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Pferde richtig ausbilden

 

 

 

Von der Losgelassenheit

bis zur Versammlung

 

 

 

 

 

 

Einleitung

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Einleitung

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Ein Pferd auszubilden ist eine faszinierende Aufgabe. Man sollte sich aber bewusst machen, dass gerade am Anfang der Ausbildung ein hohes Maß an Verantwortung sich selbst als Reiter und dem jungen Pferd gegenüber bestehen muss. Werden gleich zu Beginn grobe Fehler gemacht, ist das so, als wenn beim Schiffbau der Kiel, der ja die Grund­lage eines Schiffes ist, nicht gerade ist oder andere Fehler aufweist: Es würde später un-weigerlich zum Schiffbruch kommen!

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An die Ausbildung eines Pferdes sollte sich deshalb nur derjenige Reiter wagen, der einen unabhängigen, geschmeidigen Sitz hat und auch jungen, übermütigen und unberechenbaren Pferden ohne Angst begegnet. Junge Pferde sind häufig sehr schreckhaft, weil sie noch wenig von ihrem Umfeld kennen, und sie haben manchmal eine überschäumende Lebensfreude. Sie sind wie ein Schiff ohne Ruder, denn sie können die Hilfen eines Reiters noch nicht verstehen und deswegen auch nicht annehmen.

Der Reiter sollte möglichst viel Erfahrung auf vielen unterschiedlichen Pferden gesammelt haben. Ein Reiter, der sich zutraut, ein junges Pferd auszubilden, sollte selbst eine solide Ausbildung gehabt haben. Jeder, auch der Reiter mit viel Erfahrung, darf sich nicht scheuen, einen guten Ausbilder um Rat zu fragen!

 

Ein unerfahrenes Pferd braucht einen erfahrenen Reiter, und der unerfahrene Reiter lernt auf einem gut ausgebildeten Pferd!

 

Man muss sich immer vor Augen halten, dass das Pferd eines der edelsten Tiere der Schöpfung ist. Bei aller Liebe zum Pferd und bei aller Begeisterung für seine Schönheit hüte man sich vor Vermenschlichung. Das Pferd ist ein Pferd – es denkt, fühlt und handelt wie ein Pferd. Die Herde ist seine Gemeinschaft (Familie) und die Flucht ist seine Überlebensstrategie. Der Mensch, der mit ihm umgeht, muss sich darauf einstellen!

Der Fluchtinstinkt ist auch bei unseren Hauspferden noch vorhanden, wenn auch unterschiedlich stark ausgeprägt. Mit Strafen kann man diesen Instinkt nicht unterdrücken. Da hilft nur, ein möglichst großes Vertrauen aufzubauen. In einer Pferdeherde, auch auf unseren Koppeln, herrscht eine strenge Rangordnung. Das Leittier, das ist meistens eine Stute, wird von allen anderen Mitgliedern der Herde respektiert. Für den Reiter, der sich an die Aufgabe wagt, ein junges Pferd auszubilden, bedeutet das, dass er die Rolle des Leittiers übernehmen muss. Menschen, die hierfür kein Gefühl haben, lösen in einem Pferd Verwirrung und Unsicherheit aus. Der Reiter muss sich also von Anfang an Respekt verschaffen und Vertrauen aufbauen, denn hat ein Pferd herausgefunden, dass es dem Menschen an Kraft (und Intelligenz?) überlegen ist, wird es dies ausnutzen, wann immer ihm danach zumute ist. Das kann ein großes Problem bei der weiteren Ausbildung werden.

 

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Die Leitstute darf als erstes Tier an die Tränke und kommt als Erste an das Gatter, wenn es heim in den Stall geht. Wenn das Leittier kommt, machen alle anderen Platz.
(Zeichnung: Krumm)

Das Ziel der Ausbildung

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Das Ziel der Ausbildung

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Bevor man sich entscheidet, sein Pferd selbst auszubilden, sollte man sich einige Gedanken machen: Welches Ziel soll möglichst erreicht werden? Wie komme ich diesem Ziel am nächsten? Wie möchte ich vorgehen?

