VORSCHAU IN 140 ZEICHEN

»Digital ist eine tolle Sache mit Nebenwirkungen, die wir zähmen müssen, sonst zähmt sie uns. Wir können von Bio lernen, vom Wilden Westen und von Analog. Und etwas tun.«

002.tif

ANDRE WILKENS

ANALOG
ist das neue Bio



Metrolit Logo


ISBN 978–3–8493–0368–6


Metrolit Digital, veröffentlicht bei METROLIT, Berlin, 2015

© Metrolit GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2015 bei METROLIT


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Covergestaltung: 2xGoldstein+Fronczek

Coversujet: Christoph Niemann, www.christophniemann.com

Konvertiert durch: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de


www.metrolit.de

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.

IMMANUEL KANT

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

vorwort
Wie eine Videothek in Hipsterland lebt und gedeiht

eins
Digital – Von einem Wundermittel, seinen Risiken und Nebenwirkungen

1 Ich fühl mich gut, ich steh auf Digital

2 Weltverbesserung mit Zahlen

3 Zu Risiken und Nebenwirkungen

4 Dialektik Digital

zwei
Analog – Die Freiheit, die aus der Nische kommt

5 Die Grenzen von Digital

6 Von Bio lernen

7 Die verdrehte Digitale Schere

drei
Was tun?

8 So muss Digital

9 Analoge Alternativen

Epilog mit Manifest

Playlist

Literaturangaben

Danksagung

Über den Autor

Illustration

vorwort

Wie eine Videothek in Hipsterland lebt und gedeiht

Ich wohne in einer Straße mit 5 Restaurants, 2 Friseuren, 2 Delis, 2 Kneipen, 1 Weinladen, 1 Fahrradbar, 1 Schreibwarenladen. Es ist eine Straße in Berlin-Mitte-Hipsterland. Vor gut einem Jahr machte ein neuer Laden auf. Der neue Laden ist das, was man früher eine Videothek genannt hätte. Ein Raum voll billiger Regale, gefüllt mit Tausenden Filmen (vorwiegend DVDs), die man sich zu Hause via DVD-Player auf seinem Fernseher oder Computer angucken kann. Und so funktioniert das: Man schreitet die Regale ab, sucht sich, inspiriert von den DVD-Hüllen und -Boxen, einen Film aus, nimmt das dazugehörige Kärtchen, geht zum Tresen mit 2 Angestellten, die einen auch gern beraten, und bezahlt ein paar Euro für 24 Stunden Ausleihe. Der Laden heißt nicht Videothek, sondern Filmgalerie 451. Vorne, am Schaufenster, läuft auf einem alten Computer Pong. Dieses Vintage-Computer-Game funktioniert so ähnlich wie Tennis, aber man kann den Ball nur schlagen, indem man die Pfeile auf dem Keyboard vertikal hoch oder runter bewegt. Im Vergleich zu heutigen Computerspielen eine Meditationsübung.

Der Laden schien nicht in die Gegend zu passen. Ein Laden, der DVDs ausleiht, die man sich selbst aussuchen, abholen und wieder zurückbringen muss, in einer Gegend, die in den letzten 20 Jahren vollkommen durchgentrifiziert wurde und in der das Durchschnittsalter der Bewohner gefühlte 32,5 Jahre beträgt – die von Marktforschern wahrscheinlich zum Großteil in die Gruppe der Early Adopters eingeordnet würde – gehört hier nicht hin, dachte ich zunächst. Er würde in einer Zeit, in der Filme online auf allen möglichen Plattformen verfügbar sind, kostenlos oder durch Bezahlen einer kleinen Gebühr, keinen Erfolg haben.

Ich gab der Filmgalerie in meiner Straße maximal 6 Monate und richtete mich auf einen weiteren Friseur oder Deli ein.

Aber der Laden ist voll. Auf manche Filme muss man Tage warten. Leute verabreden sich im Laden. Oft steht ein Range Rover, Porsche Cayenne oder Ähnliches vor der Tür, während die Insassen DVDs aussuchen oder abgeben.

Ein Rätsel. Wie passt die Filmgalerie in diese Zeit und in diese Gegend? Ist es ein exzentrischer Ausrutscher oder ein Trend? Ist es Zukunft oder doch bloß retro? Oder beides?

Die Filmgalerie ist ein Beispiel dafür, dass nicht alles digital und vernetzt sein muss, und warum Menschen es trotzdem und vielleicht gerade deshalb lieben.

