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Groß, gelb, gelassen: mit berückender Selbstverständlichkeit liegt eines Nachts ein Löwe im Arbeitszimmer des angesehenen Philosophen Blumenberg, die Augen ruhig auf den Hausherrn gerichtet. Der gerät, mit einiger Mühe, nicht aus der Fassung, auch nicht, als der Löwe am nächsten Tag in seiner Vorlesung den Mittelgang herabtrottet. Die Bänke sind voll besetzt, aber keiner der Zuhörer scheint den Löwen zu sehen. Ein raffinierter Studentenulk? Oder nicht doch eine Auszeichnung von höchster Stelle – für den letzten Philosophen, der diesen Löwen zu würdigen versteht?

 

»Enorme Sprachkunst, feiner Witz und metaphorische Vertracktheit.«

Matthias Waha, Süddeutsche Zeitung

 

Sibylle Lewitscharoff, 1954 in Stuttgart geboren, lebt in Berlin. Für ihr Werk wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis 1998 für Pong, dem Marie-Luise-Kaschnitz-Preis 2008, dem Berliner Literaturpreis 2010, dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2011 und dem Kleist-Preis 2011. Blumenberg stand 2011 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2013

Erste Auflage 2013

suhrkamp taschenbuch 4399

© Suhrkamp Verlag 2011

Suhrkamp Taschenbuch Verlag

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag: Göllner, Michels, Zegarzewski

eISBN 978-3-518-76310-0

 

www.suhrkamp.de

Blumenberg

 

Für Bettina Blumenberg

 

Der Löwe I

Blumenberg hatte gerade eine neue Kassette zur Hand genommen, um sie in das Aufnahmegerät zu stecken, da blickte er von seinem Schreibtisch auf und sah ihn. Groß, gelb, atmend; unzweifelhaft ein Löwe. Der Löwe sah zu ihm her, ruhig sah er zu ihm her aus dem Liegen, denn der Löwe lag auf dem Bucharateppich, in geringem Abstand zur Wand.

Es mußte ein älterer Löwe sein, vielleicht nicht mehr ganz bei Kräften, aber mit der einzigartigen Kraft begabt, da zu sein. Das erkannte Blumenberg zumindest auf den zweiten Blick, während er noch um Beherrschung rang. Nur nicht die Fassung verlieren, gerade in diesem Falle nicht, sagte sich Blumenberg, vielleicht geriet der Satz weniger korrekt, obwohl Blumenberg auch beim Finden von Sätzen im Kopf eine eiserne Disziplin zu wahren pflegte, weil er sich daran gewöhnt hatte, geordnet und nicht etwa überstürzt sich Sätze zurechtzulegen, und zwar fast so geordnet, wie er gemeinhin sprach, ob er nun ein empfangsbereites Aufnahmegerät vor sich hatte oder die Ohren eines Kindes.

Blumenberg wußte sofort, daß hier viel falsch zu machen war und nur eines richtig: abwarten und die Fassung behalten. Er wußte auch, daß in Gestalt des Löwen eine außerordentliche Ehre ihm widerfuhr, gleichsam eine Ehrenmitteilung der hohen Art war überbracht worden, von langer Hand vorbereitet und nach eingehender Prüfung ihm gewährt. Man traute Blumenberg offenbar zu, daß er in seinem schon etwas höheren Alter leichterdings damit fertig würde.

Kurios war nur, daß vom Löwen gar nichts Undeutliches, Verschwebtes, Löwen- und Luftatomvermischtes ausging; seine Umrisse zitterten nicht im Her und Hin der wellendurchlaufenen Gedanken Blumenbergs; es blitzten keine löwenköpfigen Spiegelneuronen und bewimmelten das kristalline Geflirr einer Halluzination. Der Löwe war da. Habhaft, fellhaft, gelb.

Obwohl er sich selbst ermahnte, ein unerschütterliches Vorbild der Ruhe abzugeben, raste sein Herz. Ein Löwe! Ein Löwe! Ein Löwe!

Natürlich hatte er keine Angst vor ihm. Wie ein entsprungener Zirkuslöwe sah er nicht aus. Zum einen deckte Blumenberg der große schwere Schreibtisch, hinter dem er saß, zum anderen lag dieser Löwe vollkommen ruhig da und gebärdete sich keinesfalls wie ein beunruhigtes entlaufenes Tier oder gar wie ein nervöser Christenfresser. Blumenberg bekam Lust zu sagen: Ich bin katholisch, du kannst mich ruhig fressen, aber er behielt diese Frivolität lieber für sich und sah nun seinerseits mit einer Miene, die abwartende Höflichkeit signalisieren sollte, aber doch ein wenig zu neugierig geriet, auf den Löwen. Vielleicht wirkte es auf den Löwen aufstachelnd, wie er ihn ansah, dachte Blumenberg, denn er wußte um seinen brennenden Blick.

