JÜRGEN ALBERTS

 

 

 

 

LANDRU

Ein Mordfall aus Paris

 

 

 

 

Roman

 

 

 

 

Impressum:

Cover: Karsten Sturm-Chichili Agency

Foto: fotolia

© 110th / Chichili Agency 2015

EPUB ISBN 978-3-95865-688-8

MOBI ISBN 978-3-95865-689-5

 

 

Urheberrechtshinweis:

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Kurzinhalt

 

Der Kriminalfall erregte Europa. Am 25. Februar 1922 wurde Landru als Mörder von zehn Frauen und einem Knaben hingerichtet. Doch der weltberühmte Clown Grock behauptet, den Blaubart 1926 in Buenos Aires gesehen zu haben.

 

War der Sensationsprozess nur inszeniert, um die Öffentlichkeit von innenpolitischen Schwierigkeiten der französischen Regierung abzulenken? Lebt Landru mit einer Staatspension im Ausland? In Jürgen Alberts faszinierender Mischung aus authentischer Recherche und Krimi macht sich der 1933 aus Berlin geflohene Zeitungskorrespondent Paul Block auf die Suche nach der Wahrheit. Aber auch Block hat einen Verfolger: den Geheimdienst.

 

Ausgezeichnet mit dem »Glauser« als bester Deutschsprachiger Kriminalroman.

 

 

 

Der Autor

 

Jürgen Alberts studierte nach dem Abitur (1966) in Tübingen und Bremen Germanistik, Politik und Geschichte und promovierte 1973 am Fachbereich Kommunikation und Ästhetik der Bremer Universität zum Thema "Massenpresse als Ideologiefabrik am Beispiel BILD".

Er arbeitete als freier Mitarbeiter für den WDR und das ZDF und lebt heute als Schriftsteller in Bremen. Er schrieb Drehbücher, Hörspiele und 1969 den Roman NOKASCH U.A. sowie 1980 DIE ZWEI LEBEN DER MARIA BEHRENS, bevor er sich auch mit Kriminalgeschichten zu beschäftigen begann.

 

Gemeinsam mit Fritz Nutzke (Pseudonym für Sven Kuntze) veröffentlichte er 1984 den mit Science-Fiction Elementen durchsetzten Kriminalthriller DIE GEHIRNSTATION und ein Jahr darauf als Alleinautor die Fortsetzung DIE ENTDECKUNG DER GEHIRNSTATION.

Nach dem Roman TOD IN DER ALGARVE (gemeinsam mit Marita Kipping) schrieb Alberts den Polizeiroman DAS KAMERADENSCHWEIN, in dem es um den Fall eines Bremer Kommissars geht, der sich gegen die Weisungen seiner Kollegen als Nestbeschmutzer betätigt, weil er hartnäckig in einem Fall von Polizeigewalt gegen einen Verdächtigen ermittelt.

 

In seinen weiteren Romanen DER SPITZEL, DIE CHOP-SUEY-GANG und DIE FALLE befasste sich Alberts in den darauffolgenden Jahren immer eingehender mit dem Innenleben der Bremer Polizei und ihrer Führung, bis schließlich mit KRIMINELLE VEREINIGUNG 1996 der zehnte Roman der später so bezeichneten Serie "Bremen Polizei" vorlag.

 

1987 veröffentlichte Alberts den semi-dokumentarischen Roman LANDRU, in dem es um mögliche politische Hintergründe zum Fall des französischen Frauenmörders Henri Desire Landru (1869 - 1922) geht, der zu Beginn dieses Jahrhunderts wegen Mordes an zehn Frauen verurteilt und hingerichtet wurde.

1988 erschien Jürgen Alberts' Kriminalroman ENTFÜHRT IN DER TOSKANA, den er gemeinsam mit Marita Alberts schrieb, ebenfalls mit seiner Frau schrieb er den Griechenland-Krimi GESTRANDET AUF PATROS.

Von 1990 bis 1991 und von 2001 bis 2005 war Jürgen Alberts einer der Sprecher der "Autorengruppe deutsche Kriminalliteratur DAS SYNDIKAT"

 

Preise:

1988 Glauser - Autorenpreis deutsche Kriminalliteratur für "Landru"

1990 CIVIS-Preis des WDR und der Freudenbergstiftung für "Eingemauert"

1994 Deutscher Krimi Preis für "Tod eines Sesselfurzers"

1997 Marlowe Preis der Deutschen Raymond Chandler-Gesellschaft für "Der große Schlaf des J.B. Cool"

 

 

1

 

Als Paul Block auf den Koffer sah, den er neben dem Doppelbett abgestellt hatte, wusste er, dass er sicher an einem falschen Ort angelangt war. Der Portier fragte ihn, ob er wirklich in diesem Hotel abzusteigen gedenke, und spielte damit auf seinen dunkelblauen Tweed-Anzug an, aber er wollte sich das »Crillon« nicht mehr leisten, nicht mehr dazugehören, nicht so tun, als habe sich nichts verändert, auch wenn er sich heimlich davongestohlen hatte, Gleisdreieck, Potsdamer Platz, Möckernbrücke, das lag jetzt alles hinter ihm, kam ihm vor wie ein anderer Kontinent, aus dem er nur diesen Koffer hatte mitbringen dürfen.

