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BIANCA IOSIVONI

HUNTERS

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SPECIAL UNIT VERTRAUEN

ROMANTIC SUSPENSE

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VERTRAUEN

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BIANCA IOSIVONI

© 2015 Romance Edition Verlagsgesellschaft mbH

8712 Niklasdorf, Austria

Covergestaltung: © jdesign.at

Titelabbildung: © JoanaLopes, © val lawless

Korrektorat: Dietlind Koch, www.dkagentur-gt.de

ISBN-Taschenbuch: 978-3-902972-34-7

ISBN-EPUB: 978-3-902972-56-9

www.romance-edition.com

Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

Danksagung

Die Autorin

1. KAPITEL

Es war seltsam heimzukehren, wenn man genau genommen kein Zuhause mehr hatte. Durch die getönten Gläser ihrer Sonnenbrille betrachtete Lexie das dreistöckige Backsteingebäude am Pioneer Square. Der graue Stein verschmolz mit dem sich verdunkelnden Abendhimmel, während die rot gerahmten Bogenfenster wie eine stille Warnung leuchteten. Im Licht der untergehenden Sonne blitzten die Buchstaben auf dem schmiedeeisernen Schild über der Eingangstür auf, doch erst bei Nacht würden sie in einem strahlenden Blau aufleuchten. Falcon’s Eye.

Ihr letzter Besuch lag etwas mehr als fünf Jahre zurück, dennoch fühlte es sich an, als sei es gestern gewesen. Damals war sie ein anderer Mensch gewesen – idealistisch, patriotisch, voller Hoffnungen und Ehrgeiz. Wie naiv von ihr. Als patriotisch und ehrgeizig bezeichnete sie sich bis heute, aber die restlichen Eigenschaften waren ihr im Laufe der Zeit abhandengekommen.

Lexie ließ ihr Motorrad zurück und überquerte die Straße. Die lavarote Yamaha Fazer war ihr ständiger Begleiter geworden, auch wenn sie damit nur wenig Gepäck transportieren konnte. Doch die Jahre bei der Armee hatten sie gelehrt, dass sie nicht viel benötigte, um ein neues Leben zu beginnen. Nur ein einziger Schritt war nötig, nur eine einzige Entscheidung.

Ein Schwall warmer Luft, vermischt mit dem Geruch von Schweiß und Parfüm, Bier und Crackern, strömte ihr entgegen, als sie die schwere Tür öffnete. Dunkles Holz nahm ihr Sichtfeld ein, zog sich entlang des Tresens und verkleidete die Wände. Auch die Sitzgelegenheiten waren aus Holz – lederbezogene Barhocker und rustikale Bänke, die in den Boden geschraubt waren. Einen Moment lang blieb Lexie stehen und sah unauffällig nach rechts. Hoch oben und für das untrainierte Auge unsichtbar hing eine Überwachungskamera über der Dartscheibe. Die zweite Kamera befand sich auf der gegenüberliegenden Seite, links unter dem Hirschgeweih an der Wand, die dritte gegenüber der Eingangstür, versteckt hinter der verspiegelten Bar.

Neugierige Blicke folgten ihr, als sie mit großen Schritten zum Tresen marschierte. Der dumpfe Laut ihrer Stiefelabsätze auf dem Holzfußboden ging förmlich im Lärm unter. Jazzmusik erfüllte die Kneipe ebenso wie das Stimmengewirr der Gäste, die sich bei einem Feierabendbier über ihren stressigen Tag oder das gestrige Spiel der Seattle Seahawks ausließen.

Lexie legte die Hände flach auf den Tresen und warf dem Barkeeper ein schmales Lächeln zu. Sie kannte ihn nicht, aber das war nicht weiter verwunderlich, wenn man bedachte, wie lange sie nicht mehr hier gewesen war. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, wer von ihrer alten Truppe noch da war – und wie sie auf ihre Rückkehr reagieren würden.

»Was darf’s sein?«, erkundigte sich der Barkeeper mit den stechend blauen Augen. Doch das war nicht das Erste, was an ihm auffiel, sondern seine Größe. Er kratzte definitiv an der Zweimetermarke und trug sein dunkles Haar militärisch kurz geschnitten. Die muskulösen Oberarme zeugten von mehr Training als bloßem Kistenschleppen im Falcon’s Eye. Obwohl er keine Andeutung eines Lächelns zeigte, wirkte er nicht unsympathisch.

»Einen HUNTER.«

Bedächtig stellte er das Glas ab, das er gerade poliert hatte, und warf sich das Tuch über die Schulter. »Den gibt es nur für das Team.«

Lexie verzog keine Miene. »Ich weiß«, erwiderte sie, nahm die Sonnenbrille ab und schob sie in die Brusttasche ihrer Jeansjacke. »Ich gehöre zum Team.«

Als sie aufsah, betrachtete er sie noch immer prüfend, aber sie hielt der Musterung stand. Niemand von den Gästen schien ihr stummes Duell wahrzunehmen.

Schließlich nickte der Mann. »Komm mit.« Er gab einer Kellnerin ein Zeichen, dann drehte er sich um.

Lexie umrundete die Theke und folgte ihm durch die Tür, die versteckt dahinter lag. Der schmale Flur, den sie betraten, war schmucklos und endete wenige Meter weiter an einer Treppe, die in die oberen Stockwerke führte. Rechts von ihnen befand sich der Zugang zum Keller, gegenüber eine verschlossene Stahltür. Wenn sich nichts verändert hatte, dann war hinter dieser noch immer die Garage, die rund zehn Autos und Motorräder beherbergen konnte.

Lexies Herz begann zu hämmern. Aufregung? Nervosität? Freude? Vielleicht eine Mischung aus allem, jetzt, da sie endlich hier war. Die HUNTERS-Zentrale war das einzige Zuhause, das sie in ihrem Erwachsenenleben gekannt hatte. Sie konnte nur hoffen, dass es wieder zu dem wurde, was es einmal für sie gewesen war. Doch dazu musste sie sich erst einer ganz bestimmten Person stellen.

»Alexis Ryder, nehme ich an?«

Überrascht drehte sie sich zu ihrem Begleiter um. »Lexie«, korrigierte sie ihn automatisch. Sie hasste es, bei ihrem vollen Namen genannt zu werden.

Er streckte ihr die Hand entgegen, die perfekt zu seiner Statur passte, aber überraschend lange filigrane Finger aufwies. Als wären sie es gewöhnt, ein Instrument zu spielen und nicht, Getränkekisten zu schleppen. »Tyler Conway.«

Überrascht hob sie die Brauen. »Ich wusste nicht, dass der Teamleader der HUNTERS auch Barkeeper spielt«, sprach sie ihre Gedanken aus und schüttelte seine Hand.

Ihre forschen Worte schienen ihn weder zu stören noch zu beeindrucken. »Zurzeit sind wir nur im Bereitschaftsdienst und außerdem unterbesetzt. Abgesehen davon kämpfe ich gern an vorderster Front mit.«

Das würde sie sich merken. »Du wusstest schon, wer ich bin, als ich die Bar betreten habe, oder?«

Conway nickte stumm. Also hatte er sie testen wollen – und da sie jetzt mit ihm vor der Kellertür stand, hatte sie die Prüfung offenbar bestanden.

