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Peter Dubina

Tödliches Silber

Cassiopeiapress Western/ Edition Bärenklau





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Tödliches Silber

Ein Western

von Peter Dubina

 

IMPRESSUM

© dieser Digitalausgabe 2015 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Tödliches Silber – Ein Western von Peter Dubina, mit freundlicher Genehmigung von Alfred Wallon und Edition Bärenklau, 2015 (Der Originaltitel lautete: Blutiges Silber)

Cover © by Steve Mayer und Scott Griessel/123RF

 

Der Umfang dieses Ebook entspricht 125 Taschenbuchseiten.

 

Sie sind eine Gruppe von Abenteurern und Glücksrittern, wie sie unterschiedlicher nicht sein kann. Aber sie vereint der Gedanke, im Apachenland einen vergrabenen Silberschatz bergen zu können und sich endlich damit ihre Träume von Reichtum und einem sorgenfreien Leben zu erfüllen. Das glaubt auch der ehemalige Zivilscout Tom Kelso, der mit dem Schatz seine düstere Vergangenheit vergessen will. Auch die Yaqui-Indianerin Raquel will den Schatz haben – damit sie für ihr Volk Waffen kaufen und eine Revolution starten kann. Der US-Marshal Quincannon und die schöne Gail Russell denken jedoch weitaus egoistischer. Für sie geht es um die letzte Chance, und sie sind bereit, notfalls dafür über Leichen zu gehen. Wie wird das Schicksal entscheiden, wenn ein Kampf um Leben und Tod und um den Silberschatz beginnt?

 

 

1

Tom Kelso kauerte reglos im Schatten eines mannshohen Felsblocks. Der lag am Fuß einer schräg ansteigenden Felsklippe, die aus dem Hügelrücken hervorstand, ihn um mehrere Meter überragend. Von dem Hügel aus konnte Kelso das Tal des Gila River und die Furt, die durch den Fluss führte, durch das Visier seiner Winchester überblicken. Die Wüstenluft flimmerte vor Hitze. Kelsos Hände, die das Gewehr im Anschlag hielten, waren nass von Schweiß. Sogar der Finger am Abzugshahn war so feucht, dass er keinen Halt am Stahl fand und immer wieder nach unten rutschte. Trotzdem wagte Kelso nicht, den Griff zu wechseln. Er wusste, dass er in dem von Licht und Schatten gesprenkelten Felsgewirr auf dem Hügel kaum zu sehen war, solange er sich ruhig verhielt. Aber die geringste Bewegung konnte die Aufmerksamkeit der Apachen auf ihn lenken, und das hätte für ihn den sicheren Tod bedeutet.

Kelso war ein hochgewachsener Mann, breitschultrig, mit schmalen Hüften. Sein unrasiertes, schweißüberströmtes Gesicht mit den scharf blickenden Augen wurde von einem alten Armeehut beschattet. Sonst war Kelso ganz in Leder gekleidet, das über der Brust verschnürte Hemd mit Fransen geschmückt. Zu der abgewetzten Hose trug er statt Stiefel kniehohe Apachenmokassins, deren Schäfte mit Riemen umwunden waren. Tief an seiner rechten Hüfte war ein Armeecolt mit Holzgriff festgeschnallt. Die Patronen in den Schlaufen seines Revolvergurts blinkten stumpf unter einer dünnen Staubschicht. Und Staub lag auch in jeder Falte von Kelsos Kleidung, klebte an den durchgeschwitzten Stellen. Zwischen Kelsos Schultern, wo Schweiß und Staub beinahe unerträglich auf der Haut juckten und brannten, hing in einer Büffellederscheide ein Bowiemesser mit breiter Klinge, das er unter dem Hemd an einem Riemen um den Hals trug.

In seinem Verhalten glich Kelso mehr einem Apachen als einem Weißen. Er war vorsichtig in allem, was er sagte und tat. Kein Draufgänger, denn die starben meistens jung. Er hatte mehr als einen von ihnen begraben helfen. Das wilde Land hatte Kelso zu dem gemacht, was er war: Ein harter Kämpfer, der prüfte und abwog, bevor er sich zum Handeln entschloss.

