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Peter Dubina

Waffen für Beta Centauri

Cassiopeiapress Science Fiction/ Edition Bärenklau





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Waffen für Beta Centauri

Ein Science Fiction-Roman

von Peter Dubina

 

© dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Waffen für Beta Centauri von Peter Dubina mit freundlicher Genehmigung von Alfred Wallon

© by Alfred Wallon und Edition Bärenklau, 2015

Der Roman erschien zuerst im Verlag Dörnersche Verlagsbuchhandlung/Düsseldorf

unter dem Pseudonym Wayne Coover.

Cover © by Manfred Schneider 2015

 

Der Umfang dieses E-Book entspricht 182 Taschenbuchseiten.

 

Jerry Burnes ist ein Geheimagent. Als er erfährt, dass sein Bruder, der ebenfalls im Dienst der terranischen Abwehr steht, auf einer Raumstation einem Mordanschlag zum Opfer gefallen ist, kennt Jerry nur noch eine Aufgabe: die für den Mord an seinem Bruder verantwortliche Schmugglerorganisation zu zerschlagen, die die Planeten vernichtende Solar-Split-Bomben an den Centaurianern, den alten Gegnern der Menschheit, in die Hände zu spielen im Begriff steht. Jerry startet zur Raumstation und nimmt die Spur des unbekannten Gegners auf, der ihn bereits erwartet. Mörderische Duelle entwickeln sich, bei denen es nicht nur um Jerrys Leben geht, sondern um die Verhinderung eines Krieges zwischen den Sternen.

Peter Dubina war ein Leihbuch- und Heftautor der ersten Nachkriegsgeneration. Seine Bücher, Western, Krimis, Abenteuer- und Science Fiction Romane zeichnen sich durch gebrochene, zwiespältige und zerrissene Charaktere aus.

 

 

Editorische Notiz

Peter Dubina schrieb „Waffen für Beta Centauri“ ursprünglich für C.S.Dörner, einem Verlag der in Düsseldorf beheimatet war und zur Zeit dieser Erstveröffentlichung gerade in der Blüte der Leihbuchära mit einem immensen Ausstoß an Titeln vieler Genres war.

Die Leihbuchära hatte nach Kriegsende ihren Zenit erreicht und Peter Dubina war mit seinen Krimis, Western und SF-Romanen ein fleißiger Schreiber, der, wie damals durchaus üblich, unter Verlags- Reihen- und Sammelpseudonymen veröffentlichen konnte.

Dubina schrieb u.a. seine Science Ficition Romane in dieser Erstausgabe unter dem Sammelpseudonym Wayne Coover und nach dem Ende der Leihbuchära, deren Startauflage gemeinhin nicht die 3000er Marke überschritt, konnte er dieselben Titel noch einmal bei Pabels W.D.Rohr-Reihe platzieren, dort dann aber unter dem Pseudonym dieses Autors, der ebenfalls ein Vielschreiber der Leihbuchära war.

Von Dörner bis Pabel blieb der Romantitel erhalten und dieser Tradition schließen wir uns an.

 

Jörg Martin Munsonius

 

 

1

Der große, matt schimmernde Ball der Erde lag genau zwischen der langsam rotierenden Weltraumstation und dem glühenden Lichtquell der schimmernden, von einer riesenhaften Korona umgebenen Sonne. Die der Sonne abgewandte Erdseite wurde nur vom schwachen Mondlicht erhellt, das gerade noch genügte, um die Erde mit ihrer Atmosphäre aus der Dunkelheit des Universums hervortreten zu lassen. Das einzige, was deutlich erkennbar war, war der hellere Kreis der Lufthülle des Planeten, in dem sich die Sonnenstrahlen brachen, die von der anderen Seite her auftrafen.

Dicht neben dem Riesenrad der schwebenden Außenstation hing unbeweglich der gigantische Leib eines Raumschiffs im All. Das bleiche Mondlicht wurde auf der Stahlaußenhaut des Schiffes reflektiert, blinkte an den Seitenkanten der Steuerflossen und an der Bugspitze, sowie an den Seitenwänden der beiden, jetzt geschlossenen Gefechtsstände.

