Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Danksagung
  5. Karten
  6. Würde
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
    8. Kapitel 8
  7. Güte
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
    8. Kapitel 8
    9. Kapitel 9
    10. Kapitel 10
    11. Kapitel 11
    12. Kapitel 12
  8. Stärke
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
    8. Kapitel 8
    9. Kapitel 9
  9. Goldrausch
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
    8. Kapitel 8
    9. Kapitel 9
    10. Kapitel 10
  10. Der Wille der Götter
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
    8. Kapitel 8
  11. Mana
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
  12. Nachwort

SARAH LARK

DAS GOLD DER
MAORI

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

DANKSAGUNG

Ein Buch wie dieses kann man nicht allein machen.

Ich danke deshalb allen, die mitgeholfen haben, besonders meiner Lektorin Melanie Blank-Schröder, meiner Textredakteurin Margit von Cossart und meinem wundertätigen Agenten Bastian Schlück. Aber auch den Grafikern, die den Umschlag entworfen und die Karten gezeichnet haben, der ideenreichen Marketingabteilung – und natürlich dem Vertrieb und all den Buchhändlern, die das Buch schließlich auf den Markt bringen. Klara Decker hat sich wie immer als Testleserin verdient gemacht und fand Antworten im Internet, wenn ich mit der Recherche nicht weiterkam. Die Pferde haben es nie ausgenutzt, wenn ich beim Reiten gedanklich nach Neuseeland abdriftete. Und die Hunde holten mich immer wieder zurück – spätestens zum Füttern.

Ich denke an Jacky und Grizabella.

Sarah Lark im Oktober 2009

Australien
Neuseeland

WÜRDE

Irland, Wicklow County

1846–1847

KAPITEL 1

Mary Kathleens Herz klopfte heftig, aber sie zwang sich, langsam zu gehen, bis sie außer Sicht des Herrenhauses war. Nicht dass ihr wirklich jemand nachgeblickt hätte. Und selbst wenn die Köchin etwas ahnte – gegen das, was die alte Grainné vom Haushalt der reichen Wetherbys abzweigte, zählten zwei Teekuchen gar nichts.

Mary Kathleen fürchtete denn auch keine wirklichen Verfolger, als sie sich jetzt zitternd hinter eine der Steinmauern kauerte, die hier, wie überall in Irland, die Felder begrenzten. Sie boten Schutz gegen den Wind und neugierige Blicke, aber vor ihren Schuldgefühlen konnten sie Kathleen nicht schützen.

Sie, Mary Kathleen, die Musterschülerin des Bibelunterrichts von Father O’Brien, sie, die bei der Firmung stolz den Namen der Gottesmutter ihrem eigenen vorangesetzt hatte – sie hatte gestohlen!

Kathleen konnte immer noch nicht fassen, was da über sie gekommen war, aber als sie das Tablett mit den Teekuchen in die Räume der vornehmen Lady Wetherby getragen hatte, war ihr Verlangen geradezu übermächtig geworden. Scones, frisch gebacken aus weißem Mehl und nicht minder weißem Zucker, serviert mit Marmelade, die nicht einfach aus Beeren gekocht worden, sondern in hübschen kleinen Gläsern aus England gekommen war. Laut der Aufschrift, die Kathleen mühsam entzifferte, wurde sie aus »Orangen« hergestellt. Was immer das war – sicher schmeckte es köstlich!

Kathleen brauchte all ihre Kraft, die Kuchenplatte vorsichtig zwischen Lady Wetherby und ihrer Besucherin auf dem Teetisch zu platzieren, zu knicksen und höflich »Bitte sehr, Madam!« zu flüstern, ohne dabei zu sabbern wie der Hund des Schäfers. Bei dem Gedanken daran musste sie hysterisch kichern. Aber sie war fast ein bisschen stolz auf sich gewesen, als sie zurück in die Küche ging – wo die alte Grainné sich gerade eines der leckeren Küchlein schmecken ließ. Natürlich ohne Kathleen oder dem Küchenmädchen auch nur einen Krümel davon abzugeben.

»Mädchen!«, pflegte Grainné zu predigen, »ihr könnt eurem Herrgott schon genug dafür danken, dass ihr diese Anstellung im Herrenhaus ergattert habt. Da fällt immerhin mal ein Kanten Brot für euch ab. Jetzt, in der Zeit, in der die Kartoffeln auf den Feldern verfaulen und die Menschen hungern, kann das euer Leben retten!«

Kathleen sah dies durchaus ein – ihre Familie war ohnehin vom Glück begünstigt. Als Schneider verdiente ihr Vater immer ein wenig Geld. Die O’Donnells waren nicht allein auf die Kartoffeln angewiesen, die Kathleens Mutter und die Geschwister auf ihrem winzigen Acker zogen. Wenn die Not zu groß wurde, nahm James O’Donnell von seinen wenigen Ersparnissen und kaufte Lord Wetherby oder seinem Verwalter Mr. Trevallion eine Handvoll Korn ab. Kathleen hatte keinen Grund zu stehlen – und doch hatte sie es getan.

Warum mussten Lady Wetherby und ihre Freundin aber auch zwei der Teekuchen übrig lassen? Warum hielten sie kein Auge darauf, während Mary Kathleen den Tisch abräumte? Die Damen waren ins Musikzimmer gegangen, wo Lady Wetherby Klavier gespielt hatte. Die restlichen Scones interessierten sie nicht, und Grainné, das hatte Kathleen gewusst, würde auch nicht misstrauisch werden. Lady Wetherby war jung und ein Leckermaul. Sie ließ selten Naschereien zurückgehen.

Also hatte Kathleen es getan. Sie hatte die Scones in den Taschen ihrer schmucken Dienstbotenuniform und später zwischen den Falten ihres verschlissenen blauen Kleides versteckt – und zu guter Letzt einen weiteren Diebstahl begangen, indem sie das fast leere Marmeladenglas einsteckte, statt es auf Grainnés Geheiß auszuspülen. Nun war das eine lässliche Sünde, sie würde es sauber zurückbringen, wenn sie es ausgekratzt hatte. Der Diebstahl der Scones jedoch würde ihr auf der Seele brennen, bis sie am Samstag bei Father O’Brien beichten konnte. Wenn sie sich überhaupt traute, es zu beichten. Sie wusste, dass sie vor Scham im Boden versinken würde.

Mary Kathleen bereute ihre Sünde jetzt schon zutiefst – obwohl sie die Scones noch nicht einmal gegessen hatte. Aber sie verzehrte sich nach ihrem Geschmack und ihrem Duft. Gott, hilf mir!, durchfuhr es sie, während sie überlegte, ob sie die Sünde abschwächen konnte, indem sie ihren jüngeren Geschwistern die Teekuchen schenkte. Das wäre zumindest tätige Reue gewesen – und eine viel härtere Strafe als das Herunterbeten von zwanzig Ave Maria. Aber die Kinder würden sich zweifellos mit ihrer Leckerei großtun, und wenn Kathleens Eltern von der Sache erführen …

Nein, das kam nicht infrage!

