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Inhaltsverzeichnis

Buch
Autor
Widmung
Kapitel 1 - Paris, Frankreich Montag 06:19 MEZ
Kapitel 2 - 08:24 MEZ
Kapitel 3 - 08:27 MEZ
Kapitel 4 - 08:34 MEZ
Kapitel 5 - 08:38 MEZ
Kapitel 6 - 08:45 MEZ
Kapitel 7 - 09:15 MEZ
Kapitel 8 - 09:41 MEZ
Kapitel 9 - 13:15 MEZ
Kapitel 10 - Charleroi, Belgien Montag 17:02 MEZ
Kapitel 11 - Central Intelligence Agency, Virginia, USA Montag 13:53 EST (Eastern Standard Time)
Kapitel 12 - Südöstlich von Charleroi, Belgien Montag 19:48 MEZ
Kapitel 13 - Paris, Frankreich Montag 22:48 MEZ
Kapitel 14 - München, Deutschland Dienstag 01:12 MEZ
Kapitel 15 - Central Intelligence Agency, Virginia, USA Dienstag 06:07 EST
Kapitel 16 - Genf, Schweiz Dienstag 18:32 MEZ
Kapitel 17 - München, Deutschland Dienstag 22:39 MEZ
Kapitel 18 - Paris, Frankreich Dienstag 23:16 MEZ
Kapitel 19 - Nördlich von Saint Maurice, Schweiz Mittwoch 08:33 MEZ
Kapitel 20 - 14:18 MEZ
Kapitel 21 - 14:34 MEZ
Kapitel 22 - Paris, Frankreich Donnerstag 15:16 MEZ
Kapitel 23 - Central Intelligence Agency, Virginia, USA Mittwoch 16:56 EST
Kapitel 24 - Flughafen Charles de Gaulle, Paris, Frankreich Donnerstag 07:30 MEZ
Kapitel 25 - Budapest, Ungarn Donnerstag 17:46 MEZ
Kapitel 26 - Paris, Frankreich Donnerstag 22:22 MEZ
Kapitel 27 - Marseille, Frankreich Freitag 05:03 MEZ
Kapitel 28 - Paris, Frankreich Freitag 08:12 MEZ
Kapitel 29 - Debrecen, Ungarn Freitag 20:12 MEZ
Kapitel 30 - Paris, Frankreich Samstag 00:09 MEZ
Kapitel 31 - 01:35 MEZ
Kapitel 32 - 01:50 MEZ
Kapitel 33 - Marseille, Frankreich Samstag 01:59 MEZ
Kapitel 34 - Central Intelligence Agency, Virginia, USA Samstag 10:49 EST
Kapitel 35 - St. Petersburg, Russland Samstag 16:23 MSK (Moskau-Zeit)
Kapitel 36 - Zürich, Schweiz Samstag 13:11 MEZ
Kapitel 37 - St. Petersburg, Russland Samstag 16:58 MSK
Kapitel 38 - 17:27 MSK
Kapitel 39 - Central Intelligence Agency, Virginia, USA Sonntag 06:05 EST
Kapitel 40 - Schukowka, Russland Samstag 21:04 MSK
Kapitel 41 - In einem Waldgebiet nahe Moskau, Russland Sonntag 07:43 MSK
Kapitel 42 - Mailand, Italien Sonntag 21:33 MEZ
Kapitel 43 - St. Petersburg, Russland Montag 13:57 MSK
Kapitel 44 - Paris, Frankreich Montag 10:07 MEZ
Kapitel 45 - St. Petersburg, Russland Montag 17:25 MSK
Kapitel 46 - Östlich von Kohtla-Järve, Estland Montag 16:45 EET (Eastern European Time)
Kapitel 47 - Paris, Frankreich Montag 19:54 MEZ
Kapitel 48 - Moskau, Russland Montag 23:05 MSK
Kapitel 49 - Paris, Frankreich Montag 21:01 MEZ
Kapitel 50 - 21:13 MEZ
Kapitel 51 - 23:03 MEZ
Kapitel 52 - Falls Church, Virginia, USA Montag 16:54 EST
Kapitel 53 - London, Großbritannien Dienstag 13:56 GMT (Greenwich Mean Time)
Kapitel 54 - Central Intelligence Agency, Virginia, USA Dienstag 08:17 EST
Kapitel 55 - London, Großbritannien Dienstag 16:46 GMT
Kapitel 56 - Amsterdam, Niederlande Mittwoch 21:37 MEZ
Kapitel 57 - Washington, D. C., USA Mittwoch 19:40 EST
Kapitel 58 - London, Großbritannien Donnerstag 04:02 GMT
Kapitel 59 - Rostow, Russland Donnerstag 17:50 MSK
Kapitel 60 - Nikosia, Zypern Donnerstag 15:49 EET
Kapitel 61 - 21:01 EET
Kapitel 62 - Paris, Frankreich Donnerstag 21:20 MEZ
Kapitel 63 - Nikosia, Zypern Donnerstag 23:49 EET
Kapitel 64 - 01:10 EET
Kapitel 65 - 01:49 EET
Kapitel 66 - Arlington, Virginia, USA Freitag 12:30 EST
Kapitel 67 - Nikosia, Zypern Samstag 02:59 EET
Kapitel 68 - Harrisonburg, Virginia, USA Samstag 08:12 EST
Kapitel 69 - 130 Kilometer östlich von Tanga, Tansania Sonntag 11:27 EAT (East Africa Time)
Kapitel 70 - Tanga, Tansania Sonntag 19:03 EAT
Kapitel 71 - Falls Church, Virginia, USA Sonntag 12:05 Uhr EST
Kapitel 72 - Tanga, Tansania Sonntag 19:17 EAT
Kapitel 73 - 19:22 EAT
Kapitel 74 - 19:24 EAT
Kapitel 75 - 19:26 EAT
Kapitel 76 - 19:26 EAT
Kapitel 77 - 19:34 EAT
Kapitel 78 - 19:34 EAT
Kapitel 79 - 19:37 EAT
Kapitel 80 - Daressalam, Tansania Dienstag 12:03 EAT
Kapitel 81 - 13:13 EAT
Kapitel 82 - Moskau, Russland Dienstag 14:11 MSK
Kapitel 83 - Tanga, Tansania Dienstag 16:50 EAT
Kapitel 84 - 17:02 EAT
Kapitel 85 - Falls Church, Virginia, USA Samstag, drei Wochen später, 22:49 EST
Danksagung
Copyright

Autor

Tom Wood, der eigentlich Tom Hinshelwood heißt, ist freischaffender Bildeditor und Drehbuchautor. Er wurde in Staffordshire, England, geboren und lebt mittlerweile in London. »Codename Tesseract« ist sein Debütroman, mit dem er Leser und Kritiker im Sturm eroberte.