Tom Burnes stand mit verschränkten Armen hinter der großen, kaum wahrnehmbaren Sichtscheibe und nahm das Bild in sich auf. Ganz allmählich begann der Rumpf des Raumgiganten aus seinem Blickfeld zu verschwinden, da er sich ja nicht mit der Station drehte, und als er vollkommen verschwunden war, drehte sich auch Tom Burnes um und verließ den Beobachtungsraum mit hastigen Schritten.

Die Schottentür schloss sich hermetisch hinter seinem Rücken, und Tom Burnes schritt eilig durch den langen Gang, der sich durch eine der drei Speichen hinzog und gleichzeitig das Außenrad der Station mit der Mittelnabe verband.

Das Licht schimmerte jetzt nur noch gedämpft von den Wänden her. Tom Burnes verschwand in seiner Kabine und entfaltete dort eine fieberhafte Tätigkeit. Nachdem er die Tür abgeschlossen hatte, begann er mit geschickten Händen einen kleinen Apparat, dessen Einzelteile er aus allen möglichen Verstecken hervorbrachte, zusammenzubauen. Es handelte sich um ein kleines Kästchen, das er zusammenbaute und schließlich in der Tasche verschwinden ließ, die auf seinem rechten Hosenbein aufgenäht war.

Tom Burnes trug die übliche Uniform aller Männer, die auf der Außenstation ihren Dienst verrichteten.

Als er fertig war, öffnete er eine Schublade seines Spinds und entnahm ihr eine schwere Elektro-Pistole, die er unter einem Stoß von Wäsche versteckt hatte. Mit einem raschen Griff überzeugte er sich davon, dass Batterie und Magazin frisch gefüllt waren, dann versteckte er die Waffe unter seinem Overall, so dass er sie jederzeit schnell mit der rechten Hand erreichen konnte.

Eine Minute später öffnete er die Tür, die zum Gang hinausführte und warf einen vorsichtigen Blick hinaus. Draußen war niemand zu sehen. Die einzigen Menschen, die jetzt auf der Station wachten und an der Arbeit waren, befanden sich in der Nabe des Riesenrads in den Observatorien und den Funkzentralen.

Tom Burnes huschte auf den Gang hinaus und schloss die Tür sorgfältig hinter seinem Rücken, dann ging er auf Zehenspitzen den Gang entlang, lauschte kurz und blieb vor einer Tür stehen. Er überzeugte sich davon, dass sie abgeschlossen war, griff dann in die Tasche und holte das winzige Kästchen hervor.

Noch ein hastiger Blick in die Runde, dann drückte er das Kästchen gegen das Schloss der Tür und begann an einem roten Rad zu drehen, das aus einer Kante des Metallwürfels ragte. Er musste warten, bis der Schallwellenerzeuger auf Höchsttouren zu arbeiten begann, dann drückte er den Aktivator herunter, und er musste die Zähne zusammenbeißen, als der Schmerz, in seinen Händen einsetzte. Er lief von den Fingerspitzen herauf, die das Kästchen umklammerten und kam bis zu den Handgelenken. Tom Burnes wartete noch fünf Sekunden, dann ließ sein Daumen den Aktivator los, und der Schmerz verschwand so schnell, wie er gekommen war.

Tom Burnes drückte mit der Hand gegen die Tür, und sie öffnete sich lautlos in den gut geölten Angeln, schwang nach innen und gab den Blick in einen dunklen Raum frei. Burnes schlüpfte hinein und zog die Tür hinter sich zu.

Spätestens bei der nächsten Wachablösung würde man entdecken, dass die Tür nicht mehr geschlossen war, dann jedoch musste er bereits auf dem Flug zur Erde sein.

Er holte mit schnellem Griff eine winzige Stablampe hervor und suchte nach dem Lichtschalter. Er schaltete das Licht ein, stellte es nur auf halbe Kraft und ließ die Stablampe verschwinden. Dann erst blickte er sich um ...

