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Über das Buch

Der furiose und mutige Roman eines vergessenen Autoren – erstmals auf Deutsch

Der Roman erzählt in drei Teilen einerseits den abenteuerlichen und verschlungenen Lebensweg Stefan Brückmanns, einem in den 1920er Jahren in Berlin geborenen Mannes, der väterlicherseits einer „Zigeunerfamilie“ entstammt, andererseits schildert er das Leben im kriegszerstörten Deutschland der 1950er Jahre. Zudem ist „Der Sonnenwächter“ ein Schlüsselroman über den Poeten, Übersetzer und Verleger Rainer Maria Gebhardt, einem der wohl bedeutendsten Vermittler zeitgenössischer amerikanischer Literatur und Lyrik im frühen Nachkriegsdeutschland.

Und nicht zuletzt ist dieser Roman eine Verbeugung vor der Literatur der Moderne: inspiriert von Autoren wie Nabokov, Camus, Joyce, Musil oder Hermann Broch.

Aber zurück zur Handlung: Nach dem frühen Tod der Eltern, wächst Stefan Brückmann bei Verwandten des Vaters auf und bereist mehrere europäische Länder, bis er verhaftet und in ein Konzentrationslager deportiert wird. Er überlebt, wird aber nach dem Krieg erneut interniert, dieses Mal in einem Lager für displaced persons, das von den Amerikanern unterhalten wird. Dort lernt er einen ehemaligen GJ kennen, der ihn adoptiert und mit dem er in die Vereinigten Staaten reist.

Drei Jahre später beschließt Stefan Brückmann nach Europa zurückzukehren. Sein Weg führt ihn über mehrere Stationen schließlich nach Heidelberg, wo er studiert.

Er verliebt sich in die Witwe eines begabten deutschen Lyrikers, der sich einige Zeit vorher das Leben nahm. Als seine Liebe nicht erwidert wird, begibt er sich auf die Suche nach seinen Wurzeln und seiner Identität, die Haldeman im Stile einer märchenhaften Erzählung konzipiert hat.

Haldemans Roman ist wie ein Diptychon aufgebaut. Narrative Erzählpassagen wechseln mit fragmentierten Tagebucheinträgen, Briefen oder unchronologisch in den Text eingearbeiteten Einträgen, die Haldeman mit dem eigentlichen Erzählstrang verwebt.

ET MAI 2015

ISBN 978-3-8493-0100-2

Deutsche Erstausgabe

© 2015 WALDE+GRAF bei METROLIT

Metrolit Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2015

Alle Rechte vorbehalten. Weiterverwendung und Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages gestattet.

Die Originalausgabe erschien erstmals 1963 unter dem Titel »THE SUN’S ATTENDANT«. Der Metrolit Verlag vertritt die Weltrechte an diesem Roman sowie an allen anderen Werken Charles Haldemans.

Gestaltung und Satz: 2xGOLDSTEIN+FRONCZEK

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

www.le-tex.de

www.metrolit.de

Inhaltsübersicht

Cover

Über das Buch

Impressum

Linkes Paneel

Sommersonnenwende

Aphelion

Herbstäquinoktium

Scharniere

Rechtes Paneel

Wintersonnenwende

Perihel, Frühlinsäquinoktium

Nachwort

Über den Autor

FÜR RENATE

LINKES PANEEL

Sommersonnenwende

Nun gut, Immanuel, ganz wie Sie wollen. Aber vergessen Sie nicht, Landkarte und Kalender mitzubringen – die Handlung wird deine Arbeit sein, Schreiberling. Und wenn dir das Spiel nicht gefällt, lassen Sie es einfach bleiben: Schon möglich, dass es mir sogar noch weniger gefällt als Ihnen.

Ich weiß, wovon ich spreche: Alle Charaktere in meinem Gesetzesblatt der Erinnerung tragen die gleichen aufgequollenen Masken und erheben mir gegenüber die gleichen gierigen Ansprüche. Sie bedrängen mich schon seit so langer Zeit, dass sie alle gleich aussehen. Und so sind sie mir lieber: Ich kann so tun, als ob sie völlig Fremde wären. (Frage: »Stefan Brückmann, können Sie diese Person identifizieren?« Antwort: »Nur wenn es nicht anders geht.«)

Aber es scheint, dass ich (schwaches, unterwürfiges Kind!) diesem Namensappell längst gefolgt bin (noch mehr Stunden im Schnee) … Bitte, habe Nachsicht mit mir: Es ist schmerzhaft, all die entstellten Gesichter. Ich möchte nicht der heldenhafte Schmerzensmann sein – weder der meinige noch der Ihrige.

Und dennoch hoffe ich – es ist nur ein zaghaftes Fünkchen Hoffnung –, dass sich, wenn ich Ihrer Aufforderung Folge leiste, »den Käfig suchen zu gehen« (»Grab ausheben« ist wohl zutreffender), irgendwo in diesem Dreckhaufen, den ich dann durchzuackern habe, als Belohnung für mich ein Diamant (oder ein Zehn-Cent-Stück) geduldig versteckt hält.

Jedenfalls werden die Toten zur rechten Zeit erscheinen.

Ein gefälliger, traditioneller Einstieg. Ich kam am ersten Februar 1929 zur Welt und zwar bei einer Zigeunerpferdeauktion in der Nähe der Stadt Nauen, westlich von Berlin. Mein Vater, Janos Brückmann, war ein Möchtegern-Waldbobui, der behauptete, von Michael Voyodes Hofsänger und der Enkeltochter von Graf Athanasios Kalman abzustammen – dem, wie Sie vielleicht nicht wissen, Baron Walther von Säule zum Pfosten, Sonderbeauftragter von Kaiser Sigismund, um das Jahr 1425 herum die Privilegien eines Pilgers verliehen hat … (Keine Fragen bitte.) Meine Mutter war eine chali (also das, was die Juden eine Schickse nennen), die Tochter eines bürgerlichen Berliners namens Schnee. Sie war neunzehn Jahre alt, als sie mit meinem Vater durchbrannte, und sie sah ihre Familie nie wieder.

Meine Pateneltern, die wegen des Festes aus ihrem Winterlager in Weissensee herübergekommen waren, waren Karel Szeklecz (als Tito bekannt), ein Lallery-Geiger, dessen Eltern 1901 aus Böhmen nach Deutschland gekommen waren, und seine Frau Maria, eine volksdeutsche Ungarin, die in ihrer Jugend Hochseilartistin beim Munts-Wanderzirkus gewesen war. (Aber sie war in Prag vom Seil gefallen und hatte sich eine Rückenverletzung zugezogen, worauf sie nie wieder etwas Waghalsigeres als einen Foxtrott in Angriff nahm.)

Tito zog mich immer (in Budapest, damals war ich etwa zehn Jahre alt) damit auf, dass ich so klein gewesen sei, dass meine Mutter nicht bemerkt habe, dass sie mit mir schwanger war und mich, ohne davon das Geringste zu spüren, einfach in den Schnee vor dem Wohnwagen fallen ließ. Wäre mein Vater, der mit einer gerade erworbenen Stute nach Hause kam, nicht über mich gestolpert, hätten sie von meiner Geburt nie etwas gewusst, sagte Tito, und da ich den ganzen Tag im Schnee gelegen hätte, wären meine Finger und meine Augen vor Kälte völlig verfroren gewesen. Schon möglich – ich habe zwar die Gesichtsfarbe meines Vaters, aber die (schneeblauen?) Augen meiner Mutter, und von allen denkbaren Geigenkandidaten hatte ich die steifesten Finger. Jedenfalls war man wegen der ahnungslosen balitshtido meiner Mutter derart aufgebracht (sie wurde sofort in einen anderen Wohnwagen verbannt, während unserer von oben bis unten sauber geschrubbt wurde), dass man vergaß, mich in kaltem Wasser zu waschen. Oder es schien nicht nötig zu sein.

