haare lösten sich immer von selbst. (Virgie fiel ihr blondes Engelshaar bis zu den Schultern herab, und sie drehte es zu Locken, so dass sie wie eine der Frauen aus den Zeitschriften aussah, die es am Kiosk zu kaufen gab.)

»Ich hab sie gesehen. Ehrlich. Ich hab an der Tür gelehnt, und mir wurde kalt, und deshalb wollte ich grad reingehen. Aber dann hab ich bemerkt, wie sie die Straße entlangkam. Ich weiß nicht, wer die Frau war, ich hab sie noch nie gesehen. Sie ist direkt auf unser Haus zu, also bin ich sitzen geblieben und hab gewartet, und beinah hab ich »Hallo« zu ihr gesagt, als sie die Stufen raufkam. Aber dann ist sie nicht auf die Tür zu, sondern vorm Brunnen stehen geblieben. Sie hat sich umgeschaut, den Deckel weggetan und das Kind reingeworfen. Dann ist sie wieder gegangen.«

»Ich glaub, jemand hat einen Sack mit Abfall oder ein totes Eichhörnchen oder so was reingeworfen, um uns zu ärgern«, meinte Virgie.

Ich sah Papa in die Augen. »Es war ein Baby. Ich schwör’s.«

»Du sollst nicht schwören, Tess«, tadelte er mich und schüttelte ein wenig den Kopf. Dann blickte er in die Dunkelheit hinaus. Zwei Glühwürmchen starteten gleichzeitig in die Nacht.

Mama wirkte verwirrt, und die Furchen in ihrer Stirn schienen tiefer als gewöhnlich. »Warum sollte sie’s in unseren Brunnen werfen?«

Virgie funkelte mich empört an. »Jetzt hast du Mama traurig gemacht.«

Albert

Ich glaubte ihr nicht, als sie mir davon erzählte – obwohl ihr Gesicht kalkweiß und ihre Augen so groß wie zwei Silberdollar waren. Sie haben alle Letas Augen – erdfeuchte Augen. Tief wie fruchtbare Erde.

Das Mädchen ist immer eine Träumerin gewesen, aber Geschichten hat sie nie erfunden. Es ging ihr nie darum, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Manche Mädchen in ihrem Alter tun so etwas. Und es ergab keinen Sinn, was sie da erzählte. Gütiger Himmel – keine Frau würde ihr Kind in einen Brunnen werfen!

Aber Tessie ließ nicht locker. Sie lag mir damit immer wieder in den Ohren. Untypisch für Tessie. Sie war sonst ein liebes Kind. Sie wollte gemocht werden und brachte ungern jemanden gegen sich auf. Das heißt allerdings nicht, dass es ihr an Temperament fehlte. Sie war biegsam, aber zerbrechlich war dieses Mädchen nie.

In jener Nacht, in der sie so aufgewühlt war, hob ich den Deckel des Brunnens an und blickte hinein. Aber sie meinte, ohne Licht könne ich nichts erkennen. Tagsüber, wenn es hell ist, war ich jedoch nie zu Hause. Da arbeitete ich. Also versprach ich ihr, am nächsten Abend mit einer Lampe hineinzuleuchten, damit wir es uns genau ansehen konnten.

Wenn ich etwas gut konnte, dann war es, mit einem Licht in die Dunkelheit leuchten. Ich kannte die Dunkelheit. Ich war von ihr gezeichnet. Sie klebte für immer in den Falten meiner Ellbogen, in den Linien meiner Hände und unter meinen Fingernägeln. Ich konnte sie hinten in meinem Rachen schmecken, und mitten in der Nacht hustete ich sie aus. Oben im Tageslicht sortierten und säuberten Männer die Kohle, die wir förderten. Sie suchten Schiefersplitter heraus, während sie in der Sonne die Augen zusammenkniffen und sich ihre Haut bräunte. Zu diesen Männern gehörte ich nicht. Ich war nicht viel älter als Tess, als ich anfing, mich um die Maulesel zu kümmern, mich an die Stunden ohne Sonnenlicht zu gewöhnen, tiefer und tiefer hinabzusteigen, meine Stiefel immer neben den Hufen der Tiere. Ich gewöhnte mich an das Gewicht einer Hacke, den Geruch verbrannten Schießpulvers und das Brennen des Staubs in meinen Augen. Alles um mich herum war pechschwarz. Nur die schwachen, trüben Lampen auf unseren Köpfen und an den Wänden durchbrachen ein wenig die Finsternis. Man hätte also annehmen können, dass diese eine Sache, um die mich mein kleines Mädchen gebeten hatte, dieses eine Mal, als Tess fragte, ob ich mit meinem Licht für sie in die Dunkelheit hinableuchten könne, mir so leicht wie ein Atemzug fiele. Es hätte mich auch nur wenig Zeit gekostet. Aber selbst diese Zeit hatte ich für sie nicht. Ich dachte, dass hinter ihrer Geschichte nichts stecken würde und es keinen Grund für mich gab, die wenigen wertvollen Minuten zu vergeuden, die ich in meinem Schaukelstuhl sitzen und den Tag an mir vorbeiziehen lassen konnte.