Im schmierigen Spiegel über dem Waschbecken sah er aus wie ein unrasierter Urlauber, tiefe Ränder unter den Augen, er kühlte sich die Stirne und die Schläfen, Migräne-Anfall, der ihn seit der Gare du Nord quälte, ein Freund hatte ihm das »Esperia« empfohlen, er wollte es ausprobieren, in der Gewissheit, dass er wohl längere Zeit hier verbringen musste, längere Zeit, ist das ein Monat, zwei, wer kann das sagen, sie hatten sich alle verspekuliert, waren überrascht worden, wie von einem Sommerschauer, aber er war in Paris, seiner Lieblingsstadt, er hätte nirgends sonst hinfahren wollen, hier war er jemand, hier gab es Freunde, er versuchte sich auszurechnen, wie oft er bereits in dieser Stadt gelebt hatte, wenn er alles zusammenrechnete, mehr als ein Jahr, die Kollegen neideten es ihm, eine Ehre, unser Mann in Paris, so wenig Wert er anfangs darauf legte, aber immer wenn er keine Lust mehr hatte in der Redaktion festzusitzen, wie er das nannte, dann bat er Markwardt um Paris-Korrespondenz, argwöhnisch betrachtet von seinen Kollegen, die ihn deswegen einen Schleimer nannten, ein Schaf im Wolfspelz, hatte er zu Andrea gesagt, als sie ihn auf den Widerspruch zwischen seinem privilegierten Beruf und seiner kaum dazu passenden politischen Überzeugung ansprach. Wenn er im »Crillon« abstieg, das Feinste war gerade gut genug, dann war er der kosmopolitische Berichterstatter einer Zeitung von internationalem Ruf, dann hatte er das Auftreten jener, die er im geheimen, aber auch in Artikeln verspottete. Der Spiegel über dem Bett zeigte den Auswanderer Paul Block, unschlüssig, in der Entfernung stehend, die Weste aufgeknöpft, aber nicht bereit, den Koffer auszupacken, der fast jeden Tag neu gepackt worden war, er hatte Andrea gedrängt, dass der Koffer bereitstand, konnte kein Abreisedatum nennen, manche seiner Freunde waren gewarnt worden, er hatte davon gehört, wie ein unbezahltes Möbelstück hatte der Koffer in dem geräumigen Berliner Salon gestanden, an einigen Ecken konnte man Spuren sehen, diesmal war der Koffer unbeschädigt angekommen. Andrea sollte Block in der Redaktion ein paar Tage mit Migräne entschuldigen, wie üblich, Markwardt wusste dann schon Bescheid, später sollte sie sagen, er hätte sich zur Recherche einer brisanten Geschichte in den Süden des Reiches begeben, das genügte, um ihn für ein paar Wochen unauffindbar zu machen, bis Andrea die wichtigsten Sachen- eingepackt hatte und mit Visum nach Paris kam, nächtelang hatten sie das so besprochen, leise, als seien die Lauscher bereits an der Wand, Paul Block hatte zu ihr gesagt: »Wenn einer Jude ist, dann weiß er, wann er das Land verlassen muss, das wissen wir seit mehr als tausend Jahren, deswegen der stechende Blick und die langen, krummen Nasen«, wie auf Urlaub war er ausgewandert, hinein in ein Hotelzimmer mit Blick auf die Place de la Bastille, und es war laut, wenn die Autos vorbeifuhren, er öffnete das Fenster, ein idealer Ort, um eine Ansprache zu halten, dachte er, an welches Volk?

 

Esperia, 21. 2. 1933

Seitdem ich auf dem Anhalter Bahnhof das 1. Klasse-Schlafwagen-Abteil betreten habe, denke ich an Andrea. Ich hätte sie nicht zurücklassen dürfen. Der SA-Mann, dem ich meinen Pass geben musste, grüßte mit dem völkischen Heil, ich murmelte etwas zurück, er blätterte kaum interessiert in der Fleppe. »Schreiben Sie was Gutes über uns!« sagte er zum Abschied, wieder den Führer heilend. Das kann ich ihm versprechen, ich war froh, als ich die ersten französischen Laute hörte. Die richtigen Klassenkämpfer sollten erster Klasse reisen in diesen Tagen, das nützt.

 

Wie spät ist es, dachte Paul Block, als es heftig an die Tür klopfte.

»Paul, Paul, open!« Er zog sich eins von den gestärkten Oberhemden an, streifte die Anzughose über und drehte den Schlüssel.

Max.

Er zögerte. Sie vergewisserten sich, dass es keine Verwechslung war.

»Du hast dich kaum verändert«, sagte Block, während er sich die Zähne putzte.

»Du weißt nicht, wovon du redest, Paule«, erwiderte Max, der in seinem gefütterten Trenchcoat an der Tür stehengeblieben war. »Woher weißt du, dass ich in Paris bin?«

»Connections, war ganz einfach, ich bin die große Ohr vom Cirque, wenn die Leut wisse wollt, was sich passiert, haben sie mich gefragt. Max, der Ohr.«

»Das Ohr, Max.« Auf jeden Fall hatte der Clown sein Esperanto nicht verlernt, in den letzten zehn Jahren, solange hatten sie sich nicht gesehen. Cirque d'Hiver, 1923. Grocks großer Erfolg mit seinem Partner Max.

Während Block sich anzog, erzählte Max eine wilde Geschichte aus dem Zug. Die ganze Nacht habe er nicht schlafen können, weil im Nebenabteil eine größere Orgie stattgefunden habe, mindestens drei Frauen und ein Mann, ein Gestöhne, ein Gejuchze.

»Ich wär beinah noch selbst rubergegange, aber ich wollt kein Korb tragen.«

Max, der Spaßmacher, dem immer nur komische Sachen passierten.

»Das hast du geträumt, Max, drei Frauen und ein Mann, das ist ein Traum, aber ein gewaltiger. Im Zug.« Paul Block nahm seinen Mantel auf den Arm.

»Nein, nein, das ist Reality, kein Geschicht, nackte Reality.»

Als sie die Treppen hinunterstiegen, fragte Block: »Spielt ihr wieder im d'Hiver? Das ist toll. Wird sicher ein Erfolg.«

Max stoppte auf der Treppe, dann ging er langsam weiter.

An der Rezeption fragte Block nach Post, aber es war kein Brief von Andrea gekommen.

»Sie bleiben?« fragte der bleiche Besitzer.

»Sicher«, erwiderte Block.

Dann gingen sie die Rue de Rivoli hinunter, sprachen miteinander, als hätten sie sich gestern erst getrennt. Vertraut auf eine Weise, die Block spürte wie ein Streicheln der Haut, wie eine an-dauernde Umarmung. Am Kiosk kaufte er sich die »Humanitè«, Max sagte, er könne keine Zeitungen mehr lesen, sie seien zu niederschmetternd.

 

Es war ein warmer Morgen, viel zu warm für die Mäntel, aber die beiden Männer behielten sie an, als glaubten sie nicht recht an das Wetter. Max sprach unaufhörlich.

