Amalie Schoppe


Robinson in Australien


Ein Lehr- und Lesebuch für gute Kinder

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Klassiker als ebook herausgegeben bei RUTHeBooks, 2016


ISBN: 978-3-95923-077-3


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Dreiundzwanzigstes Kapitel



Früh am andern Morgen ging es an Bord des "Ruriks," an den man bereits am vorhergehenden Tage alle gesammelten Lebensmittel geschafft hatte.

William und Kolbi waren die letzteren in dem Zuge, der sich unter fröhlichem Geplauder, unter Scherzen und Lachen dem Strande näherte. Da, als man bereits eine gute Strecke von der Hütte entfernt war, hörten unsere beiden Freunde plötzlich das ihnen so wohlbekannte: "Gib Futter, Gib Futter!"

"O, mein Gott!" rief William, den Arm Kolbis loslassend und einige Schritte zurückgehend, "bald hätten wir unsern guten Freund hier vergessen! Wie würde mich das betrübt haben!"

Es dauerte keine Minute, so saß der schöne Lori ihm auf der Schulter; denn da er ihn nie neckte, wie Kolbi aus Mutwillen zuweilen tat, hatte der Papagei eine ganz besondere Vorliebe für ihn gefaßt.

"Komm," sagte William, das glänzende Gefieder des schönen Tieres sanft streichelnd, "komm, Lori, Du sollst mit mir und, wenn Gott mir meine geliebte Mutter erhalten hat, ihr zur Freude, mir aber zur Erinnerung an dieses rettende Eiland dienen; denn nie werde ich deine Stimme vernehmen, ohne an Alles erinnert zu werden, was ich hier erlebte."

Der Vogel sah ihn mit seinen klugen Augen so verständig an, als verstünde er seine Worte, und auf dem Wege zum Strande hörte er nicht auf, zu plaudern und zu pfeifen, denn auch das Letztere hatte er von seinen Erziehern gelernt.

Der Wind war günstig; das Schiff lichtete, sowie alle am Bord waren, die Anker; die Segel schwellten und der majestätische "Rurik" setzte sich in Bewegung. Es dauerte nicht lange, so hatte man die geliebte Insel aus dem Gesicht verloren.

Immer frisch ging es vorwärts, denn der "Rurik" war auf der Heimreise begriffen. Der Wind blieb lange günstig; man lief in der Nacht vom 30. auf den 31. März in die Tafelbai, beim Vorgebirge der guten Hoffnung, ein und verweilte daselbst acht Tage, was unserm William Gelegenheit gab, den Besitzer des Constantia-Weinbergs, seinen guten Holländer, wieder aufzusuchen, und ihm zugleich seinen auf der Reise und durch den erlittenen Schiffbruch erworbenen Freund Kolbi vorzustellen.

Dieser treffliche Mann war so erfreut über das Wiedersehen Williams und hörte seiner interessanten Erzählung mit so großem Interesse zu, daß sich unser Freund ganz wie zu Hause bei ihm fühlte. Als es endlich an's Scheiden ging, umarmte der gute Holländer William fast unter Tränen der Rührung und drückte ihm ein Päckchen mit den Worten in die Hand:

"Nimm das zum Geschenke von mir und möge es dir Segen bringen, mein Sohn! Wenn es dir in deiner Vaterstadt wohl ergeht, dann gedenke auch zuweilen meiner!"

Er wandte sich jetzt mit nassem Auge von den beiden Freunden ab und ging; auch William, minder sein Kolbi, war tief gerührt.

Die fernere Reise war, bis auf einige wenige stürmische Tage, sehr vom Glück begünstigt und ich wüßte Euch, meine Geliebten, nicht eben viel Neues davon zu erzählen. Nur des Umstandes muß ich noch erwähnen, daß der "Rurik" bei der Insel St. Helena vor Anker ging und man also Gelegenheit hatte, den größesten Mann des Jahrhunderts und einer der größesten aller Zeiten, auf dieser durch ihn so berühmt und bekannt gewordenen Insel zu sehen. Ich brauche Euch wohl kaum noch den Namen Napoleon Bonaparte zu nennen; denn Ihr werdet wissen, daß dieser als Gefangener auf der Insel St. Helena schmachtete und daselbst auch sein tatenreiches Leben endete. Freilich sah unser William den großen Mann nur flüchtig auf einem Spazierritte, den er in Begleitung der ihn bewachenden Offiziere machte; aber die Erinnerung an diese Begegnung blieb ihm für den Rest seines Lebens eine höchst angenehme.

Endlich lief der "Rurik", nach einer eben so schnellen als glücklichen Fahrt, am 16. Juni des Jahres 1818 in den Hafen von Portsmuth in England ein, und schon am 18. gingen William und Kolbi in Begleitung ihres Freundes und Beschützers, Adalbert von Chamisso, an das Land. Hier trennte dieser sich von Beiden, nachdem er großmütig die Überfahrt für sie auf einem eben nach Hamburg unter Segel gehenden Paquetboote bezahlt hatte. Der Abschied war sehr schmerzlich; denn sowohl William als Kolbi hatten ihren Beschützer von Herzen lieb gewonnen. Er versprach ihnen aber, falls er nach Hamburg kommen sollte, sie aufzusuchen, und hat auch hierin Wort gehalten.