Mehr zum Autor und seinen Büchern finden Sie unter
www.tomhinshelwood.com

Danksagung

Ohne die vielfältige Unterstützung, die ich beim Verfassen dieses Buches erfahren habe, hätte ich es niemals zu Ende gebracht. Der erste Dank gebührt meinem Bruder Michael für seine unermüdliche Begeisterung, seine durchgehend grandiosen Vorschläge und seine aufmerksame Lektüre. Ohne seine Mithilfe wäre Codename Tesseract ein sehr viel langweiligeres Buch geworden.

Dank auch an die engagierten Mitarbeiter von Thomas Dunne Books: Bob Berkel, Angela Gibson sowie meinen Lektor Pete Wolverton. Auch sie haben diesen Roman besser gemacht, indem sie meine zahlreichen Fehler korrigiert haben. Auch bei Elizabeth Byrne möchte ich mich für ihre wohlwollende Unterstützung herzlich bedanken.

Meinen Freunden und meiner Familie habe ich unzählige hilfreiche Kommentare und Vorschläge zu verdanken, besonders der bezaubernden Emmalene Knowles und der hinreißenden Mag Leahy, die solch scharfsinnige Beobachtungen und unerwartetes Lob beigesteuert haben. Chris Wright, Adam Bradley, Richard Graham und Dave Thomas sollen hier erwähnt werden, weil sie sich in wahrer Heldenmanier durch meinen armseligen ersten Entwurf gequält haben und dabei viel Freundlichkeit und wenig Kritik haben walten lassen. Danke auch an Paul Matthews, der mich vor dem größtmöglichen Fehler überhaupt bewahrt hat, und an Simon Akrigg, der mir über die so außerordentlich schwierige erste Seite hinweggeholfen hat.

Der letzte Dank gilt meinem Agenten Philip Patterson für sein Vertrauen, seinen Rat und seine tiefen Einblicke.

Kapitel 1

Paris, Frankreich Montag 06:19 MEZ

Die Zielperson sah älter aus als auf den Fotos. Das trübe Licht der Straßenlaternen betonte noch die tiefen Falten auf seinem Gesicht und seinen bleichen, fast schon kränklichen Teint. Auf Victor machte der Mann einen sehr erregten Eindruck. Entweder war er hochgradig nervös, oder er hatte zu viel Koffein im Blut. Doch egal, was der wahre Grund sein mochte, in dreißig Sekunden würde es sowieso keine Rolle mehr spielen.

Der Name im Dossier lautete Andris Ozols. Lettischer Staatsbürger. Achtundfünfzig Jahre alt. 1,75 Meter groß. Fünfundsiebzig Kilogramm schwer. Rechtshänder. Keine besonderen Kennzeichen. Die grauen Haare waren genauso kurz und sorgfältig gestutzt wie sein Schnurrbart. Blaue Augen. Ozols war kurzsichtig und trug daher eine Brille. Er war elegant gekleidet, dunkler Anzug, Mantel, blank gewienerte Schuhe. Er hielt einen kleinen, ledernen Diplomatenkoffer mit beiden Händen fest an sich gedrückt.

Am Anfang der schmalen Gasse warf Ozols einen Blick über die Schulter zurück, eine amateurhafte Bewegung, zu offensichtlich, um einen Beschatter zu übertölpeln, und zu überhastet, um, falls es ihm doch gelungen wäre, einen zu erkennen. Nach Victors Erfahrung achteten die Leute immer viel mehr auf das, was sich in ihrem Rücken abspielen könnte, als auf das, was vor ihnen lag. Daher sah Ozols den Mann nicht, der nur wenige Meter von ihm entfernt im Schatten stand. Den Mann, der ihn töten wollte.

Victor wartete, bis Ozols den Lichtkegel der Laterne hinter sich gelassen hatte, dann drückte er ruhig und gleichmäßig ab.

Schallgedämpfte Schüsse durchbrachen die Stille des frühen Morgens. Ozols wurde zweimal in unmittelbarer Folge ins Brustbein getroffen. Bei den Projektilen handelte es sich um Unterschallmunition, 5,7 Millimeter, doch die Wirkung war genauso verheerend wie bei schnelleren oder schwereren Geschossen. Mit Kupfer ummantelte Bleikugeln bohrten sich durch Haut, Knochen und Herz, bevor sie Seite an Seite zwischen zwei Wirbeln zum Stillstand kamen. Ozols fiel auf den Rücken, landete mit dumpfem Aufprall auf dem Boden, die Arme ausgestreckt, während der Kopf zur Seite sackte.

Victor löste sich aus der Dunkelheit und machte einen wohlkalkulierten Schritt nach vorn. Er richtete die FN Five-seveN noch einmal auf Ozols und jagte ihm eine Kugel in die Schläfe. Er war zwar schon tot, aber Victor war der festen Überzeugung, dass man nie sicher genug sein konnte.

Die leere Patronenhülse landete klirrend auf den Pflastersteinen und blieb in einer Wasserlache liegen, in der sich das orangefarbene Licht der Natriumdampflampen spiegelte. Ansonsten war nur das leise Pfeifen aus den beiden Einschusslöchern in Ozols’ Brust zu hören. Das war die Luft, die er mit dem letzten Atemzug eingesaugt hatte und die jetzt langsam entwich.

