cover
Peter Dubina, Alfred Wallon

Entscheidung im Weltraum/ Mars - Planet der Geister

Zwei Romane: Cassiopeiapress Science Fiction/ Edition Bärenklau





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Entscheidung im Weltraum / Mars – Planet der Geister

Zwei Romane von

Peter Dubina & Alfred Wallon

 

© dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Entscheidung im Weltraum / Mars – Planet der Geister, Zwei Romane von Peter Dubina & Alfred Wallon

mit freundlicher Genehmigung von Alfred Wallon

© by Alfred Wallon und Edition Bärenklau, 2015

© Vor- und Nachwort by Alfred Wallon, 2015

Cover © by Steve Mayer mit Lurii/shotshop 2015

 

Der Umfang dieses Ebook entspricht 273 Taschenbuchseiten.

 

Paul Tendros wird von Killern gehetzt – und eine dekadente Gesellschaft verfolgt auf den Videoschirmen, wie seine Verfolger ihn in die Enge treiben. In seiner Verzweiflung sucht Tendros Schutz in einem verfallenen Gebäude und stößt dabei auf einen alten Mann, der eine umfangreiche Bibliothek hütet. In dieser Bibliothek ist das größtenteils verloren gegangene Wissen der Menschheit aufgezeichnet – aber niemand interessiert sich mehr dafür.

Der alte Mann zeigt Tendros zwei Bücher mit Aufzeichnungen aus der Vergangenheit. Aber die Menschen haben diese Chance leider nicht genutzt, und nun ist es zu spät. Denn niemand interessiert sich mehr für die eigene Geschichte. Es zählt nur noch das Jetzt und Hier. Und der tägliche Kampf ums Überleben in einer gnadenlosen Gesellschaft.

 

 

Vorwort

Die beiden Erzählungen von Peter Dubina, die Sie jetzt gleich lesen, wurden von mir mit einer neuen Rahmenhandlung versehen, die eine düstere Zukunftsperspektive schildert. In den Romanen „Entscheidung im Weltraum“ und „MARS Planet der Geister“ wird ausdrücklich davor gewarnt, dass der Gedanke an Krieg und Zerstörung eines Tages den Untergang der Welt verursachen könnte. Deshalb habe ich diese beiden Erzählungen aus dem Blickwinkel einer dystopischen Zukunft, die der Autor vor sich sah, miteinander verbunden.



Prolog

Er hörte den Wind, der heulend durch die Ruinen der Vorstadt pfiff und auch an seinen Haaren zerrte. Es war kalt, und Schnee hing in der Luft. Dichte Wolken hatten sich am fernen Horizont zusammengeballt und zogen nun mit einer geradezu beängstigenden Geschwindigkeit in Richtung auf die Stadt zu. Auf eine Stadt, in der einst vielfältiges Leben pulsierte und die jetzt trostlos leer und verlassen war.

Paul Tendros blickte um sich, spähte vorsichtig nach links und rechts, während er schnell die Straßenschlucht entlang rannte. Sein Atem ging keuchend, und in seiner linken Seite begann es unangenehm zu schmerzen, weil er zu schnell gelaufen war. Aber er wusste, dass sie seine Spur gefunden hatten, und dass er nur dann eine Chance haben würde, wenn er so rasch wie möglich in den Ruinen untertauchte und dort nach einem sicheren Unterschlupf suchte.

Erste winzige Schneeflocken tanzten im Morgenwind, wurden vom kalten Wind immer wieder aufs neue hin und her gewirbelt. Und dabei ist es Mai, dachte Tendros voller Bitterkeit, als er sich ausgerechnet jetzt daran erinnerte. Es ist Sommer - eine Zeit, in der die Natur am schönsten ist und ihre Pracht voll entfaltet.

Nichts von dem traf mehr zu. Seine Eltern hatten noch eine zumindest äußerlich halbwegs intakte Natur und ein funktionierendes Ökosystem vorgefunden. Was sich dann aber drastisch und beängstigend schnell verändert hatte. Gut vierzig Jahre später war alles vorbei gewesen, und die Erde war zu einem Spielball unberechenbarer Naturkatastrophen geworden, die das Angesicht dieses Planeten für immer verändert hatten.

