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Corina Bomann

Sephira - Ritter der Zeit

Die Bruderschaft der Schatten

UEBERREUTER

Prolog: Die siebte Wunde

Die Luft in dem unterirdischen Gewölbe war heiß und stickig. Rußende Fackeln beleuchteten nur spärlich den von wuchtigen Steinblöcken eingefassten Kampfplatz. Die prachtvollen Ornamente, welche die Steine schmückten, waren fast nicht zu erkennen.

Neun Gestalten in schwarzen Gewändern hatten sich hinter der steinernen Balustrade verteilt. Stumm und mit kapuzenverdunkelten Gesichtern beobachteten sie die beiden Kämpfenden, einen Mann und eine Frau, die mit ihren nackten Füßen den Sand aufwühlten, der immer wieder aus der Wüste herbeigeschafft wurde, um hier in unterirdischer Finsternis Blut aufzunehmen.

Die Kämpferin hatte ihre schwarzen, schweißglänzenden Locken zu einem Zopf zusammengebunden. Auf ihrer Haut war ein olivfarbener Schimmer und ihre Augen leuchteten grau wie der Stahl ihrer Klingen. Das weiße Gewand lag eng an ihrem Körper an und zeigte deutlich ihre Formen. Kaum eine Tänzerin im Harem des Sultans hätte es mit ihrer schlangengleichen Grazie aufnehmen können.

Ihr Gegner war hochgewachsen und hager, seine für dieses Land recht blasse Haut spannte sich wie dünnes Pergament über Muskeln und Sehnen, die im Fackellicht wie Taue hervortraten. Sein dunkles Haar fiel lang auf seine Schultern, der kurz geschnittene Bart umrahmte ein Paar schmale Lippen. Er trug lediglich eine Hose aus weißem Leinen, in der er wie ein Fellache, ein einfacher Bauer, wirkte.

Das Bemerkenswerteste an ihm waren jedoch seine Augen, die leuchteten, als wären sie aus flüssigem Gold. Aufmerksam musterte er seine Gegnerin, als versuchte er, ihre nächste Attacke vorauszuahnen.

Die Kämpfer hatten einander schon etliche Verletzungen zugefügt, das verriet das Blut auf Kleidung und Haut. Wie eine geheimnisvolle Schrift kündeten die rostroten Linien und Flecke, die Schnitte und Risse von den Minuten vergangener Anstrengung. Und sie prophezeiten einem der Kämpfer für diese Nacht Kismet, das unausweichliche Schicksal.

Zwei Messer mit gewellter Klinge in den Händen der Frau standen gegen zwei Krummdolche in den Händen des Mannes. Lauernd beobachteten die Gegner einander, umkreisten sich wie Löwen, die nach dem Schwachpunkt des anderen suchten. Dann blitzten die Klingen erneut im Fackelschein auf. Sand stob in die Höhe und nahm den Zuschauern für einen Moment die Sicht, während Kampfschreie dumpf von der Gewölbedecke widerhallten.

Die Art, wie sich die beiden Kämpfer bewegten, ihre Körper sich vor den Klingen des jeweils anderen bogen wie Schilf im Wind, und dabei die waffenbewehrten Arme gegeneinander erhoben, mutete wie ein Tanz an.

Ein Tanz des Todes.

Sechs Wunden auf der Haut des einen – sechs Wunden auf der Haut des anderen. Die nächste entschied, so war es Brauch in der Bruderschaft.

Die Frau wirbelte nun herum, beide Klingen erhoben und auf den Kopf des Mannes gerichtet, obwohl dieser sie um Haupteslänge überragte. Die Messerspitzen zogen knapp unter seinem Hals vorbei, und nur ein extrem schneller Satz nach hinten rettete ihn vor der siebten Wunde.

Einen leisen Fluch ausstoßend fing er sich, während im Gesicht der Frau Enttäuschung zu sehen war, als sie erkannte, dass seine Haut unversehrt geblieben war.

Voller Eifer, den Kampf zu beenden, wagte sie einen riskanten Ausfall. Die Klingen gaben ein leises Surren von sich, als sie diese zur Seite schwang und dann scherenförmig vor dem Leib zusammenstieß.

Diese Aktion kam trotz aller Voraussicht überraschend für den Mann. Es war Zeit für die letzte Prüfung.

Zum Zurückweichen gezwungen verlegte er sich nicht, wie seine Gegnerin vielleicht erwartete, auf die Abwehr, sondern wirbelte herum, lauschte dem Klang der auf ihn zuschießenden Klingen und spürte ihrer Absicht nach. Er bog seinen Körper zur Seite, die Klingen stießen ins Leere, während er seine Drehung komplettierte und mit der linken Hand zuschlug.

Die mondsichelförmige Klinge fuhr durch den Hals der Frau, die in ihrer Bewegung stockte und ungläubig die Augen aufriss. Wie ein hässliches Maul klaffte im nächsten Moment die Wunde auf und spie einen breiten Blutschwall über ihre Brust.

Als sie mit einem grausigen Röcheln in die Knie ging, schrie einer der Zuschauer auf. Es war gegen die Regeln, das wusste er, doch er konnte nicht anders. Zu viele Hoffnungen hatte er mit dieser Kandidatin verbunden – und zu viele Gefühle.

»Khadija!«

Die Frau hörte den verzweifelten Ruf wohl noch, konnte aber nicht mehr antworten. Das Licht in ihren Augen erstarb, während sich ihre verzweifelt nach Luft ringenden Lungen mit Blut füllten. Als sie schließlich mit einem dumpfen Geräusch zu Boden fiel, verebbte auch das letzte Zucken ihrer Glieder.

Ihr Gegner stand noch eine Weile über ihr, mit hängenden Armen und sich rasch hebender Brust. Blut tropfte von seiner linken Klinge. Er betrachtete die Tote mit leichtem Bedauern, das allerdings nicht ihr galt, sondern der Zeit, die sie mit ihr verschwendet hatten.

Dann hob er den Kopf.

Noch immer leuchteten seine Augen, jetzt noch goldener als zuvor. Um seine Wunden heilen zu können, brauchte er Blut, und zwar so schnell wie möglich.

»Sie war nicht würdig«, rief er dem Verzweifelten zu, der davon abgehalten werden musste, auf den Kampfplatz zu stürmen. »Du weißt, wie unsere Regeln lauten. Ich durfte sie nicht am Leben lassen.«

Wieder entfuhr dem Trauernden ein unmenschlicher Schrei, dann ließ er sich klagend auf seine Bank sinken.

Der Sieger beachtete ihn nicht. Wie es Brauch war, beugte er sich über die Tote und trank von dem Blutstrom aus ihrer Kehle, bevor dieser versiegte.

Als er fertig war, erhob er sich, und alle sahen, wie das Feuer in seinen Augen erlosch und seine Wunden sich langsam schlossen.

