Über das Buch

Geschlechterrollen sind allgegenwärtig. Sie geben vor, wie wir auszusehen, zu sprechen, zu lieben und zu arbeiten haben. Sie legen fest, wo wir uns einmischen dürfen und wo nicht – Mädchen und Jungen, Männer und Frauen. Katrin Rönickes Geschichte ist die Geschichte einer ganz normalen Frau und zeigt gerade deshalb besonders klar, wo wir alle noch in Geschlechterrollen gefangen sind, was sie mit uns machen, und wie wir ihnen entkommen können.

Katrin Rönicke

BITTE FREIMACHEN

Eine Anleitung zur Emanzipation

METROLIT VERLAG

Katrin Rönicke, Bitte freimachen – Eine Anleitung zur Emanzipation

ISBN 978-3-8493-0370-9

Metrolit Digital,

veröffentlicht bei METROLIT, Berlin, 2015

© Metrolit GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2015 bei METROLIT

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Covergestaltung: studio grau, Berlin

http://studiograu.de/

Konvertiert durch: le-tex publishing services GmbH,

www.le-tex.de

www.metrolit.de

Inhaltsübersicht

Cover

Über das Buch

Impressum

Vorwort

1. Gefangen in einem widerlichen Körper

2. Gefangen in der Biologie

3. Flirten nach #Aufschrei

4. Liebe, Sex und Zärtlichkeit

5. Vergewaltigung ist so ein böses Wort

6. Was kann Sex

7. Keine Kinder bekommen müssen

8. Mein Kind macht mich zur Feministin

9. Helikopter-Eltern und Übermütter – Plädoyer für engagierte Elternschaft

10. Pink stinkt nicht, aber etwas stinkt gewaltig

11. Equal Pay: Weil Frauenberufe es wert sind

12. Her mit dem schönen Leben

13. Hartzt du noch oder lebst du schon?

14. Die arbeitsfreie Gesellschaft

15. Bin ich, was ich inszeniere?

16. Gefahren im Netz

17. Netzfeminismus – Segen und Fluch

18. Politik ist cool, oder: Frauen in Haifischbecken

19. Hier und in der ganzen Welt: Konfliktlösungen brauchen Frauen

Dank

Literaturverzeichnis

Biografie

Impressum

Über die Autorin

VORWORT

Schon als ich ein kleines Mädchen war, haben Ideale über Weiblichkeit begonnen, meinen Bewegungsradius als Mensch einzuschränken. Jedoch ohne dass mir das bewusst gewesen wäre. Erst spät erkannte ich die Wirkmächtigkeit von Rollenvorstellungen und Stereotypen, die Mann und Frau beeinflussen. Seien es die Mädchen- und Frauenzeitschriften, seien es die Fernsehsendungen, die eigenen Freunde, Verwandte, Bücher und Geschichten aus aller Welt – überall werden sehr ähnliche Motive über ein richtiges Frauenleben transportiert. Wir sind gefangen in Bildern, Erwartungen und kulturellen Normen. Überall wird festgelegt, was richtig, schön oder kultiviert ist und was nicht. Dabei gibt es so viele, buntere Wege, die Frauen und Männer in ihrem Leben einschlagen können. Auf der Suche nach meinem eigenen Weg habe ich immer wieder Fesseln an meinem Körper, vor allem aber in meinem Kopf gefunden, die mich jahrelang, teilweise jahrzehntelang auf etwas festgelegt hatten, nur weil „man das eben so macht“. Die Fesseln zu lösen, den Blickwinkel zu verrücken hat oft lange Zeit gedauert und nicht selten wehgetan.

Wie könnte ein anderes Frauenleben jenseits der Rolle aussehen? Was können wir in unserem Denken ändern, um mit unseren Körpern, unseren Beziehungen, unseren Kindern, unseren Freunden auf Facebook und in der Politik andere Wege jenseits der alten Geschlechtertrampelpfade zu beschreiten? Wie geht sie wirklich, diese Emanzipation, von der unsere feministischen Mütter im Geiste schon vor Jahrzehnten sprachen? Wie geht sie ganz konkret, in unserem Alltag und in unserer gesamten Gesellschaft? Was können wir selbst tun, was muss die Politik ändern, wie können Frauen auf der ganzen Welt zu mehr Freiheit, mehr Sicherheit und eigener Emanzipation kommen?

Die Menschen, die mir in meinem Leben begegneten, haben mir geholfen, diese Fragen zu beantworten. Die einen durch Engagement und Mutmachen, durch stundenlange Gespräche bei Wein und am Rande von ausgelassenen Feiern in meinen Lieblingstechnoclubs; die anderen in politischen Debatten, bei der Heinrich-Böll-Stiftung, den Grünen, der Grünen Jugend und natürlich im Netz. Wieder andere haben mich geprägt, weil sie mir gezeigt haben, was ich nicht mehr will.

Immer noch ist das Wort „Emanze“ negativ besetzt. Es gilt als abschreckende Bezeichnung für eine, die sich nimmt, was sie für richtig hält und dabei gesellschaftliche und private Konventionen verletzt, nach denen Schönheit alles ist und Frauen keine eigenen Ziele in der Ökonomie, der Politik oder der internationalen Konfliktprävention haben. „Zwar stehen dieser Generation mehr Möglichkeiten offen als ihren Eltern. Aber egal welchen Weg die jungen Frauen einschlagen, sie haben Komplexe wegen ihres Aussehens. Und das Ideal, das ihnen vorgegaukelt wird, ist künstlich und puppenähnlich. Es ist nicht die natürliche Schönheit einer Frau, sondern das gewachste, angemalte und solariumgebräunte Image von Schönheit.“ So die britische Autorin Natasha Walter.

Die Namen der Menschen in diesem Buch sind bis auf diejenigen, die öffentliche Persönlichkeiten sind, alle geändert. Das dient zum einen dem Schutz ihrer Persönlichkeit, zum anderen habe ich nicht immer vollstes Vertrauen in meine Erinnerungsgenauigkeit. Auch sind die Namen gar nicht so wichtig, denn Geschichten wie meine erleben Frauen auf der ganzen Welt so, so ähnlich oder noch viel schlimmer jeden einzelnen Tag.

