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Maurizio de Giovanni

DER FRÜHLING DES
COMMISSARIO RICCIARDI

Kriminalroman

Aus dem Italienischen von
Doris Nobilia

Suhrkamp

Die italienische Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel

La condanna del sangue. La primavera del commissario Ricciardi

bei Fandango Libri s.r.l., Rom



© 2008 Fandango Libri s.r.l.



Umschlagabbildung: Paul Knight, Trevillion Images









ebook Suhrkamp Verlag Berlin 2010

© der deutschen Ausgabe

Suhrkamp Verlag Berlin 2010

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das

der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags

sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen,

auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form

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ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert

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www.suhrkamp.de

Umschlag: HAUPTMANN & KOMPANIE Werbeagentur, Zürich

eISBN978-3-518-73550-3

 

I

Noch konnte es niemand wissen, aber an jenem Nachmittag war der letzte Winterregen gefallen. Die Straße warf den schwachen Schein der Laternen zurück, die sich in der windstillen Luft nicht bewegten. Das einzige Licht zu dieser Abendstunde kam aus dem Salon des Herrenfriseurs. Drinnen polierte ein Mann einen Messingspiegel.

Ciro Esposito war ein stolzer Vertreter seiner Zunft. Er hatte sein Handwerk schon als Kind gelernt: In dem Laden, der einst seinem Großvater und dann seinem Vater gehörte, fegte er die Haare tonnenweise vom Boden und wurde im Übrigen wie ein normaler Angestellter behandelt; vielleicht kassierte er sogar die ein oder andere Ohrfeige mehr, wenn er nicht blitzschnell Rasiermesser oder feuchte Lappen bereithielt. Doch es hatte ihm genutzt. Heute wie damals sah man in seinem Geschäft nicht nur Bewohner des Sanità-Viertels, die Leute kamen sogar aus Capodimonte zu ihm. Sein Verhältnis zu den Kunden war bestens: Er wusste, dass man zum Friseur nicht bloß der Haare oder des Bartes wegen ging, sondern vor allem, um eine kleine Auszeit von Frau und Arbeit zu nehmen, und gelegentlich auch von der Partei. Er hatte ein besonderes Gespür dafür entwickelt, im richtigen Moment zu plaudern oder zu schweigen, und wusste zu den wichtigsten Themen stets etwas beizutragen.

Mit der Zeit war er zum Fachmann für Fußball, Frauen, Geldangelegenheiten und Fragen der Ehre geworden. Die Politik mied er, in jener Zeit ein gefährliches Terrain. Ein Obsthändler hatte sich einmal beklagt, weil es so schwierig war, Waren zu beschaffen. Daraufhin hatten vier Kerle, die man im Viertel nie zuvor gesehen hatte, aus seinem Wagen Kleinholz gemacht und ihn als »Verräterschwein« beschimpft. Auch Klatsch vermied er, man konnte nie wissen. Er sah seinen Salon voller Stolz als eine Art Klub, und deshalb sorgte er sich, dass das, was vor einem Monat vorgefallen war, einen Schatten auf sein ehrbares Geschäft werfen könnte.

Ein Mann hatte sich in seinem Laden umgebracht; ein alter Kunde, noch aus den Zeiten seines Vaters. Er war ein jovialer, offenherziger Kerl gewesen, der Ciro jedoch immerzu sein Leid geklagt hatte: seine Frau, die Kinder, zu wenig Geld. Ein Beamter, Ciro erinnerte sich nicht an die Dienststelle, vielleicht hatte er sie auch nie gewusst. In letzter Zeit hatte sich die Miene des Mannes verfinstert, er schien abwesend, sprach nur noch wenig und lachte auch nicht über die legendären Witze des Friseurs. Seine Frau hatte ihn verlassen und die beiden Kinder mitgenommen.

Ohne jede Vorwarnung hatte er, als Ciro ihm gerade sorgfältig mit dem Rasiermesser die linke Kotelette stutzte, dessen Handgelenk gepackt und sich mit einem einzigen, entschlossenen Ruck die Kehle durchgeschnitten, von einem Ohr zum anderen. Gott sei Dank waren Ciros Angestellter und zwei Kunden mit im Laden gewesen, sonst wäre es unmöglich gewesen, die Polizisten und den Richter davon zu überzeugen, dass es sich um Selbstmord handelte. Ciro hatte sofort alles sauber gemacht und hielt den Laden am nächsten Tag geschlossen, darauf bedacht, nichts durchsickern zu lassen. Zum Glück war der Tote aus einem anderen Viertel; in dieser abergläubischen Stadt war der Ruf schnell ruiniert.

Daran dachte Ciro Esposito an jenem letzten Winterabend, als er sich nach dem Putzen anschickte, die beiden schweren Holzläden der Eingangstür zu verriegeln. In der Via Salvator Rosa war er der Einzige, der so spät Feierabend machte. Aber der Tag war noch nicht zu Ende. Ein Mann betrat den Salon und murmelte einen Gruß.

Ciro kannte ihn, es war einer seiner merkwürdigsten Kunden: ein schlanker, mittelgroßer Herr um die dreißig mit dunklem Teint und schmalen Lippen, der meistens schwieg und auch sonst nicht weiter auffiel. Ungewöhnlich waren nur seine grünen, glasklaren Augen, und die Tatsache, dass er nie einen Hut trug, noch nicht einmal im Winter. Obwohl oder gerade weil er so wenig über ihn wusste, fühlte Ciro sich in seiner Gegenwart äußerst unwohl; natürlich konnte man es sich in diesen Zeiten nicht leisten, seine Kunden zu verärgern, erst recht nicht die Stammkunden, aber gerade dieser hier gehörte nicht zu den einfachsten. Er verhielt sich immer gleich: Jedes Mal grüßte er, nahm Platz, schloss die Augen wie im Schlaf und saß dann stocksteif auf seinem Lehnstuhl, als wäre er einbalsamiert. Nun also, auf ein Neues.

»Guten Abend. Was darf ’s sein?«

»Nur die Haare bitte. Nicht zu kurz. Etwas Schnelles.«

»Sehr wohl, der Herr. Ich beeile mich. Wird nicht lange dauern. Nehmen Sie doch Platz.«

Der Mann setzte sich und blickte sich rasch um. Ciro sah, wie er zusammenzuckte und einen Augenblick die Luft anhielt. War es Einbildung oder hatte er den Stuhl ganz hinten im Salon angestarrt, den des Toten? Allmählich wurde es bei Ciro zu einer fixen Idee: Es kam ihm vor, als würde jeder, der hereinkam, Blutflecken bemerken, obwohl er die doch so geduldig weggewischt hatte.

Mit einer nüchternen Geste strich der Kunde sich eine widerspenstige Haarsträhne, die ihm bis zur schmalen Nase reichte, aus der Stirn. Im künstlichen Licht wirkte er noch blasser, wie ein Leberkranker. Der braune Teint erschien heute fast gelblich. Der Mann seufzte und schloss die Augen.

»Fühlen Sie sich nicht wohl? Kann ich Ihnen ein Glas Wasser bringen?«

»Nein, es geht schon. Bitte beeilen Sie sich.«

Ciro begann, an den Nackenhaaren des Kunden herumzuschnippeln, er arbeitete flink. Er konnte nicht wissen, was der andere mit geschlossenen Augen nicht anzuschauen versuchte.