Meine Übergangsriten als Zigeuner: Bücken, zusammenkratzen, vorbeischrammen. Ein Ballett förmlicher Grüße. Von Angesicht zu Angesicht, dann rückwärts trippelnd und außer Reichweite. Gelächter auf den Gehwegen.

Tito und mein Vater kamen nach einer langen durchzechten Nacht triumphierend nach Hause und hatten einen Zigeunernamen für mich: Murshkar. Diese Bekanntgabe meines Taufnamens machte Maria völlig hysterisch; sie bestand darauf, sich selbst sachkundig zu machen. Während der Untersuchung wurde meiner Mutter plötzlich klar, was dieser Name bedeutete; sie warf sich auf meinen Vater und drohte, ihm die Augen auszustechen, wenn er ernsthaft daran denken würde, mir einen solchen Schimpfnamen anzuhängen. »Sag doch, was du eigentlich meinst!«, schrie er, und eine Rauferei war die Folge. Meine Mutter setzte sich letztendlich durch, und ich erhielt den Namen Stefan – ein passender Name für ein Kind, das bei einer Pferdekirmes geboren wurde. Aber für Maria war ich immer Murshkar. (Glauben Sie auch ja nicht, dass ich Ihnen sage, was das bedeutet!)

13. Juni

Sie sagen, dass sich Lebenserinnerungen von selbst schreiben. Aber das wird es Ihnen nicht leichter machen. Ich habe beschlossen, hier in diesen Komplott Edith einzuführen, die augenblickliche Gefährdung Ihres Helden, einfach um das Ganze während der zahlreichen Pausen am Laufen zu halten.

Hier kommt sie: Ein Lächeln, abgehoben, eine indianische Kriegerin in einem Rehledermantel, die ihr Taschenbuch wie eine Streitaxt schwenkt. Wenn ich sie nur für fünf Minuten vergessen könnte, würde ich mich auf den ersten Blick erneut in sie verlieben.

Wann und wie lernten wir uns kennen? An einem Bücherstand am linken Seineufer an einem frühen Sommerabend. Sie schaute sich Radierungen an und ich war auf der Suche nach Rimbauds »Lichtspuren«. Der Himmel war völlig bleich, aber die Stadt auf Augenhöhe bestand aus gelb-grünen und roten Fotoplakaten, die sich im Wind lösten. Ich war damals seit fast fünf Monaten in Paris. Halb in Trance streifte ich herum und saß stundenlang allein in Cafés und Kinos herum.

Der Wind hatte ihre Haare zerzaust; sie erschien mir irgendwie geistesabwesend. Ich folgte einem Impuls und sprach sie an; sie legte einen Boudoir-Druck zur Seite und nahm mich in Augenschein: »Vous n’êtes pas français?« – »Non«, antwortete ich. »Ni moi«, sagte sie.

Sie ließ sich von mir (weiter unten auf der Straße – die Markise flatterte, unsere Servietten flogen davon) auf einen Kaffee und eine fine einladen. Ihr Name sei Sonya, sagte sie; sie sprach fünf Sprachen und verdiente ihren Lebensunterhalt mit Übersetzungen. »Et vous, vous êtes poète.« – »Non, pas encore.« – »Mais oui, vous êtes poète«, sagte sie mit Nachdruck, »j’en suis sure.«

Wir spazierten zum Montparnasse, wo wir zufällig einigen ihrer Freunde begegneten. »Bon soir, Edith!«, riefen sie. Ich muss ziemlich verwirrt ausgesehen haben; Sonya lachte schallend und sagte, sie hätte nur wissen wollen, wie sich für ein paar Stunden ein russischer Name anfühlt. Wir gingen alle zu ihrer Wohnung am Quai. Sie legte Jazz und dann etwas von Debussy auf und wir tranken einige Flaschen Rotwein. Als die anderen gegangen waren, hatten wir Sex. Danach begann sie zu reden. Es war Monate her, sagte sie. Oder würde ich es ihr nicht glauben? Es sei die Wahrheit. Ich war die Ausnahme von der Regel, kleine Männer sind normalerweise zu schnell, sagte sie; sie können nicht anders; es sei ihr egal. Sie war sicher, dass ich Jude war, ich sähe wie ein Jude aus. War ich ein Jude? Sie plapperte und plapperte so weiter und es wurde immer abgedrehter. Sie sei glücklich, das sei alles. Als der Morgen schließlich graute, lachten wir uns in den Schlaf.

Er gewöhnte sich an sein Gesicht, nachdem er sich damit abgefunden hatte, dass es von innen nach außen gekehrt war. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er immer Spiegel gemieden und war nicht direkt an Schaufenstern vorbeigegangen, damit er sich selbst nicht begegnen musste, So bin ich.

Werden Sie nicht unruhig – ich bin immer noch dabei, mich warm zu laufen.

Die ersten sechs Jahre meines Lebens verbrachte ich hauptsächlich in einem vardo, einem von Pferden gezogenen Wohnwagen, auf langen, mäandernden Fahrten durch ganz Mitteleuropa. Meine Mutter brachte in dieser Zeit noch zwei Söhne zur Welt, Junker und Lodo. Aber meine ersten, gesicherten Erinnerungen sind die an Budapest während des Winters 1934/35. Tito (der in Cafés spielte) und Maria wohnten hinter dem Hotel Passy. Wir alle bewohnten zusammen ein großes, düsteres Zimmer mit einem Holzofen. Ich hatte einen Spielzeugzeppelin. Tito übte und übte auf der Geige; meinen Vater drängte es, wieder auf Achse zu sein, und meine Mutter und er stritten sich pausenlos.

Erinnerungsfoto von meiner Mutter: Ihr Haar steht verzweifelt ab und zwei schlaffe, schwere Zöpfe legen sich wie unnütze, bleiche Unterarme auf ihre Schultern …

Ich zog bei Edith ein; eine Zeit lang hatten wir nur Sex. Sie gab, erfindungsreich und hungrig, dabei die Bedingungen vor. Aber die Umstände hatten immer so und so zu sein; wenn sie nicht so waren, adjustierte sie, und ich machte ihr Spiel mit – und wehe, wenn nicht. Ich war wahnsinnig verliebt in sie, aber sie hatte die Zügel in der Hand. Ich war ihr Äffchen, ihre Marionette: Ein Spielzeugzylophon, auf dem sie ganze Konzerte herunterhämmerte. Mich erstaunten der Aktionsradius und die wilden Töne, die sie mir entlockte: dieser Neid war der meine, diese Köstlichkeit, dieses Fieber; unter ihren emotionalen Schlägeln nahm ein funkelnagelneues erotisches »Ich« Gestalt an.