»Ich habe deine Akte gelesen.« Er tippte eine achtstellige Zahlenkombination ein, dann drückte er seinen Daumen auf das schwarze Feld darüber. Nach einer Sekunde leuchtete die Digitalanzeige grün auf und ein Klicken ertönte. »Delta Force, hm?«

Lexie versteifte sich. »Ja«, antwortete sie so offensiv, als wollte sie ihn damit fragen, ob er etwas dagegen einzuwenden hatte. Als Frau hatte man es schon im Militär nicht leicht; in einer Spezialeinheit galt man als Ausnahme und musste auf die harte Tour lernen, sich zu behaupten.

»Für gewöhnlich nehmen sie keine Frauen auf.« Conway hielt ihr die Tür auf.

»Ich bin nicht gewöhnlich.«

»Ich weiß.« Zum ersten Mal erhellte ein kleines Lächeln seine Gesichtszüge. »Deshalb wollte ich dich in meinem Team haben.« Er schloss die Tür hinter ihnen. »Willkommen zurück.«

In Stein geschlagene und mit Metall verstärkte Stufen führten bis tief unter die Erde. Die an den Wänden angebrachten Bergbaulampen beleuchteten den Treppenabgang, machten aber zugleich die Enge hier unten bewusst. Ein Glück, dass Lexie nicht an Klaustrophobie litt.

Unten angekommen, blieb sie stehen und atmete einmal durch. Statt muffig und feucht, wie man es in einem Kellergewölbe erwarten würde, war die Luft frisch und klimatisiert. Allerdings beruhigte das Lexies flatternde Nerven nur geringfügig. Vor ihr lag nicht nur ein breiter Gang, der in das Herz der HUNTERS-Zentrale führte. Vor ihr lag ein neues altes Leben. Jetzt musste sich nur noch herausstellen, ob ihre Rückkehr die richtige Entscheidung gewesen war.

»Danke«, antwortete sie verspätet, aber ehrlich.

Wortlos führte Conway sie weiter und gab den Zugangscode zu einer Stahltür ein, die gleich darauf aufglitt. »Es hat sich einiges verändert, seit du zuletzt hier gearbeitet hast.« Er betrat den Gang und deutete nach rechts. »Wir haben die einzelnen Trainingsräume zu einer Halle zusammengefasst und den Schießstand vergrößert.«

Lexie nickte. Im Vorbeigehen erhaschte sie einen Blick auf die breiten Schultern eines dunkelhaarigen Mannes, der auf einen Boxsack einprügelte. Kräftige, schnelle Hiebe, die sein Gegner niemals kommen sehen würde. Definitiv kein Amateur.

»Was ist aus dem Schießplatz geworden?«, fragte sie und lenkte ihre Aufmerksamkeit zurück auf das Wesentliche.

»Den gibt es noch immer am Safe House. Wir haben ein paar Schwierigkeitsgrade hinzugefügt und den Platz erweitert, genau wie die Waffenkammer.« In Conways Worten schwang eine leise Neugier mit.

Lexie presste die Lippen aufeinander, um nicht zu grinsen wie ein verliebter Teenager. Allein bei der Erwähnung des ganzen Spielzeugs, das nur wenige Meter entfernt darauf wartete, von ihr unter die Lupe genommen und getestet zu werden, kribbelten ihre Finger. »Ich sehe sie mir gleich an.«

»Das dachte ich mir.« Conways Miene verriet, dass er ihre Akte nicht nur gelesen, sondern regelrecht studiert hatte. Ihre Spezialausbildung zur Waffenexpertin war ihm nicht fremd. Aber galt das auch für die dunklen Flecken in ihrem Lebenslauf?

Sie bogen nach links ab und blieben neben einer Tür stehen, die er mit einem Klicken öffnete. Der Raum war abgedunkelt, die vielen Bildschirme waren die einzige Lichtquelle, während ein Mann mit blondem Haar und Kopfhörern davorsaß.

»Überwachungsraum. Das ist unser neuestes Mitglied, Kyle Grant. Er war der Beste seines Jahrgangs in der Militärakademie und wurde vor sechs Monaten mit den wärmsten Empfehlungen zu uns versetzt.«

Als hätte er seinen Namen trotz Knöpfen im Ohr gehört, drehte sich Kyle auf dem Stuhl um und hob grüßend die Hand. Er schien überraschend jung zu sein. Lexie schätzte ihn auf höchstens Anfang zwanzig. Doch selbst mit dem hellen Flaum am Kinn wirkte er wie gerade mal siebzehn.

Lexie nickte ihm zu, bevor Conway die Tür schloss und den Gang hinunter deutete. »Verwaltungsräume, Duschen und Umkleiden neben der Trainingshalle, plus der Zugang zu den Tunneln.«

Sie kannte das Tunnelsystem unter den Straßen Seattles besser als die meisten Einheimischen. Als Kind hatte sie gemeinsam mit ihrem Bruder in den unterirdischen Gängen gespielt, bis ihr Vater es ihnen verboten hatte. Angeblich aufgrund der Einsturzgefahr an manchen Stellen. Erst Jahre später hatte Lexie erfahren, dass das Militär weite Teile der Tunnel für seine Zwecke nutzte und diese sogar erweitert hatte. Als Logan und sie das nächste Mal auf den Spielplatz ihrer Kindheit zurückgekehrt waren, war aus dem Spiel Ernst geworden.

»Und hier«, Conway führte sie in einen Raum, der aus zwei Richtungen begehbar war und dessen Türen sich lautlos zur Seite schoben, »ist unsere brandneue Kommandozentrale.«

Unsichtbare Bewegungsmelder schalteten das Licht ein, sobald sie eintraten. Ein massiver Stahltisch stand in der Mitte, aber die passenden Stühle fehlten. Dies war kein Ort für langwierige Besprechungen, hier wurden Missionen geplant und Aufgaben verteilt. Eine Leinwand nahm die gesamte gegenüberliegende Wand ein, links und rechts davon waren Monitore zu sehen, die entlang eines Schreibtisches verliefen. Darauf lagen Kabel, Drähte, USB-Sticks, Festplatten und weiterer technischer Schnickschnack. Doch der Drehstuhl davor war leer.

»Rileys Arbeitsplatz.« Conway schien ihren Blick bemerkt zu haben. »Unsere Lieblingshackerin hat heute frei.«

»Lass mich raten.« Lexie schmunzelte. »Habt ihr sie dafür mit einer Waffe bedrohen müssen oder ihren Zugangscode für einen Tag gesperrt?«

Conways Mundwinkel zuckten. »So etwas in der Art.«

Alles andere hätte sie überrascht. Riley Beckett konnte in ihrer Arbeit aufgehen und alles um sich herum vergessen. Tagelang. Das war schon so, seit sie das erste Mal einen Computer zwischen die Finger bekommen und auseinandergebaut hatte. Während ihres Studiums am MIT hatten Logan und Lexie sie regelmäßig besucht, allein, um sicherzugehen, dass sie noch lebte, hauptsächlich jedoch, um sie von ihrem Rechner wegzuholen.

»Sie ist oben«, bemerkte Conway nebenbei.

Lexie nickte bedächtig. Riley war einer der Gründe, warum sie zu ihrer alten Einheit zurückgekehrt war.