Er zuckte zusammen, als er schwache Motorengeräusche hörte. Es klang zwar noch weit entfernt, aber es signalisierte ihm auch, dass sie näher waren als er eigentlich vermutet hatte. Um so weniger Zeit würde ihm bleiben, denn wenn sie ihn erst eingekreist hatten, wurden sie keine Gnade mehr kennen.

Tendros blickte hinauf in den grauen Himmel und musste unwillkürlich blinzeln, als ihm der Wind einige wirbelnde Schneeflocken ins Gesicht blies. Erst beim zweiten Blick registrierte er den dunklen Punkt, der sich schwach vor dem wolkenverhangenen Himmel abzeichnete, und der beim Niedergehen rasch größer wurde.

Sofort duckte sich Tendros, hastete in eine der zahlreichen Nischen und schmalen Seitenstraßen, suchte verzweifelt nach einer Deckung. Er hatte nur noch wenige Sekunden zur Verfügung. Dann würde der Helikopter so tief über der Stadt fliegen, dass die hochmodernen Kamerasysteme jeden Winkel der Straßenzüge erfassten - und somit natürlich auch ihn!

Er rang keuchend nach Atem und rannte weiter, während sich das Motorengeräusch im westlichen Teil der Stadt jetzt verstärkte. Täuschte er sich, oder hörte er jetzt bereits schon die ersten Stimmen? Seine Hand riss die Waffe aus dem Gürtel, und ein trotziges Lächeln schlich sich in seine bärtigen Züge. Er würde es ihnen trotzdem nicht leicht machen und einige von ihnen töten, bevor sie ihn selbst erwischten.

Das ist eben der Preis, den du in diesem Spiel zahlen musst, dröhnte eine innere Stimme in seinem Kopf. Du hast doch von Anfang an gewusst, dass du auch verlieren kannst, oder? Sie werden dich kaltblütig hetzen und dann töten - und die ganze Welt wird es live über die Videoschirme erleben Ist das nicht ein unbeschreiblicher Triumph, auf diese Weise so berühmt zu werden?

Er wusste, dass dies die Tatsachen waren, als er den Kontrakt unterschrieben hatte. Aber er hatte das dennoch nicht wahrhaben wollen. Erst jetzt, als sich seine eigene Situation gefährlich zuzuspitzen begann, sickerte allmählich die Erkenntnis ein, dass selbst ein sportlich durchtrainierter Mann wie Paul Tendros verlieren konnte!

Seine Blicke erfassten einen Schacht im Boden, dessen Gitter halb offen stand. Tendros zögerte nur wenige Sekunden, dann bückte er sich rasch, zwängte sich durch die enge Öffnung und zog das Gitter dann wieder zu. Zumindest hoffte er, dass es für seine Verfolger nicht auffiel, dass er nun den Weg nach unten gewählt hatte.

Ein penetranter Geruch von Fäulnis und Verwesung drang in seine Nase, als er über die in der Wand eingelassenen Eisenstiegen nach unten kletterte. Das Tageslicht erreichte nur den oberen Teil des Schachtes, und je tiefer Tendros kletterte, um so dunkler wurde es allmählich.

In der Zwischenzeit war der Lärm des Helikopters noch lauter geworden. Bestimmt kreiste er jetzt schon über dieser Straße, und die Leute von TV-Video-World taten ihr Bestes, um mit ihren High-Tech-Kameras jeden noch so kleinen Straßenwinkel heran zu zoomen und gnadenlos in aller Schärfe zu erfassen.

Das war der Kick für die gelangweilten Zuschauer zuhause, die sich an der Hetzjagd weiden sollten. In solchen Zeiten, wo globale Nachrichten nicht mehr zählten und die ehemaligen Staaten sowieso über kein funktionierendes System mehr verfügten, war sich jeder selbst am nächsten.

Dies war der Beginn einer allmählich einsetzenden Anarchie geworden, und der Gipfel dessen waren die Menschenjagden, die in ständig wiederkehrender Regelmäßigkeit über die Videoschirme ausgestrahlt wurden. Das Volk musste zufriedengestellt werden - um jeden Preis.