An den Wänden des Raumes stapelten sich Kisten auf. Sie trugen den Stempel der terranischen Kontrolle. Es waren teilweise Holzkisten, teilweise Metallbehälter, und Burnes nahm eine der Holzkisten herunter, um sie zu öffnen.

Es war nicht schwer, den Deckel mit einem kräftigen Ruck abzubrechen. Burnes überzeugte sich davon, dass die Kisten wirklich nur Arbeitsgeräte enthielten, wie es auf dem Aufdruck zu lesen stand, dann schob er die Kiste mit dem Fuß beiseite und nahm einen der Metallbehälter herunter. Das Ding war verschraubt, und Burnes benötigte mehr als zehn Minuten, um die Muttern zu lösen, die Plomben abzureißen und den Deckel abzuheben.

Sprengstoff stand auf dem Deckel aufgedruckt. DANGER! Das Zeug hieß TANTALONIUM II und war für ALPHA CENTAURI bestimmt, wo eine kleine Kolonie von Menschen sich abmühte, eine Industrie auf einem der verdammten fremden Planeten zu schaffen.

Burnes durchsuchte den Inhalt der Stahlkassette. Sie enthielt Sprengstoff, und Tom Burnes fing nach kurzer Zeit wieder an, den Behälter zu schließen, weil es keinen Sinn hatte, seine Zeit hier zu vertrödeln.

Er blickte auf die Armbanduhr und stellte fest, dass er noch eine halbe Stunde Zeit hatte. Nicht mehr und nicht weniger, und für sein Vorhaben war das ziemlich wenig. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und sah sich um.

Er konnte nichts entdecken ...

Verzweifelt nahm er sich noch einmal den Holzbehälter vor, den er schon einmal geöffnet hatte. Es waren Maschinen, die man zur Minenarbeit benötigte. Die Kiste enthielt einen elektrischen Bohrer.

Der Bohrkopf war auseinandergenommen und einzeln verpackt worden, und Burnes öffnete sogar das dicke Ölpapier und untersuchte die einzelnen Stücke. Plötzlich fuhr er zusammen. Seine Finger glitten über den Bohrkopf, aus dem das Gewinde für den Hammer herausragte, und das Gewinde fiel unter seinen Fingern einfach ab. Die Stelle, wo es gesessen hatte, zeigte kein Loch, keine Führungsnute - nichts ...

Mit hastigen Griffen riss Burnes den Bohrkopf aus der Verpackung und befühlte ihn eingehend. Dabei stellte er fest, dass er unverhältnismäßig schwer war. Er schraubte den hinteren Teil ab, der zum Anschluss an die Maschine diente und schüttelte den Inhalt aus dem hohlen Metallgebilde.

Ein Bleigebilde fiel ihm in die Hand.

Es passte genau in das Innere des provisorischen Bohrkopfes hinein, als sei es dafür geschaffen worden. Burnes kauerte sich auf den Absätzen nieder und überlegte schnell. Der Umfang des Bohrkopfs war verdächtig. Er hatte die gleichen Maße wie ...

Sorgenvoll lauschte Burnes, aber nirgends war ein Geräusch zu vernehmen. Da holte er die Bohrmaschine heraus und versuchte, den Kopf aufzustecken. Es gelang ihm nicht. Der Kopf war mindestens um zwanzig Millimeter größer. Er rutschte haltlos hin und her, und Tom Burnes legte ihn wieder beiseite.

Ein kurzer Blick auf die Uhr bestätigte ihm, dass es an der Zeit war, zu verschwinden. Der Zeiger war schnell vorgerückt. Burnes legte den Bohrkopf neben sich und begann dann, die Maschine wieder einzupacken.

Das Geräusch klang in dem Moment auf, als er den Deckel aufsetzte und die Nägel wieder zurechtbiegen wollte. Burnes erstarrte mitten in der Bewegung. Ein langer, dünner Schatten fiel über ihn; die Lampe befand sich über der Tür, und folglich musste jemand zwischen ihm und der Tür stehen.