Erstes Buch



Meer und Wüste
Frühjahr 1187

feather

1

Wenn ein Unwetter über das Meer zieht, so heißt es in den Geschichten unseres Volkes, ist Thor, Sohn des Göttervaters Odin, missgestimmt. Seinen mächtigen Hammer Mjöllnir schwingend tobt er auf seinem von Ziegen gezogenen Wagen durch Asgard, schleudert Blitze auf die Erde und lässt den Donner wie Paukenschläge grollen.

Gemessen an dem Sturm, der auf unser Schiff zuflog wie ein mächtiger Raubvogel, musste Thor an diesem Nachmittag besonders schlechte Laune haben.

Die Wolken waren beinahe schwarz und so dicht wie ein Wolfsfell im Winter. Nur an den Rändern fand sich noch etwas Licht, das grell und bedrohlich auf unser Schiff fiel.

Während ich das Geschehen am Himmel von der hintersten der dreißig Ruderbänke aus beobachtete, fragte ich mich unwillkürlich, ob Thor darüber zürnte, dass sich mehr und mehr Menschen seines Volkes dem Christenglauben anschlossen und ihn darüber vergaßen.

Wenn das zutraf, so waren wir gewiss nicht diejenigen, an denen unser Gott seinen Zorn auslassen sollte. Eben weil wir uns dem Christenglauben nicht beugen wollten, befanden wir uns auf der Flucht.

Unsere Irrfahrt hatte uns bisher an den Küsten des Frankenlandes, Kastiliens, des Maurenlandes und Siziliens entlanggeführt. Immer auf der Suche nach einem Flecken Land, auf dem es Platz für uns und unsere Götter gab. Bisher waren wir erfolglos gewesen, doch wir wollten die Hoffnung nicht aufgeben, dass dieser Ort, unsere neue Heimat, irgendwo existierte.

Schon oft waren wir in Unwetter geraten, doch keines hatte den Himmel so schnell verfinstert wie dieses hier. Noch teilten die Steven am Bug der Freydis mühelos die heranstürmenden Wellen, und obwohl sich das Schiff wie ein störrisches Pferd gebärdete, brauchten wir uns nicht zu sorgen, dass es kenterte.

Dennoch, an diesem Unwetter war etwas gefährlich anders.

Das spürten auch unsere Männer, und dementsprechend still war es heute an Bord. Selbst unsere besten und stärksten Kämpfer, die stets einen Scherz auf den Lippen hatten, flehten die Götter nun stumm um Gnade an, das konnte ich an ihrer Haltung und ihren Augen erkennen.

Als heftige Böen das große rote Segel erfassten und flattern ließen, begab ich mich durch die Reihen der Männer nach vorn zu dem kunstvoll verzierten Drachenkopf, der sich furchtlos den bedrohlichen Wolken entgegenreckte.

Das Laufen an Deck war bei diesem Seegang eine rechte Kunst; man musste das Leben auf einem Schiff gewöhnt sein, um den Gang über die schwankenden und glitschigen Planken ohne einen Sturz zu meistern.

Während einige Mitglieder unserer vierundzwanzig Mann starken Besatzung bereits dabei waren, die Ladung festzuzurren, stand mein Vater neben dem Drachenkopf und blickte zu den schwarzen Wolken, als wollte er Thor um Gnade bitten.

Einar Skallagrimm war eine imposante Erscheinung. Seine Statur erinnerte durchaus an jene Thors, wenngleich er es nicht gern hörte, wenn ich ihn mit seinem Gott verglich.

Sein hoher Wuchs, seine breiten Schultern und starken Arme flößten so manchem Angreifer schon Respekt ein, bevor er es überhaupt für nötig hielt, sein Schwert zu ziehen. Sein rotes Haar reichte ihm bis weit über die Schultern und wirkte wie eine lodernde Flamme, wenn es vom Wind erfasst wurde.

Die Linien, die die Zeit in sein Gesicht eingegraben hatten, erzählten viel über sein Leben. Obwohl zwei breite weiße Strähnen seinen langen Bart durchzogen, hätte niemand gewagt, ihn alt zu nennen. Seine Kraft war noch immer die eines jungen Mannes und sein Verstand so scharf wie Fenrir, sein Schwert.

Ich, seine einzige Tochter, ähnelte ihm mit Ausnahme der blauen Augen in keiner Weise. Mein Haar war hell wie ein von der Sonne gebleichtes Weizenfeld, meine Haut so weiß wie der Neuschnee an den Fjorden meiner Heimat. Obwohl auch ich in meinem achtzehnten Jahr bereits von hohem Wuchs war, wirkte ich mit meinen langen, schlanken Gliedmaßen eher wie eine Katze und nicht wie ein Bär. Dennoch waren meine Arme stark genug, um ein Schwert zu führen – oder mich an Bord festzuhalten, wenn es stürmisch wurde. Doch heute schien mein Vater das vergessen zu haben.

»Geh zurück, Laurina, hier vorn kannst du leicht über Bord gehen«, murmelte er, als er meine Anwesenheit bemerkte.

Ich achtete nicht darauf. Immerhin war ich kein kleines Kind mehr, das man einfach so fortschicken konnte. Und ich stand nicht zum ersten Mal bei stürmischem Wetter neben dem Drachenkopf.

»Wann wird uns das Unwetter erreichen?«, fragte ich, während ich mit den Beinen das Schwanken auszugleichen versuchte.

Mein Vater schnaufte, wie immer, wenn ich ihm nicht sofort gehorchte.

»Schwer zu sagen«, antwortete er dann, woran ich erkannte, dass auch er besorgt war, denn sonst hätte er seinen Befehl nachdrücklicher wiederholt. »Die Schwingen dieses Unwetters sind kräftig. Und jetzt geh und sichere dich.«

»Können wir nichts tun?«, entgegnete ich. Ich wollte den anderen nicht nur dabei zusehen, wie sie sich gegen das Unwetter abmühten.

»Du wirst auf deine Bank zurückkehren und dich festbinden«, beharrte mein Vater. »Wir werden versuchen das Schiff zu segeln; wenn das nichts hilft, werden wir es treiben lassen wie einige Male zuvor. Also, gehst du nun oder muss ich dir Beine machen?«

»Aber Vater, ich …«

»Geh!«, fauchte er daraufhin. »Wenn ich nach Walhall berufen werde, wirst du das Schiff und unsere Getreuen führen müssen! Ich will nicht, dass du umkommst!«

Den Ausdruck in seinen Augen werde ich nie vergessen. Er war zornig, hatte aber auch große Angst.

Das Segeltuch über uns flatterte mittlerweile, als wollte es jeden Augenblick vom Mast abreißen. Der Drachenkopf des Schiffes stieg bedrohlich nach oben, sodass ich zurücktaumelte. Nur der schnelle Griff meines Vaters bewahrte mich davor, hintenüberzufallen. Während er mich zu sich heranzog, sah ich hinter ihm einen Blitz ins Meer fahren.

»Siehst du, was habe ich dir gesagt?«, kämpfte die Stimme meines Vaters gegen den heranziehenden Donner über uns an. »Begib dich auf deinen Platz und binde dich fest!«

Doch ich kam nicht mehr dazu, seinem Befehl zu folgen.