Die Filmgalerie eröffnete in meiner Straße fast zeitgleich mit den ersten Snowden-Enthüllungen über die weltweiten Spähaktivitäten des NSA. Scheinbar besteht zwischen Snowden und der Filmgalerie kein Zusammenhang. Für mich doch.

Snowden hat gezeigt, dass unsere schöne neue digitale Welt auch böse sein kann, dass, wer in ihr lebt, mit unerwünschten Risiken und Nebenwirkungen zu rechnen hat.

Die Filmgalerie und Snowden haben mich dazu gebracht, mich mit dem Thema Digital zu beschäftigen, mein eigenes Nutzerverhalten zu hinterfragen, den Blick auf jetzige und zukünftige Entwicklungen zu werfen – denn ich wollte verstehen, was die Digitale Revolution für mich als Einzelnen bedeutet und für die Gesellschaft, in der wir leben.

Herausgekommen ist dabei ein Buch von einem Bürger der digitalen Neuzeit, der Fragen stellt, Antworten findet, und der trotzig darauf beharrt, selbst entscheiden zu wollen, was für ihn gut ist und was nicht. Mehr ist das Buch nicht, aber auch nicht weniger.

Geschrieben in der zweiten Jahreshälfte 2014

in Berlin, Barcelona, London, WestBay/Dorset

Illustration

eins

Digital – Von einem Wundermittel, seinen Risiken und Nebenwirkungen

»Das Internet ist für uns alle Neuland«

ANGELA MERKEL

1

Ich fühl mich gut, ich steh auf Digital

Ich bin analog aufgewachsen, meinen ersten Computer habe ich 1988 versucht zu bedienen. Meine Diplomarbeit habe ich in Potsdam auf einer Schreibmaschine geschrieben, meine Masterarbeit auf einem weißen Würfel-Mac in London.

Bei meinem ersten Job in Brüssel lief alles noch über Hauspost und Fax. Es gab in unserer Abteilung einen Mann, der Computer bedienen konnte, eine Kombination aus Sekretärin und EDV-Experten, ein Einäugiger unter den Blinden. Meine erste E-Mail schrieb ich 1993, das WWW gab es schon, aber der Zugang an meinem Arbeitsplatz war beschränkt auf Mitarbeiter in der IT-Abteilung. Man hatte Angst, dass alle Mitarbeiter nur auf Porno-Webseiten unterwegs sein würden.

Dann ging es Schlag auf Schlag, jede Organisation musste eine Webseite haben, Onlinebanking, Blogs, Facebook, iPads, News… Ich bin ein Fan dieser Entwicklung, beinahe wäre ich selber mal Fast-Internet-Milliardär geworden, dann kam Snowden…

Ich bin in den letzten 30 Jahren vom Analogen ins Digitale hineingewachsen, ich kenne noch beide Welten.

Ich habe mich gefreut wie Bolle, als ich in Ostberlin meinen eigenen Telefonanschluss zugeteilt bekam, habe auf Schreibmaschinen getippt, habe in Lexika nachgeschlagen, bin in Bibliotheken gegangen, habe lange Liebesbriefe geschrieben und erhalten, bin mit Landkarten ans Ziel gekommen und habe mich mit und ohne Landkarten verfahren. Als ich 1989 das erste Mal sah, wie ein Faxgerät funktioniert, konnte ich kaum fassen, dass Texte innerhalb von Minuten über Tausende Kilometer an einen anderen Ort gebeamt wurden. Diese Art 2D-Printing war wie Science-Fiction.

Nachdem ich versehentlich mit frisch gepresstem Orangensaft die Tastaturen von 5 Universitätscomputern ruiniert hatte, war es 1992 Zeit für den ersten Siemens-Nixdorf-Klapprechner, ein Wunderwerk und ungefähr noch so schwer wie meine Adler Reiseschreibmaschine. Ich war unabhängig. Wunderbar.

Ähnlich ging es mir 1998 mit meinem ersten Telefonino (ich lebte da gerade in Turin). Mit meinem ersten Blackberry gehörte ich 2003 dann zu den wichtigen Leuten, die ständig erreichbar sein mussten, da sonst unabdingbar die Welt nicht funktionieren würde.