Deshalb kauerte er schon seit einer Viertelstunde in derselben Haltung, obwohl seine verkrampften Muskeln schmerzten. Vor einer Viertelstunde hatte ihm das Verhalten der Bussarde, die bisher hoch über ihm ruhig ihre Kreise gezogen hatten, verraten, dass Menschen in der Nähe waren, und es musste eine größere Anzahl von Menschen sein. Der einsame Reiter hatte die Raubvögel nicht gestört, doch plötzlich hatten sie die Flucht ergriffen und sich mit schwerfälligen Flügelschlägen nordwärts bewegt.

Kelso hatte ihnen aus zusammengekniffenen Lidern nachgeblickt, wie sie in der Weite des Himmels verschwunden waren, der blau wie ein Türkis war. Dann hatte er sich in den Steigbügeln aufgerichtet und umgeschaut. Die messingfarbene Wüste ringsum schien leer. Aber hier im südlichen Arizona, unweit der Grenze zu Mexiko, durfte ein Mann sich keinen Moment sicher fühlen, wenn er nicht den Finger am Abzugshahn seiner Waffe hatte - und oft nicht einmal dann. Der Tod konnte ihm unversehens und in vielerlei Gestalt begegnen: Eine Klapperschlange, vergiftetes Wasser, ein Fehltritt seines Pferdes in unwegsamem Gelände. Das schlimmste aber waren die Apachen.

Am Biss einer Klapperschlange starb ein Mensch ohne allzu große Qualen. Kelso hatte es mehr als einmal mit ansehen müssen. Manchmal war es in Minuten vorbei. Schaum rann aus den Mundwinkeln des Sterbenden, die Hände griffen blindlings ins Leere, der Herzschlag stockte, die Augen brachen - es war aus. Ein rasches Ende für den Unglücklichen.

Doch Kelso hatte auch schon Männer - besser gesagt, die Überreste von Männern - gesehen, die den Apachen lebend in die Hände gefallen waren. Sie waren nicht so schnell und verhältnismäßig gnädig gestorben. Jedes Mal, wenn er einem dieser Toten in das verzerrte, erstarrte Gesicht geblickt hatte, war er froh gewesen, dass er die Schreie nicht hatte mit anhören müssen, die der Mann ausgestoßen hatte, bevor es mit ihm zu Ende gegangen war.

Als Armeekundschafter in Fort Grant kannte Kelso die Apachen und ihre Grausamkeit besser als die meisten Weißen im Arizona-Territorium und hatte deshalb allen Grund, sie zu fürchten. Er wusste, dass die Apachenbande, deren Spuren er seit drei Tagen bis an die Furt des Gila River gefolgt war, sich irgendwo zwischen den Sierrita-Bergen im Norden und der mexikanischen Grenze im Süden aufgehalten hatte, als er aufgebrochen war, um das Versteck der Horde ausfindig zu machen, damit die Armee die Indianer in die Reservation zurücktreiben oder vernichten konnte. Seine Hoffnung war gewesen, daß die fünfzig Krieger starke Bande, die unter ihrem Anführer Chato aus der weiter nördlich gelegenen San Carlos-Indianerreservation entflohen war und eine Feuer- und Blutspur von fünfzig Meilen Länge durch das Land gezogen hatte, bereits über die Grenze nach Mexiko entkommen wäre, ehe er auf Schussweite an sie hätte herankommen können.

Aufgrund eines Regierungsvertrags zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten durften US-Angehörige und dazu zählte Kelso - die Grenze nicht in südlicher Richtung überschreiten. Eine schnelle Flucht der Apachen hätte Kelso deshalb der Notwendigkeit enthoben, die Verfolgung fortzusetzen. Aber nun hatte er das deutliche Gefühl, dass er sich in unmittelbarer Nähe der Horde befand.

Kelsos Pferd stand zwischen Felsblöcken am Fuß des Abhangs hinter ihm. Er konnte nur hoffen, dass es nicht schnaubte oder mit einem Huf scharrte, denn in der Stille trugen Geräusche weit. Eine andere Gefahr bestand darin, dass der heiße Wüstenwind Kelso von rückwärts traf und seinen Geruch über den Fluss in die Nüstern von Indianerpferden am anderen Ufer tragen und ihn so verraten konnte. Denn die Hitze kochte eine Wolke von Dünsten über dem Mann aus: Beißenden Schweiß und feuchtes Leder, ungewaschene Haare, ungewaschene Haut und selbst den Messinggeruch der Patronen in seinem Waffengurt.

Mitten in seine Gedanken hinein peitschten Schüsse jenseits des Flusses. Dann ertönte fernes, rasendes Hufgetrappel. Aber noch war nichts zu sehen. Kelso versuchte, mit dem schweißglatten Finger einen festen Druckpunkt am Abzugshahn seiner Winchester zu finden.

