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Kate Hoffmann, Samantha Hunter, Jilian Burns, Heather MacAllister

TIFFANY HOT & SEXY BAND 41

IMPRESSUM

TIFFANY HOT & SEXY erscheint in der Harlequin Enterprises GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: 040/60 09 09-361
Fax: 040/60 09 09-469
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© Deutsche Erstausgabe in der Reihe TIFFANY HOT & SEXY
Band 41 - 2015 by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg

© 2014 by Peggy A. Hoffmann
Originaltitel: „The Mighty Quinns: Malcolm“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: BLAZE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Almuth Strote

© 2013 by Samantha Hunter
Originaltitel: „His Kind of Trouble“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: BLAZE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Renate Moreira

© 2014 by Juliet L. Burns
Originaltitel: „Cabin Fever“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: BLAZE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Alina Lantelme

© 2014 by Heather W. MacAllistar
Originaltitel: „Taken By Storm“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: BLAZE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Andrea Cieslak

Abbildungen: Annebaek / iStock, alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 01/2015 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733750695

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY

 

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KATE HOFFMANN

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Die Quinns: Malcom

PROLOG

Die Atmosphäre in dem kleinen Haus in Rotura war zum Zerreißen gespannt. Malcolm Quinn war zehn Jahre alt und seit er den sorgenvollen Blick seiner Mutter wahrgenommen hatte, versuchte er, seine jüngeren Geschwister abzulenken. Aber die siebenjährigen Zwillinge Rogan und Ryan spürten ebenfalls, dass etwas nicht stimmte. Nur die Jüngste, Dana, bekam mit ihren drei Jahren anscheinend nichts mit.

Ihr Vater, Maxwell Quinn, war am frühen Morgen mit einigen Sherpas vom Basislager aus aufgebrochen, um den Mount Everest zu besteigen. Es war sein vierter Aufstieg, und sollte er ihn erfolgreich absolvieren, wäre sein Score perfekt.

Max Quinn und sein Partner, Roger Innis, leiteten Expeditionen auf den Mount Everest schon beinahe so lange, wie Malcolm auf der Welt war. Vor ein paar Jahren hatten sie sich mit einer eigenen Agentur namens Outbound Adventure selbstständig gemacht – und seitdem war Max fast nie wieder zu Hause gewesen. Doch wann immer er es heim schaffte, wann immer er durch die Tür trat und seine Kinder sich auf ihn stürzen konnten, war ihr Familienleben für einen kurzen Moment perfekt. Dann wussten sie, dass es ihm gut ging – und momentan war diese Sicherheit erschüttert.

„Wie spät ist es?“, fragte Rogan.

Mal sah auf und lächelte seinem Bruder zu. „Keine Sorge. Sie haben vielleicht einfach zu viel zu tun, um anzurufen. Oder die Verbindung ist schlecht und sie kommen nicht durch – Satellitentelefone funktionieren nicht immer.“

„Aber es ist schon so spät“, sagte Ryan. „Bei Dad muss es ungefähr zehn Uhr abends sein, da sollte er doch längst wieder im Camp sein.“

„Das ist er bestimmt auch. Aber er hat ja auch viel zu regeln“, wiederholte Mal die Worte, mit denen seine Mutter ihn vor ein paar Minuten zu beruhigen versucht hatte. Er hoffte, dass sie bei seinen Brüdern besser wirkten als bei ihm.

Ryan rieb sich die Augen. „Und wenn etwas Schlimmes passiert ist?“

„Genau“, stimmte Rogan ein. „Vielleicht traut sich niemand, uns anzurufen.“

Mal schob die beiden in Richtung ihrer Betten. „Jetzt wird geschlafen. Wenn der Anruf kommt, wecke ich euch auf, versprochen.“

Zu seiner Erleichterung gingen die beiden ohne Widerstand ins Bett, und er konnte zu seiner Mutter in die Küche zurück. Lydie Quinn saß am Küchentisch und hielt die schlafende Dana in ihren Armen. Sie schien etwas zu summen, den gleichen Satz immer wieder, doch Mal konnte sie nicht verstehen.

„Mom?“

Sie starrte weiter geradeaus und wiegte sich im Takt der Melodie in ihrem Kopf.

„Mom, soll ich dir einen Tee aufsetzen?“

Mit einem Mal liefen seiner Mutter Tränen über die Wangen. Doch als er sie gerade in den Arm nehmen wollte, klingelte das Telefon.

„Geh nicht dran“, sagte sie.

„Aber ich –“

„Nicht.“ Sie schüttelte den Kopf und die Tränen rollten immer schneller über ihr Gesicht. Er hatte seine Mutter noch nie weinen sehen. Mal wusste nicht recht, was er tun sollte. Lydie hielt Dana fest umschlungen und wiegte sich hin und her.

Mal hob vorsichtig den Hörer ab. „Hallo?“

„Malcolm? Hier ist Roger, ich muss mit deiner Mutter sprechen.“

„Nein“, sagte Mal. „Du kannst mit mir sprechen.“

„Junge, hör auf mit diesen Spielchen und hol deine Mutter ans Telefon, es ist wichtig.“

„Sie möchte nicht mit dir sprechen. Sie kann es nicht, wir wissen, dass etwas nicht stimmt. Sag es mir einfach.“

Und während er dem Partner seines Vaters dabei zuhörte, wie er die Situation schilderte, wusste Mal, dass sein Leben – und das seiner Mutter und seiner Geschwister – nie wieder so sein würde, wie es mal war.

1. KAPITEL

Endlich wieder zu Hause.

Malcolm Quinn nahm seinen Mantel vom Rücksitz seines Range Rovers und warf ihn sich seufzend über die Schultern. Er hatte Grönland vor drei Tagen verlassen, nachdem er dort eine Expedition von Ost nach West, entlang des Arctic Circle Trails geleitet hatte. Sein Rückflug hatte ihn von Grönland über Island, Kopenhagen, Dubai und Sydney endlich wieder nach Auckland geführt. Die zweistündige Heimfahrt nach Raglan war der letzte Abschnitt seiner Reise gewesen, und nun, endlich zu Hause, konnte er sich zum ersten Mal seit Tagen wieder entspannen.

Er war erschöpft, über jedes Maß hinaus, doch es fühlte sich gut an – wie immer nach einer erfolgreichen Expedition. Seine Kunden waren begeistert, sie hatten mit ihm eine wunderbare Erfahrung gesammelt und die perfekte Abenteuerreise erlebt.

Wie angenehm es war, endlich nicht mehr in dicken Wintersachen herumlaufen zu müssen. Doch es war bereits Anfang April, in Nordeuropa begann jetzt der Frühling, aber hier in Neuseeland war der Winter im Kommen. Dennoch war das kein Vergleich zu den eisigen Temperaturen im hohen Norden.