Es war kalt und dunkel. Die Morgendämmerung zeichnete die ersten farbigen Spuren an den östlichen Himmel. Victor befand sich mitten im Herzen von Paris, in einem Viertel mit schmalen Avenuen und gewundenen Seitenstraßen. Die kleine Gasse lag zwar sehr abgeschieden – kein einziges Fenster, das einen Blick darauf geboten hätte –, aber Victor vergewisserte sich trotzdem kurz, dass niemand den Mord beobachtet hatte. Die Schüsse waren jedenfalls nicht zu hören gewesen. Die Unterschallmunition und der Schalldämpfer hatten jedes Mal nur ein leises Klack zugelassen. Trotzdem ließ es sich nicht vollkommen ausschließen, dass irgendjemand beschlossen hatte, ausgerechnet hier seine Blase zu entleeren.

Nachdem er sich versichert hatte, dass er alleine war, ging Victor neben dem Leichnam in die Knie. Sorgfältig vermied er jede Berührung mit der Gehirnmasse, die aus der kleinen Austrittswunde an der Schläfe seines Opfers quoll. Mit der linken Hand zog Victor den Reißverschluss des Diplomatenköfferchens auf und warf einen Blick hinein. Der Koffer war leer, abgesehen von dem einen Gegenstand, den er erwartet hatte. Klein und unschuldig sah er aus. Kaum vorstellbar, dass das der Grund für einen Auftragsmord sein sollte, aber genauso war es. Victor machte sich wieder einmal bewusst, dass ein Grund so gut war wie der andere. Es war nur eine Frage der Perspektive. Er hatte sich schon oft gesagt, dass er lediglich für etwas bezahlt wurde, was die Menschheit seit Jahrtausenden immer weiter perfektioniert hatte. Er repräsentierte nichts weiter als die letzte Entwicklungsstufe dieses Prozesses.

Sorgfältig suchte er den leblosen Körper ab, um sicherzugehen, dass er nichts übersehen hatte. Nur ein bisschen Kleinkram und eine Brieftasche. Victor klappte sie auf. Das Übliche: Kreditkarten, ein Führerschein auf den Namen des Letten, Bargeld sowie die verblasste Fotografie eines jüngeren Ozols, zusammen mit Frau und Kindern. Eine gut aussehende, intakte Familie.

Victor steckte die Brieftasche wieder zurück und erhob sich. Dann überlegte er, wie viele Schüsse er genau abgegeben hatte. Zwei in die Brust, einen in den Kopf. Blieben also noch siebzehn Patronen im Magazin der FN. Eine einfache Rechnung, aber trotzdem eine feste Regel. Er wusste genau: Der Tag, an dem er den Überblick verlor, war der Tag, an dem beim Abdrücken nur das gefürchtete, leere Klick ertönte. Dieses Geräusch hatte er schon einmal gehört. Damals hatte sich die Waffe in der Hand eines anderen befunden, und er hatte sich geschworen, dass er niemals so sterben würde.

Erneut blickte er sich um. Weder Menschen noch Autos waren zu sehen, kein Schritt war zu hören. Victor schraubte den Schalldämpfer ab und steckte ihn in die Manteltasche. Mit aufgeschraubtem Schalldämpfer ließ sich die Waffe nicht richtig verstecken und nur langsam ziehen. Er drehte sich um, erblickte die drei leeren Patronenhülsen auf dem Boden und hob sie auf, bevor das langsam sich ausbreitende Blut sie erreicht hatte. Zwei waren noch warm, nur die dritte, die in einer Wasserlache gelandet war, war schon abgekühlt.

Der Halbmond hing hell am Himmel. Irgendwo hinter den Sternen dehnte sich das Universum bis zur Unendlichkeit aus, aber aus Victors Sicht war die Welt klein und die Zeit viel zu kurz. Er konnte seinen Herzschlag spüren, langsam und gleichmäßig, vielleicht vier Schläge pro Minute über seinem normalen Ruhepuls. Viel zu hoch, eigentlich. Er sehnte sich nach einer Zigarette, so wie immer in letzter Zeit.

Er verließ die Gasse. Seine Schritte waren auf dem harten, unebenen Untergrund praktisch nicht zu hören. Seit einer Woche war er jetzt schon in Paris und hatte auf das Startsignal gewartet. Er war froh, dass der Job so gut wie erledigt war. Heute Abend musste er den Gegenstand noch in das Versteck legen und den Makler informieren. Es war kein schwieriger und erst recht kein riskanter Auftrag gewesen, sondern ein eher einfacher. Geradezu langweilig. Ein Standardmord inklusive Mitbringsel, eigentlich weit unter seinem Niveau, aber wenn der Kunde bereit war, für einen Auftrag, den jeder Amateur fertiggebracht hätte, sein unverschämtes Honorar zu bezahlen, dann wollte Victor sich auch nicht beschweren. Obwohl sich eine leise, mahnende Stimme in seinem Hinterkopf bemerkbar machte, weil das alles viel zu einfach gewesen war.

Bevor er in Richtung Innenstadt verschwand, warf er noch einen letzten Blick auf den Mann, den er ohne jedes Wort und ohne jedes Schuldgefühl ermordet hatte. Im Dämmerlicht starrten ihn die weit aufgerissenen, anklagenden Augen seines Opfers an. Das Weiße war durch das einsickernde Blut bereits schwarz geworden.

Kapitel 2

08:24 MEZ

Sie waren zu zweit.

Mittelgroß, leger gekleidet, nichts Auffälliges, abgesehen von der Tatsache, dass sie zu unauffällig waren. Das Hôtel de Ponto lag in der schicken Rue du Faubourg Saint-Honoré. Hier stiegen überwiegend wohlhabende Touristen und Geschäftsleute ab, allesamt Männer und Frauen, die sich mit Designerkleidung ausstaffierten. In einer ganz normalen Menschenmenge wären die beiden nicht weiter aufgefallen. Aber hier schon.

Victor entdeckte sie gleich, als er durch den Haupteingang kam. Sie verharrten vor den Fahrstühlen am hinteren Ende der Lobby und hatten ihm den Rücken zugewandt. Beide standen sie vollkommen regungslos da. Einer mit den Händen in den Taschen, der andere mit verschränkten Armen. Sie warteten. Falls sie irgendwelche Worte wechselten, dann ohne jede Veränderung der Körperhaltung.