Dieser sah hinten im Raum einen Mann sitzen: Der Kopf war zwischen die Schultern gesunken, die Hände lagen auf den Beinen, um den Kragen ein schwarzes Tuch, den Blick auf den Spiegel an der Wand gerichtet. Direkt über dem Tuch klaffte ein enormer Schnitt, wie ein von Kinderhand gemaltes Lächeln, aus dem in regelmäßigen Abständen ein Schwall Blut schwappte. Mit geschlossenen Augenlidern sah der Kunde, wie der Tote langsam den Kopf zu ihm umdrehte, und hörte ein leichtes Knirschen der Halswirbel, hörte, wie die beiden Fleischlappen der offenen Wunde gegeneinanderrieben.

Mal sehen, was die Schlampe jetzt sagt. Jetzt, wo sie den Kindern den Vater genommen hat.

Der Kunde legte die Hand an die Schläfe. Dem Friseur wurde es immer mulmiger zumute; um diese Uhrzeit lief draußen niemand mehr vorbei und sein Angestellter, dieser Nichtsnutz, war schon vor einer ganzen Weile gegangen. Was würde denn noch geschehen? Die Schere klapperte schneller und schneller. Der Mann hielt die Augen geschlossen, und Ciro sah, wie sich auf seiner Stirn Schweißperlen bildeten. Vielleicht hatte der Herr Fieber.

»Gleich haben wir’s. Zwei Minuten noch und Sie können gehen.«

Aus der Tiefe des Ladens hörte der Kunde erneut die Klage des Toten.

Draußen, hinter der weit geöffneten Tür, herrschte Schweigen, und der Frühling wartete. Die Luft schien zu stehen.

Das Geräusch der Schere klang dem Kunden in den Ohren wie ein verrückt gewordener Hummer. Er war entschlossen, das Flüstern des Toten zu ignorieren. Was willst du denn noch sehen? Gar nichts mehr wirst du sehen. Weder, was die Schlampe sagt, noch irgendetwas anderes.

Der Friseur löste das Tuch vom Hals des Kunden.

»So, der Herr, wir wären fertig.«

Der Mann warf einige Münzen auf das Tischchen, das als Kasse diente, trat nach draußen und atmete tief durch. Er glaubte zu ersticken.

Die feuchte Abendluft empfing Luigi Alfredo Ricciardi, Kriminalkommissar beim mobilen Einsatzkommando des königlichen Polizeipräsidiums von Neapel. Der Mann, der die Toten sah.



Tonino Iodice kam zurück nach Hause zu Frau, Mutter und drei Kindern. Der Tag war lausig gewesen. Wie jeden Abend war er unten in dem alten Palazzo in der Via Montecalvario stehen geblieben, um seinem Gesicht den Ausdruck eines müden, doch zufriedenen Familienvaters zu verleihen, für den die Dinge gut laufen. Er wusste, dass das nicht stimmte, aber er verstellte sich ihnen zuliebe, wollte die Last nicht auch auf ihre Schultern laden.

Tonino hatte einen Pizzawagen gehabt und sich eigentlich ganz gut damit durchgeschlagen. Nur hatte er das nicht erkannt und unbedingt etwas Neues versuchen wollen. Jeden Morgen war er um fünf Uhr aufgestanden, hatte Teig und Öl vorbereitet, den Wagen fertig gemacht, sich möglichst warm angezogen, wenn es kalt war, oder sich im Sommer auf brennende Sonne eingestellt und war Richtung Stadt losgezogen. Jeden Tag derselbe Weg, dieselben Gesichter, dieselben Kunden.

Die Leute mochten Tonino und hörten ihn gern bei der Arbeit singen, denn er hatte eine schöne Stimme. Er flirtete mit den hübschen Frauen, tat verliebt, und die lachten und sagten: Ja, ja, lass gut sein, Toni, gib’ die Pizza her und zieh los. Er war jemand, der gute Laune verbreitete, mit seinem Wagen, und die Polizisten gingen an ihm vorbei, ohne nach Genehmigungen und Konzessionen zu fragen. Manchmal blieben sie auch stehen und er bot ihnen eine Pizza an, ohne Geld dafür zu verlangen: Geht auf ’s Haus! So verstrichen die Monate und die Jahre. Er hatte geheiratet; seine hübsche Concettina war noch fröhlicher und noch ärmer als er. In kurzen Abständen kamen Mario, Giuseppe und Lucietta zur Welt, schön wie die Mutter und laut wie ihr Vater, bloß essen konnten sie wie Vater und Mutter zusammen. Mit dem Wagen kam er nicht mehr nach.

Also hatte er sich gedacht, dass vor allem die Reichen auswärts essen und dass die Reichen sich an einen gedeckten Tisch setzen und bei Mandolinenmusik trinken und feiern möchten. Als der alte Hufschmied im Vicolo San Tommaso in Rente ging, wurde sein Laden frei. Darin war Platz genug für zwei große und ein bis zwei kleine Tische. Am Anfang würde er die Pizzen backen und Concetta bedienen; später dann, wenn alles angelaufen war, könnte auch Mario, der Älteste, mithelfen.

Trotz der Ersparnisse der Mutter und allem, um was man Verwandte und Freunde hatte bitten können, fehlte allerdings immer noch eine schöne Stange Geld. Der Wagen war schon verkauft, es gab kein Zurück mehr. Da hatte ein Freund ihm erzählt, dass in der Sanità eine alte Frau Geld zu niedrigen Zinsen verlieh, auch langfristig.

Er war zu ihr gegangen und hatte bekommen, was er brauchte. Vor sechs Monaten hatte er die Pizzeria eröffnet.

Zur Einweihungsfeier waren alle gekommen, Verwandte, Freunde, Bekannte – nur die Alte nicht, denn sie ging nicht gerne aus dem Haus. Alle waren gekommen und hatten gegessen, am ersten und am zweiten Tag, um Glück zu wünschen, und er hatte kein Geld von ihnen genommen. Danach allerdings ließen sich weder Freunde noch Verwandte je wieder blicken.

Tonino begriff, dass die Alten Recht haben, wenn sie sagen, der Neid treffe die Leute härter als der Schlag. Natürlich ging ab und zu jemand vorbei und kam herein, aber das Lokal lag nicht an einer Hauptstraße, man musste es kennen, um hinzufinden, und niemand kannte es. Nach und nach vergingen Tage und Monate und Tonino merkte, dass er eine Dummheit begangen und zu viel Geld für Einrichtung und Vorbereitungen ausgegeben hatte, Geld, das für immer verloren war. Nach drei Monaten hatte die Alte das Darlehen um weitere zwei Monate verlängert, unter Erhöhung der Zinsen, danach hatte sie ihm nur noch einen Monat Aufschub gewährt und ihn schreiend und schimpfend hinausgeworfen. Sie hatte ihn gewarnt: Die Frist lief zum letzten Mal ab und er würde bezahlen müssen.