Die bierfarbenen Augen des Löwen musterten ihn unverwandt in versammelter Löwenruhe, das heißt, sie musterten ihn nicht wirklich, sie sahen eher durch Blumenberg hindurch auf etwas, was hinter ihm, vielleicht hinter der Bücherwand, vielleicht hinter der Mauer des Hauses, vielleicht hinter Altenberge und der Stadt Münster im Jahre 1982 in weiter Zeitenferne lag.

Sein Herz klopfte noch immer wie ein außer Kontrolle geratenes Apparätchen.

Mit einem Löwen zu konversieren, das hatte Blumenberg nicht geübt. Bisher hatte es ja keine Gelegenheit gegeben, solches zu tun. Mit seinem geliebten Axel zu sprechen, dem weißhaarigen Collie, war Blumenberg immer leichtgefallen. Axel war ihm auf Schritt und Tritt überall hin gefolgt, ihm in sein fülliges langes Brustfell zu fahren und ihm den Hals zu kraulen war für Blumenberg ein Vergnügen gewesen, während dessen er ganz ungezwungen, fast wie ein kindischer Liebhaber, wie narrisch mit dem Hund gesprochen hatte, wenn auch – gemessen an anderen Hundeliebhabern – bemerkenswert korrekt.

Blumenberg zweifelte, ob mit dem Löwen eine Konversation überhaupt möglich sein würde. Es ging ja nicht hin, daß er nun aufstand, um dem Löwen in die Mähne zu fahren und diese tüchtig zu walken. Der Löwe schien einer zärtlichen Handlung in keiner Weise bedürftig. Obwohl er keine Angst verspürte, war Blumenbergs Respekt vor dem Tier groß.

Der Löwe ist zu mir gekommen, weil ich der letzte Philosoph bin, der ihn zu würdigen versteht, dachte Blumenberg. Bei diesem Gedanken überkam ihn ein flaues Gefühl, er mußte für einen Moment die Augen schließen vor so viel Größe, die ihm von lässiger Hand auf den Teppich gelegt worden war, eine Herausforderung der Nacht, spät, um Viertel nach drei, wie ein Blick auf die Uhr ihm bewies, als er die Augen wieder öffnete.

Weder ein Ruch noch ein Ungeruch ging von dem Löwen aus, der Löwe roch dezent nach Löwe, für jemandes Nase, der Löwen liebte und nach einem Zoobesuch den Löwengeruch zurückzurufen sich mühte, vielleicht gerade noch spürbar. Blumenberg konnte zwar mit Fug von sich behaupten, ein Liebhaber der Löwen zu sein, aber der Löwengeruch hatte ihn bisher nicht gekümmert. Die verwegene und doch nurmehr wie obenhin verschwebende geruchliche Schärfe, die seine Klause zu füllen begann und die in einem Atemzug hereinwehte und beim nächsten sich wieder verlor, erregte Blumenbergs Sinne.

Gedanken bestürmten ihn mit Macht, in nie gekannter Plastizität; es war, als wären alle Laden seines Panzerschranks aufgefahren und die darin verwahrten sechsunddreißigtausendsechshundertsechzig maschinenbeschriebenen Karteikarten flögen daraus wie sprühend hervor, aber nicht in ihrer kartonierten Form, sondern als von den Buchstaben und Vermerken abgelöste und in seinen Kopf hineindrängende Bildhäutchen.

Ruhe bitte. Besonnenheit. An den Nerv eines Bildes, an den Nerv eines Problems kommt man nur heran, wenn man das einzelne Bild, das einzelne Problem geruhsam sich vorlegt und prüft. Wer war der Löwe? Infolge der Abwehr, die er gegen die Bilderflut sich aufzubauen mühte, verspürte Blumenberg eine leichte Überreiztheit.

Agaues falscher Löwe. Die Fabel vom Hoftag des Löwen. Der Löwe des Psalmisten, brüllend. Der aus dem Lande Kanaan für immer verschwundene Löwe. Das Symboltier des Evangelisten Markus. Maria Aegyptiaca und ihr Begleitlöwe. Das fromme Tier des Hieronymus im Gehäus. Wer war der Löwe?

Sein Gedächtnis sollte die Bibel im Schnellauf durchforsten, da doch der Löwe darin seine aufgepflanzten und wieder abgebrochenen Merkzeichen hat; den Befehl dazu gab sich Blumenberg. Aber er mußte sich eingestehen, daß sein Gedächtnis, das normalerweise tadellos funktionierte, besser als bei jedem ihm bekannten Menschen, ausgerechnet jetzt zu einer gründlichen Sichtung des Löwenproblems nicht in der Lage war.