Mit MacBooks und iPhones wurde Digital auch zum Anfassen schön. Sie funktionierten, man brauchte keine Bedienungsanleitung und man wollte sie anfassen. Für meine Frau war ihr erstes iPhone eine Zeitenwende. »Es ist das erste Mal, dass ich Technik liebe.« So ging es mir 2008 mit meinem ersten MacBook.

Und dann kam das iPad, Technik, die intuitiv, geradezu menschlich funktionierte. Auf einmal konnte ich mir vorstellen, Texte, Zeitungen und Filme auf einem Computerbildschirm zu konsumieren, was ich vorher nicht gemacht hatte. Computer, auch Macs, erinnerten mich immer noch vor allem an Arbeit. iPad war anders. Ich nutzte eine Dienstreise in die USA, um mir 2010 eines der ersten iPads zu kaufen. Heute ist das schon fast Vintage.

Neben der immer schöneren Hardware gab es noch andere digitale Dinge, die wirklich clever und nützlich waren. Für mich waren das von Anfang an die sozialen Medien. Als jemand, der in den letzten 20 Jahren in 5 Ländern gelebt, in vielen mehr gearbeitet und überall dort Freunde, Kollegen und Bekannte hat, war Facebook für mich sofort eine wunderbare Möglichkeit, mit allen in Kontakt zu bleiben, sich auszutauschen, andere Perspektiven zu gewinnen. Ich sehe und benutze Facebook als meine Öffentlichkeit, meinen persönlichen Thinktank, zusammen betrieben von meinen Freunden und mir.

Ich bin drin. Ich fühl mich gut, ich steh auf Digital.

Meine Kinder sind digital natives, für sie gibt es keine Welt ohne Digital. Sie können sich eine Welt ohne Internet und iPads so wenig vorstellen wie ohne Elektrizität oder fließendes Wasser.

Wie sieht unser Alltag heute aus? Wir stehen auf, duschen, frühstücken, während wir schon mal auf Facebook und Twitter checken, was es Neues in der Welt gibt. Die Kids spielen auch schon mal Angry Bird und chatten mit Freunden über dies und das, auch Schule. Dann geht’s zur Arbeit, in der S-Bahn checken wir weiter Social Media und die News. Kaum einer guckt noch aus dem Zugfenster, alle haben ihr eigenes Fenster in die Welt. Im Büro sind wir dann erst recht permanent in irgendwelche Systeme eingeloggt, die Updates geben und uns irgendwo hinschubsen. Auf dem Nachhauseweg wiederholt sich das morgendliche Ritual und abends schauen wir online Filme, skypen mit jemandem, buchen Flüge, machen Onlinebanking, oder kaufen vielleicht online ein. Jeden Tag google ich 80 bis 100 Mal. Das ist mein Anteil an den circa 3,5 Milliarden Suchanfragen, die Google täglich erreichen.1 Wir sind praktisch nie offline. Erinnert sich noch jemand an Second Life, die Plattform, die mal the next big thing war, und wo man online sein erträumtes Lieblingsleben führen konnte? Sie ist verschwunden, weil unser First und Second Life zusammengewachsen sind.

Wir leben in der digitalen Welt, Punkt.

Digital ist ein Wundermittel, Arbeitsmittel, Heilmittel, Rauschmittel, Aufputschmittel, Entspannungsmittel, Zerstreuungsmittel, eine Droge. Alles in einem und je nach Betrachtungsweise. Man gibt es irgendwo dazu und fast sofort wird alles schneller, besser, effizienter, flacher und meist kleiner. Und irgendwie wird auch alles immer mehr.