Als Tonino die Tür zu seiner Wohnung öffnete, sprang Lucietta ihm auf den Arm und bedeckte ihn mit Küssen. Sie war immer die Erste, die ihn ankommen hörte. Er drückte sie an sich, und mit erstarrtem Lächeln ging er dem Rest der Familie entgegen. Er spürte, wie sein Herz sich ihm in der Brust zusammenzog. Am nächsten Tag würde der Wechsel fällig sein, zum letzten Mal. Und er hatte nicht einmal die Hälfte des Geldes zusammen.

II

Der Frühling erwachte in Neapel am vierzehnten April Neunzehnhunderteinunddreißig, kurz nach zwei Uhr morgens.

Er kam zu spät und wie üblich mit einem frischen Südwind nach einem Platzregen. Die Ersten, die ihn witterten, waren die Hunde auf den Gutshöfen des Vomero und in den Gassen des Hafenviertels; sie streckten die Schnauzen in die Luft und schnupperten, um gleich darauf mit einem Schnaufen wieder einzuschlafen.



Rituccia schlief nicht, sie tat nur so. Manchmal funktionierte es, und er blieb nur stehen, um sie anzuschauen, bevor er wieder zurück auf den Hängeboden ging. Dann hörte sie das alte Bett knarren, wenn er sich darin umdrehte, und bald darauf sein kratziges Schnarchen; ein fürchterliches Geräusch, das dem Mädchen jedoch wunderschön erschien, weil es sie vor dem Grauen bewahrte. Manchmal. Manchmal war es ihr vergönnt zu schlafen.

Aber heute Nacht hatte der Frühling ans Fenster geklopft und das Blut aufgemischt, dem der billige Wein der Taverne am Ende der Gasse bereits zugesetzt hatte. Sich schlafend zu stellen nützte ihr nichts. Wie jedes Mal, wenn sie die Hände ihres Vaters auf sich spürte, dachte sie an ihre Mutter. Und verfluchte sie dafür, tot zu sein.



Carmela wimmerte im Schlaf; die Arthritis brannte ihr wie ein glühendes Eisen auf den Knochen. Ihr war nicht kalt, die schwere Decke hielt sie warm und es kam keine Feuchtigkeit von den Wänden. Wäre sie wach gewesen, hätte die Alte mit Stolz die Blumentapete betrachtet, die sie erst vor kurzem hatte anbringen lassen. Sie hätte sich gesagt, dass sie sich mit diesen ganzen Blumen an den Wänden den Frühling gekauft hatte und dass die Blumen in der neuen Jahreszeit miteinander wetteifern würden, die Farben auf dem Balkon mit denen im Haus.

Aber Carmela sollte der Frühling versagt bleiben. Die Blumen dagegen nicht; die würde sie bekommen. Aber sie würde sie nicht mehr sehen.



Emma drehte sich vorsichtig auf die Seite. Sie war darauf bedacht, ihren Mann nicht aufzuwecken, der links neben ihr schlief. Aus Erfahrung wusste sie, dass die tausend kleinen Beschwerden dieses alten Egoisten schlimmer werden würden, wenn eine Bewegung der weichen Wollmatratze ihn zu früh aus dem Schlaf holte. Im Halbdunkel beobachtete sie sein Profil; durch die Seidengardinen drang das Licht der Straßenlaternen. Hatte sie ihn jemals geliebt? Falls ja, erinnerte sie sich nicht daran.

Sie lächelte im Dunkeln, ihre Katzenaugen leuchteten. Keine Nacht mehr, kein Frühling mehr ohne Liebe. Ihr Mann schlief mit offenem Mund, mit Haarnetz und bis zum Hals zugeknöpftem Nachthemd. Oh Gott, wie sehr ich ihn hasse, dachte sie.



Jenseits der Holzbretter, mit denen die Tür der Kellerwohnung verbarrikadiert war, hörte Gaetano die Mäuse durch die Gasse huschen. Tagsüber verkrochen sie sich in den Einlaufschächten der neuen Abwasserkanäle, mit Ausnahme der fetten und kranken Exemplare, die von den Kindern gejagt und getötet wurden; nachts allerdings, und zwar schon seit einer Woche, hörte er sie herumflitzen. Vielleicht waren wärmere Tage im Anmarsch. Seine Mutter war endlich eingeschlafen. Noch bis vor einer Stunde hatte er ihre unterdrückten Schluchzer neben sich gehört; dann hatte die Müdigkeit doch gesiegt. Nun lagen zwei, drei Stunden Frieden vor ihr, bevor alles von neuem begann. Gaetano schlief nicht, sondern dachte an das, was beschlossen war. Es musste sein, sie konnten so nicht weitermachen. Sanft schloss er die Augen und wartete, wie jede Nacht, auf den Morgen.



Attilio konnte nicht einschlafen. Heute Abend war er grandios gewesen, aber wie üblich hatte niemand es bemerkt. Während er im Dunkeln dalag und rauchte, spürte er, wie die Enttäuschung, Begleiterin so vieler Nächte, ihm zu schaffen machte. Ohne etwas erkennen zu können, ließ er seinen Blick schweifen; es gab ja ohnehin nichts zu sehen, dachte er, höchstens Trostlosigkeit. Und doch fühlte er es und hatte es immer gefühlt: Eines Tages würde er reich und berühmt sein, von allen verehrt und angebetet. Wie dieser eingebildete Lackaffe, der ihm absolut nichts voraus hatte. Fangen wir beim Geld an. Das Geld bringt auch den Rest. Seine Mutter hatte es ihm schon immer gesagt, von Kindheitstagen an. Das Geld kommt vor allem anderen. Eine Woche noch. Dann war Schluss mit trostlosen Zimmern in schäbigen Pensionen.



Filomena schlief unruhig. Sie träumte. Im Traum stand sie vor ihrer Tür und sah sich selbst heraustreten, eingehüllt in einen langen schwarzen Schal, den sie wie immer auch um ihr Gesicht geschlungen hatte, um es zu verbergen.

Auf der Tür prangte in riesigen roten Buchstaben das Wort HURE. Einfach so, ganz schlicht und eindeutig: wie ein Familienname. Sie sah sich voller Scham den Kopf senken, eine Schuldige ohne Schuld. Hure. Keine Männer, keine Liebschaften, keine Blicke, kein Lächeln. Dennoch Hure. Im Traum spürte sie die Panik, die Angst davor, dass ihr Sohn den Schriftzug entdecken würde, wenn er nach Hause kam. Mit tränenfeuchten Händen versuchte sie, ihn wegzuwischen, aber je mehr sie sich bemühte, desto größer wurde die Schrift, desto roter ihre Hände. Rot durch eine altbekannte Schuld: schön zu sein.



Enrica schlief in dieser ersten Nacht der neuen Jahreszeit; auf dem Nachttisch ihre Brille, ein Buch und ein halbvolles Glas Wasser. Der zusammengefaltete Morgenrock lag auf dem Armstuhl unter dem Stickrahmen.

Im Dunkel des Traumes eine ungewohnte Berührung, ein fremder Geruch und zwei Augen, die sie ansahen. Grüne Augen. Im Traum spürte die junge Frau, wie die Ankunft des Frühlings ihr Blut durcheinanderwirbelte.