»Hier sind dein neues Handy, die Zugangscodes zum Keller und Erdgeschoss, Schlüssel und Garagentoröffner.« Er ließ alles in Lexies Hände fallen. »In der Fernbedienung ist ein Peilsender eingebaut, genau wie im Handy. Das Smartphone ist aus der neuesten Generation, die noch nicht mal auf dem Markt ist.«

Hübsches Ding. Weiß und mit einer glänzenden unberührten Oberfläche. Sie schob es sich in die hintere Hosentasche.

Conway verzog das Gesicht, als würde ihm der Anblick körperliche Schmerzen bereiten. »Versuch, dich nicht draufzusetzen. Logan mussten wir schon vier neue besorgen.«

Bei der Erwähnung ihres Bruders zuckte Lexie innerlich zusammen. Gleichzeitig spürte sie, wie sich ein wehmütiges Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete. Das war so typisch für Logan, dass es wehtat. Genau dort, tief in ihrer Brust, wo sich die Narbe schmerzhaft bemerkbar machte.

»Ist er hier?« Sie hatte all ihren Mut zusammengenommen und das Falcon’s betreten, doch jetzt bemerkte sie, dass sie noch nicht dazu bereit war, sich ihrem Bruder zu stellen. Auch nicht nach all den Jahren der Funkstille.

»Nein.« Conway musterte sie mit einem seltsamen Ausdruck. »Vor sechs Monaten hat er zusammen mit zwei Teammitgliedern eine Mission in San Francisco zu Ende gebracht. Danach war er eine Weile in Seattle. Momentan treibt er sich wieder in Kalifornien herum, und wenn du mich fragst, mischt er die Straßenrennszene ordentlich auf.«

Sie lächelte gequält. Computer waren schon immer Rileys Welt gewesen, während Lexie Waffen zu ihrer Spezialität gemacht hatte und Logan getunte Autos vergötterte. Manche Dinge änderten sich nie.

»Für deinen Zugang benötigen wir noch deine Fingerabdrücke und ein aktuelles Foto für die Ausweise. Du kennst das Prozedere.«

»Ja.« Die HUNTERS waren die einzige Spezialeinheit, für die sie gearbeitet hatte, die Einsätze im Inland durchführte. Natürlich lief es hier anders als bei ihren Missionen im Ausland. Diese hatten sie auf so gut wie alle Kontinente und in viele verschiedene Länder geführt. Afghanistan, Irak, Mexiko, Südafrika. Mit ihren achtundzwanzig Jahren hatte Lexie beinah die ganze Welt gesehen. Vornehmlich die hässlichen Seiten.

Rund zehn Minuten später entließ Conway sie, doch statt auf direktem Weg in die Waffenkammer zu gehen, steuerte sie die Treppe an. Während sie die Stufen erklomm, rieb sie ihre Finger aneinander, um die schwarze Farbe loszuwerden. Im Erdgeschoss folgte sie der zweiten Treppe nach oben. Mit jedem Schritt schlug ihr Herz kräftiger und Vorfreude überwog die Nervosität. Wie würde es sein, Riley nach all dieser Zeit wiederzusehen? Sie hatten immer Kontakt gehalten, aber Lexie wusste, dass sie nicht mehr dieselbe Frau war, die diese Einheit damals verlassen hatte. Traf das auch auf ihre Freundin zu?

Im Obergeschoss war es still. Keine Stimmen, Gespräche oder Musik. Conway hatte es ernst gemeint, als er davon gesprochen hatte, dass sie sich im Bereitschaftsdienst befanden. Die meisten aktiven Agenten waren ausgeflogen.

Lexie blieb stehen und sah sich um. Auf den ersten Blick hatte sich nichts verändert. Der breite Flur war heller und freundlicher in ihrer Erinnerung, trotz der kahlen Wände in Weiß. Vom Gang führten mehrere Türen ab. Die erste zu ihrer Rechten war nur angelehnt, dahinter schien alles ruhig zu sein. Die zweite war verschlossen und führte zu Rileys Zimmer.

Lexie hob die Hand zum Klopfen – und zögerte. Langsam drehte sie sich um und sah auf die gegenüberliegende Seite. Ein langer Riss zog sich horizontal über den Türrahmen und schimmerte unter dem weißen Lack hervor. Er war entstanden, als sie kurz nach ihrer Grundausbildung bei der US Army hier eingezogen war. Damals hatte Logan ihre Kartons hinaufgetragen und dabei durch eine falsche Bewegung einen Kratzer hinterlassen.

Ehe sie sich versah, stand sie vor der verschlossenen Tür und fuhr den Riss mit den Fingerkuppen nach, bevor sie nach dem Türknauf griff. Auf die Wärme des Holzes folgte das kühle Metall an ihrer Hand, die bewegungslos verharrte. Mit einem Mal schlug ihr das Herz bis zum Hals. Würde ihr altes Zimmer noch genauso aussehen wie früher? Oder wohnte längst ein anderes Teammitglied darin? Würde sie in diesen vier Wänden wiederfinden, was sie verloren glaubte?

Vorsichtig drehte sie den Knauf, bis ein leises Klicken ertönte. Ein kleiner Stoß, dann schwang die Tür auf und offenbarte einen leeren, aber sauberen Raum. Mit angehaltenem Atem blieb sie stehen und ließ ihren Blick über das wandern, was sich vor ihr ausbreitete. Das Zimmer war nicht besonders groß, allerdings mehr als ausreichend. An der linken Wand stand ein Einzelbett mit Nachttisch, auf der rechten Seite erkannte sie einen Schreibtisch.

Langsam, als könnte jeder Schritt das Bild zerplatzen lassen wie eine Seifenblase, trat Lexie ein. Der Duft von Zitronen und Putzmitteln lag in der Luft. Der Boden und die Oberflächen glänzten. Zwar schien niemand das Zimmer zu bewohnen, doch jemand musste kürzlich hier gewesen sein und sauber gemacht haben.

Mit den Fingerspitzen strich sie über die Tischplatte bis zur rechten Ecke und fasste darunter. Sie ertastete die Initialen, die sie kurz nach ihrer Ausbildung bei der Army mit einem Messer ins Holz geritzt hatte. L. R., Lexie Ryder, obwohl es genauso gut Logan Ryder bedeuten könnte.

Als sie sich aufrichtete, stellten sich ihre Nackenhärchen auf und all ihre Sinne schlugen Alarm. Sie war so auf dieses Zimmer und ihre Erinnerungen fokussiert gewesen, dass sie nicht mehr auf ihre Umgebung geachtet hatte. Doch jetzt spürte sie den bohrenden Blick in ihrem Rücken, noch bevor sie die tiefe Stimme hörte. Eine Stimme, die sie überall auf der Welt erwartet hätte.

Nur nicht hier.

»Suchst du etwas Bestimmtes?«

Lexie wirbelte auf dem Absatz herum – und schnappte überrascht nach Luft.

Die Arme vor der Brust verschränkt, lehnte er lässig im Türrahmen. Lange Beine, die in einer dunklen Cargohose steckten, während sich ein weißes T-Shirt über den breiten Brustkorb spannte. Unter dem rechten Ärmel verschwanden die Linien eines Tattoos, das Lexie nie aus nächster Nähe gesehen hatte. Das schwarze Haar war etwas länger als früher und fiel ihm in die Stirn. Ein spöttisches Lächeln lag auf seinen Lippen und der Blick aus seinen eisblauen Augen war auf sie gerichtet.