Nicht einmal ein Dutzend Menschen hielten sich in der großzügigen Hotellobby auf. Eine hohe Decke, Fußboden und Säulen aus Marmor, viel zu viele üppige, exotische Topfpflanzen, Sitzgruppen aus grünen Ledersesseln in der Mitte sowie in den Ecken. Ungeachtet der potenziellen Gefahr schlenderte Victor locker und gelassen zum Rezeptionstresen, der sich an der Wand zu seiner Rechten entlangzog. Dabei behielt er die Männer aus dem Augenwinkel ununterbrochen im Blick, jederzeit bereit zu handeln, falls einer in seine Richtung sah. Er hatte sich noch keine endgültige Meinung über die beiden gebildet, aber in Victors Beruf war eine potenzielle Gefährdung so lange eine definitive Gefährdung, bis das Gegenteil bewiesen war. In der Lobby war er ungedeckt, verwundbar, auch wenn er sich das in keiner Weise anmerken ließ. Niemand schenkte ihm die geringste Aufmerksamkeit. Er benahm sich wie alle anderen, sah aus wie alle anderen.

Nach einer weitverbreiteten Vorstellung trugen Victor und seine Berufsgenossen immer nur schwarze Kleidung, aber einem Klischee zu entsprechen war nicht Victors Hauptinteresse. Wie die meisten Menschen sah auch er in Schwarz gut aus, zu gut für jemanden, dessen Leben unter Umständen davon abhing, unbemerkt zu bleiben. Mit seinem dunkelgrauen Anzug, dem weißen Baumwollhemd und der einfarbigen silbernen Krawatte entsprach Victor von Kopf bis Fuß dem Bild eines respektablen Geschäftsmanns. Den wollenen Anzug hatte er von der Stange gekauft, hervorragende Qualität, aber etwas größer als nötig, ohne jedoch allzu schlecht zu sitzen, um zusätzlichen Spielraum an Hüften, Oberschenkeln, Armen und Schultern zu haben. Seine schwarzen Oxford-Schuhe glänzten, aber nicht zu sehr, waren knöchelhoch und besaßen eine dicke Profilsohle. Dazu kamen eine einfache Brille und ein langweiliger Haarschnitt.

Sein äußeres Erscheinungsbild war ganz darauf abgestimmt, eine nichtssagende, neutrale Gestalt zu schaffen. Wer versuchen sollte, sich an ihn zu erinnern, würde sich sehr schwertun, eine genaue Vorstellung zu bekommen. Ein Mann mit Anzug, wie Millionen andere auch. Abgesehen von der leicht abzunehmenden Brille, gab es nur noch ein anderes hervorstechendes Merkmal, das möglicherweise bemerkt würde, und genau dazu war es da: um die Aufmerksamkeit von anderen Dingen abzulenken. Er würde es nachher abrasieren. Er wirkte schick, aber nicht stilvoll, gepflegt, aber durchschnittlich, selbstbewusst, aber nicht arrogant. Leicht zu vergessen.

Er trat an den Tresen und lächelte höflich, als die schwarzhaarige Rezeptionistin den Kopf hob und ihn anschaute. Sie besaß sonnengebräunte Haut und große Augen und war gekonnt, aber unauffällig geschminkt. Ihr Lächeln war fröhlich und falsch. Sie verbarg es gut, aber Victor wusste, dass sie jetzt lieber woanders gewesen wäre.

»Bonjour«, sagte er nicht zu laut. »J’habite à la chambre 407, je suis Mr. Bishop. Pouvez vous me dire si j’ai recu des messages?«

»Un instant, s’il vous plait.«

Sie nickte kurz und sah nach. An der Wand hinter dem Tresen hing ein großer Spiegel, in dem Victor die beiden Männer beobachten konnte. Als die Fahrstuhltüren aufgingen, traten die Männer auseinander und ließen ein Paar durch die Lücke gehen, bevor sie praktisch synchron den Fahrstuhl betraten. Er sah ihre Hände. Sie trugen Handschuhe.

Victor veränderte seine Position ein wenig, um besser ins Innere des Fahrstuhls sehen zu können, erfasste aber nur das Spiegelbild eines der beiden Männer. Victor neigte den Kopf zur Seite und verdeckte einen Teil seines Gesichts, falls der Mann zu ihm herüberblicken sollte. Er besaß helle Haut und ein kantiges, glatt rasiertes Konterfei. Er wirkte hochkonzentriert, den Blick geradeaus gerichtet, die Arme hingen locker am Körper. Seine Handschuhe waren aus braunem Leder. Unter seinem Nylonjackett verbarg sich entweder ein deformierter Brustkorb oder etwas mit den Umrissen einer Pistole. Jeder Rest von Zweifel verflüchtigte sich.

Waren sie von der Polizei? Nein, sagte Victor sich. Der Mord an Ozols war noch keine zwei Stunden her. In so kurzer Zeit konnte er niemals mit dem Verbrechen in Verbindung gebracht werden. Und Geheimdienstler waren es auch nicht. Die hätten es nicht nötig, Handschuhe zu tragen. Das ließ nur noch eine Möglichkeit offen.

Victor tippte auf Osteuropa … Tscheche, Ungar oder vielleicht vom Balkan, wo besonders effektive Killer ausgebildet wurden. Zwei hatte er gesehen, aber es konnten leicht noch mehr sein. Zwei Pistolen sind wirkungsvoller als eine, aber ein ganzes Team war eindeutig noch besser, zumal die Zielperson ein erfahrener Auftragskiller war. Nur die Besten können es sich erlauben, alleine zu arbeiten.

Die Männer benahmen sich so, als gäbe es noch andere. Sie schenkten ihrer Umgebung keine Beachtung, machten sich keinerlei Gedanken um ihre Sicherheit. Also zusätzliche Überwachung, ein größeres Team. Vielleicht vier, vielleicht auch zehn Mann stark. Falls es noch mehr waren, dann rechnete Victor sich keine Chance aus.

Sie hatten herausgefunden, wo er wohnte, und das bedeutete, dass sie über erhebliches Geschick verfügten oder sehr exakt recherchiert hatten. Solange Victor nicht genau wusste, mit wem er es zu tun hatte, konnte er es sich nicht leisten, sie zu unterschätzen. Er musste davon ausgehen, dass sie ihm zumindest ebenbürtig waren. Sollte sich herausstellen, dass dem nicht so war, dann umso besser.