Nur wenige Meter weiter, doch fern wie der Mond, war der Mann eingeschlafen. Er hatte gegessen, dann ein wenig Radio gehört und ihr vom Fenster aus beim Sticken zugesehen; in ein fremdes Leben tretend, als wäre es sein eigenes; Gegenstände mit fremden Händen berührend, lachend mit fremdem Mund, Geräusche und Stimmen erahnend, die er jenseits der Glasscheibe nicht hörte.

Dann kam der Schlaf, der eine neue Unruhe mit sich brachte, ein neues Verlangen unter der Haut, fast wie ein Gefühl der Übelkeit; dabei war es der Frühling, das Blut geriet in Wallung. Und schließlich das Dunkel, das die Bilder seiner Schrecken barg, die letzte Erinnerung an die Zeit seiner Unschuld.

Im Traum war der Mann wieder Kind und es war Sommer, die Hitze brannte ihm auf der Haut. Er lief mit gesenktem Kopf durch den Weinberg neben dem Anwesen seiner Eltern, wie immer spielte er allein. Im Traum roch er seinen Schweiß und die Trauben. Und auch Blut. Das Blut des Mannes, der im Schatten auf der Erde saß, mit ausgestreckten Beinen, die Arme am Boden, den Kopf auf der Schulter. Das Heft eines riesigen Messers ragte aus dem Brustkorb hervor wie ein Armstumpf, ein verstümmeltes drittes Glied. Im Schlaf hörte er den Mann auf wundersame Weise aufatmen.

Wie damals hob der Tote den Kopf und sprach zu ihm, und das Schrecklichste daran war, dass es ihm, wie damals, kein bisschen merkwürdig vorkam. Im Traum wandte er sich abermals um und rannte weg; und der Mann, zu dem das Kind mittlerweile geworden war, wimmerte im Schlaf. Es würde ihm nicht gelingen, davonzurennen: Hundert, ja tausend Mal sollten die Toten noch aus unbekannten Mündern zu ihm sprechen, und ebenso oft würden sie ihn aus leeren Augen anstarren und knöchrige Finger nach ihm ausstrecken.

Draußen vor dem Fenster wartete der Frühling.

III

Ricciardi mochte Neapel am liebsten in den frühen Morgenstunden. Es waren kaum Leute unterwegs und außer den entfernten Rufen der ersten fliegenden Händler nur wenige Geräusche zu hören. Man begegnete keinen Blicken, man musste den Kopf nicht gesenkt halten, um das Gesicht, die Augen zu verbergen.

Er freute sich über die Ankunft des Frühlings, doch war es eine zurückhaltende Freude, da er wusste, was ihn erwartete. Der Frühling, dachte Ricciardi, während er in Richtung Piazza Dante lief, verwandelte die Seelen der Menschen wie die Äste der Bäume; genau wie diese festen, dunklen Pflanzen, durch jahrhundertelanges Warten stark und unerschütterlich geworden, in dieser Jahreszeit vollkommen durchdrehten, indem sie knallig bunte Blüten zur Schau stellten, so setzten sich auch die besonnensten Leute die verrücktesten Ideen in den Kopf.

Obwohl er kaum über dreißig war, hatte Ricciardi schon gesehen, und sah täglich von neuem, wozu die Menschen fähig waren, auch diejenigen, die für das Böse am wenigsten empfänglich schienen. Er sah weit mehr, als er gewollt hätte: den Schmerz, den überwältigenden, sich wiederholenden Schmerz. Den Zorn, die Bitterkeit, ja die überhebliche Ironie im Augenblick des Todes. Er hatte gelernt, dass der natürliche Tod einen Schlussstrich unter das Leben zog. Er ließ keine Ungewissheiten für die Zukunft, schnitt alle Fäden ab und vernähte die Wunden, bevor er sich mit seiner Last auf dem Buckel auf den Weg machte und sich die knochigen Hände am schwarzen Gewand abrieb. Anders der gewaltsame Tod, der hatte keine Zeit dazu, musste schnell wieder los. In jenen Fällen begann das Schauspiel, gewann der äußerste Schmerz vor Ricciardis Augen Gestalt: Nur er, der einzige Zuschauer im verwesten Theater der menschlichen Qual, war Zeuge dieser Aufführung. Seine Gabe nannte er es. Der Gedanke, den der Sterbende nicht abzuschließen vermocht hatte, prallte ihm entgegen und schrie nach Rache. Wer so aus dem Leben schied, schied mit zurückgerichtetem Blick und hinterließ eine Botschaft, die Ricciardi erhielt, indem er diesen letzten, zwanghaft wiederholten Gedanken hörte.

Auf der Piazza Carità öffneten sich die ersten Fenstertüren und der Platz belebte sich allmählich. Auf seinem Weg zum Polizeipräsidium erkannte Ricciardi wie jeden Morgen, dass er gar keine Wahl gehabt hatte, er konnte nur diesen Beruf ausüben und sonst keinen.

Er hätte nicht die Kraft gehabt, den Schmerz zu ignorieren und sich abzuwenden oder sein Geld ringsum in der Welt zu verprassen. Man kann sich selbst nicht entfliehen. Er wusste, dass seine Verwandten sich nicht erklären konnten, warum er, der einzige Sohn des verstorbenen Barons von Malomonte, nicht auch als Baron von Malomonte lebte und die gesellschaftlichen Kontakte nutzte, die ihm sein Name eröffnet hätte. Er wusste auch, dass seine alte Kinderfrau, die siebzigjährige Tata Rosa, die sich um ihn kümmerte, seit er klein war, ihm Gelassenheit und ein wenig Frieden gewünscht hätte. Niemand konnte sich sein Schweigen erklären, den gesenkten Blick, die immerwährende Schwermut, die ihn umgab.

Ricciardi aber war es vorbestimmt, sich dem Abschiedsschmerz der Toten zu stellen. Er musste tun, was der Tod zu vollenden nicht die Zeit gehabt hatte.

Oder es zumindest versuchen.



In der Stille der Morgendämmerung betrat Ricciardi das Polizeipräsidium. Der Wachposten am Eingang saß noch ganz verschlafen in seinem Wärterhäuschen. Als er den Kommissar sah, wollte er aufspringen und salutieren, warf dabei aber bloß seinen Stuhl mit einem dumpfen Knall um, der im Innenhof verhallte. Verdrossen bedachte er den Ankömmling, der keine Miene verzogen hatte und ihm bereits den Rücken zuwandte, mit einer halb unflätigen, halb beschwörenden Geste.

Die Kollegen, Polizisten wie Untergebene, mochten Ricciardi nicht besonders; nicht etwa, weil er sich schlecht betragen hätte oder zu streng gewesen wäre. Ganz im Gegenteil, wenn überhaupt jemand Fehler oder Versäumnisse seiner Mitarbeiter vor den Vorgesetzten deckte, dann war er es. Es war vielmehr so, dass sie ihn nicht verstanden. Seine ruhige, eigenbrötlerische Art, das offensichtliche Fehlen jeder Schwäche, sein nicht vorhandenes Privatleben ließen keine kollegialen oder solidarischen Gefühle entstehen. Seine Fähigkeit, auch die schwierigsten Fälle zu lösen, hatte schon fast etwas Übernatürliches – und nichts flößte den Menschen in dieser Stadt mehr Furcht ein. Also hatte sich die Ansicht verbreitet und später gefestigt, dass man besser nicht mit Ricciardi zusammenarbeitete. Nicht selten kam es zu urplötzlichen Krankmeldungen, wenn jemand seinem Ermittlungsteam zugeordnet wurde. Oder man schrieb Ricciardis Gegenwart unerfreuliche Ereignisse zu, die mit ihm überhaupt nichts zu tun hatten.