Aiden Morgan.

Jeder Muskel in Lexies Körper spannte sich an, als stünde sie kurz vor einem Feuergefecht hinter feindlichen Linien. Instinktiv zuckten ihre Finger nach ihrer P226, doch in dieser Situation blieb ihr nur die verbale Verteidigung.

»Was ist los, Prinzessin?« Er stieß sich von der Tür ab und kam mit großen Schritten auf sie zu. »Überrascht, mich zu sehen?«

»Morgan.« Sie räusperte sich, um ihrer Stimme die nötige Kraft zu verleihen. Von allen Orten dieser Welt musste dieser Mann ausgerechnet an diesem auftauchen? »Was zur Hölle machst du hier?«

»Ryder«, kam seine Antwort im gleichen feindlichen Tonfall, bevor er einen Schritt von ihr entfernt stehen blieb. Erst jetzt bemerkte sie, dass sein Haar feucht von der Dusche war – und dass er auf eine Rasur verzichtet hatte. Der dunkle Bartschatten verlieh seinem Gesicht etwas Gefährliches und zeichnete ihn als einen Mann aus, der sich keiner Kontrolle unterwarf. »Ich arbeite hier. Genau wie du.«

Ein Bild flackerte vor ihrem inneren Auge auf. Sie hatte ihn gesehen, als sie vorhin mit Conway an den Trainingsräumen vorbeigelaufen war. Dass sie ihn nicht schon in jenem Moment erkannt hatte, überraschte und verwirrte sie zugleich. Was war mit ihrer Aufmerksamkeit, ihrer ständigen Wachsamkeit passiert?

»Das ist ein Witz, oder?«

Aiden kam einen Schritt näher und machte damit jede professionelle Distanz zunichte. »Kein Witz.«

Sie musste den Kopf in den Nacken legen, um seinem herausfordernden Blick standhalten zu können. Gleichzeitig kämpfte sie gegen jeden gesunden Drang an, zurückzuweichen, weil Aiden viel zu dicht vor ihr stand. Die Hitze, die sein Körper verströmte, kribbelte auf ihrer Haut, während der herbe Geruch seines Duschgels in ihrer Nase kitzelte. Etwas Kühles, vermengt mit einer unnachgiebigen Kraft – wie ein Wasserfall, der auf Felsen hinabkrachte.

»Du arbeitest hier? Bei den HUNTERS?« Sie musste es laut aussprechen, musste die Worte hören, um sie realisieren zu können.

»Seit sechzehn Monaten.« Sein rechter Mundwinkel wanderte in die Höhe. Da war es wieder, dieses arrogante halbe Lächeln, das Lexie schon früher zur Weißglut gebracht hatte.

Es musste drei oder vier Jahre her sein, seit sie sich zuletzt auf diese Weise gegenübergestanden hatten, doch damals konnte sie etwas anderes in seinen Augen lesen als heute. Sie erinnerte sich an diesen Moment, umgeben von Dünen, Sand und kalter Dunkelheit, als die plötzliche Hitze in seinem Blick ihr den Atem geraubt hatte. Von einer Sekunde auf die nächste war aus ihrer Auseinandersetzung über irgendeine Nichtigkeit ein stummes Duell geworden. Ohne ein Wort, ohne eine Berührung und trotzdem zu nah, zu viel, zu intensiv.

Genauso deutlich erinnerte sie sich an Aidens warnenden Schrei einen Tag später, kurz bevor die Welt explodierte. Selbst heute noch konnte Lexie das Blut in ihrem Mund schmecken und die scharfen Steine spüren, die ihre Haut durch den Stoff ihrer Uniform aufschrammten. Das Dröhnen in ihrem Kopf und das Klingeln in ihren Ohren hören, das jedes andere Geräusch wie in Watte packte. Schreie. Schritte. Schüsse. Es war Aidens Gesicht gewesen, das sich zwischen den strahlend blauen Himmel und die Hölle um sie herum geschoben hatte. Seine Hände, die sie aus den Trümmern befreiten und ihr aufhalfen. Sein wütender, verächtlicher Blick, mit dem er sie beim Abschlussbericht bedachte, kurz bevor sich ihre Wege für immer trennten.

Für immer? Von wegen. Bis heute war sich Lexie sicher gewesen, Aiden Morgan nie wiederzusehen. Eine Vorstellung, mit der sie sehr gut hatte leben können, denn sie legte keinen Wert darauf, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der sie für unfähig hielt und ihr nicht vertraute.

Wie von selbst ballten sich ihre Hände zu Fäusten, während Aidens prüfender Blick über sie glitt. Genau wie er trug sie eine schwarze Cargohose und ihre heiß geliebten Boots, die ihr Vater ihr am ersten Tag ihrer Ausbildung bei der US Army geschenkt hatte. Dazu ein einfaches T-Shirt und eine Jeansjacke, die schon bessere Zeiten erlebt hatte. Das lange Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, damit es ihr nicht im Weg war. Selbst jetzt, nachdem sie nicht mehr bei der Armee war, wurde sie Gewohnheiten wie diese nicht los.

Aidens Musterung endete bei ihren Augen. »Sicher, dass du dir das zutraust, Baby? Das ist nicht die Army.« Seine Stimme war samtig und provokant zugleich.

»Ich war schon vor dir in dieser Einheit, Baby.« Sie fixierte ihn aus zusammengekniffenen Augen, während ein leiser Schmerz in ihren Handflächen aufflammte. Ihre Fingernägel hatten sich tief ins Fleisch gegraben. »Und du erinnerst dich bestimmt, dass ich nicht nur dort war. Ich weiß, wie es hier läuft.«

»Möglich, aber die Dinge ändern sich.«

»Nicht alle«, schnitt sie ihm das Wort ab und reckte das Kinn vor. Obwohl ihr das Atmen schwerfiel, wenn er so nah war, würde sie keinen Zentimeter zurückweichen. Der Tag musste erst noch kommen, an dem sie vor Aiden Morgan klein beigab. »Du zum Beispiel nicht. Was hattest du zum Frühstück? Arschloch-Flakes? Pass auf, dass sie deinen Kopf nicht eines Tages ebenso zum Explodieren bringen wie dein Ego.«

Ein tiefes Räuspern unterbrach ihren verbalen Schlagabtausch. Aber es war nur eine kurzzeitige Waffenruhe. Friedensverhandlungen standen nicht zur Debatte. Mühsam wandte Lexie ihre Aufmerksamkeit von Aiden ab und blickte an ihm vorbei zur Tür.

»Wie ich sehe, freundet ihr euch bereits an.« Ein amüsierter Ausdruck huschte über Tyler Conways unnahbare Miene. Er machte einen Schritt in den Raum hinein und warf ihr einen braunen Umschlag zu. »Deine neuen Ausweise, Decknamen und alles, was du für den Anfang benötigst.«

»Danke.« Damit war sie offiziell wieder eine Agentin der HUNTERS – oder vielmehr inoffiziell, denn diese Einheit war so geheim, dass jeder Vermerk darüber in den Akten geschwärzt wurde. Lexie legte den Umschlag ungeöffnet auf den Schreibtisch. Sie würde sich später alles ansehen, wenn sie allein war und die nötige Ruhe und Geduld aufbrachte.