Tom Burnes sog die Luft ein und verhielt sich still. Dann, nach einigen langen, bangen Herzschlägen, begann seine Hand empor zu kriechen und sich auf den Kolben der Elektro-Pistole zuzubewegen.

„Lass das, Tom“, sagte eine ruhige Stimme hinter ihm. Tom Burnes war es, als würde er mit eiskaltem Wasser begossen. Er wirbelte herum. Sein Gesicht war verzerrt.

„Du?“, fragte er, halb erstaunt, halb entsetzt.

„Hast du es nicht erwartet?“

Burnes schüttelte den Kopf.

„Nein, ich - was soll die Pistole?“

„Ich fürchte, du hast mich nicht verstanden, mein Freund.“

Burnes duckte sich ein wenig zusammen und seine Muskeln spannten sich.

„Du willst doch nicht sagen, dass ...?“ Dann versagte seine Stimme.

„Wenn du es noch nicht bemerkt hast, Tom.“

„Das ist wohl ein schlechter Witz?“

„Es soll überhaupt kein Witz sein, Tom.“

„Aber, aber ... du weißt ja nicht, was ich hier tue ...“

„Doch, Tom. Du suchst nach einer gewissen Sache, und wie ich sehe, hast du mit deiner Suche Erfolg gehabt. Lege das Ding wieder in die Kiste. Los !“

Eine winkende Bewegung mit dem Lauf der Elektro-Pistole folgte, und Tom Burnes wusste, dass sein Leben an einem seidenen Faden hing. Er erschauerte, dann hob er jedoch den schweren Bohrkopf auf und verstaute ihn wieder in der Kiste.

„Was willst du jetzt tun?“

„Es hat wohl wenig Sinn, dass wir uns noch etwas erzählen, oder?“

„Nein, wohl kaum“, sagte Tom Burnes.

„Du weißt, dass du nicht weiterleben darfst.“

Tom Burnes nickte, bleich im Gesicht. „Du wirst es nicht fertigbringen, mich zu erschießen“, sagte er leise. „Du, das kannst du einfach nicht fertigbringen ...“

„Wer weiß“, war die halblaute Antwort.

„Ich weiß es“, sagte Burnes. „Nur eines möchte ich wissen. Wer bist du in Wirklichkeit?“

„Uninteressant. Hast du keine anderen Fragen mehr?“

„Doch, was wollt ihr eigentlich mit dem Zeug hier?“

„Du fragst zu viel... Das ist peinlich - und nicht nur für mich, Tom. Tut mir leid, dass du so neugierig warst.“

Der Lauf der Elektro-Pistole hob sich um einen Zentimeter und wies genau auf Burnes Brust, die sich unter dem Rhythmus der hastigen Atemzüge hob und senkte. Tom Burnes hob die Hände in Hüfthöhe, wobei er wie hypnotisiert auf die Mündung der ihm entgegen gestreckten Waffe starrte. Seine Gedanken sogen sich an der eigenen Waffe fest, die im Hosenbund unter dem Overall steckte. Die Pistole war seine einzige Rettung, fraglich war nur, ob er sie erreichen würde, ohne vorher erschossen zu werden. Es musste sehr schnell gehen, sonst war er verloren.

„Du willst mich also wirklich erschießen?“, fragte er mit gepresster Stimme, um Zeit zu gewinnen.

Ein Nicken war die Antwort.

„Ich hätte nie erwartet, dass du ...“

„Man macht manchmal einen Fehler“, wurde er unterbrochen. „Das ist wohl alles, Tom. Jeder begeht einmal eine Dummheit. Nur schade, dass deine erste gleichzeitig deine letzte sein wird.“

„Und wenn man mich hier findet?“, fragte Burnes. „Auf mich fällt doch kein Verdacht, nicht wahr?“

In diesem Moment fuhr Tom Burnes Hand nach oben. Es war eine jähe Bewegung, so schnell ausgeführt, dass man ihr nicht mit den Augen folgen konnte. Er erreichte mit den Fingerspitzen das glatte, kalte Metall des Kolbens, aber weiter kam er nicht mehr.

