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Alfred Bekker, Horst Bieber

Das große Buch der Regio-Krimis

Romane und Erzählungen: Cassiopeiapress Spannung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Alfred Bekker präsentiert: Das große Buch der Regio-Krimis

 

1100 Taschenbuch-Seiten Krimi-Spannung – 12 Romane und Erzählungen mit Tatorten in Berlin, Passau, Emden, Düsseldorf-Gerresheim, Bonn, dem Ruhrgebiet, Wien und Schmilka in Sachsen.

 

Dieses E-Book enthält die Krimis:

 

Alfred Bekker und Marten Munsonius: Killer im Käfig

Alfred Bekker mit M. Munsonius: Die Toten Augen von Schmilka

Alfred Bekker mit Rupert Bauer: Passauer Mords-Dessert

Alfred Bekker: Nach all den Jahren

Alfred Bekker: Ein Hai im Swimming-Pool

Hendrik M. Bekker: Preisnachlass wegen Geisterbefall

Hendrik M. Bekker: Die Anhalterin

Lence Vio: Kurze Lunte

Karl Plepelits: Und es jubeln die Rachegeister

Stephan Peters: Die Hexe von Gerresheim

Horst Bieber: ...acht, neun, aus!

Jo Ziegler: Ruhrpott-Dschungel

 

 

Alfred Bekker & Marten Munsonius: KILLER IM KÄFIG

© Alfred Bekker, CassiopeiaPress

All rights reserved.

Ein CassiopeiaPress E-Book.

Www.AlfredBekker.de

 

Er war kein Berliner.

Nicht mehr.

Aber er kam noch ab und zu in die Bundeshauptstadt, um zu arbeiten. Immerhin das hatte er mit den Bundestagsabgeordneten gemein.

Weil sich in seinem Gepäck eine Automatik mit aufgeschraubtem Schalldämpfer und genügend Munition befand, konnte er nicht mit dem Flugzeug anreisen, sondern war auf das Auto angewiesen.

Eigenartig, dachte er. Wenn du nach Berlin kommst, fällt dir immer dasselbe ein. Der Tag, an dem die Mauer brach. Du saßt vor dem Fernseher wie Millionen Deutsche in Ost und West. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wird der Bundeskanzler interviewt. Du zappst auf die Privaten. Da sagt der Moderator vor jubelnden Berlinern: "Unsere öffentlich-rechtlichen Kollegen haben, wie ich höre, den Bundeskanzler vor dem Mikro. Aber wir haben einen gleichwertigen Ersatz: Harald Juhnke!"

Er schaltete einen Gang höher.

Der Motor heulte auf.

Jedesmal, wenn du nur daran denkst, musst du schon lachen!

Für jemand anderen würde es jetzt nichts mehr zu lachen geben.

Dafür würde er sorgen.

Das war sein Job.

 

 

*

 

 

Von der Oranienburger Straße, nahe der Synagoge waren es nur ein paar hundert Meter bis zu den Hackeschen Höfen.

Es war nicht sonderlich kalt, nur regnerisch. Ungemütliches Nieselwetter eben. Aber der Killer trug dennoch Handschuhe.

Schließlich waren seine feingliedrigen Hände ein Teil seines wichtigsten Handwerkszeugs. Und klamme Finger konnte er sich einfach nicht leisten. Der andere Teil seines Handwerkszeugs, eine speziell für ihn umgebaute Automatik – Geschenk eines russischen Gönners – befand sich gut verborgen in einem Holster unter seinem Mantel.

Der Mann war hochgewachsen und ziemlich kräftig gebaut. Der blonde Kurzhaarschnitt unterstrich die kantigen Gesichtszüge.

Er war sauber rasiert - ein wenig hatte er von einem Geschäftsmann an sich, mit Freizeit für eine kleine Stadttour.

Die Oranienburger Straße mit ihren zahlreichen Clubs, den Lokalen, der „Mitte Bar“ und dem „Café Orange“ ließ der Killer links liegen. Er kannte die Gegend zur Genüge, selbst den Straßenstrich, der aber dort endet, wo der Hackesche Markt einmündet. Der Killer hatte früher einmal als Knochenbrecher für einen der Zuhälter gearbeitet. Aber das war lange her.

Der Schöne Bodo war der Lude überall genannt worden, bis ihm ein Konkurrent ein Schrotgewehr ins Gesicht gehalten und abgedrückt hatte.

Der Schöne Bodo hatte überlebt und wohnte jetzt in einem Pflegeheim.

Wie eine Pflanze vegetierte er mit schweren Schädel-Hirn-Verletzungen dahin. Seine Girls waren an die Konkurrenz verteilt worden und für den Killler hatte es bedeutet, sich nach einem anderen Job umsehen zu müssen. Selbst in dieses brandheiße Geschäft einzusteigen, daran hatte er niemals gedacht. Es war einfach zu gefährlich, seit sich die Konkurrenz auf dem ehemaligen Ostblock im Reich der Bordsteinschwalben breitgemacht hatte. Die guten alten Zeiten waren vorbei. Jetzt wehte ein anderer Wind.

Eins der Girls vom Schönen Bodo hatte dem Killer damals einen Braunen gegeben.

Tausend Deutschmark.

Dafür hatte er den Kerl mit der Schrotflinte umlegen müssen. Sein erster Mordauftrag. Heute war er für eine derart lächerliche Summe nicht mehr zu haben. Und das hatte nur am Rande etwas mit der Teuerungswelle durch die Einführung des Euro zu tun.

Der Killer mit den wässrigen Augen ging zielsicher zu seinem Treffpunkt.

Der Wind frischte auf, und feiner Nieselregen hinterließ winzige Perlen auf seinen kräftigen Augenbrauen. So ein verdammter Mist!, dachte er. Das Wetter ändert sich. Da kriege ich bestimmt wieder meine Scheiß-Migräne... Ist nicht so gut, wenn man dann arbeiten muss. Er spürte ein leichtes Ziehen am Hinterkopf. Die ersten Vorboten. Hoffentlich ist alles erledigt, bevor die Scheiße richtig losgeht!, ging es ihm durch den Kopf.

Es schien, als würde der Blonde mürrisch auf die nassen Gehwegplatten starren. Dabei beobachtete er seine Umgebung trotzdem sehr genau. Am frühen Vormittag hatte sein Handy geklingelt. Das war eigentlich nichts Ungewöhnliches. Es sei denn, es klingelte danach gleich wieder. Und wieder. Insgesamt vier mal. Jedesmal ein Klingelzeichen mehr.

Der Blonde unterbrach seine Tätigkeit, verstaute die Digitalkamera in seiner Manteltasche und schaute auf die Uhr. Es gab jetzt einiges für ihn zu erledigen.