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Am Ende einer systematischen Grundausbildung, die ungefähr zwei Jahre in Anspruch nimmt, sollte das Pferd schöner geworden sein. Es hat Muskeln an den richtigen Stellen aufgebaut und seine Bewegungen sind zwanglos und elastisch. Sein Ausdruck ist stärker geworden und es hat an Ausstrahlung gewonnen. Es soll locker, schwungvoll und mit dem ihm eigenen Charme in allen Grundgangarten und Lektionen gehen. Es soll vertrauensvoll im Gelände, im Straßenverkehr und über normalen Sprüngen minimalen Hilfen seines Reiters folgen. Kurz: „Es soll angenehm zu reiten sein“ (François Robichon de la Guérinière, 1688–1751).

Wenn man ein Haus bauen möchte, beginnt man mit einem soliden Fundament. Ist das Fundament nicht tragfähig, wächst mit jedem Stockwerk die Gefahr, dass das Gebäude zusammenbricht. Genauso ist es auch mit der ­Ausbildung eines jungen Pferdes. Die Basisausbildung ist die elementare Grundlage für jede weitere Ausbildung eines jungen Pferdes, wobei es gleichgültig ist, in welcher Disziplin das Pferd später einmal eingesetzt werden soll.

Dazu ist eine breit gefächerte, vielseitige Ausbildung nötig. Die Dressurarbeit (besser wäre es, „Gymnastikarbeit“ zu sagen) ist dabei die unverzichtbare Basis. Es gibt nur einen Weg zu diesem Ziel, nämlich die klassische Ausbildung. Diese Methode hat sich seit Xenophon (400 v. Chr.) im Prinzip nicht verändert. Die Definition der internationalen reiterlichen Vereinigung (FEI) für klassische Ausbildung lautet: „Das Ziel ist die harmonische Entwicklung der natürlichen Anlagen und Fähigkeiten des Pferdes. Sie bezweckt gleichermaßen ein ruhiges, gehorsames und schwungvolles Pferd und damit eine vollkommene Einheit mit seinem Reiter. […]

 

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Zu einer breit gefächerten Ausbildung gehört auch, dass das junge Pferd lernt, sich vertrauensvoll im Gelände reiten zu lassen.

 

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Das Pferd vermittelt den Eindruck, als führe es die von ihm geforderten Aufgaben freiwillig, ohne jeden Zwang aus. Voller ­Vertrauen und mit größter Aufmerksamkeit folgt es gehorsam den Hilfen des Reiters.“

Der Weg zu diesem Ziel ist lang und fordert vom Reiter viel Disziplin, Ausdauer und noch mehr Geduld. Nur ein sinnvolles ­Konzept in kleinen Schritten, die aufeinander aufbauen, kann der Weg sein. Jede Abkürzung dieses Weges („Tipps und Tricks“ oder „Der Guru rät“) führt unweigerlich in die Irre. Es dauert viel länger, Ausbildungslücken oder gar -schäden wieder auszubügeln. Oft lassen sich die Folgen solcher Sünden gar nicht mehr beheben, und das Pferd ist in seiner Psyche oder physisch für sein ganzes, dann häufig nur sehr kurzes Leben geschädigt.

Wie eine Überschrift muss an erster Stelle der Ausbildungsziele die körperliche und mentale Gesunderhaltung des Pferdes stehen. Jede Überforderung muss vermieden werden, denn sie schadet dem Pferd. Man muss sich im Klaren darüber sein, dass ein Pferd, wenn es drei- oder besser vierjährig in die Ausbildung kommt, zwar schon groß ist, aber das Wachstum noch nicht abgeschlossen ist. Die Gelenke, Sehnen und Bänder sind noch nicht gefestigt. Nicht einmal das Gebiss ist fertig ausgebildet. Ein drei- bis vierjähriges Pferd entspricht vom körperlichen Entwicklungsstand her etwa einem zwölfjährigen Kind. Genau wie ein Kind kann sich das junge Pferd auch noch nicht über längere Zeit ­konzentrieren. Es sind also wirklich „kleine Schritte“ nötig, wenn das junge Pferd gehfreudig, aufmerksam und vertrauensvoll mitarbeiten soll.