Er blickte plötzlich in die kleine, grünliche Flamme einer elektrischen Entladung, fühlte einen leichten Schlag gegen die linke Brustseite, gleich darauf kam die Flamme noch einmal und zum dritten Mal.

Tom Burnes versuchte, die Pistole zu ziehen, aber er bemerkte nicht einmal mehr, dass ihm die eigene Hand nicht mehr gehorchte, sie fiel herab, seine Züge wurden grau und schlaff, und ein merkwürdiger Schimmer trat in seine Augen. Sein Mund öffnete sich zu einem hohlen Seufzer, dann fiel er nach hinten, als hätte ihm jemand die Beine unter dem Leib weggeschlagen. Polternd fiel er zwischen die Kisten und blieb regungslos liegen.

Auf seiner Brust bildeten sich große, rote, dunkle Flecken von Blut, die sich allmählich über die ganze Brust des Overalls auszuweiten begannen. Ein Schatten neigte sich über ihn, zwei Augen blickten mitleidlos in sein bleiches Gesicht, dann verließen gedämpfte Schritte den Raum und die Tür fiel zu.

 

 

2

Mit einem wohligen Stöhnen wälzte sich Jerry Burnes auf den Bauch und vergrub das Gesicht in der weichen, weißen Fülle seines Kissens. Es tat wohl, die Augen verschließen zu können vor der grellen Fülle der Sonnenstrahlen, die durch das weit geöffnete Fenster hereinfielen. Die Luft war frisch und roch nach Blüten und frischem Gras.

Jerry versuchte vergeblich, dem Dröhnen in seinem Kopf Einhalt zu gebieten, dann setzte er sich schließlich mit einem Ruck auf, weil er, als er nach seinem Bettzipfel tastete, eine Hand berührt hatte. So setzte er sich auf und blickte aus geschwollenen Augen auf das Mädchen, das schlafend neben ihm lag und dessen hübsches, braunes Gesicht von einer blonden Haarfülle umrahmt war.

Jerry fuhr sich verzweifelt mit allen zehn Fingern durch die kurzgeschorenen Haare und überlegte ernsthaft, ob er bereits an Halluzinationen zu leiden begann. Es war keine angenehme Sache, nach einem so ausgedehnten Abend aufzuwachen und dann nachdenken zu müssen.

Aber schließlich ... woher kam das Mädchen?

Er tastete neben seinem Bett über den Boden, erwischte den Hals einer offenen Flasche und holte sie herauf. Das Etikett tanzte vor seinen Augen hin und her, und er nahm einen Schluck. Es war ein furchtbarer Saft, und wenn er am vorigen Abend von diesem Zeug getrunken hatte, dann war ihm klar, woher der entsetzliche Brummschädel stammte.

Er spuckte das Zeug ungeniert aus. Dann drehte er sich auf die andere Seite und begann das Mädchen am Arm hin und her zu schütteln. Aber sie wachte nicht auf, sondern gab nur merkwürdige Laute von sich.

„Egal“, kommentierte Jerry und stand auf.

Die Wände des Zimmers führten einen abenteuerlichen Reigen auf, und Jerry haschte nach einem Sessel, um sich daran halten zu können. Er schluckte heftig und wankte dann ins Badezimmer.

Das kalte, fast eisige Wasser tat ihm gut, und nachdem er sich ausgiebig geduscht hatte, konnte er schon fast wieder denken. Er zog sich einen Morgenmantel an und ging in die kleine Küche, wo er Wasser für einen starken Kaffee auf setzte. Nachdem er alles vorbereitet hatte, ging er in das Schlafzimmer zurück und betrachtete das Mädchen, das die Decke zurückgeschoben hatte und lang ausgestreckt, mit dem Gesicht zum Fenster dalag.