Die Rezeptionistin beendete ihre Suche und schüttelte den Kopf. »Monsieur, il n’y a aucun message pour vous.«

Er bedankte sich und sah im selben Augenblick, wie die konzentrierte Miene des Mannes im Fahrstuhl für einen kurzen Augenblick einem Ausdruck des Schmerzes oder höchster Anspannung wich. Er hob einen Finger an das rechte Ohr, dann warf er einen schnellen Blick auf seinen Partner. Noch während er den Mund öffnete, um etwas zu sagen, versuchte er die Hand zwischen die zugleitenden Fahrstuhltüren zu schieben, doch es war zu spät. Victor konnte gerade noch die ersten Worte von seinen Lippen lesen.

Er ist in der Lobby …

Sie trugen Funkempfänger. Man hatte ihn entdeckt.

Victor drehte sich um und ließ den Blick durch das Foyer gleiten, musterte jede einzelne Person etliche Sekunden lang, um festzustellen, ob ihm andere Mitglieder des Killerkommandos entgangen waren. Die natürliche Reaktion auf eine solche unmittelbare Bedrohung wäre gewesen, sofort zu handeln. Bei Gefahr wurden die Nebennieren angeregt, Adrenalin auszuschütten, das den Herzschlag beschleunigte und den Körper in Aktionsbereitschaft versetzte. Doch Victor verließ sich nur ungern auf seine Instinkte. In der Wildnis hatte man immer nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: kämpfen oder flüchten. Victors Herausforderungen waren jedoch in der Regel weit weniger einfach.

Er schluckte, holte tief Luft, zwang seinen Körper zur Ruhe. Er musste nachdenken. Schnelles Handeln brachte überhaupt nichts, wenn es falsch war. Wer in Victors Branche den ersten Fehler machte, war nur selten in der Lage, noch einen zweiten zu begehen.

Er zählte zehn Personen in der Lobby. Ein Mann mittleren Alters und seine junge, attraktive Begleiterin waren auf dem Weg zur angrenzenden Bar. Eine Gruppe hüftsteifer alter Männer saß auf den Ledersesseln und amüsierte sich. Die verführerische Rezeptionistin unterdrückte ein Gähnen. Ein Geschäftsmann steuerte den Ausgang an und rief etwas in sein Handy. Bei den Fahrstühlen kämpfte eine Mutter mit ihrem Kleinkind. Niemand, der etwas mit den beiden Männern zu tun haben könnte, allerdings war es möglich, dass weitere Gegner den Lieferanteneingang oder vielleicht sogar die Küche besetzt hielten, um ihrer Beute jeden möglichen Fluchtweg zu versperren. Das war das übliche Vorgehen. Allerdings zwecklos, wenn die Beute gar nicht da war, wo sie eigentlich sein sollte.

Aus irgendeinem Grund war der zeitliche Ablauf durcheinandergeraten, und der ursprüngliche Plan funktionierte nicht mehr. Sie würden hektisch werden, fürchten, dass sie entdeckt worden waren und dass ihre Zielperson womöglich entkommen konnte. Sie hatten ihn aus den Augen verloren und mussten ihn zunächst einmal wiederfinden. Oder sie würden jedes Versteckspiel über Bord werfen und versuchen, ihn hier und jetzt umzubringen, solange sie ihn noch für verwundbar und unaufmerksam hielten. Victor hatte weder das eine noch das andere vor.

Er beobachtete die Anzeige über dem Fahrstuhl. Die Drei leuchtete auf. Dort lag sein Zimmer. Er starrte weiter auf die Anzeige. Wenige Sekunden später erschien die Zwei. Sie waren wieder auf dem Weg nach unten.

Victor warf einen Blick zum Haupteingang. Wenn er jetzt hinausging, dann musste er sich nur mit denen beschäftigen, die zu seiner Überwachung eingeteilt waren. Sie waren vielleicht nicht darauf eingerichtet, ihn zu Fuß zu verfolgen, und wenn er schnell genug war, konnte er unter Umständen entkommen, ohne dass ein Schuss fiel. Aber er konnte nicht weg. Sein Reisepass und seine Kreditkarten lagen in seinem Hotelzimmer. Die Dokumente waren zwar gefälscht, aber seine Verfolger wussten eigentlich jetzt schon zu viel über ihn.

Er konnte die Treppe nehmen, aber nicht, wenn einer der beiden ihm dort entgegenkam, um genau das zu verhindern. Es gab da nämlich noch ein Problem. Er war unbewaffnet. Die FN, die Ozols’ Leben beendet hatte, war in ihre Einzelteile zerlegt und einzeln entsorgt worden. Der Lauf in der Seine, der Schlitten in einem Gully, Verschluss und Schließfeder in einem Container, das Magazin in einem Mülleimer. Victor benutzte jede Waffe nur ein Mal. Mit Beweismitteln herumzulaufen, die ihm vor jedem Geschworenengericht einen Schuldspruch eingebracht hätten, war nicht sein Stil. Wenn er seine Ersatzwaffe in die Finger bekam, dann hatte er wenigstens die Chance, sich zu verteidigen.

Allerdings gab es nur einen funktionierenden Fahrstuhl. An der Tür des anderen baumelte ein Schild: Außer Betrieb. Victor schlenderte durch die Lobby und stellte sich vor den Aufzug, den auch die beiden Männer benutzt hatten. Er ließ die Finger seiner rechten Hand knacken, einen nach dem anderen.

Mit einem Pling erreichte der Fahrstuhl das Erdgeschoss. Kurz bevor die Türen sich öffneten, trat Victor zur Seite und drückte sich mit dem Rücken in eine kleine Nische, die von einer aufwendig verzierten Vase geschmückt wurde. Er blieb regungslos stehen, ohne die verwirrten Blicke eines Fünfjährigen zu beachten. Alle anderen hatten viel zu viel zu tun, um auf ihn aufmerksam zu werden.