Und dann wurde es noch schlimmer! Während Kathleen fromm darüber nachdachte, wie sie ihre Sünde büßen konnte, blitzte ein Wunsch in ihr auf, der ihr Herz angstvoll schneller schlagen ließ. Oder schuldbewusster? Oder einfach … freudiger?

Sie konnte die Teekuchen mit Michael teilen! Michael Drury, dem Bauernsohn von nebenan, der mit seiner Familie in einem noch winzigeren, noch verräucherteren und noch armseligeren Cottage wohnte als Kathleen. Michael hatte an diesem Tag sicher noch gar nichts gegessen, außer vielleicht ein paar Kornähren, auf denen die Jungen herumkauten, während sie die Ernte für Lord Wetherby einbrachten. Schon das galt als ein Verbrechen, das Mr. Trevallion mit Schlägen ahndete, wenn er sie dabei erwischte.

Das Korn war für die Herren, die Kartoffeln waren für die Knechte. Und wenn die Kartoffeln auf den Feldern verfaulten, dann mussten die Bauern eben sehen, wo sie blieben. Die meisten fanden sich damit ab. Michaels Mutter zum Beispiel sah die rätselhafte Kartoffelfäule als Strafe Gottes und versuchte in täglichen Gebeten herauszufinden, was den Herrn so erzürnt hatte, dass er dieses Elend über sie brachte. Michael und ein paar andere junge Männer erregten sich über Mr. Trevallion und Lord Wetherby, die erfreut eine reiche Weizenernte einfuhren, während die Kinder der Pächter verhungerten.

Mary Kathleen dachte versonnen an Michaels verwegenen Gesichtsausdruck, wenn er auf die Landlords schimpfte, seine gerunzelte Stirn unter dem wirren, dunklen Haar und das Blitzen seiner leuchtend blauen Augen. Ob Gott es wirklich als Buße ansah, wenn sie die Scones mit ihrem Freund teilte? Zweifellos stillte sie damit seinen Hunger – aber auch ihr Verlangen, mit dem großen, hageren jungen Mann zusammen zu sein. Seine tiefe Stimme betörte sie. Sie sehnte sich nach der Berührung seiner Hände und danach, sich in seinen Armen zu verlieren.

Als die Zeiten noch besser gewesen waren, hatte Michael zusammen mit seinem Vater und dem alten Paddy Murphy zum Tanz aufgespielt – am Samstagabend oder beim alljährlichen Erntefest. Die Dörfler hatten die Beine geschwungen, getrunken und gelacht, und später am Abend hatte Michael Drury Balladen gesungen und Kathleen O’Donnell dabei angesehen …

Aber inzwischen hatte niemand mehr die Kraft zu tanzen. Und Kevin Drury und Paddy Murphy waren längst in den Bergen verschwunden. Gerüchten zufolge betrieben sie dort eine florierende Whiskeybrennerei. Man sagte, dass Michael die Flaschen unter der Hand in Wicklow verkaufte. Kathleens Vater wollte jedenfalls nichts mit den Drurys zu tun haben, und er hatte seine Älteste streng gerügt, als er sie am Sonntag nach der Kirche mit Michael sprechen sah.

»Aber ich glaube, Michael will um mich werben!«, hatte Kathleen errötend protestiert. »Ganz … ganz offiziell und ehrenvoll …«

Schneider O’Donnell schnaubte, seine hohe, schlanke Gestalt bebte vor Missbilligung. »Wann hat ein Drury jemals etwas offiziell und ehrenvoll betrieben? Die ganze Familie besteht nur aus Lumpenpack: Fiedler und Flötenspieler und Whiskeybrenner. Galgenvögel allesamt. Schon den Großvater wollten sie in die Kolonien schicken. So wenig ich die Engländer schätze: Hier hätten sie eine gute Tat begangen! Aber der Kerl ist ja ab nach Galway und von da aus Gott weiß wohin. Desgleichen sein nichtsnutziger Sohn! Kaum wird denen der Boden zu heiß, da verziehen sie sich – wobei keiner weniger als fünf Kinder hinterlassen hat! Lass die Augen von dem Drury-Jungen, Kathie, und erst recht die Finger! Du kannst hier jeden haben, hübsch wie du bist!«

Kathleen war wieder errötet, aber dieses Mal aus Scham darüber, dass ihr Vater sie hübsch nannte. Das war in Father O’Briens Augen schon anrüchig genug. Eine Jungfrau solle tugendhaft sein und fleißig, sagte er immer, und auf keinen Fall solle sie ihre Reize zur Schau stellen.

Wobei es in Mary Kathleens Fall nicht einfach war, das zu vermeiden. Sie konnte sich ja nicht ständig verstecken, um den Männern den Blick auf ihr zartes Gesicht, ihr honigblondes, weiches Haar und ihre aufreizend grünen Augen zu verwehren. Mit dem dunklen Grün der Glens vor Sonnenuntergang hatte Michael deren Farbe verglichen. Und manchmal, wenn sich Freude und Überraschung in Kathleens Augen spiegelten, erkannte er Funken darin, die wie das erste Grün des Frühlings auf den Weiden leuchteten.

Oh, Michael verstand sich auf Schmeicheleien! Und Kathleen wollte nicht glauben, dass er wirklich so ein Galgenvogel war, wie ihr Vater meinte. Schließlich arbeitete er jeden Tag hart auf den Feldern von Lord Wetherby. Zudem fiedelte er am Wochenende in Wicklows Pubs, wohin er weit laufen musste, wenn ihm nicht jemand sein Maultier oder seinen Esel lieh. Manchmal fand sich Roony O’Rearke, der Gärtner der Wetherbys, dazu bereit. Roony galt als Säufer, aber Kathleen wollte eine Verbindung zwischen schwarz gebranntem Whiskey und dem Verleih von O’Rearkes Esel gar nicht erst annehmen!

Das Mädchen stand auf und machte sich auf den Weg ins Dorf. Ein Wäldchen trennte das Anwesen der Wetherbys von den Cottages ihrer Pächter. Die Landlords mochten nicht direkt von ihrem Besitz auf die Behausungen ihrer Knechte und Hausangestellten blicken. Langsam fühlte Kathleen sich besser – was sicher auch damit zu tun hatte, dass sie ihre Schritte nicht direkt in Richtung Dorf und zum Cottage ihrer Familie wandte, sondern zu den oberhalb der Hütten gelegenen Weizenfeldern. Die Männer würden dort noch arbeiten, aber langsam ging die Sonne unter. Trevallion musste sie bald nach Hause schicken.

Die Dämmerung stürzte den eifrigen Verwalter stets in einen Zwiespalt: Einerseits reichte das Licht noch zum Arbeiten, und Lord Wetherby hatte schließlich nichts zu verschenken, andererseits begünstigte das Zwielicht Diebstähle. Die Arbeiter ließen Ähren in ihren Taschen verschwinden oder versteckten sie hinter den Steinmauern, um sie später in der Dunkelheit zu holen.