»Richte dich ein. Euer Trainingskampf findet in zwei Stunden statt.« Conway nickte in Aidens Richtung.

Im Gegensatz zu ihr wirkte dieser kein bisschen überrascht. Also hatte er davon gewusst? Ebenso von ihrer Versetzung zu den HUNTERS? Allein der Gedanke daran brachte Lexie dazu, die Zähne zusammenzubeißen. Sie hasste es, im Nachteil zu sein, vor allem, wenn es um wichtige Informationen ging. Noch viel mehr hasste sie es jedoch, ausgerechnet Aiden Morgan gegenüber im Nachteil zu sein, da er jede Munition gegen sie verwenden würde.

»Glaub nicht, dass ich es dir einfach mache … Partner«, fügte er mit einem Zwinkern hinzu.

Lexies Körpertemperatur sank auf den Gefrierpunkt. Partner? Das konnte nur ein schlechter Scherz sein. Stirnrunzelnd wandte sie sich an den Teamleader. »Ist das wahr?«

»Ja«, antwortete Conway. »Ihr wart beide bei der Delta Force und kennt euch von einem gemeinsamen Einsatz. Das sind die besten Voraussetzungen für eine Partnerschaft. Aiden ist nach mir zwar der stellvertretende Leiter der Truppe, doch als Partner seid ihr gleichgestellt. Lass dir ja nichts anderes von ihm erzählen.«

Lexie ignorierte den Zusatz. In ihrem Kopf kreiste nur ein Wort, pulsierte im Gleichtakt mit ihrem hämmernden Herzschlag, als wollte es sie verhöhnen. Partner. »Morgan und ich im Team?« Sie schnaubte ungläubig. »Willst du Tote?«

Nach allem, was geschehen war und wie sie damals auseinandergegangen waren, überraschte es sie, dass sich Aiden damit einverstanden erklärt hatte. Sonst machte er doch auch keinen Hehl daraus, ihrem Urteilsvermögen nicht zu vertrauen – und jetzt wollte er mit ihr als Partner zusammenarbeiten? Hatte dieser Kerl Todessehnsucht?

Conway runzelte die Stirn. »Die Alternative wäre Logan, aber ihm wurde bereits unser Auszubildender Kyle Grant zugeteilt. Angesichts eurer Verwandtschaft und Geschichte ist es vermutlich …«

»Schon gut«, unterbrach Lexie ihn mit gepresster Stimme. Sie wollte nicht hören, was er über ihre Beziehung zu ihrem Bruder zu wissen glaubte – oder was Logan möglicherweise erzählt hatte.

»Dann ist alles klar. Willkommen zurück.« Conway warf ihr einen nachsichtigen Blick zu, als wüsste er genau, welche Bürde er ihr mit Aiden aufhalste, und verließ das Zimmer.

Einen Moment lang verharrte Lexie unbeweglich, starrte auf den Punkt am Boden, an dem Tyler Conway bis eben gestanden hatte und zwang sich dazu, tief durchzuatmen. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Es würde schon schwierig genug werden, wieder mit Logan unter einem Dach zu wohnen und zusammenzuarbeiten. Aber dann auch noch mit Aiden Morgan? Ausgerechnet der Mann, dem sie ihr Leben verdankte und der sie seither hasste? Damit hatte sie nicht gerechnet, als sie ihre Versetzung zu ihrer alten Einheit beantragt hatte. Doch Aufgeben kam nicht infrage. Lexie hatte sich nie vor einer Herausforderung gedrückt und würde jetzt nicht damit anfangen. Wenn es sein musste, konnte sie sowohl Logan als auch Aiden die Stirn bieten.

Als sie den Kopf zur Seite drehte, realisierte sie, dass ihr neuer Partner sie noch immer beobachtete. Ruhig und gelassen, als wüsste er Dinge über sie, von denen sie selbst keine Ahnung hatte. Lexie fluchte innerlich. Das hatte er früher schon getan – in ihr gelesen, als wäre sie eine gottverdammte Tageszeitung, die offen vor ihm auslag. »Sollen wir die Sache jetzt klären oder willst du es lieber totschweigen?«

Aiden ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Er betrachtete ihr Gesicht, als würde er es zum ersten Mal sehen, tastete sie förmlich mit seinen Blicken ab. Dann zog er einen Mundwinkel in die Höhe. »Alle Achtung, Ryder, du hast dich kein Stück verändert«, bemerkte er gedehnt, doch der raue Unterton jagte einen prickelnden Schauer über ihren Rücken. »Für die große Klappe wirst du eines Tages teuer bezahlen, das habe ich dir damals schon gesagt.«

Bereits bei ihrem Kennenlernen im Trainingslager waren sie aneinandergeraten und hatten sich ein Wortgefecht geliefert, das selbst hartgesottene Soldaten zum Erblassen gebracht hatte. Sie waren noch in der Ausbildung gewesen – Lexie in ihrem ersten Jahr, Aiden in seinem dritten. Zur Strafe mussten sie dreißig Extrarunden um den Platz rennen. Doch diese Auseinandersetzung sollte nicht ihre letzte gewesen sein. Bei jeder Begegnung sprangen die Funken zwischen ihnen – und zwar keine der guten Sorte. Zusammen waren sie so unnachgiebig wie Stahl und Stein, die man gegeneinanderschlug, um ein Feuer zu entfachen. Es konnte wärmen, sogar Licht spenden, doch es blieb unberechenbar und tödlich.

Lexie schnaubte. »Schon passiert, allerdings warst du nicht dabei.« Obwohl sich alles in ihr dagegen sträubte, machte sie einen Schritt zurück. Sie wollte keinen Streit. Deswegen war sie nicht nach Seattle zurückgekehrt.

Aiden hob fragend eine Augenbraue, doch sie hatte nicht vor, näher darauf einzugehen. Lässig zuckte er mit den Schultern, als würde es ihn im Grunde nicht interessieren. »Zwei Stunden«, erinnerte er sie stattdessen.

Es war eine Tradition, dass sich jedes neue Mitglied des Teams einem Probekampf unterziehen und sein oder ihr Können unter Beweis stellen musste. Wetten wurden abgeschlossen, es wurde kräftig angefeuert und im besten Fall ging der Neuling als Sieger hervor. Ihren ersten Trainingskampf hatte Lexie gegen Logan absolviert. Nach ihrer erweiterten Grundausbildung bei der US Army war sie in die Fußstapfen ihres großen Bruders getreten und hatte die Ausbildung bei den HUNTERS begonnen. Das war inzwischen etwas mehr als acht Jahre her.

Aiden beobachtete ihre Bewegungen, schien sich jedes Detail einzuprägen. Eine weitere Eigenart von ihm, die sie wahnsinnig machte. »Bis dahin hast du hoffentlich ausgepackt und dich eingerichtet, Prinzessin.«

Gott, wie sie diesen Spitznamen hasste. Das allein war der Grund dafür gewesen, dass Aiden bei ihrer ersten Begegnung mit dem Gesicht voran im Dreck gelandet war. Hatte er noch immer nicht genug?

»Fahr zur Hölle!«, zischte sie und schob sich an ihm vorbei. Nicht ohne ihn dabei so hart anzurempeln, dass er einen halben Schritt zurück stolperte.

»Es war mir wie immer ein Vergnügen«, rief er ihr nach.