Einer der beiden Attentäter verließ den Fahrstuhl und machte ein paar Schritte ins Foyer. Der zweite war nicht zu sehen. Offensichtlich hatte er sich für die Treppe entschieden. Der Mann, der Victor den Rücken zugedreht hatte, war kräftig gebaut. Er besaß einen Stiernacken, und seine ganze Erscheinung und Körperhaltung deuteten auf eine militärische Ausbildung hin. In entspannter Haltung stand er da, ohne den Kopf zu bewegen. Victor wusste, dass er dennoch den gesamten Raum absuchte, allerdings nur mit den Augen, um keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er war gut, aber nicht so gut, dass er sich umgedreht hätte.

Victor wartete so lange wie nur möglich, dann huschte er zwischen den sich schließenden Fahrstuhltüren hindurch. Zwischen ihm und dem Attentäter lagen gerade einmal fünfzehn Zentimeter.

Eine Sekunde, bevor die Türen ganz geschlossen waren, bemerkte der Mann den kleinen Jungen, der mit dem Finger auf Victor zeigte, und drehte sich um. So etwas ließ sich nie ganz ausschließen. Für einen Sekundenbruchteil blickte der Mann Victor direkt ins Gesicht.

Erkenntnis blitzte in seiner Miene auf.

Die Türen schlossen sich.

Kapitel 3

08:27 MEZ

Victor holte ein paarmal hintereinander tief Luft, hielt den Atem an und zählte bis vier. Erst dann atmete er wieder aus. Das Adrenalin jagte seinen Puls nach oben, wollte die Sauerstoffversorgung der Muskeln verbessern. Aber wenn das Herz mehr als hundertzwanzig Mal pro Sekunde schlägt, wird die Feinmotorik beeinträchtigt, jene kleinen Muskelbewegungen, die man beispielsweise benötigt, um ein Ziel anzuvisieren. Bei über hundertdreißig Schlägen gehen diese Fähigkeiten komplett verloren. Der Körper geht davon aus, dass sie für das Überleben keine unmittelbare Bedeutung haben.

Victor war da entschieden anderer Ansicht.

Indem er seine Atmung kontrollierte, unterbrach er die automatisierten Abläufe des vegetativen Nervensystems und verhinderte ein weiteres Ansteigen seines Pulses. Er konnte sich über seine Instinkte zwar nicht hinwegsetzen, aber er konnte sie zumindest beeinflussen.

Der Typ im Foyer würde vermutlich keine Zeit damit vergeuden, um den anderen Einheiten mitzuteilen, dass ihre Tarnung aufgeflogen war und die Zielperson nach oben flüchtete. Victor konnte in jedem beliebigen Stockwerk aussteigen, sich ein Fenster suchen und war dann wenige Augenblicke später verschwunden. Aber er brauchte seine Sachen. Falls die Killer sie nicht fanden, dann würden die Behörden früher oder später darauf stoßen. Reisepässe waren voll mit Länderstempeln und Datumsangaben. Kreditkartennummern ließen sich zurückverfolgen. Die Pistole würde dafür sorgen, dass sie jede Spur sehr sorgfältig unter die Lupe nahmen. Zwar waren sämtliche Dokumente auf einen falschen Namen ausgestellt, aber auf einen, den er schon einmal benutzt hatte. Er hatte alle erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, aber die, die wussten, wonach sie suchen mussten, fanden immer eine Spur, und am Ende dieser Spur, da befand sich sein wahres Ich. Das durfte er nicht zulassen.

Der Fahrstuhl fuhr ohne Halt an den ersten beiden Stockwerken vorbei. Victors Atem ging gleichmäßig. Er zählte jede einzelne, lange Sekunde bis zum Pling.

Noch während die Türen auseinanderglitten, stand Victor bereits im Flur und steuerte mit schnellen Schritten das Treppenhaus am Ende des Korridors an, rund zehn Meter vom Fahrstuhl entfernt. Die Tür war zu.

Er musste nicht einmal das Ohr an die Tür legen, um Schritte zu hören, die nach oben kamen. Sie waren nicht mehr weit. Er brauchte Zeit, um seine Sachen einzupacken, Zeit, die er nicht hatte. Es sei denn, er besorgte sie sich.

Ein Stück den Flur entlang hing eine Feueraxt an der Wand. Victor schlug mit dem Ellbogen die Schutzscheibe ein und nahm die Axt heraus. Dann ging er zurück zur Treppenhaustür und stemmte die Axt mit der Klinge nach oben gegen den Türgriff, sodass der Stiel fest auf den Boden gepresst wurde. Das machte einen stabilen Eindruck.

Unterhalb der Axthalterung befand sich ein Feuerlöscher. Victor nahm ihn in die linke Hand und ging zurück zum Fahrstuhl, der immer noch im dritten Stock stand. Er drückte auf die Taste, und die Türen glitten auf.

Plötzlich erzitterte die Treppenhaustür. Die Axt gab nicht nach, hielt die Klinke fest an ihrem Platz, ganz egal, wie viel Kraft aufgewandt wurde. Dann kehrte Ruhe ein.

Victor wandte sich wieder dem Fahrstuhl zu. Er legte den Feuerlöscher zwischen die geöffneten Türen, beugte sich ins Innere und drückte die Erdgeschosstaste. Die Türen glitten zu, prallten auf den Feuerlöscher und glitten wieder auf, immer und immer wieder. Nach Victors Schätzung hatte er sich damit ungefähr zwei Minuten erkauft. Er brauchte nicht einmal eine.

Lautlos schlich er zu seiner Zimmertür. Womöglich wurde er bereits erwartet. Sie würden aufmerksam sein, vorbereitet. Er trat die Tür ein und ging sofort tief in die Hocke, um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Sein Kopf befand sich unterhalb seines normalen Körperschwerpunkts. Schon nach wenigen Sekundenbruchteilen hatte er das Zimmer, noch eine Sekunde später das Badezimmer inspiziert.

Niemand.

Die beiden im Treppenhaus, dazu das Überwachungsteam draußen und möglicherweise noch andere im Hotel. Sie waren gut. Durchorganisiert. Wenn sie wirklich gut waren, dann hatten sie auch noch einen Scharfschützen in einem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite postiert.