Doch was wäre, wenn alles ganz anders wäre? Wenn wir mit einer neuen Offenheit als Frauen und Männer lebten? Wir könnten so viel gewinnen!

1. GEFANGEN IN EINEM WIDERLICHEN KÖRPER

Im Schlafzimmer meiner Eltern steht ein großer weißer Kleiderschrank, der beinahe die komplette Wand verdeckt. Ein riesiger Koloss mit Schiebetüren, von denen eine komplett verspiegelt ist. Ich bin vierzehn Jahre alt und stehe vor diesem Koloss. Ich kann im Spiegel meine Füße sehen und meinen Kopf, ich habe ein Bild meiner selbst in Lebensgröße vor mir. Wir schreiben das Jahr 1997.

In England gewinnt die Labour Party unter Tony Blair die Wahlen zum Unterhaus und führt damit nach achtzehn Jahren einen Regierungswechsel in Großbritannien herbei. Polen und die Ukraine unterzeichnen eine Versöhnungserklärung. Südafrika gibt sich eine neue Verfassung und Roman Herzog hält seine berühmte Rede, in der er erklärt, dass durch Deutschland „ein Ruck“ gehen müsse. Und all das ist so was von egal, denn die weltbewegende Nachricht 1997 wird für mich immer bleiben: Katrin mag ihren Körper. Durch Katrin ist ein Ruck gegangen.

Denn mein Spiegelbild und ich sind an diesem Tag Freunde geworden, nach einer jahrelangen Feindschaft. Jahrelang hatte ich mir eine Art antrainiert, meinen Körper zu sehen, die mich ihn hassen ließ. Damit war jetzt Schluss. Mir sah ein Mensch entgegen, den ich mochte: ein junges Mädchen, das eine locker sitzende Jeans trägt, schulterlanges blondes Haar, und das einen schlabberigen alten Pullover ihres Vaters angezogen hat. Sie lächelt, ihre grüngrauen Augen blicken wohlwollend. „Hallo du. Du bist eigentlich ganz okay.“

Hätte ich diese Erkenntnis aus dem Frühjahr 1997 schon drei oder vier Jahre vorher gehabt, wäre ich heute ein anderer Mensch: Vielleicht wäre ich eine große, prallbusige Frau, die durch ungewöhnliche Augenbrauen, wie sie Frida Kahlo einst hatte, nur interessanter wird. Jene Frida-Kahlo-Augenbrauen hatten in der vierten Klasse angefangen, mein Gesicht zu bevölkern und munter drauflos zu wachsen. Wie überhaupt in der vierten Klasse ganz viel ganz plötzlich zu wachsen angefangen hatte, und anstatt mich zu freuen, überrollte mich diese plötzliche Veränderungswelle gnadenlos.

Keine einzige Veränderung konnte ich schätzen: Nicht die interessanten Augenbrauen, die immer dunkler wurden und immer dichter und auch meine Nasenwurzel zu bevölkern begannen. Annemirl, meine damalige beste Freundin, befand nämlich, mir wachse da „eine Brille aus Haar“. Die Brüste, die ebenfalls zu wachsen begannen, konnte ich auch nicht freudig willkommen heißen – wenngleich sie manchem Jungen in der Schule nicht gerade ein Dorn im Auge waren. Aber für mich und meine Freundinnen hatte immer festgestanden: Brüste in der Grundschule sind einfach so was von peinlich!

Noch ein wenig weiter unten wuchs aber etwas noch viel Schlimmeres: ein Busch. Ein mieser, kleiner Busch, den ich in der Schule zwar wunderbar verstecken konnte, aber im Schwimmunterricht fiel der Vorhang: Die fiesen kleinen Haare wuchsen an den Seiten des Badeanzuges verräterisch heraus und waren die Attraktion bei den Jungen, deren Kichern sich wie ein Martinshorn in meine Ohren brannte. Besonders im sommerlichen Freibad, dem Ort, an dem viele Jungen und Mädchen einander zum ersten Mal andere Blicke zuwerfen, war die Sache höchst unerfreulich.

Schlussendlich wurden meine Beine ohne Gnade immer länger. Die Hosenbeine wurden zu kurz, ich sah aus wie ein weiblicher Steve Urkel ohne Brille, und ich ragte über so ziemlich jede Klassenkameradin mindestens einen Kopf hinaus. Die Bilder aus dieser Zeit zeigen immer einen unbeholfen dastehenden unförmigen Riesen – mich – neben normalen Kindern. Auch meine Füße hatten damals schon Schuhgröße 38. Das ist bis heute so geblieben.

Ich hatte also im zarten Alter von zehn Jahren ein handfestes Problem mit meinem Körper, das sich in Form von Haaren, Kurven, Füßen und Beinen manifestierte. Die Krönung kam kurz vor meinem elften Geburtstag, als mir plötzlich Blut in den Schlüpfer lief. Meine erste Periode. Sie beehrte mich von nun an regelmäßig, und mit ihren Krämpfen und dem ganzen Blut erinnerte sie mich daran: Erwachsenwerden ist scheiße. Es war das Schlimmste, was mir seit langem passiert war, das Schlimmste seit 1987, als mein Vater uns in der DDR ließ, der Dissident, dem wir erst nach über zwei Jahren Bitten und Betteln und Behördenschikane folgen durften. Ja – ich bin nicht einmal sicher, ob Erwachsenwerden nicht schlimmer war als das. Es erfasste meinen ganzen Körper, es war eine Pest, ich hatte keine Chance, diesem Zustand auch nur eine Sekunde lang zu entrinnen.

Im Kopf wollte ich nur ein unbesorgtes kleines Kind sein – so wie alle anderen auch. Aber mein Körper hatte anderes mit mir vor.

Diese Diskrepanz zwischen Körper und Kopf sollte die nächsten vier Jahre lang mein Leben bestimmen. Vier Jahre, in denen ich mich deplatziert, deformiert und von Gott gehasst fühlte. Immerhin an ihm konnte ich mich am Ende dieser qualvollen Phase rächen: Ich blies meine späte Taufe ab – in der DDR waren wir ja alle nicht getauft worden. Ich cancelte die Konfirmation und bestand stattdessen auf einer soliden, ostdeutschen Jugendweihe. Vermutlich war meine Jugendweihe die allererste (und vielleicht auch die letzte), die jemals im lieblichen Taubertal stattgefunden hat.

