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Alfred Bekker

Die Gabe einer Seherin: Sechs Romantic Thriller

Cassiopeiapress Spannung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Die Gabe einer Seherin: Sechs Romantic Thriller

von Alfred Bekker

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 628 Taschenbuchseiten.

 

Dieses Buch enthält folgende sechs Romane:

Palazzo der Geister

Kreuzfahrt ins Jenseits

Die Schattengruft

Der Fluch der Steine

Die Mondhexe

Der Kristall des Sehers

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

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Palazzo der Geister

von Alfred Bekker


Eine junge Frau auf der Spur eines großen Geheimnisses - im Palazzo der Geister begegnet sie dem Grauen.



1

Es war finstere Nacht. Der Mond tauchte den Strand in ein fahles Licht. Draußen, vor der Küste, stand eine graue Nebelbank, die immer näherzukommen schien.

Das lange, blauschwarze Haar der jungen Frau wehte im Wind, der vom Meer aufkam. Ihr Blick ging besorgt hinauf zu jener über das Wasser ragenden Felsenkanzel, auf der sich die Ruine einer uralten Festung düster gegen den Nachthimmel abhob. Seltsame Geräusche drangen von dort an ihr Ohr.

Stimmen.

Schreie...

Oder nur ein grausames Spiel, das der Wind mit ihren Nerven trieb?



2

Die junge Frau zitterte.

Sie wirbelte herum, und aus ihren Augen leuchtete die Angst. Der Wind zerrte an dem dünnen Sommerkleid, das sie trug. Sie fröstelte.

Und dann zuckte sie unwillkürlich zusammen, als sie die Gestalt eines Mannes sah, der wie aus dem Nichts heraus aufgetaucht zu sein schien. Wie ein düsterer Schatten hob er sich gegen das Mondlicht ab.

Die junge Frau wich ein paar Schritte zurück. Furcht kroch ihr wie eine kalte, glitschige Hand den Rücken hinauf.

Sie schluckte.

Die Gestalt kam mit wankenden Schritten näher. Sanfte Wellen spülten an den flachen Strand, und der Mann stand mit den Füßen im Wasser. Aber das schien ihn nicht zu kümmern.

Schritt um Schritt näherte er sich.

Im Mondlicht war sein Gesicht nun zu sehen. Ein dünner Oberlippenbart gab ihm etwas Aristokratisches. Das Profil war kühn, und die Adlernase gab ihm einen leicht hochnäsigen Ausdruck.

Sein dünner Sommermantel war nass und schwer. Seine Krawatte hing ihm wie ein Strick um den Hals, und das Jackett schien ziemlich gelitten zu haben. Beinahe so, als ob er eine Weile damit im Salzwasser geschwommen wäre.

Wie angewurzelt blieb die junge Frau stehen. Sie schluckte, unfähig auch nur einzigen Muskel ihres Körpers zu bewegen.

Ihr Atem ging schneller. Ebenso ihr Puls, der ihr nun bis zum Hals schlug.

Er ist es!, dachte sie. Und ich habe ihn gerufen... Mein Gott...

Er wankte näher.

Sein Gesicht verzog sich auf eine Weise, die ihr einen kalten Schauder über den Rücken jagte. Ein zynisches Lächeln spielte jetzt um die dünnen, aufgesprungen Lippen, die wie ein dünner Strich wirkten.

Das Gesicht war bleich.

Totenbleich.

An der Schläfe war ein Schatten. Wie ein schwarzer Punkt.

Die junge Frau schluckte.

Wie gebannt starte sie auf diesen Schatten. Sie wusste genau, was dort zu finden war. Grauen erfasste sie allein bei dem Gedanken daran. Ihre Hand hob sich wie automatisch. Sie biss sich auf die Lippen.

"Verschwinde!", rief sie, aber ihre Stimme verlor sich in der Nacht. Sie fühlte sich entsetzlich. Namenlos Angst hielt ihr Herz in einem eisernen Würgegriff. Eine Furcht, die aus ihrem tiefsten Inneren an die Oberfläche ihres Bewusstseins zu kommen schien.

Und dann stand er nur wenige Meter vor ihr.

Er drehte ein wenig den Kopf.

Aus dem dunklen Schatten wurde etwas Furchtbares. Eine Wunde, wie sie vielleicht ein direkt aufgesetzter Revolverschuss verursachte... Die junge Frau konnte den Blick nicht abwenden. Kein Mensch konnte mit einer solchen Wunde leben.

Ein schallendes Gelächter erklang und mischte sich mit den Geräuschen des Meeres. Die Augen des Mannes begannen zu leuchten. Die Pupillen verschwanden gänzlich. Nur noch das Weiße schien vorhanden zu sein. Ein unheimliches, gleißendes Licht flackerte darin auf.

Ein gespenstischer Anblick, der die junge Frau schlucken ließ.

Ein Bote aus dem Reich des Todes!, ging es ihr schaudernd durch den Kopf.

Der Mann streckte die Hände in Richtung der jungen Frau aus, so als wollte er nach ihr greifen.

"Nein!", rief sie.

Ihre Stimme klang unsagbar schwach.

Sie konnte die tödliche Gefahr, in der sie sich befand beinahe körperlich spüren. Sie schüttelte stumm den Kopf.

Warum nur?, hämmerte es verzweifelt in ihr.

Weglaufen... Ein Gedanke, der immer wieder in ihrem Kopf auftauchte. Aber sie konnte nicht. Wie angewurzelt stand sie da und fühlte sich wie von einer unheimlichen Lähmung ergriffen. Ihre Kraft... Sie schien sich in Nichts aufgelöst zu haben.

"Bianca!"

Die Stimme, die jetzt ihren Namen durch die Nacht rief, schien aus der Ferne zu kommen.

"Bianca!"

Es klang besorgt...

Unter unsäglichen Anstrengungen drehte sie sich halb herum.

Dumpfe schnelle Schritte waren auf dem feuchten Sand des Strandes zu hören.

"Bianca!"

"Vater!"

"Mein Kind, was tust du hier..."

Der Mann hatte graumeliertes Haar und trug einen Anzug aus leichter, sehr edler Wolle. Seine feinen Slipper versanken im feuchten Sand, als er vor Bianca stehenblieb. Diese drehte sich wieder herum, zu der geisterhaften Gestalt mit der Wunde an der Schläfe, aber...

Die Gestalt war nicht mehr da.

"Er ist weg, Vater", flüsterte sie und wiederholte es sogleich noch einmal, so als musste sie sich selbst davon überzeugen, dass es auch wirklich so war. "Er ist weg..." Sie atmete tief durch und dann ließ sie sich in die Arme ihres Vaters fallen.

"Wer?", fragte er.

"Der Mann mit der Wunde am Kopf..."

"Graf Luciani?"

"Ja, Vater!"

Sein Gesicht wurde ernst und sorgenvoll, während er seine zitternde Tochter im Arm hielt und in die Ferne blickte.

Hinauf zur Ruine. Was sind das nur für Geräusche!, ging es ihm schaudernd durch den Kopf. Ein dicker Kloß saß ihm im Hals und machte ihn unfähig, auch nur ein einziges Wort zu sagen.

Für einen Augenblick war es ihm dann, als ob er in der Ferne eine schattenhafte Gestalt sehen könnte.