Plötzlich tauchte zwischen den Hügeln am anderen Ufer des Gila ein Reiter auf. Ein Weißer. Selbst auf die Entfernung von fast dreihundert Yards erkannte Kelso, dass das Pferd des Mannes am Ende seiner Kräfte war. Es galoppierte in kurzen, steifbeinigen Sprüngen, wobei es den Hals fast waagerecht hielt. Sein braunes Fell war an Brust, Hals und Flanken weiß von schaumigem Schweiß. Der Reiter trieb es dennoch erbarmungslos mit den Sporen an, wie nur ein Mann es tut, dem die Todesangst im Nacken sitzt. Er hielt die Zügel in der Linken, den Colt in der Rechten.

Und dann sah Kelso aus der Staubwolke, die das Pferd des Flüchtenden aufwirbelte, die Verfolger auftauchen. Durch das hochgeklappte Winchestervisier unterschied er vier Apachen: Halbnackte erdbraune Gestalten auf scheckigen Pferden, in deren Mähnen und Schweife Federn geflochten waren. Zwei der mit weißer Farbe bemalten Krieger waren mit Spencer-Repetiergewehren bewaffnet, die anderen trugen Bogen.

Kelso krümmte den Finger um den Abzugshahn, aber er zog ihn nicht durch. Die Entfernung war noch zu groß für einen sicheren Schuss. Außerdem wusste er nicht, ob den vier Apachen noch weitere folgen würden. In diesem Fall hätte er nicht in den Kampf eingegriffen. Er kannte den Verfolgten nicht und sah keine Veranlassung, sein Leben für einen Fremden in einem aussichtslosen Kampf aufs Spiel zu setzen.

Der Flüchtende drehte sich im Sattel um und jagte den Apachen heißes Blei aus seinem Colt entgegen. Einer der Indianer warf die Arme hoch und stürzte seitwärts vom Pferd. Doch schon im nächsten Moment hatte der Verfolger genug damit zu tun, sich im Sattel zu halten, denn sein Brauner hatte nun den Fluss erreicht und kämpfte sich in hohen, krampfhaften Sprüngen durch das schäumende lehmgelbe Wasser auf das Ufer zu, an dem Kelso in Deckung lag.

Die Flut reichte dem Tier bis an die Brust. Erhitzt und ausgepumpt, wie es war, ließ das kalte Wasser seine Muskeln erstarren. Trotzdem erreichte es fast - aber doch nur fast - das rettende Ufer. Gerade als es die Vorderhufe auf trockenen Boden setzte, hob jenseits des Flusses einer der Apachen sein Repetiergewehr, zielte kurz und drückte ab. Der Schuß peitschte. Das Pferd des Flüchtenden bäumte sich mit schrillem, durchdringendem Wiehern auf. Seine Vorderhufe schlugen wie Halt suchend durch die Luft, dann stürzte das Her, noch bevor der Reiter seine Füße aus den Steigbügeln ziehen konnte, schwer auf die Seite und blieb, halb auf dem trockenen Ufer, halb im Wässer, liegen.

Der Reiter geriet mit einem Bein unter das Pferd und saß fest. Von den Hüften abwärts lag er im Fluss. Bei dem schweren Sturz war ihm der Colt entglitten. Der Mann streckte sich vergeblich, um die Waffe zu erreichen. Dann stemmte er beide Hände gegen den Sattel und versuchte, sein Bein unter dem toten Pferd hervorzuziehen. Auch das gelang ihm nicht.

Kelso nahm, als er sah, dass den vier Apachen keine weiteren folgten, mit der Gelassenheit des erfahrenen Kämpfers einen der mit Repetiergewehren bewaffneten Indianer am jenseitigen Ufer aufs Korn. Ein Knall - der Krieger reckte sich hoch auf und rutschte dann an der Flanke seines Pferdes zu Boden. Aber keiner der nächsten fünf Schüsse Kelsos traf. Dann war das Magazin der Winchester leer. Als die beiden letzten Apachen hörten, dass Kelso sein Schießen eingestellt hatte, trieb einer von ihnen, der einen Bogen trug, sein Pferd in den Fluss.