»Wir spielten mal in Tivoli Hall, und ich spielte auf die Geige, das war in die sechste Woche von mein Engagement mit Grock, ich spielte mein Solo, und dann fängt das Publikum an zu lachen, ich dreh mich um, da sitzt Grock am Klavier, um mich, um mir zu begleiten, und er macht Grimassen mit dem Publikum, die haben sich gelacht, und ich denke, was ist los, hab ich meine Hose auf oder mein Hemd raus, das kann passieren, in der Mitte von mein Solo, ich hab eine Wut bekomme, ich schlag ihm mit die Bogen auf den Kopf, head. Naturalmente hat er ein Perück gehabt, aber eine weiche, hatte ihm natürlich wehgetan. Er zieht die ganze Deckel von der Klavier da raus und wollte mich verhauen. Ich lauf naturalemente in die Kulisse weg, kennst du ja, und komm zurück, er wieder am Klavier, Hut auf dem Kopf, head, ich sag ganz ruhig: darf man hier ein Concert geben mit die Hut auf, ja, sagt er, aber schlagen Sie mich nicht mehr. And in the end von die Nummer kommen wir in die Garderobe, ich gebe ihm mein Kündigung. Sagt er, in schlechtes Englisch, warum nach sechs Woche. Ja, sag ich, das brauch ich nicht, ich bin bekannt in London, als gute Geigenmann, hab immer mein Brot verdient, dass die Leute da lachen, hab ich nicht nötig. Nimmt er mir by die shoulder und sagt: Komm, Charly, das Musik ist sehr schön auf die Bühne, aber das Publikum muss lachen, die haben bezahlt für Lachen. Wenn wir fünfzig Lachen haben, dann ist unsere Nummer 50 Pfund wert.« Block kannte die Geschichte, aber er wollte Max nicht unterbrechen, wollte warten, bis er sich ausgeprustet hatte.

Als sie das Seine-Ufer erreicht hatten, sagte Block: »Wann fangt ihr an zu gastieren?« Max blieb ein paar Schritte zurück, zog sich den Mantel aus, er war ins Schwitzen gekommen.

»Paris hat sich gechanged?« Max wischte sich die Tröpfchen von der Oberlippe.

»Ja, gechanged. Für mich auf jeden Fall, Max. Ich sitze im Hotel, laufe durch die Stadt, als würde ich sie zum ersten Mal sehen, lese viel, warte.«

»Worüber?«

»Auf Andrea, oder, dass ich wieder zurückkann, oder, was weiß ich denn.«

Auf dem hellen Wasser glitt ein langer Schlepper dahin.

»Wann kommt dein Partner, Max?« Block freute sich darauf, denn vielleicht war der Cirque jetzt genau das Richtige für ihn. Als sie sich Anfang der zwanziger Jahre kennengelernt hatten, war er fast jeden Abend in der Vorstellung gewesen.

»Er kommt ...«, Max stockte.

»Was ist los, was hast du?«

»Er hat mir rausgesetzt.«

»Was? Grock?«

»Ich bin ein Jud, das ist jetzt schwierig in Deutschland, der Lolé, sein Schwager, spielt jetzt wieder mit ihm. Aus. It's over.« Paul Block glaubte, Tränen zu sehen, aber Max weinte nicht. »Ich hab ein Haus in Genf, wenn du willst, du kannst kommen, jedezeit, ich geh erst nach Genf, you understand.« Block hatte nicht gewusst, dass Max, den er immer für einen Engländer mit einem holländischen Namen gehalten hatte, ein englischer Jude war. Er drückte ihn an sich.

»Jetzt sind wir beide draußen.«

Max lachte, leise: »Draußen sein, hat man Möglichkeit wieder reinzugehen, wenn du drin bist, ist aus, kein Möglichkeit.« Und dann spielten sie am Seine-Ufer, neun Uhr morgens, das Entree der Nummer. Paul Block versuchte sich an den Text zu erinnern, die ersten Sätze, fragte nach einem Job als Musiker, zählte die Instrumente auf, die er spielen konnte, aber einen Trompeter brauchten sie nicht, und manchmal, wenn die Antwort für den dummen August passte, dann sagte er: »Ich bin ein Jud, mein Herr.« Max spielte seinen Part, der große Geiger, der einen Begleiter sucht, sehr distinguiert, immer die Nase nach oben gerichtet, der serious man in der Nummer: »Schade, dass ich mein Geig nicht dabei hab.«

Sie ließen sich auf eine Bank fallen, um Luft zu schöpfen.

»Anfang war mir greulich, wie ein Überfall auf dem Kopf, dann war ich froh, weil immer die Spannung mit ihm, jetzt weiß nicht, mal sehen, vielleicht mach ich ein eigen Nummer.« Block bat ihn, wenigstens ein paar Tage in Paris zu bleiben, sie könnten jeden Tag einmal die Zirkusnummer spielen, damit er nicht aus der Übung komme, zusammen würden sie bestimmt viel Spaß haben. »Spaß kann ich brauche, Paule, viel Wirbel, viele Spaß.« Sie rannten los.

 

Drei Stunden später saßen sie im 20. Arrondissement in einem kleinen italienischen Restaurant »Bar da Pippo« und tranken Grappa.

»Es wird mir eine Freude sein«, sagte Paul Block, »wenn ich dir die Stadt zeigen kann. Ich kenne mich hier aus.«

»Ich auch, im Cirque.« Eine Speisekarte gab es nicht, der Wirt zählte die Gerichte auf: Schweinefüßchen mit Erbsen, Schweinebauch in grüner Sauce, Schafskopf gegrillt à la mode Landru.

Block lachte: »Aber bitte ganz lange ziehen lassen.« Der Wirt notierte.

»Nein, nein«, Block schüttete Grappa nach, »bringen Sie uns zweimal doppelte Portionen Nudeln.«

»Grock hat ihn gesehen!« Max formulierte der ausgiebigen Zecherei zufolge sehr langsam.

»Wen?« fragte Block.

»Landru, den mit dem Schafskopf.« Max' Augen verdrehten sich.

»Ich hab ihn auch gesehen.«

»Wo? In Buenos Aires?«

»Nein«, erwiderte Block, »hier in Paris. Ich war sogar bei seiner Hinrichtung dabei.«

»In Buenos Aires?«

»Nein, in Paris, in Versailles. Salute.« Block hob sein Glas.

»Der ist doch gar nicht hingerichtet worden. Grock hat ihn gesehen, in Buenos Aires.«

»Kann er gar nicht, wann denn?«

Paul Block spielte mit, hoffte auf einen Lacher und ließ Max spinnen.