Sie schien bis zu den Knien im seichten Meerwasser zu stehen. Der Mantel wehte im Wind. Und im Hintergrund war die graue Nebelwand...

"Er lacht!", flüsterte Bianca. "Hörst du es, wie er lacht?"

Sie sah ihren Vater an. Das Mondlicht spiegelte sich in ihren großen dunklen Augen, und Tränen glitzerten auf den Wangen.

"Gehen wir zurück zum Palazzo", sagte der Vater.

Aber sie schien es nicht zu hören. Stumm schüttelte sie den Kopf.

"Ich bringe nur Unglück...", wisperte sie.

"Bianca!"

"...und Tod!"



3

"Guten Morgen, Mr. Bennett", sagte ich, als ich das Büro unseres Chefredakteurs betrat. In einem der gediegenen Ledersessel, mit denen Bennetts Büro ausgestattet war, saß bereits James Cunningham - wie ich in der Redaktion der LONDON HAUTE COUTURE angestellt. Er war allerdings Fotograf, während ich hier als Reporterin arbeitete. Gemeinsam hatten wir so manche Story gemacht.

Mike T. Bennett kam hinter seinem völlig überladenen Schreibtisch hervor. Er war breitschultrig und etwas untersetzt. Er hatte die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt und die Krawatte gelockert. Sein Kopf war hochrot und die Art und Weise, in der er mich musterte, verhieß nichts gutes.

Ich war zu spät dran.

Und wenn Bennett außer schlecht recherchierten Stories noch etwas hasste, dann waren es unpünktliche Mitarbeiter. Bennett war ein Mann, von dem man glauben konnte, dass er so gut wie überhaupt kein Privatleben besaß. Er lebte einzig und allein für seine Zeitung.

Dieses große Londoner Modemagazin wollte er dort halten, wo es seiner Ansicht nach hingehörte: ganz oben.

Dafür war er bereit, alles einzusetzen. Er war meistens der Erste im Büro und der Letzte, der ging. Und von seinen Mitarbeitern erwartete er ebenfalls, dass sie mit Haut und Haaren für ihren Job lebten.

"Jane!", sagte er und die Art und Weise, in der er meinen Namen aussprach war Tadel genug.

"Ich weiß, dass ich zu spät bin, Mr. Bennett, aber..."

"Schon gut, schon gut! Ich will gar nicht hören, was Sie mir sagen. Von wegen Verkehrschaos und der Baustelle auf der Oxford Street..."

Ich sah ihn etwas perplex an.

Zwar habe ich mich eingehend mit übersinnlichen Phänomenen befasst und bin in meinen Artikeln auch immer wieder auf Erscheinungen wie Telepathie und andere parapsychologische Fähigkeiten eingegangen, aber ich hätte diese Dinge niemals in Zusammenhang mit einem so nüchternen Mann wie Mike T. Bennett gesehen.

"Sehen Sie mich nicht so erstaunt an, Jane!", sagte er dann etwas versöhnlicher. "Ich fahre auch jeden Morgen die Oxford Street!" Er lächelte freundlich und deutete auf einen der Sessel. "Setzen Sie sich!"

Ich grüßte James knapp.

Der zwinkerte mir zu. Er saß ziemlich lässig da. Mit einer beiläufigen Handbewegung strich er sich das etwas zu lange blonde Haar zurück. Stoppeln eines drei Tage Bartes standen ihm im Gesicht. Seine Jeans war ziemlich oft geflickt und hatte beinahe Museumswert. Mit Interesse stellte ich fest, dass er ein neues Jackett anhatte. Dass er es noch nicht lange besaß, war daran zu erkennen, dass der Kragen noch nicht vom Riemen seiner Kameratasche ruiniert war. Es war jägergrün und vermutlich ein Teil vom Trödel.

Bennett lehnte sich derweil mit der Hüfte gegen den Schreibtisch. Der Berg von Akten und Manuskripten, der sich darauf aufgetürmt hatte, wankte bedenklich, als er das Gewicht verlagerte. Er verschränkte die Arme vor der Brust und meinte dann: "Ich nehme an, dass Sie beide wissen, was Mode ist..." Sein Blick ging zu James und glitt von seinem strubbeligen Kopf bis zu den Füßen, die in Turnschuhen steckten.

Dann atmete Bennett tief durch.

"Nun, jedenfalls weiß ich, dass Sie hervorragende Bilder auf diesem Gebiet gemacht haben, James!" Damit spielte Bennett darauf an, dass James sich ab und zu ein paar Pfund nebenher verdiente.

James zuckte die Achseln.

"Man muss nur lange genug abwarten, dann kommt jeder Trend wieder", meinte er. Bennett fand das nicht so witzig. Er wandte sich an mich.

"Der Name Gian-Franco Tardelli ist Ihnen ein Begriff?"

Natürlich war er das.

"Dieser italienische Modeschöpfer!", stieß ich hervor.

Bennett nickte. "Ein Modezar par excellence. Seine Kollektionen haben in Mailand, Paris und New York seit Jahren die Fachwelt verzaubert. Er lebt seit einiger Zeit ziemlich zurückgezogen in der Nähe von Rom in einem alten Palazzo. Leider hat er bislang stets abgelehnt, jemanden zu sich nach Hause zu lassen. An eine Home Story war nicht zu denken! Nicht einmal die italienischen Kollegen haben das geschafft. Aber der Maestro scheint zu der Überzeugung gelangt zu sein, dass er vielleicht mal wieder etwas für sein Image tun könnte. Jedenfalls ist er bereit, ein Team unseres Magazins zu empfangen."

Der Gedanke, mit diesem genialen Modeschöpfer zusammenzutreffen, erfüllte mich mit freudiger Erwartung.

Selbstverständlich war eine Reporterin der HAUTE COUTURE nicht die Klientel, die sich ein Original von Tardelli leisten konnte. Aber sein Stil war prägend, so dass sein Einfluss bis in die Boutiquen und Kaufhäuser Londons zu spüren war.

Außerdem war Tardelli zweifellos eine schillernde Persönlichkeit, um die sich allerhand Legenden rankten.

Dieser Mann hatte es immer verstanden, eine gewisse geheimnisvolle Aura um sich herum zu verbreiten. Vielleicht war auch das ein Teil seines Erfolgsgeheimnisses.

"Hatte es einen bestimmten Grund, dass Tardelli sich in den letzten Jahren so rar gemacht hat?", fragte ich interessiert.

Bennett zuckte die breiten Schultern.

"Vielleicht nur eine PR-Strategie. Andererseits..."

"Was?", hakte ich nach.

Bennett drehte sich herum und wühlte in einer Art und Weise auf seinem Schreibtisch herum, die die Aktentürme an den Rand der Katastrophe brachten. Aber nur bis an den Rand.

Mit traumwandlerischer Sicherheit fischte er aus dem vermeintlichen Chaos einen Zeitungsausschnitt heraus. "Hier", sagte er. "Es gab vor ein paar Jahren einen Vorfall, der sehr einschneidend für Tardelli gewesen zu sein scheint..."

"Was für ein Vorfall?", fragte ich.

"Die Ermordung seiner Frau durch einen mysteriösen Täter...

Die Sache hat damals ziemlich große Schlagzeilen gemacht!"

Ich erhob mich und nahm den Artikel an mich.