Schade – gerne hätte er noch einige Bilder gemacht. Der alte Südwest-Friedhof Stahnsdorf war in verwildertes Areal von eigentümlicher, morbider Schönheit. Der Killer liebte es in seiner Freizeit ( und davon hatte er zwischen zwei Aufträgen genug ) über Friedhöfe zu wandern. Ausnahmsweise schoss er hier nur mit der Kamera.

Den Plan für das Friedhofsgelände ließ er in seine Manteltasche, als er sich auf den Rückweg machte. Obwohl die Bestattungsfelder sich kaum vom Wald unterschieden, fand er zielsicher den Hauptweg.

Er hatte einige wirklich interessante Grabstellen ausfindig machen können.

Der Himmel bezog sich, obwohl am Morgen eine fahle Sonne wenigstens einen trockenen Tag versprochen hatte.

Vor ihm tauchte der Eingang des „Restaurants Hackescher Hof“ auf, und der Killer verscheuchte die kurze Tagträumerei aus seinem Kopf.

Selbst im Nieselregen waren die Höfe mit ihren renovierten Jugenstilfassaden ein magischer Anziehungspunkt für Touristen und Einheimische. Der Blonde kannte alle acht Höfe flüchtig. Viele Ladenpassagen und noch mehr Menschen. Zu unübersichtlich. Er hatte seinem Kontaktmann das Restaurant gleich am Eingang vorgeschlagen.

Der Blonde setzte sich in die Nähe eines großen Fensters, um seine Umgebung drinnen wie draußen unter Beobachtung zu haben. Er bestellte einen Kaffee, zog die Handschuhe aus, ließ aber den geöffneten Mantel an. Die Waffe blieb weiterhin unsichtbar.

Er schaute auf die Uhr. In fünf Minuten würde ein halbwüchsiger junger Mann mit einem Stapel Zeitungen hereinkommen.

Er würde ihn erkennen.

Ein Russe, der kein Deutsch sprach. Der Killer würde eine Zeitung kaufen. Darin war ein brauner Umschlag versteckt. Mehr musste er vorerst nicht wissen.

Er holte die Kamera hervor. Er wippte kurz im Menue herum, bis die Gräber auf dem Display erschienen. Das fahle Morgenlicht ließ den Friedhof und die Grabsteine verwunschen aussehen. Er hatte Murnau gefunden, der jetzt selbst ein Gespenst unter all den filmischen Gespenstern war, die dieser große Regisseur erschaffen hatte.

Er wippte weiter. Zille, Lovis Corinth, Langenscheidt und zuletzt den berühmten Hanussen.

Er spürte, wie sich ihm jemand näherte. Das Lokal war um die späte Mittagszeit nicht mehr ganz so gut besucht. Zwischen den Tischen schlängelte sich ein pickelgesichtiger schwarzhaariger Jüngling durch die Reihen.

Der Blonde tat so, als bemerke er das gar nicht. Er beschäftigte sich weiter mit seiner Kamera. Aber seine fünf Sinne waren in höchster Alarmbereitschaft. Nur für den Fall, dass etwas bei der Kontaktaufnahme schief ging, war seine rechte Hand unauffällig unter seine Jacke geglitten, und die feingliedrigen Finger seiner rechten Hand ertasteten den kalten Stahl der Waffe. Mit der freien Hand legte er die Kamera auf den Tisch.

Sein Blick schweifte ab. Nach draußen. Selbst in dem feinen Nieselregen kamen genug Touristen in die Hackeschen Höfe. Sie drängten sich um die Stände, schlüpften in die kleinen Läden und sahen alle harmlos aus. Der Killer gab sich selbst Entwarnung.

Während er so tat, als beobachtete er das rege Treiben außerhalb des Restaurants, behielt er den jungen Mann im Visier.

Niemand wollte eine der angebotenen Zeitungen. Langsam näherte er sich dem Tisch des Blonden.

Er sagte etwas auf Russisch, was sich so anhörte, wie: „Möchten Sie eine Zeitung kaufen? Diese Zeitung!“ Und seine Hand glitt hinter den Stapel, und holte das letzte Exemplar hervor, und packte es auf das erste Exemplar von vorne...

Der Junge hatte große Augen. Das war kein Job, den er jeden Tag machte. Auch seine Haltung stimmte nicht.

Das war sein Kontaktmann!

Der Killer zauberte etwas Kleingeld aus seiner Hand, die eben noch die Waffe umklammert hielt.

Der Junge beeilte sich das Geld zu nehmen und verließ überhastet das Lokal.

 

 

*

 

 

Später, zurück in seinen Wagen gelangt, hatte er sich alles in Ruhe angesehen. Die Kamera landete im Handschuhfach – und dort würde sie auch eine ganze Weile bleiben.

Der Kontakt war reibungslos verlaufen. Auch der Killer war sich nicht sicher, ob seine Mittelsmänner nicht von der anderen Seite waren, oder eine rivalisierende Gang ihn nicht ausschalten wollte, oder ihn an die Behörden verriet.

War diese Übergabe, und der Eingang des Geldes erst reibungslos vonstatten gegangen, war der Rest für ihn fast ein Kinderspiel.

Der Blonde hatte zwar keine Kerben in seiner Automatik, aber die Zahl seiner Aufträge, seiner erfolgreich ausgeführten Aufträge, war beachtenswert. In gewissen Kreisen hatte er es zu einer Berühmtheit gebracht, die ihm quasi wie von selbst neue Aufträge bescherte. Ob in Berlin, oder im Kosovo – unter Soldaten oder Zivilisten, wo es brenzlig wurde, griff man als probates Mittel auch schon einmal zu einem „Killer“. Jedenfalls wurde er besser bezahlt, als in seiner Zeit als Knochenbrecher. Von anderen, noch bürgerlicheren beruflichen Tätigkeiten einmal ganz abgesehen.

Was könnte man über meinen Job sagen? Ich habe mit Menschen zu tun... Er kicherte. Das löste etwas die Anspannung.

Der Umschlag war dünn. Das Material war gut zusammengefasst. Einige Fotos. Ein paar verstreute Notizen, die wohl erst in letzter Minute hereingekommen waren.

Für den Killer war Joseph „Joe“ Grotzki ganz einfach ein Auftrag wie jeder andere. Er unterdrückte jede Gefühlsregung.

Es hatte ihm niemand gesagt, weshalb die Russen-Mafia Grotzki aus dem Weg haben wollte, aber der Blonde konnte es sich zusammenreimen. (Einige Notizen auf einer alten Schreibmaschine. Das „r“ war ein Stück höher angesetzt, als die restlichen Buchstaben!) Grotzki war nach den Notizen von Beruf Richter. Das erklärte schon fast alles. Gute Freunde und die Mitglieder eines Western Clubs durften ihn Joe nennen. Und einige Leute in der Unterwelt nannten ihn den "harten Joe". Grotzki versuchte, sich als Law-and-Order-Mann zu etablieren und man sagte ihm politische Ambitionen nach. Justizsenator, vielleicht sogar mal Regierender... Das wär's doch gewesen. Es gab so viele Leute, denen der "harte Joe" mal auf die Füße getreten hatte, dass sie kaum zu zählen waren. Wer wirklich hinter dem Auftrag stand, wusste der Killer nicht. War auch besser so. Einfach seinen Job machen und ansonsten auf die Affen vertrauen. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.