Lexie reagierte nicht darauf, sondern nahm die Treppe nach unten und verließ das Gebäude durch die Hintertür. Sie war allein im Innenhof. Die Stimmen und Musik, das Gelächter und Klirren von Gläsern aus der Bar drangen nur gedämpft an ihr Ohr. Mit einem Seufzen lehnte sie sich gegen die von der Sonne erwärmte Hauswand und schloss die Augen.

Als sie sich dafür entschieden hatte, in ihre Heimatstadt zurückzukehren, hatte sie mit Logan gerechnet und sich auf eine Konfrontation mit ihrem Bruder eingestellt. Damit wäre sie irgendwie zurechtgekommen. Doch wie hätte sie ahnen sollen, dass sie in ihrer alten Einheit ausgerechnet auf Aiden Morgan treffen würde? Die Person, die sie wohl am wenigsten leiden konnte? Was auf Gegenseitigkeit beruhte. Dennoch … Im Laufe ihres Lebens hatte Lexie mit vielen Leuten zusammengearbeitet, darunter mit Sicherheit auch solche, die ihr noch unsympathischer waren als Aiden. Ihr fiel zwar gerade kein Name ein, aber es gab dort draußen bestimmt jemanden.

Seufzend öffnete sie die Augen. Sie musste ihr Motorrad holen und einen Platz in der Garage finden, anschließend ihr weniges Gepäck nach oben bringen und sich für das Training umziehen.

Die frische Luft an diesem Märzabend kühlte zwar ihr Temperament, doch eine schwelende Glut blieb bestehen. Sobald eine gewisse Person wieder ihren Weg kreuzte, würde das Feuer in ihr genauso schnell auflodern, als hätte man Benzin auf glühende Kohlen geschüttet.

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Lexie öffnete das Sprossenfenster in ihrem Zimmer und stützte sich mit beiden Händen auf das Geländer. Stimmen, Lachen und das Geräusch fahrender Autos drangen zu ihr herauf. Ein dunkelblauer Bus brauste unter ihrem Fenster vorbei, direkt dahinter überquerte ein Pärchen Händchen haltend die Straße und steuerte das Starbucks auf der gegenüberliegenden Seite an. Die wenigen Tische, die draußen standen, waren besetzt, aber das Paar verschwand ohnehin im Gebäude.

Nach und nach begannen sich Lexies verkrampfte Muskeln zu entspannen. Als Soldatin war sie es gewöhnt, ständig in Bereitschaft zu sein und immer damit zu rechnen, zu einem Einsatz oder in ein Feuergefecht zu müssen. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie es vor sich sehen. Die Männer und wenigen Frauen ihrer Einheit. Das Blut auf dem sandigen Untergrund.

Als sie jetzt nach draußen sah, erblickte sie Häuser im spätviktorianischen sowie romanischen Baustil neben modernen Bauten. Das Grün der Bäume zeichnete die Straßen, deren Verlauf Autos, Motorräder, Busse und Fahrräder folgten. Sie entdeckte ernste und lachende Gesichter, betrübte und gestresste. Jedoch keine, die von Panik gezeichnet waren. Keine Leere in toten Augen.

Ein Schauder ließ sie erzittern. Lexie wandte sich vom Fenster ab und öffnete den Reißverschluss ihrer schwarzen Reisetasche, die sie auf dem Bett abgelegt hatte.

Während sie die Jeans und Cargohosen im zweitürigen Schrank verstaute, warfen die letzten Sonnenstrahlen ihr Licht auf den dunklen Holzfußboden. Selbst heute wusste Lexie noch, welche Dielen knarzten und wie es sich anhörte, wenn das Haus bei Wind und Sturm ächzte, als wäre es ein Lebewesen. Sie war keine zwei Stunden in Seattle und erkannte dennoch, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Völlig unabhängig von Aiden und Logan. Das hier war ihr Zuhause.

»Lexie?«

Die helle Stimme ließ sie herumwirbeln. In der Tür stand eine zierliche junge Frau mit einem frechen Kurzhaarschnitt, einem Strahlen in den grauen Augen und ausnahmsweise keinem Tablet oder Notebook in der Hand. Riley Beckett.

Ihr schlechtes Gewissen meldete sich in derselben Sekunde. War sie nicht ursprünglich nach oben gekommen, um Riley zu begrüßen? Doch das war, bevor Aiden sie mit seiner typisch unerträglichen Art in den Wahnsinn getrieben hatte.

»Du bist wirklich zurück …« Mit drei Schritten war Riley bei ihr und schlang die Arme so fest um sie, dass ihr die Luft wegblieb. »Ich freue mich ja so!«

Die Geste kam nicht überraschend, sondern war schlichtweg ungewohnt. In der Army und auch bei den HUNTERS waren andere Frauen Normalität geworden, aber in der Delta Force war sie eine Art seltener Paradiesvogel gewesen. Umarmungen mit ihren Kollegen, die zu achtundneunzig Prozent männlich waren, hatten eher weniger an der Tagesordnung gestanden. Dennoch breitete sich eine lang vermisste Wärme in ihrem Inneren aus und sie erwiderte die Geste zögerlich. Freude übertrumpfte all die Gefühle in dem Sumpf aus Emotionen, der sich seit ihrer Ankunft in ihr breitgemacht hatte.

Riley löste sich als Erste, machte einen Schritt zurück und betrachtete sie von oben bis unten. »Du siehst toll aus, Miss Supersoldatin.«

»Ich?« Lexie lachte ironisch auf. »Du hättest mich bei meinem letzten Einsatz sehen müssen. Vermummt, verschwitzt, mit Staub und Sand bedeckt.« Und mit Blut. Die Erinnerung ließ ihr Lächeln für einen kurzen Moment bröckeln, dann hatte sie sich wieder im Griff. »Es ist schön, zurück zu sein.«

Wie selbstverständlich setzte sich Riley neben die Tasche aufs Bett. »Seit wann bist du da? Hast du bereits jemanden aus dem Team getroffen?«

»Noch nicht lang«, antwortete sie, während sie ihre restlichen Klamotten ordentlich faltete und im Schrank verstaute. »Tyler Conway hat mich in der Zentrale herumgeführt und eingewiesen. Ich konnte einen kurzen Blick auf euren Frischling werfen und … hatte eine kleine Auseinandersetzung mit Aiden Morgan.«

Obwohl sie mit dem Rücken zu ihr stand, spürte Lexie Rileys Überraschung.