 

FN-Ausbildungsskala und Trainingsbaum

Anfang der 1950er-Jahre wurden bei der ­Reiterlichen Vereinigung in Warendorf die Richtlinien für Reiten und Fahren entwickelt. In diesen Richtlinien wurde zum ersten Mal die Skala der Ausbildung veröffentlicht. Sie basiert auf Gustav Steinbrechts (1808–1886) „Gymnasium des Pferdes“ mit dem Leitsatz: „Reite dein Pferd vorwärts und richte es ­gerade.“ Das Buch erschien posthum 1886. Aus dieser Lehre entwickelte nun Hans von ­Heydebrecht (1866–1935) zusammen mit einer Kommission die Heeresdienstvorschrift (HDV). Diese Ausbildungsskala ist bis ­heute unverändertes Lehrgut in allen offiziellen Lehrbüchern der FN (Reiterliche Vereinigung).

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Inzwischen sind aber über 70 Jahre ins Land gegangen. Die Erfahrung bei der Arbeit mit jungen Pferden und die veränderten Anforderungen im heutigen Reitsport haben es notwendig gemacht, die Ausbildungs­skala neu zu überdenken und zu erweitern. Kurd Albrecht von Ziegner, Jahrgang 1918, Kavallerieoffizier und hoch dekorierter Spring- und Dressurreiter, war an der Erarbeitung der Ausbildungsskala beteiligt. Sein Leben lang hat er sich mit der Ausbildung junger Pferde bis zur höchsten Klasse beschäftigt und sich über den sinnvollsten, weil auch schonendsten Weg dorthin Gedanken gemacht. Er hat die FN-Ausbildungsskala um vier Punkte erweitert und die Reihenfolge der einzelnen Schritte etwas verändert. So ist ein schlüssiges Konzept der „kleinen Schritte“ – von Ziegner nennt sie „Elemente“ – entstanden, das ein sicheres Aufbauen vom Leichten zum Schweren ermöglicht. Ein Element baut jeweils auf dem anderen auf. Er nennt seine Skala der Ausbildung den Trainingsbaum.

 

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Beide Ausbildungskonzepte unterteilen sich in drei große Blöcke. Der erste Block ist die Gewöhnungsphase, in welcher das Pferd erzogen wird. Schon das Fohlen sollte an ein Halfter gewöhnt werden und sich anbinden lassen. Hufe aufheben und das Putzen sind ihm vertraut. Ist es etwa drei Jahre alt geworden, sollten Decken, Trense und Longiergurt selbstverständlich geworden sein. Es lernt

an der Longe gearbeitet zu werden. Das erste Anlongieren muss mit viel Sachkenntnis geschehen, denn viele Schäden des Bewegungsapparates entstehen durch unsach­gemäßes, zu lange andauerndes Longieren.

Das Anreiten ist eine sehr einschneidende Erfahrung für das junge Pferd. Hier muss man mit viel Geduld, Einfühlungsvermögen und Sachkenntnis vorgehen, sonst werden in diesem Stadium schon schwere Fehler gemacht, die sehr oft ein ganzes Pferdeleben lang nicht mehr zu beheben sind.

Die FN-Ausbildungsskala beginnt mit der Erarbeitung des Taktes, dann folgen die Losgelassenheit und danach die Anlehnung. Takt und Losgelassenheit sind nicht voneinander zu trennen – das eine geht ohne das andere nicht.