Noch einmal zog er das Material über seine Zielperson aus dem Umschlag. Grotzki wohnte in Zehlendorf im gediegenen Villenviertel in der Fabeckstraße in Höhe der Krankenhausaußenstelle, die im Volksmund zu Westberliner Zeiten „US-Hospital“ genannt wurde. (Damals - ein gut florierender Umschlagsplatz für zollfreie Waren! )

Der Killer schaute sich die Farbfotos genau an.

Grotzki aus einem Hauseingang kommend.

Grotzki vor dem Berliner Dom.

Der Blonde konnte auf dem Portrait trotz der Unschärfe des Hintergrundes sogar noch den Fernsehturm erkennen. Ein Bild aus dem vergangenen Sommer.

Das letzte Bild zeigte Grotzki im Profil mit einigen anderen Personen. Grotzki schien nicht besonders groß zu sein. Der Killer grübelte einen Moment darüber nach, wo das Bild gemacht worden war. Die Hochhäuser wirkten verzerrt. Eine Vergrößerung und eine Spiegelung. Er fühlte sich in seine Zeit, die er in Miami verbracht hatte, zurückversetzt.

Aber in den Händen hielt er ein Bild der Moabiter Spreebogentürme. Keine besonders professionelle Vergrößerung, dachte er.

Doch es reichte.

Ein letzter Blick, die Adresse noch einprägen, dann vernichtete er das Material sorgfältig und stopfte die Reste in einen Benzinkanister, den er später entsorgen würde.

Der Umschlag enthielt noch zwei Restaurantquittungen und etwas „Handgeld“.

Wie praktisch, dachte der Killer. In einer halben Stunde würde er diese Rechnung in Frankfurt/Oder beglichen haben, eine Stunde später noch einen „Absacker“ und zwei Cola. Das gab ihm etwas Vorsprung. Heute Nacht würde er in Polen übernachten, und dann ging es weiter auf „Geschäftsreise“ nach Osten.

Er startete den Wagen wieder und reihte sich in den Verkehr ein. Am Botanischen Garten vorbei. In seiner Erinnerung zweigte die Fabeckstraße hier gleich rechts ab.

Dann wurde er etwas langsamer. Seine Augen suchten nach der richtigen Hausnummer.

Im Radio plärrte ein Song, der seine Aufmerksamkeit erregte.

Er drehte etwas lauter, lauschte dem dreckigen Text.

Der Refrain ging so:

„Meine Stadt, mein Bezirk, mein Viertel, meine Gegend, meine Straße, mein Zuhause... mein Block!

Meine Gedanken, mein Herz, mein Leben, meine Welt... reichen vom 1. bis zum 16.Stock.“

Nicht schlecht, Melodie und Rotz, dachte der Killer, sind wohl echte Gangsta-Rapper. In Fahrtrichtung hatte er die Hausnummer entdeckt. Er wurde nicht langsamer, bog aber in die nächste Seitenstraße ab und suchte einen passende Parkmöglichkeit.

 

 

*

 

 

Seinen blauen Ford hatte er am Straßenrand hinter einem Lastwagen abgestellt.

Von dem Wagen drang der Duft frischen Kaffees in seine Nase.

Der Blonde schaute sich das Werbelogo an und dachte an einen bekannten Fernsehspot, wo es bei Weißbier heißt: „In Bayern daheim, in der Welt zuhause.“ Wohl nicht das Einzige, was die Bayern in die Welt transportieren.

Jetzt ging der Blonde die Zeile der Reihenhäuser entlang bis er wieder in die Fabeckstraße abbog.

Grotzkis Haus, zwischen Bauten aus der Jahrhundertwende gequetscht, war aus den frühen Siebzigern. Kein Klinker, nur verputzt, dachte der Killer. Das Haus eines Mannes, der es unauffällig liebte – aber leider nicht unauffällig genug, sonst hätte die Russenmafia ihm schließlich keinen Auftrag erteilt.

Mit der Rechten umklammerte er den Griff der Automatik, die in seiner tiefen Manteltasche verborgen war. Er musste vorsichtig sein, denn der Mann, mit dem er es zu tun haben würde, war nicht irgendwer, sondern einer, der auch einige Tricks kannte. Der Blonde hielt an, ließ den Blick die Häuserzeile entlang gleiten. Alles sah unverdächtig aus.

Eine ältere Frau ging die Straße entlang. Der Blonde wartete, bis sie um die nächste Ecke gegangen war und überquerte dann die Fahrbahn.

Jetzt musste alles ganz schnell gehen.

Einen Augenblick später stand er an der Haustür und klingelte.

Grotzki wurde wohl unvorsichtig, sonst hätte er einen scharfen Rottweiler gehabt. Nicht das dies bei der Durchführung des Auftrags ein echtes Hindernis dargestellt hätte, aber eine kleine Zeitverzögerung hätte es schon gegeben.

So beobachtete der Blonde den Türspion.

Aber niemand musterte ihn ungebührlich lang. Grotzki schien ahnungslos.

Wenn es stimmte, was seine Auftraggeber ihm über Joe Grotzki gesagt hatten, dann war er um diese Zeit wahrscheinlich in seinem Arbeitszimmer über einem Berg Akten, die er eifrig studierte. Genau die richtige Zeit für solch einen Besuch also...

Der Blonde klingelte ein zweites Mal und fasste die Pistole mit dem aufgeschraubten Schalldämpfer fester. Endlich kam jemand und machte auf. Aber es war nicht Grotzki, der die Tür öffnete. Es war eine Frau, die den Killer ziemlich erstaunt ansah.

Sie war hübsch, fand der Blonde. Langes, rostbraunes Haar, dunkle Augen. Erinnerte ihn an eines der Girls vom Schönen Bodo. Schade um sie!, dachte der Killer. Aber es war ziemlich ausgeschlossen, dass er sie am Leben lassen konnte.

"Ist Joe... ich meine Herr Grotzki nicht da?", fragte er und versuchte den Anschein einer gewissen Vertrautheit zu erwecken .

"Häh?"

War sie auf Drogen oder nur schwerhörig?

"Ob Joe da ist!", wiederholte der Killer.

"Nein, tut mir leid", erwiderte die Frau, während sie den Killer einer eingehenden Musterung unterzog. Auf ihrer hübschen Stirn erschienen ein paar Falten, die eine deutliche Portion Misstrauen signalisierten. Zu schnell hatte sie dem unbekannten Besucher Auskunft darüber gegeben, dass sie wohlmöglich allein zu Hause war. Und das war in einer Stadt wie Berlin nicht anders wie in New York oder Paris oder London. Man erzählte einem wildfremden Menschen nicht einfach Details aus seinem Privatleben!