Für all meine anderen lapidaren Probleme suchte und fand ich pragmatische Lösungen: Die Haarbrille wurde einfach mit der Pinzette weggezupft, meine Mutter zeigte mir, wie das ging – sie war erfahren, denn auch ihr wäre als Jugendliche beinahe eine gewachsen. Im Schwimmbad trug ich Badeanzüge, wie sie in den 50ern schick waren, und redete mir ein, jetzt sei ich so modisch wie Marilyn Monroe. Damit waren die Schamhaare unter das Lycra verbannt und nicht mehr zu sehen. Um meine Brüste zu verstecken, trug ich weite, sackähnliche Schlabberpullis, wie sie in den 90ern zum Glück ohnehin in Mode waren. – Tja, ein Jammer, dass ich nicht im Jahr 2014 zehn Jahre alt war, dann hätte ich bei H & M und C & A schon BHs für mich kaufen können. Gegen meine Körpergröße erfand ich den gebückten Gang – eine evolutionäre Weiterentwicklung des aufrechten Ganges –, mit dem ich mich klein machte und den Kopf gleichzeitig ein wenig senkte und auch einzog; dabei verformte sich meine Wirbelsäule leider etwas, was sich fünfzehn Jahre später meine Orthopädin seufzend ansah. Nur die Füße – für die fand ich keine Lösung. Die waren eben einfach groß, aber zum Glück ja auch ganz unten am Boden, die sah man nicht so sehr.

Die größte Herausforderung war meine Periode. Abstellen ließ sie sich nicht. Die Krämpfe waren mit Schmerzmitteln einigermaßen unter Kontrolle zu bringen, aber sie war da. Sie war da und sie war heftig und ich hasste sie. Vom Wünschen ging sie nicht weg. Also beschloss ich, clever wie ich war, sie zu ignorieren. Ganz nach dem Motto „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“, verhielt ich mich so, als gäbe es sie gar nicht. Das zeigte sich daran, dass ich meine Binden immer erst dann wechselte, wenn es schon zu spät war: Wenn Polster und Hosen vollgeblutet waren und meine Mutter eine gequälte Miene machte, weil sie mich doch noch daran erinnert hatte – was ich aber ebenfalls ignorierte. Es war also nur eine semi-erfolgreiche Strategie.

Mit viel kindlicher Kompetenz ging ich all meine Körper-Probleme an und überstand auf diese Weise die ersten drei Jahre meiner Entwicklung zu einem erwachsenen Wesen. Eine Entwicklung, die, wie ich heute finde, mindestens drei Jahre zu früh anfing. Aber damit war ich bloß Avantgarde! Heute ist das alles ganz normal. Ob es aber unbedingt leichter ist?

Heute weiß ich, dass ich weniger alleine war als ich mich fühlte. Längsschnittstudien zeigen, dass die Pubertät bei Mädchen immer früher einsetzt1 – und tatsächlich begann dieses Phänomen ungefähr in meiner Kindheit. Unsere Eltern hatten oft erst mit vierzehn oder fünfzehn Jahren angefangen, erwachsen zu werden.

Das Problem ist aber, dass bei Mädchen die Veränderungen, die mit der Ausschüttung von weiblichen Hormonen, etwa dem Östrogen, eingeleitet werden, häufig nicht mit dem Entwicklungsstand im Kopf übereinstimmen. Hinzu kommt der Wunsch, normal zu sein, nicht anders. Kinder wollen gern so sein wie die anderen Kinder. Ich jedenfalls wollte das. Nur hatte ich keine Wahl.

ZU DRITT AUF EINEM IRREN TRIP

Magda und Rosina betreten in der sechsten Klasse die Bühne. Und was jetzt folgt muss mit der großen Warnung „Liebe Kinder, bitte nicht nachmachen!“ erzählt werden. Magda und Rosina waren nicht „von hier“, sondern wie ich zugezogen. Magda aus Polen und Rosina aus dem Rheinland. Zwar waren sie lange nicht so groß und auch noch nicht so weit entwickelt wie ich, aber sie hatten schon ein bisschen Kurven, leichten Brustansatz und sie interessierten sich für ihre körperlichen Makel – sehr sogar.

Wir schlossen uns regelmäßig zu dritt in unseren Noch-Kinderzimmern ein und hielten Wettbewerbe darüber ab, wer die deutlichst erkennbare Orangenhaut habe, wer den dicksten Hintern oder die dicksten Oberschenkel – die dürfen einander in aufrechtem Stand keinesfalls berühren! – und wer die störrischsten Haare. Zwar waren beide unglaublich hübsch – deswegen eiferte ich ihnen auch sehr nach, sie waren einfach cool und schon für ältere Jungs interessant –, aber sie waren gut darin, die Illusion aufrechtzuerhalten, Mängelexemplare zu sein. Und mich, das wahre hässliche Entlein, nahmen sie in ihre Mitte.

Gemeinsam hatten wir eine großartige Zeit: Wir kauften uns alle Frauenzeitschriften, derer wir habhaft werden konnten, und mixten die dort empfohlenen selbst gemachten Masken nach; immer in der geheimen Hoffnung, dass wir meine Pickel damit wegkriegen – die anderen hatten keine. Wir gingen zusammen „einklaufen“, wie wir das nannten. Das hieß, dass wir uns in Drogerien Schminkutensilien besorgten, die wir uns nicht leisten konnten und deswegen auch nicht bezahlten.

Diese Missetaten schweißten uns noch mehr zusammen. Es war zugleich eine Mutprobe und ein Geheimnis unter uns dreien. Weil aber die Gerechtigkeit in meinem Leben eine recht große Rolle spielt – und zwar immer dann, wenn ich ungerecht gegen andere bin –, fiel mir die Klauerei recht bald arg auf die Füße. Ich wurde erwischt und meinen Eltern flatterte ein Brief von der Polizei ins Haus; sie waren ganz und gar nicht amused und ich für mein Leben verschreckt.