Wie schlug William das Herz, als er nach einer eben so schnellen als glücklichen Fahrt und nach einer Abwesenheit von fast vier Jahren, die Türme seiner Vaterstadt und endlich den mit Schiffen angefüllten Hafen derselben wieder erblickte!

Tausend Fragen drängten sich ihm auf, worunter die: ob er seine geliebte Mutter auch noch wieder finden würde? ob der Gram um ihn sie nicht vielleicht gar getötet habe? sein Herz zu ängstlichen Schlägen bewegte.

Endlich konnte er aus der leichten Barke an's Land springen; Kolbi folgte ihm. Dieser, dem Alles neu war, wollte jeden Augenblick stehen bleiben und bald über Dieses, bald über Jenes Auskunft von ihm haben; allein er war nicht im Stande, ihm die gewünschten Erklärungen zu geben, sondern eilte rastlos vorwärts, bis er bei der niedern Wohnung anlangte, in der er seine Mutter verlassen hatte.

Eine ihm völlig fremde Frau stand vor der Kellertreppe, und fast atemlos vor banger Furcht fragte er nach seiner Mutter. Die Frau, welche erst vor Kurzem eingezogen war, wußte ihm keine Auskunft zu geben, und schon wollte sich Verzweiflung seiner Seele bemächtigen, denn er glaubte die gute Mutter tot, als sich die Tür des dem Keller gegenüberliegenden Hauses öffnete und ein ihm gleich auf den ersten Blick wohlbekanntes Gesicht aus derselben neugierig auf Kolbi schaute; dieser erregte durch sein ungewöhnliches Äußere natürlich die Aufmerksamkeit aller ihnen Begegnenden.

"Fritz! Fritz!" rief William mit lauter Stimme und stürzte auf seinen Jugendgespielen und Schulgenossen zu.

Dieser erkannte ihn nicht sogleich. William war seit ihrer Trennung um vier Jahre älter geworden und von der südlichen Sonne so gebräunt, daß er weit eher einem Mulatten, als einem Europäer ähnlich sah.

"Erkennst du mich denn nicht mehr, Fritz?" fragte ihn William mit traurigem Tone; "erkennst du deinen Freund William Robinson nicht mehr?" fügte er hinzu.

"Mein Gott! Du!" rief dieser jetzt, indem er ihm in die Arme stürzte. "Du lebst, William? Wie wird sich deine Mutter freuen, die dich als tot beweinte!"

"So lebt sie doch noch?" rief William, und ein Strom von Freudentränen schoß ihm über die Wangen. "O Gott, mein guter gnädiger Gott, wie danke ich Dir!" sagte er, die Hände zum Himmel emporstreckend. Viel hätte nicht gefehlt, so wäre er auf der offenen Gasse auf seine Knie niedergesunken, um seinem himmlischen Vater für die ihm erzeigte große Gnade zu danken.

"O, führe mich zu meiner Mutter!" rief er dann, die beiden Hände seines Jugendfreundes erfassend, "führe mich auf der Stelle zu ihr: mein Herz droht vor Sehnsucht nach der Geliebten zu zerspringen!"

"Gemach, mein Freund," antwortete ihm der besonnene Freund; "Du darfst so unerwartet nicht zu ihr eintreten: Die Überraschung könnte sie vielleicht gar töten. Tritt erst in unser Haus und warte, bis ich zurückkomme. Sie wohnt da drüben, in dem großen Fruchtlager; ich gehe zu ihr, um sie vorsichtig auf die Freude vorzubereiten, die ihrer harrt; denn sonst könnte leicht aus dem Glück ein Unglück entstehen."

William fand das, was Fritz sagte, vernünftig und trat mit seinem Kolbi in das Haus, während Fritz zu der Frau Robinson hinübersprang, um sie vorzubereiten. Er machte seine Sache sehr geschickt. Erst sagte er ihr, daß man glaube, das schöne Schiff, die "Hoffnung", sei doch nicht untergegangen, wie man so lange gewähnt; dann ging er weiter und immer weiter und endlich trat er mit der vollen, glücklichen Wahrheit hervor. Trotz der gebrauchten Vorsicht war die zärtliche Mutter doch fast einer Ohnmacht nahe, als er ihr die Versicherung gab, daß ihr William lebe und nur wenige Schritte von ihr entfernt, in seinem Hause sei. Als sie sich einigermaßen von ihrem freudigen Schrecken erholt hatte, ließ sie sich nicht länger halten; sie stürzte fort, dem Hause von Fritzens Eltern zu und lag, halb tot vor Übermaß an Freude, in den Armen des so lange als tot beweinten Sohnes.

Welche Feder wäre wohl im Stande, dieses Wiedersehen zu schildern? Die meine ist zu schwach dazu und ich muß es Euch, meine Geliebten, überlassen, Euch selbst alle die nun folgenden rührenden Scenen auszumalen.

Als der erste Sturm der Empfindung sich in Etwas gelegt hatte, ergriff William die Hand seines Kolbi und führte ihn mit den Worten zu seiner Mutter:

"Umarme auch ihn und nenne ihn deinen zweiten Sohn, denn er ist mein liebster Freund, mein Bruder und nach dir mir der liebste auf der Welt."