Das Büro von Maximum Adrenaline war in einem kleinen weißen Häuschen an der Stadtgrenze untergebracht – ziemlich unspektakulär für ein Unternehmen, das auf Abenteuerreisen spezialisiert war. Das Haus hatte eine große Veranda mit wettergegerbten Stühlen darauf.

Mal schlug die Tür seines SUV zu und im gleichen Moment schoss Duffy auf ihn zu, der Familienhund. Dicht hinter ihm folgte seine kleine Schwester Dana. „Hey Duff, alles klar? Hey Dana.“

Vor lauter Aufregung wusste der schwarze Labrador nicht, wo er mit sich hinsollte, und als Mal sich zu ihm hinunterbeugte, riss der Hund ihn vor Freude zu Boden. Lachend gab Mal sich der überschwänglichen Begrüßung hin und rangelte ein wenig mit Duffy, bis er sich wieder aufsetzen durfte. Der Hund blieb auf seinem Schoß liegen – das war seine Art sicherzugehen, dass Mal auch an Ort und Stelle blieb.

„Wenn ich mich bewegen könnte“, sagte Mal zu seiner Schwester, „würde ich dich auch begrüßen.“

„Willkommen zu Hause“, sagte Dana. „Ich habe dich nicht vor morgen erwartet.“

„Ich habe einen früheren Flug bekommen und Martin kümmert sich um den Rücktransport unserer Ausrüstung. Man, es ist so schön, wieder zurück zu sein.“

Duffy vergrub seine Schnauze in Mals Halsbeuge. „Schluss jetzt, Duff“, sagte Mal und rappelte sich wieder auf.

„Du hast ihm gefehlt“, sagte Dana.

„So, wie du ihn bemutterst, hat er mit Sicherheit keinen Gedanken an mich verschwendet, seit ich weg bin.“

„Ich war jeden Tag mit ihm draußen, er hat in letzter Zeit sogar ein wenig abgenommen.“

Mal beugte sich zu Duffy hinunter und tätschelte ihn. „Ich brauche jetzt erst mal einen Drink und eine heiße Dusche. Danach fahre ich wieder in die Stadt – es ist viel zu lange her, dass ich es mir habe gut gehen lassen.“

Es war ein ungeschriebenes Gesetz in seinem Business, dass man nie etwas mit einem Expeditionsteilnehmer anfing – egal, wie attraktiv er oder sie auch sein mochten. Unterwegs hatte er im Grunde nur eine einzige Aufgabe: Seine Kunden heil wieder nach Hause zu bringen. Denn er trug die Verantwortung für seine Truppe, vor allem auf unwegsamem Gelände, und so war Sex auf diesen Touren eine Ablenkung, die er sich nicht leisten konnte. Außerdem war er auch ein wenig abergläubisch und wollte den Berggöttern gegenüber nicht respektlos sein.

Das bedeutete für Mal allerdings auch, dass er automatisch quasi zölibatär lebte, wenn er auf Tour ging. Doch sobald er wieder zu Hause in Raglan war, änderte sich das schlagartig. Raglan war ein sehr begehrter Surf-Spot, hier fanden sich immer gutaussehende Mädels, mit denen man unverbindlich Spaß haben konnte.

Mal und seine Brüder waren für ihr gutes Aussehen bekannt, und dennoch gab es auf der Nordinsel nicht viele Frauen, die sich langfristig für einen von ihnen interessierten. Denn wer wollte sich schon ernsthaft auf einen Mann einlassen, der gute zehn Monate im Jahr unterwegs war, egal, wie gut er im Bett auch sein mochte. Nicht, dass Mal darüber unglücklich gewesen wäre. Er hatte sich selbst auch noch nie für etwas Langfristiges interessiert, sein Leben war ziemlich perfekt, so wie es war. Und er war nicht bereit dazu, dieses Leben für eine Frau aufzugeben – egal, wie gut sie im Bett auch sein mochte.

Außerdem hatte er das Familienunternehmen zu leiten. Jede Minute, die er mit einer Frau verbrachte, fehlte ihm, um sich um neue Kunden zu kümmern, um Maximum Adrenaline bekannter zu machen und um neue Routen zu entwickeln, die er anbieten konnte.

„Irgendwelche Nachrichten für mich?“, fragte er seine Schwester, als er sich endlich von Duffy lösen konnte.

Während er auf die Haustür zusteuerte, blieb Dana wie erstarrt am Fuße der Verandatreppe stehen. Mal drehte sich zu ihr um und bemerkte erst jetzt ihren schmerzerfüllten Blick. Sein Magen drehte sich um und er zog scharf die Luft ein. Etwas musste passiert sein. „Was ist los?“

Ryan war mit einem australischen Filmteam im Himalaya und Roger in Alaska unterwegs – beide Trips hatten ihre Gefahren. Und dann waren da ja auch noch die circa hundert weiteren Guides, die über das Jahr hin für Maximum Adrenaline tätig waren. „Wer ist es?“

„Dad“, murmelte sie.

„Dad?“, wiederholte Mal ungläubig. Ihr Vater war in diesem Frühjahr seit zwanzig Jahren tot, gestorben irgendwo unterwegs zum Gipfel des Mount Everest.

Seine Schwester nickte und schien mit den Tränen zu kämpfen. „Sie haben seine Leiche gefunden.“

Mal stockte der Atem. „Wann?“

„Vor drei Wochen. Auf Gary Branbauers Tour. Die Schneedecke war dieses Jahr nicht so dick, beim Abstieg haben sie etwas Buntes im Schnee entdeckt. Das war er.“

„Woher wollen sie das wissen?“

„Sie haben ein Foto gemacht und die GPS-Daten durchgegeben, Roger Innis hat die Daten bestätigt. Die Medien sind wie verrückt seitdem.“

„Warum hast du mir denn nichts davon erzählt?“, fragte Mal ungläubig. Er und Dana hatten in den vergangenen drei Wochen mindestens vier oder fünfmal per Satellitentelefon miteinander kommuniziert. Und in den letzten zwei Tagen hätte ihn auch jede E-Mail erreicht.