Digital hat uns schlauer gemacht, durch Google und Wikipedia haben wir auf alles schnell eine Antwort und zu allem eine Meinung. Durch Skype kann jeder mit Freunden und Verwandten über Kontinente hinweg stundenlang reden, ohne Angst vor horrenden Telefonrechnungen zu haben, und dies auch noch in Bild und Farbe. Laptops, Tablets und Handys machen es möglich, nicht nur vom Büro aus, sondern auch in Parks, Cafés oder zu Hause zu arbeiten. Wir können aus dem aktuellen Buchangebot der ganzen Welt auswählen, auch in Originalsprache, und uns die Bücher bequem nach Hause schicken lassen. Und das funktioniert eigentlich mit fast allen Dingen. Wahrscheinlich kann man auch einen Privatjet online bestellen. Haben wir zu viel gekauft, können wir, was wir nicht mehr brauchen, auf Ebay anbieten und gleich noch einen Designerstuhl zum halben Preis ersteigern. Wir müssen nicht mehr drögen Fernsehprogrammen folgen, sondern stellen uns unser eigenes Bildschirm-Programm zusammen, inhaltlich und zeitlich passgenau. Nachrichten erhalten wir dann, wenn wir sie brauchen, und nicht nur mit der Morgenzeitung und den Tagesthemen. Um auf der Höhe der Tagespolitik zu sein, braucht es kein teures Abo für die FAZ oder eine andere Tageszeitung. Und dank Google Maps und GPS benötigen wir auch keine Stadtpläne und Landkarten mehr, kommen aber trotzdem stressfreier und pünktlicher ans Ziel. Wann immer wir etwas Zeit haben, können wir spielen, wir brauchen dazu weder Schachbrett noch Mitspieler. Jeder kann immer genau die Musik hören, die er in dem Moment gerade gut findet. Das gleiche gilt für Filme und Videos. Alles kann durch ein paar Fingerbewegungen erledigt werden, es gibt keinen Grund, sich Kälte, Hitze, Wind, Staub oder der Hektik des Tages auszusetzen. Dank digitaler Handys können wir jeden dauernd erreichen, wir brauchen uns weniger Sorgen darüber zu machen, wo unsere Kinder sind, wir können uns entschuldigen, wenn wir wieder zu spät zu einem Termin kommen, ohne dass es zu unprofessionell aussieht, wir können Reisezeiten nutzen, um notwendige Telefonate zu erledigen.

Durch Facebook, Twitter, Weibo, YouTube, Skype und unzählige Blogs ist eine Art globale Öffentlichkeit entstanden, die es früher so nicht gab oder nur in Ansätzen unter Eliten. Es bilden sich globale Meinungen zu globalen Ereignissen, Mode, Musik und Sport, die bisher nur national durch Medien geschaffen werden konnten.

All das und viel mehr haben wir Digital zu verdanken.

Was ist Digital überhaupt?

Eine Definition könnte man in zwei Zeichen oder in Buchlänge geben. Dazwischen ist viel Interpretation. Fangen wir beim Wort an. Digital bedeutet so viel wie »Zahl« und leitet sich aus dem lateinischen Wort digitus = Finger ab. Digital basiert auf der Umwandlung von elektrischen Signalen in binäre Zeichen. Daten werden durch Digital als eine Reihe von Einsen und Nullen dargestellt. Dies ermöglicht die Produktion, Vernetzung, Distribution und den Konsum von Daten.

Ich verstehe und benutze Digital im Weiteren als Sammelbegriff für vernetzte Informationstechnologie, die auf der Programmierung von Zahlen basiert. Mein Verständnis von Digital ist gesellschaftlich und kulturell. Technische Definitionen können andere besser. Es geht mir um die Anwendungen und Folgen von Digital.

Wen eine spannend geschriebene Abhandlung der Geschichte von Digital in Buchlänge interessiert, dem kann ich »Turing’s Cathedral: The Origins of the Digital Universe« des Technikhistorikers George Dyson empfehlen, der die Ursprünge der Digitalisierung auf Gottfried Wilhelm Leibniz zurückführt. Der Leipziger Digitalpionier Leibniz entdeckte schon 1679, dass sich Rechenprozesse mit einer binären Zahlencodierung durchführen lassen, und sich dadurch die Prinzipien der Arithmetik mit den Prinzipien der Logik verknüpfen lassen. Dies ist die Basis, auf der Digital funktioniert. Wir leben im Jahr 330 nach Leibniz.

Um Digital zu nutzen, brauchte man dann noch die entsprechende Maschine. Was man einen Computer nennt.

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Der erste Computer war ein Berliner. Der Berliner Ingenieur Konrad Zuse entwickelte 1941 einen funktionstüchtigen, vollautomatischen, programmgesteuerten Rechner mit Speicher und einer aus Telefonrelais bestehenden Zentralrecheneinheit. Dieser Rechner mit dem Namen Z3 wird als erster funktionsfähiger Computer der Welt bezeichnet. Einen funktionstüchtigen Nachbau kann man sich im Deutschen Museum in München ansehen.

Danach wurden programmgesteuerte Computer in den USA, Deutschland, Polen und der Sowjetunion gebaut. Der Wettlauf um die beste und schnellste Rechenkapazität hatte begonnen, und damals spielte Europa mit Siemens, Telefunken und Robotron noch eine Rolle.