Der Blonde trat einen kleinen Schritt zurück, signalisierte eine gewisse Bereitschaft, die Privatsphäre der Frau zu respektieren. Nur keinen Stress.

Er setzte einen verwirrten Gesichtsausdruck auf, um die Situation ein wenig zu entschärfen.

Von der Frau hatte man dem Blonden in den Notizen nichts mitgeteilt. Er fluchte innerlich. Wenn er etwas nicht ausstehen konnte, dann war es Unprofessionalität. Sie hatten ihm ein Dossier zukommen lassen, in dem alles über Grotzkis Lebensgewohnheiten zusammengetragen war. Der Killer wusste über jede Kleinigkeit Bescheid. Nur die Frau, die war in dem Dossier nicht vorgekommen. Es hatte immer Gerüchte darüber gegeben, dass Grotzki schwul war. Offenbar waren sie falsch oder sogar von interessierter Seite gestreut worden. Wenn der Blonde etwas nicht leiden konnte, dann war es Unprofessionalität. Und das hier war unprofessionell.

"Was wollen Sie von Joe?", fragte die Frau.

"Ich muss ihn dringend sprechen."

"Sind Sie ein Bekannter von ihm?"

Der Killer zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde mit der Antwort.

"Ja", sagte er dann.

"Joe kommt gleich zurück", berichtete die Frau. "Er ist nur kurz Zigaretten holen gefahren."

"Gut."

Sie wusste nicht, wer Grotzki war. Sie konnte nichts von seiner Vergangenheit wissen oder von dem, was er jetzt tat. Das war dem Blonden sofort klar, denn hätte sie Bescheid gewusst, dann wäre ihr Misstrauen größer gewesen. Die andere Möglichkeit war, dass sie hervorragend schauspielern konnte. Der Blonde hob die Schultern.

"Kann ich bei Ihnen auf ihn warten?"

"Nicht so gerne. Ich bin allein und ich kenne Sie gar nicht. Außerdem ist das nicht meine Wohnung und ich weiß nicht, ob es Joe recht wäre, wenn..."

Aha!, dachte der Blonde. Grotzki kannte die Frau noch nicht lange. Vielleicht sogar erst seit dem gestrigen Abend. Aber das würde ihr auch nicht helfen.

"Es wäre ihm recht!", behauptete der Killer im Brustton der Überzeugung.

"Nein, das möchte ich nicht!", sagte sie mit überraschender Bestimmtheit. Sie versuchte die Tür zu schließen, aber der Blonde ahnte das voraus und stellte seinen Fuß dazwischen. Ein schneller Griff und er hatte die Automatik aus der Manteltasche herausgerissen. Der lange Schalldämpfer zeigte direkt auf den Oberkörper der jungen Frau und ließ sie schreckensbleich zurückweichen. Der Blonde trat ein und gab der Tür einen Stoß mit der Hacke, so dass sie geräuschvoll ins Schloss fiel. Die Frau schüttelte stumm den Kopf. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe sie wieder soweit beieinander war, dass sie etwas sagen konnte.

"Was wollen Sie?", fragte sie schluckend, während sie noch einen Schritt rückwärts machte und dabei gegen die Kommode stieß, die in dem engen Flur stand. Auf der Kommode stand das Telefon. Sie hatte den Hörer schon fast in der Hand, aber sie begriff, dass sie keine Chance hatte, irgend jemanden anzurufen, bevor ihr Gegenüber sein Geschoss auf die Reise geschickt haben würde.

"Ist noch jemand in der Wohnung?", fragte der Killer knapp. Sie schüttelte stumm den Kopf. Dann hob der Blonde die Schalldämpferpistole ein wenig an und drückte ab. Es gab ein Geräusch, das Ähnlichkeit mit einem kräftigen Niesen hatte und auf der Stirn der jungen Frau erschien ein roter Punkt, der rasch größer wurde. Sie taumelte rückwärts und schlug der Länge nach hin.

Der Blonde atmete tief durch. Die Sache mit der Frau war nicht eingeplant gewesen, aber sie hatte nun einmal sein Gesicht gesehen. Und das war ihr Todesurteil gewesen. Der Blonde stieg über ihren leblosen Körper hinweg und achtete dabei peinlichst darauf, nicht in kleinen See aus Blut zu treten, der sich rasch in der Diele ausbreitete.

Hier im Flur gab es nichts Auffälliges, und sah er sofort sich im Rest der Wohnung um. Ein Zimmer nach dem anderen nahm er sich vor.

Er musste auf Nummer sicher gehen, aber die Frau hatte die Wahrheit gesagt. Sie war tatsächlich allein gewesen.

Der Killer steckte die Waffe ein, fasste die junge Frau unter den Armen und schleifte sie einige Schritte bis ins Wohnzimmer, wo er sie achtlos vor dem Fernsehtisch ablegte. Dann ließ er sich in einen der klobigen Ledersessel fallen und wartete. Die Diele war kurz, nicht mehr als 4 Meter – und ein Nachtlicht ließ er auch brennen. Es dauerte auch nicht lange, höchstens zehn Minuten. Dann waren an der Haustür Schritte zu hören. Ein Schlüssel wurde herumgedreht und jemand öffnete die Haustür. Das musste Grotzki sein.

Na endlich.

Wurde auch Zeit.

Der Killer hielt den Atem an. Konzentrierte sich.

"Jennifer?" Grotzki stand noch im Türrahmen der Eingangstür. Der Blonde erkannte ihn sofort von den Fotos, die man ihm gegeben hatte. Grotzki machte noch ein, zwei Schritte in die Wohnung. Die Haustür fiel krachend zu. Alles was nun geschah, ging blitzschnell. So schnell, dass Joe Grotzki nicht den Hauch einer Chance hatte.

Er schluckte.

"Heh, worum immer es geht... Wir könnten uns einigen!"

So habe ich den harten Joe ja noch nie reden hören!, dachte der Killer. Wenn das seine Parteifreunde noch erleben könnten... So mancher würde ihn im anderen Licht sehen.

Der Killer zielte.

Der "harte Joe" stierte ihn entgeistert an, öffnete halb den Mund, so als wollte er etwas sagen oder gar schreien.

Der einzige Laut, der in diesem Augenblick zu hören war, glich einem heftigen Niesen.

Mündungsfeuer leckte aus dem Schalldämpfer heraus.

Zweimal feuerte der Killer.

Grotzki sank getroffen zu Boden.

Mit einem fragenden Ausdruck im Gesicht blieb er liegen.

Seine starren Augen blickten ins Nichts.