„Ich wollte warten, bis du wieder hier bist. Roger und Ryan habe ich auch noch nichts erzählt – aber so, wie die Geschichte die Runde macht, wissen sie es wahrscheinlich auch schon, bevor ich es ihnen persönlich sagen kann.“

„Und Mom, weiß sie es?“

Dana nickte. „Ihr ist der Trubel etwas zu viel geworden. Die Medien wollen alle mit ihr sprechen, aber sie hat bisher jeden Kommentar verweigert. Sie wird das Wochenende bei mir verbringen.“

Dass die Medien sich auf die Geschichte stürzten wie die Geier, lag nahe. Maxwell Quinn war einer der berühmtesten Bergsteiger seiner Generation gewesen und gehörte Anfang der Neunziger zu dem kleinen Kreis derjenigen, die die Seven Summits, die sieben höchsten Gipfel der Welt, innerhalb eines Jahres bezwungen hatten. Roger Innis hatte die mediale Aufmerksamkeit nach dem Tod seines Partners genutzt und die Geschichte, dass Max angeblich bei der Rettung eines Expeditionsteilnehmers ums Leben gekommen war, geschickt zu Werbezwecken eingesetzt. Outbound Adventure war danach zu einer der führenden Outdoor-Agenturen geworden.

Erst im Nachhinein wurde offenbar, wie einseitig die geschäftlichen Vereinbarungen zwischen Max und Innis waren – und Lydie Quinn blieb nach dem Tod ihres Mannes quasi nichts von der Firma. Alles fiel an Innis, und dann stellte sich auch noch heraus, dass die Lebensversicherung, die Max über die Firma abgeschlossen hatte, seit Monaten von Innis nicht mehr bedient worden war. Lydie musste also ihr kleines Haus in Rotura verkaufen und mit ihren Kindern nach Auckland ziehen, wo sie bei Mals Großeltern unterkamen.

Die Kinder hatten das Erbe ihres Vaters jedoch nie vergessen können, und als sie alt genug waren, hatten sie ihre eigene Agentur gegründet und sie in Erinnerung an ihren Vater Max benannt – Maximum Adrenaline. Ihrer Mutter zuliebe hatte allerdings keiner von ihnen je den Everest bestiegen, was ihnen jedoch einen gewissen Nachteil auf dem Outdoor-Reisemarkt verschaffte. Vor allem verglichen mit Innis Agentur, die jede noch so riskante Tour anbot und dadurch große mediale Aufmerksamkeit bekam.

Die nun auch ihnen zuteil wurde, wie es schien.

Mal setzte sich auf die Stufen der Verandatreppe und fuhr sich nachdenklich mit den Fingern durchs Haar. „Ich weiß nicht recht, was ich sagen soll.“

„Leider werden wir uns bald etwas einfallen lassen müssen. Wir müssen eine öffentliche Erklärung abgeben, irgendwann.“

„Alles klar. Der nächste, der Fragen stellt, soll mich auf dem Handy anrufen und ich regle das.“

„Da ist noch etwas“, murmelte Dana. „Innis will eine Expedition starten und Dads Überreste bergen.“

Mal fühlte sich, als hätte ihm jemand in den Bauch geboxt. Er konnte nicht atmen. „Was zur Hölle soll das? Was fällt ihm ein? Seinetwegen ist Dad tot – denkt er, dass er es wiedergutmachen kann, wenn er ihn jetzt rettet? Das wäre vor zwanzig Jahren sein Job gewesen.“

Damals waren nach und nach Gerüchte über Innis Rücksichtslosigkeit, die Sicherheit seiner Partner betreffend, aufgekommen. Es hieß, dass es letztlich seine Entscheidungen gewesen waren, die Max Quinn in den Tod getrieben hätten. Aber das waren nur Gerüchte; niemand außer Roger Innis und Mals Vater kannte die wahre Geschichte.

Dana umarmte Mal und lehnte den Kopf an seine Schulter. „Lass ihn reden“, sagte sie. „Du weißt doch, wie er ist – er macht aus allem ein Geschäft, wenn es ihm Aufmerksamkeit bringt. Erst letzten Monat war er mit seiner Antarktis-Expedition auf dem Titel vom High Adventure.“

„Auf dem Titel?“, stieß Mal wütend hervor. „Wie zur Hölle hat er das schon wieder geschafft?“

Mal versuchte seit Jahren, im High Adventure Magazin unterzukommen. Er war überzeugt davon, dass ihm eine Reportage in dem amerikanischen Hochglanzmagazin haufenweise neue Kunden einbringen könnte. „Ich wette, dass er sich mit dieser haarsträubenden Geschichte wieder eine Titelstory erhofft.“

„Vor kommendem Frühjahr kann er den Everest sowieso nicht besteigen, dann muss er sich noch um all die Papiere kümmern und so weiter – bis er soweit wäre, ist das Interesse längst verklungen.“

„Er will an Dads Tourenbuch ran“, knurrte Mal. „Innis weiß genau, dass er es immer bei sich getragen hat. Er fürchtet sich bestimmt vor dem, was darin steht. Immerhin hat es ihn Jahre gekostet, seine Weste nach der letzten Tour mit Dad wieder völlig rein zu waschen. Das wird er um nichts in der Welt gefährden.“

Das Telefon klingelte und Dana stand auf. „Wahrscheinlich wieder so ein Journalist.“

„Soll ich mich drum kümmern?“, fragte Mal.

„Nein, du bist doch eben erst angekommen. Entspann dich ein wenig, ich sage einfach, was ich seit drei Wochen sage: Kein Kommentar. Auch wenn sie das nur noch gieriger werden lässt.“ Sie warf ihm einen nachdenklichen Blick zu. „Vielleicht sollten wir ein Interview geben, wir alle, mit Mom. Maximum Adrenaline könnte es nicht schaden – und Innis würde sich schwarz ärgern.“

„Vielleicht“, murmelte er.

„High Adventure hat übrigens auch schon dreimal angerufen in den letzten Tagen. Ich habe der Dame gesagt, dass du morgen wieder hier sein wirst – vielleicht solltest du mit ihr sprechen.“

Ein großer Artikel über ihren Vater und das Familienunternehmen könnte sie endlich aus Roger Innis’ langem Schatten heraustreten lassen. Vor allem, wenn sie sich zu einer eigenen Expedition aufmachten – und vielleicht war es an der Zeit, dass sie die Wahrheit über die verhängnisvolle letzte Tour ihres Vaters herausfanden.

Aber wollte er das denn? Es würde doch nichts ändern. Sein Vater wäre weiterhin tot. Und es würde seine Mutter dazu zwingen, alles noch mal zu durchleben. Außerdem hatte er ihr versprochen, dass weder er noch eines seiner Geschwister je den Everest besteigen würden. Es gab genug Gründe, um zu Hause zu bleiben.

Und dennoch konnte Mal sich der Frage nicht erwehren, ob die Wahrheit – die Wahrheit darüber, wie sein Vater ums Leben gekommen war – ihm und seiner Familie nicht dabei helfen könnte, einen Schlussstrich unter das Leiden der letzten zwanzig Jahre zu ziehen. Würde er die Antworten, die er suchte, im Tourenbuch seines Vaters finden? Hatte sein Vater dort vielleicht sogar Abschiedworte formuliert, bevor er in den Bergen zu Tode gekommen war? So viele Fragen.