"Ja, er soll auch mein Sohn sein," versetzte die Mutter und umarmte bei diesen Worten den tiefgerührten Kolbi, der die Mutter seines Williams auch schon lieb gewonnen hatte.

Dann ging's an's Erzählen und Ihr könnt Euch vorstellen, wie interessant der Frau Robinson jedes Wort war, das ihr geliebter Sohn zu ihr redete. Fast bis um Mitternacht dauerten die Mitteilungen Williams, und selbst da konnte man noch nicht einschlafen.

Etwa zehn Jahre nach diesen glücklichen Vorfällen sprach man sehr viel in der Stadt von dem reichen Kaufmann Herrn William Robinson, von dem man behauptete, daß ihm alle seine Spekulationen über Erwartung glückten. Als Compagnon war ein Eingeborener Australiens, der die heilige Taufe erhalten und den Namen Williams in derselben angenommen hatte, in die Handlung aufgenommen worden und er zeichnete sich durch Geschicklichkeit und Fleiß eben so sehr aus, als durch sein liebreiches Wesen und seine Wohltätigkeit.

Die Sache hing so zusammen:

Als William einige Tage nach seiner Rückkehr seine Sachen vom Bord des Paquetboots geholt hatte, auch den Lori vergaß er nicht, fiel ihm das Päckchen in die Hände, das der gute Holländer am Vorgebirge der guten Hoffnung ihm beim Abschiede in die Hand gedrückt hatte, und das bis dahin uneröffnet geblieben war. Jetzt öffnete er es und fand, zu seiner nicht geringen Überraschung, eine Rolle blanker Louis'dors, fünfzig an der Zahl, darin. Zitternd vor Freude brachte er der Mutter seinen Schatz und erzählte ihr zugleich, wie er dazu gekommen.

"Das Geld," sagte die fromme und verständige Mutter, "mußt Du im Handel anlegen: es wird dir Segen bringen, da du es durch deine Rechtschaffenheit erwarbst. Meine Lage in diesem Hause ist zwar nicht glänzend, aber Herr Berger behandelt mich anständig und hat Vertrauen zu mir; so kann ich es schon noch eine Weile bei ihm aushalten; segnet aber Gott deine Geschäfte, dann ziehe ich zu dir."

Und Gott segnete das Geschäft des guten, redlichen Williams. Schon nach einem Jahre hatte sich sein kleines Kapital verdoppelt, und, wie schon angedeutet worden, nach etwa zehn Jahren war er ein reicher, reicher Mann, hatte ein großes Haus, eine liebenswürdige tugendhafte Frau und ein Häuflein hoffnungsvoller Kinder.

Die Mutter und sein Kolbi, der indes von geschickten Lehrern unterrichtet worden war, wohnten bei ihm und letzterer war sogar sein Compagnon geworden.

Oft, wenn die Freunde in traulichen Gesprächen ihrer Vergangenheit und wunderbaren Lebensschicksale gedachten, sagte William:

"Erinnerst du dich noch, Kolbi" so nannte er ihn noch immer, wenn sie allein waren "was ich dir bei Gelegenheit der Zerstörung unserer Hütte durch die Feinde deines Stammes sagte: daß Gott es oft dann am besten mit uns meint, wenn er uns Trübsal sendet?"

"Wohl erinnere ich mich deiner Worte," versetzte Kolbi, "und habe derselben sehr oft gedenken müssen. Hätten die Feinde unsere Hütte nicht zerstört, so würden wir vielleicht nicht an den Strand gegangen sein, um Bretter zu suchen: der "Rurik" wäre wahrscheinlich an der Insel vorübergesegelt, ohne sie zu besuchen, und wir säßen jetzt wohl noch auf derselben. Gelobt sei Gott, der gnädige, allweise Gott, der seine Menschen segnet, indem er sie zu prüfen scheint."

Inhalt




Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel  

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel  

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

 

Erstes Kapitel



Viele von Euch, meine geliebten Kinder, werden schon einmal von der großen Handelsstadt Hamburg gehört haben. Sie liegt an einem herrlichen Flusse, der Elbe, die hier schon eine Meile breit und ihrem Einflusse in die nur zwölf Meilen von Hamburg entfernte Nordsee nahe ist.

In dieser großen Welt- und Handelsstadt gibt es viele prächtige Paläste, dagegen aber auch eine Menge enger Gassen und kleiner Häuser; ja, ein Teil der Bevölkerung wohnt sogar unter der Erde in sogenannten Kellern, trüben, feuchten Wohnungen, in die das goldene Tageslicht nur spärlich fällt, weshalb auch die Bewohner derselben in der Regel bleich und kränklich aussehen. Denn eben die Sonne, welche den duftigen Kelch der Rose färbt, färbt auch die Wangen der Menschen.

In einem dieser Keller wohnte eine arme Witwe mit ihrem einzigen Kinde, einem Sohne von etwa zwölf bis dreizehn Jahren. Sie hatte, seit dem Tode ihres Mannes, der ein Schiffskapitän gewesen war, einen kleinen Handel angefangen, um sich und ihren William, so hieß der Knabe, notdürftig zu ernähren. Allein das Geschäft ging seit einiger Zeit schlecht, da sich in einem benachbarten Hause eine ähnliche Handlung, wie die der Witwe Robinson, etabliert hatte und diese ihr die Nahrung schmälerte. So sah die arme Frau sorgenvollen Tagen und schlaflosen Nächten entgegen, besonders da es bereits gegen den Winter ging, wo der Mensch zu seinem Unterhalte mehr bedarf, als im Sommer.