Natürlich gelangten wir schließlich an die Grenzen unser besonderen Kollision: Ihr gingen die Oktaven aus und ich verlor die Geduld. Ich begann, sie mir beständiger, stabiler zu wünschen, ohne all die vielen Vorspiegelungen, ganz gleich, wie brilliant ihre Kunstgriffe auch sein mochten. Das war der Zeitpunkt, als zwischen uns die Dinge anfingen, schief zu laufen. Edith liebt die Liebe, aber sie liebt nicht wirklich. Nur ihr Timing ist gut.

17. Juni

Anhaltendes Sodbrennen. Leicht reizbar. Tue alles, um allem aus dem Weg zu gehen. Meine allzu bekannte Beschwerde.

Jeden Morgen lief ich hinaus, um frische Croissants und Butter zu besorgen, während Edith in einem großen Filtriergerät, das gute zwölf Tassen liefert, Kaffee aufbrühte. Ich hatte, wenn auch zögernd, damit begonnen, an den Gedichten zu arbeiten, und sie machte (angeblich) Übersetzungen für einen ägyptischen »Geschäftsführer« namens Rugby Wagbat (so hörte es sich für mich jedenfalls an!). Er bezahlte sie selten, aber sie konnte (sagte sie) seinem Oberlippenbart nicht widerstehen und arbeitete deshalb weiterhin für ihn. Sie kam, beladen mit Baguettes, Käse, Obst, Paté und einer Flasche Cidre oder Wein, gewöhnlich um fünf oder sechs Uhr abends zurück – ich hörte mit der Arbeit auf und wir machten auf dem Bett ein kleines Picknick. Nachdem wir gegessen hatten, ging sie zum Schreibtisch und besah sich meine Tagesproduktion.

Sie war (glücklicherweise) keine großzügige Kritikerin: Sie gab mir nicht die Gelegenheit, mir schlechte Gewohnheiten (oder Gewohnheiten überhaupt) anzueignen. Sie wusste, dass ich nicht für sie schrieb; das machte sie noch fordernder. Aber wenn ihre Intuition ihr sagte, dass etwas, das ich geschrieben hatte, künstlich oder schlampig oder einfach so aus dem Bauch heraus geschrieben war, stimmte das meistens. Ich gestand es mir manchmal nur ungern ein; oft nervte mich die Art, wie sie mich abkanzelte – aber am nächsten Tag, wenn ich mir das ansah, worauf ich so stolz gewesen war, musste ich zugeben, dass sie recht gehabt hatte. Oft saß ich den ganzen Tag da, kritzelte planlos, trank einen Kaffee nach dem anderen, bis ich Herzrasen bekam mit dem Wissen, dass sie jeden Augenblick hereinhüpfen könnte, um mich fertig zu machen. Ich hatte nur eine ganz bestimmte Zeit für mich selbst und keine Sekunde mehr – Zeit genug für einen hektischen Abstieg, so wie ein Sportler an einem Seil in eine Grube klettert, um im Eiltempo so viel Erinnerungsmüll wie eben möglich zusammenzuraffen. Dann hievte ich mich wieder nach oben, wo ich eiligst alles zu sortieren versuchte, bevor die Pfeife ertönte. Es war ermüdend, aber es kräftigte meine selbstkritischen Muskeln. Selbst nach zwanzig Malen gab mein Magen nicht nach.

Voll mit Milch gesättigt hängt das Baby in ihrer Umarmung und sieht so verwirrt und entfremdet aus wie die Heilige Johanna auf dem Scheiterhaufen.

18. Juni

Die wütende Edith ist wie Schneewittchen mit einem Stück Apfel in ihrem Hals. Wir streiten uns die ganze Zeit. Keine ihrer Beschuldigungen sind richtig zutreffend, aber es wäre sinnlos, wenn ich sie widerlegen würde; schon sehr bald werden sie wahr sein.

Bizarre Barmherzigkeit: das Ende der Liebe bösartig …

Im Winter 1935/36 bestand mein Vater, der sich an der Spitze einer Reihe von Wohnwagen befand, darauf, dass man versuchen sollte, die Weichsel zu überqueren, die erst vor kurzem zugefroren war, anstatt den Weg über Krakau zu nehmen, und auf halber Strecke brach das Eis ein. Ach! Aber die Hintertür des ins Wasser sinkenden Wagens flog auf und der Kasten, in dem ich schlief, schwamm heraus. Ich wurde nicht einmal nass. Aber alles andere ertrank. So einfach ist das, wenn ich Sie daran erinnern darf.

Vautrin wird in der Latrine entdeckt, wo er sich die Hände mit Dreck einreibt.

Wir schlafen mit einem Schwert zwischen uns …

20. Juni

Ich wurde nach Budapest zurückgekarrt und der Obhut meines kirvo und meiner kirve überlassen, die inzwischen in die Janko-Pieza-Straße gezogen waren, eine Gegend, in der fast ausschließlich Zigeuner wohnten. Maria, die selbst keine Kinder hatte (vielleicht wegen ihres Sturzes), war sehr fett geworden – um für mich Platz auf ihrem Schoß zu schaffen, wie sie sagte; ich liebte sie dann so wie ich meine Mutter nie geliebt hatte. Der gute, schwitzende Tito schob gleich eine Geige in meine Hände, und zwei Jahre lang kratzte ich tapfer auf ihr herum, lange nachdem es schmerzhaft klar wurde, wie hoffnungslos das war. Im Alter von sieben Jahren weiß man das bei einem Jungen. Allerdings versuchte ich mein Bestes; ich konnte sehen, was es für ihn bedeutete. Maria allerdings (zweifellos von all dem von mir erzeugten Lärm beeinflusst) gab sich deswegen keinerlei Sentimentalitäten hin. Man sieht doch, dass er nicht dazu bestimmt ist, Geige zu spielen, sagte sie; die Cafés seien doch schon bis zum Überfluss voll von kleinen, lieben Schmuddelkindvirtuosen. Warum ließ er mich denn nicht einfach in Ruhe? Tito war zu stolz und zu verbissen, um nachzugeben, aber sein Enthusiasmus für meinen (nicht vorhandenen) Fortschritt ließ langsam nach, bis er eines Tages, als ich seine geliebte friss malträtierte, völlig erlosch. Er riss mir die Fiedel aus den Händen und rief: »Deine Finger sind zu schwach!« Nachdem er mich so zu einem unmusikalischen Leben verdammt hatte, stampfte er wutschnaubend hinaus, um sich zu betrinken. Er hatte völlig Recht damit, am Boden zerstört zu sein: Die Geige war sein Leben, seine Seele, und das einzige Kind, das ihm geschenkt worden war, erwies sich als unfähig, dies mit ihm zu teilen.

Ich konnte sehen, dass ihr meine Anwesenheit neben ihr zuwider war: Sie wandte sich ab.

22. Juni

Leitmotiv: der Sommerkönig. Trunkenheit, Entregelung, Umnachtung …

Ich habe ein großes, lilafarbenes Muttermal zwischen den Schulterblättern. Maria sagte, dass alle in den ersten drei Februartagen geborenen Kinder durch und durch gebrandmarkt sind, und sie vergoss viele fruchtlose Tränen, wenn sie mein Missgeschick beklagte.