Obwohl erst wenige Augenblicke seit dem Auftauchen des Tieres verstrichen waren, hatte Blumenberg schon Vertrauen zu dem Löwen gefaßt; dabei war noch gar nicht abzusehen, was sich für eine Beziehung zwischen ihnen entwickeln würde, ob von Dauer oder nicht. Erstaunlich, daß ich schon die Hoffnung in mir keimen sehe, unsere Beziehung könnte währen, dachte Blumenberg. Für einen Moment bildete er sich ein, der Löwe, dessen Maul ein wenig nur geöffnet war, lächle.

Sein Alter? Der Löwe war alt, uralt sogar, bestimmt älter, als ein Löwe in der freien Wildbahn je wurde. Blumenberg stellte es mit Bedauern fest. Die Mähne des Tieres, in jungen und mittleren Jahren mochte sie stattlich gewesen sein, jetzt wirkte sie zerrupft. Das Rückgrat trat hervor und sackte ein wenig durch, lange dunkle Tränenrinnen führten von den Augen des Löwen seitlich nach unten; allein, wie er atmete und dabei jedesmal sein Bauch sich verzog, als befiele ihn ein kleiner Krampf, war besorgniserregend.

Der Löwe wird doch nicht gekommen sein, um auf meinem Teppich zu verenden? dachte Blumenberg bestürzt. Höhererseits wollte man ihn foppen und hatte ihm deshalb diesen Rohrkrepierer von einem Löwen geschickt. Rasch, wie er aufgezuckt war, verschwand der Gedanke wieder. Nein, Blumenberg empfand Sympathie für den Löwen, und als er sich dies eingestand, vertraute er sogleich auf die erkenntnisfördernde Kraft der Sympathie. Urplötzlich fühlte er sich in eine anheimelnde Selbstwärme gehüllt, ein Gefühl, das von Selbstüberhebung nur geringfügig sich unterschied. Er war der exemplarische Asket, der seinen Löwen verdient hatte. Nacht für Nacht für Nacht gearbeitet, sagte sich Blumenberg voller Stolz, und der Dank, der ihm jetzt blühte, war der Löwe.

Wie Maria Aegyptiaca sich zu fühlen war ihm unmöglich. Es fehlte die Wüste, es fehlten die Ausschweifungen und Gelage, denen sich diese sehr spezielle Maria früher hingegeben hatte, und natürlich die Umkehr. Blumenberg hatte sich solchen Leibextremismen nie hingegeben, er hatte nicht umkehren müssen, und er war keine Frau. Auch war ihm die Vorstellung unsympathisch, mit ausgedörrten Gebeinen in der Wüste zu liegen, über sich einen Löwen als Grabwächter.

Agaue? Unsinn! Den eigenen Sohn als Löwen mißkennen und ihn zerreißen im bacchantischen Wahn, zu so etwas konnte sich nur eine im wilden Griechenland aufgekommene Frau hinreißen lassen, präziser: die Zuspitzung der Frau: die antike Mutter.

Obwohl der Löwe da vor ihm keineswegs träumte und sein breitnasiges Haupt zweifellos echt war und nicht etwa heimlich der Kopf einer Katze (auch schaute dieser Löwe immer weiter durch ihn hindurch), so bemächtigte sich des Philosophen doch allmählich ein friedliches Gehäusgefühl. Er rief sich den berühmten Kupferstich von Dürer ins Gedächtnis. Zwar fehlte in seiner, Blumenbergs, Klause das Stundenglas, durch das der Sand rann, es fehlte das Pult, es fehlten die Butzenscheiben und der Totenschädel auf dem Fensterbrett, und anstelle der Täfelung aus warmem Holz gab es bis an die Decke reichende Bücherregale und Teppiche, aber eine Klause in stupender Abgeschiedenheit von den übrigen Teilen des Hauses war es doch. Außerdem herrschte Nacht. Die Stunden der radikalen Abkehr vom weltlichen Getriebe, in denen sich höchstens einige Schlaflose herumwälzten und nur sehr wenige Menschen ihre Dienste versahen.

Trotzdem kamen Blumenberg Zweifel. Wenn er jetzt ganz fest die Augen schloß und auf sechzig zählte – er hatte sich angewöhnt, solches Abzählen durch ein winziges Aufzucken der Finger zu bewerkstelligen – und dann die Augen wieder öffnete, war der Löwe womöglich verschwunden. Ein Trugbild, weiter nichts.

Blumenberg schloß tatsächlich die Augen, zählte aber in der Verwirrung nicht bis sechzig, sondern versehentlich nur bis achtundfünfzig, wobei es ihn hart ankam, die Augen so lange zuzupressen.