Leta merkte am nächsten Tag, bevor ich nach Hause kam, dass ihr Eimer gegen etwas stieß, als sie Wasser heraufholen wollte, um damit Mais zu kochen. Sie zog den Eimer nach oben, und darin lag eine Decke.

Leta

Ich war mir sicher, dass wir alle krank werden würden. Ich mag noch immer nicht daran denken. Der arme Wurm. Aber im Trinkwasser …

Ich wollte warten, bis Albert von der Arbeit nach Hause kam. Als ich die Decke mit dem Morgenwasser heraufholte, wusste ich, dass Tess die Wahrheit gesagt hatte und wir das eigentlich hätten wissen müssen. Sie war ein gutes Mädchen. Ich ließ den Eimer nicht noch einmal hinunter, sondern legte die Decke neben den Brunnen. Dann eilte ich in den Laden und kaufte dort unter anderem einen neuen Blecheimer. Ich konnte mir nicht vorstellen, den alten noch einmal zu benutzen, wenn der Abend so verlaufen sollte, wie ich das annahm. Als die Mädchen und Jack aus der Schule kamen, erklärte ich ihnen, dass es zum Mittagessen Maisbrot und Milch geben würde. Ohne Wasser konnte ich nichts anderes kochen, und ich wollte das Wasser, das ich heraufgezogen hatte, auf keinen Fall benutzen.

»Du hast’s gefunden – nicht wahr, Mama?«, fragte Tess. Ihre Stimme klang heiser, und sie kaute an ihren Zöpfen. Diesmal tadelte ich sie nicht dafür.

»Ich hab eine Decke gefunden. Wir werden’s klären, wenn Papa nach Hause kommt.«

»Jetzt glaubst du mir – oder?« Sie schien besorgt zu sein, dass ich immer noch annehmen könnte, sie hätte das Ganze erfunden. Ich kniete mich vor sie hin, nahm ihr den Zopf aus dem Mund und küsste sie auf die Stirn, die bereits von weiß Gott was schmutzig war.

»Ja, ich glaub dir, Tessie. Und jetzt wasch dich. Es gibt gleich Essen.«

Zum Nachtisch goss ich frische Milch über Kratzbeeren. Keines der Kinder hatte etwas dagegen.

Als die letzten Sonnenstrahlen den Himmel erhellten, unsere Rücken vom langen Hinabschauen wehtaten und die Augen vom Blinzeln in der Dunkelheit müde waren, begriffen wir, dass wir eine Art Netz brauchten. Nachdem wir schließlich nicht mehr wussten, wie oft wir es schon versucht hatten, zog Albert endlich den großen Blecheimer mit einem winzigen blassen Arm heraus, der über den Rand hing. Das Baby war nackt, und es war ein Junge.

Meine Mama starb, als ich vier Jahre alt war, und ich erinnere mich noch daran, wie sie dalag auf dem Bett, die Laken voller Blut. Der Schweiß auf ihrem Gesicht war noch nicht getrocknet. Das Baby, das sie zur Welt gebracht hatte, sah ich zwei Tage später. Sein Gesichtchen war blau angelaufen und sein Körper so verschrumpelt wie ein vertrockneter Pfirsich. Ich hatte auch schon Kumpel mit ausgerissenen Augen und Armen gesehen, die nur noch an Hautfetzen von ihnen herabhingen, wie sie aus den Gruben nach Hause getragen wurden. Kein Anblick blieb mir jedoch so deutlich im Gedächtnis wie das Bild dieses kleinen angeschwollenen Etwas, das früher einmal ein Kind gewesen war und dessen Ärmchen jetzt über den Rand unseres Wassereimers baumelte.