Bennett sagte indessen: "Ihr Flug nach Rom ist übrigens schon gebucht. Übermorgen Vormittag, wenn's recht ist..." Der Chefredakteur der LONDON HAUTE COUTURE überließ eben nichts dem Zufall.



4

"Eine gemütliche Home Story in der Sonne Italiens!", grinste James, als wir den Raum unseres Chefs verlassen hatten. Wir bewegten uns quer durch das Großraumbüro, in dem sich die Redaktion der LONDON HAUTE COUTURE befand. Irgendwo in diesem hektischen Gewimmel befand sich auch mein Schreibtisch. James sah mich an.

"Findest du nicht, dass wir das große Los gezogen haben, Jane?"

"An eine gemütliche Homestory dachte ich auch, als wir nach Gilford Castle fuhren!", erwiderte ich. Wir waren dorthin gefahren, um eine Reportage über den Rockstar Pat Clayton zu machen und waren dabei Zeuge unerklärlicher Vorfälle geworden, in deren Mittelpunkt ruhelose und rachelüsterne Geister aus dem finsteren Mittelalter gestanden hatten.

Die Sache war lebensgefährlich gewesen - von Gemütlichkeit hatte überhaupt keine Rede sein können.

"Erstmal abwarten, James!", erwiderte ich daher etwas skeptisch.

Aber James ließ sich dadurch die gute Laune nicht trüben.

"Italien um diese Jahreszeit ist genau richtig! Nicht zu heiß und nicht zu kalt! Eine herrliche Alternative zum nasskalten und nebelverhangenen London..."

"Eine Reportage über Gian-Carlo Tardelli ist jedenfalls kein Urlaub!", gab ich zu bedenken. "Und bevor es losgeht, haben wir auch noch einiges zu tun..."

"Ja, ja..."

"Schließlich müssen wir schon einigermaßen vorbereitet sein, wenn wir diesem Licht am Modehimmel begegnen..."

James sah mich etwas erstaunt an.

Er lächelte nett. Und in seinen meerblauen Augen blitzte es leicht herausfordernd.

Er zwinkerte mir zu und meinte dann: "Was höre ich da? So etwas wie Ehrfurcht? Das ist nicht gerade die kritische Grundhaltung eines Journalisten..."

Ich schüttelte den Kopf.

"Nein", sagte ich, "das wäre zuviel gesagt. Aber Tatsache ist, das Tardelli eben einer der Größten seiner Branche ist..."

"Sag mal..."

Sein Grinsen wurde jetzt schon frech.

Wenn er mich so ansah, führte er irgendetwas im Schilde.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust und hob ein wenig das Kinn.

"Ja?"

"Ist dieser Tardelli zufällig der, der diese transparenten Stoffe benutzt, die praktisch durchsichtig sind?"

Ich lächelte.

"Nein, das ist er nicht! Tardelli hat zwar seinen eigenen Stil, vertrat aber eigentlich immer eine eher zeitlos-elegante Linie..."

"Schade."

"Wieso?"

"Sonst hätte ich jetzt gesagt: Du solltest auch einmal etwas anziehen, das aus seiner Schneiderei kommt!"

"Ha, ha!"

James war immer insgeheim ein bisschen verliebt in mich gewesen, aber ich hatte diese Gefühle nie erwidert. Seine unkonventionelle, witzige Art gefiel mir zwar und von der Tatsache abgesehen, dass seine Jeans ein Flickenteppich und sein Jackett geschmacklos war, sah er auch sehr attraktiv aus. Wir waren im selben Alter. Aber er entsprach einfach nicht dem Bild, das ich mir vom Mann meiner Träume machte.

Aber ich schätzte ihn als Kollegen.

Und als guten Freund.

Schließlich hatten wir schon so manches zusammen erlebt, darunter auch einiges an Gefahren.

"Tja, ich geh dann mal ins Archiv und sehe zu, was wir so an Bildmaterial noch da haben!", meinte er dann.

Eigentlich hätte ich verlegen sein sollen.

Aber jetzt war er es. Zumindest wenn man nach der Farbe seines Gesichts ging.

"Okay", sagte ich.

Er nickte und war schon ein paar Schritte gegangen, da rief ich ihm noch hinterher: "James..."

Er drehte sich herum.

"Ja?"

"Tu mir einen Gefallen: Zieh ein anderes Jackett an, wenn wir nach Italien fliegen. Dieses sieht furchtbar aus... Da war dein Altes ja noch besser!"

James zuckte die Achseln.

"Jägergrüner Cordsamt - der Stil der Siebziger! Und die sind doch inzwischen wieder mega-angesagt!"

Ich ging auf ihn zu und berührte ihn leicht am Unterarm.

"Tu es für mich, James! Bitte! Ein Mann mit dem feinen ästhetischen Empfinden eines Gian-Carlo Tardelli erleidet doch einen Herzanfall, wenn ihm so etwas ins Auge sticht!"



5

Einen Augenblick später saß ich an meinem Schreibtisch und war in Routinearbeiten vertieft, die ich etwas vor mir hergeschoben hatte. Schließlich schrieb ich noch einen kleinen 50 Zeilen-Artikel über die Neueröffnung eines VIP-Restaurants in der Londoner Innenstadt, als plötzlich ein Schatten zwischen mich und das grelle Neonlicht des Großraumbüros trat.

Ich blickte auf.

Eine große, dunkelhaarige Gestalt stand vor mir und blickte mich mit grüngrauen Augen an. Es war Tom Howard, ein Kollege, der seit kurzem bei uns arbeitete. Zuvor hatte er für eine große Nachrichtenagentur geschrieben und noch immer wusste niemand von uns so recht, weshalb jemand wie er zu einer Zeitung wie der unseren kam. Die meisten in diesem Großraumbüro hätten nämlich genau davon geträumt und würden es nie erreichen. Als Korrespondent in aller Welt herumreisen, immer im Brennpunkt des Geschehens...

Tom war etwa 35 - und das hieß, er war noch entschieden zu jung dafür, um sich zur Ruhe zu setzen. Die meisten setzen in dem Alter erst richtig an, um die oberen Sprossen der Karriereleiter zu erklimmen.

Immerhin hatte Tom meine Neugier geweckt.

Irgendwann, das hatte ich mir vorgenommen, würde ich herausbekommen, was dahintersteckte.

Ich war eben mit Leib und Seele Reporterin.

Tom lächelte mich sympathisch an.

"Hallo, Jane", sagte er. Er legte mir eine CD auf den Tisch. "Hier... Clint aus der Musikredaktion hat mir das für Sie mitgegeben."

Ich sah interessiert auf die CD und las einen Namen, der mir nur zu vertraut war.

Pat Clayton.

"Clint meinte, Sie könnten etwas damit anfangen, vielleicht sogar die Rezension darüber schreiben. Schließlich..."

"Ich verstehe...", murmelte ich.

Ich atmete tief durch. In den Tagen auf Gilford Castle, hatte ich mich in ihn verliebt... Doch dann hatten unsere Wege sich getrennt. Eine Tournee und ein neues Album... Welchen Platz hatte da die Liebe?

"Danke, Tom", sagte ich dann. "Wenn Sie Clint sehen, dann richten Sie ihm doch bitte aus, dass ich etwas darüber schreiben werde..."