1968 stellte Hewlett-Packard dann den ersten Personal Computer vor, bis dahin hatten Computer eher Zimmergröße. Was damals einen riesigen Raum ausfüllte und nur von speziellem Personal bedient werden durfte, passt heute auf ein mittelmäßiges Smartphone.

Die technischen Entwicklungen der 1960er-Jahre waren der Anfang der digitalen Zeitenwende. Die Befreiung des Menschen von geistigen Tätigkeiten hatte begonnen.

30 Jahre nachdem der damalige IBM-Chef Thomas J. Watson prognostiziert hatte, dass es nur einen Weltmarkt für insgesamt 5 Computer gäbe, stellte IBM 1975 den ersten tragbaren Computer vor.

IBM und Co. bauten dann immer bessere Computer, aber der junge Bill Gates erkannte, dass Computer nur die Hülle für ein noch nicht existierendes Nervensystem waren, das er dann 1980 für IBM unter der Bezeichnung Microsoft DOS und später als Windows für die ganze Welt entwickelte. Microsoft ist immer noch das meistbenutzte Operating-System der Welt und Bill Gates der reichste Mann auf Erden.

Die nächste große digitale Zeitenwende kam mit der Erfindung des Internets, also der Vernetzung von Computern und Daten zu einer quasi zweiten Welt, die es vorher gar nicht gab.

Interessanterweise entstand das Internet Anfang der 1960er-Jahre im Umfeld von Wissenschaftsinstituten, die sich mit staatlicher Militärforschung beschäftigten und nach einer Möglichkeit suchten, sich über Computer sicher miteinander zu vernetzen. Dieses Ur-Internet weitete sich in der Wissenschaftsgemeinde aus, blieb aber auch lange innerhalb dieser Gemeinde ein geheimer Ort.

Ab 1971 wurden über dieses Ur-Internet erste Mitteilungen verschickt. 1984 kam die erste E-Mail in Deutschland an, an der Uni Karlsruhe. Dass im Vergleich dazu heute, so schätzt man, 180 Milliarden E-Mails am Tag verschickt werden, ist schon verrückt.

Ab 1990 konnte das Internet auch außerhalb von Universitäten verwendet werden. Der Brite Tim Berners-Lee entwickelte 1989 am CERN in Genf die Grundlagen des World Wide Web, das ab Sommer 1991 weltweit verfügbar war. Aber so richtig los ging es erst 1993, als der erste grafikfähige Webbrowser namens Mosaic zum kostenlosen Download angeboten wurde. Erst dies ermöglichte die Darstellung von Inhalten des WWW. Von da an konnte das Internet auch von Technik-Laien wie mir genutzt werden.

Ich erinnere mich an die ersten Webseiten: viel unterstrichener Text und ein bisschen Grafik. Die meisten sahen aus wie schlechte PowerPoint-Präsentationen und man wartete oft eine Minute und länger, um von einer Webseite zur nächsten zu gelangen. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Dieses Internet war am Anfang ein eher anarchistischer Ort, fast eine Utopie, in der alles frei und kostenlos war. Es hatte tatsächlich etwas von einem Gemeingut, einem freien Ort, ohne Regeln, ohne Eigentum, ohne Macht.

Das Ur-Internet wurde von Hippie-Nerds aus Kalifornien und anderswo gebaut, die es lange schafften, die Regeln der ersten realen Welt aus dieser neuen digitalen Welt herauszuhalten. Mathematik, Anarchie, Science-Fiction und Pioniergeist trafen zusammen.

Davon zeugen auch die Logos der Internet-Digitalen. Schauen Sie sich die Logos von Apple und Google und den Facebook-Daumen an, alles Spaß-Logos im Vergleich zu Ford, Siemens und IBM.

In seinen Geburtsjahren war das Internet eine fast kapitalismusfreie Zone. Es dauerte ein paar Jährchen, bis sich die Hippie-Nerds ausgetobt hatten und der Kapitalismus auch das Internet eroberte.