Virgie

Ich dachte zuerst, sie hätte das Ganze nur erfunden, um sich wichtigzumachen. Tess war als kleines Kind unerträglich gewesen. Mama ließ mich oft mit ihr allein. Ich musste auf sie aufpassen, doch sie lief immer wieder davon, so dass ich sie zurückholen musste, wobei sie wie am Spieß brüllte. Der weiße Zaun um unseren Garten wurde extra wegen ihr aufgestellt. Dann lernte sie, wie man das Gatter öffnet. Sie machte sich um nichts Gedanken. Und als Jack geboren wurde, verpetzte sie ihn am Anfang ständig. Aber sie erzählte keine Lügen.

In jener ersten Nacht konnte sie nicht einschlafen. Doch ich sagte kein Wort. Ich fand ihr Verhalten töricht. Ich lag still da, war wütend auf sie und lauschte dem Schlaf, der aus dem restlichen Haus zu uns herüberwehte: Papas Schnarchen, Mamas ruheloses Hin-und-Her-Wälzen und Jacks Gemurmel, wenn er sich auf die andere Seite drehte. Ich hörte auch das Pfeifen des Zuges und den Wind, der an den Fensterscheiben rüttelte. Aber von Tess kein einziges Geräusch. Sie lag ebenso wach da wie ich, und ich wünschte ihr nicht einmal eine gute Nacht.

In der nächsten Nacht – in jener Nacht, als das Baby zugedeckt mit der feuchten Decke auf unserem Brunnen gelegen hatte und der Sheriff gekommen war, um es in einem Korb abzuholen – sprach Tess kein Wort mit mir. Ich beobachtete sie eine Weile, wie sie zu einem kleinen S zusammengerollt mit dem Rücken zu mir dalag, ehe ich zu ihr rutschte, obwohl sich die Lockennadeln dabei in meinen Kopf bohrten.

»Tessie«, flüsterte ich und kitzelte sie am Ohr. Sie zuckte kurz mit einer Schulter.

»Was?«

»Alles in Ordnung?«

Sie gab keine Antwort. Zuerst bohrte ich ihr meinen großen Zeh in die Fußsohle.

»Hör auf.«

Als Nächstes stieß ich ihn gegen ihre Wade.

»Lass das, Virgie«, zischte sie. »Du reißt mir die Haut auf mit deinem Zeh.«

»Dreh dich um.«

Sie gehorchte und sah mich schläfrig und gereizt an. Ihre hübschen schwarzen Locken waren über das Kopfkissen gebreitet, fielen ihr aber auch ins Gesicht. Sie strich sie zur Seite. Dann trat sie nach meinem Fuß. »Lass die Füße bei dir drüben.«

Ich schob meine Hand zu ihr hinüber und berührte ihren Arm.

»Lass auch die Hand drüben«, flüsterte sie wütend.

Ich drehte mich auf den Rücken und blickte eine Weile zur Decke hinauf, ehe ich ihre offenen Augen bemerkte. »Tut mir leid, dass ich dir nicht geglaubt hab.«

»Ich weiß«, erwiderte sie.

Das war alles.

Ich wachte einige Stunden später auf, weil sie im Bett um sich schlug, während das Mondlicht durch die Fenster hereinfiel. Sie hatte mir das Bettlaken weggezogen und sich in unsere Oberdecke (die mit den Rotkehlchen) wie in einen Kokon eingewickelt. Immer wieder trat sie mit den Beinen um sich und redete Unsinn. Ich verstand nicht, was sie sagte.

Leise rief ich ihren Namen. »Tess! Tess, wach auf!« Ich berührte sie an der Schulter und schüttelte sie sanft. »Tess, es ist alles in Ordnung. Wach auf!« Diesmal ein bisschen lauter. Sie murmelte weiter vor sich hin und warf sich hin und her. Ich legte eine Hand auf ihre Stirn, um zu sehen, ob sie Fieber hatte.

»Psst. Du träumst nur schlecht.«

Plötzlich rollte sie nach links und fiel – plumps – auf den Boden. Ich robbte hastig auf ihre Seite hinüber und blickte über den Bettrand. Kurz darauf tauchte ihr Kopf auf.

»Ich bin aus dem Bett gefallen«, erklärte sie. Sie rutschte etwas zur Seite, so dass der Mond ihr Gesicht erhellte und ich die Tränen sehen konnte, die ihr über die Wangen gelaufen waren. Aber ich sagte nichts.