War nichts Persönliches!, dachte der Killer, als er an den Toten herantrat, ihn mit dem Fuß herumdrehte, um ihm nicht in die starren Augen blicken zu müssen. Ein verkrampftes Lächeln spielte um seine Lippen. Er dachte: Tausende von Taschendieben, Schwarzfahrern und Fixern werden aufatmen, wenn sie vom Tod des harten Joe hören!

 

 

*

 

 

Als der Killer seinen Job erledigt hatte, sah er sich noch ein bisschen im Haus um.

Es gab etwas Bargeld.

Ein paar Hunderter, die steckte er ein.

Er zog die Schubladen aus den Schränken und kippte den Inhalt auf den Boden.

Es sollte wie ein Einbruch aussehen.

Der Killer ging er ins Kellergeschoss und da erlebte er eine Überraschung.

In Grotzkis Keller befand sich ein voll ausgerüsteter Atomschutzraum. Ein Schild an der Wand verriet das. Es standen auch gleich ein paar Verhaltensregeln für den Ernstfall dabei. Die dicke Tür, die diesen Raum Luftdicht von der Außenwelt abschließen konnte, stand offen. Er ging hinein und inspizierte den Raum interessiert. Dabei fragte er sich, ob Grotzki wirklich Angst vor einem Atomkrieg gehabt hatte oder ob er nur auf die Steuervorteile und Fördergelder aus gewesen war, die es für solche Schutzräume früher gegeben hatte.

Der Killer zuckte die Schultern.

Es konnte ihm gleichgültig sein. Aber auf jeden Fall war dieser Raum ein idealer Platz, um die Leichen unter zu bringen.

Er konnte die Tür von außen verschließen und dann würde man eine Weile brauchen, um sie zu finden. Das bedeutete auch, dass die Polizei länger brauchen würde, um zu rekonstruieren, was in diesem Haus passiert war.

Für den Killer war das nur von Vorteil.

Er würde weitere Zeit gewinnen, um sich abzusetzen.

So ging er hinauf ins Erdgeschoss. Entschlossen nahm er Grotzkis Leiche über die Schulter und schleppte sie in den Keller. Der Eingang zum Schutzraum war ziemlich eng, wenn man eine Leiche auf den Schultern trug. Einer von Grotzkis Ärmeln verhakte sich im Türgriff und die dicke Sicherheitstür fiel mit einem zischenden Geräusch zu.

Der Killer legte die Leiche auf eine der Liegen, die man hier für den Ernstfall aufgestellt hatte. Dann ging er zurück zur Tür, aber bekam sie nicht auf. Es war wie verhext, aber was er auch versuchte, sie ließ sich nicht öffnen...

Der Killer wurde blass.

Er saß fest.

 

 

*

 

 

Die beiden Männer, die an Grotzkis Haustür klingelten trugen Kittel mit der Aufschrift 'Schlüsseldienst'. Der Jüngere der beiden klingelte bereits zum zweiten Mal und wurde schon ungeduldig. Aber es machte niemand auf.

"Vielleicht ist niemand zu Hause", meinte er.

"Dat kann nich sein!"

"Du siehst es doch!"

"Ey, wat issn ditte?", regte sich der Ältere auf und fuhr sich mit einer fahrigen Geste durch das schüttere Haar. "Diese Bonzen glauben doch immer, sie können machen, wat sie wollen! Dat ist wie bei uns früher inne DDR."

"Ja, ja..."

"Du weißt doch gar nich, wat dat is, Mustafa. Aber icke... Ick sach dir..."

"Sach lieber, was wir machen sollen."

"Ick hab einen anderen Termin extra abgesacht, weil's angeblich verdammt eilig war. Aber jetzt is der feine Herr nich da! Wunderbar! Echt wunderbar!"

"Immer cool bleiben, Horst!"

Horsts Gesicht bekam eine ungesunde dunkelrote Gesichtsfarbe.

"Wat hasse gesagt?"

"Verstehst du kein Deutsch?"

"Jetzt komm mir nicht so!"

"Ist doch wahr!"

"Pup mich nicht an, hörste? Ich kann dat nich haben!" Horst schüttelte den Kopf. Er atmete schwer und wischte sich über das Gesicht. Fast so, als könnte er damit auch seine Ärger hinwegwischen. "Handwerk hat goldenen Boden... Darüber kann ich echt nich mehr lachen. Wirklich!" Nach kurzer Pause fuhr er schließlich fort: "Ick habe jestern Nachmittag mit Herrn Grotzki telefoniert und er hat mir jesagt, dass er um diese Zeit zu Hause sei..."

"Vielleicht funktioniert die Klingel nich!" Der Jüngere ging ein paar Schritte seitwärts in Richtung des ersten Fensters. "Weswegen sind wir eigentlich hier, Horst?", fragte er dann.

Der Ältere lächelte. "Ein Leckerbissen für dich! Da kannste wat lernen, Mustafa. Es jeht um die Polung eines elektronischen Sicherheitsschlosses für die Tür zu einem Atomschutzraum."

"Polung?", fragte der Jüngere.

"Ja. Normalerweise funktionieren die Dinger so, dat sie sich von innen nur dann öffnen lassen, wenn außen keene Gefahr mehr durch Strahlung besteht. Aber wenn sie falsch jepolt sind, kann es passieren, dat sie jenau umgekehrt funktionieren und sich erst öffnen, sobald draußen alles verstrahlt ist!"

Der Jüngere hörte gar nicht mehr zu, sondern blickte wie gebannt durch das Fenster. "Ich glaube, wir rufen besser die Polizei", sagte er. "Da drinnen liegt 'ne Tote!

 

 

 

 

Alfred Bekker & Marten Munsonius: Die toten Augen von Schmilka

Der Himmel ist ein Ozean aus weiß und blau. In diesem Juli ist es besonders warm. Auf den Wanderwegen steht die Luft wie gefangen zwischen den alten Felsen und den waldreichen romantischen Schluchten. Nicht einmal die Insekten haben die Kraft die heiße Luft mit ihren Geräuschen zu erfüllen. In der Ferne kommt über die Anhöhe eine einsame Gestalt. Von der anderen Seite aus dem Tal kommt ein zweiter Wanderer, gefolgt von einer versprengten Gruppe weiterer Touristen. Sie gehen langsam aufeinander zu.

 

Eine Frau in den besten Jahren bist du, hat jemand mal zu mir gesagt. Aber das stimmt nicht. Die besten Jahre sind längst vorbei. Eine schwache Erinnerung. Schatten. Ein süßlicher Geruch, der die ganze Wohnung erfüllt. Und Fliegen. Es war alles mal ganz anders…

Es ist traurig.

Keiner von ihnen ist geblieben, dabei bin ich eine gute Gastgeberin.

Sie erschrecken schon, wenn sie das Haus betreten.

Ja, es ist ein sehr altes Fachwerkhaus, das etwas erhöht abseits der Hauptstraße steht. Ich habe es vor vielen Jahren geerbt und leider kein Geld es aufwändig zu restaurieren.