Kathleen hoffte, dass Trevallion seine Männer an diesem Abend früh heimschickte, auch wenn dann noch ärgerer Hunger in den Cottages herrschte. Schließlich warteten die Familien hoffnungsvoll auf die Ausbeute der Väter und Brüder. Nicht einmal Father O’Brien konnte das Vorgehen der Pächter ernsthaft verdammen, obwohl er ihnen natürlich stets Sühnegebete auferlegte, wenn sie ihre kleinen Diebstähle beichteten. Die braven Familienväter verbrachten folglich den halben Sonntag auf Knien in der Kirche. Junge Männer wie Michael streiften derweil über die Felder und versuchten, ungeachtet der Augen des Lords und der Lady, die den Sonntag mit Freunden zum Ausreiten und Jagen nutzten, noch ein paar Ähren zu stibitzen.

Und tatsächlich schien der Vollmond, der gerade über den Bergen aufging, um die Dämmerung abzulösen, Trevallions Furcht vor Diebstählen zu verstärken. Die Männer, ihre Frauen und Kinder würden die versteckten Ähren im Mondlicht leicht finden, das wusste er, und ein paar ganz Verzweifelte würden versuchen, die Nacht zu Raubzügen zu nutzen. Kathleen vermutete, dass der übereifrige Verwalter ein frühes Abendbrot und ein Nickerchen plante, bevor er die halbe Nacht Patrouille ritt.

Das junge Mädchen musste sich bezwingen, nicht vor Trevallion auszuspucken, als er ihr hoch auf dem Bock des letzten Erntewagens sitzend entgegenkam, während die übermüdeten Arbeiter sich zu Fuß von den Feldern nach Hause schleppten.

»Holla, die kleine Mary Kathleen!«, begrüßte der Verwalter sie leutselig. »Was suchst du hier, Goldlöckchen? Hat man dich im Haus schon entlassen? Einen schönen Lenz macht ihr euch da in der Küche! Ich wette, die alte Grainné versorgt nicht nur sich, sondern die Familien all ihrer Kinder und Kindeskinder mit dem Brot Seiner Lordschaft!«

»Seine Lordschaft isst wohl mehr Kuchen …«, tönte es aus der Gruppe der Landarbeiter, die müde hinter Trevallions Wagen herschlurften.

Kathleen erkannte die Stimme Bill Raffertys, eines Sohnes der Köchin Grainné. Billy war nicht der Klügste, aber bauernschlau, und er gefiel sich in der Rolle des Narren.

»… was Sie am besten wissen sollten, Trevallion!«, fuhr Billy fort. »Oder essen Sie nicht an seinem Tisch?«

Die Bemerkung wurde mit lautem Gelächter quittiert. Tatsächlich behandelte der englische Lord seinen irischen Verwalter kaum besser als seine Pächter. Natürlich hatte Trevallion eine Sonderstellung und musste nicht hungern. Aber die Achtung seines Herrn genoss er nicht, und auf keinen Fall war die Rede davon, ihn womöglich selbst in den Adelsstand zu erheben, wie es Verwaltern sehr großer Besitzungen ab und an zuteil wurde. Lord Wetherby war von Adel, seine Familie galt in England jedoch als unbedeutend. Die Besitztümer in Irland stammten aus der Mitgift seiner Gattin und waren eher klein.

»Mein Tisch ist jedenfalls reich gedeckt!«, gab Trevallion zurück. »Auch mit Kuchen, kleine Kathleen, falls du dir also einen Mann wünscht, der dir etwas bieten kann …«

Kathleen errötete zutiefst. Aber nein, der Kerl konnte nichts von den Teekuchen wissen, die Löcher in die Taschen ihres Kleides zu brennen schienen! Sie durfte sich nur nicht schuldbewusst zeigen! Tugendhaft schlug sie die Augen nieder. Kathleen antwortete grundsätzlich nicht, wenn Trevallion sie ansprach, erst recht nicht, wenn er solch ungehörige Anspielungen machte. Zu oft hörte man von Mädchen, die dem Laster in den Armen der Verwalter ihrer Herren verfielen – wobei Kathleen sich nicht vorstellen konnte, dass es sich hier um die Sünde der Wollust handelte.

Trevallion hatte eigentlich nichts an sich, was ein Mädchen reizen konnte. Er war klein, drahtig und rothaarig wie ein Leprechaun, aber ihm fehlte der Witz der mythischen Waldschrate, denen die etwas begüterteren Iren Häuser in ihren Gärten bauten, um sich ihrer Hilfe bei der Landarbeit – und mehr noch beim Whiskeybrennen – zu versichern. Finsterster Aberglaube natürlich, wie Father O’Brien erklärte, bevor er den jüngsten Kindern im Unterricht das nächste Märchen über die frechen, grün gewandeten Gesellen erzählte.

Über Trevallion gab es nichts derart Komisches zu berichten. Er war vollkommen unterwürfig gegenüber der englischen Herrschaft und hart und boshaft gegenüber deren Pächtern. Selbst wenn der Lord und die Lady gar nicht auf ihren Besitztümern in Irland weilten, was die meiste Zeit des Jahres betraf, ließ er nicht, wie andere Verwalter, fünfe gerade sein. Besonders in Zeiten wie diesen schauten sie schon mal weg, wenn die Männer auf Jagd gingen oder ein Teil des Obstes und Gemüses aus den Gärten der Herrschaft in den Töpfen der Pächterfrauen landete. Trevallion kämpfte um jede Karotte, jeden Apfel und jede Bohne vom Land seines Herrn, der eigentlich nur zur Ernte und zur Jagdsaison erschien. Die Menschen hassten ihn, und wenn sich ein Mädchen einem Mann wie ihm hingab, so geschah es sicher nicht aus Liebe, sondern nur aus Not.

»Oder hast du gar einen Galan hier auf den Feldern?«, fragte Trevallion jetzt mit tückischem Blinzeln. »Gibt es da etwas, das ich wissen müsste als Ohr und Auge des Herrn?«

Hochzeiten mussten vom Landlord genehmigt werden, und der hörte natürlich gern auf die Einflüsterungen Trevallions.

Kathleen würdigte auch diese Fragen keiner Antwort.

»Nun, ich denke, ich werde demnächst mal ein Wörtchen reden mit O’Donnell, dem Schneider …«, bemerkte Trevallion noch, bevor er Kathleen endlich gehen ließ. Sie sah aus den Augenwinkeln, wie er sich die Lippen leckte.

Kathleens Herz klopfte heftig. Der Kerl wollte nicht wirklich um sie werben? Ihr Vater sprach immer wieder von einer »guten Partie«, mit der Kathleen dank ihrer Schönheit ihr Glück machen würde, solange sie nur brav und tugendhaft auf den richtigen Mann wartete. Aber damit war doch nicht Trevallion gemeint? Bevor sie diesen Widerling heiraten würde, nähme sie den Schleier!