Augen auf. Der Löwe war da.

Blumenberg bekam Lust, seinen Platz hinter dem Schreibtisch einmal zu verlassen. Draußen leuchtete der Mond. Vor den langgestreckten Fenstern zeigten sich die schwarzen Gerippe der Rosenstöcke. Vielleicht sollte er einen Fensterflügel öffnen und auf diese Weise mit allem ins Freie kommen.

Ob trotz augenscheinlicher Gutartigkeit der Löwe ihm etwas antun könnte, ob es gefährlich war, ihm den Rücken zuzudrehen? überlegte Blumenberg, als er fast in Zeitlupe vom Stuhl sich erhob, seinen Schreibtisch halb umrundete und langsam, viel langsamer als gewöhnlich, zum Fenster ging.

Gefährlich? Nein, wohl nicht. Einige Sekunden stand Blumenberg am Fenster und sog die kühle Nachtluft ein, allerdings mit angespanntem Rücken. Als er sich wieder herumdrehte, war der Löwe immer noch da.

Zeit, eine Flasche Bordeaux zu öffnen. Das Ereignis mußte gefeiert, auf das Erscheinen des Löwen Wein getrunken werden. Mit dem gefüllten Glas blieb Blumenberg allein, in seinem Arbeitszimmer hätte er vergeblich nach einem Gastglas gesucht. So hauspossierlich war der Löwe nun wieder nicht, daß er ein Glas in der Pfote hätte halten können, um es auf Blumenbergs Wohl zu lüpfen.

Der Löwe, der, wie ihm schien, den Kopf inzwischen ein klein wenig gesenkter hielt, aber immer noch ungerührt durch ihn hindurchblickte, belegte sechzehn, siebzehn, oder waren es neunzehn? Elefantentapfen auf dem Bucharateppich, der als eines der wenigen Besitzstücke aus dem Erbe des Vaters auf ihn gekommen war. Indem sich der Löwe diese wärmende Unterlage für sein Liegen ausgesucht hatte, betrug er sich wie ein Haushund. Er hat Sinn für Symmetrie, dachte Blumenberg, weil sich der Löwe ziemlich exakt in die Mitte gelegt hatte, obendrein scheint er Sinn für Ästhetik zu besitzen. Der Teppich war das kostbarste Objekt in Blumenbergs Arbeitszimmer, mit hellen Tapfen inmitten von Weinrot und blaugrünschwarzen Farbabstufungen – wirklich ein exquisites Stück.

Obwohl es an seinem Arbeitszimmer nichts auszusetzen gab, bedauerte sich Blumenberg, daß er keinen so glorreichen Raum zur Verfügung hatte, wie ihn Antonello da Messina gemalt hatte. Das Bild, vom italienischen Meister starkschattig nach Art der Niederländer angelegt, führte Blumenbergs Gedächtnis, das jetzt wieder tadellos funktionierte, mit fabelhafter Präzision heran: der Blick fällt durch eine steinerne Öffnung, auf der Brüstung ein Pfau, eine Kupferschüssel, eine Wachtel. Im prächtigen Innenraum ein Treppchen, eine, zwei, drei Dreifaltigkeitsstufen empor auf eine Bühne. Der heilige Gelehrte im fließenden roten Samtgewand und roter Samtmütze, mit langen Armen in einem Buch blätternd, das auf einer Art Sitzpult mit abgeschrägter Fläche vor ihm aufgeschlagen liegt. Links ein zauberischer Fensterausblick. Eine Hügellandschaft mit vereinzelten Zypressen. Und rechts, hinter der Bühne des Gelehrten, aus dem Dunkel auftauchend, ein spilleriger Löwe. Nein, nicht mit Löwenbeinen und breiten Tatzen, sondern mit dünnen Rennbeinchen versehen wie ein Windhund. Wahrscheinlich hatte Antonello nie einen Löwen zu Gesicht bekommen.

Blumenberg liebte das Bild. Diese würdigen, einsamen Figuren, die mit wenigen Büchern auskamen, weil sie offenbar die immerselben, allen voran natürlich die Bibel, wieder und wieder studierten; ihre opulent ausstaffierten Zimmer mit den Schmuckblicken in ein wohlgeordnetes Draußen, die Einsamkeit ins glorios Behagliche rückend! Das bühnenhafte Arrangement, die Erhöhung der Schauseite, diente dazu, den Gelehrten vom Fliesenboden, diesem kunstvoll verwirtschafteten Boden, zu lösen, als sei er von der Schwerkraft minder abhängig, als sei sein Boden nicht gemeiner Lebensboden, sondern Geistboden, über dem sich die Gedanken weit und weiter emporrafften. Sollte in seinem roten Gewand die Herzenserhebung des gelehrten Eremiten angezeigt worden sein? Nicht mitgemalt war natürlich der Durchzug, der zwischen der großen Öffnung vorne und den Fensterhöhlungen hinten im Mittagsglast hätte herrschen und die herumliegenden Papiere ins Segeln und Trudeln bringen müssen. Den lustigen Löwen stellte sich Blumenberg für einen Moment als Papierjäger, Papierschnapper vor, brach die Sätze, die sich in ihm dazu formen wollten, aber gleich wieder ab, weil er sich nicht im Albernen verlieren wollte.