„Ich werde Mom besuchen“, sagte Mal und stand auf. „Danach fahre ich nach Hause und hole die Dusche und den Drink nach.“

„Wolltest du nicht feiern gehen?“, fragte Dana und lächelte ihn an.

„Das muss vielleicht erst mal warten“, sagte Mal, ebenfalls lächelnd, und ging zu seinem Wagen zurück.

Er winkte seiner Schwester zu, die mit Duffy an ihrer Seite noch lange vor dem Haus stehen blieb. Mal versuchte, sein Leben relativ unkompliziert zu gestalten. Dass der wirtschaftliche Druck, der auf dem Familienunternehmen und ihm lastete, in letzter Zeit immer stärker geworden war, konnte er jedoch nicht ignorieren. Eigentlich blieb am Ende der Touren nie genug übrig. Beinahe jeden Monat musste er zusehen, überhaupt seine Miete zusammenzubekommen. Und wenn die Finanzen mal stimmten, investierte er das Geld direkt in neue Ausrüstung und Material für die Touren.

Er zog ein paar Scheine aus seiner Tasche. Es war das Trinkgeld, das er und die anderen Guides untereinander aufgeteilt hatten. Es war genug, um es sich einen Abend lang gut gehen zu lassen – den Rest würde er für offene Rechnungen beiseite legen müssen.

„Na hoffentlich wird das eine verdammt gute Nacht heute“, murmelte er. „Ich kann nämlich keinen einzigen Tag mehr wie ein Mönch leben.“

„Hey, Billy Finster! Ich brauche einen Drink – und zwar einen großen, ich bin unfassbar durstig!“

Die tiefe, männliche Stimme schallte durch den leeren Pub. Amy Engalls sah von ihrem Laptop auf und erblickte den großen Mann, der direkt auf den Tresen zuging. Er trug ein T-Shirt und ausgewaschene Jeans, seine Haare waren in frecher Unordnung, hinter seiner Fliegerbrille waren seine Augen nicht zu erkennen.

Er sah sich um und ließ seinen Blick einen Moment lang auf ihr ruhen. Amy hielt den Atem an. Konnte das Malcolm Quinn sein? Eigentlich sollte er nicht vor morgen zurück sein. Man hatte ihr erzählt, dass er und seine Brüder öfter hier waren, in Brawleys Pub, unweit seines Strandhauses. Deshalb war sie heute hier. Als er sich wegdrehte, holte sie schnell die Mappe mit ihren Rechercheunterlagen aus ihrer Tasche.

Während sie das schöne Gesicht auf dem Foto in ihrer Mappe mit dem Mann am Tresen verglich, atmete sie langsam wieder aus. Er war es.

Einen Sekundenbruchteil später kam der Barkeeper durch die Schwingtüren zur Küche hervor und bestätigte ihre Vermutung. „Mal Quinn, alter Hund, ich habe mich schon gefragt, wo du steckst. In welchem Erdteil hast du dich noch mal rumgetrieben?“

„Grönland“, sagte Mal und setzte sich auf einen der Barhocker.

Der Barkeeper zapfte ein großes Bier und stellte das Glas vor seinen Gast auf den Tresen. „Was zur Hölle gibt es denn in Grönland?“

Mal nahm die Sonnenbrille ab und legte sie auf den Tresen. „Viel Eis. Und Schnee. Und Kälte.“

„Und schöne Frauen?“

Mal lachte. „Ich habe keine gesehen. Es waren nur männliche Teilnehmer auf der Tour, keine Frau weit und breit.“

Billy nickte und schlug mit der flachen Hand auf seinen Tresen. „Und genau aus dem Grund wirst du mich nie da draußen finden. Ich halte es ohne Frauen einfach nicht aus – und sie ohne mich auch nicht.“

„Ohne deine Zigaretten und dein Bier machst du es eh nicht länger als einen Tag“, sagte Mal lachend. „Die harte Wildnis da draußen ist nichts für dich.“

Der Barkeeper runzelte die Stirn und tätschelte seinen eigenen Bauch. „Ich könnte schon in Form kommen und Bier und Zigaretten könnte ich auch ohne Weiteres aufgeben. Du könntest mir dann eine Frauengruppe zuteilen, die würde ich schon unterhalten.“

Amy hörte den beiden dabei zu, wie sie vertraut miteinander scherzten, und überlegte sich bereits, wie sie Mal beschreiben würde. Groß, stolz, gut trainiert. Er war schlank aber muskulös mit breiten Schultern. Sein dunkelbraunes Haar war etwas länger und durcheinander, mit ein paar sonnengebleichten Strähnen. Auf seinem gebräunten Gesicht lag der Schatten eines Bartes.

Ohne Frage war er einer der umwerfendsten Männer, die ihr je begegnet waren. Die Bilder, die sie vorliegen hatte, wurden der Wirklichkeit nicht annähernd gerecht und fingen nicht die Hälfte der Energie ein, die er ausstrahlte. Selbst während er mit seinem alten Freund herumalberte, wirkte er stark und irgendwie hochkonzentriert. Er war ganz offensichtlich ein Mann, der alles aus seinem Leben herausholte und den nichts aufhalten konnte. Der sich vor nichts fürchtete. Genau ihr Typ.

Sie war erstaunt von der Intensität, mit der sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Es lag nicht nur an seinem Aussehen – er berührte etwas, das viel tiefer in ihr lag. Vielleicht war es sein starkes Auftreten? In letzter Zeit hatte sie viel darüber nachgedacht, dass ihr selbst so oft der Mut fehlte. Ihr ganzes Leben lang war sie den Weg des geringsten Widerstands gegangen, noch nie hatte sie sich für etwas, das ihr wirklich am Herzen lag, mit aller Kraft eingesetzt.

Bis jetzt, hoffte sie. Denn sie war hier, um ihr Leben zu ändern. Und diese Gelegenheit würde sie sich nicht entgehen lassen, selbst wenn das bedeutete, dass sie diesen unglaublichen heißen Typen einfach ansprechen und eventuell sogar zu etwas drängen musste, das er gar nicht wollte.

Das Telefon am anderen Ende der Bar klingelte und Billy ging hinüber um abzuheben. Amy beobachtete Mal weiterhin von ihrem Tisch aus und grübelte, wie sie ihn am einfachsten ansprechen könnte. Sollte sie einfach die Initiative ergreifen, oder lieber bis morgen warten? Aber was, wenn sie morgen keine Gelegenheit mehr dazu bekäme?