Kathleen blieb mit gesenktem Kopf am Wegrand stehen und ließ den Erntewagen und die Männer vorbei. Sie wusste, dass Michael sich bald unauffällig absetzen würde, und ging weiter, bis sie Schutz hinter den Steinmauern fand, die das frisch abgeerntete Feld einfassten. Das Mädchen begann, das Land auf vergessene Ähren abzusuchen.

Wie erwartet wurde Kathleen nicht fündig – Trevallion war gründlich. Sie verspürte glühende Wut auf den bösartigen kleinen Mann, als sie jetzt die ersten hungrigen Kinder vom Dorf zu den Feldern hinaufkommen sah. Alle würden versuchen, hier noch letzte Reste von Weizen zu finden, und alle würden enttäuscht werden.

In diesem Moment lachte Kathleen jedoch das Glück. Michael näherte sich, scheinbar ziellos schlendernd, dem Stoppelfeld. Er sah natürlich die Kinder und Frauen, weshalb er so tat, als bemerke er Kathleen nicht. Stattdessen winkte er ihr nur unmerklich zu, ihm zu folgen. Kathleen tat es unauffällig, sie wusste ohnehin, wohin er sie führte.

Ihr Schlupfwinkel war eine winzige Bucht, unterhalb der Siedlung bei den Feldern am Fluss. Hier stand hoch das Schilf am Ufer, und eine mächtige Weide ließ ihre Äste ins Wasser hängen. Sie schützten den kleinen Strand vor neugierigen Blicken vom Wasser aus, wie das Schilf die Verliebten von Land aus versteckte. Kathleen wusste, dass es Sünde war, sich hier mit einem jungen Mann zu treffen – dazu mit einem, den James O’Donnell gar nicht billigte, obwohl er so schöne Worte sprechen konnte. Aber irgendetwas in ihr bestand darauf, es trotzdem zu tun. Irgendetwas wollte den freudlosen Tagen der Arbeit im Herrenhaus und der abendlichen und in der letzten Zeit zudem vergeblichen Schufterei auf dem Land ihres Vaters ein bisschen Glück abringen …

Michael saß rittlings auf einem niedrigen Ast des freundlichen Baumes, als Kathleen eintraf. Seine Augen leuchteten bei ihrem Anblick auf. Er löste sich mit geschmeidigen Bewegungen von seinem erhöhten Sitz.

»Das süßeste Mädchen Irlands – und es gehört nur mir!«, rief er bewundernd mit seiner weichen Stimme. »Man preist die irischen Rosen, aber nur wer die Lilien kennt, kann ermessen, was Schönheit ist!«

Kathleen errötete und senkte den Blick, aber Michael griff nach ihren Händen und küsste sie. Er zog sie an sein Herz und damit auch das Mädchen näher zu sich. Sehr vorsichtig und sehr zärtlich küsste er seine Stirn und wartete, bis es ihm letztlich auch die Lippen bot. Michael legte sanft seine Arme um Kathleen.

»Vorsichtig!«, wisperte sie nervös. »Du … ich hab was mitgebracht, und ich will nicht, dass du es zerdrückst!«

Bevor Michael sie an sich pressen konnte, nestelte sie die Teekuchen aus der Tasche ihres Kleides, dazu das Marmeladenglas. Der junge Mann, heißhungrig nach der schweren Arbeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, musterte das Gebäck mit begehrlichen Blicken. Aber Michael Drury war nicht gierig. Er ließ sich Zeit mit Genüssen aller Art und deponierte die Leckerei zunächst auf einem großen Blatt in einer Astgabel der Weide. Dann fuhr er fort, Kathleen zu küssen, langsam, vorsichtig.

Kathleen hatte nie Angst vor ihm gehabt. Die Wisperei der anderen Mädchen, die teilweise schon verlobt waren und sich vor der Hochzeitsnacht fürchteten, verstand sie nicht. Michael, darauf vertraute sie fest, würde ihr niemals wehtun. Auch jetzt verlor sie sich kurze Zeit in seiner Umarmung, seinem erdigen Geruch nach der Arbeit auf dem Feld, seiner kühlen Haut, auf der sein Schweiß schon getrocknet war. Aber dann löste sich Michael. Eindringlich schaute er auf Kathleens gestohlene Scones.

»Das riecht gut!«, seufzte er.

Sie lächelte und war plötzlich gar nicht mehr so hungrig.

»Du riechst gut!«, flüsterte sie.

Michael schüttelte lachend den Kopf. »Weit gefehlt, meine Liebste, ich stinke! Und ich denke, ich sollte mich waschen, bevor du mich wie einen Gentleman zum Tee bittest …«

Bevor Kathleen widersprechen konnte, hatte Michael sein schlichtes, schmutziges Hemd schon abgeworfen. Kathleen versuchte wegzusehen, als er nun auch aus seinen verwaschenen Hosen schlüpfte, aber sie schaffte es nicht. Der Anblick seiner kräftigen Beine, seines flachen Bauches und der muskulösen Arme gefiel ihr. Michael war schlank, aber er wirkte nicht halb verhungert wie viele andere Pächter. Die Fiedelei in Wicklow schien sich zu lohnen. Kathleen hätte ihn zu gern einmal in die Pubs begleitet.

Sie lachte und hockte sich auf den Strand, als Michael sich prustend in den Fluss gleiten ließ. Er tauchte unter, um auch sein Gesicht und seine Haare zu waschen, und schwamm dann wie ein Fisch in die Mitte des Flusses.

»Warum kommst du nicht auch, es ist wunderbar kühl!«, rief er dem Mädchen zu.

Aber Kathleen schüttelte den Kopf. Nicht auszudenken, wenn jemand sah, wie Kathleen O’Donnell nackt oder halbnackt im Fluss schwamm – dazu nicht an den bekannten und allgemein respektierten Badestellen der Mädchen, sondern hier, abseits des Dorfes, bei Vollmond und mit einem Mann!

»Komm du heraus, bevor ich die Scones allein esse!«, neckte sie ihn.

Michael folgte dem Ruf sofort. Er schüttelte sich das Wasser aus dem fülligen dunklen Haar und ließ sich neben das Mädchen auf den steinigen Strand fallen. Kathleen reichte ihm seinen Kuchen und das Marmeladenglas, in das sie eben ihren Finger versenkt hatte, um die letzten Reste herauszuholen. Sie strich sie auf ihren Scone und biss ein winziges Stück davon ab. Es war das Beste, was sie je gegessen hatte! Die Orangenkonfitüre war süß, aber auch leicht bitter. Der Teekuchen zerging auf der Zunge …

Zärtlich blickte Kathleen zu Michael hinüber, der sein Stück mit kaum weniger Andacht kaute. »Geschenkt oder gestohlen?«, fragte er.