Zurück zum eigenen Löwen. Trotz dessen denkwürdigen Erscheinens, das sich vor einer halben Stunde erst zugetragen hatte, hielt Blumenberg es für angezeigt, auf keinen Fall, nicht einmal in diesem Extremfall, da ihm das Herz noch immer bis zum Halse schlug, auf seine Gewohnheiten zu verzichten. Immerhin hatte ihn der Löwe so durcheinandergebracht, daß er seiner Sekretärin nicht das übliche Quantum hatte diktieren können; das genügte als Abweichung von der Regel. Er packte die eine vollgesprochene Kassette in einen Umschlag, ließ sich – Löwe hin, Löwe her – nicht darin beirren, gut lesbar, wenn auch ein klein wenig zittrig, die Adresse der Universität darauf zu schreiben, ihn mit einer Marke zu versehen, griff nach seinem Mantel und ging, mit einem verhaftenden Blick auf das Tier, als wolle er es auf dem Teppich festnageln, zur Gartentür hinaus.

Draußen zündete er sich eine Zigarette an: auch gegen die Regel, denn für gewöhnlich legte er den Weg zum Briefkasten und wieder nach dem Haus im Sturmschritt zurück, Rauchen hätte da nur Zeit gekostet. Diesmal ging er zwar aufgeregt durch die spärlich erleuchteten Straßen – wie üblich war um diese Zeit kein Mensch unterwegs, selbst die geparkten Wagen unter den Lichtglocken der Laternen schienen zu schlafen –, ging aber doch langsamer als sonst, um an der Nachtluft noch einmal in Ruhe zu überprüfen, was ihm in der letzten Stunde widerfahren war.

Ich bin in einen Hinterhalt gelockt worden, dachte er, man hat mich mit einem fundamentalen Schwindel konfrontiert, um meine geistigen Kräfte zu testen.

Als er zurückkehrte, fehlte der Löwe.

Blumenberg behielt die Hand lang auf der Klinke der inzwischen geschlossenen Gartentür. Hatte er es mit einem Fabellöwen zu tun bekommen, dem abwesenden Löwen, der nicht zu dem gehörte, was der Fall ist, also nie und nimmer zur Welt? Aber, aber, dachte Blumenberg, dieser ganz andere weltabweisende Löwe kommt doch in etwas vor und ist damit auf eine neue und andere Art der Fall. Die Sprachspiele der Weltbenenner holen den Löwen ins Dasein und Leben zurück, murmelte er leise vor sich hin.

Zufrieden mit dem Wort Weltbenenner, welches er umstandslos auf sich münzte, ging Blumenberg zu Bett.

Coca-Cola

Wie üblich wachte Blumenberg gegen halb zwölf Uhr auf. Von den Träumen wußte er nur noch, daß ihm der Vater eine afrikanische Briefmarke geschenkt hatte, ein Löwe mit hochgebogenem Quastenschwanz als Motiv darauf. Mit einer Pinzette war ihm die Marke überreicht worden, in Zeitlupe von der großen Vaterhand in die Kinderhand wechselnd. Nein, nicht ganz. Eine Traumlähmung hatte ihn befallen, die Bewegung kam zum Erliegen, seine Kinderhand konnte die Pinzette nicht greifen, und dies Verharren regte den Träumer derart auf, daß er erwachte, aber umgehend wieder einschlief.

Vom Schlaf hatte er dennoch eine gewaltige Portion Trost empfangen; er fühlte sich gut wie selten und bekam sogar Lust, wieder wie früher – flott, flott – den Ball über ein Tennisnetz zu schlagen, wobei er probeweise die Arme auf Brusthöhe hob und die Ellenbogen nach hinten stieß. So tatendurstig hatte er sich seit Jahren nicht mehr gefühlt. In seinen Beinen kribbelte die Lust, einem Ball nachzujagen; er sah aufstäubenden roten Sand und hörte das helle Plopp, wenn der Schläger den Ball traf, und das dunklere Geräusch, wenn der Ball in den Sand geschleudert wurde. Er fragte sich, ob es wirklich eine weise Entscheidung gewesen war, das Leben eines extremen Stubenhockers mit rostenden Knochen zu führen. Da durchzuckte ihn ein Schmerz im linken Bein, genau an der Stelle, an der er sich einst eine Muskelzerrung zugezogen hatte, als er unglücklich auf einen Ball gesprungen und hingefallen war.