Zu einer anderen Stunde hätte Jerry ein gewisses Interesse bekundet, aber jetzt war ihm alles so ziemlich egal. Er begann, sie zu schütteln, wobei er selbst Halt an der Wand suchen musste, und nach einer Weile erwachte sie wirklich. Sie hatte noch ganz kleine, verschlafene Augen und zwinkerte, um etwas besser sehen zu können. Dann schien sie ihren äußerlichen Zustand zu erkennen und zog mit einem erschreckten Ausruf die Decke bis zum Hals hoch.

„Na, komm“, sagte Jerry missmutig. „Komm, Mädchen, stell dich nicht so an.“

„Was ist denn los?“, fragte sie. „Wie komme ich überhaupt hierher?“

„Das möchte ich ja gerade von dir wissen“, sagte Jerry.

„Ach ja“, sagte sie im Ton des sich Erinnerns. „Sie sind der Mann - ich meine, du bist der Mann ...“ Sie stockte und kicherte vor sich hin. „Ich meine, du bist der Mann, der mich unbedingt gestern Abend heiraten wollte.“

„Bitte?“, fragte Jerry begriffsstutzig. „Wer wollte wen ...?“

„Du wolltest mich heiraten.“

„So, oh Mann, oh Mann, muss ich einen ... na ja, egal.“

„Du bist doch ein Gentleman, oder?“, fragte sie mit lockendem Augenaufschlag.

„Muss ich deswegen Selbstmord begehen?“, fragte Jerry müde.

„Das ist aber kein Kompliment“, sagte sie und verzog schmollend den Mund.

„Ich hatte gar nicht die Absicht, dir ein Kompliment zu machen.“

„Du bist also kein Gentleman?“

„Keine Spur“, wehrte Jerry ab. „Komm Mädchen, wir wollen uns nicht lange herumstreiten. Geh ins Badezimmer und mache dich etwas zurecht. Dann komm in die Küche, wir trinken Kaffee, und dann gehst du schön brav nach Hause. Weißt du, Onkel Jerry kann hier keine kleinen Mädchen gebrauchen, mein Schatz.“

„Aber du hast versprochen, mich zu heiraten“, beharrte sie. Es war augenscheinlich, dass sie sich vorgenommen hatte, die Situation auszunützen. Jerry hielt sich mit einer Hand seinen brummenden Schädel, während er mit der anderen in der Tasche seines Morgenrocks nach einer Schachtel Aspirin suchte. Er fand sie auch und schluckte zwei der kleinen, weißen Tabletten, ehe er antwortete.

„Reden wir nicht mehr darüber. Wenn du einen Esel suchst, dann hast du heute Nacht im falschen Stall geschlafen. Nun mach schon und steh auf! Ich gehe inzwischen den Kaffee aufbrühen.“

Sie erhob sich gehorsam. Immerhin konnte sie es sich nicht verkneifen, den Morgenrock, den er ihr hingelegt hatte, vor seinen Augen anzuziehen, nachdem sie das Hemdchen abgelegt hatte

Jerry grinste bitter.

„Du vergeudest meine Zeit und deine Energie“, sagte er. „Nun geh schon!“

Während sie unter der Dusche stand, holte Jerry das hervor, was er sozusagen als eiserne Ration im Hause hatte. Da er selten zu Hause aß, waren es nur Konserven. Er baute das Ganze auf dem Tisch auf, schluckte noch zwei Aspirintabletten und fühlte sich danach etwas besser.

Dann hörte der Lärm im Badezimmer auf und das Mädchen kam in die Küche. Sie hatte ihr Kleid angezogen und Jerry erinnerte sich daran, dass er es schon einmal gesehen hatte. Es war ein rotes Kleid mit einem feinen weißen Muster und einem riesengroßen Dekolleté. Enganliegend, wie es war, verbarg es nichts von den Reizen ihres Körpers, und Jerry goss sich, ganz in Betrachtungen versunken, den heißen Kaffee über die Finger.