26. Juni

Nun, so weit ist es also gekommen: Wir verbrachten den ganzen Abend, ohne ein Wort zu sagen. Wir aßen in einem sogenannten griechischen Restaurant, saßen wie Steine in einer Vorstellung von Das Tagebuch einer Kammerzofe, die wir nach der Hälfte verließen, gingen langsam zum Quai zurück, erklommen die Treppe in Etappen, zogen uns aus, fielen bei voller Beleuchtung ins Bett und liebten uns wie zwei wilde Tiere. Und all das ohne ein einziges Wort.

PATIENT (aggressiv): Ich bin so gut wie alle anderen.

PSYCHIATER (höhnisch): Hah! Und das mit nur einem Bein?

PATIENT (flehentlich): Aber wo ist denn da der Unterschied?

PSYCHIATER: Wie zum Teufel soll ich das wissen? Ich stecke nicht in ihren Schuhen.

29. Juni

Moon starb heute vor vier Jahren.

Verheerende Wunde, die sich im Dunkeln ausbreitet und jedes Detail des Schiffbruchs berührt …

An die sechzig Kreuzigungen und immer noch kein Jesus.

Engel in Arztkitteln, die in unleserlicher Handschrift Federn verschreiben. Ich kann mein Riechsalz nicht finden! Tant pis!

Im Sommer fuhren wir immer in einem gemieteten Wohnwagen in die Dörfer auf der Puszta, und Tito spielte bei Bauernfesten. Einmal reisten wir sogar bis nach Brno in der Tschechoslowakei, und Tito gewann bei einem Geigenwettstreit einen Bullen. Wir banden ihn mit einem Strick am Wagen fest und zerrten ihn so zurück nach Budapest (er war der dünnste Bulle der ganzen Schöpfung, als wir dort ankamen), wo wir ihn (ich schwöre es!) an einen koscheren Schlachter verkauften.

8. Juli

Edith ist auf dem Weg nach Barcelona. Ein unterkühlter Abschied an der Gare d’Austerlitz. Sie wird dort ihren Vater treffen, den sie zum letzten Mal im Alter von zehn Jahren sah. Ihre Eltern trennten sich 1941 in Vichy. Ihr Vater ging nach Spanien und später dann nach Argentinien, wo er mit Rindfleisch ein Vermögen machte. Madame Garcilaso (eine Weißrussin) kehrte mit dem Kind nach Paris zurück und dort blieben sie. Die Mutter ist ein schrulliger alter Vogel, raucht trotz des angegriffenen Herzens Zigarillos und war in ihrer Jugend eine Ballerina. Das ist eine gute Gelegenheit, ihr einen Besuch abzustatten – Edith verbot ihr immer den Mund, wenn sie zur Hochform auflief.

Vorläufige Grabinschrift. Er liebte sie einen ganzen schmutzigen Winter lang, versunken in einer Grube aus Bettwäsche und Dessous, in einem von einer Gasse übersehenen Zimmer. Leerer Ofen und ein einziges, konvulsivisches Fenster. Bedauerlicherweise war es aber überhaupt nicht so. Trauernde haben keine Neigung zu Phanstastereien.

22. Juli

Nun sind es zwei Wochen: Essen und schlafen, schlafen und essen. Keine Magenprobleme mehr. Ediths Urlaub tut mir gut – haben Sie das nicht bemerkt?

Zurück zur Schinderei.

Wir kamen im Sommer 1939 nicht weit. Gerade weit genug. In der ersten Septemberwoche (ja) wollten wir auf dem Weg nach Körmend, wo ein Erntedankfest stattfinden sollte, über die österreichische Grenze. Die Ungarn ließen uns passieren, aber die Österreicher sagten uns, dass die Grenze geschlossen sei. Tito regte sich lautstark auf, worauf sie den Wohnwagen durchsuchten und unsere Papiere sehen wollten. Und das war es dann. In meinem Ausweis standen die Namen meiner Eltern und deren Geburtsort: zweifellos deutsch. Es folgte ein Telefonat; nach einer Stunde kam ein Auto mit drei Polizisten und einem fetten Beamten. Sie stellten tausend Fragen; Maria wurde hysterisch und Tito zitterte vor Wut, aber er konnte nichts machen. Ich wurde festgehalten und Maria und Tito wurden gezwungen, umzukehren. Ich begann zu schreien, und ich hörte Marias Weinen lange nachdem ihr Wohnwagen meinem Blick entschwunden war.

Die Polizei brauchte eine Woche, um die Angelegenheit zu klären; währenddessen saß ich hinter Schloss und Riegel, und die Frau eines Grenzbeamten brachte mir Essen und gab mitfühlende Laute von sich. Schließlich wurde ich nach Wien verfrachtet und einige Tage später wie ein Dschungelwesen (unter der Aufsicht einer Wiener Polizistin) weiter nach Berlin.

Ein Dreiergremium erwartete mich dort am Bahnhof: Willi, der Bruder meiner Mutter (Onkel lässt sich schwierig sagen), seine Verlobte Ada (eine muskulöse Blondine) und meine Großmutter (Herr Schnee war 1935 gestorben). Sie begleiteten mich zum Polizeipräsidium, und nachdem sie zahlreiche Papiere unterschrieben hatten, war ich ihrer Obhut unterstellt. Diese Erwerbung schien sie nicht allzu glücklich zu machen, vor allem Willi nicht, der stolz ein Parteiabzeichen und schwarze Stiefel trug, die mir bis zur Hüfte reichten.

24. Juli

Dieser Schnee auf meinen Schultern ist in Wirklichkeit das Werk von Tauben. Eines dieser Standbilder, mit denen die Städte angefüllt sind.

Nach dem Tod des alten Schnee hatte Willi kein Interesse am Geschäft der Familie (Reformkost) gezeigt, deshalb wurde es von zwei Angestellten geführt, obwohl Frau (Witwe) Schnee sich persönlich um die Finanzen kümmerte und sich fast den ganzen Tag dort aufhielt. Als Willi 1937 in die Partei eintrat, verkauften sie ihr Haus und mieteten eine kleine Wohnung in Moabit an. Ich schlief auf einem alten Sofa in der Küche – es war das beste Bett, das ich je gehabt hatte.

25. Juli

Kaffee und Cognac um vier mit Ediths Mutter (schrumplige Mandarine, goldbehangene Ohrläppchen, hochhackige Vogelfüße, dreißig Jahre, nachdem ihr rechtes Knie ihre Karriere beendete, immer noch in Erwartung eines Grand Jetés). Sie war überglücklich, mich einmal ohne ihre Tochter zu sehen. Ich hatte vergessen, wie taub sie ist; zwei Stunden lang saßen wir da und brüllten uns an (Altstimme und Tenor?). Ihre Liebe zum Ballett ist ungebrochen; jeden Abend sitzt sie in den Kulissen auf einer Wolke nostalgischen Bedauerns; auf der Bühne fließt immer noch der geliebte, gewohnte Schweiß; die Feenschenkel bearbeiten die Bretter wie Kolben: angesengte Mullbinden, matter Krepp, Aluminiumfolie. Auf den Zehenspitzen ihrer knochenschwachen Erinnerung ist sie in identischen Garnrollen verloren, der fünfte abgespulte Schwan in der zweiten Reihe. Der Geist entspannt sich, ein spätes Finale: »L’OSTENDE, NATÜRLICHOUI LA! ZIGEUNER, SIEWER? (Entr’acte, flatternde Hände, Uhr mit einem 24-Stunden-Zifferblatt) … DIE SPANIERINMEINE KLEINE EDITH, SIEABER DER KRIEGMIT ACHTZEHN JAHRENDAMALS! … IHRE ERSTE LIEBE! (Sie bricht in schallendes Gelächter aus, springt vom Stuhl hoch.) WIE ICH!, ruft sie aus, O LA LA! Sie versucht eine Pirouette und verliert das Gleichgewicht, der Brandy kippt um, ich fange sie (nicht ihn) gerade noch rechzeitig auf. Ich höre ihr heftiges Herzklopfen, sie greift nach einem Zigarillo, ihre Schläfen pochen, sie lächelt kraftlos: MERCI! Ich fliehe.