Schlagartig verschwand das letzte Licht und ein Brecher erfasste unser Schiff so unvermutet, dass es uns beide von den Füßen riss. Ich fiel nach hinten und entging nur mit Glück einem Fass, das unsere Leute nicht richtig festgezogen hatten. Handbreit polterte es an meinem Kopf vorbei und krachte gegen die Reling.

Erschrocken wälzte ich mich herum. Mein Puls pochte fühlbar in meinem Hals und in den Schläfen. Doch Zeit, den Göttern dafür zu danken, dass ich nicht erschlagen worden war, hatte ich nicht.

Das Schiff wurde erneut herumgeworfen, diesmal zur anderen Seite. Ich rutschte zwischen die Bänke und klammerte mich an ihnen fest.

Meinen Vater konnte ich nirgends ausmachen, aber ich wusste, dass er sich, wenn es irgendwie möglich war, ans Steuer begeben würde. Einige Männer, die ebenfalls von den Füßen gerissen worden waren, rappelten sich nun wieder auf und versuchten auf ihre Plätze zu kommen.

Doch das Unwetter kannte keine Gnade. Es warf das Schiff mal auf die eine, dann auf die andere Seite. Vom Festklammern schmerzten mir bald die Arme und ich musste einsehen, dass mein Vater recht gehabt hatte. Mochte ich auch kämpfen können, meine Kraft reichte nicht aus, um diesem Sturm zu trotzen.

Unweit von mir ertönten plötzlich Schreie. Als ich aufblickte, sah ich drei Männer über die Reling fliegen. Unmengen Wasser schwappten auf das Deck und nahmen mir die Sicht. Dennoch versuchte ich meinen Vater auszumachen. In der Menge auf Deck liegender Männer konnte ich ihn nicht sehen, was mein Herz stolpern und meinen Magen schmerzhaft krampfen ließ.

War auch er über Bord gegangen?

Doch dann vernahm ich seine Stimme durch das Tosen des Sturms. »Auf die Beine, Männer! Holt das Segel ein und kippt den Mast!«

Ich entdeckte meinen Vater am Steuer. Dicke Taue, die wie Schlangen um seine Arme lagen, hielten ihn daran fest. Was auch passierte, er würde die Freydis nicht verlassen.

Der Anblick brannte sich in mein Herz.

Wir werden nicht sinken, versuchte ich mir einzureden, obwohl das Heulen des Sturms und das bedrohliche Knacken des Mastes etwas anderes sagten.

Während ich die Augen nicht von meinem Vater lassen konnte, während ich hoffte, dass er meinen Blick spüren und mich ein letztes Mal ansehen würde, kam ein gewaltiger Brecher auf uns zu.

Alarmiert durch den Ruf eines Mannes richtete ich mich ein wenig auf und sah im nächsten Augenblick die Wasserwand auf uns zurasen. Sie war höher als alle Gebäude, die ich bisher zu Gesicht bekommen hatte. Nicht einmal die Burgen der Normannen hatten derart hohe Mauern.

Mein Herz setzte für einen kurzen Moment aus. Ich glaubte schon, dass der Schreck mir einen gnädigen Tod bescheren würde, doch schon einen Atemzug später schlug es weiter. Das Einzige, was mir jetzt einfallen wollte, war der alte Vers, den jene Frauen sprachen, die ihren toten Ehemännern ins Feuer folgten:

»Nun gehe ich nach Walhalla, wo all meine Ahnen auf mich warten und die Götter mir eine Tafel bereiten …«

Weiter kam ich nicht, denn die Wasserwand krachte gegen das Schiff und begrub es unter sich. Das Knarren des Schiffes und das Rauschen des Wassers waren ohrenbetäubend.

Ich wurde nach vorn geschleudert und machte mich bereit, jeden Augenblick in die schwarzen Tiefen einzutauchen.

Doch etwas hielt mich zurück. Ein Tau schlang sich um mein Bein, und plötzlich ging ein harter Ruck durch meinen Körper.

Der abknickende Mast krachte knapp vor mir auf das Deck. Während ich mich instinktiv an ihm festkrallte, spürte ich einen stechenden Schmerz im Knie, der mich aufschreien ließ. Doch meine Stimme wurde von mächtigen Donnerschlägen verschluckt.

Von klein auf war ich dazu erzogen worden, dem Tod furchtlos ins Auge zu blicken, denn es würden die Tore von Wallhall sein, an denen ich mich nach der großen Finsternis wiederfinden würde. Die Walküren würden mich abholen, ich würde all meine Ahnen wiedertreffen, mit ihnen in den Kampf ziehen und fröhliche Feste feiern.

Doch jetzt, da ich mich verzweifelt an den gebrochenen Mast klammerte und das Wasser hart gegen meinen Körper klatschte, hatte ich furchtbare Angst und zweifelte sogar, ob es Walhall und überhaupt Götter gab.

Mein Vater und die Besatzung des Schiffes waren die einzige Familie, die ich hatte. Ich liebte das Leben und hatte mich schon auf das nächste fremde Land gefreut, das ich kennenlernen würde. Auf die nächste neue Sprache, die ich erlernen konnte.

Doch nun würde das stumme Reich der Fische das Letzte sein, was ich sah.

Das eisige Wasser betäubte mein schmerzendes Knie, während ich zusammen mit dem Mast von den Wogen hin und her geschleudert wurde. Das Holz schwamm, doch wie lange würde ich noch die Kraft haben, mich festzuhalten?

Es heißt, dass man in der Stunde des Todes noch einmal sein ganzes Leben vorüberziehen sieht. Es ist der Augenblick, in dem man vor den Göttern Rechenschaft ablegt, bevor die Walküren kommen und die Seele des Kriegers forttragen.

Während ich meinem sicheren Tod entgegendämmerte, sah ich nur eines: die Nacht, in der wir aus unserer Heimat vertrieben worden waren.

Ich war damals gerade sieben Jahre alt gewesen, ein ungelenkes Mädchen mit viel zu langen Armen und Beinen und weizenblondem Haar, das stets zu einem Zopf geflochten und im Sommer mit Mohnblüten geschmückt war.

Meine Mutter war drei Jahre zuvor im Kindbett verstorben. Mit ihr verließ uns auch der kleine Junge, den sie gerade geboren hatte, der Nachfolger, den sich mein Vater so sehnlich gewünscht hatte. Da er nicht bereit war, eine andere Frau zu freien – zu sehr liebte er seine Gemahlin und wollte ihr bis zum Wiedersehen in Walhall nicht untreu werden –, beschloss er kurzerhand, aus mir, seiner Tochter, einen Sohn zu machen.

Er ließ also meine Haare abschneiden, die Mohnblüten wurden verbannt und anstelle von Kleidern trug ich von nun an Hosen und Hemden wie die anderen Jungen im Dorf. Nur meine Gesichtszüge und die großen blauen Augen deuteten noch darauf hin, dass ich ein Mädchen war.