Aber bei Magda und Rosina war man leider nur cool, wenn man ihre Spielchen mitmachte. Dabei meinten sie es nicht böse. Nein – ich glaube, sie hatten tatsächlich auch Komplexe. Sie waren auch Außenseiterinnen. Magda kam wie gesagt aus Polen, und Rosina hatte eine dicke, schwarze Mutter. Sie selbst war also eine sehr hübsche Mischung aus Schwarz und Weiß, doch sie schämte sich sehr für ihre Mutter und hatte panische Angst, zu werden wie sie.

Genau wie ich gierten sie beide nach Anerkennung, nach Bestätigung und nach Liebe – weswegen wir immer versuchten, uns selbst vor den anderen beiden in einem hellen Licht dastehen zu lassen, während sie „ablosten“, also versagten. Dass eigentlich immer ich abloste, war total egal – die Illusion, dass sie auch Fehler hatten, war realistisch genug.

Wir zogen los und besuchten ein Klamottengeschäft, in dem man originale Cordhosen aus den 70ern, mit richtig tollem Schlag kaufen konnte. Leider war die größte Größe, die es dort gab, eine 27er Hüfte. Ich habe immer schon Größe 28 getragen – ich habe das bis heute (na gut, das ist geflunktert, ich bin eine Nummer breiter geworden, aber ich habe Ausreden auf zwei Beinen in die Welt gesetzt). Magda passte wie eine Schaufensterpuppe in die Hosen hinein und ließ nicht locker mir einzureden, dass ich in Wahrheit doch viel schlanker sei als sie mit ihren dicken Oberschenkeln. Ich nehme ihr sogar ab, dass sie selbst wirklich an die dicken Oberschenkel glaubte – Fakt ist aber: Sie war zart wie eine Elfe.

Ich war die einzige von uns dreien, der keine dieser Hosen passen wollte, und das war eine erneute Demütigung. Weil Magda aber eine unglaublich solidarische Freundin war, fingen wir gemeinsam an, eine Diät zu machen. Aus irgendeiner unserer Zeitschriften hatten wir die gute Idee entnommen, zum Abnehmen nur 500 Kalorien am Tag zu uns zu nehmen. Frauenzeitschriften lieferten Vorbilder für alles! Dass darin exzessiv gephotoshoppt wurde, dass die Kurven und die perfekten Körper nicht echt, sondern mit Fotoprogrammen bearbeitet waren, das wussten wir nicht.

Laut einer Studie haben drei von vier Teenagern auch heutzutage nach dem Konsum einer typischen Frauenzeitschrift stark zu kämpfen.2 Nach nur drei Minuten Durchblättern fühlten sie sich deprimiert, abstoßend und hatten ein schlechtes Gewissen. Die drei häufigsten psychischen Probleme bei jungen Mädchen sind bis heute: Essstörungen, Depressionen und mangelndes Selbstbewusstsein.3

Ich hatte alle drei am Hals und war froh, als meine Kilos dank der 500-Kalorien-Diät purzelten. Morgens und abends besuchte ich meine Waage und in den ersten zwei Wochen lief die Sache ganz prima. Dieses Erfolgserlebnis machte mich einerseits wagemutig und andererseits arrogant. Ich begann zuerst damit, mir Klamotten zuzulegen, die meine Sexiness betonten – ganz so, wie ich es in den Frauenzeitschriften und den Mädchenblättern gelernt hatte. Bauchfrei, enge kurze Hosen, hochhackige Glitzerschuhe. Dazu gewagte Frisuren mit den unterschiedlichsten Spängchen. Alles war irgendwie grell und bunt – so wie auf dem Cover der GIRL! –, und ich bin sicher, dass ich alles andere als schön aussah. Eher gewollt und nicht gekonnt.

Aber das änderte nichts daran, dass ich mich wegen meines Gewichtsverlusts sehr stark fühlte. Endlich lief einmal etwas so, wie ich mir das vorgestellt hatte. So ließ ich mich auch dazu hinreißen, mit Magda und Rosina über jene Mädchen aus unserer Klasse zu lästern, die nicht so abnehmgeil waren wie wir.

Sicher: Wahre Schönheit kommt von innen, benötigt keine Aufdonnerungsrituale und erst recht keine Menschen, über die man lästert, um sich selbst besser zu fühlen. Heute weiß ich das. Damals aber war ich, mit Magda und Rosina, auf einem Trip, und keiner von uns fiel auf, wie idiotisch wir uns aufführten. Meine Mutter faselte manchmal etwas von „schlechtem Umgang“ und dass sie es nicht gern sähe, wenn ich mit den beiden so viel machte. Doch dadurch wurden sie in meinen Augen nur noch cooler.

Also hing ich weiter mit den beiden ab – vor allem mit Magda, meiner Diät-Kumpanin. Wir wurden wie Schwestern, schnitten uns ähnliche Frisuren und übernachteten oft beieinander. Die logische Konsequenz war, dass Rosina anfing, mich zu hassen. Und sie hatte ein neues Ziel: Mich fertig machen. Und es fiel ihr überhaupt nicht schwer, eine Allianz gegen mich zu bilden, nämlich mit all den Mädchen, auf die ich angefangen hatte herabzusehen.

Meine Klassenkameradinnen taten ihre Verachtung kund: Sie sammelten sich alle in der Schulbibliothek und schafften es, eine ganze große Pause lang zu eruieren, was für Macken und Peinlichkeiten an mir zu entdecken seien. Zum Glück hatte ich noch Magda, die als einzige zu mir hielt! Sie nahm meine Hand, und feinfühlig, wie sie war, führte sie mich unauffällig in Hörreichweite dieser Konferenz, so dass ich jedes Wort mitbekam. Es war die pure Häme, Gehässigkeit und sehr viel Gelächter. Mir schossen die Tränen in die Augen. „Ich halte zu dir“, sagte Magda und nahm meine Hand. Nun hatte ich also nur noch sie.