Seit sechs Jahren war sie Journalistin beim High Adventure und es war langsam Zeit für ihren großen Durchbruch. Das Problem war, dass die großen Reportagen von richtigen Abenteurern geschrieben wurden, Leuten, die draußen in der Welt unterwegs waren, die gefährliche Touren wagten und dann ihre Geschichten auch noch brillant erzählen konnten. Sie hingegen war im Vergleich dazu nur ein kleines Mädchen – das allerdings ebenfalls brillant schreiben konnte. Und das zufällig die Tochter des Verlegers war.

Amy wollte eigentlich nie für ein Outdoor- und Abenteuer-Magazin schreiben. Sie wäre glücklich gewesen, wenn sie einfach für eine der vielen Frauenzeitschriften arbeiten könnte, die ihr Vater auch verlegte. Doch es war typisch für ihren Vater, ihr ein unmögliches Ziel zu stecken und zu verlangen, dass sie es erreichte – auch wenn er davon ausging, dass sie scheitern würde. So war es mit Richard Engalls schon immer gewesen. Er wollte, dass seine Kinder sich seiner wertvollen Aufmerksamkeit als würdig erwiesen. Ihr Bruder hatte einen Top-Abschluss gemacht und war selbst ein richtiger Abenteurer geworden. Aber Amy schien da anders gestrickt zu sein. Noch immer kämpfte sie Tag für Tag darum, von ihrem Vater wahrgenommen und wirklich anerkannt zu werden.

Darum war sie ja hier. Amy erkannte eine gute Story, wenn sie vor ihr lag. Und dass sie selbst noch keine großartigen Abenteuerreisen erlebt hatte, hieß doch nicht, dass sie nicht dennoch eine großartige Abenteuergeschichte schreiben konnte, oder? Sie würde ihrem Vater beweisen, dass sie das Zeug hatte, um auf dem Magazin-Markt erfolgreich zu sein. Sie hatte ihre Ersparnisse zusammengelegt und alles auf eine Karte gesetzt. Sie würde eine Reportage über die Quinn-Brüder schreiben. Die biografischen Daten hatte sie bereits zusammen und ausformuliert, hatte die Reisen der Brüder nachrecherchiert und schon hier und da kleinere Artikel über sie geschrieben. Eigentlich boten sie alles, wonach ihr Chefredakteur suchte: eine konfliktbeladene Vergangenheit, tiefe Gefühle, tolle Reiseziele und Abenteurer mit Charakter.

Ihr Chefredakteur hatte nur verächtlich geschnaubt, als sie ihm versicherte, dass sie ein Exklusivinterview bekommen, und dass ihr Vater ihre Expedition finanzieren würde. Aber hinter seiner schroffen Art hatte sie erkannt, dass er die Idee ziemlich gut fand, und dass er sie sich bei nächster Gelegenheit unter den Nagel reißen und ihrem Vater als seine Story unterbreiten würde. Amy war den beiden jedoch einen Schritt voraus. Sie hatte zwei Wochen Urlaub genommen, Mal Quinns Reisedaten online überprüft und war in den Flieger von New York nach Auckland gestiegen.

Sie nahm allen Mut zusammen, stand auf und ging zum Tresen. Sie wollte etwas bestellen, vielleicht würde sich dabei ja ein Gespräch mit Mal ergeben. Als sie beinahe schon neben ihm stand, klingelte sein Handy. Er fischte es aus seiner Tasche, stand auf und ging hinaus.

Amy stöhnte leise auf. Das war wieder typisch. Wenn sie eine Geschichte zu schreiben hatte, konnte sie das Beste aus der Story herausholen, sie richtig spannend werden lassen. Mit Wörtern konnte sie einfach so viel besser als mit Menschen – im Gespräch mit Fremden hatte sie sich noch nie besonders wohl gefühlt. Und schon wieder hatte sie eine Chance vertan, nur weil sie zu lange gezögert hatte. Was, wenn Mal Quinn nicht zurückkam? Schlimmer noch: Was, wenn er doch zurückkam?

Sich mit gut aussehenden heißen Fremden zu unterhalten gehörte nicht zu ihren Stärken. Ihr Herz begann in diesen Momenten immer zu rasen und normalerweise verlor sie dann auch noch ihr rationales Denkvermögen. Es war ein Wunder, dass sie überhaupt schon Liebesbeziehungen gehabt hatte. Von denen bisher jedoch noch keine von besonderer Intensität oder Dauer gewesen war.

Billy, der Barkeeper, kam zurück an den Tresen und Amy setzte sich auf einen der Hocker.

„Was kann ich für dich tun?“, fragte er. „Noch eine Cola?“

„Ich – ich würde gern etwas essen. Kannst du mir was empfehlen?“

„Wir haben heute Muscheln mit Sahnesauce, Lachsauflauf und eine Krabbensuppe. Warmes Essen haben wir allerdings erst in einer halben Stunde. Ich könnte dir aber ein Sandwich anbieten oder schnell ein paar Pommes machen?“

„Ich nehme einfach eine Tüte Chips“, sagte Amy. „Und ein Bier, ein frisch gezapftes.“

Sie brauchte einen Drink, Cola würde ihr jetzt nicht weiterhelfen. Dann hörte sie, wie sich die Tür hinter ihrem Rücken öffnete. Sie wagte nicht, sich umzusehen, und versuchte, besonders locker zu wirken.

Billy stellte ein Bier und einen Korb mit Chips vor sie. „Das macht sechs Dollar.“

„Ich übernehme das.“

Amy erstarrte, als sie die Stimme hinter sich hörte. Langsam drehte sie sich um und ihre Blicke trafen sich. Verdammt, aus der Nähe war er noch viel heißer, als sie dachte. Er hatte etwas Wildes an sich, etwas Männliches. Aus der Nähe roch er bestimmt nach frischer Luft, Seife und Lagerfeuerrauch.

Amy wollte etwas sagen, ihr fehlte jedoch die Luft zum Sprechen. Hastig atmete sie ein und errötete, als er auf sie zukam. Oh ja, er roch wirklich gut.

Sollte sie seine Einladung einfach annehmen? Warum sah er sie so erstaunt an? „Ich – ich habe Geld“, stieß sie schließlich hervor.

„Ich auch“, sagte er und grinste. „Ich war einen Monat nicht hier und komme soeben mit den Taschen voller Trinkgeld zurück und möchte eine Runde schmeißen.“

„Es sind doch nur wir beide hier“, sagte sie.

Er beugte sich verschwörerisch lächelnd zu ihr. „Ich weiß. Ein perfekter Plan, oder?“

„Danke“, murmelte sie und stand mit Bier und Chips in beiden Händen auf. „Und willkommen zurück.“

Sie brauchte einen Moment, um sich zu sortieren, und ging rasch zu ihrem Tisch zurück. Ja, er war unfassbar gutaussehend und sehr charmant und dieses Lächeln konnte wirklich jede Frau zum Schmelzen bringen. Aber das bedeutete nicht, dass sie sich nicht dennoch wie eine Erwachsene benehmen konnte.