Eine Tochter zum Sohn zu machen, ihr alle Rechte einzuräumen und sie in die Kampfkunst einzuweihen war ungewöhnlich, doch mein Vater konnte es sich erlauben, denn er war der Herr über drei Schiffe und ein Stück Land zwischen den Fjorden. Er besaß genug Ruhm und Reichtum, um sich Fürst zu nennen und eine prachtvolle Halle zu bauen, den Mittelpunkt des Dorfes.

In diese große Halle kamen in jenem Sommer vor zehn Jahren drei braun gekleidete Wanderer.

Sie sprachen davon, uns den wahren Glauben zu bringen, und verlangten, dass wir unseren Göttern abschwören sollten.

Mein Vater lachte sie aus. Er fragte, was ihr einzelner Gott wohl mehr bewirken könne als unsere vielen Götter. Er würde sich doch gewiss nicht um alles kümmern können, denn unser Land sei groß und das Meer reich an Gefahren.

Die drei Priester nahmen seine Antwort mit mürrischen Mienen hin, unternahmen aber keinen weiteren Versuch, meinen Vater zu überreden. Da sie Ruhe gaben, wurden sie eingeladen zu bleiben. Einar Skallagrimm bewirtete sie und erlaubte ihnen, die Frauen anzugaffen.

Am nächsten Morgen zogen sie weiter, enttäuscht zwar, aber nicht feindselig.

In diesem Augenblick ahnte in unserem Dorf niemand, dass die Männer Masken getragen hatten, Masken aus falschem Lächeln, hinter denen sich das Böse verbarg. Nicht einmal mein Vater hatte sie zu durchschauen vermocht.

Das Leben ging weiter, schon bald waren die Besucher in Vergessenheit geraten. Der Sommer zog die Frauen in die Gärten und die Männer aufs Wasser.

Zwei Monde später kamen die Wanderer zurück. Doch diesmal kamen sie nicht allein. Ihr Gefolge bestand aus Kriegern, schwer bewaffneten Rittern, die, ohne ein Wort zu verlieren, über unser Dorf herfielen. Sie kamen nachts und begannen wahllos zu töten: Kinder, Greise, junge Männer, die nicht schnell genug ihr Schwert in die Hand bekamen. Sie schleiften die Frauen an den Haaren aus ihren Hütten, vergewaltigten sie und drohten sie ins Feuer zu werfen, wenn sie nicht unseren Göttern abschworen. Als die Krieger, die in der Nähe der Schiffe lagerten, ins Dorf stürmten, fanden sie Tote und Verwüstung vor. Vielen von denen, die sich den Eindringlingen wütend entgegenwarfen, wurden von deren Übermacht zermalmt.

Mein Vater musste eine Entscheidung treffen, und er traf eine, die in unserem Volk und von unseren Göttern keinesfalls als ehrenvoll angesehen wird.

Er beschloss, mit seinen verbliebenen Getreuen zu fliehen.

»Laurina, bleib dicht bei mir«, schärfte er mir ein. »Du bist die einzige Hoffnung für unser Volk. Du musst diejenige sein, die unseren Glauben weiterträgt.«

Ich wusste damals nichts mit diesen Worten anzufangen. Ich war nur ein Kind, dessen Herz vor Angst raste und das nicht wusste, was in den nächsten Stunden passieren würde.

Während wir zu den Schiffen flohen, griffen sie uns erneut an. Mein Vater unterrichtete mich schon eine Weile im Schwertkampf und wies mich an, mich zu verteidigen, wenn es sein musste.

Die Gelegenheit bekam ich. Einem Mann, der mich zwischen den Kämpfenden fortreißen wollte, stieß ich mein Schwert in die Seite. Mein Vater war es, der diesen Mann tötete und mich dann weiterzerrte.

Als wir endlich bei der Anlegestelle ankamen, mussten wir feststellen, dass zwei Schiffe bereits in Flammen standen.

Selbst mir wurde klar, dass die Priester und ihre Soldaten nicht vorgehabt hatten, uns wirklich zu bekehren. Mit dem Wissen, dass unsere Gemeinschaft sich nicht beugen würde, metzelten sie drauflos und benutzten die Wahl, vor die sie uns stellten, als Ausrede für ihr Tun. Vielleicht hofften sie, dass ihr Gott ihnen dann verzeihen würde, was sie taten.

Der Anblick unseres brennenden Dorfes, das am Horizont verschwand, verfolgte mich noch lange in meinen Träumen.

Auch jetzt, umspült von Wasser und unter einem tobenden Himmel, wollte er mir nicht aus dem Sinn.

Ich fragte mich, warum unsere Götter uns so lange hatten leben lassen, wo sie doch unser Scheitern nicht verhindern wollten.

Doch eine Antwort fand ich ebenso wenig wie die Kraft, mich weiter festzuhalten. Ich rutschte von dem glitschigen Mastbaum herunter und versank in der tosenden See.

2

An diesem Morgen erwachte Gabriel mit dem Wissen, dass er einen Menschen töten würde. Es würde keine von Rachegelüsten und Bosheit geleitete Tat sein; er tötete, weil es seine Aufgabe war. Eine Aufgabe, die er nun schon seit einigen Jahren verrichtete, als Preis für die Gabe, die man ihm verliehen hatte.

Seinem allmorgendlichen Ritual folgend erhob er sich von seinem Lager, wusch sich und kleidete sich in ein weites weißes Hemd und grobe weiße Leinenhosen. Dann kniete er vor dem kleinen Altar nieder, den er in seinem Schlafgemach errichtet hatte, bekreuzigte sich und betete murmelnd einen Rosenkranz.

Nach einem Schluck Wasser, den er sich aus einem Krug neben der Tür genehmigte, verließ er sein Haus. Draußen umfing ihn die warme Luft wie ein seidener Schleier.

Obwohl der Morgen noch frisch war, trug er bereits die Ahnung der kommenden Tageshitze in sich. Einer Hitze, die alles Leben in den Schatten trieb, wo es ausharren musste, bis sich die Sonne wieder senkte.

Als müsse er sich das Aussehen seines Hauses einprägen, wandte er sich um und ließ seinen Blick über die geraden, weiß getünchten Mauern schweifen, die von einigen Spitzbogenfenstern durchbrochen wurden. Die Läden waren blau gestrichen, was zu dem hier vorherrschenden Weiß und Ocker recht hübsch aussah. Vor einem der Fenster hing ein Windspiel, das in der Morgenbrise leise vor sich hin klimperte.

Im Unterschied zu anderen Mitgliedern ihrer Gemeinschaft wohnte Gabriel außerhalb der Burg seines Herrn. Der Mann, dem er früher diente, hatte ihm dieses Anwesen geschenkt, und er war nicht bereit gewesen, es zu Beginn seines neuen Lebens aufzugeben.

Das palmenumstandene Stückchen roter Erde befand sich in der Nähe des Meeres. Gabriel liebte diesen Ort. Das ferne Rauschen der Wellen beruhigte seine Sinne und half ihm, in seine Meditation zu versinken, wenn der Zeitpunkt gekommen war, den Tod zu bringen.