Dann saßen sie sich gegenüber und aßen. Jerry grinste verlegen, wenn sie ihn betrachtete.

„Wie heißt du eigentlich, Mädchen?“

„Jill. Ich heiße Jill, und wie heißt du?“

„Mein Name ist Jerry“, sagte er und goss sich noch eine Tasse von der duftenden, schwarzen Flüssigkeit ein. „Eigentlich hätten wir uns schon gestern vorstellen können. Wie bist du eigentlich in meine Wohnung gekommen?“

„Das weißt du nicht mehr?“, fragte sie.

„Nein“, brummte er.

„Du hast mich schon ziemlich angeheitert im Klub getroffen, und dann wolltest du unbedingt, ich sollte mit dir nach Hause gehen. Ich hatte nichts anderes vor und deshalb bin ich mitgegangen.“

„Na ja“, knurrte Jerry. „Wenn du nichts anderes vorgehabt hast.“

Sie hielt mitten im Streichen eines Brötchens inne und sah ihn unter den unverhältnismäßig langen Wimpern an.

„Warum hast du dir kein anständiges Mädchen genommen?“, fragte sie. „Du könntest doch jede bekommen. Warum bist du gerade auf mich gestoßen? Ach ja, ich vergaß, dass du nicht nüchtern warst ...“

Sie fuhr fort, die Butter auf das Brötchen zu streichen, und Jerry sah ihr missmutig dabei zu.

„Unsinn“, sagte er. „Vollkommener Blödsinn. Erstens sind die sogenannten anständigen Mädchen viel zu prüde, und zweitens bin ich einfach zu bequem, mir eine auszusuchen und ihr wochenlang den Hof zu machen.“

„Was bist du eigentlich von Beruf?“, fragte sie interessiert.

„Ist doch egal, nicht?“, sagte er. „Ist vollkommen egal. Aber ich weiß niemals, ob ich am nächsten Tag noch lebe. Verstehst du das?“

„Nein“, sagte sie.

„Ist ja wirklich gleichgültig. Ich kann es mir aber nicht leisten, mein Leben mit konventionellen Regeln zu vergeuden. Was ich auch immer sein mag, ich hasse diese gepflegten Tratschtanten, die nichts anderes zu tun haben, als den ganzen Tag mit irgendwelchen Geschichten zu verbringen.“

„Und deshalb gibst du dich mit Mädchen wie mir ab?“

Er öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber im gleichen Moment schrillte das Telefon. Es war ein Apparat, der mit einem Visiphon gekoppelt war, und nachdem Jerry den Hörer abgehoben hatte, erhellte sich auch die quadratische Bildscheibe, und ein Gesicht wurde sichtbar.

„Guten Morgen, Sir“, sagte Jerry halblaut.

„Guten Morgen, Burnes“, sagte Oberst Cunningham,. „Ich muss Sie sehr dringend sprechen.“

„Sicher, einen Moment, Sir ...“

Jerry schloss die Schiebetür zwischen dem Gang und seinem Arbeitszimmer, weil er gesehen hatte, dass Jill neugierig herüber lauschte. Dann kehrte er zum Visiphon zurück und nahm den Hörer wieder auf.

„Was gibt es, Sir?“

„Es ist etwas geschehen, Burnes.“

„Das kann ich mir denken, Sir. Worum handelt es sich?“

„Um Ihren Bruder, Burnes.“

Jerry hatte einen Moment das Gefühl, sein Rückgrat könnte sich in einen Eiszapfen verwandeln. Sein Gesicht verzog sich zu einer Maske.

„Was ist mit Tom, Sir?“

„Es tut mir leid, dass ich es Ihnen mitteilen muss“, sagte Cunningham. Man sah ihm an, dass er sich nicht wohl fühlte in seiner Haut. „Es tut mir wirklich leid für Sie, aber Ihr Bruder ...“

„Was ist mit Tom?“, presste Jerry zwischen den Zähnen hervor. Sein Gesicht war bleich wie eine Wand, denn er wusste, was im nächsten Moment durch die Leitung kommen würde.