»In Buenos Aires.«

»Nicht in Paris.«

»Nein, in Buenos Aires.«

»Warst du dabei, Max?«

»Nein, da war Grock mit Allary. Bestimmt, er hat das schon häufiger erzählt. Landru war in Buenos Aires, you understand. Schafskopf!«

Paul Block fragte: »Und wann war das?«

»Das weiß ich nicht, vor ein paar Jahre, vielleicht 25, 26, da ware die in Südamerika, beide, on tour, und Grock hat den Landru da gesehen.«

»Und der Kopf saß noch auf den Schultern? Oder besser, wieder auf den Schultern, denn bereits 22 ist er guillotiniert worden.«

»Haben sie dann wieder aufgeleimt, you understand.«

»Quatsch«, Block stieß sein Glas mit der Hand um, »aber eine schöne Geschichte, nur kein Reality.«

»Vielleicht, may be.«

 

Das Essen kam. Es war höchste Zeit, den Suff zu stoppen. Block fixierte Max, dessen Clownsmund breit genug war, um Gabel und Löffel gleichzeitig aufzunehmen.

»Ich hab Landru im Prozess gesehen, hab zufällig darüber berichtet, und ein paar Monate später hat man ihm den Kopf heruntergeholt. Ich war ein bisschen spät, aber als das Beil fiel, war ich da. Ein scharfer Schnitt, hinein in den frühen Morgen.«

»Und meine Partner war in Buenos Aires, da saß Landru am Tisch mit die Spitzen der Gesellschaft, Banque für dem großen Clown. Warum sollte Grock lugen?« Für einen Moment war ein Missverständnis zwischen ihnen, als sei der Sugo der Nudeln zu scharf gewürzt.

»Glaubst du es denn?« fragte Block.

»Vielleicht, may be«, erwiderte Max, »er hat viele Geschichten erzählt, die stimmten. Ich war oft dabei.«

»Aber nicht in Buenos Aires.“

Der Wirt kam an den Tisch, er hatte die grüne Karaffe nachgefüllt, Block legte die Hand über sein Glas.

»Lassen wir ihn entscheiden, Max?«

Der Clown nickte.

»Signore Pippo, lebt Landru oder ist er tot?« Block zog ein Geldstück aus der Tasche.

»Er ist tot.«

»In Buenos Aires lebt er noch.« Max ließ sich nicht beirren. Block warf das Geldstück:

»Kopf, siehst du, das heißt, er ist tot.«

»Sicuro«, sagte der Wirt, der schnell die Rechnung präsentierte.

Als sie das Restaurant verließen, waren sie beide so betrunken, dass sie sich gegenseitig stützen mussten. Ihre Mäntel hingen an der Garderobe.

 

Café du Dome, I. März 1933

Sie zündeln. Das Feuer, weithin sichtbar, um die Feinde mit Haut und Haar zu verbrennen. Der Feuerschein reicht bis über die Grenzen. Sie sind zu allem bereit. Seht her, wir zünden unseren eigenen Reichstag an, das ist uns die Sache wert, um die roten Ratten aus ihren Löchern zu holen. In vier Tagen ist Wahl. Lange kann das nicht dauern, wenn man jetzt schon zum Feuer greifen muss. Diese Luft konnte ich nicht mehr atmen, der Schwelbrand kann zu Erstickungen führen.

 

Kaum eine Nacht hatte Paul Block durchgeschlafen, mal war es zwei, mal drei, dann wieder fünf Uhr morgens, und er brauchte sehr lange, bis er wieder in den Schlaf fand, er saß im durchgelegenen Doppelbett und versuchte seine Gedanken zu verscheuchen, immer wieder die Bilder von Andrea, Anhalter Bahnhof, die gemeinsamen Ausflüge, ihr Lachen, das sich oft zu einer Grimasse verwandelte, der Schmerz, hilflos wanderte er am Tage durch die Stadt, um dann voller Energie im Hotelzimmer nichts zu tun, immer größere Entfernung zu all denen, die mit ihren jammervollen Geschichten in den Cafés zu renommieren suchten, das Leid, das Jammern, sicher, er hatte keine finanziellen Sorgen, solange Andrea ihn unterstützte, aber des-wegen in Paris mit leichenbittrer Miene zu sitzen, er konnte dieses Leben nicht ertragen, freute sich, dass sein Französisch so gut war, dass er sich durchaus als Franzose ausgeben konnte, einmal hatte ihn sogar jemand wiedererkannt, mit dem er partout nicht reden wollte, Block erwiderte auf Französisch, dass es sich wohl um eine Verwechslung handeln müsste, die Nachrichten aus dem Reich waren heißes Blei, das im kalten Wasser zu giftigen Formen ausfällt, es wäre sicher eine Aufgabe gewesen, dagegen anzuschreiben, aber es hätte sein Leben gekostet, und Block war kein Märtyrer, keiner von denen, die hocherhobenen Hauptes ins Zuchthaus gingen und gestärkt wieder herauskamen, keiner von denen, die behaupteten, dass ein politischer Journalist mindestens einmal hinter Gittern gesessen haben müsste, die Nächte waren grausam, die Traumbilder mit offenen Augen, die irrigen Vorstellungen von Ereignissen, die ihn betrafen, gut, die Wohnung im Grunewald, die kann ich abschreiben, kein Problem, den Wagen wird Andrea mitbringen, schade um die schöne Bücherei, aber dafür wird in Paris sowieso kein Platz sein, gute Anzüge kann man auch hier kaufen, dann fiel ihm der verrückte Ernst von Kammer ein, der über die grüne Grenze vom Saarland gekommen war, sein fertiges Manuskript in die Hose eingenäht, in Paris trennte er die Nähte auf, warf die Hose weg, falsch, er hätte sie behalten sollen, denn sein Manuskript will im Exil niemand haben, ich musste ihm Geld geben, ein Hallodri, die Nächte waren lang, auch wenn er durch spätes Einschlafen versuchte sie so kurz wie möglich zu halten, denn wachte er nach wenigen Stunden Schlaf auf, musste er sich darauf einstellen stundenlang wach zu liegen, an einem Tag war er in der Bibliothéque Nationale gewesen, hatte geschmökert, hatte nach Leidensgenossen gesucht, fand ein Buch von Jakob Grimm, der im Dezember 1837 die Grenze Hannovers überschritt, des Landes verwiesen, eine alte hessische Bauersfrau begrüßte ihn und sagte zu ihrem Enkelkind: »Gib dem Mann die Hand, er ist ein Flüchtling!« Block hatte zwar Freunde gesehen, aber nicht Max, der schon in Genf war, die Nächte waren schlimmer als die Tage. Diese Geschichte von Landru ging ihm nicht aus dem Kopf, warum erzählte Max solchen Unsinn, warum brüstete sich Grock mit diesem Lügenmärchen, hatte der bestbezahlte Clown der Welt es nötig, so etwas zu erfinden, um sich wichtig zu machen, war es Eitelkeit oder bloß Lust an einer merkwürdigen Phantasie, wer hat schon mal einen Wiederauferstandenen gesehen, und gerade Landru, sein Gesicht wie eine bärtige Billardkugel, wie er im Prozess saß, schwieg, kapriziöse Bemerkungen machte, stets die Morde an Frauen verneinte, stets galant, ein Gentleman-Mörder, ein Frauenheld, der seinerseits die Motten anzog, angeschwärmt, angehimmelt noch während des Todesurteilsspruchs, ein Schlächter, der kein Blut an den Fingern hatte, Paul Block war er immer wie ein nobler Nachbar vorgekommen, dem niemand solche Taten zutrauen würde, nie im Leben, warum sollte man den laufen lassen, die Nächte waren bösartig, weil sie entleerten Tagen folgten, kraftlosen Tagen, für die sie sich rächten, Block telegrafierte fast täglich nach Berlin, dass Andrea nun endlich kommen sollte, aber sie hielt sich bedeckt, immer wieder gab es Gründe, die Abreise zu verschieben, immer wieder gab es Mitteilungen, sie könne morgen reisen, Visum vorhanden, aber sie kam nicht. Die Nächte.