Bevor er den ersten Kaffee trank, den Bademantel auszog und sich für die Tagesgeschäfte ankleidete, schaute er im Arbeitszimmer nach dem Löwen. Kein Löwe, nirgends. Was weiter nicht verwunderlich war, denn es herrschte ja heller Tag, ein strahlend heller Maitag, an dem alles leuchtete wie neu geschaffen und nur berührbare Dinge ans Licht traten.

Die halb geleerte Flasche Wein, das Glas standen noch da. Blumenbergs Nasenflügel weiteten sich; nachdem er einige Male schnuppernd hin und her gewandert war, wollte es ihm so vorkommen, als hinge noch eine Restschwade vom Löwengeruch im Zimmer. Er öffnete zwei Fenster und starrte auf die heftig von Bienen angeflogenen Rosenstöcke.

Seine Vorlesung heute handelte von der Trostbedürftigkeit des Menschen bei dessen gleichzeitiger Trostunfähigkeit. Pünktlich um 14 Uhr 15 betrat er den Saal im Münsteraner Schloß durch eine Seitentür. Die Bänke waren vollgepackt, sie füllten sich gerade mit den letzten Nachzüglern. Blumenbergs Blick fiel auf das Pult; in seiner Miene zeigte sich Ekel. Sechs leere Coca-Cola-Flaschen standen dort, um ihn zu verhöhnen. Absichtlich da hingestellt oder unabsichtlich stehengelassen, sie standen da als Provokation. Blumenberg legte Homburg und Mantel ab, stellte seine Tasche auf die langgezogene Theke, die das Pult von beiden Seiten flankierte, und überlegte, was zu tun sei. Kein Wort würde er darüber verlieren. Um möglichst wenig hauteigene Berührungsfläche mit dem verklebten Objekt gemein zu haben, ergriff er die erste Flasche mit spitzem Daumen und Zeigefinger und trug sie zur hofseitigen Fensterbank.

Die Trostbedürftigkeit des Menschen ist umfassend, sagte Blumenberg mit leicht näselnder Stimme, während er sich umwandte, zum Pult spazierte und mit der zweiten Flasche auf dieselbe Weise verfuhr: Die Anstrengungen, die von Menschen unternommen werden, Menschen zu trösten, sind immens, aber selten erfolgreich.

In dem altehrwürdigen Saal breitete sich eine ungeheure Spannung aus, aber niemand wagte zu lachen.

Er sprach langsam und mit schneidender Präzision: Mit fragwürdigem Recht sind Trostbedürftigkeit und Trostfähigkeit unter den Schutz einer gewissen Verschämtheit gestellt, wie die Armut oder die Dummheit. Die Diskriminierung des Trostes schreitet unaufhörlich voran.

Inzwischen war er bei der dritten Flasche angelangt und erledigte das Wegtragen in solchem Gleichmaß, daß er sogar auf dieselbe Anzahl von Schritten bei jedem Hin- und Widergehen kam, auf exakt zweiundzwanzig.

Den Bauch der vierten Flasche mit spitzen Fingern im Griff, führte er aus, der Trost beruhe auf der allgemeinen Fähigkeit des Menschen zu delegieren, beruhe darauf, daß der Mensch nicht allein alles tun und tragen müsse, was ihm obliege und zufalle. Aber, sagte Blumenberg, und bei diesem Aber nahm er die fünfte Flasche, wir sind unfähig geworden, über das gewaltige Arsenal an Instrumenten für Trost und Vertröstung zu verfügen, das in der Geschichte der Menschheit aufgehäuft worden ist.

Dies gelte vor allem für die Deutungen der Welt, die keinen anderen Dienst zu leisten hätten als den, dem Menschen Trost zu bieten. Bei der Rückkehr vom Transport der sechsten Flasche sprach er mit einer Energie, als müsse er seine Definition mit dem Stichel in die Hirne der Zuhörer ritzen: Aller Verdacht gegen den Trost, alle Diffamierung von Trostbedürfnissen beruhen auf der Annahme, daß er eine Vermeidung von Bewußtsein sei.

Er öffnete seine Aktentasche und entnahm ihr ein Bündel Karteikarten und einige Manuskriptblätter, die er seelenruhig auf der Theke ausbreitete: Sie, meine Damen und Herren, sind trostbedürftige Wesen, manchmal sogar wahre Jammerläppchen, und ich bin ein ebensolches; wir wollen trösten und getröstet werden, so einfach ist das aber nicht.