Nachdem er den Kopf kurz zur Morgensonne erhoben hatte, schweifte sein Blick zu seinen nackten Füßen hinunter, neben denen er eine Bewegung gespürt hatte.

Der Skorpion saß reglos im Sand. Es konnte vorkommen, dass diese schwarz glänzenden, mit Scheren und Stachel bewehrten Tiere Sendboten Malkuths waren, des Emirs, in dessen Diensten er stand.

Doch dieses Tier war nicht markiert. Außerdem bekam kein Mitglied der Bruderschaft zwei Aufgaben auf einmal.

Den jetzigen Auftrag hatte er vom Anführer ihrer Kampftruppe erhalten. Harun ibn Islar war ein Kaufmann aus Alexandria. Reich an Gold und Einfluss auf den Sultan war er dem ehrgeizigen Emir Malkuth ganz offensichtlich ein Dorn im Auge.

In der vergangenen Nacht hatte Gabriel darüber nachgedacht, welche Waffe perfekt sein würde, um Haruns Leben ein Ende zu bereiten. Wenn er jemandem den Tod brachte, sollte er gnädig sterben, schnell und ohne Qual. Gift oder doch blanker Stahl? Bisher hatte er noch keine Wahl getroffen.

Aber vielleicht würde ihm der Ausritt eine Entscheidung schenken.

Er begab sich zum Stallgebäude, das groß genug war, um zehn oder mehr Pferde zu beherbergen. Gabriel reichte allerdings ein einziges Tier.

Der Hengst, dessen Fell die gleiche schwarze Farbe hatte wie Gabriels Haar, war eines der besten Pferde der gesamten Gegend und wahrscheinlich mehr wert als zehn gewöhnliche Rösser. Schon oft hatten Diebe versucht, ihm diese Kostbarkeit auf vier Beinen zu stehlen, doch immer hatte es damit geendet, dass die Männer mit starrem Blick aufgefunden worden waren, die Kehle mit einem schnellen Schnitt durchtrennt.

Als der Rappe Gabriel witterte, wandte er sich wiehernd um und betrachtete ihn mit seinen klugen braunen Augen.

Niemandem gelang es, in die Seele eines Pferdes zu schauen, aber Gabriel hätte schwören können, dass Alkadir, so der Name des Tiers, wusste, wann sein Herr eine Aufgabe zu erfüllen hatte.

Das Ross schnaubte vorwurfsvoll und neigte dann seinen Kopf.

»Schon gut, mein Junge«, sagte Gabriel, während er den Hals des Tiers tätschelte und ihn dann aus seinem Verschlag führte. »Noch muss ich nicht meines Amtes walten. Jetzt sollst du mir erst einmal beim Nachdenken helfen.«

Damit legte er ihm den alten Ledersattel auf, auf dem er bereits in viele Schlachten geritten war, und während er die Gurte schloss, dachte er wie so oft an seinen früheren Herrn Balian, den Grafen von Ibelin.

Wie man hörte, befand dieser sich zurzeit in Jerusalem, das vor dem Angriff des Sultans Saladin zitterte. Balduin IV., der von der Lepra gezeichnete König Jerusalems, war vor einem Jahr gestorben, sein Neffe, Balduin V., vor wenigen Monaten. Sein schwacher, aber dennoch machtgieriger Stiefvater Guy de Lusignan hatte zusammen mit seiner Frau Sibylle die Herrschaft über das Reich übernommen, und die Gerüchte verdichteten sich nun, dass der Sultan zum großen Schlag gegen Jerusalem ausholen würde, um die heilige Stadt der Muslime von der Christenbesatzung zu befreien.

Es schmerzte Gabriel ein wenig, dass Balian ihn für tot hielt.

Während er ihm diente, hatten sie ein beinahe freundschaftliches Verhältnis gehabt. Doch dann, in der Schlacht von Montgisard, hatte Gabriels Schicksal sich gewendet.

Vor beinahe zehn Jahren war es gewesen, als sich Kreuzritter blutige Kämpfe mit Saladins Truppen lieferten. Nach herben Verlusten waren die Christen zwar siegreich aus der Schlacht hervorgegangen, doch ein Großteil der Kämpfer hatte dies mit dem Leben bezahlen müssen. Gabriel war zusammen mit einigen Kameraden schwer verletzt in die Hände des Emirs Malkuth geraten. Als er in dessen Kerker erwachte, hatte Gabriel noch nicht ahnen können, was ihn erwartete …

Nachdem er auch das Zaumzeug noch einmal überprüft hatte, schwang er sich auf den Rücken des Hengstes.

Vorbei an einigen Dattelpalmen sprengte er auf die niedrige Steinmauer zu, die das Anwesen umgab. Anstatt durch das Tor zu reiten, brachte er den Rappen dazu, über die hohe Barriere zu springen, dann trieb er ihn hinunter zum Strand, von wo ihm eine frische salzige Brise entgegenwehte.

An diesem Morgen lag sehr viel Strandgut an der Küste. Der Sturm, der am vergangenen Nachmittag über den Küstenstrich hinweggetobt war, hatte offenbar nicht nur das Meer aufgewühlt, sondern auch etlichen Schiffen den Untergang gebracht.

Gabriel stieß bald auf Teile eines roten Segels, das sich um Planken gewickelt hatte, Taue, zerschellte Fässer und Teile einer Reling. Ein Mast folgte wenig später und wies ihm den Weg zu einem Gebilde, das die Form eines Drachenkopfes hatte. Auch hier waren Taue und Segelreste verstreut, ein paar zerbrochene Holzplanken trieben noch im Wasser.

Doch das war nicht das Einzige, was es hier gab. Unter dem Drachenkopf, der wirkte, als hätte ihn jemand in den Strand gerammt, lag ein Mensch.

Er trug Männerkleider, wirkte allerdings sehr jung und zart. Vielleicht ein Schiffsjunge, ging es Gabriel durch den Sinn.

Er zügelte den Hengst und sprang von seinem Rücken. Den Rest des Weges rannte er und kniete sich schließlich neben dem vermeintlichen Burschen nieder. In diesem Augenblick sah er, dass es ein Mädchen war.

Ihr weißblondes Haar war lang und zusammen mit etwas Tang und ein paar Muscheln von der Brandung an den Sand geklebt worden. Ihre Züge waren zart, Brauen, Nase und Lippen fein geschwungen wie auf den Madonnenbildern, die er in seiner fränkischen Heimat gesehen hatte.

Ihr Hemd war zerrissen und ließ deutlich ihren Busen erkennen. Mit ihrer schneeweißen Haut erinnerte sie ihn an die Meerjungfrauen, von denen alte Geschichten erzählten. War sie dem Tod entgangen?

Gabriel beugte sich über sie, um ihren Atem zu hören, doch das Meeresrauschen war zu laut.

Er senkte daraufhin seinen Kopf auf ihre Brust – und hörte ihren Herzschlag!

Er war unregelmäßig und schwach, aber deutlich zu vernehmen. Rasch richtete er sich auf, packte das Mädchen vorsichtig und drehte es herum. Nachdem er sie über seine Knie gelegt hatte, rieb er ihren Rücken zunächst, dann begann er sanft auf ihn einzuschlagen.