„Ihr Bruder - ist tot, Burnes!“

Jerry knirschte mit den Zähnen, dass seine Backenmuskeln dick hervorsprangen. Sein Gesicht wurde, wenn überhaupt möglich, noch bleicher und verzerrte sich fast bis zur Unkenntlichkeit. Sein Atem ging keuchend, und er benötigte mehrere Sekunden, ehe er überhaupt einen Ton herausbringen konnte.

„Oberst, das ist nicht wahr!“

„Glauben Sie, ich würde mit so etwas scherzen, Burnes?“

Jerry fühlte, wie etwas in seinem Innern zerbrach. Plötzlich war das Licht der Frühsonne, die durch das Fenster herein strahlte, ohne jedes Leuchten. Er schluckte trocken und schaltete ab, obwohl er wusste, dass das Gespräch noch nicht beendet war. Mit einer matten Bewegung hängte er den Hörer in die Gabel über dem Visiphon zurück und lehnte sich schwer atmend und mit geschlossenen Augen gegen die Wand.

Tom war tot! Es hämmerte in seinem Gehirn.

Mit langsamen Schritten ging er zur Tür, öffnete sie und trat hinaus. Jill saß noch immer am Tisch und sah ihm entgegen, als er aus dem Arbeitszimmer kam. Ihr Gesicht war ein einziges Fragezeichen, jedoch Jerry reagierte nicht darauf.

Er nahm den leichten Mantel des Mädchens von der Garderobe und warf ihn ihr in den Schoß.

„Geh“, sagte er hart. „Geh und lass mich allein.“

„Was ist denn ...?“

„Geh jetzt“, presste er hervor. „Los ...“

Er nahm sie einfach am Arm und schob sie aus der Tür hinaus, die er hinter ihrem Rücken hart ins Schloss fallen ließ. Dann lehnte er sich wieder gegen die Wand, schloss die Augen und verkrampfte die Hände ineinander, dass die Nägel ins Fleisch eindrangen.

Minutenlang stand er so, rang um seine Fassung und versuchte, das zu verstehen, was geschehen war. Tom war tot. Eine Tatsache, mit der man sich abzufinden hatte. Der Tod eines Menschen hatte ihn noch nie sonderlich erschreckt. Er hatte in seinem Beruf viel zu viele Tote gesehen, um vor dem bleichen Gespenst noch Furcht zu empfinden. Nur jetzt war es anders! Alles in seinem Innern wehrte sich gegen den Gedanken, dass das Leben des Bruders ausgelöscht war.

Er ging in sein Arbeitszimmer zurück, entnahm einer Schublade ein Fotoalbum und schlug es hastig auf. Toms Gesicht, das Antlitz des Bruders, war das erste, das ihm entgegen lächelte. Klatschend schlug er das Album zu.

Einen Moment noch rang er um einen Entschluss, rannte dann hinaus und riss die Kleider vom Haken. Mit fliegenden Fingern zog er sich an, stülpte den Hut über den Kopf und riss den Mantel vom Wandhaken, dann rannte er hinaus aus der Wohnung, ließ sich vom Lift hinunterbringen und eilte auf die Straße. Wie eine gigantische, akustische Welle schlug der Verkehrslärm betäubend über ihm zusammen, aber Jerry hatte jetzt kein Ohr für ihn. Er winkte ein Anti-G-Taxi herbei, das gerade an ihm vorbei schweben wollte, schwang sich auf den Rücksitz und gab dem Chauffeur die Adresse an.

Während der Wagen seine Geschwindigkeit erhöhte und die Straße entlangglitt, saß Jerry zusammengekauert, als würde er unter starker Kälte leiden, in den weichen, schmiegsamen Polstern und starrte vor sich hin, auf den breiten Rücken des Fahrers, auf den Schimmer, der über den Falten seines uniformähnlichen Rockes lag.