Amy versuchte, sich auf ihren Computerbildschirm zu konzentrieren und wagte keinen weiteren Blick zum Tresen. Was war sie nur für eine Journalistin? Klar, sie wusste genau, wie eine gute Story gestrickt sein musste – Himmel, eine richtig gute Story schrieb sie doch mit Links. Das Problem war nur, dass sie bisher meistens in Büros gearbeitet und selbst noch nie eine brandheiße Story in der echten Welt aufgespürt hatte. Es gab bestimmt eine ganze Menge Tricks, mit denen ein richtiger Top-Journalist die Leute dazu brachte, ihre tiefsten Geheimnisse preiszugeben. Sie war jedoch offensichtlich viel zu beschäftig damit gewesen, ihrem Chefredakteur und ihrem Vater die Quinn-Geschichte schmackhaft zu machen, als damit, sich zu überlegen, wie sie überhaupt an die Geschichte herankommen sollte.

„Und, was starrst du so konzentriert an? Scheint ja höchst interessant zu sein. Pornos?“

Amy erstarrte erneut, dann sah sie langsam auf. „Nein, keine Pornos. Ich arbeite hier – auf dem Arbeitscomputer kann man doch keine Pornos sehen.“

„Hältst du dich immer so streng an die Regeln?“

„Ich versuche es“, murmelte Amy. Mal schnappte sich einen Stuhl und setzte sich rittlings, die Arme entspannt auf die Lehne gelegt, ihr gegenüber. „Mach nur weiter, ich wollte dich nicht beim Arbeiten unterbrechen.“

Amys Herz schlug wild, während sie versuchte, sich tatsächlich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Sie hatte ihn doch genau da, wo sie ihn haben wollte – er saß gesprächsbereit vor ihr. Sie musste den Faden nur aufnehmen. „Danke für das Bier – und die Chips.“ Sie sah auf und bemerkte, dass er sie grinsend musterte. „Was ist?“

„Nichts“, antwortete Malcolm. „Ich genieße die Aussicht.“

„Wie?“, fragte sie verwirrt und realisierte erst dann, dass er sie gemeint haben musste. Sie wurde rot.

„Ich habe seit einem Monat keine schöne Frau mehr gesehen und wenn es in Ordnung für dich ist, würde ich gern einfach noch einen Moment lang hier sitzen und dich betrachten. Ich will dich auch wirklich nicht stören.“

Schön? Fand er sie wirklich schön? Sie war nicht unattraktiv, ja, aber schön? Sie fand sich selbst immer eher durchschnittlich.

„Du musst länger als einen Monat unterwegs gewesen sein, wenn du mich schön findest“, murmelte sie.

„Ach was, sag doch nicht so was. Du bist richtig hübsch.“

Sie ließ ihren Blick durch den leeren Pub wandern, bevor sie ihm wieder in die Augen sah. „Die Konkurrenz ist klein“, gab sie zurück.

„Nun, zufälligerweise kenne ich mich mit Schönheiten ziemlich gut aus. Ich habe ein paar der schönsten Flecken dieser Erde gesehen, glaub mir.“

„Danke“, sagte Amy. „Für die Chips und das Kompliment.“

„Ich heiße übrigens Mal Quinn“, sagte er und streckte ihr die Hand entgegen.

„Nett, dich kennenzulernen“, antwortete Amy.

Sie schwiegen sich einen Moment lang an, während Amy überlegte, wie sie vorgehen sollte. „Ich heiße Amy Engalls, ich bin Reporterin beim High Adventure Magazin und hergekommen, um dich zu interviewen.“

Schnell packte sie seine Hand und schüttelte sie, dann hielt sie sie weiterhin fest, als wollte sie ihn daran hindern, wegzulaufen.

Er musterte sie schweigend und überlegte. „Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet.“ Mal stand langsam auf. „Ich nehme an, du brauchst ein gutes Zitat? Kurz und schmerzlos: Kein Kommentar.“

Er befreite seine Hand aus ihrer und ging zum Tresen. Amy beeilte sich, ihm zu folgen. „Warte, es tut mir leid. Lass es mich erklären.“

„Das ist nicht nötig“, murmelte er. „Billy, nett dich wiederzusehen“, sagte er dann lauter.

Der Barkeeper blickte die beiden erstaunt an. „Du gehst schon?“

„Ja, ist mir zu wenig los hier um die Zeit. Ich komme später noch mal wieder.“ Er stellte sein Glas auf den Tresen und ging.

Amy sah Billy an und seufzte. „Tut mir leid“, rief sie Mal hinterher.

„Was zur Hölle hast du denn zu ihm gesagt?“, fragte Billy.

„Kein Kommentar.“ Sie packte hastig ihre Sachen zusammen und hoffte, ihn vielleicht doch noch zu erwischen. Denn kampflos wollte Amy ihre Top-Story auf gar keinen Fall aufgeben.

Fluchend stürmte Mal aus dem Pub. Ihm war nach dem Gespräch mit Dana klar, dass er mit dem medialen Interesse an seiner Familiengeschichte umgehen musste – nur hatte er irgendwie nicht erwartet, dass es schon an diesem Abend losgehen würde. Was zur Hölle suchte diese Reporterin hier bei ihm zu Hause? Das Interesse war offenbar noch viel größer als erwartet.

Und wie zur Hölle sollte er damit umgehen? Seine Familie und er versuchten seit beinahe zwanzig Jahren, ihren Verlust zu bewältigen, und dennoch war der Schmerz nie wirklich geringer geworden. Noch immer überkam jeden von ihnen dann und wann der Gedanke an alle möglichen Szenarien, wie der letzte Tag und wie die letzten Minuten im Leben von Max Quinn ausgesehen haben mochten. Und wie alles hätte anders verlaufen können.

Wie wäre es wohl gewesen, mit einem Vater aufzuwachsen? Seine Kindheit war nicht schlecht verlaufen, eigentlich, aber dieser immense Verlust hatte permanent seinen Schatten über alles geworfen. Wie nur würde er dieses Gefühl einem Fremden erklären können? Es ging doch nicht nur um irgendeine eingefrorene Leiche auf dem Mount Everest – es ging um seinen Vater.

„Mr Quinn!“

Er drehte sich um und sah die Reporterin, die hinter ihm her eilte. Doch noch bevor er etwas sagen konnte, stolperte sie über einen Vorsprung im Boden und schlug lang vor ihm hin. „Verdammt noch mal“, murmelte er, während er mit einem Satz bei ihr war und sich neben sie kniete.