Meine Stimme klang etwas heiser und beinahe tonlos. Mein Herz war schwer und ich seufzte leicht.

"Gut", murmelte Tom. Er hatte sich halb herumgedreht. Ich blickte auf und stellte fest, dass er mich noch immer aufmerksam beobachtete. "Ist irgendetwas nicht in Ordnung?", fragte er dann.

Mein Lächeln war sicher nicht mehr als ein Versuch und muss ziemlich verkrampft gewirkt haben.

"Es ist nichts", behauptete ich.

Aber seine grüngrauen Augen sahen mich an, als könnten sie in diesem Moment direkt in meine Seele blicken. Er wusste, dass ich nicht die Wahrheit gesagt hatte. Aber er schwieg. Und dafür war ich ihm dankbar.

Du musst in die Zukunft schauen!, sagte ich mir. Nicht in der Vergangenheit verharren...

Aber das war leichter gesagt als getan.



6

Als ich am Abend nach Hause zurückkehrte, wusste ich bereits einiges mehr über Gian-Carlo Tardelli. Unter anderem hatte ich auch Material aus dem Archiv gegraben, dass sich mit dem mysteriösen Tod seiner Frau beschäftigte. Einiges davon hatte ich mir als Lektüre mitgenommen.

Zu Hause, das war die Villa meiner Großtante Erica Harwood - für mich Tante Erie.

Seitdem ihr Mann - ein ehedem berühmter Archäologe - auf einer Forschungsreise nach Südamerika verschollen war, bewohnte sie das riesige, im viktorianischen Stil gehaltene Gebäude allein mit mir.

Meine Eltern waren früh gestorben, und Tante Erie hatte mich an Kindes statt bei sich aufgenommen. Wie eine eigene Tochter hatte sie mich großgezogen.

Tante Erie war es auch gewesen, die mich nach und nach mit der Welt des Übersinnlichen vertraut gemacht und mich auf meine eigene leichte seherische Gabe hingewiesen hatte. Eine Gabe, die sich in Träumen, Visionen und Ahnungen zeigte, in denen ich hin und wieder schlaglichtartig den Abgrund von Raum und Zeit überwinden konnte. Lange Zeit hatte ich mich gegen die Tatsache, eine solche Fähigkeit zu besitzen, gesträubt. Ich wollte es nicht akzeptieren, bis ich nach und nach begriff, dass ich lernen musste, damit umzugehen.

Und das war nicht leicht.

Noch immer betrachtete ich diese Gabe manchmal mehr als einen Fluch. Wissen ist nämlich durchaus nicht nur Macht, wie es irgendwo so schön heißt. Es kann einen auch zu seinem Gefangenen machen. Ein Verhängnis auf sich oder andere zukommen zu sehen, ohne etwas dagegen tun zu können, ist etwas Furchtbares.

Genauso furchtbar ist es, nur einen kleinen Ausschnitt der Zukunft zu sehen. Ein winziges Teil in einem Puzzle, mehr war es oft nicht.

Ich stellte meinen roten 190er Mercedes in der Einfahrt der Villa ab, klemmte das Archivmaterial unter den Arm und sog die kühle Abendluft ein. Nebel kroch durch die Straßen Londons. Es war nasskalt, und ich schlug mir den Kragen meiner Jacke hoch.

James hat recht!, ging es mir unwillkürlich durch den Kopf.

Italien ist um diese Jahreszeit wirklich eine Alternative...

Wenig später betrat ich die Villa. Die obere Etage hatte ich für mich. Der Rest war ein für Außenstehende ein etwas eigenartig wirkendes Kuriositätenkabinett.

Tante Eries Interesse hat seit jeher dem Übersinnlichen und allen unerklärlichen Phänomenen gegolten. Und so hatte sie auf diesem Gebiet in jahrelanger Sammlertätigkeit eines der größten Privatarchive Englands zusammengetragen. Alte Schriften, obskure Bücher, die in magischen Zirkeln kursierten waren ebenso darunter wie zahllose Presseartikel. Dazu kamen noch zahlreiche okkulte Gegenstände. Pendel und Geistermasken unterbrachen die langen Reihen dicker, staubiger Folianten, von denen die Regale nur so überquollen.

Dazu kamen noch die vielen archäologischen Fundstücke, die ihr verschollener Mann Fred von seinen Forschungsreisen mitgebracht hatte. Artefakte vergangener Kulturen, Götterstatuen und rätselhafte Tonscherben, deren Schriftzeichen bislang niemand hatte entschlüsseln können.

Tante Erie wusste nur zu gut, dass das Gebiet des Okkultismus ausgesprochen anziehend auf alle möglichen Beutelschneider und Betrüger wirkte. Die Harmloseren davon wollten sich nur wichtig machen und einmal im Leben in den Medien erwähnt werden. Den anderen ging es um Macht oder das Geld ihrer naiven Anhänger.

Aber auf der anderen Seite war Tante Erie davon überzeugt, dass es einen Rest an unerklärlichen Phänomenen gab, bei dem es sich nicht um die Machenschaften von Scharlatanen oder Sinnestäuschungen handelte.

Es waren einfach Vorkommnisse, die mit den Mitteln der heutigen Wissenschaft noch nicht zu erklären waren. Um die herauszufiltern, darum ging es Tante Erie. Dieser Aufgabe hatte sie ihr Leben gewidmet.

Ich fand sie in der Bibliothek.

Sie saß in einem der großen Ohrensessel und war über der Lektüre eines dicken, in Leder eingeschlagenen Bandes eingeschlafen.

Ich lächelte, als ich sie so da liegen sah.

Eigentlich wollte ich mich wieder aus dem Raum schleichen, aber kaum hatte ich einen Fuß über die Türschwelle gesetzt, knarrte eine der alten Parkettbohlen.

"Ah, Jane!", hörte ich Tante Eries Stimme. Ich drehte mich herum. Sie klappte das Buch zu und legte es auf einen kleinen runden Tisch. "Ich bin zwischendurch einfach eingeschlafen", meinte sie dann kopfschüttelnd, während sie sich erhob.

"Ich wollte dich nicht wecken!"

"Schon gut! Möchtest du eine Tasse Tee?"

"Da sage ich nicht nein..."

Tante Erie sah auf die Mappe unter meinem Arm. "Mr. Bennett scheint von dir zu erwarten, dass du auch noch nachts recherchierst!" Sie schüttelte den Kopf. "Ich wette, der Mann schläft in seinem Bürosessel..."

Ich lächelte. "Manchmal kommt mir das auch so vor. Aber was das hier angeht..." Ich deutete auf die Mappe. "Es hat mich einfach gefesselt..."

"Etwas, wobei ich dir helfen kann? Du weißt, ich tue das gerne..."

Immer wieder hatte Tante Erie mir bei Recherchen geholfen, die sich mit okkulten oder übersinnlichen Phänomenen befassten. Ihre Sammlung war dabei oft weitaus ergiebiger als das riesenhafte Zeitungsarchiv der LONDON HAUTE COUTURE, das in den Kellern des Verlagsgebäudes untergebracht war.

Ich legte Jacke, Handtasche und die Mappe in einem der Sessel ab und dann gingen wir gemeinsam in die Küche, wo Tante Erie den Tee aufsetzte. In knappen Worten erzählte ich ihr von der bevorstehenden Italien-Reise.