Kathleen wurde schon wieder rot. »Sie … sie waren sozusagen … hm … übrig …«, murmelte sie.

Michael küsste ihre Lippen, noch die Süße der Orange schmeckend. »Also stibitzt!«, neckte er das Mädchen. »Das macht sie umso süßer! Aber was wird Father O’Brien dazu sagen?«

»Vielleicht beichte ich es gar nicht!«, erwog Kathleen. Sie wusste, dass Michael es mit der Beichte nicht allzu genau nahm.

Michael lachte und steckte das letzte Kuchenstück in den Mund. Dann ließ er sich niedersinken und zog Kathleen mit sich. Er begann, ihren Brustansatz zu liebkosen. An seinen Fingern war noch klebrige Konfitüre, und er hielt sie ihr zum Abschlecken hin, als sie sich beklagte.

»Nicht, Michael!« Kathleen wehrte sich, als Michael nun Anstalten machte, ihr Kleid weiter aufzuknöpfen. »Das geht nicht!«

Michael ließ sich nicht stören. »Aber Kathleen, Liebste! Du musst sowieso beichten. Und das wirst du auch, ich kenne dich doch. Father O’Brien wird auf jeden Fall schockiert sein. Also, warum bieten wir ihm nicht noch ein bisschen mehr, damit er richtig was vergeben kann?«

Kathleen richtete sich unwillig auf. »Gott vergibt! Nicht der Priester. Und Gott vergibt nur, wenn man aufrichtig bereut. Aber dies hier …«

Egal, was sie mit Michael tat, sie würde es nie bereuen!

Michael streichelte ihr Haar und ihr Gesicht und brachte sie schnell dazu, sich wieder auf dem Strand auszustrecken.

»Kathleen, ich möchte dich ja zu meiner Frau machen! Ich möchte dir meinen Namen geben – auch wenn ich fürchte, dass er nicht viel wert ist. Gib mir noch ein bisschen Zeit, Kathleen. Schau, ich spare …«

»Du sparst?«, unterbrach ihn Kathleen und fuhr dabei erneut auf. »Wovon um Himmels willen kannst du etwas sparen, Michael Drury? Und erzähl mir jetzt nichts vom Fiedeln in den Pubs!«

Michael zuckte die Schultern. »Du willst das nicht wissen, Mary Kathleen – zumindest Mary will es nicht wissen, Kathleen mag ja neugierig sein!« Er zog sie mit ihrem Firmnamen auf, seit sie ihn gewählt hatte. »Aber es ist nichts … nichts, wofür man sich schämen muss!«

»Es ist Whiskey, stimmt’s?«, fragte Kathleen wütend. »Und du schämst dich wirklich nicht dafür, dass du Gerste und Weizen und was weiß ich alles vergären lässt, um Whiskey draus zu brennen? In Zeiten, in denen die Kinder verhungern?«

Michael zog sie beschwichtigend an sich. »Ich brenn’s doch nicht, Liebste!«, versuchte er das Mädchen zu besänftigen. »Wenn ich’s in die Hand kriegte, tät’s keinem mehr gut, das kannst du mir glauben. Aber wenn ich’s nicht verkauf, dann tut’s jemand anderes. Der alte O’Rearke würd’s nur zu gern selbst machen, den Esel hat er ja, um die Fässer nach Wicklow zu bringen. Aber dem trauen sie nicht, dem alten Säufer …«

»Wer sind ›sie‹?«, fragte Kathleen ungehalten.

Michael zuckte die Achseln. »Die Männer aus den Bergen. Liebste, es ist wirklich besser, wenn du das nicht alles weißt. Aber ein paar Pennys fallen immer dabei ab. Das meiste kriegt meine Mutter – unsere Kartoffeln sind alle verfault, und ohne das Whiskeygeld würden meine Geschwister verhungern.«

»Deine Mutter nimmt sündiges Geld?«, wunderte sich Kathleen.

Michael zog die Augenbrauen hoch. »Bevor sie ihre Kinder zu Grabe trägt …«

Kathleen wurde langsam klar, weshalb Mrs. Drury so viel Zeit in der Kirche verbrachte.

»Aber ein bisschen bleibt noch für mich, Kathleen!«, sprach Michael eifrig weiter. »Und für dich! Wenn es genug ist, hauen wir hier ab. Amerika! Sagt dir das was? Das gelobte Land. Die Sonne scheint das ganze Jahr über, und es gibt Arbeit für alle! Wir werden reich da drüben!«

»Und die Schiffe, die einen hinbringen, nennt man Coffin Ships, weil sie schwimmenden Särgen gleichen, lange bevor sie da anlegen in … in New York oder wie es heißt … Ich weiß nicht, ob ich das will, Michael!«

Kathleen schmiegte sich an Michael. Sie wusste gar nicht mehr viel, wenn sie bei ihm war, das Denken fiel ihr schwer in seinen Armen. Aber Amerika machte ihr Angst. Sie wollte Irland nicht verlassen. Und andererseits wollte sie nichts mehr, als mit Michael zusammen zu sein. Sie wollte seine Hände und seine Lippen auf ihrem Körper spüren, und sie wollte ihm erlauben, ihr Kleid weiter zu öffnen und sie weiter zu liebkosen. Kathleen wünschte sich viel mehr Zärtlichkeiten, als Father O’Brien jemals vergeben konnte! So viel verbotene Liebe, dass Gott selbst sie womöglich strafen würde. Es gab Schlimmeres als fünfzig Ave Maria auf einer harten Kirchenbank …

Kathleen richtete sich auf. Sie hatte der Versuchung schon viel zu oft nachgegeben. Weiter würde sie in dieser Nacht nicht gehen.

»Ich muss nach Hause …«, sagte sie leise, in der Hoffnung, dass es nicht zu bedauernd klang.

Aber Michael nickte nur und half ihr, das Kleid zu glätten und das Laub aus ihrem Haar zu zupfen. Dann begleitete er Kathleen ins Dorf – furchtsam, im Schatten der Steinmauern. Die Menschen auf den Feldern sollten sie nicht sehen – weder die Diebe, die ihre Ausbeute des Tages nach Hause trugen, noch die Frauen und Kinder, die nach jedem kleinen Körnchen suchten – und erst recht nicht Ralph Trevallion, der rastlos über die Felder Seiner Lordschaft ritt, um irgendeinen kleinen Sünder zu erwischen.

Jetzt wichen die hellen, mondbeschienenen Weizenfelder des Landlords den Äckern der Pächter. Kleiner, ärmlicher und nicht golden leuchtend. Die Fäule hatte nicht nur die Knollen, sondern auch die Blätter der Kartoffelpflanzen schwarz verfärbt. Die absterbenden Pflanzen warfen im Mondlicht gespenstische Schatten. Kathleen nahm Michaels Hand. Sie meinte, den Tod zu spüren.