Jetzt wurden auch die Stimmen, die Tendros kurz vorher gehört hatte, lauter. Als er erneut zu lauschen begann, wurde ihm klar, dass sie ihn spätestens jetzt erwischt hätten. Denn ihre frisierten Motorchopper waren schnell - tödlich schnell, wenn man es genau betrachtete.

»Durchsucht die Häuser!«, erklang nun eine raue Stimme in der Nähe des Schachtes. »Beeilt euch. Er kann nicht mehr weit sein!«

Tendros kletterte jetzt noch schneller nach unten, um sich so rasch wie möglich von diesem Ort zu entfernen. Er wusste zwar nicht, was jenseits dieser Stufen am unteren Ende des Schachtes auf ihn wartete - aber es war auf jeden Fall besser als das, was sich nur wenige Meter über seinem Kopf abspielte.

Leise und vorsichtig stieg er die Stufen nach unten und bemühte sich dabei, keinen verräterischen Laut zu verursachen, den man womöglich dort oben noch wahrnehmen konnte. Tendros war erleichtert, als er.feststellte, dass dies nicht der Fall war, und setzte seinen Abstieg dann um so schneller fort.

Das trübe Tageslicht hatte sich jetzt in einen kleinen Lichtfleck verwandelt und schien beängstigend klein geworden zu sein. Tendros stieg rasch weiter nach unten und dachte für einen winzigen Moment daran, was geschehen würde, wenn seine Füße keinen Halt in der Dunkelheit mehr fanden. Auch Eisen wurde irgendwann alt und brüchig, und allein der Gedanke, abzustürzen und dann in eine bodenlose Tiefe zu fallen, jagte ihm eine Gänsehaut über den Rücken.

Zum Glück berührten seine Füße dann aber schließlich festen Boden, und Tendros atmete erleichtert auf. Dennoch umklammerten seine Hände die Eisenstiegen noch für Sekunden, bevor er sie endlich losließ und sich dann in der Dunkelheit neu zu orientieren versuchte.

Vorsichtig streckte er beide Arme aus, tastete umher und stieß dann auf raues, sprödes Gestein, das sich unangenehm feucht und glitschig anfühlte. Genau wie der Boden unter seinen Füßen, in den er mit den Schuhen halb eingesunken war. Als er jetzt das rechte Bein hob, klebte irgendeine zähe Substanz daran, die so furchtbar roch, dass es Tendros in der Kehle zu würgen begann.

Vielleicht bist du ja in einer Abfallgrube gelandet, diagnostizierte seine innere Stimme. Wer weiß, was sich im Lauf der letzten Jahrzehnte hier unten so alles angesammelt hat. Du wirst es aber gleich erfahren - denn nach oben kannst du nicht mehr.

Vorsichtig ging er einige Schritte nach vom, tastete nach wie vor dabei mit der rechten Hand an der Mauerwand entlang, bis er feststellen musste, dass sie ins Leere stieß. Sekunden später wurde ihm klar, dass hier ein Gang abzweigte, der etwas niedriger war. Der Gedanke, sich zu bücken und womöglich immer tiefer in eine unbekannte Enge zu geraten, gefiel ihm gar nicht. Aber er hatte nur diese eine Chance, wenn er seinen Verfolgern entkommen wollte.

Schweren Herzens ließ er sich auf die Knie nieder und kroch auf allen Vieren weiter. Hände und Füße tauchten ein in eine unangenehme, klebrige Nässe. Tendros war jetzt froh darüber, dass er erst gar nicht zu sehen bekam, was das war. Sonst wäre ihm wahrscheinlich übel geworden.

Mittlerweile waren die Stimmen und die Motorgeräusche längst verebbt, und eine ziemlich erdrückende Stille umgab ihn, die nur von seinem heftigen Keuchen unterbrochen wurde, als er sich seinen Weg durch den engen Gang bahnte.

Zum Glück musste er nicht lange in dieser Position ausharren, denn nur zwanzig Meter weiter vergrößerte sich der Gang wieder. Die Dunkelheit war jetzt einem dämmrigen Zwielicht gewichen, und Tendros konnte so wenigstens einen Teil seiner Umgebung ausmachen.