»Das ist bei Aiden nicht so schwer«, merkte diese jetzt an. »Was war der Grund?«

»Och, dies und das.« Lexie schloss den Schrank und verstaute die Reisetasche unter dem Bett. »Seine arrogante Art, der Trainingskampf später, die Tatsache, dass wir Partner sein sollen, wenn sogar Juden und Palästinenser besser miteinander klarkommen als wir.«

Riley runzelte die Stirn. »Das ist etwas hart, Lex. Du redest ja beinah so, als würdest du ihn schon länger kennen.«

»Wir kennen uns.« Seufzend ließ sich Lexie neben sie aufs Bett fallen. Der Raum wirkte noch immer kahl. Bis auf den braunen Umschlag war der Schreibtisch leer und auch auf dem Nachttisch befanden sich nur ihr neues Handy und eine unscheinbare Lampe. Sie musste dringend für mehr Farbe hier drinnen sorgen, jetzt, da sie die Möglichkeit dazu hatte. Ein seltsames Gefühl, wieder Herr über die eigenen vier Wände zu sein …

»Sekunde mal«, holte Riley sie aus ihren Gedanken. »Ihr zwei kennt euch? Woher? Und weshalb weiß ich nichts davon? Aiden kam doch erst nach dir zu uns.«

»Delta Force.« Lexie lehnte sich auf den Ellbogen zurück und schloss die Augen. »Wir waren eine Zeit lang im selben Trainingslager und wenig später auf einer gemeinsamen Mission.«

»Oh. Das erklärt, wieso Tyler euch als Partner zusammengesteckt hat. Aiden ist nicht gerade … einfach. Das können dir so ziemlich alle Teammitglieder bestätigen.«

Sie schlug die Augen auf und versuchte, in Rileys Gesicht zu lesen, was genau sie damit meinte. Dass Aiden Morgan kein einfacher Umgang war, hatte Lexie am eigenen Leib erfahren. Aber Logan und Tyler? Weitere Agenten? Offenbar gab es einen Grund, warum Aiden ohne Partner gearbeitet hatte, bevor sie hier aufgetaucht war. Klasse. Anscheinend hatte sie das große Los gezogen.

Statt länger auf diesem Thema herumzureiten, streckte sie die Hand aus und zupfte an einer von Rileys kurzen braunen Strähnen. »Was ist mit deinen Haaren passiert?«

»Ich brauchte eine Veränderung.« Ein Funkeln trat in ihre Augen. »Gefällt es dir?«

»Sehr.« Lexie kam nicht umhin, ein bisschen Stolz zu verspüren. Das Mädchen, das sie zurückgelassen hatte, war ein in sich gekehrtes Computergenie gewesen. Eine graue Maus, die sich hinter ihren Monitoren verkroch. Doch die Riley, die heute neben ihr saß, hatte sich zu einer gut gelaunten jungen Frau entwickelt, die Charme und Selbstbewusstsein versprühte. »Was habe ich sonst noch verpasst?«

»Oh, hier geht alles seinen gewohnten Gang«, erwiderte Riley schulterzuckend. »Die Jungs trainieren, pokern oder gehen zu den Spielen der Mariners und Seahawks. Val und ich sehen uns jede Woche die neuen Folgen von Criminal Minds, NCIS und Stalker an.«

»Ist dein Alltag nicht spannend genug, dass du dir das ansehen musst?«

»Hey, das sind psychologisch fundierte und ziemlich gut recherchierte Serien«, widersprach Riley mit einem kleinen Grinsen auf dem Gesicht. »Zumindest die meisten davon.«

»Schon klar. Was ist aus deinem Plan mit der Weiterbildung geworden?«

Vor drei Monaten hatte ihr Riley erzählt, eine zusätzliche Ausbildung machen zu wollen. Nach all der Zeit hinter den Monitoren konnte Lexie es ihr nicht verdenken, dass sie Abwechslung brauchte. Aber ausgerechnet Sprengstoffe? Damit hatte wohl niemand gerechnet.

Riley wich ihrem Blick aus. »Genau das. Ein Plan.«

Also hatte sie es nicht durchgezogen. Lexie verkniff sich ein Seufzen. Doch gerade, als sie sich Argumente zurechtlegte, um ihrer besten Freundin Mut zuzusprechen, sprang diese auf die Beine. »Da fällt mir ein, ich habe noch etwas für dich. Warte kurz.«

Kaum ausgesprochen war sie schon aus der Tür und Lexie konnte ihr nur verwundert nachsehen. Sie hörte die Schritte im Flur, dann war ihre Freundin zurück und setzte sich wieder neben sie aufs Bett. In den Händen hielt sie einen Bilderrahmen, wohl wissend, dass Rot Lexies Lieblingsfarbe war. Aber es war nicht der Rahmen, der ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, sondern das Foto darin. Es zeigte Riley, Logan und sie selbst. Zu dritt standen sie vor dem Falcon’s Eye und lachten in die Kamera. Ihr Bruder in der Mitte, ein breites Grinsen auf dem attraktiven Gesicht, die Arme um sie beide geschlungen. Rein äußerlich sahen sie sich überhaupt nicht ähnlich. Niemand würde Logan mit seinen sonnengebleichten Haaren und den braunen Augen für ihren Bruder halten. Denn während er zu seinem Ärger nach ihrem Vater kam, glich Lexie der Mutter. Rotbraunes unbändiges Haar, das sie zu einem Pferdeschwanz gebunden trug, dazu ein Pony, der ihr bis in die grünen Augen fiel. Es waren die Details, die sie als Mitglieder derselben Familie auszeichneten. Das Lachen und das Grübchen, das dabei entstand. Die volle Unterlippe und die tief liegenden Augen.

»Das hast du noch?« Behutsam nahm Lexie das Bild an sich und fuhr mit dem Zeigefinger über den Rahmen.

»Natürlich«, erwiderte sie. »Meins steht in meinem Zimmer. Das hier habe ich für dich entwickeln lassen. Als Willkommensgeschenk.«

Obwohl sie bei diesen Worten lächeln musste, schnürte ihr etwas schmerzhaft die Kehle zu. Sie erinnerte sich an den Tag, an dem dieses Bild entstanden war. Riley war nach ihrem Abschluss am MIT zu ihnen gestoßen. Trotz des verlockenden Angebots der NSA war die Computerexpertin ihren Kindheitsfreunden zu den HUNTERS gefolgt.

Schon damals hatte es zwischen Logan und ihr gekriselt, doch auf dem Foto war nichts davon zu sehen. Sie standen beieinander und lachten, als hätten sie keine Sorge auf der Welt. Als würde ihr Vater nicht ihnen beiden das Leben schwer machen. Lexie betrachtete das Bild ein letztes Mal, sog es in sich auf, dann stand sie auf und stellte es auf den Schreibtisch.

»Danke, Ri.«

»Gern geschehen. Wo ist dein restliches Gepäck?« Sie sah sich um, als würden sich ihre wenigen Habseligkeiten irgendwo in dem spartanischen Zimmer verstecken.

»Ich hatte nur eine Reisetasche dabei.« Mit der Kehrseite lehnte sie sich gegen die Schreibtischkante. »Die anderen Sachen muss ich irgendwann holen.« Aus dem Lager, das sie vor ihrer Abreise in Seattle gemietet und seither nicht mehr betreten hatte. Vielleicht weil es zu viele Erinnerungen enthielt. Die vergangenen Jahre war sie problemlos ohne diese Gegenstände ausgekommen. Warum sollte sie sie ausgerechnet jetzt wieder hervorholen?

Riley nickte. »Ich helfe dir dabei.«

»Du?« Lexie musterte ihre schmale Gestalt von Kopf bis Fuß. »Als ob du auch nur eine Kiste schleppen könntest.«

»Hey.« Sie sprang auf und stemmte die Hände in die Hüften. »Ich trainiere, falls du es noch nicht bemerkt hast.«

An ihrem zierlichen Körper war ebenso wenig Fett wie Muskeln, aber das würde Lexie wohlweislich nicht laut aussprechen. Stattdessen biss sie sich auf die Unterlippe, um ihr Grinsen zu unterdrücken – und scheiterte. »Dann kann ich ja von Glück reden, dass ich in meinem Trainingskampf nicht gegen dich antreten muss, Supergirl.«

Kaum ausgesprochen, kam ihr das Kopfkissen entgegengeflogen. Lexie fing es mit einem Lachen und drückte es sich an die Brust. Ihre Ankunft in Seattle hatte bisher mehr Überraschungen bereitgehalten, als ihr lieb war. Und ihr zusätzlich einen neuen Partner beschert, von dem jeder hier zu behaupten schien, dass er schwierig war. Dumm nur, dass ihr keine andere Wahl blieb.