Schließlich trennten sie sich an der Weggabelung zwischen ihren Gehöften – dem kleinen Haus der O’Donnells und der winzigen, verfallenden Hütte der Drurys. Es war spät. Die Familienmitglieder hatten sich bereits auf ihre Schlafmatten auf den Boden gelegt – das wussten die beiden jungen Leute. Es gab keine Betten für alle. Kathleen hatte fünf, Michael sieben Geschwister, und selbst wenn sie sich Bettgestelle hätten leisten können, wäre nicht einmal genug Platz gewesen. Im Cottage der O’Donnells brannte immerhin ein Feuer, irgendetwas würde Kathleen vielleicht noch zu essen bekommen. Bei den Drurys war es dunkel.

Aber es war Freitag. Am kommenden Morgen zog Michael mit seiner Fiedel und O’Rearkes Esel in die Stadt. Und irgendwo auf dem Weg nach Wicklow würden sich die Satteltaschen wie durch Geisterhand mit Whiskeyflaschen füllen …

KAPITEL 2

»Nein, Vater, ich will nicht! Ich mag ihn nicht! Das kannst du mir nicht antun!«

Kathleen sprach verzweifelt auf ihren Vater ein und schüttelte heftig den Kopf. Manchmal wünschte sie sich, weniger schön zu sein. In Michaels Armen war sie stolz darauf, aber sonst machte es nur Ärger.

»Nun stell dich nicht so an, Kathie, du musst ihn ja nicht gleich heiraten!«, fuhr James O’Donnell sie an.

Es war ihm sichtlich nicht recht, dass seine älteste Tochter hier mit ihm stritt, vor dem Haus und in Anwesenheit der meisten ihrer jüngeren Geschwister. Die Kinder hatten sich schon bei der Ankunft des Besuchers aufgeregt am Feuer versammelt, an dem die Mutter ein paar der wenigen genießbaren Früchte der Kartoffelernte briet.

Wenn eben möglich, kochten die Pächter vor ihren Cottages, um die Stuben so wenig wie möglich zu verräuchern. Besonders bei Wind und Regen zog der Rauchabzug ungenügend. Und nun duftete die Pfanne obendrein nach dem Speck, den der Mann mitgebracht hatte. Die Kinder verstanden nicht, was Kathleen da so verstimmte.

»Mr. Trevallion hat ganz höflich gefragt, ob er dich nach der Kirche nach Hause bringen darf«, fügte die Mutter hinzu. »Warum sollten wir ihm das verwehren?«

»Weil man den Rohling von Rechts wegen nicht einmal in die Kirche hineinlassen sollte!«, wütete Kathleen. »Das Baby der O’Learys ist gestern gestorben – weil Mrs. O’Leary keine Milch mehr hatte. Mit dem da …«, sie wies wütend auf den Rest der Speckseite und das Säckchen Mehl, das ihre Mutter fast ehrfürchtig betrachtete, »… hätt man’s vielleicht retten können. Aber unglücklicherweise mag Mr. Trevallion ja nicht Sarah O’Leary zur Messe begleiten, sondern mich!«

»Zu unserem Glück, mein Kind«, bemerkte der Vater. »Und ich bin gar nicht so böse darüber, dass du den Mann nicht magst. So wirst du ihm zumindest nichts erlauben, was nicht schicklich ist …«

»Zumindest nichts, bis er einen ganzen Schinken vorbeibringt?«, fragte Kathleen frech.

Die Ohrfeige ihres Vaters traf sie so hart und überraschend, dass sie erschreckt zurücktaumelte.

»Du versündigst dich, Mary Kathleen!«, sagte die Mutter. Es klang allerdings nicht sehr überzeugend. Offensichtlich relativierte sich Sünde beim Anblick von Speck. »Aber so ganz Unrecht hast du nicht, wenn du bei der Liebe auch ein bisschen an die Speisekammer denkst. Leidenschaft vergeht, Kathie. Nur deine Kinder liebst du ewig, egal, von wem du sie empfängst. Und du wirst deinem Mann dankbar sein, wenn er sie ernähren kann. Bei Mr. Trevallion bist du da auf der sicheren Seite. Ob wir ihn nun mögen oder nicht.«

»Aber ich will mich nicht verkaufen!« Kathleen warf zornig ihre blonden Locken zurück und wich vorsichtshalber einer weiteren Ohrfeige aus. »Wenn ich Kinder bekomme, dann nur von einem Mann, den ich liebe! Sonst … sonst geh ich ins Kloster!«

Obwohl ihr beim Duft der Bratkartoffeln mit Speck das Wasser im Mund zusammenlief, wandte Kathleen sich auf dem Absatz um und lief hinaus. Nein, sie wollte nichts von dem Essen, mit dem Trevallion sich ihre Begleitung beim Kirchgang erkauft hatte! Was sie wollte, war Michael! Sie musste ihm davon erzählen!

In ihrem Zorn und ihrer Verwirrung gab sie sich dem Wunschtraum hin, dass er sofort ins Haus des Verwalters laufen und ihn zum Zweikampf fordern würde. Wie es damals im alten Irland gewesen war, in den Sagen und Märchen von Rittern und Helden, die Father O’Brien manchmal erzählte, wenn er ein bisschen zu sehr dem Whiskey zugesprochen hatte, den die Leprechauns mitunter an der Schwelle zum Pfarrhaus deponierten.

Mary Kathleen lächelte beim Gedanken an den alten Priester, der es sicher nicht billigte, dass Trevallion Ansprüche auf sie erhob. Aber andererseits billigte Father O’Brien auch die Begleitung durch Michael nicht. Vielleicht, dachte das Mädchen, sollte ich ihm die Idee mit dem Kloster vortragen und behaupten, dass ich mich berufen fühle. Womöglich schirmt er mich dann gegen weitere Bewerber ab – oder er nimmt mich gleich in der nächsten Woche mit in die Abtei nach Wicklow.

Kathleen wanderte ziellos über die Felder am Fluss. Sie waren noch nicht abgeerntet, und sie lief Gefahr, Trevallion auf einem Patrouilleritt in die Arme zu laufen. Andererseits waren Michael und seine Freunde sicher bei einer heimlichen Ernte im Schutz der Steinwälle und der Weiden am Wasser. Tatsächlich erklang der Ruf einer Lärche, als Kathleen den Weg zu den abgelegensten Feldern betrat. Eine Lärche im Stimmbruch!

Kathleen schaute sich mit hochgezogenen Brauen um und entdeckte Jonny, Michaels jüngeren Bruder, in der Krone einer Eiche. Er grinste ihr verschwörerisch zu.

»Ich bin der Wächter, Kathleen!«, strahlte er.

Kathleen verdrehte die Augen. »Du bist im Blattwerk tatsächlich kaum auszumachen, besonders in diesem leuchtend roten Hemd«, bemerkte sie. »Und dieser Vogelruf … täuschend ähnlich. Mach bloß, dass du runterkommst, Jonny Drury! Trevallion lässt dich auspeitschen, wenn er dich erwischt.«

Jonny ließ sich die Laune nicht verderben. Mit gespielt ernstem Gesichtsausdruck und brav gesenktem Blick verbeugte er sich in Kathleens Richtung und wäre dabei fast vom Baum gefallen.