Aber dann ging es auf einmal gigantisch schnell. Zwischen 1997 und 2000 gab es eine regelrechte Blase. Alle Leute unter 30 wollten auf einmal durch das Internet möglichst schnell und leicht reich werden. Alles schien möglich. Und es gab viele Investoren, die Millionen verwetteten für Ideen, die 1 Punkt und die 3 Buchstaben »com« beinhalteten. Erinnert sich noch jemand an Pixelpark, EM.TV, Gigabell? Dies waren die ersten Amazons und Zalandos der neuen digitalen Ära. Der bedeutendste Internet-Anbieter seiner Zeit, AOL, war auf einmal so viel wert, dass er sich eines der größten Medienhäuser der Welt, Time Warner, kaufen konnte. Die Blase platzte. Es war zu viel Ramsch darunter. Die unwirtschaftlichen Ideen blieben auf der Strecke. Übrig blieben die Leute mit einem echten Plan und mit Stehvermögen, die wahren digitalen Kapitalisten, die heutige digitale Aristokratie.

Sogar in Brüssel, wo ich damals lebte, und das weder damals noch heute eine High-Tech-Hochburg war und ist, gab es um die Jahrtausendwende jeden Monat »first tuesdays«, wo sich Leute mit Dotcom-Ideen mit Investoren trafen und gleich vor Ort Deals machten. Ich arbeitete damals für eine große amerikanische Werbeagentur, die früh erkannte, dass das Internet den Werbemarkt revolutionieren würde. Unsere Werbestrategen sahen eine Zeit voraus, in der jeder Konsument auf Grundlage seines täglichen Verhaltens im Internet – und der Spuren, die er dabei hinterlässt – persönlich auf ihn zugeschnittene Werbung erhalten würde. Einfach indem die Werber diese Spuren einsammeln, auswerten und zu Kundenprofilen zusammenstellen, die dann passgenaue Werbung ermöglichen. Das war die Erfüllung des Traumes vom Direct-Marketing, das bis dahin per Post und mit riesiger Streuung eher schlecht als recht veranstaltet wurde. Jetzt konnten wir Werber unser Know-how im Datenmanagement nutzen, digitalisieren und ausbauen. Der Wert von Daten war uns schon damals, lange vor der Diskussion um Big Data, bewusst.

Fast wäre ich in dieser Zeit selber Internet-Unternehmer geworden, vielleicht sogar Internet-Milliardär. Meine Idee hieß My Paper und stellte Nutzern ihre eigene Zeitung zusammen, auf Basis ihrer Präferenzen (zum Beispiel Politik in Englisch aus dem Guardian, Kultur in Deutsch und Englisch, Sport in Italienisch aus Gazzetta dello Sport, Vermischtes aus der Bildzeitung etc.). Auf der Grundlage einer damals neuen Software konnten wir nicht nur eine Liste von Links liefern, die einen dann zu einer anderen Webseite schickten, sondern die aggregiert zusammengestellten Artikel auch so formatieren, dass das finale Produkt tatsächlich wie eine Zeitung aussah. Das war 2000, dann platzte die Dotcom-Blase und es gab keinen müden Franc mehr für eine Internet-Idee.

Illustration

Nicht nur bei personalisierten Medien dauerte es noch ein bisschen, bis sich digitale Geschäftsmodelle wirklich durchgesetzt hatten. Am Anfang stand der Versuch, über Werbung Geld zu verdienen, später durch Shopping ohne physische Einkaufsfläche. Dies kann man als die Lehrjahre des digitalen Kapitalismus bezeichnen.

Seit ein paar Jahren dreht sich nun alles darum, was man mit den vielen gesammelten Nutzerdaten alles machen kann, nämlich viel mehr als nur Werbung und Bücher zu verkaufen.

Data ist Big, Big Data.

Jeder Mensch hinterlässt jeden Tag durch die Nutzung digitaler Medien unzählige Spuren und gibt so, gewollt oder ungewollt, Auskunft über seinen Standort, seine Freunde, seine Überzeugungen, über seinen Konsum, über ganz wesentliche Aspekte seines Lebens. Das hat er vorher auch getan, aber es war wie Luft, »im Winde verweht« oder auch Abfall des Lebens.

Im Digitalen Zeitalter wird dieser Abfall wertvoll und deshalb abgesaugt. Alles wird registriert, aufgezeichnet, vernetzt. Nichts geht verloren. Daten sind der Rohstoff und Treibstoff von Digital.

Ein Bericht des World Economic Forums in Davos2 bezeichnet persönliche Daten als das neue Öl, als die Ressource des 21. Jahrhunderts. Und im Unterschied zu Öl lassen sich Daten problemlos fördern, es gibt sie überall, sie verschmutzen die Atmosphäre nicht und finanzieren keine autoritären Regime. Es ist wie im Märchen, wo die Goldmarie aus Stroh Gold spinnt.