Victor kam nicht einmal in die Nähe des Fensters.

Im Badezimmer nahm er den Deckel des Spülkastens ab und zog die verschließbaren Plastikbeutel heraus. In einem lagen sein Reisepass, das Flugticket und die Kreditkarten. Er steckte die Sachen in die Innentasche seines Jacketts. Der zweite enthielt eine weitere vollständig geladene FN plus Schalldämpfer. Es zahlte sich eben aus, immer auf das Schlimmste gefasst zu sein, sagte sich Victor. Er riss den Beutel auf, nahm die Waffe, schraubte den Schalldämpfer auf und zog den Schlitten durch, um eine Patrone in den Lauf zu befördern.

Ein Diplomatenkoffer mit Wechselkleidung und seinen übrigen Besitztümern stand bereits fertig gepackt auf dem Bett. Victor nahm ihn in die linke Hand, die Pistole hielt er möglichst verdeckt in der Rechten, presste sie seitlich an den Körper. Zügig ging er durch den Flur, hielt sich von der Treppe und dem Fahrstuhl fern, steuerte die Feuerleiter an. Bis die merkten, was los war, war er längst über alle Berge.

Er blieb stehen.

Wenn er jetzt das Weite suchte, dann wusste er gar nichts über die Leute, die ihn ermorden wollten. Wer immer diesen Auftrag erteilt haben mochte, er würde sie nicht einfach wieder nach Hause schicken. Bei irgendjemandem stand er auf der Abschussliste. Sie hatten ihn ein Mal gefunden, sie würden es auch ein zweites Mal schaffen. Und dann entdeckte er sie vielleicht nicht so schnell, vielleicht sogar überhaupt nicht.

Sie waren ihm zwar zahlenmäßig überlegen, aber sie hatten die Initiative aus der Hand gegeben. Eines der ersten Dinge, die er über Gefechtstaktik gelernt hatte, war, niemals einen Vorteil aus der Hand zu geben.

Victor drehte sich um.

Atemlos und mit gezogenen Waffen kamen sie vor seinem Zimmer an. Einer stellte sich rechts neben die Tür, der andere links. Die Zimmertür der Zielperson stand offen, das Schloss war aufgebrochen. Der größere und ältere der beiden drückte zweimal auf den Sendeknopf des Funkgeräts in seiner Innentasche. Aus seinem drahtlosen, hautfarbenen Ohrhörer drang ein Flüstern.

Nach einem schnellen Handzeichen zu seinem Partner stürmten die beiden das Zimmer. Der Erste war schnell und lief geduckt, damit der Zweite, der dicht hinter ihm war, über ihn hinweg schießen konnte. Der Erste deckte die linke Seite des Zimmers ab, der andere die rechte. In höchstem Tempo, aggressiv und überfallartig, um die Person im Zimmer in die Defensive zu drängen, zu überrumpeln, zu lähmen.

Das Zimmer war leer. Sie sahen im Badezimmer nach – ebenfalls leer. Während sie sich gegenseitig Deckung gaben, sahen sie im Schrank nach, unter dem Bett, überall, wo sich ein Mensch vielleicht verstecken konnte, und sei es noch so unwahrscheinlich. Man hatte ihnen gesagt, sie sollten gründlich vorgehen, nichts dem Zufall überlassen. Sie schauten auch hinter den Vorhängen nach, wobei der Erste zunächst die Hand vor das Fenster hielt, um dem Scharfschützen im gegenüberliegenden Gebäude zu signalisieren, dass er nicht schießen sollte. Auf ihren Gesichtern glänzten Schweißtropfen.

Das Zimmer war ein einziges Durcheinander. Die Zielperson war offensichtlich in aller Eile geflohen und hatte gar nicht mehr alle Sachen eingepackt. Kleidungsstücke lagen auf dem Boden verstreut, das Bett war nicht gemacht, am Waschbecken standen noch Toilettenartikel. Das war nachlässig, unprofessionell.

Beide Männer entspannten sich, atmeten ein wenig leichter. Er war weg. Sie steckten ihre Waffen ein, für den Fall, dass ihnen andere Hotelgäste begegneten. Als der Fahrstuhl nicht reagiert hatte, da hatten sie keine andere Wahl gehabt, als wieder die Treppe hinaufzulaufen und die Treppenhaustür aufzubrechen. Dabei war es nicht gerade leise zugegangen.

Sie verließen das Zimmer und zogen die Tür hinter sich zu. Der ältere der beiden hob seinen Hemdkragen hoch und berichtete in das Mikrofon, dass die Zielperson verschwunden war. Sorgfältig vermied er jede Andeutung auf einen Fehler von seiner Seite. Sie machten sich keine allzu großen Gedanken. Alle Ausgänge des Gebäudes wurden bewacht. Eines der anderen Teammitglieder würde ihn sehen und handeln … vielleicht sogar jetzt, in diesem Moment. Die Zielperson war so gut wie tot. Jedes Teammitglied würde einen fetten Bonus erhalten, sobald der Job erledigt war, und sie hatten nicht einmal einen einzigen Schuss abgeben müssen.

Ihr Chef hatte gesagt, dass sie vorsichtig sein sollten, dass die Zielperson gefährlich war, aber jetzt hatten sie eher das Gefühl, als sei die ganze Aufregung umsonst gewesen. Ihre ach so gefährliche Zielperson hatte bei der erstbesten Gelegenheit die Flucht ergriffen und war jetzt nicht mehr ihr Problem. Leicht verdientes Geld.

Ihre Mienen verdunkelten sich jedoch schlagartig, als sie erfuhren, dass die Zielperson das Gebäude nicht verlassen hatte und von keinem ihrer Kollegen gesichtet worden war. Die beiden Männer blickten einander an, und beiden stand dieselbe Frage ins Gesicht geschrieben.

Wo war er dann?

 

Victor trat von dem Spion in der gegenüberliegenden Zimmertür zurück und hob die Pistole. Er drückte zehnmal in schneller Folge hintereinander ab und leerte sein Magazin genau zur Hälfte. Die Zimmertür war dick und aus solidem Nadelholz, aber die Projektile aus der Five-seveN waren geformt wie Gewehrkugeln und durchschlugen die Tür, wobei sie kaum an Durchschlagskraft verloren.