Die Erde ist selten fest genug, um sie zu fassen oder zu packen. Es ist immerzu mein Gesicht gegen all die unsichtbaren Gesichter.

Die ganze Heimlichtuerei, mit der ich von einem Amt zum anderen geschoben wurde, kam mir recht unnötig vor. Meine Willfährigkeit war außergewöhnlich. Willi traf Vorsichtsmaßnahmen – die ganze Angelegenheit muss für ihn ziemlich peinlich gewesen sein. Am ersten Oktober wurde ich ordnungsgemäß beim Zigeunerdezernat registriert, hatte eine Kennkarte mit »Zigeuner, Mischling, Zweite Kategorie« und einem Abdruck des rechten Zeigefingers darauf erhalten, und durch einen nahezu magischen Selbsterhaltungsinstinkt hatte Willi es sogar geschafft, mich in eine ordentliche Schule zu schmuggeln.

Ich war zwei oder drei Jahre älter als die anderen Kinder in meiner Klasse und freundete mich nur wenig an. Die Lehrerin, die Brun hieß (glaube ich), betrachtete mich mit extremem Misstrauen, verlor aber nur ab und zu die Geduld mit mir. Ich glaube nicht, dass ich ihr den Ärger machte, den sie wohl erwartet hatte. Die erste große Überraschung für alle Beteiligten bestand darin, dass ich mich nicht im geringsten widerspenstig zeigte (was mir auch nichts genützt hätte), und nach einigen Monaten machte ich mich recht gut. (Plötzlich erinnere ich mich gerade in diesem Augenblick deutlich an Frau Bruns Gesicht und an den Geruch der Holztäfelung und des Stahls in dem Zug, in dem ich von Wien nach Berlin gefahren war. Ich frage mich, warum …)

In diesem ersten Jahr war ich kurz mit einem Jungen namens Iro Hulse befreundet. Er war nicht ganz acht Jahre alt, war aber so groß wie ich und sehr schmal und blass. Wir liefen auf den Gängen herum, saßen im Unterricht nebeneinander und redeten in den Pausen in einer Ecke des Schulhofs ganz ruhig miteinander: Wir tauschten Kinderheftchen aus und er schenkte mir eine kleine Anstecknadel (eine Stuka). Jeden Tag wartete seine Mutter nach dem Unterricht auf den Stufen auf ihn; sie war eine kleine, mollige Frau mit schwarzen Haaren und einem Wollmantel mit einem Pelzkragen. Iro winkte mir, die Mutter nahm ihn an die Hand und zusammen gingen sie davon. Plötzlich erschien er nicht mehr in der Schule, und den Grund fand ich nie heraus.

31. Juli

Der Mond zwischen Regenperioden …

Zwölf Stunden Schlaf, und im Traum taucht immer wieder die gleiche alberne Frage auf: »Ist es chemisch möglich?« Ich erwachte gegen fünf Uhr, schweißgebadet, das Bettzeug auf dem Boden, stand auf, trank etwas Wasser und ging dann wieder ins Bett und schlief entspannt wieder ein und erwachte um elf Uhr mit dem Endstück eines guten Traums:

Ein Zimmer in einer Kiefernhütte (amerikanisch). Ein Mann und eine Frau, beide dickleibig, liegen nackt auf einem ungemachten Bett und sehen sich an. Ich stehe in der Tür und betrachte sie. Sie wissen, dass ich da bin, und es scheint ihnen nichts auszumachen. Sie streicheln einander zärtlich und sie schwitzen. Fast gelingt es mir, zu erkennen, wer sie sind. Der Mann ist behaart und irgendwie rosafarben, die Frau hat glatte Haut und große, leberfleckartige Brustwarzen. Sie versuchen nicht, sich zu erregen; vielleicht haben sie schon Sex gehabt. Ich empfinde nur eine schwache Neugier. Ihr Fleisch scheint zu glühen: Es besitzt eine intensive Lebensqualität. Eine warmes Gefühl der Erwiderung steigt in mir auf; plötzlich weiß ich, dass sie mir gehören.

Frau Schnee fand mich nach einer Weile einigermaßen erträglich. Und das muss man ihr lassen: in den zweieinhalb Jahren, in denen sie mich »hatte«, schlug sie mich nie und sprach selten barsche Worte. Aus irgendeinem Grund machte ich ihr ein bisschen Angst. Manchmal war sie nahe daran, zärtlich zu werden, aber immer mit einer seltsamen Zurückhaltung , so wie Frauen, denen ein Hund gefällt, ihn berühren: impulsiv, mit einer schnellen, zarten und forschen Handbewegung, wobei sie aber nie streicheln oder wirklich liebkosen. Einmal sagte sie, während sie mein Kinn mit zwei Fingern nach oben schob: »Du hast ihre Augen« und meinte damit die meiner Mutter – und verbarg so ihre widersprüchlichen Gefühle hinter einer Art Vorwurf.

Ein Mann erschlug seine Frau mit einem Vorschlaghammer, deshalb wurde er lebenslänglich zu Zwangsarbeit in einem Steinbruch verurteilt, und man befahl ihm, mit genau derselben Waffe zu arbeiten.

2. August

Wir waren hungrig, sagte der Ex-Legionär, ich kann dir nicht sagen, wie hungrig wir waren. Unser Hunger wurde so beträchtlich, dass wir versuchten, ihn aufzuessen. Wir spülten ihn mit Luft hinunter, aber als er unten aufschlug, zerbrach er in eine Million Stücke, und jedes Stück wurde so groß wie der ursprüngliche Hunger. Nach einer Weile konnten wir ihn einfach nicht mehr ganz aufessen. Selbst ein Hungerbankett verblüfft einen Hungernden.

Über dem Urinalbecken im Pissoir befindet sich eine Art Spülkasten, in den von der Decke Wasser getropft ist. Das Wasser ist grün-gräulich, Schleim und Tabak schwimmen darin. Ein kleiner, schnurrbärtiger alter Mann mit einer Gepäckträgerkappe steht schon eine Weile neben mir und wirft verstohlen Blicke in meine Richtung. Plötzlich hustet er: Aha, spuckt in den Kasten, dreht sich um und geht hinaus.

Vernunftsmäßig erklärt: Theresa Neumann, Jean Genet, Tom und Jerry, Der Erste Weltkrieg, die dünne Haut dieses Planeten. Ich werde es niemals zulassen, dass jemand für mich eine Orange schält.