 

2

 

Die beiden alten Damen ergänzten sich in wunderbarer Weise, die eine konnte nur wenig sehen, die andere war fast taub. Beide ragten kaum hinter der erhöhten Verkaufstheke hervor, sie waren mit grauen Wolljacken angetan, hielten den Kopf ein wenig schief, sehr vorsichtig den Kunden nach seinen Wünschen fragend.

Paul Block hatte sich in dem Juwelierladen umgesehen, der draußen ein aufwendiges Schild trug: »Femina bijoux«, aber drinnen gab es nur zweite und dritte Wahl, und trotzdem priesen Sophie und Marie die billigen Schmuckstücke in höchsten Tönen, aus dünner Blattvergoldung wurde ein hochwertiges 999er, aus geschliffenem Bergkristall prachtvoller Edelstein und aus einem sichtbar neuen Ring ein edles Stück, das schon eine Hofdame bei Louis-Quinze getragen haben sollte.

Er hatte sich an diesem Morgen treiben lassen, war planlos durch Straßen gelaufen, vor Häusern stehengeblieben, hatte in Bars einen Express getrunken und Gespräche begonnen, ohne sie weiterführen zu wollen. Erst als er in der Rue Rochechouart stand, hatte er ein Ziel: in der Nr. 76 im Zwischengeschoß war die Wohnung von Landru, direkt über der »Femina bijoux«.

Paul Block unterhielt sich eine Zeitlang mit den beiden alten Damen, wobei diese Unterhaltung stets mit normaler Laut-stärke begann, wenn Block eine Frage stellte, die dann mit voller Lautstärke Sophie mitgeteilt wurde, das besorgte Marie, und dann noch mit größerer Lautstärke von der Fast-Tauben beantwortet wurde: ein Auf und Ab von Phonstärken, ohne dass Block viel erfuhr.

Soviel wusste er, nachdem er sich mühselig eine ganze Stunde Gebrüll hatte gefallen lassen. Fernande Segret, die jugendliche Freundin, mit der Landru hier gelebt hatte, war früher Tänzerin gewesen, war eine Zeitlang in einem Cabaret beschäftigt, fast bis zur Exekution Landrus, dann hielt sie es nicht länger aus, sie sei verschwunden. Erst habe jemand behauptet, dass sie in den Orient gegangen sei, aber dafür könnten sie sich nicht verbürgen. Sie hätten ja von der ganzen Sache erst erfahren, als dieser Inspektor Belin draußen herumgeschlichen sei. Landru sei ein netter Mensch gewesen, so freundlich, er habe zwar nur einmal etwas erstanden, eine wunderschöne, uralte Granatbrosche für Fernande, aber von einem Streit der beiden oder gar Schlimmerem hätten sie nie etwas mitbekommen.

»Und sowas hört man ja«, brüllte Sophie, die wusste, wovon sie sprach.

Immer wieder kamen die Leute von der Polizei, hätten nach Gegenständen gesucht, nach Knochen, hier im Haus, das sollte er sich mal vorstellen, unglaublich. Marie konnte sich gar nicht darüber beruhigen: »Hier im Haus, wirklich, aber gefunden haben sie nichts.» Für die beiden alten Damen war die ganze Sache ein Irrtum, aber vor Gericht wollte man sie ja nicht anhören.

»Dabei wären wir die wichtigsten Zeugen gewesen«, ließ Sophie verlauten.

Dieser Mann, den sie überall in den Schmutz gezogen haben, den sie mit Dreck beworfen und öffentlich verleumdet haben, den sie einen Mörder genannt und solange ins Gefängnis gesteckt haben, sei in Wirklichkeit ein Ehrenmann, jawohl ein Ehrenmann, gewesen. »Und Mademoiselle Segret war auch eine so nette Person, in der Zeitung hat immer >Mätresse< gestanden, dabei sind die Leute nur neidisch gewesen, dass sie als junges Ding das Glück hatte, mit diesem Ehrenmann zu leben, einem Mann mit Erfahrung.« Die beiden Alten kicherten. Die Leute würden sich ja über alles das Maul zerreißen, so etwas sei nie über ihre Lippen gekommen, so eine Schweinerei nicht. Sie wären gerne im Gerichtssaal gewesen, als die Mademoiselle dort ausgesagt hat, sie sei dabei so schön ohnmächtig geworden, eine wunderbare Schauspielerin, für ihren Geliebten Landru sei sie zweimal ohnmächtig geworden, aber geholfen habe es nichts. Jedenfalls habe sie ihnen häufiger vorgespielt, wie sie im Prozess in Versailles aufgetreten war. Dann wäre sie verschwunden.

»Und hat keinen Ton gesagt«, Sophie sprach wieder mit der ganzen Straße.