"Du bist zu beneiden, Jane", sagte sie daraufhin.

"Weshalb? Wegen der Begegnung mit einem Mann wie Tardelli - oder wegen der italienischen Sonne und der Aussicht, einige Tage in einem traumhaften Palazzo zu verbringen?"

Tante Erie hob die Augenbrauen.

"Wegen beidem!", erwiderte sie.

"Tardellis Frau Franca starb unter sehr mysteriösen Umständen", begann ich dann auf den Inhalt meiner Archivmappe einzugehen. "Seitdem hat sich der Mode-Zar in der Öffentlichkeit ziemlich rar gemacht. Zumindest, was sein Privatleben angeht. Auf seinen Schauen in Mailand oder Paris sieht man ihn kurz eine Kusshand dem Publikum zuwerfen und das war es dann. Kein Wort an die Presse, kein Interview und schon gar keine Berichte über seine Familie..." Ich strich mir mit einer schnellen Geste einige Haare aus dem Gesicht, die sich aus meiner Frisur herausgestohlen hatten.

Nachdenklich sah ich Tante Erie dabei zu, wie sie mit geübten, tausendfach erprobten Handgriffen den Tee auf ihre ganz spezielle Weise zubereitete. Jeden dieser Handgriffe kannte ich aus der Zeit, als ich noch ein junges Mädchen gewesen war.

"Was war mit seiner Frau?", fragte sie dann.

"Sie wurde ermordet. Von wem, konnte nie ermittelt werden."

"Traurig - aber leider kein Einzelfall!"

"Tante Erie, die Tardellis leben im Palazzo Luciani, dem ehemaligen Herrensitz der Grafen Luciani. Vicente, der letzte Spross dieser Familie, verfiel dem Wahnsinn und wurde als Serienmörder überführt. Kurz bevor die Polizei ihn verhaften konnte, brachte er sich um. Der Palazzo war verwaist und Tardelli erwarb ihn preiswert. Jahre später kam Tardellis Frau auf eine Art und Weise um, die deutlich die Handschrift des wahnsinnigen Vicente Luciani trug, der seine Opfer zu erwürgen pflegte und ihnen anschließend eine Haarsträhne abschnitt..."

"Nun, es kommt doch immer wieder zu Nachahmungstaten!"

Ich nickte.

"Aber es gab Zeugen, die den toten Luciani in der Nähe des Tatortes gesehen haben wollten - mit jener Schusswunde an der Schläfe, die er sich bei seinem Selbstmord zugezogen hatte!

Und über die Jahre hinweg gab es immer wieder derartige Fälle. Ein italienischer Kriminalkommissar verglich schließlich die am Tatort zurückgelassenen Fingerabdrücke mit jenen, die man von dem toten Vicente Luciani genommen hatte.

Sie stimmten überein..." Ich seufzte. "Zumindest, wenn man nach den Pressemeldungen geht, die ich gefunden habe."

"Das klingt wirklich mysteriös", gab Tante Erie zu. Sie wirkte plötzlich sehr in sich gekehrt und nachdenklich.

"Luciani...", murmelte sie vor sich hin. "Mir ist, als hätte ich diesen Namen auch schon gehört. Aber ich kann ihn im Moment nicht einordnen... Kann sein, dass auch in meiner Sammlung ein paar Berichte zu diesem Fall einsortiert sind..." Ein Ruck ging durch Tante Erie. Sie sah mich an und fragte dann: "Was ist aus der Sache geworden?"

"Im Sande verlaufen", meinte ich. "Man versuchte das mit den Fingerabdrücken mit einer Verwechslung zu erklären.

Der Kriminalkommissar, der den Stein ins Rollen gebracht hatte, bekam von seinen Vorgesetzten einen Maulkorb verpasst.

Er durfte nicht mehr über den Fall reden."



7

Nebel waberte in dicken Schwaden über die Meeresoberfläche.

Der Nachthimmel war dunstig und nur hin und wieder kam der Mond als ein verwaschener Fleck zum Vorschein.

Ich stand auf einem Felsvorsprung, der ins Meer hineinragte.

Vor mir gähnte der Abgrund.

Ein Gefühl der Kälte hatte mich erfasst. Eine Art von Kälte, die aus dem Inneren kam und gegen die es kein Mittel gab. Unbehagen erfüllte mich.

Schreie drangen durch die Nacht. Schreie von Sterbenden und Verwundeten. Ich drehte mich herum und sah mit Entsetzen auf die verfallene Sandsteinruine einer Festung. Ein Kampf tobte in grau gewordenen Mauern, in den verfallenen Gebäuden und hinter den dahinbröckelnden Zinnen.

Soldaten in Kleidung aus napoleonischer Zeit. Die Verteidiger trugen Dreispitze und rote Jacken mit langen Rockschößen, die bis zu den Kniekehlen reichten. Die Angreifer hingegen trugen hohe, dunkle Mützen und blaue Jacken. Darüber helle Schärpen, an denen die Säbel hingen.

Das Wiehern von Pferden durchschnitt die Luft. Dragoner ritten heran und schwenkten ihre Säbel über dem Kopf.

Eine Gewehrsalve krachte los und ließ mich zusammenzucken.

Getroffen sanken einige Männer zu Boden oder wurden aus den Sätteln ihrer Pferde geholt.

Aber zumeist wurde jetzt mit Bajonett und Säbel gerungen.

Todesschreie erfüllten die Nacht. Metall schlug auf Metall.

Erbittert wurde gefochten und Augenblick für Augenblick sanken Tote in den Staub.

Einer der Kämpfer wurde auf mich aufmerksam.

Er drehte sich zu mir herum, nachdem er seinen Gegner niedergerungen und erschlagen hatte. In der einen Hand hielt er seinen breiten Säbel.

Verzweiflung stand in seinem Gesicht. Seine Uniform war zerschlissen.

Er streckte die Hand aus und rief mir etwas zu.

Ich konnte es nicht verstehen.

Aber ich erkannte die Sprache.

Italienisch!

Aus irgendeinem Grund schauderte mir, und ich wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Mehr war allerdings nicht möglich. Ich drehte meinen Kopf leicht zur Seite. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich bereits die scharfe Kante am Rand der Felsenkanzel.

Und den Abgrund...

Der Mann kam auf mich zu. Seine Augen blitzten wild. Sein Gesicht wirkte roh und grobschlächtig. Eine Maske des Hasses.

Der Wille zu töten stand in seinen Zügen.

Seine Haut!, dachte ich. So bleich...

Ich war an einen Toten erinnert. Kaltes Grauen erfasste mich. Ich öffnete halb den Mund und versuchte, etwas zu sagen. Wenigstens schreien wollte ich. Aber ein Kloß saß mir in der Kehle. Kein Laut drang über meine Lippen. Ich zitterte.

Nein!

Ich spürte kalten Schweiß auf meiner Stirn. Namenloses Entsetzen hatte mich gepackt.

Dann erwachte ich.

Ich öffnete die Augen, spürte, wie ich mich beinahe wie automatisch im Bett aufrichtete und dann nach Luft rang. Ich atmete heftig, beinahe so, als wäre ich eine ganze Weile unter Wasser gedrückt worden. Mit den Händen fasste ich mir an den Hals, so als ob ich mir selbst erst versichern musste, dass damit noch alles in Ordnung war.