Zwei schwere Objekte fielen auf den Teppichboden, ein dumpfer Plumps und dann noch einer.

Seine Zimmertür knarrte. Er hatte sie von innen mit dem Fuß zugehalten, da er gezwungen gewesen war, das Schloss aufzubrechen. Jetzt zog er sie mit der Linken auf und trat hinaus auf den Flur. Der erste Mann war direkt vor ihm auf dem Fußboden zusammengebrochen und gegen den Türrahmen von Victors Zimmer gesunken. Der Kopf hing nach vorn, Blut tropfte aus seinem Mund und sammelte sich in einer Lache auf dem Teppich. Abgesehen von einem Zucken des linken Fußes, bewegte er sich nicht.

Der andere lebte noch. Er lag mit dem Gesicht auf dem Fußboden und gab ein leises Gurgeln von sich. Er hatte etliche Treffer abbekommen, in den Unterleib, die Brust und den Hals, von wo das Blut aus der zerfetzten Halsschlagader an die Wand spritzte. Er versuchte wegzukriechen, den Mund weit aufgerissen, als wollte er um Hilfe schreien, aber kein Laut drang heraus.

Victor ließ ihn liegen und griff in die Jackentasche des Toten, suchte erfolglos nach einem Portemonnaie. Dann wollte er den Funkempfänger an sich nehmen, aber der war von einer Kugel auf dem Weg in Richtung Herz komplett zerstört worden. In einem Schulterhalfter entdeckte Victor eine Beretta 92F, neun Millimeter, sowie in einer Tasche zwei Ersatzmagazine. Die Beretta war eine gute, zuverlässige Pistole mit maximal fünfzehn Schuss, sie war aber auch groß und schwer und ließ sich selbst ohne den aufgesetzten Schalldämpfer nie spurlos verstecken. Und mit Unterschallmunition war die Durchschlagskraft auch nicht gerade berauschend. Keine gute Wahl für einen Auftrag wie diesen. Wenn der Typ nicht tot gewesen wäre, hätte Victor ihn vielleicht darauf aufmerksam gemacht.

Die Beretta wäre im Normalfall nicht seine erste Wahl gewesen, aber in Zeiten wie diesen konnte man nie ausreichend bewaffnet sein. Victor steckte sie nach hinten in den Hosenbund. Urplötzlich fuhr ein Zucken durch den leblosen Körper, vielleicht durch einen Muskelkrampf, und er fiel nach vorn. Der Mund klappte auf, und ein ganzer Schwall Blut, das sich im Mund angesammelt hatte, schwappte auf den Teppich, gefolgt von einer halb abgebissenen Zunge. Victor trat beiseite und wandte seine Aufmerksamkeit demjenigen zu, der lebte. Noch.

Als Victor ihm den Absatz zwischen die Schulterblätter drückte, gab er jeden Versuch auf wegzukriechen. Dann wälzte Victor den Mann auf den Rücken und ging neben ihm in die Knie, wobei er ihm den Schalldämpfer der Five-seveN kräftig in die Wange drückte. Dabei drehte er den Kopf des Mannes beiseite, damit der Blutschwall aus der Arterie auch weiterhin die Wand traf und nicht ihn. Das Blümchenmuster der Tapete wurde verunstaltet.

Der Mann versuchte, etwas zu sagen, brachte aber nicht mehr als ein Krächzen zustande. Die Kugel hatte die Luftröhre durchschlagen, und er konnte nur einige wenige Geräusche von sich geben. Er zerrte an Victors Kragen, versuchte ihn zu packen, wollte den Kampf trotz seiner tödlichen Verletzung nicht verloren geben. Seine Beharrlichkeit nötigte Victor durchaus Respekt ab.

Wie sein Partner war auch er mit einer Beretta, einem Funkempfänger und einem Ohrstöpsel ausgestattet. Victor entlud die Waffe und sah in den übrigen Taschen nach. Sie waren leer, abgesehen von ein paar Streifen Kaugummi, noch mehr Munition und einer zerknitterten Quittung. Er nahm den Kaugummi und die Quittung, die auf ein halbes Dutzend Kaffees lautete, und warf sie weg. Dann wickelte er einen Kaugummistreifen aus und schob ihn in den Mund. Pfefferminz. Er nickte.

»Danke.«

Er schüttelte die Hand ab und lauschte ins Treppenhaus. Kein Anzeichen für weitere Attentäter, nur ein paar Frauen beschwerten sich über den defekten Fahrstuhl. Victor ging wieder zurück, wich vorsichtig den dunklen Flecken auf dem Teppich aus und nahm den Feuerlöscher aus den Fahrstuhltüren. Er trat ein und drückte erneut die Erdgeschosstaste. Zwar waren noch etliche seiner Sachen im Zimmer zurückgeblieben, aber das war kein Problem. Die Toilettenartikel waren nagelneu, die Kleidungsstücke ungetragen, und dank der Silikonlösung an seinen Händen hatte er nirgendwo irgendwelche Fingerabdrücke hinterlassen.

Der Sterbende im Flur hatte jetzt wenigstens aufgehört zu zucken. Das Blut sprudelte nicht mehr länger aus seinem Hals, sondern sickerte nur noch als dünnes Rinnsal auf den durchnässten Teppichboden. Victor konnte nicht anders, er musste das rote Muster an der Wand über der Leiche bewundern. Die kreuz und quer verlaufenden Linien besaßen eine gewisse ästhetische Qualität, die ihn an einen Jackson Pollock erinnerte.

Victor betrachtete sich in den verspiegelten Wänden der Fahrstuhlkabine und nahm sich einen Augenblick Zeit, um sein Erscheinungsbild zu vervollkommnen. Wenn er in dieser Umgebung nicht hundertprozentig respektabel aussah, dann würde das auffallen. Die Fahrstuhltüren schlossen sich, als aus Richtung des Treppenhauses ein schriller Schrei ertönte. Da hatte wohl jemand eine kleine Überraschung erlebt.

Victor nahm an, dass sie keine Anhängerin von Pollocks Werk war.