Die Hilfe Anderer anzusprechen, davor würde sich Frau Robinson geschämt und weit lieber den bittersten Hunger, als das demütigende Gefühl ertragen haben, von der Gnade anderer Menschen abhängig zu sein. Denn sie hatte einst bessere Tage gesehen und gehörte durch ihre Geburt einer Nation an, die sich in der Regel durch einen edlen Stolz auszeichnet: Der englischen nämlich.

Ihr Vater war, wie ihr verstorbener Mann, ein Schiffskapitän gewesen und zwar ein so erfahrener, geschickter, daß ein bedeutendes Handlungshaus, das Rhederei trieb, ihn von England berief und ihm sein bestes Schiff, die Fortuna, zur Führung anvertraute. Damit segelte dann der Kapitän Elliot, so hieß Frau Robinsons Vater, durch alle Meere und führte von allen Weltteilen die kostbarsten Waren in den Hafen von Hamburg. Er galt nicht nur für einen streng rechtlichen Mann, sondern er war es in der Tat: denn statt sich selbst zu bereichern, wie so Manche es in seiner Lage getan haben würden, dachte er nur an den Vorteil seiner Rheder, das will sagen, der Kaufleute, deren Schiff er führte, und so kam es, daß, als er starb, er seiner einzigen, bereits mit einem ihm befreundeten Schiffskapitän verheirateten Tochter kaum mehr hinterließ, als einen unbefleckten Namen und den Ruf eines durchaus redlichen und geschickten Mannes.

Mit diesem Erbteile war aber sowohl seine Tochter Anna, als auch deren Mann, der wackere Schiffskapitän Robinson, völlig zufrieden; mit Recht sagten Beide, daß ein guter Leumund das erste und köstlichste aller Güter sei.

Der Ruf von strenger Redlichkeit, den sich Kapitän Elliot erworben hatte, kam auch seinem Schwiegersohne Robinson zu Gute; denn kaum hatte Elliot, in Folge einer langwierigen Krankheit, seine Augen geschlossen, so trugen die Rheder der Fortuna seinem Schwiegersohn die Führung des herrlichen Schiffes an. Mit Recht schloß man, daß der ein Biedermann sein müsse, dem Kapitän Elliot seinen besten Schatz, die einzige geliebte Tochter, zum Eigentum gegeben hatte.

So stand also Kapitän Robinson nach dem Tode seines Schwiegervaters als Befehlshaber und Führer auf dem Verdeck der Fortuna und zwar unter noch günstigeren Aussichten, als der wackere Elliot: die Rheder hatten ihm einen Anteil an dem Gewinne zugesagt und wenn die Geschäfte nur einigermaßen gingen, so konnte der junge Kapitän in einigen Jahren ein wohlhabender Mann sein.

Daß er das werden würde, dazu hatte es den besten Anschein. Er brachte zu einer sehr gelegenen Zeit eine Ladung Gewürze von den molukkischen Inseln bei Asien und der Gewinn war für die Rheder so bedeutend, daß eine Summe von 10.000 Mark, etwa 4.000 Taler preußisch für den tätigen und umsichtigen Robinson abfiel. Dieses Vermögen vermehrte sich noch im Laufe einiger Jahre und man durfte glauben, daß unser Kapitän binnen Kurzem ein reicher Mann sein würde.

Wenn ihm diese Aussicht eine erfreuliche war, so war dies mehr um seine liebe Frau und sein einziges Söhnchen William, als weil er den Reichtum an und für sich schätzte. Diesen beiden Geliebten eine angenehme, sorgenlose Existenz verschaffen zu können, der Gedanke war es, der seine Seele mit Freude erfüllte und ihn ohne Murren den größesten Gefahren trotzen ließ.

So hatte Robinson schon fünf bis sechs Reisen mit der Fortuna gemacht und auf jeder derselben bedeutende Vorteile für die Rheder und sich selbst erzielt, als der Vorsteher des Hauses, ein eben so braver als geschickter und vorsichtiger Kaufmann, starb. Zwei Söhne, die zum Kaufmannsstande erzogen worden waren, erbten sein Vermögen und seine weltberühmte Handlung. Allein des Vaters Geist ruhte nicht auf ihnen: sie wollten noch reicher werden, als sie ohnehin schon waren, ließen sich auf große Spekulationen ein und, da diese mißglückten, sahen sie sich nach Verlauf einiger Jahre um all ihr Erbgut gebracht. Ihnen blieb fast nichts mehr übrig, als die Fortuna, das seither vom Kapitän Robinson geführte Schiff.

Aber auch dieses Besitztum war im Grunde nur noch ein eingebildetes; denn die Fortuna war durch die Reihe von Jahren, die sie See gehalten hatte, so morsch und schadhaft geworden, daß Kapitän Robinson erklärte: es hieße das Leben seiner Matrosen und sein eigenes auf's Spiel setzen, wenn er noch eine Reise damit machte, und aus diesem Grunde verweigerte er es geradehin.