Nach der Wende kam ziemlich rasch die Schließung unseres Kombinats und dann starb meine Mutter, zu der ich in den letzten Jahren wenig Kontakt gehabt hatte, überraschend nach einem unglücklichen Sturz, und ich übersiedelte von Dresden zurück in meinen Geburtsort Schmilka.

Das Holz an den Wänden ist nachgedunkelt, die Möbel sind alt und in einigen Schränken ist der Holzwurm.

Weshalb beklagen sie sich alle über einen bestimmten Geruch, von dem sie nicht sagen können, wodurch er verursacht wird und von dem sie nicht wissen, woher er kommt? In diesem Haus in der Nähe der Schmilkaer Mühle lebten Generationen, ein angrenzender Stall wurde später ein erweiterter Teil des Wohnzimmers.

„Vielleicht daher dieser Geruch“, sage ich.

„Echt?“

„Ja.“

„Glaube ich nicht.“

Mein Zureden hilft nicht viel. Er will nicht bleiben um mit mir zu reden.

 

Ich weiß nicht warum.

Ist es zuviel, was ich da verlange? Das kann ich mir nicht vorstellen. Nur reden… Und doch, es ist immer dasselbe. Sie wollen nicht bleiben. Ich versuche, sie ein wenig auf andere Gedanken zu bringen, wenn ich von den Vorzügen Bad Schandaus erzähle, dem wunderbaren Kneippkurort mit seinen uralten Kirchen, den romantischen Museen und einem traditionellen Marktplatz.

Ich kann von Glück sagen, wenn sie sich wenigstens mit mir an den gedeckten Tisch setzen.

Ich zünde die Kerzen an. Eine nach der anderen, bis sie den Raum in ein warmes, weiches Licht tauchen, denn in den alten Häusern sind die Fenster nicht groß und auch bei Tag fällt nicht immer genügend Licht in die Stube.

Der Flackerschein der Kerzen fällt auf seine ebenmäßigen Züge und taucht sie in ein diffuses Licht. Sein Gesicht wirkt weicher, als es in Wirklichkeit ist. Seine Augen sind so wässrig blau, dass ich darin zu versinken drohe. Er hat schwarze Haare, und sein Kinn ist mit einem leichten Bartflaum bedeckt. Er erinnert mich an Matschek – damals.

Unseren Vorarbeiter im Kombinat. Ein kräftiger Mann, nicht mehr ganz jung, aber einer, der mir zuhörte. Und – dem ich zuhörte. Ich hing an seinen Lippen, wenn er von der goldenen Freiheit im Westen sprach, leise nur, denn man wusste nicht genau, wer vielleicht bei Horsch & Guck beschäftigt war. Das konnte sehr ungemütlich enden.

Matschek, er versprach mir die Freiheit, er versprach mir ein Leben in Saus und Braus, und er mochte meine Brüste.

Ich hätte es ahnen müssen. Es kam, wie es kommen musste. Am 10. November 1989 war Matschek zusammen mit einigen Kollegen nicht zur Arbeit erschienen, sondern mit den Trabbi nach Berlin, hieß es. Er kam nie wieder, und die Fabrik ist heute geschlossen.

Abgewickelt.

Arbeitslos.

Der Begriff erschreckte mich.

Ich wartete.

Nahm kurzfristige Jobs an und hoffte, dass Matschek eines Tages der Prinz war auf einem weißen Pferd, der mich aus meinen Dornröschenschlaf wach küsste. Ich kellnerte zuletzt in den neuen Kneipen im Schatten von Frauenkirche und Kreuzkirche in der Weißen Gasse. Die von Drüben kamen wussten nicht was Broiler sind, und ich wollte schließlich nur noch weg von dem ganzen Zirkus. Es kommt mir vor, als wäre es bereits fernste Vergangenheit, als ich den Brief öffne, ein amtliches Schreiben. Es ging um den Tod meiner Mutter und um eine Testamentseröffnung.

Ich stand auf einer der Elbbrücken – keine Träne in den Augen

– und sah hinüber zu der Ruine der Frauenkirche. Der Wiederaufbau war voll im Gange.

Aufbruch.

Ich würde zurückkehren in meinen Geburtsort.

Ohne Matschek.

Alles hinter mir lassen.

Matschek! Ich merkte nicht, wie ich den Brief wütend zerknüllte.

Ich konnte ihn nicht gehen lassen.

Ich konnte einfach nicht. Nicht schon wieder.

"Sie wollen wirklich schon gehen?"

Sein Gesicht wirkt verlegen.

"Ja."

 

"Aber..."

„Es ist schon spät.“

„Finde ich nicht.“

Ein verlegenes Lächeln. Schweißtropfen auf der Stirn.

"Ich muss mich auf den Weg machen. Verstehen Sie mich doch, es ist höchste Zeit..."

Noch einmal versuche ich, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, seine aufkommenden Zweifel zu zerstreuen.

„Wir könnten morgen einen Ausflug ins Sandsteingebirge unternehmen.“

Er holt tief Luft. Ehe er etwas sagen kann, erzähle ich schnell weiter.

„Der Malerweg! Wir könnten auf den Spuren Casper David Friedrichs wandeln, die majestätischen Tafelberge haben ihn zu einigen seiner schönsten Landschaftsbilder inspiriert.

Oder Richard Wagners Lohengrin ist untrennbar mit der Sächsischen Schweiz verbunden…“ Er starrte mit ausdruckslosen Augen durch mich hindurch, als habe er mir gar nicht zugehört. "Sehen sie, ich habe den Tisch gedeckt!" Ich breite meine Hände in einer großzügigen Geste weit aus.

"Hören Sie, ich will Sie nicht kränken, aber..."

"Aber?"

"Ich weiß nicht, ob es richtig war, Ihre Einladung anzunehmen... Was ich sagen will ist..."

"Bitte, Sie können mir das nicht antun! Ich habe für Sie gekocht!"

"Das ist sehr nett, aber - "

"Alles ist vorbereitet... "

Er runzelt genau in diesem Moment die Stirn.

"Vorbereitet?"

 

Viele von ihnen haben genau in diesem Moment die Stirn gerunzelt.

Ich kann es unmöglich erklären, aber es ist so.

Ich habe kein gutes Gefühl.

"Es gibt Lachs in Kräuterbutter. Dazu einen guten Wein. Es wird Ihnen schmecken..."

Ich habe etwas Schlimmes getan.

Na ja, das haben die meisten Menschen in ihrem Leben vielleicht irgendwann schon mal getan. Aber das, was ich hier tat, ist von besonderer Scheußlichkeit. Ich weiß es, aber ich kann es nicht ändern.

Ich empfinde auch keine Schuld.

Es ist so gekommen.

Geschehen und vorbei.

Reden wir lieber über etwas anderes.