Es war ein Teufelskreis: Je distanzierter Ricciardi sich verhielt, umso eifriger bemühten sich die Leute, ihn zu meiden. Der Kommissar schien sich dieses Umstandes nicht bewusst zu sein und litt folglich auch nicht darunter.

Bei den Vorgesetzten, dem Vizepräsidenten und dem Präsidenten, war es nicht anders. Es waren nicht die Zeiten, in denen man auf einen wirklich fähigen Mann leicht verzichten konnte. Immer häufiger mischte Rom sich in die Arbeit des Präsidiums ein und man stand unter Druck, die Effizienz der Ermittlungen zu belegen, indem man bei jedem Verbrechen der Presse bald einen Schuldigen zum Fraß vorwarf. Das Regime verlangte, dass das Leben in den Großstädten des Faschismus den Menschen Sicherheit und Zuversicht vermittelte: Ricciardi mit seinen schnellen und ungewöhnlichen Ermittlungserfolgen eignete sich dazu ganz vorzüglich.

Das Unbehagen, das seine Gegenwart auslöste, war jedoch unübersehbar. Er war nicht willkommen, daher wurden weder seine Verdienste anerkannt, noch erhielt er den Freiraum und die Beförderungen, die seine Erfolge geboten hätten. Man konnte nicht auf ihn verzichten, aber man belobigte ihn auch nicht. Ricciardi selbst schien an seiner Karriere nicht interessiert zu sein. Stets war er in seine Arbeit vertieft, eher ein Hohepriester der Gerechtigkeit als ein Staatsbediensteter, wenn er in seinem Büro saß oder zu Fuß die schmuddeligsten Viertel durchquerte, in strömendem Regen oder in sengender Hitze, immer auf der fieberhaften Suche nach dem Ursprung all des Schmerzes, der ihn zu ersticken drohte.

Trotz des Misstrauens, das man ihm allgemein entgegenbrachte, gab es allerdings zumindest eine Person, auf die er zählen konnte.

IV

Der Brigadiere Raffaele Maione trank seinen Kaffee auf dem kleinen Balkon und genoss die Aussicht. Eigentlich war das in seiner Tasse kein richtiger Kaffee; Maione war sich nicht sicher, ob er sich an echten Kaffeegeschmack überhaupt noch erinnerte. Und Balkon konnte man diesen kleinen Vorbau mit Geländer, den der Besitzer des Hauses im Vico Concordia vor zwanzig Jahren ohne Baugenehmigung hatte anbringen lassen, auch nicht nennen. Und schließlich das Gewirr verschlungener dunkler Sträßchen, die er sah, soweit das Auge reichte, ein Ort des Elends und der zwielichtigen Geschäfte: Man brauchte schon Fantasie, um davon als Aussicht zu sprechen.

Aber Maione hatte Fantasie und ebensoviel Optimismus. Oh ja, den hatte er weiß Gott. Ohne Optimismus hätte er manche Schicksalsschläge gar nicht meistern können.

Während es allmählich heller wurde, hielt Maione die Nase in die Luft, wie es ein paar Stunden vor ihm schon die Hunde getan hatten. Heute roch es anders. Vielleicht war es ja soweit und dieser endlos lange Winter hatte ein Ende. Ein neuer Frühling schien im Anmarsch zu sein: der dritte Frühling ohne Luca.

Maione hörte manchmal noch sein Lachen. Ein schönes, leidenschaftliches und lautes Lachen, das ihn schon von weitem ankündigte. Wer weiß, ob er ihn nicht sogar durch sein Lachen verloren hatte. Er würde es nie erfahren. Maione betrachtete seine Hand und dann seinen Arm: Er war braungebrannt und stämmig, fest und stark trotz seiner fünfzig Jahre.

Luca hatte ihm nicht geglichen, er war blond gewesen wie seine Mutter, und genau wie sie lachte er andauernd. Wie sie? Seit damals hatte Maione seine Lucia nicht mehr lachen hören. Natürlich ging das Leben weiter; wie hätte es auch stehen bleiben können mit fünf anderen Kindern, die noch aufzuziehen waren? Aber lachen? Fehlanzeige. An den Winterabenden, wenn die Jungs schliefen und die Zeit stillstand, war Luca gut gelaunt nach Hause gekommen, hatte seine Mutter umarmt und sie wie eine Puppe im Kreis gedreht; oder ihn geneckt und alten Schmerbauch genannt, er war so stolz gewesen in seiner neuen Polizeiuniform.

An diesem noch kalten Morgen brachte der Frühling dem Brigadiere den Geruch des Blutes seines Sohnes. Er erinnerte sich daran, wie der junge Kommissaranwärter Ricciardi, dieser Sonderling, mit dem niemand zusammenarbeiten wollte, sich allein mit der Leiche im Keller eingeschlossen hatte, fünf nicht enden wollende Minuten lang. Und er hatte ihm in zärtlichen Worten, die er nicht kennen konnte, die letzte Botschaft seines Sohnes überbracht, ihm dabei den Arm gedrückt und ihm fest in die Augen gesehen. Noch jetzt, nach drei Jahren, schauderte er vor Liebe und Schrecken.

Seit diesem Zeitpunkt war er dem Kommissar treu ergeben. Er erlaubte niemandem, schlecht über ihn zu sprechen oder sich über ihn lustig zu machen.

Er wachte auch über die besondere Vorgehensweise Ricciardis, die darin bestand, dass der Kommissar den Ort des Verbrechens zunächst ganz allein in Augenschein nahm. Maione hielt alle anderen fern, während Ricciardi mental in das Geschehene eintauchte. Gelegentlich, aber nicht allzu oft, zog der Kommissar ihn auch ins Vertrauen und teilte ihm seine Gedanken zu den laufenden Ermittlungen mit. Dabei erahnte Maione trotz seines schlichten Gemüts manches, was in Ricciardi vorging. Jedes Mal war es, als ob das Verbrechen den Kommissar direkt anginge, sein eigener Schmerz sei, eine Schmach, die es zu rächen galt, ein erlittenes Unrecht, das wiedergutgemacht werden musste. Er war nicht wie die anderen, die des Geldes, der Karriere oder der Macht wegen ermittelten: Solche Typen waren Maione viele untergekommen. Ricciardi war anders.

An jenem Morgen dachte Maione daran, dass Ricciardi ja eigentlich kaum zehn Jahre älter als sein Luca war. Dennoch kam er ihm wie ein Hundertjähriger vor, und so einsam wie jemand, auf dem ein Fluch lastete.