Sie rappelte sich schon wieder auf, doch ihre Knie waren aufgeschlagen und bluteten.

„Alles in Ordnung? Bist du mit dem Kopf aufgeschlagen?“

Sie fasste sich an die Stirn und schüttelte den Kopf. „Nein, ich glaube nicht.“

„Tun dir nur die Knie weh oder hast du dich sonst irgendwo verletzt?“

„Nur meinen Stolz“, sagte sie und zuckte zusammen, als er ihr Bein berührte.

Er sah ihr in die Augen und seine Wut auf sie legte sich etwas. Sie machte doch nur ihren Job, er hätte nicht so hart mit ihr sein müssen. „Kannst du aufstehen?“

Sie nickte und er nahm sie bei der Hand und half ihr auf. „Danke.“

„Wie heißt du noch gleich?“

„Amy Engalls.“

„Amy Engalls vom High Adventure?“, fragte Mal. „Irgendeine Verbindung zu dem Verleger Richard Engalls?“

„Er ist mein Vater.“

„Aha. Dann ist David Engalls wohl dein Bruder?“

„Ja?“, sagte sie und sah ihn etwas verwirrt an.

Richard Engalls hatte sein Medienimperium zum Teil auch dafür aufgebaut, seiner Abenteuerlust nachzugehen – und diese vor allem finanzieren zu können. Er hatte die Erde in einem Ballon umkreist, hatte versucht, über den Atlantik zu rudern und hatte alle sieben höchsten Gipfel der Welt bestiegen. Er hatte außerdem schon diverse Expeditionen finanziert und war nach der National Geographic Society die Adresse, an die man sich für größere Finanzierungen wenden musste. David Engalls, dem Mal inzwischen schon bei ein paar Reisen begegnet war, war eine jüngere Version seines Vaters und Profi darin, dessen Millionen für die abgefahrensten und exotischsten Abenteuer rauszuwerfen. Mal hielt ihn geradeheraus für ein Arschloch – ein sehr, sehr reiches Arschloch. Dass zum Engalls-Konzern noch eine Tochter gehörte, hatte Mal nicht gewusst.

Er strich ihr unbewusst etwas Staub vom Rock und bemerkte erst, als seine Hand über ihren Po wanderte, dass er gerade seine Hand über ihren Po wandern ließ. Ein sehr schöner Po, wie er zugeben musste, so wie sie überhaupt ziemlich attraktiv war. Abgesehen von ihrem Beruf. „Komm, wir sehen uns deine Knie mal genauer an. Ich wohne nicht weit von hier und habe Desinfektionsmittel und Pflaster.“

„Es geht mir gut“, sagte sie.

„Wenn ich du wäre, Amy Engalls, würde ich mein Angebot annehmen. Während ich dein Knie verbinde, könntest du ja versuchen, mir ein Statement für die Medien zu entlocken.“

Sie musste lächeln und er war erstaunt darüber, wie gut ihm der Anblick gefiel. „Na gut.“

Er sammelte ihre Tasche mit dem Laptop auf und half ihr dann zu seinem Range Rover. Sie setzte sich auf den Beifahrersitz und Mal eilte um den Wagen herum, stieg ein und fuhr los.

Unterwegs warf er einen unauffälligen Blick auf die junge Frau, die er mit einem Mal in seinem Auto sitzen hatte. Sie war hübsch. Keine aufgetakelte Sexbombe, eher der Typ hübsches Mädchen von nebenan. Ihr helles Haar fiel in üppigen Wellen um ihr Gesicht und betonte die Farbe ihrer Augen, eine anziehende Mischung aus Grün und Blau. Ihre Züge waren ebenmäßig und boten ihm einen Anblick, den er gern länger genießen wollte.

Sie war schlank, aber ihre Figur zugleich auch sehr weiblich. Von ihrer Familie her, die ja sehr viel Outdoor-Sport betrieb, hätte er eher erwartet, dass sie sehnig sein müsste. Eine Frau, die sich mit einer Hand an einem Felsvorsprung festhalten konnte. Stattdessen wirkte sie zart und feminin, was er trotz ihrer unauffälligen Kleidung bemerkte.

„Erzähl mal, Amy Engalls, teilst du die Vorliebe deiner Familie für Abenteuer jeglicher Art?“

„Oh ja“, antwortete sie.

„Und über welchen Berg bist du zuletzt gestolpert?“

Sie lachte leise. „Sehr komisch. Ich bin nicht so tollpatschig, wie du vielleicht denkst. Ich habe jahrelang intensiv Ballett getanzt – nur daran, jemandem hinterherzurennen, bin ich nicht gewöhnt.“

„Jetzt bin ich schuld?“

„Nein, ich wollte es nur gesagt haben.“

„Dass du Balletttänzerin bist?“, fragte er schmunzelnd.

„Nein“, sie lächelte. „Eigentlich wollte ich dir nur erklären, dass ich dich interviewen möchte.“

„Du hast mich gerade ganz für dich allein. Schieß los.“

Sie schwieg einen Moment lang und dachte nach, während Mal sich überlegte, was sie wohl fragen würde. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das kann.“

„Was?“

„In deinem Privatleben herumschnüffeln.“

„Ein wirklich guter Jäger bist du nicht und wenn du nicht herumschnüffelst, wirst du auch als Reporterin nicht wirklich weit kommen, fürchte ich.“

Sie richtete sich auf. „Alles klar. Erzähl mir, wie du dich gefühlt hast, als sie deinen Vater gefunden haben.“

„Den Körper meines Vaters“, ergänzte er. Mal hätte ihr genau sagen können, wie er sich gefühlt hatte. Doch er war sich nicht sicher, ob das das Thema ihres Gesprächs sein sollte. Seit dem Tod seines Vaters hatten er und seine gesamte Familie sich eine raue Schale zugelegt. Jedem, der sie danach befragte, sagten sie, dass Max Quinn gestorben war, während er tat, was er liebte. Und dass doch niemand wisse, wann seine Zeit um sei. Dass jeder schon morgen vom Bus überfahren werden könnte.

Doch was hatte ihm diese kühle Haltung je gebracht?

Mal sah zu ihr hinüber. „Ich war … verblüfft“, sagte er dann leise.

„Es muss viele Erinnerungen wachgerufen haben.“

„Ich habe nie aufgehört, an ihn zu denken“, gab Mal zu.

Tatsächlich dachte Mal manchmal, dass er nie aus dem Schatten seines Vaters würde heraustreten können. Max Quinn war eine Legende, ein Mann, vom dem jeder gedacht hatte, dass er unsterblich sei. Er war der Mann, der ohne Weiteres jeden Gipfel dieser Erde besteigen konnte – mit einem Lächeln im Gesicht.