Ich war unendlich dankbar, dass sie bei mir blieb – und ich steigerte mich nur noch mehr in alles rein, was unsere Freundschaft ausmachte – vorneweg die Diät. Sie selbst war auch irgendwie aus dem Gleichgewicht geraten. Bis heute weiß ich nicht wieso, aber eines Tages kam sie nicht in die Schule, weil sie zu Hause einfach alle Tabletten geschluckt hatte, die im Medizinschrank zu finden waren. Als ich sie im Krankenhaus besuchte, wo sie mit ausgepumptem Magen lag, redeten wir nicht weiter darüber. Ich wusste nicht, wie man so ein Gespräch überhaupt führen sollte, und sie quasselte unablässig wie ein Wasserfall über anderes. Als man ihr eine Psychotherapie angedeihen ließ, lästerte sie bei mir immer darüber, was für eine bescheuerte Pute ihre Therapeutin doch sei. Wie schnell sie sich in die Irre führen und sich etwas vormachen ließe. Wir lachten alle aus – alle die uns zu kennen meinten. Und so machten wir immer weiter.

Bis – plötzlich und für mich völlig unerwartet – Magda und Rosina wieder beste Freundinnen wurden. Und ich das fünfte Rad am Wagen.

Für eine solche Situation hatte ich viel von den beiden gelernt: Ich überlegte, ob es vielleicht angebracht wäre, auch zu Tabletten zu greifen. Ich malte mir dramatische Szenen aus, wie es allen plötzlich leid täte, mich so verletzt zu haben, wenn man mich tot auffände. Aber ich hatte eine viel bessere Idee: Sterben ja – klar, gerne. Aber bitte auf Raten, und zwar mit einer schönen Essstörung. Magda und ich hatten manchmal unseren BMI ausgerechnet und Magda hatte irgendwo gelesen, dass ihrer nur knapp – sehr knapp – über „Magersucht“ lag. Meiner lag nicht so knapp darüber – eher sehr großzügig. Aber das könnte man ja ändern.

Ich hatte schon ein wenig von Magersucht gehört, hatte gelesen, was für Folgen das langfristig haben kann – dass Mädchen daran starben. Das schien mir ideal. Erst würde ich die Schlankeste in der Klasse sein, von allen bewundert für so eine tolle Figur. Mein Pausbäckchengesicht würde Wangenknochen bekommen und meine Oberschenkel sich im normalen Stand nicht mehr berühren.

Und dann täte es allen leid, dass ich tot war.

Meine Mahlzeiten bestanden von nun an aus einem Knäckebrot und einer Tomate – pro Tag. Dazu trank ich nur Wasser und ganz selten Fruchtsaft. Natürlich war meine Mutter nicht blind. Sie sah, was mir geschah, sie nahm genau wahr, wie ich mich um das Essen drückte und wie ich immer dürrer wurde. Aber sie erreichte mich nicht mehr. Unser Verhältnis war gestört, ich war dreizehn Jahre alt, ein klassischer Teenie, meine Mutter war peinlich und sonst nichts. Dafür hatte ich so viel Macht wie noch nie über mich, meinen Körper, meine Bedürfnisse.

Nicht nur begann ich, immer weniger zu essen – ich fing auch an, exzessiv zu laufen. Die irrsten Strecken, mitten durch den Wald, fernab von Wegen, mit waghalsigen Kletterpartien, bergauf, bergab. Ohne Angst, mir etwas zu brechen oder mich zu verletzen – mein Körper war mir so egal. Wenn ich mir etwas brach, würde ich eben einen Gips bekommen. Wenn etwas schiefging, würde ich eben ins Krankenhaus gebracht – vielleicht brächte das ein wenig Mitleid, die billigste Form der Aufmerksamkeit.

Irgendetwas in mir war kaputt.

VON FALSCHEN UND ECHTEN BESTEN FREUNDINNEN

Meine beste Freundin war nun meine Waage, alle anderen waren zu unzuverlässig. Ich beobachtete sie genau. Damals war ich genauso groß, wie ich es heute bin, 1,69 Meter. Meine Waage ging von 52 Kilo hinunter auf 48 Kilo, und dann plötzlich stockte meine atemberaubende Abnehm-Erfolgsgeschichte. Auch wenn ich weiterhin nicht mehr aß als Tomate und Knäckebrot, mein Gewicht wollte nicht darunter gehen. Später habe ich oft von dieser Phase gehört: Der Körper hat einen Grenzpunkt, bis zu dem er schnell abnimmt. Ab dann wird es schwerer. Diese Grenze zu überschreiten ist häufig gleichbedeutend mit dem Eintreten in die echte Magersucht. Dieser Eintritt blieb mir zum Glück erspart – wegen meiner letzten echten Freundin.

Marina war eigentlich meine Großcousine. Sie lebte noch „drüben“, in der ehemaligen DDR, und seit ein paar Jahren waren wir Brieffreundinnen. In den Ferien fuhr ich oft rüber, und Marina und ich spielten stundenlang auf dem Hof meiner Oma und auf dem Heuboden Rollenspiele. Ich war Arielle und sie war Vic aus dem Film „La Boum – Die Fete“.

Auch während meiner Hungerphase fuhr ich zu ihr. Hier fand ich jedes Mal eine andere Welt vor, mit völlig anderen Prämissen. Marina war wie auch ich sehr frühreif – vielleicht liegt das in der Familie. Auch sie hatte viele Pickel, und sie war kurvig und ganz und gar nicht dünn. Anstatt deswegen aber Komplexe zu entwickeln, scherte sie sich wenig darum, warum auch? In ihrem Umfeld fanden die Jungen das interessant. Sie war cool und angesehen – ganz einfach so, so wie sie war. Sie musste keine Markenklamotten tragen, um anerkannt zu werden. Sie musste auch keine Hässlichkeit- oder Cellulite-Contests aufführen. Sie war einfach, wie sie war – und mit sich und ihrer Welt im Reinen.

Als ich also für eine Woche bei ihr zu Besuch war, passierte etwas Merkwürdiges: Vom ersten Augenblick an freute sich jemand unbändig, mich zu sehen. Ich musste nicht um Anerkennung buhlen, nichts aufführen oder mich verstellen – sie liebte mich. Schon lange, und zwar so, wie ich war. Ihr fiel auf, dass ich unglaublich dünn geworden war, doch weder lobte sie mich dafür, noch kritisierte sie das. Mein Äußeres war ihr scheißegal. Sie nahm mich, wie ich war, und sie nahm mich mit zu ihren Freunden, die sich ganz genauso verhielten. Anerkennung ohne großes Aufhebens. Respekt für Umme. Ist das zu glauben?