Der Brigadiere schloss die Augenlider und strich sich mit der Hand über die gerade erst rasierte und schon wieder stoppelige Wange. Vielleicht war der Kommissar ja gerade wegen dieses Fluchs in der Lage gewesen, ihm die letzten Worte seines Sohnes zu überbringen. Schaudernd trat Maione zurück ins Haus. Es war Zeit, zur Arbeit zu gehen.

V

Sie hasste diesen Ort, und doch schaffte sie es nicht, es sein zu lassen. Sie hasste die Horde schreiender Kinder. Sie hasste die schmale, steile Treppe, die bis zum letzten Stockwerk führte, das zerlumpte Volk, dem man begegnete: die bettelarmen Hausbewohner und die Gäste, die ihr entgegenkamen und beschämt zur Seite traten, um sie vorbeizulassen.

Sie verstand das gut, denn auch sie schämte sich. Nicht, dass sie je in einem Bordell gewesen wäre, aber sie dachte sich, dass es wohl auch dort so sein musste: Wenn man erkannt wurde, lief man Gefahr, einen mühevoll erworbenen hochanständigen Ruf im Handumdrehen zu verlieren.

Und dann erst der Gestank. Es roch nach Knoblauch, ranzigem Essen und Urin. Überall schlug es ihr entgegen: auf der Straße, in der Eingangshalle, in der Wohnung. Hin und wieder brachte sie Blumen mit und die Alte vermutete wahrscheinlich, dass sie damit indirekt um einen Preisnachlass bitten wollte, aber Emma vergrub nur ihre Nase darin, um dem Gestank zu entfliehen. Freilich war die Frau alt, und alte Menschen haben sich nicht unter Kontrolle. Emma war glücklich darüber, jung zu sein, und beabsichtigte, es auch möglichst lange zu bleiben. Jung und schön und reich und begehrt. Und jetzt, da sie die wahre Liebe gefunden hatte, war das Leben noch schöner und die Zukunft ein heller Stern. Alle sagten das seit ein paar Jahren: Die Zukunft der Nation war vielversprechend. Warum dann nicht auch ihre? Wie lange sollte sie noch bezahlen für einen Fehler, den andere begangen hatten und den sie abbüßte?

Sie brauchte bloß eine letzte Bestätigung, eine abschließende Genehmigung des Schicksals. Sie war sich ihrer Gefühle sicher, aber sie konnte es sich nicht erlauben, noch mehr Fehler zu machen. Damit musste Schluss sein.



Ricciardi stand am Fenster seines Büros und blickte auf die Piazza Municipio. Die Straße war noch nass vom nächtlichen Regenguss, aber der Himmel war jetzt blau und wolkenlos. Eine leichte Brise trug den Duft des Meeres herbei.

Die Bäume in den Grünanlagen der Piazza waren so geschnitten, dass sie den schmiedeeisernen Bänken Schatten spendeten. Zu den vier grünen Kiosken kamen die ersten Kunden, es wurden Zeitungen und Getränke angeliefert.

Neben einigen Kutschen waren eine Handvoll Autos und ein Lieferwagen unterwegs. In der Ferne, jenseits der Piazza, sah man die drei Schornsteine des englischen Kreuzfahrtdampfers, der vor einigen Tagen angelegt hatte. Und über allem thronte das Castel Nuovo.

»Noch kaum was los und bis jetzt kein Toter«, dachte Ricciardi, atmete tief ein und hielt die Luft einen Augenblick an. Dann atmete er langsam aus. Er wandte sich dem Raum zu, die Stadt lag nun hinter ihm; vor ihm befand sich »Ricciardis Zelle«, so nannten die Kollegen sein Büro.



Die Alte hatte sie in ihren Bann gezogen. Zuerst hatte sie gelacht, als ihre gelangweilten Freundinnen ihr erzählten, wie sie ihre Nachmittage verbrachten, auf der Suche nach Liebe dem Traum von einer erfüllteren Zukunft nachhingen. Ab und zu hatte sie die eine oder andere begleitet und war Zeugin lächerlicher Vorstellungen gewesen: Sie sah bühnenreife Hexen mit Gehilfen, die Gespenster darstellen sollten und düstere Stimmen aus dem Jenseits ertönen ließen. Bloß dass das Jenseits sich hinter einer Zwischenwand aus Holz befand, die von einem halbgeöffneten Vorhang mehr schlecht als recht verdeckt wurde.

Dann eines Tages hatte sie Attilio kennengelernt; sie kam gerade aus dem Theater, wo sie wie üblich allein hingegangen war. Und an demselben, magischen Abend fand auch die zufällige Begegnung mit der alten statt. Sie hatte sich ihr humpelnd genähert; sie hatte sie für eine Bettlerin gehalten, nicht auf sie Acht gegeben und an ihr vorbeigehen wollen. Die Frau jedoch hatte sie am Arm gepackt, sie im Dunkeln angestarrt, und sie war verwirrt stehen geblieben. Dann hatte die Alte ihr mit ihrer kratzigen Stimme, der sie später noch so oft begierig lauschen sollte, ganz unverblümt gesagt, sie sei unglücklich, weil in ihrem Herzen Leere wohnte.

VI

Mit der üblichen, überraschenden Geschicklichkeit ihrer krummen Finger mischte die Alte, vor sich hin murmelnd, die Karten: Emma hatte noch nie verstanden, was sie sagte, und wollte es auch nicht wissen. Nachdem sie ihre geheimnisvolle Formel gesprochen hatte, spuckte sie dreimal auf die Karten. Emma erinnerte sich deutlich daran, wie eklig sie das fand, als sie es zum ersten Mal gesehen hatte. Sie war versucht gewesen, aufzustehen und wegzurennen, aber die Kraft, die von diesen Gesten ausging, hatte sie festgehalten. Die Speicheltropfen waren von den flinken Händen und den anderen, übereinandergleitenden Karten schnell verwischt worden und verschwunden. Da plötzlich hielt die Alte ihr den Kartenstapel zum Abheben hin; die Eleganz der Bewegung erinnerte an einen Croupier. Emma seufzte, sie hatte schweißnasse Hände. Die Alte nahm die Hälfte der Karten und legte sie auf das fleckige Tischtuch. Die übrigen ordnete sie in acht kleinen Stapeln kreuzförmig an, dann sah sie ihr direkt in die Augen. Nach einer langen Weile, in der Emma sich wie stets fühlte, als würde sie in einem Meer aus Öl versinken, deutete sie auf den Stapel in der Mitte des Kreuzes. Die Alte nickte und blieb immer noch stumm. Seit Emmas Ankunft war noch kein einziges Wort gesprochen worden.

Mit der typischen unerwarteten Bewegung, die Emma jedes Mal zusammenzucken ließ, schlug die Alte mit der Faust auf den Stapel, den sie ihr gezeigt hatte, und krächzte dabei: »Sprich durch mich!«

Erschrocken stoben zwei Tauben von dem kleinen Balkon davon. Drei Stockwerke weiter unten, auf der Straße, setzte das Geschrei der Kinder einen Augenblick aus. Die Zeit stand still, während Emma abermals einer Magie beiwohnte, an die sie blind und von ganzem Herzen glaubte. Die Alte hielt die Augen jetzt geschlossen und atmete heftig; ihre Lippen waren zusammengepresst, die weißen Haare zu einem Knoten verschlungen, der Kopf war zwischen die Schultern geduckt, die beiden Fäuste lagen geballt auf dem Tisch. Nach einer Weile entspannte sie sich, atmete tief ein und hob die erste Karte des ausgewählten Stapels ab.