Es dauerte einige Augenblicke, ehe ich aus der Welt meines Alptraums wieder ins Hier und Jetzt tauchte. Ich blickte mich im Zimmer um. Tante Eries Villa, mein Bett, der vertraute Blick durch das Fenster... Es ist alles in Ordnung...

Ich atmete tief durch.

Dann schlug ich die Bettdecke zur Seite. Barfuß ging ich zum Fenster und blickte hinaus.

Das einzig Gemeinsame zwischen meinem Traum und der Wirklichkeit war...

Der Nebel!

Er schien im Laufe der Nacht die gesamte Stadt erfasst und jeden Winkel durchdrungen zu haben. Dicke Schwaden krochen wie böse Geister durch Tante Eries Garten.

Es ist einer jener Träume, die mit deiner Gabe zu tun haben!, sagte eine ziemlich entschiedene Stimme in mir. Mein Gefühl sagte mir, dass es so war, auch wenn ich liebend gern etwas anderes geglaubt hätte.

Aber inzwischen hatte ich gelernt, mehr auf meine innere Stimme zu hören.

Ich strich mir das Haar zurück und setzte mich in einen Sessel. Die Knie zog ich an den Oberkörper.

Was bedeutet das alles?, fragte ich mich. Ich versuchte, mir die Traumszene noch einmal in Erinnerung zu rufen. Die Ruine, die Soldaten, die Schreie...

Es war ein Traum, der von nichts Gutem künden konnte. Das war mir schon klar.

Außerdem musste er in irgendeinem Zusammenhang mit der Italien-Reise stehen...

Ich schluckte.

Eine Weile kauerte ich noch so da, ehe ich endlich müde genug war, um mich wieder hinzulegen. Mit Schrecken dachte ich daran, am nächsten Morgen wieder früh aufstehen zu müssen. Ich schloss die Augen und fiel in einen traumlosen Schlaf...



8

Am nächsten Morgen fühlte ich mich wie zerschlagen. Auch eine Tasse mit rabenschwarzem und extrastarkem Kaffee machte mich kaum munterer.

Ich erzählte Tante Erie von meinem Traum.

Und sie wirkte ziemlich besorgt.

"Du musst diesen Traum ernstnehmen", sagte sie. "Jane, vielleicht..." Sie sprach nicht weiter. Ihr Blick musterte mich auf eine Weise, die mir nicht gefiel. Ich sah sie erstaunt an und zog die Augenbrauen in die Höhe.

"Was?", fragte ich.

Tante Erie fasste mich bei den Schultern. Sie senkte den Blick und wich dem meinigen aus. "Vielleicht ist es besser, du sagst die Reise ab, Jane! Ich weiß, dass du das jetzt vehement von dir weisen wirst, aber..."

"Tante Erie!"

"Der Zusammenhang ist doch eindeutig, Jane! Der Landsknecht sprach dich auf italienisch an! Und du wirst nicht im ernst behaupten wollen, dass dies ein Traum sein kann, der etwas Gutes verheißt..."

Ich seufzte und schüttelte dann den Kopf. "Nein", gab ich dann zu. "Ich habe nicht die geringste Ahnung, was er bedeuten könnte..."

Tante Erie nahm mich in den Arm.

"Du musst auf der Hut sein", sagte sie.

"Ich weiß", flüsterte ich.

Dann sah sie mich an. Sie lächelte, aber dieses Lächeln wirkte etwas gezwungen. "Ich weiß, dass es sinnlos ist, dir diese Reise ausreden zu wollen... Aber ich wollte es wenigstens versucht haben..."



9

Den Tag verbrachte ich überwiegend im Archiv, im Volksmund unserer Redaktion auch hin und wieder als 'Katakomben'

bezeichnet. Was den Tod von Franca Tardelli jedoch anging, fand ich nichts als weitere Spekulationen. Der Fall schien ein Rätsel geblieben zu sein. Bis heute.

Immerhin fand ich noch einiges über den dem Wahnsinn verfallenen Grafen Luciani heraus. Er hatte insgesamt ein Dutzend Frauen ermordet. Immer auf dieselbe Weise. Seinen Opfern hatte er des Nachts am Strand aufgelauert und sie dann erwürgt.

Vicente Luciani war 45 Jahre alt gewesen, als er sich schließlich in seinem Palazzo erschoss, kurz bevor die Polizei die Tür aufbrechen konnte.

Was mich nicht losließ, waren die Berichte darüber, dass er in den Jahren danach angeblich immer wieder gesehen wurde.

Möglich, dass das nur Teil einer ganz normalen Legendenbildung war.

Schließlich war ja auch Elvis Presley nach seinem Tod angeblich noch des öfteren gesehen worden.

Was mich in diesem Fall stutzig machte, war die Sache mit den Fingerabdrücken. Aber genau zu diesem Punkt fand ich nichts mehr.

"Na, schon alles für die Reise vorbereitet?", überraschte mich James später an meinem Schreibtisch. "Vergiss die Badesachen nicht... Dieser Palazzo soll doch direkt am Meer liegen!"

Ich sah auf.

"Hallo, James! Du scheinst das ganze mit einer Urlaubsreise zu verwechseln."

"Ist es das nicht?

"Abwarten, James..."

Er zuckte die Achseln. Er sah auf die Uhr und meinte dann:

"Ich bin für heute fertig, Jane. Bis Morgen!"

Ich nickte. "Bis morgen, James!"



10

Tante Erie brachte mich zum Flughafen. Mit James war ich am Schalter verabredet.

Er traf erst in letzter Minute ein und strapazierte damit ziemlich meine Nerven.

Und dann erkannte ich ihn erst gar nicht.

Da kam ein junger Mann mit sportlichem Haarschnitt auf mich zu. Er trug einen dunklen Blazer aus edler Schurwolle, kombiniert mit einer Leinenhose. Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen. Selbst die Farbe der Socken passte zu den Slippern.

"Hallo, Jane!", lachte er mich an.

"Alle Achtung!", meinte ich anerkennend. "Die Verwandlung von James Cunningham in Robert Redford ist wirklich gelungen."

Er grinste.

"Tja... Die exklusive Kollektion des Kaufhauses Harrods!"

"Es steht dir!"

"Ich nehme das mal als Kompliment!"

"Es war auch so gemeint."

"Und ich hätte fast gedacht, so etwas wie Ironie herausgehört zu haben!"

"James!", erwiderte ich mit einem Tonfall des gespielten Tadels. "Du solltest doch wissen, dass ich gar nicht weiß, was ist das ist!"

Unser Flug nach Rom ging ohne Komplikationen über die Bühne. Bei unserem Abflug hatte ich noch einen Blick durch das Fenster werfen können. Die Metropole London lag unter einer dichten Nebelglocke.

In Rom war es einige Grad wärmer, und die Sonne schien. Wir besorgten uns einen Leihwagen. Es handelte sich um ein sportliches Coupe, mit dem wir schließlich dem berüchtigten römischen Verkehrschaos entkamen.

"Also an den Rechtsverkehr auf dem Kontinent werde ich mich wohl nie gewöhnen", meinte James, der am Steuer saß.