Er befand sich jetzt in einem Gang, von dem in regelmäßiger Entfernung zu beiden Seiten weitere, kleinere Gänge abzweigten. Aus irgendwelchen Lichtschächten fiel ein winziger Schimmer bis hier nach unten, der für dieses Zwielicht sorgte und ihn erkennen ließ, dass er sich tatsächlich in einer Kanalisation befand. Denn in der Mitte des Ganges wälzte sich ein stinkendes Rinnsal entlang, in dem sich auch feste Klumpen befanden, über deren Ursprung Tendros erst gar nicht nachdenken wollte.

Er vermied es, mit den Füßen diese Masse zu berühren, sondern schlich sich an der linken Seite des Ganges weiter. Zwar war er sich nicht mehr ganz so sicher, welche Himmelsrichtung er überhaupt eingeschlagen hatte - aber das war auch nicht wichtig. Für ihn zählte nur, dass er eine möglichst große Distanz zwischen sich und seine Verfolger brachte, um dann seine Flucht fortsetzen zu können.

Eine größtenteils verlassene Stadt wie diese hier bot zahlreiche Möglichkeiten - bessere als im offenen Gelände. Selbst solche erfahrenen Jäger wie diese Bastarde, die ihn mit allen verfügbaren Mitteln zur Strecke bringen wollten, hatten hier ihre Probleme, denn sie waren nur wenige und konnten demzufolge immer nur einen Bezirk nach dem anderen durchkämmen. Das kostete Zeit, und die wollte Tendros für sich nutzen. Wenn ihm das Schicksal jetzt noch einmal eine Chance gab, dann würde es ihm auch gelingen, den Jägern ein Schnippchen zu schlagen. Schließlich hatte er sie schon mehr als einmal auf eine falsche Fährte geführt - warum also auch nicht jetzt und hier?


*


Tendros wusste nicht, ob eine oder mehrere Stunden vergangen waren, seitdem er das unterirdische Kanalsystem betreten hatte. Mehr instinktiv als wirklich wissend war er dem Verlauf des großen Ganges gefolgt, hatte aber trotzdem mehrmals ausweichen und einen der zahlreichen Seitengänge nehmen müssen, weil er immer wieder gesehen hatte, dass Schutt und Geröll ihm den Weg versperrt hatten.

Hier unten kümmerte sich schon lange niemand mehr darum, ob etwas funktionierte oder nicht - warum auch? Die wenigen Institutionen oder Behörden, die noch funktionierten, arbeiteten statt dessen ausschließlich in die eigene Tasche und bemühten sich, soviel Profit wie möglich zu erzielen. Es gab ja auch niemand, der sie jemals kontrolliert hätte.

Schließlich entschloss sich Tendros, wieder nach oben zu steigen. Er überprüfte kurz den Halt einiger Eisenstiegen und kletterte dann rasch hinauf ans Tageslicht. Dennoch blieb er sehr misstrauisch, bevor er einen Blick durch das Gitter am oberen Ende des Schachtes riskierte. Erst dann bemühte er sich, die Verankerung des Gitters zu öffnen.

Es gelang ihm nicht gleich beim ersten Mal, und er musste sich vehement dagegen stemmen, bis das Eisen schließlich nachgab. Tendros hob es hoch und spähte nach links und rechts. Seine Blicke erfassten eine abgelegene Straße, wo sich nur noch wenige Häuser befanden. Ruinen, die teilweise schon eingestürzt waren, säumten das andere Ende der Straße, und das sagte Tendros, dass er mittlerweile die Außenbezirke der Stadt erreicht hatte.

Dennoch wartete er einige Minuten ab, bis er es wagte, den Schacht zu verlassen und ganz ins Freie zu klettern. Zuerst beobachtete er den grauen Himmel, aber weit und breit war kein Helikopter zu sehen. Offensichtlich hatten sie zunächst einmal die Suche nach ihm aufgegeben. Das musste jedoch nichts bedeuten, denn die Jäger würden so schnell nicht die Flinte ins Korn werfen.
Tendros bedeckte rasch die Schachtöffnung wieder und hastete dann über die Straße, hinüber zu einem großen, wuchtig wirkenden Gebäude, während der Schneefall in der Zwischenzeit stärker wurde.