Man kann sich vorstellen, wie ungelegen eine solche Erklärung den beiden jungen Rhedern kam, besonders in diesem Augenblick, wo sie fast ihre letzte Hoffnung auf die Fortuna gesetzt hatten. Sie ließen auch nicht mit Bitten und Vorstellungen nach, bis sie Robinson dahin vermocht hatten, noch eine Reise mit der Fortuna zu machen, nachdem diese notdürftig ausgebessert worden war.

Es war ein sehr trüber Abend, als der Kapitän Abschied von seiner lieben Anna und seinem Söhnchen William nahm, um sich an den Bord der Fortuna zu begeben. Zum ersten Male in seinem Leben empfand er eine Anwandlung von Furcht; zum ersten Male, seitdem er in das Mannesalter getreten, drängte sich ihm eine Träne zwischen die Wimpern, als er seine Frau und sein Kind umarmte, indem er Abschied von ihnen nahm. Auch sie konnten sich diesmal nicht von ihm losreißen; auch sie hingen laut schluchzend an seinem Halse und bedeckten ihn mit ihren Tränen und Küssen: allen dreien war, als gälte es einen Abschied auf immer.

Aber es mußte doch geschieden sein und früh am andern Morgen, mit Anbruch des Tages, segelte die Fortuna die Elbe hinab. Ein frischer Ostwind schwellte ihre weißen Segel und da sich die Ebbe mit dem günstigen Winde vereinte, erreichte die Fortuna schon nach wenigen Stunden die Nordsee bei Cuxhafen. An diesem Orte nahm Kapitän Robinson, wie es gebräuchlich ist, Lotsen an Bord, die ihn durch die gefährlichen Stellen bis in die offene See führen mußten, wo er selbst sein Schiff zu lenken verstand.

Da es unter meinen lieben jungen Lesern und Leserinnen gewiß viele gibt, die nicht wissen, was Lotsen für Leute sind, will ich es ihnen erklären. Man benennt Männer mit diesem Namen, die eine so vollkommene Kenntniß des Fahrwassers haben, daß sie die Tiefen, Klippen und Sandbänke auf das Genaueste kennen. Solcher Hindernisse für die Schifffahrt gibt es nun am meisten an der Mündung der Flüsse, weshalb man an solchen Orten gewöhnlich Lotsen annimmt, um keinen Schaden zu leiden. Ist man aber über die gefährlichen Stellen hinaus, so besteigen die Lotsen ihr an das große Seeschiff angehängtes kleineres Fahrzeug und kehren in den Hafen zurück.

Das taten auch die Lotsen der Fortuna. Beim Scheiden händigte Kapitän Robinson denselben noch einen Brief an seine liebe Frau mit dem Befehl ein, ihn in Cuxhafen auf die Post zu geben, und er kam der Madame Robinson auch richtig zu Händen. Ach! er sollte das letzte Lebenszeichen sein, das die arme Frau von ihrem geliebten Manne erhielt!

Zwar war die Fortuna noch in dem Hafen von Vera Cruz eingelaufen und hatte daselbst eine Ladung an Bord genommen, mit der Robinson nach Hamburg zurückkehren wollte; allein seit dem Augenblick, wo man die Fortuna von diesem Hafen aus dem Gesicht verlor, wurde nichts weiter von ihr gesehen noch gehört. Aller Wahrscheinlichkeit nach war also das Schiff gesunken, indem es, alt und morsch wie es war, zu viel Wasser geschöpft hatte.

So vergingen sechs Monate, ohne daß Frau Robinson etwas von ihrem lieben Manne, die Rheder etwas von der Fortuna hörten und jetzt fing man an, sich erst leisen, dann immer heftigeren Besorgnissen hinzugeben. Endlich waren neun Monate, dann ein rundes Jahr verstrichen und die Fortuna war noch immer nicht in den Hafen eingelaufen. Da konnte die arme Frau nicht länger an ihrem Unglück zweifeln: ihr geliebter Mann war auf der See geblieben und sie sollte ihn nie wieder sehen!

Ihr Schmerz war grenzenlos und sie brachte Tag und Nacht fast nur mit Weinen zu. Ihr einziger Trost war der kleine William, der ganz das Ebenbild seines guten Vaters und ein schöner, freundlicher Knabe war. Wenn er die Mutter weinen sah, umschlang er ihren Hals mit seinen beiden Ärmchen und bat: "Gute Mutter, weine doch nicht! Ich will auch ganz artig sein und Dir und dem lieben Vater keinen Kummer machen!" Wenn er aber das sagte, dann weinte die Mutter noch heftiger und er endlich mit ihr.

In einem alten Sprichwort heißt es: "Ein Unglück kommt selten allein." Dieser Spruch schien sich auch an Frau Robinson bewähren zu wollen. Ein Jahr war kaum seit dem Verschwinden ihres Gatten dahingeflossen, so erklärten die jungen Kaufleute, denen die Fortuna zugehört hatte, daß sie ihren Gläubigern nicht gerecht werden, das heißt, ihre Schulden nicht bezahlen könnten. Eine solche Erklärung heißt man bancerott machen. Das Wort stammt aus dem Italienischen von Banca rotta, zerbrochenen Bank, her, indem es in Genua Gebrauch war, den Kaufleuten, die nicht bezahlen konnten, zum Schimpfe die Zahlbank zu zerschlagen oder zu zerbrechen.