Wir haben eine Digitale Revolution miterlebt, die unsere Arbeitswelt, aber auch unsere private Welt, unsere sozialen Beziehungen, unsere Konsumption von fast allem und in der Folge eigentlich unser ganzes Leben total umgekrempelt hat, in nur 25 bis 30 Jahren.

Für mich als Ostberliner war der Fall der Berliner Mauer das bisher prägendste Erlebnis meines Lebens. Aber im Vergleich zur Digitalen Revolution war dies nur ein lokales politisches Ereignis mit relativ geringfügigen Auswirkungen. Die Digitale Revolution hat die ganze Welt erfasst und hält sie auf Trab.

Die Industrielle Revolution hatte eine ähnlich tiefgreifende Wirkung, brauchte dafür aber über 200 Jahre. Im Verlauf hat sie unter anderem die Spinning Jenny, den Manchester-Kapitalismus, die Eisenbahn, die Titanic, Adam Smith, Max Weber, Marx/Engels/Lenin und erste Sozialgesetze hervorgebracht.

Digital ist wie die Industrielle Revolution, aber auf Speed. Waren im Industriezeitalter Kohle, Öl und Stahl die entscheidenden Faktoren, sind es heute die Daten. Und Daten können wir unendlich produzieren.

Das Tolle an Digital ist, dass es dauernd neue Bedürfnisse schafft, die man vorher gar nicht erahnen konnte, außer Star-Trek-Fans vielleicht. Wir wussten nicht, dass wir dauernd Kurznachrichten über unsere Befindlichkeiten in die Welt schicken wollen, wir wussten nicht, dass wir dauernd im digitalen Flohmarkt unterwegs sein wollen, wir wussten nicht, dass wir Weltnachrichten minütlich erhalten wollen, wir wussten nicht, dass wir immer beruflich erreichbar sein wollen, wir wussten nicht, dass wir Filme von uns, unseren Freunden und unserer Familie der ganzen Welt zeigen wollen, wir wussten nicht, dass es auf jede Frage sofort mindestens eine Antwort gibt.

Diese neuen Bedürfnisse werden digital sofort erfüllt, und das mit immer schnellerem Tempo. Die Vorstellung, dass wir morgen nur noch die digitalen Bedürfnisse von heute haben werden, kommt uns rückschrittlich vor.

Wie die Geschwindigkeit der Digitalen Revolution wahrgenommen wird, liegt im Auge des Betrachters. Für die über 40-Jährigen scheint sie dramatisch hoch, da sie sich noch an eine Zeit ohne Internet und Smartphone erinnern können. Für die Jüngeren ist die Digitale Revolution Alltag. Sie gehen davon aus, dass das brandneue Smartphone am Ende des ersten Verkaufstages schon Vintage ist. Digital war in ihrer Muttermilch.

Und Digital ist grenzenlos, es ist nicht an Nationalstaaten gebunden, es gibt keine Mauern, bisher. Digital ist global, mit Digital kann jeder ein Weltbürger sein. Für jemanden wie mich, der hinter einer Mauer aufgewachsen ist, zählt das viel.

Wenn man später mal gefragt werden wird, wo man denn war, während der Digitalen Revolution, was antwortet man? War man ein Revolutionär, der das alte Regime gestürzt hat? Oder war man ein Mitläufer? War man ein Reaktionär, der die Revolution aufhalten wollte?

Ich sehe mich auf der Seite der Revolution. Ich bin aber kein digitaler Revolutionär, kann nicht programmieren und hab auch kein digitales Start-up. Wie die meisten von uns bin ich ein digitaler Mitläufer. Sagen wir im vorderen Drittel.

Ich fühl mich gut, ich steh auf Digital. Bisher.

2

Weltverbesserung mit Zahlen

»Don’t be evil«

GOOGLE

Es gibt eine Menge Gründe, die Welt verbessern zu wollen, denn das Leben ist kompliziert und wird nicht einfacher. Überall gibt es Konflikte und Probleme. Trotz wachsenden Reichtums hungern immer noch Millionen Menschen, unsere mit Kohlenstoff befeuerte Wirtschaft treibt uns in die Klimakatastrophe, religiöse Streitigkeiten nehmen nicht ab, sondern zu, ständig brechen irgendwo auf der Welt Epidemien aus, Flüchtlingsströme nehmen nicht ab, sondern zu und der Nahe Osten kann einfach keinen Frieden finden. In Europa hat die Eurokrise das Vertrauen in die europäische Integration erschüttert und neue Populisten gestärkt. Wladimir Putin hat angefangen, wieder Grenzen in Europa zu verschieben.