»Komm schon, Kleine«, murmelte er dabei. »Spuck das Wasser wieder aus. Wenn du es so weit geschafft hast, hat Gott nicht vor, dich zu sich zu nehmen.«

Als hätte sie seine Worte vernommen, zuckte ihr Körper plötzlich zusammen und sie begann zu husten. Nach einer Weile ergoss sich ein Wasserschwall nach dem anderen unter heiserem Bellen in den Sand.

Der Körper des Mädchens zitterte, doch Gabriel stellte fest, dass ihm ziemlich viel Kraft innewohnte, eine Lebenskraft so stark, wie er sie selten bei einem Menschen gespürt hatte. Das war wohl auch der Grund, warum sie wahrscheinlich als Einzige den Untergang ihres Schiffes überlebt hatte.

Als kein Wasser mehr kam, legte Gabriel das Mädchen wieder auf den Rücken und band dann das Hemd vor seiner Brust zusammen, damit es sich vor ihm nicht schämen musste.

Noch immer schnappte sie keuchend nach Luft, beruhigte sich dann aber wieder.

»Kannst du mich hören?«, fragte Gabriel daraufhin, während er ihr Sand und Haarsträhnen aus dem Gesicht wischte.

Wieder ging ihm durch den Kopf, wie schön sie war, während er hoffte, dass seine Worte nun endlich ihren Verstand erreichten.

Zunächst reagierte sie nicht, doch dann atmete sie zitternd durch und schlug die Augen auf.

Blau.

Ihre Augen, mit denen sie ihn musterte, waren blau wie der Himmel über der Wüste. Und ihr Blick bohrte sich Gabriel wie ein Pfeil ins Herz.

3

Das Erste, was ich von meinem Retter sah, war ein Gesicht, von dem ich annahm, dass es einem Gott gehören musste. Sein Haar war schwarz wie Rabengefieder, seine Haut, obgleich hell wie die meine, war von goldenem Schimmer überzogen. Ein sauber gestutzter Bart zierte Kinn und Oberlippe. Da ich im ersten Moment vom hellen Licht geblendet wurde und einen süßen Geruch wahrnahm, war ich sicher, dass dies nur Walhall sein konnte.

Doch sollten mich dann nicht die Walküren abholen?

Oder hatten die Götter unseren Kampf gegen die Wellen nicht gelten lassen und uns ins Reich der Totengöttin Hel geschickt? War dieser Mann einer ihrer Boten?

Panik wallte in mir auf.

Jeder Krieger wünschte sich, nach Walhall zu kommen, um mit Odin zu kämpfen und zu tafeln. Im Bett zu sterben und damit nur ins Reich Hels zu gelangen, war für einen Mann meines Volkes eine Schande. Und für mich, obwohl ich kein Mann war, ebenfalls.

»Wo bin ich?«, begehrte ich unvermittelt in meiner Muttersprache zu wissen. Während meines Erwachens hatte ich zwar eine Stimme gehört, den Sinn der Worte aber nicht erfasst.

Der Mann blickte mich unverständig an.

Wenn er ein Bote Hels war, warum verstand er meine Worte nicht? Hatte ich hier im Totenreich keine Stimme? Ich meinte jedenfalls, sie deutlich gehört zu haben.

»Ich verstehe dich nicht«, entgegnete der Mann schließlich. Die Sprache war mir bekannt. Zuletzt hatte ich sie an der Küste des Frankenlandes gehört, wo wir eine Weile vor Anker lagen. Lange genug, um die Sprache zu erlernen, was eines meiner besonderen Talente war.

Doch konnte es sein, dass auch Frankenkrieger in unser Totenreich kamen? Wenn ja, dann hatten die ganzen Christenprediger unrecht, die uns weismachen wollten, dass es ein Paradies nur für jene gäbe, die an ihren einzigen Gott glaubten.

Ich wollte unbedingt feststellen, ob das stimmte, und fragte den Fremden nun in seiner Sprache: »Ich habe gefragt, wo ich bin. Ist das hier Walhall? Oder das Reich Hels?«

Die Verwunderung auf dem Gesicht des Mannes verstärkte sich. »Nein, dieses Land nennt sich Ägypten. Es grenzt an das Mittelmeer und liegt den griechischen Inseln gegenüber. Wo denkst du denn, soll sich dein Walhall oder das Reich Hels befinden?«

Jetzt staunte ich, weniger darüber, dass ich noch am Leben war, als über die Unkenntnis des Fremden. Natürlich konnte man von einem Franken nicht erwarten, dass er unsere Götter kannte und sie verehrte. Doch hatte er wirklich noch nie etwas von Walhall gehört?

Langsam versuchte ich mich zu erheben, was schwierig war, denn sobald sich mein Kopf von dem sandigen Untergrund löste, erfasste mich ein Schwindel, der mich wieder nach unten zwang.

»Bleib noch ein wenig liegen«, riet mir der Mann und drückte mich sanft zu Boden. »Ich bin Gabriel de Santes. Wie nennt man dich?«

»Laurina«, antwortete ich und hob einen Arm, um meine Augen vor dem Sonnenlicht zu schützen, das immer stärker zu werden schien. Meine trockenen Lippen sprangen auf, als ich vervollständigte: »Laurina Einarsdottir Skallagrimm.«

»Laurina.« Es hörte sich an, als würde er sich jede einzelne Silbe auf der Zunge zergehen lassen wie einen Löffel Honig. Seine fremdartige Aussprache meines Namens faszinierte mich.

»Nun, Laurina, kannst du dich an etwas erinnern, was in den vergangenen Stunden passiert ist?«

Vor meinem geistigen Auge erschienen die letzten Momente der Freydis. Brechende Planken, schreiende Männer, das Tosen des Wassers und das Grollen des Donners.

»Es hat einen Sturm gegeben, der unser Schiff zum Sinken brachte«, antwortete ich leise und überwältigt von den Bildern. »Hast du noch andere gefunden?«

»Nein, du bist bisher die Einzige, die das Meer freigegeben hat.«

Seine Worte ließen mein Innerstes zusammenkrampfen.

Ich wollte daran glauben, dass mein Vater und seine tapferen Kameraden nun mit Odin und Thor an einer Tafel speisten und jeden Tag aufs Neue in den Kampf ziehen durften. Doch was, wenn sie zu Hel gekommen waren? Wenn das Meer sie zu einem Jenseits verdammt hatte, für das sich jeder Krieger schämte?

Davon abgesehen hatte ich auch meine Heimat verloren, denn das kleine Stück Nordland, das meinem Vater geblieben war, war mit der Freydis im Meer versunken.

Tränen füllten meine Augen, doch ich verkniff es mir, laut zu weinen. Das war nur etwas für schwache Frauen! Ich war die Tochter von Einar Skallagrimm!

Glücklicherweise wollte mich mein Retter nicht mit seinem Trost überschütten. »Meinst du, dass du aufstehen kannst?«, fragte Gabriel, während er mir seine Hände reichte.