Mit zusammengebissenen Zähnen, lautlos vor sich hin fluchend, zerrte Kelso neue Patronen aus den Schlaufen seines Waffengurts und lud die Winchester. Doch so schnell er auch war, der Indianer war schneller. Gerade als Kelso die letzte Patrone ins Magazin schob, war der Krieger bei dem Verfolgten angelangt, der noch immer sein unter dem toten Pferd eingeklemmtes Bein zu befreien versuchte. Der Apache hielt einen Pfeil auf der Sehne und spannte den Bogen. Der Weiße machte eine letzte, verzweifelte Anstrengung, den ihm entfallenen Colt mit der rechten Hand zu erreichen.

In dem Augenblick, als Kelso seine Winchester durchlud und den Apachen ins Visier nahm, hörte er das »Twang« der Bogensehne und das »Sssud«, mit dem das befiederte Geschoss sein Ziel traf. Um einen Sekundenbruchteil zu spät krümmte Tom den Finger am Abzugshahn. Seine Kugel riss den Indianer vom Pferd. Der Krieger trieb im Wasser, das sich rot färbte. Sein Kopf versank, die Beine kamen hoch, wurden von der Strömung erfasst und gegen das Ufer gedrückt.

Der letzte Apache schüttelte wütend sein Spencer-Repetiergewehr gegen Kelso und schrie ihm mit hasserfüllter Stimme ein paar Worte zu. Dann riss er sein Pferd herum und trieb es zu gestrecktem Galopp an, um in den Schutz der Hügel zu gelangen. Kelso wusste, dass er ihn nicht entkommen lassen durfte, wenn er nicht in kurzer Zeit die ganze Apachenhorde auf dem Hals haben wollte.

Der Schuss auf ein sich schnell bewegendes Ziel war auf so große Entfernung schwierig. Kelso lehnte die linke Schulter und den linken Arm gegen den Felsblock, in dessen Schatten er kauerte, um jedes Zittern des Winchesterlaufes zu vermeiden, zielte lange und sorgfältig und krümmte behutsam den Zeigefinger um den Abzugshahn. Der Schuss peitschte. Pferd und Reiter stürzten in einer Staubwolke zu Boden, und nur das Pferd kam wieder auf die Beine.

Kelso lud seine Winchester durch und wartete angespannt. Doch keiner der vier Apachen bewegte sich mehr. Da erhob er sich aus seiner Deckung und ging, die Waffe im Hüftanschlag, zum Flussufer hinunter. Wo der Weiße, sein Pferd und der Indianer lagen, war das Wasser blutig. Die Wellen führten einen breiten roten Streifen flussabwärts.

Als Kelso sich über den Weißen beugte, sah er auf den ersten Blick, dass jede Hilfe für den Mann zu spät kam. Der Pfeil des Apachen hatte ihn unter dem rechten Schulterblatt in den Rücken getroffen, als er sich nach dem Colt gereckt hatte, der außerhalb seiner Reichweite lag. Das befiederte Geschoss stak in der Lunge. Der Mann krümmte sich, rang um Atem, und hellrotes schaumiges Blut rann aus seinen Mundwinkeln. Kelso schob einen Arm unter den Nacken des Verwundeten und hob dessen Kopf etwas höher, um ihm das Atmen - und das Sterben - zu erleichtern.

Den Pfeil herauszuziehen, hätte keinen Sinn gehabt. Die Eisenspitze hätte die Lunge nur noch mehr zerrissen, und der Mann wäre an seinem eigenen Blut erstickt.

»Ich kann Ihnen nicht helfen«, sagte Kelso zu dem Sterbenden. »Nennen Sie mir Ihren Namen, und ich werde dafür sorgen, dass er auf Ihrem Grabkreuz steht. Soll ich jemand von Ihrem Tod verständigen?«

Der Mann sah aus glanzlosen Augen zu ihm auf, in denen kaum noch Leben war. Mit einer Hand tastete er nach seinem Revolvergurt, zog eine Patrone aus der Schlaufe und hielt sie dicht vor Kelsos Gesicht. Seine Lippen bewegten sich, aber seine Stimme klang so leise, dass Kelso sich tief über ihn beugen musste, um die Worte zu verstehen:

»Russell ... Gail Russel... Hog-Town ... Fort Grant ... Sie wird Ihnen - eine Belohnung zahlen ... hohe Belohnung ... Russell ... Gail Russell ... Nehmen Sie!« Dann: »Alle meine Männer - von den Apachen getötet. Sie liegen den Weg entlang, den wir nahmen. Sagen Sie Gail, ich liebe sie ... Ich vergebe ihr alles. Ich wollte sie, immer nur sie. Es ist schwer, eine schöne Frau festzuhalten ...«

Kelso nahm die Patrone aus der Hand des Sterbenden. Der Mann sprach weiter, aber seine Stimme wurde immer schwächer, ertrank zeitweise in einem Gurgeln. Immer mehr Blut rann aus seinem Mund.