Am ersten Abend saßen wir am gedeckten Tisch, es gab Rouladen und Klöße mit Brechbohnen und brauner Soße. Marinas Mutter war vorgewarnt worden, meine Mutter hatte sie angerufen und gefleht, sie möge versuchen, dass ich wenigstens einmal am Tag eine Scheibe Brot oder einfach irgendetwas äße. Meine Mutter war wirklich verzweifelt. Doch war diese Bitte überflüssig: Ich saß am Tisch und wurde von einem unbändigen Appetit übermannt, nahm mir ordentlich Klöße, nahm mir Rouladen, und als ich alles aufgegessen hatte, noch einen kräftigen Nachschlag. Es schmeckte göttlich, es tat unglaublich gut.

I’M JUST A GIRL!

Es dauerte noch ein paar Monate, bis ich mich endgültig von Magda und Rosina trennen konnte. Damals lernte ich, was es heißt, sich zu emanzipieren: Trotz der Erfahrung bei Marina, wollte ich dennoch aus irgendeinem kranken Trieb heraus weiterhin mit den coolen Mädels befreundet sein – doch das war nicht leicht. Ich gehörte nicht mehr dazu. Wann immer wir uns trafen, waren ab jetzt auch Jungen dabei, und es kamen nie welche, die mit mir etwas anfangen konnten. Während alle anderen mit Knutschen anfingen, saß ich nur nutzlos daneben.

Doch es sollte eine Chance geben zu beweisen, dass ich nicht völlig nutzlos war. Meine Eltern wollten an einem Winterwochenende wegfahren. Ich würde allein zu Hause sein und hätte sturmfreie Bude. Das sollte der Auftakt für eine völlig neue Karrierestufe in unserer Clique sein – endlich wollten wir das Kiffen ausprobieren. Magda und Rosina kannten eine Quelle für Gras, wussten aber nicht, wo man es konsumieren konnte, ohne deswegen richtig Ärger zu bekommen. Das war meine Chance! Ich bot meine sturmfreie Bude an und war in freudiger Erwartung. Plötzlich stand ich im Mittelpunkt, sie umschwebten mich täglich und ich gehörte endlich wieder dazu. Ich war wichtig – richtig wichtig, denn ohne mich gäbe es kein grasgrünes Kiffer-Sit-In, nirgends.

Keine Ahnung, was letztlich dazu führte, aber kurz vor dem fraglichen Termin hatte ich einen für damalige Verhältnisse überaus seltenen Moment der Klarheit. Im Zeitraffer liefen die vergangenen Monate und Jahre und das Verhalten meiner sogenannten Freundinnen vor meinem inneren Auge ab. Unsere Schönheitsobsessionen, unser krankhaftes Körperbild, das Mobbing, die Mechanismen des Cool- und Uncoolseins, das Auf und Ab der Anerkennung und Ablehnung, das fünfte Rad am Wagen sein und plötzlich, ganz urplötzlich doch wieder wertvoll, nur weil – ja warum eigentlich? Weil ich ihnen nützlich sein konnte für ihr Vergnügen. Nicht, weil ich ihnen wichtig war.

Marina hatte mir gezeigt, was Respekt in einer Freundschaft, was wirkliche Anerkennung ist. Von heute auf morgen sagte ich das Treffen ab, die ganze Planung mit Gras und Jungs und krass-cooler verbotener Dinge platzte wie eine Seifenblase. Ich behauptete, meine Eltern seien von ihren Urlaubsplänen abgerückt. Das war zwar gelogen, aber ein prima Lackmustest für diese sogenannte Freundschaft. Der Test verlief erwartbar: Von heute auf morgen war ich wieder genauso uninteressant wie vorher. Es tat nur kurz weh, und nur ein bisschen. Dann fing ich an zu leben.

Ich schmiss die ganzen Frauenzeitschriften- und GIRL!-mäßigen Klamotten raus. Ich plünderte im Schrank meines Vaters, was ich noch an alten, ausgetragenen und gutriechenden Pullis von ihm fand. Ich verbannte Backstreet Boys und anderen Quatsch aus meinem CD-Player und von meinen Wänden und hörte plötzlich Musik, die mir wirklich gefiel. Es lief nun No Doubt mit „I’m just a girl“ – ohne dass mir bewusst war, dass dies der erste feministische Text in meinem Leben war.

„Oh … I’ve had it up to!

Oh … I’ve had it up to!!

Oh … I’ve had it up to here!“

Ich malte mir den roten Punkt auf die Stirn, als deutliches äußeres Zeichen meiner inneren Wandlung. Man lachte über den Punkt, man hielt mich für einen Freak, und ich wurde nicht sofort besser integriert. Aber ich liebte mich plötzlich so wie ich war. Und nach und nach kamen Freundinnen, die mich ebenso liebten. Es wurde sogar noch besser: Ab dem Moment, in dem ich mich selbst mochte, kamen endlich auch Jungen und mochten mich, fanden mich überaus interessant. Sie sahen keine Pickel, keine dicken Oberschenkel und fanden mich nicht zu groß. Alles entkrampfte sich.

Ich war vierzehn Jahre alt, als ich lernte, dass man im eigenen Kopf anfangen muss. Hatte ich früher im Spiegel nur immer Makel gesehen und selbst einer Dreizehnjährigen Orangenhaut angedichtet, so sah ich nun, wie hübsch ich eigentlich war. Hatte ich meine Nase und mein Gesicht immer gehasst, so fand ich sie plötzlich „besonders“. Eine „Rönicke-Nase“ im besten Sinn, und eine, auf die man ruhig stolz sein konnte – wie auch auf diesen Namen, der im Taubertal einzigartig war.

Die Geschichte ist verdammt glimpflich ausgegangen. Ich hatte im entscheidenden Moment das Glück, einen Menschen zu haben, dessen Zuneigung und Anerkennung heilend wirkten. Die Folgen meines irren Films blieben im Rahmen. Heute fände ich es sehr cool, Augenbrauen wie Frida Kahlo zu haben – aber weil ich schon in der Grundschule anfing, diese Härchen zu zupfen, wachsen sie einfach nicht mehr nach. In Erinnerung an meine Jugend und meine Emanzipation lasse ich das Kraut und Rüben an Augenbrauenhärchen, das mir noch geblieben ist, so stehen, mit den Löchern vom Zupfen, die da nun einfach sind.