Ich nickte, verzichtete aber darauf, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Stunden im Wasser hatten meinen Körper genug betäubt, um mich den Schmerz im Knie vergessen zu lassen. Ich fühlte mich stark und unverletzt – jedenfalls einen Moment lang.

Hätte ich noch Zweifel an meiner Lebendigkeit gehabt, wären sie mir in dem Augenblick vergangen, als ich mich aufrichten wollte. Der Schmerz in meinem Bein und das Gefühl, dass die Knochen nicht mehr aufeinanderpassten, ließen mich schreiend zu Boden sinken.

Gabriel sah mich erschrocken an, dann hockte er sich vor mich und begann vorsichtig mein Knie abzutasten. Als ich kurz die Augen öffnete, die ich vor Schmerz zugekniffen hatte, bemerkte ich, dass mein Unterschenkel in einem seltsamen Winkel zum Rest des Beins stand.

Die Erinnerung an das Tau, das sich um mein Bein geschlungen und mich mitgezogen hatte, tauchte wieder auf. Es war der letzte Moment gewesen, in dem ich meinen Vater gesehen hatte. Mir wurde übel, aber in meinem Magen war nichts, was ich hervorwürgen konnte.

»Es scheint nicht gebrochen zu sein«, stellte der Fremde fest. »Allerdings ist es aus dem Gelenk gesprungen. Ich werde es wieder einrenken müssen.«

Was das bedeutete, wusste ich. Auch bei unseren Kriegern war es zuweilen notwendig gewesen, ausgerenkte Gliedmaßen wieder zu richten.

»Willst du etwas zum Draufbeißen haben?«, fragte mich der Fremde und zog ein Stück Tau aus dem Sand. »Das Einrenken wird sehr schmerzhaft sein.«

Ich schüttelte den Kopf. Einar Skallagrimms Tochter würde sich nicht die Blöße geben, während der Behandlung auf ein Tau beißen zu müssen!

»Nun gut, wie du willst«, sagte Gabriel und legte eine Hand auf mein Knie und die andere auf mein Schienbein. Dann drückte er mit unvermuteter Kraft zu und ließ mich meinen Hochmut bereuen.

Mein Schrei scheuchte ein paar Möwen auf, die sich auf den Trümmern der Freydis niedergelassen hatten, wahrscheinlich in der Hoffnung, über meinen Kadaver herfallen zu können. Während die Vögel über uns kreisten, wand ich mich brüllend im Sand.

Dann war es vorüber. Ich ließ mich keuchend zurücksinken, während mein Herz wild gegen meine Brust hämmerte. Tränen liefen mir über die Wangen.

Gabriel beugte sich nun wieder über mich. »Geht es wieder?«, fragte er und lächelte ein wenig. Spottete er etwa über meinen Schmerzensschrei? Oder bildete ich mir das Lächeln nur ein?

Rasch trocknete ich mir die Augen. Natürlich tat das Bein immer noch weh, doch es war nur mehr ein dumpfer Nachhall. Als ich vorsichtig versuchte, es zu bewegen, stellte ich fest, dass das Gelenk wieder tat, was es sollte – allerdings unter Schmerzen.

»Komm, ich helfe dir auf«, sagte Gabriel und zog mich dann so mühelos in die Höhe, als hätte ich das Gewicht eines Kindes.

Meine körperliche Pein wurde nebensächlich, als ich die Trümmer sah. Der Drachenkopf unseres Schiffes wirkte wie ein Totem, welches das Kleinholz bewachte, zu dem der Sturm unsere stolze Freydis gemacht hatte.

Schluchzend lehnte ich mich gegen Gabriels Schulter.

»Ich weiß, es ist nicht leicht«, raunte er kaum hörbar in dem Wind, der die Wellen gegen das Ufer trieb. »Aber zu welchem Gott du auch immer betest, er wird für die Verlorenen da sein.«

Ich hätte ihm sagen können, dass wir zu vielen Göttern beteten. Dass ich Freyja verehrte, während mein Vater Odin als seinen Hauptgott ansah. Doch in diesem Augenblick konnte ich nur meinen Verlust betrauern.

Während ich still weinte, hob mich Gabriel auf seine Arme. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte ich mir das wohl energisch verbeten, doch jetzt war ich froh, die Fürsorge eines Menschen zu spüren.

Er trug mich zu seinem Pferd, einem schönen schwarzen Tier mit schlanken Beinen und gewellter Mähne, das etwas abseitsstand. Nachdem er mich auf den Sattel platziert hatte, schwang er sich hinter mich und griff nach den Zügeln.

Noch nie zuvor hatte ich auf einem Pferd gesessen, das sich so schnell und kraftvoll bewegte. Mein Vater hätte es aufgrund seiner geringen Größe sicher einen Hund gescholten, denn tatsächlich gab es in meiner Heimat Hunde, die diesem Tier an Größe nahekamen. Aber wahrscheinlich wäre auch er von den Fähigkeiten des Tiers beeindruckt gewesen.

Gabriel brachte mich zu seinem Anwesen nicht weit von der Küste. Das Haus bestand aus mehreren rechteckigen Gebäuden, in die einige Fenster eingelassen waren. Die blauen Fensterläden leuchteten. Umzäunt war das Gelände mit einer niedrigen Steinmauer, in die ein Tor eingelassen war. Hinter dem Haus entdeckte ich einige der seltsamen Bäume, die man wohl Palmen nannte. Es gab einen kleinen Brunnen und so etwas wie einen Garten, der allerdings nicht besonders gut gepflegt war.

Offenbar lebte Gabriel hier allein, denn als wir das Tor durchquerten, kam uns niemand entgegen. Mein Retter brachte das Pferd vor dem Haus zum Stehen und hob mich dann von seinem Rücken.

Die Zähne zusammenbeißend setzte ich das verletzte Bein auf den Boden. Zum Gehen reichte es noch nicht. Ich schämte mich zwar, dass ich mir wieder von Gabriel helfen lassen musste, doch sein Lächeln zeigte mir, dass er nichts dagegen hatte.

Durch die ebenfalls blaue Haustür führte er mich zunächst in einen kleinen Raum, dann über einen Gang in einen weiteren, wesentlich größeren Raum, dessen Fenster von schweren Vorhängen verschlossen waren. Nachdem er mich auf ein riesiges rundes Sitzkissen heruntergelassen hatte, ging er zu den Fenstern und zog die Vorhänge zurück.

Als das Licht den Raum durchflutete, erkannte ich, dass der Boden mit farbigem Mosaik ausgelegt war. Die Wände waren mit Ranken bemalt und die Fensterläden in einem feinen, sternförmigen Muster durchbrochen, durch das ich auf den hinteren Teil des Anwesens blicken konnte.