Mit Weltverbesserern verbindet man Menschen wie Nelson Mandela, Mahatma Gandhi, Albert Einstein, Bono und Michail Gorbatschow. Aber auch große Philanthropen wie die Rockefellers und Carnegies, Bill Gates und George Soros.

Aber könnte Weltverbesserung nicht auch einen Schuss Digital vertragen und damit besser, schneller und wesentlich effizienter werden?

Die meiste Zeit meiner digitalen Existenz habe ich mit Microsoft-betriebenen Geräten verbracht. Eines Tages schlenderte ich in einen der neueröffneten Apple Stores in London und war verzaubert. Es war eine andere Welt. Apple-Geräte und Software waren intuitiv, einfach zu bedienen, schnell und schön. Ich war fasziniert von Apples Methode, komplexe Dinge einfach und schön zu machen, und Arbeitsmaschinen zu intuitiven Partnern, die man anfassen und umarmen will. Mich faszinierte die Fähigkeit, Lösungen zu finden, die intuitiv sind, sich an echten Menschen orientieren und ohne Bedienungsanleitungen auskommen. Ich fragte mich, was wäre, wenn man die Methode Apple nutzen würde, um Weltprobleme zu lösen: problem- und kundenorientiert, kreativ aber simpel, intuitiv und schön. Damals war das nur ein Gedankenspiel, aber anscheinend haben andere in der Zwischenzeit Ähnliches gedacht.

Bei digitaler Weltverbesserung denken viele zuerst an Wikipedia, Kickstarter und BetterPlace, vielleicht sogar an den Arabischen Frühling. Da ist viel dran.

Wikipedia sammelt und kommentiert das Wissen dieser Welt in Echtzeit und dies als gemeinnützige Organisation, die mithilfe von Millionen Freiwilligen das immer aktuelle globale Lexikon erstellt. Wer könnte sich ein Leben ohne Wikipedia noch vorstellen? Die Schüler dieser Welt sicher nicht mehr. Ich bin ein Fan.

BetterPlace ist ein Beispiel für eine neuartige gemeinnützige Organisation, die online Geld sammelt, um Weltverbesserungsprojekte zu unterstützen. Statt die Weltverbesserung reichen Philanthropen zu überlassen, kann jeder Einzelne mitentscheiden und initiieren, was wie besser gemacht werden soll. Auch eine prima Idee.

Das sind Ideen, die traditionelle Weltverbesserung mit Digital verbinden. Sagen wir Weltverbesserung 2.0.

Aber mit Digital kann man viel, viel mehr machen. Digital ist ein Wundermittel, das man auch bei der Lösung richtig schwieriger und systemischer Fälle anwenden kann, zum Beispiel beim Klimawandel, bei Krankheiten oder wenn es um Verkehrstote oder den Terrorismus geht. Manche Leute sagen, man könne alle Probleme dieser Welt damit lösen.

So ähnlich wie Malen mit Zahlen, wo man sich seinen eigenen Picasso malen kann, indem man Zahlenfelder ausfüllt, kann man auch Schritt für Schritt, Zahl für Zahl, Weltprobleme lösen.

Man kann jedes Problem berechnen, analysieren, einen Algorithmus bauen, die Lösung herbeiführen. Klingt gut. Gucken wir uns ein paar Beispiele an.

Smarte Sicherheit Bisher haben wir Digital über eine gewisse Anzahl von Geräten genutzt: vor allem durch Computer und Smartphones. Aber fast alle Dinge, die wir im Alltag benutzen, beispielsweise Autos, Drucker, Kleidung, Rucksäcke oder Waschmaschinen, verfügen schon über elektronische Chips, die sich relativ einfach mit anderen Chips verbinden ließen, um Daten miteinander auszutauschen. Wenn man dies tut, bekommt man ein Netz der Dinge, the internet of things.

Wenn alles mit allem in Verbindung steht, kann man versuchen, das System auf smarte Stabilität ohne Kollisionen zu programmieren. Alle Dinge im System sollen und müssen dann so funktionieren, dass sie den Regeln entsprechen und das Gesamtsystem nicht stören. Der Publizist und Netztheoretiker Evgeny Morozov nennt dies smartification.