Monsieur Fantin-Plustard flitzt, mit offener Weste und vergessener Serviette im Hemdkragen, auf Rollschuhen an der Opéra vorbei, schüttelt seine kleine Faust und brüllt den vorbeifahrenden Verkehrsteilnehmern »Con!« zu. Vor dem American-Express-Büro stößt er mit einer Vespa zusammen und kotzt sein Mittagessen aus: Schnecken, Seezunge, Rebhuhn und Reis, Wachsbohnen, Chicorée, Gervais-Käse, Birnen und den Blanc de Blancs vom letzten Jahr.

Ein junger Mann malt in der Rue Jacob sein eigenes Skelett.

4. August

Schau mal an! Eine Karte von Edith: Gaudís »Sagrada Família«. Gott sei Dank vermisst sie mich nicht.

Die Schnees hatten ein Dienstmädchen, das jeden Tag kam und das schon seit Jahren für sie arbeitete, eine hagere, unverheiratete Frau um die vierzig, die nur Feldt genannt wurde. Sie bereitete die Mahlzeiten zu, kümmerte sich um einfache Hausarbeiten und die Wäsche und später (wenn Willi aus dem Haus gegangen war) brachte sie abends die alte Dame ins Bett. Feldt und ich kamen wunderbar miteinander aus; sie erinnerte sich sogar an meine Mutter (allerdings nur vage) und erzählte mir, was für eine schönes Mädchen sie gewesen war (das war alles, was ich hören wollte).

Feldt und ich hatten ein tägliches Ritual: Ich saß in der Küche und machte meine Aufgaben, während sie ruhig ihrer Arbeit nachging. Ab und zu stellte ich ihr eine Frage, und sie setzte ihre Brille auf, nahm mein Schreibheft in die Hand und hielt es dicht vor die Nase (und tat so, als würde sie lesen), legte es dann wieder fürsorglich auf den Tisch, nahm die Brille ab und erklärte mit heiserem Flüstern: »Ich fürchte ich kann dir nicht helfen, mein Kleiner.« Oft fragte ich sie Sachen, die ich schon wusste, in der Hoffnung, dass sie zumindest einmal die Freude haben würde, mir mit einer Antwort helfen zu können. Was nie geschah. Wenn ich dann aber meine Hausaufgaben gemacht hatte, setzte sie sich neben mich an den Tisch (nachdem sie für uns beide Muckefuck gekocht hatte) und begann wieder die am Vortag unterbrochene, scheinbar endlose Geschichte ihres Lebens weiterzuerzählen. Sie war besser als jede Seifenoper, und ich war offensichtlich ein idealer Zuhörer. Immer (und das jeden Tag) wenn sie bei mir einen entsprechend mitfühlenden Gesichtsausdruck erkennen konnte, brach sie in Tränen aus und vergoss (still) große Tränenströme in ihren Muckefuck. Ich fing dann an zu lachen, und Feldt stellte abrupt den Wasserfall ab und blickte mich finster an. Ich versuchte dann, mit dem Lachen aufzuhören (man kann sich nicht vorstellen, wie streng sie schauen konnte, wenn sie es wollte) und es in einen Schluckauf zu verwandeln, und plötzlich fing sie ebenfalls an, lauthals zu lachen, genehmigte sich einen Schluck Muckefuck und sagte: »Das Salz war genau das, was ihm fehlte, Spatz.«

Aber Willi – er hatte seinen Spaß daran, mich zu misshandeln – kniff und zwickte mich, drehte mir den Arm um und ähnliches. Er kam abends so gegen acht Uhr zurück, meistens mit Ada, und wenn ich noch nicht im Bett war, brüllte er: »Ah, oh! Zeit für ein Bad, du Dreckskerl!« und zerrte mich ins Bad (dicht gefolgt von einer boshaft kichernden Ada), zog mich aus, ließ kaltes Wasser in die Wanne ein, stieß mich hinein und fing an, mich mit einer Hundebürste abzuschrubben. Je mehr ich schrie, desto grober bürstete er und umso hysterischer wurde Ada. Als er mit seiner Unterhaltungseinlage fertig war, hob mich Willi an den Spiegel und sagte: »Genauso dreckig wie vorher, finde ich. Gut, wir versuchen es morgen noch einmal.«

Ich hatte eine Todesangst vor ihm. Gelegentlich war mir schon der Gedanke gekommen, einfach wegzulaufen, aber die weitaus furchtbarere Vorstellung eines Willi, der meine Fährte aufnahm, machte ihn schnell wieder zunichte.

Ich versuche, die Titel einiger Kinderzeitschriften zu erinnern, die Willi manchmal nach Hause brachte: Onkel Anton, Die Goldene Stunde, Deutsche Jugend, Flieger und Matrosen. Er gab sie mir nie selbst, sondern ließ sie beiläufig unter Der Stürmer und Der Völkische Beobachter liegen. Eines Tages gab mir Feldt das alte, zerlesene Exemplar eines Indianerbuches von Karl May; ich hatte mich erst zur Hälfte durchgekämpft, als Willi es an sich riss und es als entartete Literatur brandmarkte. Er wollte auch Feldt gerade die Hölle heiß machen, als sie ihm mit einem scharfen Flüstern das Wort abschnitt: »Seien Sie nicht albern, es gehört doch sowieso Ihnen.«

13. August

Noch eine Ansichtskarte von Edith (Bauer trinkt Wein aus einem Ziegenlederbeutel). Poststempel: Sevilla.

Der alte Mann neben mir im Wartesaal bückte sich, öffnete einen ramponierten Koffer und holte ein kleines Neues Testament heraus. Ich sah kurz ein Elfenbeinkruzifix und etwas, das wie ein mumifizierter Fuß aussah. Ich hatte geglaubt, dass er Kaugummi kauen würde, aber plötzlich, völlig in seine Lektüre vertieft, spuckte er aus, und ein Fußnagel landete auf meinem Schuh. Er kniete sich eilig neben mir nieder und nahm ihn an sich, dann sah er (reumütig) zu mir hoch und fragte mich: »Können Sie immer noch Ihren Fuß in Ihren Mund stecken?«

»Nein«, antwortete ich. »Tut mir leid, aber mein Guru hat es mir verboten.«

Luftschutzübungen. Willis Stimme auf der Straße …

Sein Kind wusste, dass der Hund, den er ihr geschenkt hatte, zerbrechlich war, also schmiss sie ihn wie einen Porzellanteller auf den Boden. Weinend kehrte er die Scherben zusammen und legte sie vorsichtig in eine Schublade, damit er ihr, wenn sie größer war, Vorwürfe machen konnte.

15. August

Im Sommer 1940 erkundete ich allein die Armenviertel am Alexanderplatz, wo viele Zigeuner wohnten (und zu dieser Zeit noch ein großer Teil der noch verbliebenen jüdischen Bevölkerung). Dort lernte ich eine sesshafte Romanichal-Familie namens Doehr kennen. Sie hatten keine geregelten Einkünfte, aber alle (es waren acht Kinder – drei Jungen und fünf Mädchen –, Mutter und Vater, Großmutter und ich weiß nicht wie viele Tanten und Onkel in der unmittelbaren Familie) waren auf diese oder jene Art Musikanten und sie verstanden sich gut. Da sie nicht umherzogen, hatte sie die Polizei eigentlich nicht allzu sehr belästigt (Für sehr viele andere Zigeuner sah es allerdings ganz anders aus – Beschränkungen in der Bewegungsfreiheit und bei der Arbeit zwangen sie schnell zu einem Leben in den kriminellen Randzonen, wo sie sich nicht lange hielten.)