Der Münzen-König.



Der Vico del Fico war eine enge Sackgasse, ein kleines Dorf im Herzen einer Stadt, und Filomena lebte als Fremde darin. Sie hielt den Kopf gesenkt, der hochgeschlagene Kragen verdeckte die untere Gesichtshälfte, das Kopftuch die obere. Sie trug einen alten, abgenutzten und ausgebeulten Männermantel, Schuhe mit Pappsohlen – sie musste aufpassen, in keine Pfütze zu treten, sonst hätte sie für den Rest des Tages nasse Füße gehabt. Die brauchte sie aber noch; im Textilgeschäft der Via Toledo würde sie lange darauf stehen müssen, einen ganzen anstrengenden Tag lang. Filomena ging schnell, blickte zu Boden, hielt sich dicht an den Hauswänden. Sie spürte die feindseligen Blicke auf sich ruhen, die ihr aus den Fenstern heraus folgten. Der Hass war mit Händen zu greifen.

Zum Glück würde sie abends vor ihrem Sohn Gaetano nach Hause kommen. Sie würde Zeit haben, die Schmiererei an der Tür zu entfernen; die Schrift war aus Kalk oder Kreide, mit Wasser müsste es weggehen.

Eine Hure sollte sie sein, ausgerechnet sie, seit zwei Jahren hatte kein Mann sie berührt, sie floh ja regelrecht vor ihren Blicken. Sie hatte nur einen Mann gehabt und dabei würde es für immer bleiben, weil ihr Gennaro tot war und sie es nicht ertragen würde, von jemand anderem angefasst zu werden.

An der Ecke zur Gasse stand wie jeden Morgen Don Luigi Costanzo. Sie wäre ihm nur zu gerne ausgewichen, aber einmal, als sie die Straßenseite gewechselt hatte, hatte er abends an ihre Tür geklopft. Er hatte sie am Arm gepackt, so fest, dass es weh tat, und ihr in das erschrockene Gesicht gezischt, tu das nie wieder, sonst komme ich dich holen, wo auch immer du bist. Gaetano beobachtete die Szene aus dem Dunkeln, er wagte nicht zu schreien, doch in seinen Augen stand pures Entsetzen. Sie hatte ihn mit Blicken beruhigt, keine Angst, mein Schatz, mach dir keine Sorgen, gleich wird der Bastard verschwinden. Don Luigi war jung, aber es hieß, dass er schon zwei Leute umgebracht hatte: ein aufsteigendes Camorra-Mitglied und einen zukünftigen Stadtteilboss. Verheiratet, zwei Kinder in zwei Jahren: Was wollte er dann von ihr? Du hast mich um den Verstand gebracht, ich muss dich haben. Und wie, bitte schön, hab’ ich das gemacht? Wo ich dich noch kein einziges Mal angesehen habe? Wo ich schufte und arbeite von morgens bis abends, nur damit mein Sohn nicht hungern muss? Damit er seine Lehre macht und irgendwie durchkommt, eine Zukunft hat?

Schließlich hatte sie ihn rausgeworfen, ihm gedroht, gleich zu schreien, ihn bloßzustellen, es seiner jungen Frau zu sagen oder, schlimmer noch, seinem Schwiegervater, dem wahren Boss des Viertels. Er war gegangen. Vorher hatte er dem Jungen teuflisch zugelächelt. Ein hübscher Bursche, dein Sohn, hatte er gesagt. Zartes Fleisch für ein Messer. Filomena weinte die ganze Nacht.



Die Alte drehte die zweite Karte des Stapels um. Schwert Sieben. Ihre Hand, knorrig wie der Ast einer jahrhundertealten Eiche, zitterte kurz, die Augenbrauen bildeten eine Linie. Emma hielt den Atem an und bewegte nicht einmal die Augenlider. Immer noch der Geruch nach Knoblauch und Urin. Das Geschrei der Kinder auf der Straße. Die Vorboten des Schicksals.



Filomena beschleunigte ihre Schritte, soweit ihre kaputten Schuhe und die nassen Steine es erlaubten. Sie versuchte, dem Mann auszuweichen, aber er verstellte ihr mit einem plötzlichen Schritt zur Seite den Weg. Sie hielt an, senkte den Kopf, ihr Gesicht wurde vom Kragen verdeckt. Der Mann gab einen lächerlichen Laut von sich, eine Art langgezogenen Kuss. Sie blieb stehen und wartete. Er zog seine Hand aus der Hosentasche, streckte sie nach ihr aus, sie trat einen Schritt zurück. Dann sagte er, Filome’, es ist nur eine Frage der Zeit. Der Zeit, dachte sie. Er fragte lachend: Wieso hast du dich so vermummt? Als ob du dich schämen würdest. Schämst du dich etwa? Sie wich ihm aus und ging schnell in Richtung Via Toledo. Ja, dachte sie, ich schäme mich. Filomena Russo schämte sich ihres verhängnisvollsten Makels, ihrer Verdammnis. Filomena Russo war die schönste Frau der Stadt.



Die Alte drehte die dritte Karte um: ein Kelch Ass. Sie presste die Lippen aufeinander. Eine Fliege knallte an die Fensterscheibe, was in dieser Stille einer Explosion gleichkam. Emma wurde bewusst, dass sie die Hand an den Hals gelegt hatte, sie spürte den heftigen Pulsschlag. Ihre Füße waren eiskalt. Noch eine Karte, die vierte: Schwert Fünf. Der Ausdruck der Alten veränderte sich nicht, aber ihre Hand zitterte.

Mit der Zeit hatte Emma gelernt, welche Karte für ihn stand, den Mann, den sie liebte: Das Keulen-Pferd. Diese Karte war von Anfang an stets gezogen worden, jedes Mal war sie bei den anderen Karten gewesen, die zur Flucht, zur Veränderung, zum Leben aufriefen. Warum tauchte sie diesmal, ausgerechnet jetzt, wo sie sich entschieden hatte, nicht auf?

Die Alte drehte die letzte Karte des Stapels um, die letzte Möglichkeit. Es war weder ein Reiter noch ein König. Es war die Münzen-Zwei. Mit Entsetzen bemerkte Emma, dass aus dem Auge der Alten eine Träne floss.



Filomena wartete darauf, dass die erste Kundin das Textilgeschäft, in dem sie arbeitete, betreten würde. Eingehüllt in ihren Mantel, das Tuch fest um den Kopf gebunden, stand sie unbeweglich an der Straßenecke, ohne auf den Wind zu achten. Der große Ofen im Laden war bestimmt schon angezündet worden. Gerne hätte sie die angenehme Wärme, die er verströmte, auf der Haut gespürt, aber sie konnte noch nicht hineingehen. Sie wusste, dass Signor De Rosa, der Eigentümer, großen Wert darauf legte, das Geschäft schon bei der Öffnung behaglich zu gestalten. Er war nämlich überzeugt, dass die fröstelnden Kundinnen dann noch lieber hereinkommen würden, um sich umzusehen und folglich auch etwas zu kaufen.