Einen solchen Bancerott machten nun die jungen Kaufleute und da der Kapitän Robinson ihnen all sein erworbenes Geld anvertraut hatte, ging es mit verloren. Frau Robinson erhielt von dem Vielen, das man ihr schuldete, nur eine sehr geringe Summe ausbezahlt und von dieser war schon nach einem Jahre kein Heller mehr übrig, da die Arme durch den erlittenen großen Kummer in eine schwere Krankheit verfallen war, die ihre letzten Hilfsmittel aufzehrte.

Endlich durch die Hilfe der Ärzte von dieser Krankheit wieder genesen, sah sich die arme Frau aller Hilfsmittel für ihre eigene und ihres Kindes Existenz beraubt. Sie mußte also darauf denken, durch Arbeit ihren Unterhalt zu verdienen und so suchte sie eine ihren Kräften und Fähigkeiten angemessene Beschäftigung. Man kam ihren Wünschen freundlich entgegen und gab ihr feine Wäsche zum Nähen. Sie verrichtete diese Arbeit eine Zeitlang mit großem Fleiße und der ihr eigentümlichen Pünktlichkeit; allein zu ihrem nicht geringen Erschrecken entdeckte sie, daß ihre Augen nicht mehr recht dienen wollten und sie sie teils durch das viele Weinen, teils durch die feine die Sehkraft allzusehr anstrengende Arbeit gänzlich verdorben hatte. Sie befragte jetzt einen Arzt und dieser erklärte ihr, daß, wenn sie nicht gänzlich erblinden wolle, sie die feine Arbeit ganz aufgeben und eine andere Lebensweise ergreifen müsse.

"Wovon soll ich aber?" rief die arme Frau bei dieser Erklärung im höchsten Grade erschrocken aus, "mich und mein armes Kind in Zukunft ernähren? Sie werden wissen, lieber Herr Doktor," fügte sie mit einem schweren Seufzer hinzu, "daß ich meinen geliebten Mann und zu gleicher Zeit auch das von ihm erworbene Vermögen verloren habe, folglich durch Arbeiten Brot für mein Kind und mich erwerben muß."

"Wohl weiß ich das, liebe Madame Robinson," erwiderte ihr der Arzt, der ein vortrefflicher Mann und ein wahrer Menschenfreund war; "aber ich muß trotz dem bei meinem Ausspruche beharren und Sie dringend ermahnen, für die Folge ihres Lebens allen feinen, die Augen anstrengenden Arbeiten zu entsagen."

"So würde mir nichts weiter übrig bleiben, als mein Kind an die Hand zu nehmen und von Haus zu Haus betteln zu gehen," sagte sie, indem ein Strom von Tränen ihr über die bleichen Wangen schoß, "und das Herr Doktor, vermöchte ich nicht. Lieber sterben, als betteln!"

"Kommen Sie morgen um dieselbe Stunde wieder zu mir," sagte der Arzt nach einem kurzen Nachdenken. "Ich will die Sache mit meiner Frau überlegen; sie ist wohlmeinend und verständig; ich hoffe, sie wird uns irgend einen Ausweg zeigen können, und was an mir liegt, so können Sie auf mich rechnen; so weit es meine Kräfte erlauben, will ich Ihnen beistehen. Ich bin leider noch ein junger Arzt und besitze kein eigenes Vermögen; auch ist meine Praxis noch klein, sonst würde ich gewiß mehr tun, als ich jetzt werde tun können. Sorgen Sie indes weder für die Bezahlung meiner ärztlichen Bemühungen, noch für die Medizin und wenden Sie die Ihnen von mir verschriebenen Medikamente sorgfältig an."

Er reichte ihr bei diesen Worten zum Abschiede die Hand und die arme, grambeladene Frau kehrte in ihre bescheidene Wohnung zurück. Am andern Morgen war sie wieder bei ihrem zur Hilfe willigen Freunde. Dieser schien sie schon erwartet zu haben und führte sie zu seiner Frau, die sie zu sich auf den Sofa lud und sie auf das Liebevollste und Zuvorkommendste empfing. Gute und gefühlvolle Menschen sind stets am höflichsten gegen Unglückliche; niedere Seelen dagegen kriechen vor Reichtum, Ansehen und Macht. Wenn ich Personen hart und unhöflich mit Leidenden, in ihrem Vermögen Heruntergekommenen umgehen sehe, dann habe ich gleich keine gute Meinung weder von ihrem Herzen, noch von ihrem Verstande.