Paul Block überlegte, wie er sich diesem akustischen. Hochtief entwinden konnte, er dachte daran, ein Schmuckstück zu erwerben, aber er fand in dem Plunder nichts Geeignetes. Andrea würde über ein solches Geschenk nur die Nase rümpfen.

Als die beiden Damen erfuhren, dass er von der Presse war, fragten sie, ob denn auch ein Bild von ihnen erscheinen würde. Block war verdutzt, er habe doch gar keinen Fotografen dabei. Dann solle er gefälligst einen besorgen, energisch bestanden Marie und Sophie darauf, dass er auf der Stelle einen Fotografen hole. Endlich würde die ganze Geschichte mal geklärt.

 

Café Mephisto, 12. Mai 1933

Wieder das Feuer, diesmal haben sie uns verbrannt. In Berlin hat der Hinkefuß Goebbels mit dem Hinkekopf uns den Flammen übergeben. Es waren nur kleine Scheiterhaufen für unsere Bücher, wenn sie alle Exemplare verbrannt hätten, dann hätte es sichtbarer lodern müssen. Was für eine Ehre unter den Verbrannten zu sein. So bekommt man Sauberkeit in die deutsche Stube, wenn erstmal unser jüdischer Schund ausgequalmt hat, dann kann wie Phönix die rassige Dotterblume aufblühen.

 

Viktor Arnell starrte aus dem Fenster: »Aber du wirst doch nicht nur privatisieren in Paris?« Block zögerte mit der Antwort. Das muffige Redaktionsbüro im Gebäude der »Humanité« war gut geeignet für solche Fragen, die ihm sein französischer Kollege stellte.

»Was soll ich denn tun, in Deutschland druckt niemand mehr eine Zeile von mir, weil ich jüdisch schreibe, und in Frankreich wollt Ihr mich doch auch nicht einstellen, oder irre ich mich da?«

Arnell, der fast zehn Jahre jünger als Block war, lächelte: »Ein Mann mit deinen Qualitäten, warum nicht?«

Sie hatten sich während Blocks Aufenthalten in Paris kennengelernt, Arnell ließ sich oft von seinem deutschen Freund Artikel redigieren, diskutierte mit ihm über Darstellung und Inhalte einer kommunistischen Zeitung. Dabei konnte Block in seinem »Berliner Tageblatt« längst nicht so offen berichten, häufiger hatte ihm Markwardt ganze Passagen herausredigiert. Arnell griff Block deswegen an, warum er sich das gefallen lasse.

»Ich werde Jean bitten, dass er sich für dich verwendet, wir könnten jemand gebrauchen, der gerade jetzt über Deutschland schreibt.«

»Ohne im Reich zu sein, wie soll das gehen?« Block war verwundert über Victors Blauäugigkeit.

»Es war ja nur ein Vorschlag.« Paul Block sah sich den überladenen Schreibtisch seines Kollegen an, wollte wieder ein Gefühl für Arbeit bekommen, den Kontakt nicht verlieren. Wie gern würde er mit Arnell jetzt den Platz tauschen.

»Sollen wir zusammen Mittag essen?« fragte Arnell, um das Gespräch wieder in Gang zu bekommen.

»Ja, ich habe Zeit«, Block stand auf und nahm die letzte Ausgabe der Zeitung vom Tisch, spürte das Papier, roch die Druckerschwärze.

 

Sie gingen in ein kleines Bistro an der Ecke, das voller Journalisten war. Die tägliche Abfütterung, der Nachrichtenaustausch beim Vin rouge, ein Taubenschlag, nur schwer konnte man sein Gegenüber verstehen. Paul Block überlegte, wie er auf seinen Wunsch zu sprechen kommen sollte, schließlich wollte er nicht in dieser Öffentlichkeit hinausposaunen, dass er sich für eine völlig abwegige Spur im Fall Landru interessiere, überhaupt, wenn er Arnell von seinem Verdacht erzählte, wer garantierte ihm, dass der französische Kollege sich nicht selbst daran machte, der Geschichte nachzugehen?

»Warst du nicht damals auch beim Landru-Prozess?« fragte Block unvermittelt und brach ein Stück Baguette ab.

»Wie kommst du darauf?« erwiderte Arnell, der seinen Blick hob, um eintretende Journalisten zu grüßen.

»Nur so. Ich hab mich gestern daran erinnert, was wir damals für ungeheuerliche Berichte losgelassen haben. Meine Zeitung forderte jeden Tag mehr Zeilen darüber.«

Arnell grüßte jemand. »Beim Prozess durfte ich nicht schreiben, das war Pierre, leider.«

»Wieso?« Block erinnerte sich an Pierre, einen langen, hageren Langweiler.

»Ich hatte im Laufe der Untersuchung gegen Landru zwei Kommentare verfasst, die haben einigen bei uns nicht geschmeckt, und darauf wurde ich abberufen, wie das bei uns heißt.«

»Worüber ging es?«

»Paul, weißt du noch, was du vor zehn Jahren geschrieben hast? Sobald es die Schreibmaschine verlassen hat, muss ich an etwas anderes denken können, sonst wäre ich ein schlechter Journalist.«

Block nahm die Gelegenheit wahr: »Ich würde sie gerne mal lesen, meinst du, die lassen mich in euer Archiv?«

Viktor sog geräuschvoll Luft ein: »Dafür werde ich persönlich sorgen, Paul. Für einen Freund.«

Das Bistro hatte sich geleert, die Mittagspause war vorbei, auch Arnell drängelte zur Kasse.

Als sie auf der Straße standen, sagte Arnell und hielt dabei Block am Arm fest: »Wenn du das Geheimnis lüftest, will ich aber auch dabei sein, das musst du mir zusagen. Ich hab da eine Rechnung zu begleichen ...«

»Welches Geheimnis?« Block war erstaunt, was weiß Victor denn von dieser Geschichte.

»Der hat doch niemals zehn Frauen umgebracht. Justizirrtum, wurde ja auch verurteilt aufgrund läppischer Indizien. Warst doch dabei!«

 

Esperia, 18. Mai 1933

Die Kommentare von Victor sind kurios, schon einen Monat nach der Verhaftung zweifelt er die ganze Geschichte an.