Das Haus, dem er sich kurz darauf näherte, besaß mehrere Stockwerke. Einige der Fensterbrüstungen und Teile des Gemäuers waren geschwärzt. Als wenn es hier irgendwann einmal gebrannt hatte. Dennoch hatte sich keiner mehr darum gekümmert, das Gebäude zu reparieren und die Schäden zu beheben.

Er wollte schon weiterlaufen, als sein Blick zufällig auf einen Gegenstand unweit der halb offenstehenden Tür fiel, der vom Winterwind leicht bewegt wurde. Mehr aus einer Laune heraus ging er darauf zu und erkannte dann zu seinem Erstaunen, dass es ein Buch war. Ein Buch, dessen Rücken ziemliche Beschädigungen aufwies, und dessen Seiten von der Nässe des Schnees schon stark gewellt waren.

Wer weiß, wie lange es hier schon achtlos liegt? dachte Tendros. Er selbst hatte keine Beziehung zu Büchern, denn er war ein Kind einer Zeit, wo das geschriebene Wort nichts mehr zählte. Computer- und Animationsspiele beherrschten statt dessen den Tagesablauf eines heranwachsenden Kindes. Was im Lauf der Jahrzehnte zu einer schleichenden Vereinsamung und Kommunikationsunfähigkeit geführt hatte, aber nun war es längst zu spät, um noch irgend etwas dagegen unternehmen zu können.

Trotzdem bückte er sich, hob es auf und hörte dann gleichzeitig ein knarrendes Geräusch, das aus dem Inneren des Gebäudes zu kommen schien. Sofort riss er mit der anderen Hand seine Schusswaffe aus dem Gürtel und zielte auf die Tür. Jetzt war aber auf einmal alles wieder still.

Sekunden später hörte Tendros aber doch etwas - es klang wie schlurfende Schritte, die sich bemühten, leise zu sein. Aber ein Mann in seiner Situation, der praktisch hinter jeder Straßenbiegung und Häuserecke mit unverhofften Gefahren rechnen musste, hatte es gelernt, seine Sinne zu schärfen.

Kurz entschlossen ging er auf die Tür das wuchtigen Gebäudes zu, riss sie ganz auf und erkannte eine huschende Gestalt, die hinter einer halb eingestürzten Treppe fast verschwunden war.

»Halt!«, rief Tendros mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. »Bleib stehen und dreh dich ganz langsam um. Eine falsche Bewegung, und ich schieße dich nieder!«

Er richtete den Lauf seiner Automatic auf die sehr hager wirkende Gestalt und war bereit, sofort abzudrücken. Dann aber blickte er in das zerfurchte und bärtige Gesicht eines sehr alten Mannes, der ihn nun in einer Mischung aus Furcht und Misstrauen ansah und langsam beide Hände hob.

»Es ist leicht, einen alten und wehrlosen Mann zu töten«, sagte er mit zitternder Stimme. »Drück ab und sei verflucht dafür.«

»Ich will nichts von dir, Alter«, erwiderte Tendros rasch, zielte aber nach wie vor mit der Waffe auf den Mann. »Ich dachte zuerst, dass du...«

»Ich habe mit diesen Verrückten und ihrem maroden System nichts zu schaffen«, bekam Tendros darauf von dem Alten zu hören, dessen Augen in einem zornigen Feuer zu leuchten begannen. »Ich wollte nur hinaus ins Freie - es kommt nicht oft vor, dass ich dieses Haus verlasse. Aber es gibt manchmal Tage, da muss es einfach sein. Willst du mir das Buch zurückgeben?«

Seine letzten Worte galten dem nassen, aufgequollenen Buch, das Tendros immer noch in der linken Hand hielt, und er bemerkte, wie die wachen Augen des alten Mannes sich fast liebevoll auf dieses Buch hefteten.

»Es taugt doch nichts mehr«, antwortete Tendros und legte es achtlos auf einen Stuhl. »Es ist nass und verfault langsam, und es...«

»Das sind Äußerlichkeiten«, unterbrach ihn der alte Mann. »Mir geht es um das, was darin geschrieben steht. Kennst du Albert Einstein?«

Tendros schüttelte stumm den Kopf.