Die Abenteurer dieser Welt hatten angenommen, dass Mal wie sein Vater werden würde, kein Risiko scheuen und jeglichen Gefahren ins Gesicht lachen würde. Doch Mal war klar, dass seine Familie einen weiteren Verlust nicht verkraften könnte – so gern er auch wie sein Vater geworden wäre. Ja, theoretisch war er in die Fußstapfen von Max Quinn getreten. Doch ob sein Vater stolz auf das wäre, was er tat, wusste er nicht.

„Es ist schon so lange her“, sagte sie.

„Ich war zehn, als er starb. Meine Geschwister erinnern sich nicht so gut wie ich.“

„Er war nur sechs Jahre älter als du jetzt, als er starb.“

„Sechsunddreißig“, murmelte Mal. Verdammt, sie hatte recht. Und was sein Vater schon alles erreicht hatte, bis dahin … Er hatte ein erfolgreiches Unternehmen gegründet, fünfmal den Mount Everest bezwungen und eine Familie gegründet. Was hingegen konnte Mal bisher aufweisen?

Während sie in die Einfahrt zu Mals Haus einbogen, dachte er daran, wie viel noch vor seinem Vater gelegen hatte. Ob er zuletzt wohl voller Reue gewesen war? Oder irgendwie glücklich darüber, so viel erreicht und immer das getan zu haben, was er liebte?

Mal stoppte den Wagen, zog den Schlüssel aus dem Zündschloss und legte seine Hände auf das Lenkrad. „Manche sagen, dass er ein egoistischer Mann war. Dass er die Kletterei spätestens dann hätte aufgeben müssen, als er geheiratet und eine Familie gegründet hatte. Was meinst du?“, fragte Mal.

„Ich glaube, dass manche Menschen einem inneren Drang folgen und immer weiter und höher hinaus müssen – und dass andere zufrieden sind, mit dem, was sie haben.“

„Und ich, zu welcher Sorte gehöre ich?“

„Das weiß ich nicht“, sagte Amy. „Ich kenne dich doch erst seit ein paar Minuten.“ Sie schwieg einen Moment. „Das war eine rhetorische Frage, oder?“, sagte sie dann.

„Vielleicht auch nicht“, antwortete Mal und stieg aus seinem Wagen. „Wenn du eine Antwort hast, lass es mich wissen.“

Er half Amy aus dem Auto, schnappte sich die Überreste ihres Computers, und half ihr langsam zu dem Schaukelstuhl, der auf der breiten Veranda seines Hauses stand.

Er öffnete die Fliegengittertür und ging hinein. Er wusste eigentlich, dass diese Journalisten alle gleich waren und immer der nächsten Story hinterherjagten, die Menschen dahinter waren ihnen ganz egal. Er erinnerte sich noch zu gut an die Tage nach dem Tod seines Vaters, als sie von den Medien belagert wurden – alle wollten ein Foto seiner trauernden Mutter mit ihren armen Kindern. Lydie Quinn war damals so wütend gewesen, dass sie beschloss, ihr Haus mit ihren Kindern nicht mehr zu verlassen. Freunde und Verwandte hatten sie dann in der ersten Zeit mit Lebensmitteln versorgt. Mal wusste also eigentlich, dass er Amy nicht trauen durfte.

Ja, sie war eine Reporterin – aber zugleich war sie auch ziemlich attraktiv. Und irgendwie wirkte sie auf ihn nicht wie ihre knallharten, rücksichtslosen Kollegen. Sie war … süß. Und verdammt sexy.

„Pass bloß auf, Mal“, sagte er leise zu sich lebst und durchsuchte seinen Erste-Hilfe-Kasten.

Als er zu Amy zurückkam, inspizierte diese gerade ihre Knie. „Es ist gar nicht so schlimm“, sagte sie.

Er kniete sich vor sie und sprühte ein Desinfektionsmittel auf ihre Knie, wobei sie zusammenzuckte. Mal beugte sich vor und pustete sanft über ihre Wunden. „Besser?“

„Mhm“, murmelte sie nickend.

Vorsichtig verband er ihre Knie und ließ seine Hände dann langsam hinab zu ihren Knöcheln wandern. Wie schön ihre Beine waren – schlank und wohlgeformt. Er konnte nicht anders und streichelte noch einmal sanft über ihre Waden nach oben zum Knie. Das Gefühl ihrer zarten Haut unter seinen Fingern war der pure Genuss.

Als er sie scharf einatmen hörte, sah er zu ihr auf und bemerkte, dass sie ihn mit weit aufgerissenen Augen ungläubig musterte. „Alles okay mit deinen Beinen“, sagte er grinsend. „Ich könnte jetzt einen Drink gebrauchen, du auch?“

„Auf jeden Fall“, sagte sie. „Wasser wäre gut. Oder eine Cola.“

„Ich dachte eigentlich an etwas Stärkeres. Whiskey, vielleicht?“

„Okay, Whiskey.“

Mal stand auf, den Blick immer noch auf sie gerichtet. Er sollte sie jetzt einfach küssen – denn Mal war noch nie der Typ gewesen, der mit seinen Wünschen hinterm Berg hielt. Wenn er eine Frau wollte, zeigte er ihr das normalerweise ziemlich direkt. Was hielt ihn diesmal zurück? Sie waren beide erwachsen und willig – er zumindest.

Mal fluchte innerlich. Was, wenn sie ihm etwas vorspielte, nur um an ihre Story zu kommen? Er konnte sehen, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Aber vielleicht war sie auch einfach nur ein knallharter Profi? „Ich kümmere mich um die Drinks“, sagte er und verschwand ins Haus.

2. KAPITEL

Amy stand auf und ging langsam ans andere Ende der Veranda, wo sie sich an das Geländer lehnte und den Blick über das Wasser schweifen ließ. Die Sonne würde bald untergehen und alles war in warme Rot- und Orangetöne getaucht.

Das hier muss das Paradies sein, dachte sie. Auch wenn das Cottage – oder das Häuschen, wie er es nannte – klein war, könnte die Lage gar nicht perfekter sein. Aber vielleicht bemerkte Mal das gar nicht mehr – vielleicht war er atemberaubende Ausblicke einfach schon gewöhnt.

Sie dachte daran, was er in der Bar zu ihr gesagt hatte. Mal Quinn fand sie hübsch! Was hatte das zu bedeuten? Es fühlte sich gut an und irgendwie war sie seitdem von einer tief in ihre brodelnden Vorfreude erfüllt, als würde sie etwas erwarten, von dem sie sich nicht ganz sicher war, ob sie es wirklich wollte.