Was noch viel erschreckender ist: Mit dreizehn Jahren, als ich meinte, hungern zu müssen, hörte ich auf zu wachsen. Ich bin schon lange nicht mehr die Größte, es blieb immer bei den 1,69 Meter von damals – denn ich gab meinem Körper in einer Zeit, in der er sich entwickeln soll, nicht was er brauchte. Auch meine Brüste, die schon so früh angefangen hatten, Form anzunehmen, sind einfach auf dem Stand von dreizehn geblieben.

OPTIMIERUNGSWAHN ALLERORTEN

Der Hass auf mich selbst, den ich damals entwickelte, steckt mir bis heute tief in den Knochen und lässt mich schaudern. Es ist ein Hass, den ich seitdem bei vielen Mädchen spüren kann. Es sind die kleinen Blicke in den Spiegel im Kaufhaus, oder die kleinen, nur scheinbar flapsigen Bemerkungen über den eigenen dicken Arsch in der S-Bahn, wenn man mit der Freundin mal wieder über den eigenen Körper spricht.

„Schön-Aussehen […] heißt, sich selbst durch das Auge einer imaginären Kamera zu beobachten, mit einem Blick, der erbarmungslos ist, unbestechlich und kalt. Dieser Blick nimmt jede Hautunreinheit wahr, jedes Härchen, jede Asymmetrie“, schreibt Ariadne von Schirach in ihrem Buch und könnte treffender nicht ausdrücken, wie viele Mädchen und Frauen sich antrainiert haben, das eigene Spiegelbild zu betrachten.4

Die Häufigkeit von Magersucht und Bulimie ist schon in meiner Jugend erschreckend gewesen. Ich kenne sieben Mädchen allein aus meiner eigenen Klassenstufe, die eine Essstörung hatten – mich eingerechnet. Wenn ich höre, dass die Zahlen immer noch steigen, wird mir ganz flau. Eine große Studie der Teenie-Zeitschrift BRAVO hat ergeben, dass fünfzig Prozent aller Mädchen im Alter von fünfzehn Jahren unzufrieden mit ihrem Körper sind.5 Auf Salon erzählte eine Mutter von ihrer neunjährigen Tochter, die Anorexie, also Magersucht bekam.6

Kleine Mädchen geraten immer häufiger in den Sog aus Selbsthass und Optimierungswahn, und schon Grundschulkinder finden sich zu „fett“. Zunehmend breitet sich dieser Wahn auch bei kleinen Jungen aus. Die Eltern sind oft ratlos, denn sie merken nicht nur nicht, dass etwas schiefläuft, sie können nicht einmal wirklich präventiv etwas tun. Studien zufolge ist Magersucht eine Mischung aus Veranlagung und Umwelteinflüssen7 – Einflüssen, wie sie in einer durch und durch gephotoshoppten Welt niemals knapp werden.

Mir war damals nicht einmal klar, dass die Frauen in sämtlichen Zeitschriften, die mir beibrachten mich selbst zu hassen, weil ich Lichtjahre von dieser Perfektion entfernt war, dass diese Damen in der Realität gar nicht so aussahen. Dass man ihre Gesichter, ihre Arme, Beine, Brüste und alles an ihnen mit dem Computer nachbearbeitet hatte, so wie es bis heute geschieht. Die Folge waren irrsinnig und wahnwitzig dürre Frauen auf den Covers sämtlicher Zeitschriften. Diesen begann dann eine ganze Generation von Models nachzueifern. Auf den Modenschauen der ganzen Welt setzte sich ein Schönheitsideal durch, das ursprünglich vor allem durch ein Bildbearbeitungsprogramm entstanden war. Modelabels, die versuchen, diesem Trend etwas entgegenzusetzen, sind bis heute die Ausnahmen.

Wer beim Lesen meiner Geschichte schon Schmerzen verspürt, der sollte sich vor Augen führen, wie glimpflich das alles ausging, wie harmlos es zum Glück in seiner Gesamtheit schließlich war, im Vergleich zu dem, was heute mehr und mehr Normalität erlangt. Im Internet haben sich Foren gegründet, in denen sich Frauen und Mädchen gegenseitig in diesem Wahn bestärken. Die sogenannte Pro-Ana-Bewegung8 ist nur der Gipfel eines manifesten gesellschaftlichen Problems, das sich daran zeigt, dass junge Mädchen und zunehmend auch Jungen in den Krieg gegen ihre Körper ziehen. Völlig ungeachtet dessen, dass sie diese noch ihr ganzes Leben brauchen werden, und ohne Rücksicht auf die langzeitigen Folgen.

Zu meiner Zeit war das Schlimme, dass die diversen Mädchenzeitschriften zu diesem Wahn beitrugen. Auch die Barbiepuppen propagieren auf ihre Art dieses Körperbild – die körperliche Deformierung von Barbie ist der Knaller. Ein echter Mensch mit diesen Maßen wäre definitiv anorektisch, und kein Mensch hat so einen Hals oder solche Füße. Ungeachtet dessen bleibt Barbie seit Jahrzehnten eins der beliebtesten Spielzeuge, und in Berlin konnte man im Jahr 2013 seine kleinen Mädchen in ein sogenanntes Barbie Dreamhouse schicken und ihnen noch mehr eintrichtern, wie wichtig Kosmetik, schicke Kleidung und perfekte Körper sind.

Im Frühling 1997 stand ich vor dem Spiegel und rückblickend ist es ein kleines Wunder, dass ich mit vierzehn Jahren mein Gesicht, meinen Körper und meine Haare ansehen und dabei glücklich sein konnte. Zufrieden.

Geholfen hatte eine gänzlich andere Bewertung als meine eigene, durch einen Menschen, der noch in einer anderen Welt lebte: Marina. In der DDR hatte es diese Fixierung auf Schönheit nicht in der gleichen Form gegeben. Das heißt nicht, dass man für Schönheit keinen Sinn gehabt hätte, doch sie hatte einen anderen Stellenwert.