Bis zum Jahr davor hatten alle jüngeren Kinder der Doehrs eine Schule für Zigeuner besucht, und Christoforo, der älteste Junge, war in den ersten Tagen des Überfalls auf die Sowjetunion zum Kriegsdienst eingezogen worden. (Aber nach zwei Monaten an der russischen Front wurde er plötzlich abgezogen; eine Zeit lang arbeitete er in einer Chemiefabrik in Friedenau, aber später erlitt er dann doch das gleiche Schicksal wie der Rest der Familie. Doch mehr davon später.)

16. August

Nun wieder Edith, dieses Mal Toledo. Ihr Vater hat eine Reiselimousine. Die Distanz hat ihre Kleidung verändert; meine abgeschiedene Welt (insofern sie darin noch enthalten ist) ist gesäumt von Ansichtskarten.

ICH: Ich konnte früher immer einträgliche Selbstgespräche führen.

DU: Und jetzt?

ICH: Alles, was ich sage, scheint an dich gerichtet zu sein, egal was.

DU: Ja, aber ich bin doch ganz Ohr.

ICH: Hm.

17. August

Mein ganzes Leben lang habe ich mich von Reisenden verabschiedet. Meine eigenen Reisen waren, gelinde gesagt, nicht der Rede wert. Wie auch immer, drei Wochen Ruhepause ohne das Schwert (flammend?).

Rolf, der zweitjüngste Doehr, der so alt war wie ich, sang und spielte Gitarre in einem Café namens »Zum Siegerkranz«; wir waren bald sehr enge Freunde. Am Ende des Sommers traf ich mich fast täglich mit ihm; solange ich um sechs Uhr dreißig zu Hause war, war Frau Schnee nicht an Erklärungen interessiert. Aber eines Tages war ich leichtsinnig: Wir gingen zusammen in das Café, und ich ging dort erst kurz nach sieben Uhr weg. Als ich nach Hause kam, war Willi schon da; er hatte auf mich an der Tür gewartet. Er verprügelte mich erbarmungslos, aber ich weigerte mich hartnäckig, ihm zu sagen, wo ich gewesen war. Schließlich bekam es Ada mit der Angst zu tun und brachte ihn dazu, damit aufzuhören; ich blutete aus dem Mund und aus der Nase. Danach wurde ich zu Hausarrest verdonnert, bis die Schule wieder anfing, und meine Großmutter (die ihn ebenso fürchtete wie ich) musste ihm über alles, was ich tat, genauestens Bericht erstatten. Es vergingen fast sechs Monate, bis ich die Doehrs wieder sah.

Niemand möchte einen Garten erben.

Ein Marionettentheater (oder ein Farbfilm – aber wo?) – Frau Holle. Kissen werden geschüttelt, und die Daunenfedern verwandeln sich beim Herunterfallen zu Schnee. Nach oben gewandte Gesichter – das Orange-Braun von Zedernholz oder glasierter Tonerde.

Kurz vor Ostern 1941 wurde Willi einberufen. Ada verließ uns ein paar Wochen später, um als Fernschreiberin in Metz zu arbeiten. Frau Schnee verfiel in einen Zustand der pflichtbewussten, vorsorglichen Trauer, und ich beschloss, dass jetzt der günstige Zeitpunkt gekommen war, um davonzulaufen. Ich ging eines Abends nach der Schule direkt zu den Doehrs und gab stolz meinen Entschluss bekannt. Die sieben Familienmitglieder, die gerade anwesend waren, drückten mich umgehend auf einen Stuhl und unterrichteten mich darüber, was das nach sich ziehen würde, und das Ergebnis war dann, dass ich innerhalb von drei Stunden nach meinem endgültigen Abgang wieder in Moabit war.

Leben in einem Blechbottich mit abschüssigen Seiten …

22. August

Ich fange an, mich selbst um die Leere dieses Sommer zu beneiden. Da Sie und Edith nicht da sind, kann ich so tun, als ob ich allein wäre. Ich wusste zuvor nie, dass ich Alleinsein spielen konnte. Wenn es das ist, was gemeinhin Verantwortungslosigkeit genannt wird, dann hat sogar das unerforschte Ressourcen.

Feldt ging einmal mit mir ins Kino. Hätte man davon erfahren, hätte sie ebenso viel Ärger bekommen wie ich. Es war der erste Film meines Lebens, und ich habe danach erst wieder 1947 in Coburg einen Film gesehen. Ich erinnere mich nicht genau daran, außer dass Emil Jannings der Star und dass es eine Komödie war. Vor kurzem sah ich Der zerbrochene Krug mit Jannings in der Rolle des Dorfrichters Adam, und ich meine, dass das der Film war, den ich gesehen hatte, aber vielleicht stimmt das auch nicht. An diesem Tag war ich von der Erfahrung selbst hypnotisiert, vom puren Sinneseindruck von Bewegung in Licht: Es war nahezu überwältigend. Aus irgendeinem Grund erinnerte mich Jannings an Tito: Ich sah ihm während des ganzen Films mit offenem Mund zu und hörte kein Wort des Dialogs. Ich habe nie ein tieferes Gefühl des Verlusts empfunden als in dem Augenblick, als am Ende die mickrigen Lichter im Saal wieder angingen. Keine Träne, keine Trennung, keine Tragödie, die ich mit eigenen Augen gesehen habe, hat mich so mitgenommen oder berührt wie dieser erste Kontakt mit dem Sattispil (Rolfs Wort für Schattenspiel): Es wusch mich mit Licht aus.

Ich verliebte mich in Jannings; sein Gesicht vermischte sich mit dem von Tito, und die schwergewichtige Präsenz seines Körpers, überlebensgroß und glanzvoll, erzeugte eine Erinnerung an Berührung, die so real und dauerhaft war, dass ich sie viele Jahre mit mir herumtrug.

Erst vor etwas einem Jahr sah ich hier in Paris einen anderen Film mit ihm – fast dreizehn Jahre nach dem Film in Berlin. Es war Tartüff mit Werner Krauß. Er gefiel mir zwar sehr, aber irgendwie war es nur ein Film; ich fand darin nicht den magischen Jannings meiner Erinnerung; und was Tito betraf – er hatte sich für immer aus dem Staub gemacht. In den folgenden Monaten machte ich mich daran, jeden alten Film zu sehen, in dem er mitspielte – mindestens zwölf oder fünfzehn –, gegen jede Wahrscheinlichkeit hoffend, dieses Bild erretten zu können. Natürlich gelang es mir nicht; vielleicht hatten sich meine Augen verhärtet (oder mein Herz); aber ich habe nur selten das Gefühl gehabt, die Ränder erinnerter Erleuchtung zu streifen wie an jenem Tag, als Emil Jannings, dieser gewaltige und herumtastende, von Licht bekränzte Schatten, seine sanften Finger auf mein ahnungsloses, unerfahrenes Herz legte.

Schlaf an einem feuchten Ort, eine widerliche, vermodernde Steppdecke auf meinem nackten Körper, schwache tierische und menschliche Laute hinter dünnen Wänden. Draußen noch mehr Regen.