Als er von seinen Karten hochblickte, sah er ihn. Der Löwe kam den Mittelgang herabgetrottet, nicht in einer schnurgeraden Linie, sondern leicht hin und her schlingernd nach Raubkatzenart. Genau wie Aristoteles ihn beschrieben hatte, kam er daher – mit kraftvollen, sehnigen Beinen, mit breitem Schultergürtel, gutem Brustkorb und gutem Rücken, sich in den Schultern wiegend beim Laufen. Dieser Löwe war bedeutend jünger, als er ihn in Erinnerung hatte, ein Staatsexemplar von einem Löwen im Vollbesitz seiner Kräfte und Ansprüche, mit glänzendem, lückenlos geschlossenem Fell.

Wenn der Tröster kommt, frohlockte Blumenberg in sich hinein, werden wir ihn womöglich nicht einmal erkennen. Wie unerkannt der Löwe blieb, zeigte sich unzweifelhaft. Die Hörer in den Bänken sahen ihn nicht. Unbeirrt fuhr Blumenberg fort: Die Bewußtseinsprogramme, die wir uns verschrieben haben, die fortwährenden Ansporne, mehr Bewußtsein zu schaffen, sie nötigen uns dazu, unsere Entscheidungen nach Maßgabe des Realismus zu treffen. Das herrische Einfallen der Sachen in die Worte beraubt uns der Fähigkeit, Trost zu spenden, Trost zu empfangen.

Trotz seiner Stattlichkeit wirkte der Löwe im Saal kleiner als der Löwe im Arbeitszimmer.

Er führte aus, insofern sich die Menschen wechselseitig immerfort zum Realismus nötigten, seien sie zwar wie eh und je trostbedürftig, reell jedoch untröstlich. Sie hätten die Wunschherrschaften und die Fähigkeit zur Illusion fahren lassen und sich damit eines weiten Feldes der Tröstung beraubt, das sie aus der angsterregenden Verschlungenheit des Werdens und Vergehens befreien könnte.

Blumenberg glaubte kein Wort von dem, was er gerade gesagt hatte. Der Löwe widerlegte ihn souverän. Ein starkes Fluidum des Trostes ging von ihm aus. Etwas rechts vor der Theke hatte er sich niedergelassen, recht malerisch anzusehen, dachte Blumenberg. Für einen Moment sah er sich selbst als kleinen Mann und den Löwen riesengroß; bequem zwischen den Tatzen des Löwen liegend hielt Blumenberg seine Vorlesung. Über seinem winzigen Menschenkopf hing das gebieterische Haupt des Löwen, der allem, was in der Vorlesung zur Sprache kam, durch das hin und wieder entblößte Gebiß Dringlichkeit und Schärfe verlieh.

Der Löwe wandte den Kopf zu Blumenberg hin, hätte ihn aber auch den Studenten zuwenden können und damit den Saal überblickt, einen alten, leicht ansteigenden Hörsaal, mit fast bis zum Boden reichenden Fenstern zu beiden Seiten. Auf den Bänken saß allerdings nicht nur die studentische Jugend; ein gebildetes älteres Publikum aus der Stadt, darunter auch einige Professoren von anderen Fachbereichen, fand sich regelmäßig zu Blumenbergs Vorlesungen ein. In der vordersten Reihe saßen einige besonders eifrige Studenten, die die Mikrophone ihrer Kassettenrecorder auf ihn gerichtet hatten.

Sie alle sahen durch den Löwen hindurch, als unterscheide er sich nicht vom Holz des Fußbodens. Aber vier junge Leute, die locker verstreut im Raum saßen, spürten, daß sich etwas Außergewöhnliches zugetragen hatte, was über die buchenswerte Aktion ihres Professors mit den Cola-Flaschen hinausging. Es war, als hätten sie etwas gerochen, mit feinen Instinkthärchen etwas erspürt, das üblicherweise nicht in einen Vorlesungssaal gehörte. Richard, der mit langgestreckten Beinen in der drittletzten Reihe mehr hing als saß, war davon ebenso ergriffen wie Isa, die – wie immer – kerzengerade ihren Platz in der ersten Reihe etwas rechts vom Pult okkupierte; Gerhard und Hansi, auf mittlerer Ebene rechts und links verteilt, waren davon auch angesteckt, aber keiner von ihnen hätte zu sagen gewußt wovon. Nur Isa merkte, daß der Professor häufig zu Boden sah, auf eine Stelle, an der es nichts weiter zu entdecken gab.

Vom Löwen ging ein Kraftstrom aus, der Blumenberg ungemein belebte.