In der DDR hatten viele Menschen einander nackt an der Ostsee gesehen und wussten, wie natürliche Körper aussahen. Sie kamen dabei nicht auf die Idee, ihnen Schönheit abzusprechen. Bis heute gibt mir ein Gang an den FKK-Strand in Zinnowitz unglaublich viel. Es entspannt meinen Kopf jedes Mal ein bisschen mehr. Auch die Sauna, das FKK der Großstädter und Binnenland-Bewohner, hat diesen unglaublich beruhigenden Effekt auf mich. Auch wenn es mich nach wie vor große Überwindung kostet, mich im wahrsten Sinne des Wortes frei zu machen.

Lena Dunham beschreibt in ihrem literarischen Debüt „Not That Kind of Girl“,9 wie sie durch Sexszenen und Nacktszenen in Film und Fernsehen gelernt habe, dass ihr Körper okay sei: „Als ich mir später das Material ansah, war es mir nicht peinlich. Ich fand es nicht umwerfend schön, was ich sah, aber auch nicht weiter schlimm.“ Kunst, Film, FKK und realistische Bilder von Körpern können uns helfen, die Bilder in unserem Kopf zu ergänzen und unseren Begriff von Schönheit zu erweitern.

Denn auch die Veränderung, die bei mir dazu führte, dass ich mich so annehmen konnte wie ich war, war nicht so sehr eine körperliche gewesen. Sie hatte in meinem Kopf stattgefunden.

2. GEFANGEN IN DER BIOLOGIE

Unser Kopf spielt bei der Emanzipation eine entscheidende Rolle. Was wir sehen, wenn wir in den Spiegel schauen, hängt von den Einstellungen, Idealen und Kategorien ab, die wir im Laufe unseres Lebens entwickelt haben – oftmals völlig unbewusst. Es ist eine Frage der Kultur, das lernte ich von Marina.

In der DDR war es nicht üblich, Vorstellungen über bestimmte Fähigkeiten und Verhaltensweisen derart an das Geschlecht eines Menschen zu knüpfen. Mathematik und Naturwissenschaften? – Genauso Frauen- wie Männersache, das stellte niemand infrage. Zwar waren die sozialen Rollenaufteilungen, etwa in Bezug auf die Sorge um Kinder oder die Übernahme von politischer Verantwortung, in der Gesellschaft der DDR nicht gleich verteilt, und es gab nur für die Frauen einen freien Haushaltstag im Monat. Aber niemand wäre auf die Idee gekommen, als Begründung dafür die Natur ins Spiel zu bringen.

Geschlechterrollen wurden nicht auf die gleiche Weise ontologisiert wie heute. Vielmehr gab es ein grundsätzliches Einvernehmen darüber, dass die Unterdrückung der Frau ein gesellschaftlich-kulturelles Konstrukt war. Eines, das man am Westen verhöhnte. Man verhöhnte kapitalistische Kulturen, in denen die Frauen zu Hause blieben und die Männer arbeiteten. Es war eine Frage der sozialistischen Ehre, Frauen als gleichwertig anzusehen.

Der Streit, was uns als Frauen und Männer qua Natur unterscheidet, ist ein Produkt des Westens. Es wird gestritten, was Frauen können oder nicht können, was Männer besser oder schlechter können als Frauen, und wer vom Mars und wer von der Venus kommt. Die Biologie wird als Erklärung für alle sozialen und kulturellen Unterschiede zwischen den Geschlechtern herangezogen. Dabei ist doch die grundsätzliche Frage: Ist die Gehirnentwicklung genetisch bzw. hormonell bedingt – oder ist sie vielmehr abhängig von Umwelteinflüssen? Feminismus, Neurobiologie und Soziologie liefern unterschiedliche Antworten auf diese Frage, auch innerhalb ihrer selbst. Und wer die verschiedenen Studien zum Thema Gehirn und Geschlecht nebeneinanderlegt, wird feststellen, dass eine eindeutige Aussage nicht möglich ist.10 Der Streit über Anlage und Umwelt konnte bislang nicht geklärt werden und wird es in absehbarer Zeit auch nicht werden.

Würde mein Gehirn einer Gruppe hoch qualifizierter Neurobiologen in die Finger fallen, ohne dass sie sonst Anhaltspunkte zu meinem Geschlecht hätten – sie könnten nicht bestimmen, ob es männlich oder weiblich ist. Durchblutung, Stoffwechsel und alle anderen Strukturen sind zunächst so identisch – und innerhalb der Geschlechtergruppen wiederum so verschieden –, dass die Frage nach meinem Geschlecht anhand meines Gehirns nicht eindeutig beantwortet werden könnte. Andererseits behauptet eine Gruppe von Neurobiologinnen und Psychologinnen, wie zum Beispiel Susan Pinker und Louann Brizendine, seit Jahren, dass die Unterschiede der Geschlechter bereits in den neurologischen Anlagen und den unterschiedlichen Hormonhaushalten mehr als klar begründet seien und den Lauf des Lebens eines Menschen unaufhaltsam bestimmten.

Es handelt sich also um einen Glauben. So wie manche Menschen Buddhisten sind und andere Katholiken, so glauben die einen, dass unsere Gene und die Hormone über unsere Identität bestimmen, die anderen halten die Umwelt für bestimmend. Und zunehmend gibt es Menschen, die sich zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen nicht endgültig entscheiden wollen. Die finden, dass der Buddhismus sicherlich recht hat, wenn er in Gier, Hass und Verblendung die Quellen des Leids sieht, und dass ohnehin die Vier Edlen Wahrheiten Buddha Siddhartas recht überzeugend wirken. Zur gleichen Zeit kann man der Meinung sein, dass Jesus recht hat, wenn er zur Menge, die eine Ehebrecherin steinigen will, sagt: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ So könnte es doch ebenso sein, dass Anlage und Umwelt beide auf ihre Art prägen, wer wir sind und wer wir als Männer und Frauen sind.

In dieser Auseinandersetzung wird gerade Feministinnen gerne unterstellt, sie seien der Gegenpart zu den Biologinnen. Doch sowohl unter Feministinnen (siehe Differenz-Feminismus, der unumstößlich an die deutlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen glaubt) als auch unter Biologinnen gibt es zu dieser Frage bis heute große Uneinigkeit.