"Meine liebe Madame Robinson," sagte die treffliche Frau, indem sie ihr die Hand reichte, mit jener herzgewinnenden Freundlichkeit, die Leidenden so wohl tut, "mein guter Mann hat mir von Ihnen und Ihrem unverschuldeten Leiden erzählt, indem er mich zugleich aufforderte, Ihnen nach Kräften mit Rat und Tat zu Hilfe zu kommen. Nach längerem Nachsinnen ist mir ein Ausweg eingefallen. Da drüben," sie wies auf ein gegenüberliegendes Häuschen "wohnte eine Frau, die sich lange Zeit hindurch anständig durch den Verkauf von Südfrüchten und allerlei Eingemachtem ernährte. Es war freilich bei dem kleinen Handel nicht viel übrig; allein er schützte die Frau gegen Mangel und Sorge. Seit wenigen Tagen ist sie gestorben und das Häuschen steht zur Miete. Wenn Sie wollen, mieten wir es für Sie, der sehr geizige Hauswirt würde es wohl schwerlich ohne eine genügende Bürgschaft an Sie vermieten und strecken Ihnen ein Sümmchen zum Ankaufe der nötigen Artikel vor. Auf diese Weise, so scheint es mir, würden Sie das Notwendige erwerben können, ohne Ihre armen Augen noch ferner anzustrengen. Was sagen Sie zu diesem Vorschlage?"

Die gute Frau Robinson glaubte die Stimme eines Engels zu hören, als sie diese Worte vernahm. Es fehlte nicht viel, so wäre sie der trefflichen Frau zu Füßen gefallen, um ihr zu danken, wie es ihr Herz ihr gebot; sie hatte kaum Worte, nur Tränen.

"Nicht wahr," fragte ihre Wohltäterin gerührt, "nicht wahr, Sie gehen auf meinen Vorschlag ein und mein Mann macht noch heute die Sache mit dem Hauswirte richtig, damit uns kein Anderer zuvorkomme?"

"O, wenn Sie die Güte haben wollten!" stammelte Frau Robinson, indem sie die Hände der Trefflichen ergriff. Sie wollte mehr sagen, vermochte es aber vor Rührung nicht.

"Die Sache ist so gut wie abgemacht," entgegnete ihr diese, "und jetzt, ich bitte Sie, beruhigen Sie sich, regen Sie sich nicht zu sehr auf," fügte sie liebevoll hinzu; "mein Mann behauptet, daß Sie solche Gemütsbewegungen nicht gut ertragen können, und namentlich Ihren Augen dadurch schaden würden."

Frau Robinson ging jetzt und schon nach acht Tagen bezog sie mit ihrem lieben William die neue Wohnung und trat ihr neues Geschäft an.

Zweites Kapitel



Drei Jahre hindurch verlebte Frau Robinson, wenn auch nicht in Glück und Freude, denn noch immer konnte sie sich nicht über den Verlust ihres Mannes trösten, doch in Friede und ohne allzuschwere Sorge in dem ihr von dem wackern Arzte gemieteten Hause. Das Geschäft war leicht und nicht eben unangenehm und William, der jetzt zwölf Jahre alt geworden war, ging ihr in seinen Musestunden so wacker dabei zur Hand, als wäre er noch einmal so alt gewesen. Er war ein überaus sinniger und verständiger Knabe, der auf Alles Acht gab und schnell diesen und jenen ihm gezeigten Handgriff begriff. In der Schule, die er fast unausgesetzt besuchte, so wollte es seine verständige Mutter, liebten ihn die Lehrer und seine Mitschüler, weil er gegen erstere stets ehrerbietig, gegen die letzteren hilfreich und freundlich war. Man konnte ihn freilich nicht eben einen großen Kopf nennen, und ein Licht der Gelehrsamkeit würde wohl schwerlich, selbst bei dem besten Unterrichte, aus ihm geworden sein; allein er war fleißig, sinnig und ein höchst verständiger Knabe, der zu mechanischen Arbeiten eine große Neigung hatte; auch wollte er, wie er sagte, entweder ein Tischler oder Drechsler werden und die Mutter hatte nichts dagegen, daß er ein Handwerk ergriffe.

Die edle Familie, welche sich der Frau Robinson in der Zeit ihrer Not so menschenfreundlich angenommen, hatte indes seit länger denn einem Jahre Hamburg verlassen, indem der junge Arzt einem ehrenvollen Rufe nach Rußland folgte, wo er bei der Armee als Stabsarzt angestellt wurde. Er hatte nämlich das Glück gehabt, einem reisenden, sehr reichen und vornehmen Russen, einem Prinzen, durch seine große Geschicklichkeit und Sorgfalt das Leben zu retten. Als dieser heimgekehrt war, empfahl er dem Kaiser seinen Erretter so dringend, daß man den geschickten Mann unter den glänzendsten Bedingungen nach Rußland berief, wo er in der Folge eben so reich als angesehen wurde.

Durch diesen Zufall hatte Frau Robinson ihre großmütigen Beschützer verloren, und so glücklich es für diese war, so unglücklich war er für die arme Frau. Kurz nach der Abreise der Beiden fiel es einem Speculanten ein, die kleinen Häuser, wovon Frau Robinson das eine bewohnte, zu kaufen, sie bis auf den Grund niederreißen und an deren Stelle große, prachtvolle Häuser erbauen zu lassen, und da er dem Besitzer der kleinen Wohnungen eine ansehnliche Summe bot, war man des Handels bald einig. Frau Robinson mußte also ihre bisherige Wohnung, in der es ihr so wohl ergangen war, verlassen und sich nach einer andern umsehen. Da sie in der Gegend als eine redliche und zuverlässige Frau bekannt war und fürchten mußte, ihre Kundschaft zu verlieren, wenn sie in einen andern Teil der sehr großen Stadt zöge, sah sie sich in der Nähe ihrer bisherigen Wohnung nach einer andern um. Allein die Häuser waren zum Teil so groß und die Miete so teuer, daß ihr endlich nichts weiter übrig blieb, als einen eben frei werdenden Keller zu mieten.