2. KAPITEL

Hätte man ihm vor vier Jahren gesagt, dass er als Undercoveragent bei einer Spezialeinheit arbeiten und ausgerechnet Lexie Ryder seine neue Partnerin sein würde, hätte Aiden denjenigen für verrückt erklärt. Scheiße, er hätte es selbst vor einem Jahr nicht geglaubt, zumindest nicht den zweiten Teil davon. Ryder und er als Partner? Das konnte nicht gut gehen. Und trotzdem hatte er zugestimmt.

Vor sechs Monaten war sein letzter Partner während einer Mission in San Francisco ums Leben gekommen. Es schien nur eine Frage der Zeit gewesen zu sein, bis man ihm jemand Neues zuwies. Die Mächtigen da oben waren offenbar der Meinung, dass man allein nicht genauso gut arbeiten konnte wie zu zweit, also wurden sie in Teams gesteckt. Tyler und Valerie, Logan und Kyle. Aiden und Lexie? Es käme einem Wunder gleich, wenn sie auch nur eine Woche Seite an Seite überlebten – von Monaten oder Jahren ganz zu schweigen.

Aiden lag auf seinem Bett und versuchte vergeblich, sich auf das Buch in seinen Händen zu konzentrieren. Doch inzwischen hatte er denselben Absatz mindestens dreimal gelesen. Aus der Anlage im Regal drang leise Rockmusik und Queen löste Black Sabbath ab.

Es war zu ruhig im Haus während des Bereitschaftsdiensts, besonders an den Abenden. Solche Phasen erinnerten ihn immer an die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Die nervenzehrende Zeit vor einer Mission, wenn er und sein Team sich auf den Boden gekauert hatten, versteckt unter Gestrüpp oder hinter einer Düne im Sand vergraben. Bewegungslos für Stunden, darauf wartend, dass sie das Startzeichen für ihren Einsatz erhielten. Allein beim Gedanken daran kribbelte es in Aidens Muskeln, als würde eine Armee von Ameisen durch seine Blutbahnen krabbeln.

Er knickte die Ecke der aktuellen Seite um und legte das Buch auf seinen Nachttisch. Der Alchimist musste noch etwas auf ihn warten. Bewaffnet mit Sportkleidung, einem Handtuch und Wechselklamotten machte er sich auf den Weg nach unten. Im Erdgeschoss registrierte er gedämpfte Jazzmusik und Stimmen aus der Bar. Der Drang nach einem kühlen Bier und ein wenig Ablenkung war groß, aber Aiden gab dem nicht nach. Stattdessen tippte er den Zugangscode ein und drückte seinen Daumen gegen das Display.

Zu seiner Überraschung erwartete ihn nicht wie sonst Stille in der Zentrale, sondern die hämmernden Bässe eines Sounds, den er nicht einordnen konnte. Techno? Darkcore? Dubstep? Was auch immer es war, die dröhnenden Klänge zerrten an seinen Nerven.

»Morgan!«

Aiden blieb mitten im Gang stehen und drehte sich um. Kyle Grant joggte auf ihn zu. Die Ringe unter seinen Augen waren ein unverkennbares Zeichen für den Wachdienst, dem jeder von ihnen während des Bereitschaftsdiensts nachkommen musste. Arbeiteten die aktiven Agenten an einem Fall, übernahm ein anderer Mitarbeiter diesen undankbaren Job.

»Ich habe was von einem Trainingskampf gehört?«

Aiden zog eine Braue in die Höhe. »Hast du wieder spioniert?«

»Wenn man eine Zwölfstundenschicht in der dunklen Höhle hat, muss man sich die Zeit ja irgendwie vertreiben.« Kyle zog die Schultern hoch wie ein Teenager, der beim Rauchen erwischt worden war, allerdings wirkte er dabei alles andere als schuldbewusst.

»Du könntest das Licht einschalten«, kommentierte Aiden trocken. »Soweit ich weiß, funktionieren die Lampen wunderbar.«

»Und wo bleibt dann das Bourne-Feeling bei der Observierung?«

Es grenzte an ein Wunder, dass Kyle die Grundausbildung in der Armee trotz seines losen Mundwerks überstanden hatte. Andererseits hatte es auch Logan geschafft, was Aiden so langsam an den Ausbildungsmethoden der US Army zweifeln ließ. Kopfschüttelnd wandte er sich ab und marschierte zu den Umkleiden.

Wenige Minuten später betrat er die Trainingshalle in einer langen Sporthose und einem T-Shirt. Auf der gegenüberliegenden Seite entdeckte er die Ursache für die plärrenden Beats. Lexie schlug mit schnellen Hieben auf den Sandsack ein, der von der Decke baumelte. In ihrer schwarzen Hose und dem eng anliegenden Tanktop erinnerte sie ihn unweigerlich an die Zeit, in der sie zusammen gedient hatten. Kurz vor seiner ersten Mission als ausgebildeter Delta-Force-Soldat. Eine Langzeitbeobachtung in Afghanistan – bis ein Selbstmordattentat einen Großteil ihres Stützpunkts zerstört und mehrere gute Männer getötet hatte.

Wie von selbst wanderte sein Blick von ihrem Hinterkopf und Rücken ein paar Etagen tiefer bis zu ihrem Hintern. Jepp, eindeutig Lexie Ryder. Diese Frau konnte nicht nur mit Blicken, Worten und Waffen töten, sondern besaß zu allem Überfluss auch noch eine Mordsfigur. Eine jener Sorte, die einsame Nächte in Zeltlagern mit feuchten Träumen füllte.

Verärgert darüber, wohin sich seine Gedanken verirrten, ging er zu den Bänken auf der linken Seite der Halle hinüber und begann mit dem Aufwärmen. Doch spätestens, als er seine Muskeln dehnte, zog Lexie seine Aufmerksamkeit wieder auf sich. Sie schien völlig konzentriert und ignorierte seine Anwesenheit vollständig. Offenbar war sie besser darin, ihn auszublenden als er sie.

Ihre Technik war noch immer exzellent, die Schläge schnell und kraftvoll. Auch an ihrem Stand und ihrer Balance gab es nichts auszusetzen. Da war nur eine Kleinigkeit …

»Höher.« Aiden hielt in seiner Dehnübung inne und ging zu Lexie hinüber. »Du musst die Fäuste höher halten, sonst ist deine Deckung praktisch nicht existent.«

Sie blies sich den Pony aus den Augen und musterte ihn kritisch. »Wozu, wenn ich zuerst angreife?«

Diese Antwort war so typisch für diese Frau, dass es ihn nicht verärgern sollte. Doch das tat es. Von allen Menschen müsste Lexie am besten wissen, wie wichtig es war, niemals seine Deckung zu vernachlässigen – physisch wie emotional.