 

6. Mai 1919

Zuerst die Namen: Landru! Gambais! Balzac glaubte an die Vorbestimmung von Namen, er wäre begeistert. Enigmatischer Zweisilbler: Landru, hat etwas Beunruhigendes, Andre, ist ein strahlender Vorname, aber Landru hat etwas Tragisches. Und Gambais. Gleich zu Anfang hat man vom »Geheimnis von Gambais« geschrieben, ganz prophetisch. Ein Mann wird eines Kapitalverbrechens angeklagt, mit dem einzigen Motiv, dass er einen klingenden Namen hat. Man findet in Gambais keine Leichen im Garten. Umso besser. Das ist ein guter Beweis, ein starker Beweis. Umso leidenschaftlicher wird die Affäre.

In vielen anderen Gärten findet man auch keine Leichen, aber das ist nicht dasselbe, das würde gar nichts erklären. Man findet einen Zahn zwischen Laub. Wem gehört der Zahn? Wenn man einen Dinosaurier aus einem einzigen Rippenknochen rekonstruieren kann, dann dürfte es doch nicht so schwer sein, aus diesem Zahn eine Frau zu rekonstruieren.

 

10. Mai 1919

Ein alter Verführer soll ihnen die Heirat versprochen haben. Wie wundervoll. Die jungen und die alten, das stimuliert die Phantasie. Sie haben nur sein Automobil geliebt, denn er hatte ja eins. Wie verführerisch, sie haben es wohl im Automobil... Ein Thema für einen Film, ohne Zweifel. Aber gab es nicht schon einen bei Gaumont, oder Pathé? Vielleicht hat Landru auch nur nachgeahmt, was er bereits auf der Leinwand sah. »Die Geheimnisse von ...«, Monsieur Pathé, haben Sie ein gutes Gewissen?

 

Besonders freundlich sind sie nicht im Archiv, aber sie lassen mich gewähren. Wenn ich kein Emigrant wäre ... jeden Tag kommt ein Kollege und fragt, was ich denn mit diesem verstaubten Fall will.

 

Rosenfelder ließ Block nicht lange im Zweifel: »Wir brauchen einen Nachrichtendienst, der sich offen gegen den Faschismus stellt, in allen seinen Spielarten, der schonungslos gegen die nationalen Erscheinungsformen kämpft, Herr Block. Deswegen ist so etwas wie meine Pariser Korrespondenz notwendig.«

Sie saßen im Hotelzimmer. Der schmalbrüstige, kleingewachsene Rosenfelder, dessen schwarzes Haar schon lichte Stellen zeigte, und der kraushaarige Vierschröter Block, der noch nie etwas von seinem Gesprächspartner gehört hatte.

»Womit wollen Sie dieses Nachrichtenorgan finanzieren?« fragte Paul Block, der sein Hemd aufknöpfte.

»Ich hoffe auf großzügige Spender, vielleicht später mal zahlen die Zeitungen für den Abdruck einzelner Meldungen. Aber das muss sich erst einspielen.«

Rosenfelders Stimme war brüchig, dünngeschliffenes Glas, ganz im Gegensatz zu seinem Optimismus.

»Und die Mitarbeiter, wovon sollen sie leben?« Block glaubte, mit diesen Fragen Distanz zu schaffen, obwohl er merkte, wie ihn dieses Nachrichtenorgan zu interessieren begann.

»600 Franc kann ich am Anfang bieten, das ist so viel, dass ihr nicht unter den Brücken schlafen müsst. Nicht viel.«

»In der Woche, damit könnte man hinkommen.«

»Nein, im Monat.« Rosenfelder nahm die feine Brille ab und massierte seine Augenlider.

»Da müsste ich ausziehen«, erwiderte Block, »so viel zahle ich hier im Monat.«

Er dachte an die Zuwendungen von Andrea, jetzt hatte er gar nichts, war völlig auf ihre Versorgung angewiesen, aber 600 Franc im Monat, das war ein schlechter Scherz.

»Wer macht denn mit?« Block krempelte die Ärmel auf, die Hitze in dem kleinen Zimmer wurde mit jeder Stunde unerträglicher.

»Für die englische Ausgabe haben wir Henryk Brod und für die deutsche Kurt Koszyk, beide sind bereit, nächste Woche zu beginnen, wenn ich bis dahin ein geeignetes Lokal gefunden habe.«

»Wo haben diese Kollegen gearbeitet?« Block kam aus dem Fragen nicht heraus, es war ihm unangenehm, aber er konnte sich nicht bremsen.

»Das sagen die Ihnen schon selbst, Herr Block. Sehen Sie, ich möchte eine schnelle Truppe haben, die diese nicht leichte Aufgabe auch bewältigen kann, beide Kollegen besitzen genügend Erfahrung, um zweimal die Woche ein solches Nachrichtenorgan herauszubringen...«

»Aber ich kenne sie nicht . . . Das ist mein Problem.«

Block stand auf, beugte sich aus dem Fenster und klappte die Läden zu.

»Es kann nicht jeder bekannt sein, dazu gibt es zu viele Journalisten«, das klang unwirsch, beinah spitz, und Block sah Rosenfelder an, dass er zu lange gefragt hatte.

Der kleinwüchsige Mann erhob sich: »Ich wollte nur wissen, ob wir auf Sie rechnen können. Mehr nicht.«

Paul Block bekam ein schlechtes Gewissen, ich hätte mich bedanken sollen für die Ehre: »Aber ich werde wenigstens ein paar Tage Bedenkzeit brauchen. Das muss ich mir überlegen.. .«

»Sicher«, unterbrach ihn Rosenfelder und reichte ihm eine Visitenkarte.

Hotel Lutetia stand darauf. Die Berliner Adresse war durch-gestrichen. Der hat sich schon auf längere Wartezeit eingerichtet, dachte Block.

 

Esperia, 1. Juni 1933

Manchmal finde ich mich an der Gare du Nord wieder, wartend auf meine Ankunft oder meinen Abschied, oder auf Andrea. Paris lähmt mich, wo ist die Heiterkeit der Stadt, die ich stets geschätzt habe? Gestern habe ich stundenlang im Louvre Werke alter deutscher Meister angesehen, oder ich lese völkische Zeitungen aus dem Reich, so widerwärtig auch deren Schreibe ist. Man kann es diesen braunen Horden nicht überlassen, nicht den Stiefeln und nicht den Gewehren. Was haben wir für Mittel gegen diese Gewalt?