Sie schaute sich um und sah dann mich und ihr leeres Kopfkissen an und wiederholte ohne ersichtlichen Grund: »Ich bin aus dem Bett gefallen.«

Mein Mund begann zu zucken. Ihrer auch. Schon bald kicherten wir so heftig, dass uns die Tränen über die Wangen liefen. Tess kletterte wieder ins Bett zurück, und wir rangen beide um Luft.

Schließlich beruhigten wir uns, deckten uns wieder zu und vergruben uns in den Federn. Ich spürte, wie mich der Schlaf nach unten zog. »Ich hab geträumt, dass ich mit ihm im Brunnen bin«, flüsterte sie. Doch ehe ich antworten konnte, waren wir beide eingeschlafen.

Albert

Es war folgendermaßen: Man musste sich ziemlich anstrengen, um den Deckel von dem Brunnen zu hieven. Er bestand aus einem viereckigen Stück soliden Holzes, das von meinem Ellbogen bis zu den Fingerspitzen reichte – die Öffnung war gerade breit genug, um den Eimer hinunterzulassen –, und saß fest an seinem Platz. Ich hatte ihn aus der Mitte der Brunnenabdeckung gesägt, ehe ich diese an die hölzernen Seiten genagelt hatte. So passte der Deckel genau. Durch den Regen, der über die Jahre darauf geprasselt war, hatte sich der Deckel verzogen, so dass es jetzt schwerer war, ihn herauszubekommen, vor allem an schwülen Tagen. Außerdem bestand er aus dickem Kiefernholz und war so unhandlich, dass Leta keuchte, wenn sie damit hantierte – obwohl sie für eine Frau recht kräftig war. Man musste wissen, wie man ihn anpackte, wo man die Finger darunterschieben musste, um ihn dann in einem Schwung hochzuheben. All das ließ mich vermuten, dass nur jemand, der uns dabei zugesehen hatte und deshalb wusste, wie es funktionierte, in der Lage gewesen sein konnte, ihn auf einmal herunterzuwuchten. Es konnte sich also um keine spontane Entscheidung gehandelt haben.

Tess

Mir fehlte mein Brunnen. In unserem Haus gab es nicht viel Platz für fünf Leute, selbst wenn einer von ihnen so klein war wie Jack. Vorne befand sich auf einer Seite das Wohnzimmer mit einer Tür, die auf die Veranda hinausführte. Das Zimmer, in dem Virgie und ich schliefen, lag auf der gegenüberliegenden Seite mit einer weiteren Tür auf die Veranda. Unser Zimmer war mit dem Schlafzimmer von Mama und Papa durch eine große Öffnung in der Wand verbunden – von unseren Kissen aus konnten wir gerade noch ihre Köpfe sehen, die sich nachts klein und reglos gegen das große verschnörkelte Kopfende des Bettes abhoben. Und von ihrem Schlafzimmer ging das Esszimmer ab, das wiederum mit der Küche verbunden war. Fünf Zimmer für fünf Personen. Die zwei offenen Feuerstellen – eine in jedem der Schlafzimmer – teilten sich einen Kamin. Im Winter schlossen wir die Tür, damit es in den Schlafzimmern warm blieb. Wärme soll man nicht verschwenden, meinte Mama, wenn sie wieder einmal durchs Haus lief und die Türen zuzog, die an den Rahmen kratzten, ehe sie ins Schloss fielen. Schiii-schankkk. Jack hatte sein eigenes Bett, weil er ein Junge war, aber es war nur ein Lager neben dem Feuer. Wir Mädchen hatten ein Federbett wie Mama und Papa. Die Federn waren nicht von unseren eigenen Hühnern; Großvater Tobin hatte die Decke für Mama zur Hochzeit gestopft. Mir taten die nackten Hennen leid, denen kalt gewesen sein musste und die es sich bestimmt gern zusammen mit uns in ihren gestohlenen Kleidern gemütlich gemacht hätten.

Aber trotzdem: Jack hatte sein eigenes Bett. Mama hatte ihre Rosenbüsche. Virgie ging oft und lange im Wald spazieren. Papa hatte das Bergwerk, auch wenn er dort eigentlich nicht für sich allein sein konnte und manchmal Wände einstürzten und viele der Männer ums Leben kamen. Aber er hatte trotzdem einen Ort, der ganz ihm gehörte.

Und ich hatte meinen Brunnen.