»Woher solltest du auch?«, lachte der alte Mann, ließ beide Arme sinken und ignorierte die Waffe in der Hand des anderen. »Deine Generation hat ja das Lesen aufgegeben. Oder gehörst du zu den löblichen Ausnahmen?«

Tadelnde Blicke folgten seinen letzten Worten, die Tendros irgendwie unruhig stimmten - auch wenn er sich das nicht so recht erklären konnte.

»Es... es hat sich einfach nicht ergeben, Alter«, erwiderte er eine Spur zu rasch. »Warum legst du solch großen Wert auf dieses faulige Papier? Es ist doch nicht mehr wichtig - unsere Welt stirbt doch ohnehin.«

»Du verstehst nicht«, erwiderte der bärtige Mann daraufhin, während er das Buch ergriff und mit seinen dürren Fingern fast zärtlich über den fleckigen Einband strich. »Hiermit hat es begonnen. Wer die Vergangenheit vergisst, der wird auch die Zukunft nicht meistern können.«

» Was interessiert mich die Zukunft?«, erwiderte Tendros fast aggressiv und ließ nun endlich den Lauf der Waffe sinken. Er hatte für sich entschieden, dass ihm von diesem alten Mann keine Gefahr drohte. »Nur das Jetzt und Heute zählt. Ich glaube, du hast keine Ahnung, was da draußen los ist, Alter. Da geht es einzig und allein ums Überleben, und zwar jeden Tag aufs Neue. Glaubst du, dass sich da noch irgend jemand den Kopf über unwichtige Bücher zerbricht?«

»Wahrscheinlich nicht«, erwiderte der Mann, in dessen Augen sich ein tiefes und aufrichtiges Bedauern widerspiegelte, das sich Tendros nicht erklären konnte. »Aber ich werde es nicht mehr ändern können, denn meine Uhr ist bald abgelaufen. Ich werde bald sterben.«

»Wie alt bist du?«, fragte Tendros aus einer bloßen Laune heraus.

»Ich habe die Neunzig vor einigen Jahren schon überschritten«, erwiderte der alte Mann und bemerkte den erstaunten Blick seines Gegenübers. »Seitdem habe ich aufgehört zu zählen. Es ist nicht mehr wichtig. Das, was mich bisher am Leben erhalten hat, gehört ebenso der Vergangenheit an wie ich und die Ansichten einiger weniger anderer. Wir sind nicht mehr viele, die so denken, und fast jeden Tag stirbt einer von uns Alten.«

Er brach ab, schien zu überlegen und richtete dann wieder das Wort an Tendros.

»Willst du sie sehen? Meine Bibliothek?«

»Hast du noch mehr von diesen stinkenden Büchern?«, stellte Tendros verwundert die Gegenfrage, weil er sich das absolut nicht vorstellen konnte.

»Es ist nur eine bescheidene Sammlung«, erwiderte der alte Mann. »Im Lauf der Jahre ist einiges verloren gegangen - aber immerhin habe ich noch die meisten Klassiker retten und aufbewahren können. Komm doch einfach mit und sieh es dir selbst an. Ich glaube, du suchst ohnehin nach einer Gelegenheit, für eine Weile unter zu schlüpfen, nicht wahr?«

Er bemerkte natürlich das aufkommende Misstrauen in Tendros Augen und winkte leise kichernd ab.

»Du wärst nicht der erste, der in einer Stadt wie dieser Zuflucht gesucht hat«, klärte er ihn auf. »Ich mag zwar alt und in deinen Augen ein wenig seltsam sein, aber ich bekomme durchaus noch mit, was da draußen geschieht. Auch wenn es mir im Grunde genommen mittlerweile gleichgültig ist, wie sich die Menschheit zugrunde richtet. Wie hoch ist die Prämie für den Sieger?«

»Du kennst dieses Spiel?«

Tendros war nun sichtlich erstaunt.

»Wie schon gesagt, ich bin alt, aber nicht dumm. Nun sag schon, was haben sie dir geboten, wenn du diese Hetzjagd überstehst? Hunderttausend oder mehr?«

»Eine Million«, antwortete Tendros wahrheitsgemäß. »Und ich bin auf dem besten Wege, mir diese Summe auch in die Tasche zu stecken, Alter.«

»So viel ist es also schon«, murmelte der alte Mann kopfschüttelnd. »Sie setzen die Prämien also immer höher und finden tatsächlich immer wieder welche, die sich darauf einlassen. Wusstest du eigentlich, dass es vor fast zweihundert Jahren schon einmal im Fernsehen solche Übertragungen gab? Wenn auch nur als Dokumentarspiel. Paradoxerweise nannte man das damals schon Millionenspiel... «

Er hielt inne, als er bemerkte, dass der andere nicht begriff, was er damit hatte sagen wollen.