Während ich noch über die kunstvolle Gestaltung des Raumes staunte, holte Gabriel ein Tuch, mit dem er mein Knie fest umwickelte. »Du musst es ein paar Tage lang schonen. Deine Sehnen müssen sich wieder zurechtziehen. Wenn du sie zu sehr belastest, werden sie reißen und dein Bein wird steif werden.«

Ich sagte nichts dazu, aber immer dann, wenn mich seine Finger streiften, war es, als würden sie eine feurige Spur auf meiner Haut hinterlassen. Dieses Gefühl, das für einen Moment sogar stärker war als meine Trauer, gefiel mir, verwirrte mich allerdings auch. Wenn mich jemand aus der Mannschaft kurz berührt hatte, hatte ich nicht so empfunden.

Nachdem er einen festen Knoten in das Tuch gebunden hatte, erhob er sich wieder, zog einen Vorhang beiseite und verschwand dahinter.

»Du hast sicher Hunger«, tönte seine Stimme aus dem Raum, dann hörte ich die knarrenden Scharniere einer Kiste. »Ich habe zwar nur Brot, Datteln und Feigen, aber das ist besser als nichts.«

Mit Brot konnte mein Magen etwas anfangen, wie er mir lautstark klarmachte. Auch Feigen kannte ich, denn wir hatten bei einem Händler kurz hinter Gibraltar welche eintauschen können. Doch was waren Datteln?

Als ich den Blick von den Fenstern abwandte, erblickte ich einen Rüstungsständer in der Ecke hinter mir. Er trug ein Kettenhemd und einen langen weißen Umhang, in dessen Mitte sich ein rotes Kreuz befand. Der Stoff hatte wohl schon bessere Tage gesehen, denn er war an einigen Stellen zerfetzt. Auch fanden sich darin einige Flecke, die sich offenbar nicht hatten herauswaschen lassen.

Warum bewahrte Gabriel dieses beschädigte Kleidungsstück auf?

Während diese Frage meinen Verstand beschäftigte, wurde mein Blick von dem Schwert angezogen, das neben dem Waffenständer hing. Es war ein richtiges Frankenschwert, feiner gearbeitet als jene Waffen, die in den Schmieden meiner Heimat hergestellt wurden. Zu gern hätte ich die Gravur auf der Unschärfe der Klinge betrachtet, doch mein schmerzendes Knie zwang mich, auf dem Kissen sitzen zu bleiben.

Nach einer Weile kehrte Gabriel mit zwei kleinen Körben zurück. In dem einen befand sich Brot, in dem anderen neben grünen Feigen längliche braune Früchte, die mich irgendwie an Eicheln erinnerten, auch wenn sie deutlich größer waren. Außerdem hatte er eine kleine Karaffe und einen Wasserschlauch bei sich. Meine ohnehin schon trockene Kehle wurde bei diesem Anblick noch rauer und der Durst quälender.

»Hier, trink erst mal was«, sagte er, als er mir den Schlauch reichte.

Gierig stürzte ich das Wasser hinunter.

»Immer langsam«, mahnte er mich daraufhin. »Du willst dich doch nicht übergeben, oder?«

Das wollte ich in der Tat nicht, also zwang ich mich, auch wenn es schwerfiel, kleinere Schlucke zu nehmen. Als ich fertig war, reichte ich Gabriel den Schlauch zurück. Er nahm ebenfalls einen Schluck, dann griff er nach der Karaffe.

Ich vermutete zunächst ebenfalls ein Getränk darin, doch nachdem er eine kleine Schale geholt hatte, erkannte ich, dass es nichts zu trinken war, sondern Öl.

»Tunk das Brot hinein«, wies er mich an, nachdem er den Kanten in kleine Stücke zerteilt hatte.

Aus seinem Hosenbund zog er einen Dolch hervor, dessen Klinge kaum länger war als mein Mittelfinger. Dann setzte er sich neben mich auf die Fliesen.

»Hast du schon mal Feigen und Datteln gegessen?«

»Feigen schon, aber Datteln noch nicht.«

»Dann probier sie mal.«

Ich nahm eine der braunen Früchte und biss herzhaft hinein, was ich sofort bereute. Meine Zähne trafen auf etwas Hartes, dann knirschte es ganz furchtbar.

Als ich ängstlich nach meinem Schneidezahn tastete, weil ich fürchtete ihn verloren zu haben, lachte Gabriel schadenfroh auf.

»Immer langsam und vorsichtig, sie haben einen ziemlich großen Kern.«

Nachdem ich festgestellt hatte, dass mein Zahn noch drin war, funkelte ich Gabriel böse an. »Das hättest du mir auch vorher sagen können!«

»Konnte ich wissen, dass du zubeißt wie ein Maultier?«, konterte er, doch dann schlich sich Sorge in seinen Blick. »Zeig her!« Ehe ich es verhindern konnte, ergriff er meinen Kopf, schob seinen Finger zwischen meine Lippen und schaute sich meine Zähne an. »Alles noch da«, meinte er dann und schnitt eine Dattel auf, damit ich sehen konnte, wie weit der Kern reichte.

»Man beißt nicht hinein wie in einen Apfel, sondern knabbert sie ab. So!«

Ich hätte gern einen Scherz darüber gemacht, wie er die Dattel aß, doch ich konnte nichts Würdeloses daran finden, was dazu führte, dass ich mich über mein eigenes Ungeschick zu ärgern begann.

Schweigend und mit hochrotem Kopf folgte ich seinem Beispiel.

»Übrigens werden Datteln auch das ›Brot der Wüste‹ genannt«, erklärte er, während er den Kern beiseitelegte. »Ein Beduine kann wochenlang in der Wüste unterwegs sein, wenn er nur Wasser und genug Datteln mit sich führt oder die Gelegenheit hat, welche zu sammeln.«

Ein ziemlich karges Brot, bei solch einem Kern! Laut fragte ich aber: »Und wo wachsen diese Datteln?«

»An den Palmen, die du vielleicht hinter dem Haus gesehen hast. Normalerweise schlägt man sie mit einem langen Stock ab, geschickte Kinder schaffen es, bis in die Spitzen zu klettern und zu pflücken. Einige reiche Leute in Kairo halten sich Äffchen, die diese Arbeit ausführen.«

Ich hatte auf einem Marktplatz im Frankenland einmal einen Affen gesehen, ein kleines hellbraunes Tier mit einem menschenähnlichen Gesicht. Damals hatte ich mich gefragt, woher es stammen würde. Soeben hatte Gabriel mir wohl die Antwort gegeben.

»Was sucht ein Mädchen aus den Nordlanden in diesem Teil der Welt?«, fragte er, während er mit seinem Dolch eine Feige aufschnitt. Der rote Saft rann wie Blut über seine Finger und tropfte auf den Boden.

Ich schlang weiter und vernahm seine Frage nur beiläufig. Doch da er nicht weitersprach, schien er eine Antwort von mir zu erwarten. Ich schluckte das Feigenstück, auf dem ich herumgekaut hatte, und blickte ihn an.

»Das könnte ich dich ebenso fragen.«

Meine Antwort brachte ihn dazu, ein nachdenkliches Lächeln aufzusetzen. »Nun, was mich angeht, mich hat es hierher verschlagen, weil ich meinem Herrn, dem Grafen von Ibelin folgte, um das Heilige Land zu befreien. Hast du je von den Kreuzzügen gehört?«