Der Brunnen war im Grunde nur ein mit Planken verkleidetes Wasserloch, ein Teil eines Flusses, den man behalten und beobachten konnte – wie Junikäfer an einer Schnur. Unter der Erde lief der Fluss in den Brunnen, verweilte dort einen Moment und floss dann weiter. Aber man konnte jederzeit einen Eimer Wasser heraufholen, wenn man gerade Lust dazu hatte. Nach Sonnenuntergang war es auf der hinteren Veranda still und verschwiegen, denn sie war von Bäumen umgeben. Die Geräusche der Frösche und Grillen erinnerten mich daran, wie ich einmal zu lange beim Schwimmen gewesen war und nach Hause zum Abendessen rennen musste. Natürlich konnte ich nicht im Brunnenwasser schwimmen, aber manchmal konnte ich einen Eimer heraufholen und direkt daraus trinken, auch wenn Mama mir erklärte, dass es nicht gut sei, aus etwas zu trinken, das an einer Stelle hing, wo Käfer landen und darüberkriechen konnten. (Hin und wieder sah ich, wie Fliegen auf unserem Krug mit Eistee landeten, wenn wir vergessen hatten, ein Tuch darüberzulegen. Mama wischte den Rand dann nur ab und goss trotzdem Tee ein. Aber das war drinnen und deshalb irgendwie anders.) Sie schüttete das Wasser immer aus dem hohen, schmalen Brunneneimer in den Eimer aus dem Haus, der niedriger und kleiner war, und erst daraus kam das Wasser in unsere Waschschüsseln und Krüge und Kochtöpfe. Aber abends trank ich trotzdem manchmal große Schlucke davon, bevor ich den Rest wieder in das schwarze Maul des Brunnens hinabgoss.

Ich war das einzige Mädchen, das sich traute, an der Badestelle im Fluss zu schwimmen. Zuerst flüchteten alle Jungen und erklärten, dass sie nie mehr wiederkommen würden, solange ich mich da herumtrieb. Aber dann kamen sie doch zurück. Papa mochte es nicht, dass ich mit ihnen zusammen schwamm, doch als ich anfing, Jack mitzunehmen, hatte er ein besseres Gefühl. Jack spielte mit den Jungen in seinem Alter, während ich für mich allein blieb, probierte, wie tief ich tauchen konnte, mir mit Armen wie Schmetterlingsflügel einen Weg durchs Wasser bahnte, meine Haare um mich herumwirbeln ließ und tat, als wäre ich eine Meerhexe mit Haaren aus Seetang.

Aber man konnte nicht immer zum Fluss hinunter. Der Brunnen jedoch war immer da und wartete. Ich konnte das Wasser in seinem Inneren riechen, und ich wusste, dass er unten am Boden voll kühlem, glitschigem Moos war, wie es auch auf den Felsen am Fluss wuchs. Ich starrte hinunter in die Tiefe und stellte mir vor, wie wir eines Tages Meerjungfrauen oder sprechende Fische mit unserem Badewasser heraufholen würden.

Schütte das Kind nicht mit dem Bade aus.

Nach dem toten Baby sah ich nicht mehr gern dort hinunter. Ich dachte nicht mehr an sprechende Fische. Ich dachte an Albträume. Sie begannen meist damit, dass ich mit offenen Augen unter Wasser tauchte, und dann sah ich, wie das Baby die Hände nach mir ausstreckte. Ich hatte nicht mehr genügend Luft, aber ich konnte auch nicht wieder nach oben schwimmen, weil sich das Baby an meine Haare klammerte und ich es nicht abzuschütteln vermochte. Zuerst konnte ich sein Gesicht nicht erkennen, aber wenn es dann den Kopf hob, sah ich, dass es an den Stellen, wo sonst die Augen sind, schwarze Löcher hatte. Es war der erste Albtraum, an den ich mich erinnern konnte, nachdem ich aufgewacht war. Und ich dachte den ganzen Tag über daran, bis ich am nächsten Abend wieder ins Bett ging und einschlief.

Virgie

Papa meinte, die Frau hätte etwas Abscheuliches getan. Und dass Gott sie richten würde. Aber ich fragte mich, ob sie vielleicht befürchtete, nicht mehr genügend Essen für eine weitere Mahlzeit zusammenzubekommen, und da ihre anderen Kinder bereits barfuß herumliefen und der Winter nahte, es so für alle das Beste sein würde. Oder hatte das Baby vielleicht immer nur geschrien, bis sie dachte, ihr würde der Kopf platzen? Lag es vielleicht daran, dass sie glaubte, es nicht länger zu schaffen, weil es das fünfte oder sechste oder auch zehnte Kind war und alles deutlich mehr war, als sie ertragen konnte?