»So was kann man zum Beispiel in Büchern nachlesen«, fügte er rasch hinzu. »Was ist - willst du mitkommen oder nicht?«

Tendros überdachte kurz seine augenblicklichen Chancen. Er hatte seine Verfolger zwar abhängen können, aber dennoch hielten sie sich hier irgendwo auf. Vielleicht war es gar keine so schlechte Idee, dem alten Mann zu folgen und hier ein paar Tage Zuflucht zu suchen. Das schuf bestimmt die notwendige Distanz, die er brauchte, um den letzten Teil der Jagd erfolgreich zu überstehen.

»In Ordnung«, nickte er schließlich. »Ich bin übrigens Paul Tendros. Und wie heißt du?«

»Abraham«, erwiderte der alte Mann. »Das genügt vollkommen. Und jetzt folge mir, aber pass auf. Die Treppenstufen sind schon ziemlich brüchig.«

Während ihm die letzten Worte über die Lippen kamen, hatte er Tendros auch schon den Rücken zugekehrt und stieg über die Stufen hinab in die unteren Räume. Tendros ging ihm nach und stellte dabei fest, dass er wirklich aufpassen musste. Irgendwo aus den oberen Räumen hatten sich im Lauf der Jahre Teile aus der Decke gelöst, waren hinuntergestürzt und hatten dabei einen Teil der Treppe beschädigt.

Schließlich musste er sich noch durch einen weiteren Spalt zwängen, bis er schließlich den Raum erreicht hatte, den Abraham als Bibliothek bezeichnet hatte. Als seine Blicke über die hohen Wände und die in seinen Augen geradezu gigantisch wirkenden Regale streifte, auf denen sich Hunderte
- nein, Tausende von Büchern nebeneinander stapelten, wurde ihm ganz seltsam zumute.

»Ungewöhnlich, nicht wahr?«, murmelte Abraham neben ihm. »Dabei war so etwas einmal normal, Paul. Jeder hatte Bücher zuhause. Es war einfach ein Teil der Freizeit, den man damit zubrachte. Dies ist eine der wenigen Bibliotheken, die nach dem Zusammenbruch der Zentralregierung nicht zerstört worden sind.«

Mit diesen Worten ging er auf das linke Regal zu, holte mit kundigem Blick ein dickes Buch auf Augenhöhe heraus und drehte sich dann wieder zu Tendros um.

»Hier ist ein Teil der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts aufgezeichnet, Paul«, fuhr er fort. »Wusstest du, dass es einmal Kontakt zu außerirdischen Rassen gegeben hat?«

Er bemerkte den verständnislosen Blick des anderen und zuckte bedauernd mit den Schultern.

»Na ja, woher denn auch? Sie haben ja dafür gesorgt, dass keiner von euch mehr versteht, um was es wirklich geht. Willst du wissen, wie es war? Ich meine, wie es tatsächlich war?«

Irgend etwas klang in Abrahams Worten an, was Tendros nachdenklich machte.

»Warum nicht?«, antwortete er dann ziemlich verlegen. »Es sieht ja ganz danach aus, als wenn ich mich hier erst einmal eine gewisse Zeit lang aufhalten muss.«

»Dann setz dich da drüben hin und hör mir einfach zu«, bat ihn der alte Mann. »Ich lese es dir vor, und wenn du dann Fragen hast, dann stelle sie einfach. Es ist ein Bericht aus der Zeit, als die USA auf einer Insel im Pazifischen Ozean ihre ersten Atombombentestversuche anstellten.«

Tendros nahm Platz und lauschte Abrahams Geschichte. Die Stimme des alten Mannes klang ruhig, aber dennoch lebhaft. Er erzählte von einem Teil jener Zeit, die Tendros überhaupt nicht mehr kannte.