Ich hatte eine ziemlich detailtreue Karte der Umgebung auf den Knien. Solange wir uns auf den großen Hauptstraßen befanden, war sie auch recht zuverlässig.

Es war bereits später Nachmittag, als wir endlich den Palazzo Luciani erreichten. Zwischendurch hatten wir uns einige Male verfahren und waren dann auf einsamen, teils verlassenen Gehöften gelandet. Aber nun waren wir da. Die Sonne war milchig geworden und tauchte den hellen Sandstein des massiven, geradezu beeindruckenden Gebäudes in ein weiches Licht.

Die großen Steinquader, aus denen die Mauern errichtet worden waren, hatten etwas Einschüchterndes an sich. Das Portal war ausladend. Ein Dutzend Stufen führten hinauf zum Eingang.

Der steinerne Handlauf war von verspielter Schnörkelhaftigkeit. Götterstatuen der griechisch-römischen Antike prägten sowohl den Treppenaufgang, als auch die umgebende parkähnliche Landschaft. Die Statuen stammten vermutlich aus der Zeit des Barock, als man die antike Kunst wiederentdeckte und zu imitieren versuchte.

James hielt auf dem großen Parkplatz vor dem Portal. Als wir ausstiegen, fühlte ich sofort den Salzgeruch in der Nase. Nur wenige hundert Meter jenseits des Palazzo begann der Strand.

Das Rauschen des Meeres war bis hier zu hören.

"Ziemlich einsam hier...", meinte James und ließ dabei den Blick an den mächtigen Mauern entlang gleiten. "Aber es hat Stil!"

"Ja, das hat es..."

Ich murmelte diese Worte fast tonlos vor mich hin. Denn dieses Haus hatte noch etwas anderes. Eine Aura von Düsterkeit und Tod schien über dem Gebäude wie ein dunkler Fluch zu hängen. Ich konnte es beinahe körperlich fühlen.

Selbst der helle Sandstein konnte diesem Eindruck nichts entgegensetzten.

Vielleicht hast du einfach zuviel über diese seltsame Grafenfamilie namens Luciani gelesen! ging es mir dann durch den Kopf. Vicente, der letzte, dem Wahnsinn verfallene Spross dieses Geschlechts war nämlich keineswegs der einzige in der Reihe der Lucianis, an dessen geistiger Gesundheit man zweifeln musste.

Sein Großvater war ein Anhänger des Satanskultes gewesen, bis er durch einen Brand ums Leben kam, den vermutlich sein krankhaft pyromanisch veranlagter Sohn gelegt hatte. Aber auch das war letztlich nie aufgeklärt worden. Ein Palazzo voll düsterer Geheimnisse, so schien es mir. Ein Ort, der auf mich gleichermaßen faszinierend und abstoßend, anziehend und beängstigend wirkte.

James sah auf die Uhr an seinem Handgelenk.

Die Kameratasche hing ihm wie eh und je um den Hals. Sie war das einzig Vertraute an seinem völlig veränderten Outfit, an das ich mich erst gewöhnen musste.

"Wir sind spät dran", meinte er dann. "Den großen Tardelli sollten wir nicht unnötig warten lassen... Man weiß ja schließlich nie, was man bei diesen sensiblen Künstlerseelen damit auslöst..."

"Ach!"

"Stell dir vor, Signore Tardelli überlegt es sich dann plötzlich anders und will nicht mehr, dass wir eine Reportage machen."

"Das stelle ich mir lieber gar nicht erst vor!", erwiderte ich.

Ich blickte die Stufen des Portals hinauf und zuckte unwillkürlich zusammen, als ich die bleiche Gestalt sah, die mit langsamen Schritten auf uns zukam. Der Gang des Mannes war leicht gebeugt. Der Kopf war beinahe kahl und die Haut blass und faltig. Sein dürres Gesicht erinnerte mich an einen Totenschädel. Blassblaue Augen musterten uns aus tiefen Höhlen.

Ein kalter, undeutbarer Blick.

"Sind Sie die Leute aus London?", fragte eine wispernde Stimme in akzentschwerem Englisch. "Miss Donovan und Mr. Cunningham?"

"Ja", sagte ich.

"Signore Tardelli erwartet Sie bereits. Wenn Sie mir bitte folgen würden..."

Der blassgesichtige Mann trug die Kleidung eines Butlers.

Der altmodische Stehkragen gab seinem Äußeren eine eigenartige, sehr altmodische Note.

Er drehte sich herum, und wir folgten ihm die Stufen des Portals empor.

Die zweiflügelige Eingangstür stand weit offen. Wir betraten einen großzügigen Eingangsraum. Die Einrichtung war von erlesenem Geschmack.

Alles war im Stil des Barock gehalten und ich fragte mich, wie hoch der Anteil an wertvollen Antiquitäten unter Tardellis Mobiliar wohl war. Vermutlich sehr hoch, denn erstens musste der Modeschöpfer ein riesiges Vermögen angehäuft haben und zweitens war er bekannt dafür, eine Vorliebe für das Echte zu haben.

Der Mann mit dem bleichen Gesicht schlich wie ein Totengeist vor uns her und führte uns dann in einen lichtdurchfluteten Salon. Eine Tür führte hinaus auf den Balkon und aus den hohen Fenstern konnte man hinauf auf das Meer sehen. Unendlich weit erstreckte sich das Blau. Es war ein faszinierender Anblick.

"Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise", begrüßte uns Gian-Carlo Tardelli.

Er war ein mittelgroßer Mann mit ergrautem Haar. Seine Augen wirkten wach und aufmerksam. Der erste Eindruck war der einer großen Persönlichkeit mit einer unverwechselbaren Ausstrahlung. Der dunkelgraue Maßanzug saß ihm wie angegossen.

"Möchten Sie einen Drink?", fragte er dann. Was wir beide bejahten. "Nachher kann Luigi Ihnen dann Ihre Räume zeigen, wenn es recht ist." Bei diesen Worten deutete Tardelli mit einer beiläufigen Gesetze auf den Mann mit dem bleichen Gesicht.

"Haben Sie vielen Dank", sagte ich.

"Sie können übrigens so viele Fotos machen, wie Sie wollen, Mr. Cunningham", wandte sich Tardelli dann mit Blick auf die Kamera an James.

"Oh, so etwas hört man selten. Die meisten wollen am liebsten auch noch bestimmen, in welchem Licht sie zu sehen sind!"

Tardelli zuckte die Achseln.

"Ich bediene die Eitelkeiten anderer - ich selbst bin davon geheilt!"

Der finster wirkende Luigi ging derweil in einen Nebenraum und kehrte einige Augenblicke später mit einem Tablett zurück, auf dem unsere Drinks standen.

Wir nahmen unsere Gläser und folgten Tardelli dann auf den Balkon. Eine frische Brise wehte jetzt vom Meer her. Die Sonne stand schon ziemlich tief. Allzulange würde es nicht mehr dauern, bis sie hinter dem blauen Horizont versank.

Etwas Dunst hatte sich draußen auf dem Meer gebildet.

"Worauf sollen wir trinken?", fragte Tardelli indessen.

"Darauf, dass Sie eine schöne und erfolgreiche Zeit hier auf diesem alten Herrensitz verbringen..." Sein Akzent war nur leicht und wirkte charmant.

Ich hob das Glas und nippte etwas von dem Drink.