»Geben Sie mir ... Revolver. Ich will nicht - qualvoll ersticken, so wie einer in der - in der Henkerschlinge am Galgen. Die Waffe - die Waffe ... «

Kelso sah keinen Grund, dem Mann seine letzte Bitte nicht zu erfüllen. Wenn ein Sterbender den schnellen, gnädigen Tod von eigener Hand einem qualvollen Ende vorzog, musste man ihm helfen. Kelso ließ den Mann zu Boden gleiten, stand auf und holte den Colt, der dem Fremden entfallen war. Er drehte die Revolvertrommel. In fünf Kammern waren leere Hülsen, nur in der sechsten war eine vollständige Patrone. Kelso drehte die Trommel weiter, bis die letzte Patrone links vom Revolverhahn saß. Dann legte er die Waffe in die rechte Hand des Fremden.

»Es bleibt Ihnen nicht viel Zeit zu tun, was Sie tun wollen«, sagte er. »Ich gehe jetzt, um eines der Indianerpferde einzufangen.«

In der Wüstenhitze begann ein Toter schnell zu riechen. Auch die Apachen warteten nicht länger als ein paar Stunden, bestenfalls eine Nacht, die in der Wüste sehr kalt war, bevor sie ihre Toten begruben.

Langsamen Schrittes kehrte Kelso zu dem Weißen zurück. Der Mann hatte sich in die rechte Schläfe geschossen. Die eine Gesichtshälfte war von Pulverrauch geschwärzt. Die Hand, die den Revolver hielt, war ausgestreckt. Ein letztes Zittern ging durch den Arm, dann war der Mann tot.

Kelso wog die Patrone in der Hand. Sie schien ihm eine Kleinigkeit zu leicht zu sein. Er nahm das Bleigeschoss zwischen die Zähne und zog daran. Es löste sich aus der Messinghülse. Er drehte sie um, aber es rieselte kein Schwarzpulver heraus. Er warf einen Blick hinein. In der Patronenhülse stak ein fest zusammengerolltes Stück Papier. Mit der Messerspitze zog Kelso es heraus. Eine leere Patrone ist ein gutes Versteck für eine schriftliche Mitteilung, dachte er, denn meistens saß die Bleikugel so genau in der Hülse, dass weder Wässer, Schweiß noch Blut eindringen und das Geschriebene unleserlich machen konnten.

»Zwanzig Maultierladungen«, entzifferte Kelso.

Kelso steckte auch den Brief ein. Dann öffnete er die Satteltasche des Mannes, die nicht unter dem Pferdekadaver eingeklemmt war. Als er die Hand hineinschob, fühlte er darin etwas Schweres, Hartes. Er zog es heraus. Es war in ein Stück Tuch eingewickelt, und als er dessen Enden auseinander schlug, kam unwillkürlich ein leiser Pfiff über seine Lippen.

Die drei ersten Buchstaben sagten Kelso nichts, und es war auch nicht der rechte Moment, sich Gedanken darüber zu machen. Denn als er von dem Silberbarren aufblickte - ab und zu innezuhalten und sich sichernd umzuschauen, war eine Gewohnheit, die er von Apachen und verfolgten Wölfen übernommen hatte - sah er von einem Hügel jenseits des Flusses eine dünne graue Rauchsäule in die heiße Luft steigen. Es waren also doch mehr als vier Apachen am anderen Ufer des Gila gewesen. Mindestens einen davon hatte Kelso nicht zu Gesicht bekommen.

Er griff nach seiner Winchester, nahm das Tier beim Zügel und führte es rasch um den Hügel herum zu der Stelle, wo sein brauner Wallach stand. Dort nahm er das Lasso vom Sattelhorn und band den Toten auf dem Pferderücken so fest, dass er auch bei einem Galopp nicht herunterfallen konnte. Dann schob Tom die Winchester in den Scabbard, zog aus der Satteltasche einen einzelnen Sporn hervor und schnallte ihn über seinen rechten Mokassin. Minuten später jagte er, das Indianerpferd hinter sich her ziehend, nach Norden.