Dies war ein enger, trauriger und düsterer Aufenthalt; nur auf wenige Augenblicke fiel ein Sonnenstrahl in das kleine, dumpfe Stübchen und die noch kleinere Schlafstätte entbehrte sogar gänzlich des lieben Tageslichts. Indes mußte man sich doch noch glücklich schätzen, diese Wohnung um einen mäßigen Preis erstanden zu haben und Williams Umsicht und Liebe wußte sie zu verschönern.

An Sparsamkeit von Jugend auf gewöhnt, hatte er alle seine Schulhefte aufgehoben und beklebte mit dem dadurch gewonnenen Papier die nur mit Kalk beworfenen Wände. Als er damit fertig und alles gehörig getrocknet war, verschaffte er sich Farbe und einen Malerpinsel und strich die Papierwände so eben und gut mit einer hellen Farbe an, daß das Ganze wirklich ein recht freundliches Ansehen gewann. Dann zog er auch vor dem kleinen Fenster des Stübchens eine Menge Blumen, die er sich zu verschaffen gewußt hatte. Da er bei Allen beliebt war, gab ihm bald dieser, bald jener seiner Mitschüler ein hübsches Pflänzchen oder auch nur einen Absenker und er verstand es so zu hegen und zu pflegen, daß es in kurzer Zeit freudig emporwuchs und Stengel, Blüten und Blumen trieb. So oft er eine Stunde Zeit hatte, beschäftigte er sich mit seinen Blumen, trug sie ins Freie hinaus, begoß und putzte sie und hatte seine herzinnige Freude daran, wenn die Blicke seiner lieben Mutter mit Wohlgefallen darauf ruhten.

An diesem Orte verlebte man so noch ein Jahr und es schien, als ob das Schicksal müde geworden sei, die arme Frau Robinson zu verfolgen. Die alten Kunden blieben ihr getreu und der kleine Handel ging ganz so gut, wie vorher. Da, als man sich dessen nicht versah, mietete einer der ersten Fruchthändler der Stadt, ein Mann, der bereits durch diesen Handel reich geworden war, eins der neu erbauten Häuser und etablierte sich in demselben, indem er einen Gehilfen hineinsetzte. Alle nur erdenklichen Früchte und die Leckereien aller Zonen und Weltteile wurden hinter Spiegelfenstern zur Schau ausgestellt; in krystallenen Gefäßen schwammen Forellen und Goldfische; hier glühten Orangen, Zitronen und Apfelsinen; dort dufteten Ananasse, Melonen und Granatäpfel; von den köstlichsten Trauben waren Guirlanden gebildet, Käse standen da in Ananasform; Kastanien, Rosienen, Mandeln u. s. w. bildeten den Hintergrund; kurz, Alles was nur Auge und Gaumen reizen konnte, war da und in der größesten Fülle.

Wie armselig nahm sich dagegen der Keller der Frau Robinson aus! Auch sah Keiner mehr auf denselben nieder, sondern die Blicke aller Vorübergehenden wendeten sich auf das großartige Etablissement in dem schönen Hause; Alles strömte dahin, während der Keller fast gänzlich verödete.

Dies war ein furchtbarer Schlag für die Vielgeprüfte und hätte sie nicht Gott im Herzen gehabt, nicht ihm vertraut, so würde sie diesem neuen Unglücke vielleicht erlegen sein. Sie aber wandte Herz und Auge zum Himmel empor und sagte: "Herr, in Deine Hände lege ich mein Geschick: Du wirst wissen, wozu mir diese neue Prüfung nütz ist und Dein Kind nicht allzusehr prüfen. Dein heiliger Wille geschehe im Himmel, wie auf Erden. Amen!"

Trotz dieses frommen, unerschütterlichen Vertrauens zu ihrem himmlischen Vater trat ihr aber doch eine Träne in das Auge, wenn sie an die Zukunft ihres lieben Williams dachte. Denn die Zeit war nahe, wo er zu einem Meister in die Lehre getan werden mußte und dazu war vor allen Dingen Geld erforderlich. Woher aber dieses nehmen, da der Erwerb so schmal geworden, daß man an manchen Tagen sich kaum an trockenem Brote satt essen konnte? Wenn man den Keller hätte verlassen und in einem andern Teile der Stadt eine andere Wohnung mieten können, so wäre vielleicht noch alles gut gegangen; allein das konnte man nicht, da man, in der Furcht, vielleicht von dem Hauswirte in der Miete aufgetrieben zu werden, den Keller auf Contract, das heißt, auf mehrere Jahre gemietet hatte. Man mußte also bleiben, wo man war und seinem völligen Ruin entgegensehen.

So standen die Sachen, als der Fruchthändler, welcher das große Haus gemietet hatte, zur nicht geringen Verwunderung der Frau Robinson an einem Morgen zu ihr eintrat und sie fragte; ob sie geneigt sei, seinem Geschäfte vorzustehen? wofür er ihr eine billige Vergütung geben, auch die Miete für den Keller auf sich nehmen wolle.