Dann fragte ich: "Was hat Sie dazu bewogen, ein Journalistenteam in Ihr Haus zu lassen, nachdem Sie Ihr Privatleben jahrelang mehr oder minder hermetisch abgeschottet haben?"

Tardelli lächelte.

Sein Blick schien dabei in die Ferne gerichtet zu sein, hin auf das strahlend blaue Meer. Er atmete tief durch, und ich wurde den Eindruck nicht los, dass irgendeine schwere, unsichtbare Last auf der Seele dieses Mannes lag.

Schließlich sagte er: "Sehen Sie, ich entwerfe Kleider. Ich mache mir Gedanken darüber, wie die Frau von morgen sich anziehen sollte. Das kann man nicht im stillen Kämmerlein.

Meine Kollektionen stehen im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit - und so tue ich es unweigerlich auch.

Gleichgültig, ob mir das nun gefällt oder nicht. Als meine Frau..." Er zögerte, schien einen Augenblick lang nach der richtigen Formulierung zu suchen und atmete dann erst einmal hörbar aus. Schließlich setzte er erneut an. Es schien ihm schwerzufallen, darüber zu reden und ich konnte das gut verstehen. "Es gab eine Zeit, in der ich glaubte, mich von der Öffentlichkeit abschotten zu können. Zumindest, was meine Person und mein Privatleben angeht. Aber das war ein Irrtum.

Das Ergebnis war, dass die Illustrierten trotzdem mit Berichten über mich aufwarteten. Entweder sie griffen ins Archiv oder sie dachten sich anhand weniger Anhaltspunkte eine Story aus. So bin ich nach reiflicher Überlegung zu dem Schluss gekommen, dass ich in die Offensive gehen muss... Und da sich die HAUTE COUTURE mir gegenüber immer sehr fair verhalten hat und mein Manager gute Kontakte nach London besitzt..."

"Ich verstehe", sagte ich.

"Die anderen Blätter des Kontinents werden sicher Ihre Story nachdrucken. Aber das soll mir nur recht sein.

Vielleicht wird dann manches zurechtgerückt, was in der Vergangenheit an Gerüchten im Raum stand. Etwa, dass ich tablettensüchtig sei und unter psychischen Problemen litte."

Er nahm einen kräftigen Schluck von seinem Drink, sah mich kurz an, ehe sein Blick wieder hinaus zum Strand ging.

Ich folgte seinem Blick.

Eine Gestalt war dort zu sehen. Ich glaubte langes, dunkles Haar, das im Wind wehte zu erkennen.

Eine Frau, dachte ich.

Aber mehr war ohne Fernglas nicht zu sehen.

Tardelli schien ein wenig beunruhigt zu sein. Er stellte das halbvolle Glas auf den breiten Handlauf des steinernen Geländers ab, das durch seine barocken Verzierungen auffiel. In den Ecken hielt jeweils eine klassizistische Statue des Riesen Atlas das Gewölbe der Welt auf seinen Schultern.

Tardelli drehte sich herum.

"Luigi!", rief er und der totenblasse Mann mit den wässrig blauen Augen und dem kahlen Schädel kam einen Augenblick später auf den Balkon.

Dann wechselten die beiden ein paar aufgeregte Worte auf Italienisch, von denen ich natürlich so gut wie nichts verstand. Ein einziges Wort blieb mir im Gedächtnis haften.

Ein Name.

Bianca.

Jedenfalls machte Luigi daraufhin kehrt und kurz nachdem er dann im Haus verschwunden war, sah man ihn unterhalb des Balkons durch die im barocken Stil gehaltene Parklandschaft auf den sich daran anschließenden schmalen Dünenkamm zugehen, hinter dem sich der traumhaft weiße Strand befand.

Der blasse Mann mit dem Totengesicht ging recht schnell.

Zuvor hätte ich ihm ein derartiges Tempo kaum zugetraut.

"Was ist passiert?", fragte ich.

"Nichts, was der Rede wert wäre", erklärte Tardelli dann.

Aber man brauchte keine seherische Gabe, um zu spüren, dass der Modezar mir in diesem Moment nicht die Wahrheit gesagt hatte. Sein Lächeln wurde breiter als ihm guttat. "Lassen Sie sich übrigens durch die auf Außenstehende vielleicht etwas schroffe Art meines Majordomus nicht verunsichern. Luigi wird dafür sorgen, dass Ihnen jeder Wunsch erfüllt wird."

"Vielen Dank."

"Er gehört gewissermaßen zu diesem Haus - wenn Sie verstehen, was ich meine."

Ich hob die Augenbrauen.

"Nicht so ganz", musste ich eingestehen.

Tardelli nahm sein Glas wieder in die Hand. Die Art, in der er es hielt, verrieten Stil und Eleganz. Aber bei einem Mann wie ihm erwartete man auch nichts anderes. Schließlich waren Stil und Eleganz der Inhalt seiner Arbeit. Ohne ein gutes Gefühl dafür, wäre er nie dorthin gekommen, wo er jetzt war.

"Ich habe ihn vom vorherigen Eigentümer quasi übernommen..."

"Wie ich sehe, haben Sie sich gut informiert, Miss Donovan!"

Aber Tardelli war nicht nur ein Meister des Stils. Er war auch ein höflicher Gastgeber, der es hervorragend verstand, den Small talk weiterzutreiben. "Nun, Luigi ist zwar bereits ganz schön in die Jahre gekommen, aber er versteht sein Handwerk. Ich bin sehr zufrieden mit ihm. In diesem Haus arbeiten ein Koch und ein Hausmädchen. Ab und zu kommt eine Gärtnertruppe und eine Raumpflegefirma übernimmt die Reinigung. Das will alles koordiniert sein! Und Luigi hat sie alle fest im Griff! Nichts entgeht ihm. Er kümmert sich darum, dass alles läuft, so dass ich mich voll auf meine kreative Arbeit konzentrieren kann."

Und dann glaubte ich plötzlich, etwas zu hören.

Klirrendes Metall, Säbel, die gegeneinander schlagen, Schreie...

Ich wandte den Kopf zur Seite.

Wie ein dunkler Schatten hoben sich die Umrisse einer Ruine gegen das Licht der tiefstehenden Sonne ab.

Ich schluckte.

Ich muss dort hinauf, um sicher zu sein!, durchfuhr es mich.

Ich rieb die Hände an den Oberarmen.

"Ist etwas nicht in Ordnung?", raunte mir James zu. Ich hörte seine Worte wie durch Watte.

Bruchstücke nur. Aber sie reichten, um das Grauen wie eine dunkle Blume in mir wachsen zu lassen. Der Eiswind der Zeit!, dachte ich.

"Oh, James..."

Ich schüttelte den Kopf und beeilte mich damit, mein Lächeln wieder zu finden. Ich strich mir mit einer schnellen Geste über das Gesicht und strich einige Haarsträhnen zurück.

Und was hätte ich auch anderes sagen können?

Und soweit es irgend möglich war, behielt ich diese Tatsache für mich. Einzig und allein mit Tante Erie konnte ich über diese Dinge sprechen...

Sie trug die Uniform eines Hausmädchens. Dunkler Rock, dunkle Bluse und weiße Schürze.

Tardelli nahm den Apparat.

"Aber sicher!", sagte James.