Doch sie wusste auch, dass Signor De Rosa, über fünfzig und bereits Großvater, sie schon seit geraumer Zeit bedrängte. Filome’, ich setz’ dich auf die Straße: Wenn du nicht nachgibst, und zwar sofort, schmeiß’ ich dich raus. Wenn du mit mir kommst, mach’ ich dich reich, du bekommst von mir Geschenke, Schmuck, alles. Du hast mich verhext, Filome’. Du hast mich um den Verstand gebracht und jetzt musst du mich heilen.

Dort an der Straßenecke, in all ihrer von einem alten Mantel verhüllten Schönheit, stand Filomena Russo und wartete, während sie stumm vor sich hin weinte.

VII

Ricciardi verließ sein Büro um acht Uhr abends. Es war kein guter Tag gewesen. Er hatte ihn damit zugebracht, Formulare auszufüllen, die dann bis in alle Ewigkeit von einem Tisch zum nächsten wandern würden. Oft fühlte er sich wie ein armseliger Buchhalter, dem die immer gleichen Formeln, mit denen er das Böse in ein Schema zu bringen versuchte, im Grunde ein Rätsel blieben. Als ob man Perversionen, blutrünstige Gefühle, Zorn und Hass protokollieren könnte.

Der Korridor war dunkel, fast alle waren nach Hause gegangen. Jeden Tag war es so: Er kam als Erster und ging als Letzter.

Er wusste, was er sehen würde: Auf der zweiten Stufe der verlassenen breiten Freitreppe standen sie Seite an Seite, einer beim anderen untergehakt wie zwei alte Freunde: Räuber und Gendarm, wie in dem Kinderspiel.

Auf ihre Art stellten sie im Bereich der Gabe eine Seltenheit dar: Obwohl bereits zwei Jahre vergangen waren, sah Ricciardi sie noch immer, im Halbdunkel blass glänzend; vielleicht wegen des ungeheuer starken Überraschungsmoments, vielleicht, weil sie zu zweit waren. Ricciardi erinnerte sich gut an die Begebenheit, sie hatte großes Aufsehen erregt: Ein harmloser Vorbestrafter, der wegen einer Rauferei verhaftet worden war, hatte einem der beiden Polizisten, die ihn zu seiner Zelle führten, den Revolver entwendet und sich damit in die Schläfe geschossen. Das Verhängnisvolle daran: Die Kugel hatte seinen Kopf durchbohrt und war nicht steckengeblieben, sie traf auch den Polizisten zu seiner Linken.

Als er an dem Paar vorüberging, hörte Ricciardi zum x-ten Mal, was die beiden ohne Unterlass wiederholten. Der Vorbestrafte sagte: »Nie mehr geh’ ich da rein, nie wieder «, der Polizist: »Maria, oh Gott, Maria «. Er meinte nicht die Jungfrau Maria, sondern seine Ehefrau.

Die rechte Seite des Kopfes des Häftlings, wo die Kugel eingedrungen war, bot ein Bild der Verwüstung: das große Loch, verbrannte Haut, die leere Augenhöhle des explodierten Auges, Hirnmasse auf der Schulter und auf dem Brustkorb. Links war nur eine kleine Wunde zu sehen, aus der das Geschoss ausgetreten war, um gleich darauf in den Kopf des Polizisten einzudringen: Dessen rechtes Auge war gerötet, als ob ihm ein kleines Insekt hineingeflogen wäre, dabei war es der Widerschein des Blutes, das sein Gehirn überschwemmt hatte. Die Augen auf die Stufen gerichtet, sehend ohne hinzusehen, murmelte Ricciardi gemeinsam mit dem toten Polizisten leise: »Maria, oh Gott, Maria«, und es klang wie das Ende eines altbekannten Witzes.



Am Abendbrottisch diskutierten Enricas Vater und ihr Schwager wie üblich über Politik. Die Familie war es mittlerweile gewohnt: Sowohl Enrica, die älteste Tochter, als auch ihre Mutter und Geschwister hatten eingesehen, dass es unmöglich war, ihren Redeschwall zu bremsen, und auch nicht, sich einzumischen oder das Thema zu wechseln; lieber aß man, als ob nichts wäre, und ließ sie ihr Gespräch später neben dem Radio fortsetzen. Den ganzen Tag lang fieberte Enrica diesem Augenblick entgegen, ja sie träumte sogar nachts davon, war voller Sehnsucht und Ungeduld. Mit der Zeit hatte sie einiges Geschick darin entwickelt, so zu tun, als ob sie der Diskussion folgen würde, während sie in Wahrheit ihren eigenen Gedanken nachhing. Sie konnte es kaum erwarten, dass das Abendessen zu Ende sein würde und alle ins Esszimmer gingen, um sie in Ruhe spülen zu lassen. Sie tat das sehr gern. Eigensinnig, introvertiert und empfindsam, wie sie war, doch oft mit einem Lächeln auf den Lippen, hatte sie immer schon Wert auf Ordnung und Genauigkeit gelegt. Sie räumte gern auf und mochte eine klare Rollenverteilung, und die Küche war ihr eigenes kleines Reich. Hilfe wollte sie nicht, sie wollte niemanden um sich herum haben.

Und außerdem hatte sie eine Verabredung.

VIII

Ricciardi aß und Tata Rosa sah ihm dabei zu. So war es jeden Abend. »Was führen Sie bloß für ein Leben? Sehen Sie nur, gestern noch beim Friseur und schon wieder die Haare in den Augen. Und blass sind Sie wie ein Gespenst«, Ricciardi verzog das Gesicht, »gehen Sie denn nie an die Sonne? Heute weht ein wunderbares Lüftchen vom Capodimonte, sind Sie wenigstens ein bisschen draußen vorm Präsidium gewesen? Nein, oder? Hab’ ich mir schon gedacht. Ach, was soll ich bloß machen, alt wie ich bin, wie soll ich das Zeitliche segnen, wenn ich weiß, dass ich Sie hier allein zurücklasse? Können Sie nicht ein nettes Mädchen heiraten, dann bringt Ihr mich ins Altenheim und ich kann in Frieden sterben?«

Ricciardi stimmte feierlich zu, indem er ab und zu von seinem Teller aufsah, um zum Ausdruck zu bringen, wie nahe ihm das Unglück seiner Kinderfrau ging, der das schreckliche Los zugefallen war, sich um ihn kümmern zu müssen. In Wahrheit hatte er überhaupt nicht zugehört. Trotzdem hätte er die Litanei wortgetreu wiedergeben können, da er sie tausend Mal gehört hatte. Er dachte, wie üblich, an anderes und hielt es mit Tata Rosa wie mit dem Regen: Man wartet einfach, bis er aufhört, und versucht, dabei so wenig wie möglich nass zu werden. Hätte er sie unterbrechen wollen, hätte er den ganzen Abend gebraucht, um sie davon zu überzeugen, dass sein Leben genau so war, wie er es sich wünschte.

Und außerdem hatte er eine Verabredung.