Der Trainingsbaum sieht als erste Stufe die Losgelassenheit, gefolgt vom Takt. Unter dem ungewohnten Reitergewicht lernt das Pferd, sich allmählich zu entspannen (Losgelassenheit) und es lernt, sich mehr und mehr taktrein (Takt) mit raumgreifenden ­Gängen zu bewegen. Die Ungebundenheit der Gänge ist die erste Zwischenstufe, die der Trainingsbaum vorsieht. Dabei tritt das Pferd allmählich immer sicherer an das Gebiss heran und nimmt eine feine Verbindung zur Reiterhand auf (Anlehnung).

Der zweite Block ist die Entwicklung der Schubkraft. Er ist mit dem ersten Block so verzahnt, dass man ihn nicht davon trennen sollte. Alle folgenden Punkte bauen sowohl bei der Ausbildungsskala als auch beim Trainingsbaum auf dem ersten Block auf. Damit das Pferd Schubkraft aus der Hinterhand entwickeln kann, muss es eine sichere Anlehnung an die Reiterhand gefunden haben und es muss sicher an den Hilfen stehen. Das Pferd sicher an die Hilfen zu stellen ist ein besonderer Punkt im Trainingsbaum. Das heißt, dass es Gewichts-, Schenkel- und Zügelhilfen problemlos akzeptiert. Dann kann das Pferd mehr und mehr geradegerichtet werden und findet dadurch eine ­bessere Balance: Es lernt, sich spurtreu (die Hinterhand tritt genau in die Spur der Vorhand) in Wendungen und Volten zu bewegen. In der Ausbildungsskala wird die Schwungent­faltung noch vor dem Geraderichten genannt. Gemäß dem Trainingsbaum müssen erst Geraderichten, die Balance und die Durchlässigkeit sicher erarbeitet werden.

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Der dritte Block gilt der Entwicklung der Tragkraft. Alle Punkte der vorangegangenen Blöcke (Anlehnung, Schwung und Geraderichtung gemäß der FN-Ausbildungsskala) müssen gefestigt werden. Nachdem das Pferd nun eine seitliche Balance gefunden hat, das heißt, es lässt sich problemlos stellen und ­biegen, kommt nun eine Balance von hinten nach vorn hinzu. Das Pferd lernt, die Hinterhand mehr unter den Schwerpunkt zu stellen, und nimmt damit mehr Last auf. Das ist aber nur möglich, wenn das Pferd durchlässig ist. Das bedeutet, dass halbe und ganze Paraden von hinten nach vorn durch das ganze Pferd fließen. Es lässt somit gute Übergänge zu und ist „bequem“ zu reiten. Aus den Übergängen, auch innerhalb einer Gangart, entfaltet sich der Schwung. Indem der Schwung nach vorn bei einem durchlässigen Pferd aus der Hinterhand nach vorn abgefangen wird und das Pferd dadurch vermehrt die Hinterhand untersetzt, entsteht allmählich die Versammlung mit der „relativen Aufrichtung“. Die Hinterbeine treten mehr unter den Schwerpunkt, die Kruppe senkt sich und die Vorhand richtet sich auf. Die Gänge werden erhabener.

Im Prinzip gleichen sich beide Ausbildungsskalen. Der größte Unterschied liegt darin, dass der Schwung im Trainingsbaum viel weiter am Ende der Skala liegt.

Bei der FN-Ausbildungsskala bilden alle einzelnen Punkte zusammengenommen die Durchlässigkeit. Ohne Losgelassenheit ist eine Durchlässigkeit nicht möglich. Deshalb muss an der Durchlässigkeit als ganz wichtigem einzelnem Punkt ständig ge­arbeitet werden. Sonst können Schwungentfaltung und damit Versammlung nicht erreicht werden.

 

Nur ein psychisch und physisch entspanntes Pferd ist losgelassen und damit durchlässig!

 

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Die drei Phasen, wie Kurd Albrecht von Ziegner sie definierte:

Phase A: Gewöhnungsphase

Phase B: An den Hilfen

Phase C: Versammlung

(Zeichnung: Polsterer)