»Is’ nich’ verboten, Mr. Trevallion, dass ’n Junge am Sonntagnachmittag im Baum sitzt und ’n Vogel nachmacht!«, jaulte er mit unnatürlich hoher Stimme. »Schau’n Sie, Mr. Trevallion, hier hab ich ’ne Schleuder. Ich ruf nach ’nem Weibchen, und wenn’s kommt – ein Stein und wir haben Fleisch im Topf!«

Kathleen musste lachen. »Das erzähl ihm bloß nicht! Garantiert legt er’s als Verstoß gegen die Jagdverordnung aus, und du wirst gehängt. Wo ist Michael, Jonny? Unten am Fluss? Mit den anderen Jungs?«

»Glaub ich nicht«, sagte Jonny. »Die anderen sind schon zurück ins Dorf. Mit ein paar gefundenen Ähren …« Der Junge zwinkerte wichtig. »Brian hat ’ne ganze Garbe geschnitten! Das gibt feines Mehl, Kathleen!«

Brian gehörte ebenfalls zur Familie Drury, aber die Geschichte von der ganzen Garbe Weizen glaubte Kathleen nicht. Niemals hätten es die Jungen gewagt, am helllichten Tag so viel Korn zur Seite zu bringen – nicht einmal mit einem so fähigen Wächter wie dem kleinen Jonny. Die sonntäglichen Raubzüge auf den Feldern retteten keine Familie vor dem Verhungern. Es war mehr ein Spiel – den halbwüchsigen Jungen gefiel es, Trevallion an der Nase herumzuführen.

»Aber Michael hat nichts geschnitten«, verriet Jonny. »Der war böse! Hat nur auf das Korn eingeschlagen, als wollt er das ganze Feld umhauen … Kann’s sein, dass er böse auf dich war, Kathie?«

Kathleen schüttelte den Kopf. »Ich hab keinen Streit mit deinem Bruder«, antwortete sie.

Jonny grinste. »Du bist gut Freund mit ihm, ja?« Er kicherte vielsagend und schaukelte auf seinem Ast hin und her. »Wenn du mir auch mal so’n Teeküchlein mitbringst, wie neulich Michael, dann verrat ich dir auch, wo er ist. Und ich bleib hier und halte Wache für euch. Ist das was?«

»Woher weißt du …?« Kathleen errötete.

Konnte es sein, dass die frechen kleinen Jungen ihr Stelldichein mit Michael belauscht oder gar beobachtet hatten?

»Der Wächter weiß alles!«, erklärte Jonny wichtig. »Ich wusst sogar, dass du kommst! Und ich weiß, wo Michael auf dich wartet. Komm, ein Teeküchlein aus der Küche vom Herrenhaus … dann sag ich’s dir!«

Kathleen schüttelte den Kopf. »Das brauchst du mir nicht zu sagen, das kann ich mir selbst denken.«

Sie spürte plötzlich ein übermächtiges Verlangen, sich in Michaels Arme zu werfen. Zumal sie ihm wahrscheinlich nicht einmal erzählen musste, was zwischen ihren Eltern und Ralph Trevallion vorgefallen war. Er musste das Treffen belauscht oder davon gehört haben. Es sprach sich ja in Blitzesschnelle herum im Dorf, wenn der Verwalter sich dazu herabließ, eine Pächterfamilie am Sonntag zu besuchen und ihr obendrein Speck mitzubringen. Aber Michael konnte doch nicht glauben … er konnte nicht annehmen, sie hätte der Vereinbarung zugestimmt!

Kathleen fasste einen Entschluss. »Kein Küchlein aus der Küche, Jonny«, verhandelte sie, »aber einen Apfel aus dem Garten des Landlords. Wenn du hierbleibst und dein Wächteramt ernst nimmst. Ich treffe Michael am Fluss – und wenn du irgendwen kommen hörst, machst du die Lärche. Oder vielleicht … kannst du nicht vielleicht einen Vogel nachahmen, der tagsüber singt?«

Nachdem Jonny ihr zugesichert hatte, auch den Kuckuck täuschend ähnlich imitieren zu können, lief Kathleen hinunter zum Fluss. Es war ein sonniger Nachmittag, und der Vartry River zog sich wie ein Strom flüssigen Silbers durch die sattgrüne irische Landschaft. Das Mädchen fand den Weg durch das Schilf am Ufer wie im Schlaf. Niemals hätten die kleinen Jungen sich hier ungehört anschleichen können. Auch Kathleens Annäherung blieb nicht unbemerkt.

»Kathie?«, fragte Michael, noch bevor sie die winzige Bucht erreichte.

»Michael!«

Kathleen wollte sich in die Arme ihres Freundes werfen, aber er umfasste sie nicht mit der üblichen Wärme. Sie holte tief Luft. Sie musste es ihm gleich sagen, nicht, dass er sich wirklich erzürnte.

»Michael, ich hab nichts damit zu tun! Ich geh nicht mit Trevallion!«, versicherte sie ihm. »Niemals! Ich … ich will doch nur dich, Michael!«

Michael sah Kathleen an. Er sah verletzt aus, wütend. Sein Gesicht strahlte nicht wie sonst bei ihrem Anblick, und er hatte auch keine schönen Worte auf den Lippen. Dennoch küsste er Kathleen jetzt – sehr viel härter, sehr viel fordernder als sonst. Das Mädchen erschrak zuerst, aber dann erwiderte es den Kuss mit der gleichen Leidenschaft. Und tatsächlich hatte sich etwas in Michaels Blick verändert, als er danach von Kathleen abließ. Sie sah Übermut in seinen Augen, die Freude an der Herausforderung und dem Kampf.

Einen Herzschlag lang verspürte Kathleen Furcht. Er würde Trevallion doch nicht wirklich fordern?

Aber Michael legte nur die Arme um sie, hob sie wortlos auf und bettete sie in ein Nest aus Schilf und Gras, abgeschirmt von Weidenästen, die so tief hingen, dass nur schemenhaft grünlich goldenes Licht einfiel. Kathleen dachte an die bunten Glasfenster der Kirche und das farbige Leuchten, das während der Messe von ihnen ausstrahlte. Sie dachte an eine Hochzeit.

»Ich will deine Frau sein, Michael!«, versicherte sie ihm noch einmal.

Jetzt, jetzt musste er ihr doch wieder schmeicheln, sie streicheln und küssen …

»Beweis es mir!«, sagte Michael in einem Ton, der ihr fremd war.

Kathleen sah ihn hilflos an. Aber sie wehrte sich dieses Mal nicht, als er begann, ihr Kleid zu öffnen.