Ich sehe ihm in die Augen, diese leuchtend blauen Augen, die mich eigentlich ganz friedlich anblicken.

Er sitzt mir gegenüber, mit diesen Augen, mit seinem schmalen und energisch wirkenden Mund, mit dem feingeschnittenen Gesicht, das mich ein wenig an Matschek erinnert. Sein Mund lächelt nicht mehr. Er ist vielmehr unbeweglich, etwas starr, ich weiß auch nicht.

Ich hebe mein Glas und proste ihm zu.

Er schweigt.

Ich rede mit ihm. Oder besser: Ich erzähle ihm alles Mögliche. Über mich. Über meine Ansichten. Über die Erhabenheit des Elbsandsteingebirges, über die Stille abseits der bekannten Wanderwege, von dem Meer, das es vor mehr als einhundert Millionen Jahren gewesen sein mag, spanne ich den Bogen zu Gott und der Welt.

Nein, vielleicht doch nichts über Gott. Was ich damit sagen will ist Folgendes: Gott hat in dieser Geschichte eigentlich nichts verloren.

Ich sollte ihn aus dem Spiel lassen.

Um seinetwillen.

Mein Mund produziert Worte. Eins nach dem anderen, ohne Unterlass. Ganze Absätze. Einen kleinen Roman. Eigentlich bin ich sonst ein schweigsamer Mensch, vielleicht sogar schüchtern. Wie gesagt, ich lebe zurückgezogen mit meinen drei Katzen. Das Haus, in dem ich wohne, steht etwas einsam, nicht weit von dem Quellbach entfernt, der in die Elbe mündet.

Ich habe es für mich allein und das ist gut so.

Oft bin ich oben bei den felsigen Tafelbergen, umgeben von romantisch versponnenen Wäldern.

Die zerklüfteten Felsmassive laden zum klettern ein. Es herrscht ein starker Wind dort. Und erst die herrlichen Wanderwege, vorbei an Wasserfällen und Felsentore…Man trifft Leute dort. Touristen. Manchmal komme ich mit ihnen ins Gespräch und lade jemanden zu mir nach Hause ein.

Zum Essen.

Die meisten wollen nicht, aber bei einigen gelingt es mir.

Kein Mensch kann immer allein sein. Kein Mensch. Auch ich nicht.

Ein Tag vergeht. Und ein weiterer.

 

Ich lasse ihn am Tisch sitzen. Er blickt mich starr an, wenn wir uns unterhalten. Er wollte sich in das älteste Haus am Ort ein Urlaubsquartier buchen, der Mühle, die jetzt ein Ferienhaus ist. Ob er wohl gewusst hat, dass es das erste Gebäude im Ort war? 1655 – eine lange Zeit. Aber wir müssen alle manchmal etwas warten. Auch länger. Er hat jetzt viel Zeit.

Oder hätte ich ihn doch gehen lassen sollen?

Vielleicht.

Ich konnte es einfach nicht.

Es war mir unmöglich.

Ich brauchte ihn. Ich brauche Matschek.

Und ich hoffe nur, dass ich ihm nicht allzu sehr wehgetan habe. Jedenfalls hat er nicht geschrieen. Er war wohl sofort tot. Ganz bestimmt war er das. Und er würde nun bleiben. Mir zuhören. Mich nicht noch einmal einfach verlassen.

Am vierten oder fünften Tag nahm ich ihn mit großer Anstrengung mit hinüber und setzte ihn in einen der alten Ohrensessel, die bei mir im Wohnzimmer stehen. Wir saßen jetzt beieinander. Es war schön.

Jedenfalls besser, als wenn man alleine dasitzt.

Von Tag zu Tag gab es mehr Fliegen im Haus und mir war klar, woher das kam.

Ich betrachtete wehmütig sein Gesicht. Es schien Matschek immer weniger ähnlich zu sehen.

Schade, aber ich würde mich von ihm verabschieden müssen.

 

Ich schob es noch ein paar Tage vor mir her. Schließlich hatte ich mich an seine Gesellschaft gewöhnt. Er hörte mir wie früher zu. Manchmal erlaubte ich seiner Hand meine Brüste zu liebkosen. Wie früher.

Aber dann wollte er meine Brustwarze nicht loslassen, seine kalten und trockenen Finger hielten sie fest umklammert.

So blieb er wenigstens bei mir. Ich spürte es.

Und - dennoch, das Ende war unvermeidlich.

Ich löste ein paar Fußbodenbretter, unter denen ich eine Art Grube angelegt hatte und legte ihn zu den anderen. Friedlich liegt er dort und wird mich niemals wieder verlassen.

 

 

Alfred Bekker & Rupert Bauer: PASSAUER MORDS-DESSERT

Sie hatten sich zu einem gepflegten abendlichen Tête-à-tête verabredet.

"Ich kann auch über nacht bleiben", hatte Nadine gesagt.

"Sagt dein Mann nichts dazu?"

"Nein, Robert."

"Aber..."Er runzelte die Stirn.

"Die Wahrheit ist: Ich habe ihn schon seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen."

"Hattet ihr Streit?"

"Ja, ein bißchen. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm kommt und er einfach davonläuft und nicht wieder auftaucht."

Jetzt saßen sie vor einem vorzüglichen Essen. Robert war ein guter Hobby-Koch und hatte sich gehörig ins Zeug gelegt.

Es war ein alter Jugendtraum von ihm, Koch in einem Restaurant der haute cuisine zu sein.

Am liebsten in seinem bevorzugten Speiselokal, dem Stiftskeller in der Heiliggeistgasse in seiner Heimatstadt Passau.

Dorthin führte er gerne seine Gäste aus. Es gab da drei Möglichkeiten in einem gepflegten Ambiente zu dinieren: Entweder am einem lauschigen Sommerabend im Stiftsgarten oder im rustikalen Keller. In letzterem fühlte man sich sofort ins Mittelalter versetzt.

Am liebsten aber speiste er im Bischofszimmer mit seiner uralten Wandtäfelung. Genau das Richtige als Herrenzimmer für die älteste deutschsprachige Vereinigung, die schon über 800

 

Jahre zählt. In einem Geheimfach in diesem Raum wird die Gründungsurkunde aus dem 12. Jahrhundert aufbewahrt.

Aber aus diesen Plänen war nichts geworden.

Er hatte Jura studiert und war Anwalt geworden.

Robert hatte Lachs mit Kräuterbutter auf den Tisch gebracht, und er sah mit Genugtuung, dass Nadine solche Kostbarkeiten zu würdigen wusste.

Sie hoben die Weingläser und prosteten sich zu.

"Auf meinen charmanten Gast", sagte Robert.

"Auf einen exzellenten Koch!", erwiderte Nadine freundlich lächelnd. "Und auf einen faszinierenden Mann!"

"Sagen wir einfach: Auf uns!"

Sie nickte.

"Ja, das ist gut. Damit bin ich auch einverstanden."