 

Der Weg nach Versailles hatte sich für den Sonderkorrespondenten Paul Block nicht gelohnt, er konnte von der Hinrichtung so gut wie nichts sehen und auch der anschließende Tumult gab kaum ein paar Zeilen her. Erst kurz vor Mitternacht hatte er Gerüchte vernommen, dass die Exekution vorverlegt werden sollte, Samstag früh statt Montag. Es vergingen fast zwei Stunden, bis er herausfand, dass es nicht nur Gerüchte waren. Dann hatte er sich auf den Weg gemacht. An öffentliche Verkehrsmittel war nicht zu denken, ein Automobil, das ihn vom »Crillon« nach Versailles bringen konnte, stand erst gegen vier Uhr zur Verfügung. Das war der Sonderkorrespondent seinen Lesern schuldig, man kann nicht täglich über einen Prozess berichten und dann sein wirkliches Ende verschlafen. Der Fahrer des Wagens sagte, dass er von einem riesigen Polizeiaufgebot gehört habe. Als sie endlich vor dem Gefängnis St. Pierre ankamen, war alles abgesperrt. Hermetisch ein Riegel um das Gefängnis gezogen. Paul Block besaß keinen Sonderausweis und stand nach durchwachter Nacht zusammen mit einem illustren Trüppchen der Pariser Haute Volée am Rand, bemühte sich etwas zu erspähen, aber außer dem hochaufragenden Hinrichtungsmast war kaum etwas zu erkennen. Nicht mal das Beil blitzte.

 

Paul Block dachte an diese verlorene Nacht, als er elf Jahre später im grellen Sommerlicht den Platz vor dem St. Pierre-Gefängnis betrat. Er stolzierte über den Kies, sah auf das hohe Eingangsportal, durch das Landru damals gekommen sein musste. Jetzt konnte er alles sehen.

Die Sonderausweise, warum hatte ihm damals das niemand gesagt, aber er hätte damit rechnen können. Außerdem gab es später eine Pressemitteilung, die in allen Details über die letzte Stunde des Mörders berichtete. Danach hatte Landru, als ein Vertreter des Staatsanwaltes ihn um eine Erklärung bat, geantwortet, er wundere sich, dass die Gesetze in dieser Stunde eine solche Frage erlauben, er habe immer seine Unschuld beteuert und dem nichts weiter hinzuzufügen. In der Pressemitteilung stand auch, dass man dem Mörder Rum und Zigaretten angeboten habe, die er aber mit dem Hinweis auf ihre Gesundheitsschädlichkeit abgelehnt habe. Paul Block hatte dieses Aperçu für eine Erfindung gehalten, aber das wollten seine Leser, also übernahm er es in seinen Korrespondentenbericht.

Die Sonne schien so heftig, dass Block den Schatten der Platanen aufsuchte, die in wohlgeordneter Reihe vor dem Gefängnis standen. In der Nacht der Hinrichtung hatte er nicht mal die Bäume gegen den Himmel ausmachen können.

Ein Kollege von einer französischen Zeitung, der ebenfalls zu spät kam und auch keinen der begehrten Sonderausweise bekam, hatte zu Block gesagt: »Ich sitze ruhig im Theater und hier findet die wichtigste Hinrichtung seit Jahren statt. Das hätte mich meinen Job gekostet.«

Als sich das Tor öffnete, wurde es ganz still auf dem Platz, die große Uhr zeigte 6.04. Später erfuhr Block von Kollegen, die dichter dabeistanden, dass Landru seinen Bart frisch gestutzt hatte, nach der neuesten Mode, auch in diesem Moment wollte er noch den Frauen gefallen. Man hatte ihm die Füße gefesselt, so dass er nur mit Trippelschritten zur Guillotine hochsteigen konnte, die Helfer, die ihn auf die Planke drücken wollten, schob er beiseite. Das Fallbeil. Unter den blutenden Stumpf wurde ein Eimer gestellt. Einer der Helfer nahm den Korb wie ein Kraft-Athlet und trug ihn davon.

 

Paul Block dachte darüber nach, ob man ohne Aufsehen arrangieren konnte, dass nicht Landru, sondern ein anderer an seiner Stelle hingerichtet wurde. Es hätten zu viele davon gewusst. Das kann man nicht geheim halten, unmöglich. Während er unter der Platane saß und sich gelegentlich mit einem Taschentuch über Hals und Stirn wischte, wurde ihm bewusst, wie lächerlich doch diese ganze Phantasterei von Grock war. Wer sollte ein Interesse daran gehabt haben? Block stand auf und ging langsam zum großen Tor.

Später erfuhr Block, dass die Behörden umfangreiche Sicherungsmaßnahmen getroffen hatten, bereits um 3 Uhr morgens waren Truppen der republikanischen Garde angerückt und hatten das Gefängnis abzuschirmen begonnen, Militär und berittene Polizei, nur der Wagen mit der Guillotine, der selbst in eine Polizeikontrolle geraten war und deswegen verspätet eintraf, wurde durch den Cordon geschleust. Der Unterpräfekt des Departments Seine-et-Oise hatte seinen Beamten strengstens untersagt, der Exekution beizuwohnen. All das erfuhren die Leser des »Berliner Tageblattes« nicht mehr, denn der Sonderkorrespondent Paul Block war schon zurückgekehrt. Die Kollegen hatten ihm einen Streich gespielt, als er wieder in seiner Berliner Redaktionsstube saß. Er fand einen Zettel auf seinem Platz: »Block sprach mit totem Frauenmörder.« Damals hatte er sich darüber geärgert, hatte den Zettel zerknüllt und in seiner Jackentasche verschwinden lassen. Jetzt, elf Jahre später, dachte er anders darüber. Ganz gleich, ob Landru oder ein anderer hingerichtet wurde, ich hätte mit ihm sprechen sollen. Ein interessanter Delinquent war er auf jeden Fall.

 

In dieser Nacht des 25. Februar 1922 konnte Block nur von einem der Beteiligten eine Stellungnahme erhaschen, es war Landrus Verteidiger Moro-Giafferi, der, bevor er in seinen Wagen stieg, den wartenden Journalisten sagte: »Victor Hugo hat formuliert: um ein nicht wiedergutzumachendes Urteil zu fällen, muss man schon ein unfehlbarer Richter sein. Soviel für heute, meine Freunde.« Dann war der beleibte Korse in den Wagen gestiegen und davongebraust. Block glaubte, eine Träne bei dem Verteidiger gesehen zu haben, aber darüber teilte er seinen Lesern nichts mit.

 

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