Es gab keine Möglichkeit für Kathleen, Ralph Trevallion davon abzubringen, sie nach der sonntäglichen Messe zu begleiten. Sie bemühte sich zwar, ihm keine Umwege zwischen Kirche und Dorf zu erlauben, und ließ nicht von ihren Eltern und Geschwistern, aber das schien den Verwalter nicht zu stören. Er ging artig neben ihr her, sagte ihr ein paar Freundlichkeiten und plauderte mit der Mutter und dem Vater. Für James O’Donnell wurde der Gang durchs Dorf zum Spießrutenlaufen. Die anderen Bauern billigten nicht, dass der Schneider sich mit dem Verwalter unterhielt und womöglich gar plante, familiäre Bande zu schließen.

»Kannst du nicht allein mit dem Mann um das Dorf herumgehen wie die anderen Mädchen mit ihren Galanen?«, fragte O’Donnell seine Tochter scharf, nachdem sie zum dritten Mal mit Trevallion durch den Ort gezogen waren.

»Er ist nicht mein Galan!«, erwiderte Kathleen verärgert. »Und wenn du nicht mit ihm gesehen werden willst – ich will es erst recht nicht!«

Auch Trevallions Geschenke beachtete Kathleen nicht – ihre Mutter hingegen schätzte den Verwalter gerade deshalb. Die O’Donnells hatten nun stets genug Mehl, um Brot zu backen, und jeden Sonntag etwas Fleisch im Topf.

Michael Drury beobachtete das Geschehen mit hilfloser Wut. Es gab nichts, was er tun konnte. Er musste zusehen, wie Trevallion Kathleen den Arm bot, wie er neben sie trat, wenn der Priester die Gemeinde nach der Messe verabschiedete, wie er sie stolz durch die Menge führte, die ihm mürrisch Platz machte. Doch am Nachmittag und an den langen Spätsommerabenden nach der Arbeit erhob Michael seine Ansprüche in den Feldern am Fluss. Er wartete meist schon auf Kathleen und sehnte sich nach dem Ruf des Kuckucks, mit dem Jonny sie eifrig ankündigte. Sie kam zu ihm, wann immer sie konnte. Mitunter brachte Kathleen Brot oder Obst mit. Michael nahm es gern an, wenn sie es im großen Haus stibitzt hatte – aber nicht, wenn es aus den Händen Trevallions kam. An seinen Geschenken, so ließ er Kathleen wissen, würde er ersticken.

Kathleen zuckte die Achseln und aß das Brot selbst. Sie war in der letzten Zeit ständig hungrig – auf Nahrung ebenso wie auf Zärtlichkeiten. Sie wusste, dass sie mit Michael sündigte, und schämte sich auch dafür, allerdings immer erst hinterher, wenn der Rausch verebbte. Während Michael sie liebte, und auch wenn sie bei der Arbeit oder nachts auf ihrer Schlafmatte an ihn dachte, fühlte sie sich nicht schuldig, sondern gesegnet. Etwas so Wundervolles, so Beglückendes konnte keine Sünde sein – zumal Gott es ja durchaus erlaubte, wenn man nur vorher in die Kirche ging und einander Eide schwor. Wozu Kathleen und Michael jederzeit bereit gewesen wären.

Einmal stibitzte das Mädchen sogar eine Kerze aus dem Herrenhaus, und die beiden sprachen sich feierlich die Trauformel vor. Aber sie wussten natürlich, dass dies nicht galt. Sie waren nur wie Kinder, die Heiraten spielten. Wenn es gelten sollte, so brauchten sie die Erlaubnis der Eltern, des Landlords – und den Segen Father O’Briens, und all das würden sie nie bekommen.

»Wir heiraten in Amerika!«, tröstete Michael Kathleen, als diese sich deswegen wieder einmal grämte. »Oder in Kingstown oder Galway vor der Überfahrt.«

Kathleen protestierte inzwischen nicht mehr, wenn er von ihrem wundervollen, gemeinsamen Leben am anderen Ende des Wassers schwärmte. Sie hatte sich für ihn entschieden, sie wollte mit ihm leben, wo auch immer. Und Amerika war besser als das Kloster – in Irland die einzige Möglichkeit, einer Heirat zu entfliehen.

Der Sommer näherte sich seinem Ende, und es wurde kalt und regnerisch. Selbst unter den dicksten Decken, die Michael irgendwo aufgetrieben hatte, blieb es feucht und ungemütlich in ihrem Liebesnest am Fluss. Aber auch die Spaziergänge nach der Kirche wurden kürzer. Man verkroch sich in den Häusern und Cottages, zumal den meisten Menschen auch einfach die Kraft fehlte, irgendetwas anderes zu tun. Nachdem es seit Wochen immer weniger zu essen gab, verloren selbst die Jungen langsam die Lust, um Mädchen zu werben, und die Mädchen, mit einem jungen Mann zu kokettieren.

Der Hunger hielt die Pächter Lord Wetherbys in eisernem Griff, der Lord selbst bekam davon allerdings nicht viel mit. Er saß längst mit seiner Lady in seinem Landhaus in England, trank Tee vor dem Kamin und freute sich über die reiche Ernte auf seinen irischen Besitztümern. Womöglich war ihm nicht einmal klar, dass den Pächtern und Tagelöhnern keine solche Segnung zuteil geworden war. Das Korn war gesund, was sollte Wetherby sich da über Kartoffeln Gedanken machen?

Die wenigen Kartoffeln, die nicht verfault waren, waren längst verzehrt. Man hatte nichts einlagern können, nicht einmal Saatkartoffeln für das nächste Jahr. Die würde man kaufen müssen, und Gott allein wusste, von welchem Geld! Um den Winter zu überstehen, sammelten die Kinder Eicheln im Wald, die ihre Eltern dann schroteten. Die Glücklichen, wie Kathleens Familie, streckten damit Roggen- oder Weizenmehl, die anderen backten ihr Brot aus dem gehaltlosen Eichelschrot. Die Ärmsten, die kaum die Kraft aufbrachten, in den Wald zu gehen und Eicheln zu sammeln oder Wurzeln auszugraben, kochten Suppe aus dem dürftigen Gras, das am Wegrand stand. Die letzten trockenen Brennnesseln waren heiß begehrt, die Menschen rissen sich selbst um die Stängel.

Ab und zu verteilte Father O’Brien Spenden in der Kirche. Es hieß, dass in England für die Iren gesammelt würde, ein Teil des Segens käme sogar von Landsleuten aus dem fernen Amerika. Allerdings war es nie genug, um auch nur wenige Tage satt zu werden. Die Bäuche wurden einmal gefüllt, aber dann schmerzte der Hunger umso mehr.

Michael Drurys Familie kam recht und schlecht über die Runden. Michael fiedelte in Wicklows Pubs, aber auch den Städtern fehlte es an Geld für Vergnügungen. Die Preise für Lebensmittel stiegen im gleichen Maße, in dem die Menschen verhungerten, sogar den Whiskeybrennern in den Bergen fehlte es an Rohstoffen. Michael hätte deutlich mehr Whiskey umsetzen können, als er erhielt.