Zum Nachtisch gab es köstliche Eistorte. Robert hatte sie selbstverständlich eigenhändig kreiert.

Nadine dachte kurz an ihren Mann und daran, was er wohl sagen würde, wenn er sie hier mit Robert hätte sehen können.

Nadines Mann war temperamentvoll und sehr eifersüchtig. Und vor allem war er nicht bereit, Nadine freizugeben Nadine wiederum war keine sehr starke Persönlichkeit. Sie hatte zwar schon oft Robert gegenüber angekündigt, dass sie sich nun endlich von ihrem Mann trennen wollte, aber wenn es dann ernst wurde, schreckte sie regelmäßig davor zurück.

Das war ein Punkt, den Robert nur schwer schlucken konnte und den er auch nicht verstand.

Er mußte es hinnehmen, schon deshalb, weil ihm wirklich etwas an Nadine lag. Er würde ihr soviel Zeit geben, wie sie brauchte.

"Was weiß dein Mann eigentlich von mir?", fragte Robert.

"Er weiß, dass da etwas ist. Aber er weiß keinen Namen. Er kennt dich also nicht, jedenfalls soweit ich weiß." Sie lachte und zeigte dabei ihre strahlend weißen Zähne. "Und das ist auch gut so, Robert!"

"Ich weiß nicht. Vielleicht würde es einiges klären..."

"Das glaube ich nicht! Ich kann dir sagen, was passieren würde, Robert!"

"Und was bitte?"

"Er käme hier vorbei, würde mit einem hochroten Kopf bei dir klingeln und dich dann gleich beim Kragen packen."

"Und dann?"

Sie zuckte mit den Schultern.

"Vielleicht - wenn er verhältnismäßig ausgeglichen ist -

würde er eine ernste Warnung aussprechen. 'Lassen Sie in Zukunft die Finger von meiner Frau!' oder so ähnlich würde sich das anhören."

Robert verzog das Gesicht.

"Dein Mann ist doch keine Figur aus diesen alten Wildwest-Filmen!"

"Er benimmt sich aber so."

Robert schien das Ganze zu amüsieren.

"Wie ginge es dann weiter?"

"Vielleicht würdest du einen Kinnhaken abbekommen, vielleicht auch eine ausgewachsene Tracht Prügel..."

"Klingt nicht sehr verlockend."

"Was würdest du tun, Robert?" Sie schien auch zunehmend Gefallen an dieser Art der Gedankenspielerei zu entwickeln.

"Mein Mann ist über eins neunzig groß und ein ziemlich breiter Schrank."

"Kein Problem, Nadine!"

Robert griff blitzschnell unter sein Jackett und zog eine Pistole hervor. Nadine erschrak.

"Mein Gott, Robert! Das... Das wusste ich bisher nicht!"

 

"Habe ich dir nicht erzählt, dass ich Sportschütze bin und eine Waffen besitze?"

"Doch, das wohl. Aber ich wusste nicht, dass du sie ständig bei dir trägst!"

Er zuckte mit den Schultern. "Ich habe oft genug die Opfer von Gewalttaten vor Gericht vertreten müssen. Wir leben in einer gefährlichen Zeit und ich möchte nicht eines Tages selbst zu diesen Opfern gehören."

Sie atmete tief durch. "Ja, das verstehe ich. Aber wenn man so etwas sieht, verschlägt es einem im ersten Moment einfach die Sprache..." Dann blitzte es in ihren Augen. "Würdest du meinen Mann erschießen, wenn er hier auftauchen würde?"

Er nickte. "Warum nicht? Wären damit nicht alle meine Probleme gelöst? Ich hätte dich endlich für mich gewonnen..."

Sie lächelte freundlich und fasste seine Hand. "Leider ist das wohl kein gangbarer Weg", meinte sie.

"Weshalb nicht?"

"Du scherzt! Aber im Ernst: Weil die meisten Morde irgendwann einmal aufgeklärt werden. Bei Autoeinbrüchen ist das anders, da hat man als Täter eine Chance. Aber nicht als Mörder, Robert."

Sie lachten beide herzhaft. Der Wein hatte sie bereits etwas beschwipst und ihre Zungen gelockert.

"Weißt du, weshalb die meisten am Ende gefasst werden?", fragte sie und gab auch gleich die Antwort: "Weil sie keinen wirklich guten Ort wissen, an dem man die Leiche verstecken kann!"

"Man könnte meinen, du hättest praktische Erfahrungen auf diesem Gebiet!"

"Nein. Ich habe nur jede Menge Romane gelesen." Um ihre Mundwinkel spielte ein schwer zu deutendes Lächeln.

"Angenommen, mein Mann wäre hier aufgetaucht, hätte dich zur Rede gestellt, vielleicht auch angegriffen und du hättest ihn erschossen... Wo hättest du die Leiche versteckt? In den Fluß geworfen? Im Garten vergraben?"

„Nun ja, ich wohne hier am Vogelfelsen, vergiß das nicht. Du hast doch schon oft den herrlichen Blick in das Inntal bewundert. Hier gibt es viele kleinen Grotten und Klüfte, die keinen Leichnam wieder hergeben würden. Es hat schon seinen Grund, warum dieses Gebiet hier Vogelfelsen heißt. In wenigen Wochen wäre nichts mehr von deinem Robert vorhanden. Nicht zu vergessen den Inn. Ein wenig weiter östlich zwischen der Eisenbahnbrücke und dem Fünferlsteg bildet der Inn viele Strudel und gibt nichts mehr her. Und gleich darüber ist der Stadtfriedhof. Ein wahrhaft idealer Ort!“ Er lachte leise vor sich hin.

"Bevor wir uns weiter darüber unterhalten, Schatz: Möchtest du zum Schluss noch einen Cappuccino?"

"Oh, ja, gerne."

"Gut, dann gehe ich schnell in die Küche und mach uns einen!"

Sie sah ihm nach und dann fiel ihr Blick auf die restlichen Stücke der Eistorte, die zu schmelzen begonnen hatten. Nein, es wäre doch wirklich zu schade drum gewesen! Die Torte musste schnellstens wieder eingefroren werden, wenn man sie noch retten wollte! Nadine zögerte nicht lange. Sie kannte sich in Roberts Bungalow, der wie ein Nest in den Vogelfelsen gebaut war, gut aus, fast wie zu Hause.

Sie nahm die Torte und lief mit ihr in den Keller, wo sich die Vorratskammer befand. Diese war direkt in den Felsen geschlagen. Nadine stand zwei Tiefkühlschränken gegenüber, die vermutlich mit Delikatessen angefüllt waren.

Nadine wusste nicht, in welchen die Torte gehörte.

 

Sie versuchte es beim rechten Eisschrank und öffnete die Tür.

Die Torte fiel ihr vor Schreck aus der Hand, als sie in das ihr wohlbekannte Gesicht ihres Mannes blickte.