Ich fragte mich auch, ob Mama wohl jemals am Brunnen gestanden und sich überlegt hatte, ob ihr Leben nicht einfacher sein könnte.

Tess

An jenem Abend redeten wir beim Essen nicht viel. Man hörte vor allem die Gabeln und Messer, wie sie klack, klack machten. Dann kam das Kauen, das Herunterschlucken des Eistees und ein leises Schmatzen von Jack. Daraufhin sagte Mama: »Hör auf zu schmatzen, Jack.« Dann wieder klack, klack. Leckerer gelber Kürbis und Zuckererbsen und etwas gebratener Schinken und Fladen. Wir hatten schon seit Monaten keinen Schinken mehr gehabt, und wir hatten nicht einmal ein Schwein schlachten müssen, sagte Mama. Sie meinte, wir sollten uns bei den Hudsons bedanken, wenn wir sie trafen.

Schließlich wischte sich Papa den Mund ab. Er war immer als Erster mit dem Essen fertig. »Hat gut geschmeckt, Leta.«

Wir stimmten ihm zu und erklärten Mama, wie lecker es mal wieder gewesen sei. Sie lächelte und sagte, so schnell und so leise sie konnte: »Danke«. Dann blickte sie auf meinen Teller und runzelte die Stirn. »Du hast aber nicht viel gegessen, Tessie.«

»Bist du noch durcheinander?«, fragte Papa.

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. »Ich hab nur keinen Hunger.«

»Willst du deinen Schinken nicht?«, wollte Jack wissen. Er schien darüber so verwundert, wie wenn ich meinen Kopf abnehmen und liegen lassen würde.

»Doch natürlich«, sagte ich und begann wieder an dem Schinken zu knabbern. Man ließ nichts auf dem Teller übrig.

»Ich kapier nicht, was das Baby im Brunnen mit Schinken zu tun hat«, murmelte er.

»Red nicht so über das arme Würmchen, Jack«, tadelte ihn Mama. »Das war mal ein Kind – genau wie du, Virgie oder Tess.« Papa legte seine Hand auf die meine – auf die Hand, in der ich nicht die Gabel hielt. »Das ist in Ordnung, wenn du durcheinander bist, Tessie. Muss ein Schock für dich gewesen sein. Ist es sicher noch immer. Das macht nichts mit dem Schinken.«

»Ich ess ihn«, sagte Jack.

Ich verpasste ihm unter dem Tisch einen Fußtritt. »Nicht, wenn ich ihn selber esse – Fresssack.«

Aber in dem Tritt lag nicht viel Überzeugungskraft. Ich machte es nur aus Gewohnheit und konnte mich nicht einmal darüber aufregen, dass sich Jack mal wieder als Fass ohne Boden erwies. Ich wusste, Papa hatte ein schlechtes Gewissen. Und Mama auch. Eigentlich gab es keinen Grund dafür, denn mir war klar, dass sie in ihren Köpfen keinen Platz dafür hatten, sich auch noch über Babys in Brunnen Gedanken zu machen.

»Geht schon wieder besser«, erklärte ich Papa.

»Ich hab gehört, wie du im Schlaf hin- und hergerollt bist«, sagte Mama. »Du hast auch gewimmert.«

Ich legte meine Gabel auf den Tisch. »Hab nur schlecht geträumt«, erwiderte ich.

»Denkt ihr nicht alle dran?«, wollte Virgie wissen und schaute zwischen Mama und Papa hin und her. »Wer das getan hat? Und warum?«

Mama und Papa sahen einander an, gaben aber keine richtige Antwort. Ich brachte es nicht über mich, die Gabel wieder in die Hand zu nehmen, selbst wenn das bedeutete, dass Jack meinen Schinken bekam. Mama bemerkte, dass ich mir den Mund abwischte und aufgegeben hatte.

»Sicher, dass du nicht ihren Schinken willst, Albert?«, fragte sie. Papa schüttelte den Kopf und wies mit der Hand auf Jack. »Dann nimm ihn, Jack.«

»Ich versteh’s einfach nicht«, meinte Virgie, während Jack meinen Schinken mit der Gabel aufspießte.

»Dann iss wenigstens deinen Kürbis«, sagte Mama zu mir.