Er fühlte sich einig mit seinem Geschick wie nie zuvor. Sicher, die meisten seiner Vorlesungen waren ihm geglückt. Durch einen in der gesprochenen Rede präzis erfaßten Gedankenstrom die eigene Person in eine kulturelle Sphäre zu heben und sie darin wachsen zu lassen, die Fülle der Gedankengunst durch Fremdgenuß (der sich in den aufmerksamen Gesichtern seiner Zuhörer spiegelte) in Selbstgenuß zu verwandeln, das alles war ihm längst vertraut. Frei, von Kärtchen zu Kärtchen, die er auf der Theke wie bei einer Patience hin und her schob, eine federnde Rede aufzubauen – während er wechselweise nach links in den grünen Park blickte und dann wieder die Zuhörer ins Auge faßte –, Witze zwischeneinzustreuen und Neuland zu betreten, das sich ihm während des Redens erst zeigte, wobei sein Gedächtnis ihn nie im Stich ließ, sondern Verweise und Reflexionen bildhaft in dieses Neuland eintrug, darin hatte er Übung, darin war er Meister.

Er war sich seiner außerordentlichen Fähigkeiten bewußt. Seine Dienstgeschicklichkeit als bestallter Philosoph trat leuchtend zutage.

Mit Blick auf den Löwen sprach er beseelt. Sprach von Sphärenharfen, Pilgerhymnen, Werdelust des Alls und einer kleinen Meldung aus den Vermischten Nachrichten, derzufolge ein Amerikaner eine Zeithaube erfunden hatte, die ein bißchen wie ein bestickter Kaffeewärmer aussah, gleichwohl sollte sie dem Träger ermöglichen, sich in die Welt vor der Geburt und nach dem Tod hineinzutasten. Dabei kam er so in Schwung, daß er das imaginäre Zeithäubchen des Douglas E. Bickerson mit erhobenen Händen sich auf den Kopf setzte.

Um die sich ausbreitenden Heiterkeitswellen zu dämpfen, holte er den nächsten Satz aus der Tiefe seiner gewölbten Brust: Denken Sie an den Zeithaushalt des Menschen, die verwundbarste Stelle seiner Existenz – denken Sie daran, wie schwierig es ist, an die unaufstockbare Endlichkeit und Unwiederbringlichkeit wirksamen Trost heranzuführen. Um etwas gänzlich Unvertrautes ins Vertraute zu ziehen, dazu bedarf es raffinierter Kunstgriffe, und sei’s ein Häubchen, das wie ein gestickter Kaffeewärmer aussieht.

Gelächter im Saal. Blumenberg hatte mit beiden Händen die höherstehenden Seitenwände umfaßt, jetzt löste er die Hände und legte sie parallel auf die Fläche des Pults nieder: Von den Kunststücken der Zeitverlängerung, der Zeitverwandlung, von den Heimkehrwünschen in die archaische Unverantwortlichkeit, von Heilsplänen höherer Art und den geistigen Kräften, die diesen zum Aufschwung verhelfen – das nächste Mal.

Er schob die Karteikarten zusammen; während der Applaus heftig auf die Bänke gepocht wurde, klopfte er seine Karten in Form und steckte sie in die Tasche zurück, packte Hut und Mantel und verschwand rasch, wie er gekommen war, durch die Seitentür. In Wahrheit nicht ganz so rasch. Richard, Gerhard, Hansi, Isa und einigen anderen bot sich ein seltsames Schauspiel, als ihr Professor, nachdem er die Tür aufgeklinkt hatte, plötzlich innehielt und sich umwandte, eine Weile wartete und dabei vor sich hinsah. Als wolle er jemanden durchlassen, trat der Mann höflich zur Seite, drehte sich dann mit einem eleganten Schwung zurück, packte die Klinke, schloß die Tür und war weg.

Wie immer hatte er den Besuchern keine Gelegenheit geboten, anschließend mit ihm ins Gespräch zu kommen. Es war eben nicht seine Art, herumzutrödeln und dabei auf die eine oder andere Bemerkung zu lauern, etwa ein Lob oder einen törichten Kommentar, den ein Student noch auf dem Herzen haben mochte. Er stieg sofort in seinen Peugeot und fuhr die wenigen Meter zur philosophischen Fakultät.

Als er in seinem Büro anlangte, um sich für eine Sprechstunde bereitzuhalten, zu der sich ein Student schriftlich angemeldet hatte, kehrte die Idee wieder, die beim ersten Auftauchen des Löwen in ihm herumgehuscht war, die Idee, es handle sich um einen Studentenulk. Im Moment war kein Löwe da. Blumenberg befand sich allein im Zimmer.