Jedes Wochenende wieder bei den Doehrs. Der Krieg war jung: Berlin war wie ein Rummelplatz. Im Oktober kam dann die Nachricht, dass Willi in Ägypten gefallen war. Frau Schnee erfreute sich eines Nervenzusammenbruchs; als er sie langweilte, kam sie zum Abendbrot wieder aus ihrem Zimmer heraus.

Eine müde aussehende, dickere Ada kam über Weihnachten einige Tage zu Besuch. Sie hatte einen Unteroffizier (in Nancy) geheiratet und war bereits schwanger. Sie saß mit meiner Großmutter stundenlang zusammen und sie blätterten tränenreich in alten Fotoalben. Und als sie dann ging, gab sie mir einen Kuss.

24. August

Heute Morgen ein Telegramm des alten Parris: Moons Tante Libya starb vor einer Woche. Wer sonst hätte sich schon die Mühe gemacht, mich davon zu unterrichten? Spielt es eine Rolle? – alle Kontakte sind erloschen.

Ich erinnere mich an ein Begräbnis in Budapest, circa 1938. Ein wohlhabender Hadnagy war gestorben, und die Hälfte aller Zigeuner Ungarns säumte die Straßen, um ihm wehklagend zum Grab zu geleiten. Ich hockte auf Titos Schultern und guckte und heulte wie alle anderen (ohne den Grund zu kennen). Neben dem Leichenwagen (offener Sarg, Zylinder auf dem Kopf, zusammen mit seiner Geldbörse, seiner Pfeife und seiner Taschenuhr) ging ein katholischer Priester, der zu diesem Anlass bestellt worden war.

Gleich dahinter folgte eine Zigeunergruppe mit Streichinstrumenten, die von Bläsern verstärkt wurde, und dann Dutzende von zweirädrigen Droschken und Kutschen, die mit Blumenbouquets, Kränzen und halbnackten Kindern überladen waren.

Woran ich mich hier erinnern möchte: In dem Augenblick, als der Leichenwagen direkt an uns vorbeifuhr, sprang plötzlich ein junger Mann (wahrscheinlich ein enger Verwandter) aus der Menge heraus, und bevor jemand sah, was da geschah oder ihn daran hindern konnte, hatte er gezielt seinen Fuß unter das Wagenrad geschoben. Der Leichenwagen war riesig, das Rad war mit Eisen beschlagen, und sein Fuß wurde zerquetscht. Aber das war, was er gewollt hatte: Der fürchterliche Schmerz setzte seine Seelenqual und seinen verzweiflungsvollen Kummer frei, und er schrie, bis ihm der Kopf zu platzen schien. Die Menschenmenge antwortete ihm mit einem gewaltigen Stöhnen; sie wallte ihm entgegen, und den Kopf mit beiden Händen umklammernd, ließ sich der junge Mann in sie hineinfallen.

Was ich fragen möchte, ist Folgendes: Von welcher absoluten Ebene des Leidens aus erwächst eine derart euphorische Gewissheit?

Im Sommer 1942 kam eines Tages unerwartet ein kleiner Mann vorbei und teilte Frau Schnee mit, dass im nächsten Schuljahr meine Anwesenheit in der Schule nicht mehr »erwünscht« sei. Einen Augenblick lang schien sie zu erwachen und sich an mich zu erinnern. Sie wurde ganz aufgeregt und sah dann gefährlich weiß aus, und der Mann (schließlich nur ein Beamter) entschuldigte sich, murmelte die üblichen Floskeln über Befehle und Pflicht, ließ einige Papiere zurück und verabschiedete sich.

Meine Großmutter sah mich ein paar Stunden lang traurig an, den Kopf vor lauter Bedauern seltsam nach vorne gekippt, aber am Abend war sie wieder in ihre eigene, private Welt pässlicher Vergesslichkeit zurückgefallen.

Desillusionierung. Die Finger des einzigen Freundes, dem du vertraust, schließen sich fest um deine Kehle, und allmählich verschwimmt sein vertrautes Gesicht. Dir wird klar (während deine Zunge anschwillt und langsam deinen Mund füllt), dass er zu der Ansicht gelangt ist, dass du das »Leben« mehr liebst als ihn. Aber was bedauerst du mehr: seinen Irrtum oder den Verlust deines Lebens?

26. August

Es regnet (immer noch). Ich bin der letzte Gast in der Bar. Der Mann an der Kasse ist eingenickt, der Kellner liest Jean Christophe. Draußen stellen sich Passanten unter die Markise. Ich habe in den letzten zwei Stunden mindestens sechs Tassen Kaffee getrunken, und jetzt reagiere ich sprunghaft auf jedes kleine Geräusch. Das Gedicht mit einem Kugelschreiber auf mehreren Servietten, deren (Wund-) Gewebe sich leicht zerreißen lässt … nur diese zwei Fragmente:

Wenn die Asche der Bäume

vom Winter gewaschen werden,

dann werden meine Hände die Fackeln sein,

die die Vögel entflammen.

Ihr Hunger wird aller toten Männer Augen annehmen

und von Feuer verzehrt, wenn der Sommer stirbt.

Kein Knochen kann eine Silbe beugen,

keine Wunde Namen auf deren Zufügung schnitzen,

kein Wort kann die Wunde verbinden,

die nur andere Wunden heilen können.

Fräulein Feldt wurde nach einer Wirbelwindromanze mit einem hugenottischen Metzger zu Frau Michelin. Ihr Platz im Haushalt übernahm (eroberte) mittels einer Körperinvasion eine pummelige Hausfrau namens Mecker, die mich argwöhnisch wie einen Fleck beäugte, der aus dem Teppich entfernt werden muss.

Dieses Mal lief ich wirklich davon; oder zumindest verbrachte ich einfach derart viel Zeit bei den Doehrs, dass ich schließlich dort wohnte. Niemanden kümmerte es, da jetzt niemand mehr da war, der ein Interesse daran gehabt hätte, nach mir zu forschen. Zum Schluss war es so, dass ich bei meiner Großmutter wie ein Besucher vorbeikam. (Malerisches Bild eines Nachmittags – alte Dame mit wässerigen Augen und unstetem Geist, dunkelhäutiger, zufällig hereingeschneiter Junge, Ersatzkaffee, pappiger Kuchen, alles in Verdunkelung eingehüllt. Wo war der Krieg?)

An Weihnachten erschien ich mit einem kleinen Geschenk, einem Stück Stickerei, das Oma Doehr angefertigt hatte. Ein paar Verwandte meines Großvaters aus Leipzig waren anwesend, die über die Feiertage nach Berlin gekommen waren. Sie hatten keine Ahnung, wer ich war und machten viel Aufhebens um meine »Freundschaft« mit der alten Dame.

Das war das letzte Mal, dass ich sie sah; danach hatte ich eigentlich keine Gelegenheit mehr dazu.

Noah wusste Bescheid, aber es blieb ihm nicht viel Zeit. Tage häuften sich an wie Müll (Laurel und Hardy), Himmel tropften herab, Paare strömten herein und lehnten sich in ihren Liegestühlen zurück, entledigten sich ihrer Tarnung, lachten unhöflich über seine jüdischen Vorahnungen. Man bedenke: alle von ihnen, pelzig, schwielig, gefiedert, seekrank, wie sie da draußen auf den Wellen schaukeln, voller Vertrauen und unbehaglich in Darwins naseweiser Beagle. Zwei Affen, eine Taube …

Das Überleben von Defätisten …

28. August